Die unfreiwilligen Reisen des Putti Eichelbaum (Steidl Pocket)

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Vor dem Gefängnistor wartete Willy Karol auf sie in einem Taxi, dessen Zähler bereits eine stattliche Summe anzeigte. Karol kam ihnen rasch entgegen und umarmte sie. Er sah müde aus.
»War es sehr schwierig …?«, fragte Curt seinen Freund.
»Schwierig war es nur, einen der hohen Herren zu finden«, sagte Karol und gähnte. »Ich habe die Nacht mit der Inspektion aller Night Clubs und geheimen Lasterhöhlen von Rom verbracht. Falls die Sittenpolizei einen Experten braucht: Ich wäre jetzt der richtige Mann! Erst gegen fünf Uhr früh wurde ich fündig – dann war es eine Kleinigkeit, eure Freilassung zu erwirken. Erheblich langwieriger war es, anschließend den Instanzenweg zu durchlaufen – bis zu dem Beamten, der das Tor auch tatsächlich aufschließen kann … Jedenfalls habt ihr nun nichts mehr zu befürchten. Nehmt es als ein betrübliches Versehen – es wird sich nicht wiederholen! Und der zuständige Parteifunktionär, der euch im Auge behalten muss, bis Hitler wieder abgereist ist, wird euch keine Schwierigkeiten machen …«
»Auch das noch! Ein Aufpasser!« Curt war ganz deprimiert. »Und wieso bist du sicher, dass er uns …«
»Reg dich nicht auf, Curt«, fiel ihm Karol ins Wort, »der zuständige Funktionär heißt Peppino und ist euer Hausmeister …«
Putti lachte, auch sein Vater beruhigte sich nun wieder.
Als sie vor ihrem Haus hielten, riss ihnen der Taxifahrer die Tür auf, zog die Mütze und verbeugte sich tief. Er hatte Karol schon die ganze Nacht hindurch herumgefahren und mehr eingenommen als sonst in einem Monat.
»Wir drehen einen Film über den historischen Besuch des ›Führers‹ in Rom«, sagte Karol und gab dem Fahrer noch ein nobles Trinkgeld. »Diese ebenfalls historische Taxiquittung gehört natürlich zu den Vorkosten, die wir dem Goebbels-Ministerium in Rechnung stellen …«
»Buon giorno, Signore dottore, benvenuto Signorino Riccardo! Welch ein Glück, dass Sie wieder zu Hause sind!« Peppino, freudig bewegt, öffnete schon die Aufzugstür für sie. »Mi scusi, per favore! Mi dispiace molto, Signore dottore!«, versicherte er ihnen. »Non se l’abbia a male, prego!«
Aber obwohl nun äußerlich der Alltag wieder einkehrte, sollte es noch etliche Wochen dauern, ehe sich Eichelbaums von dem Schrecken erholten.
Dann, Ende Juli 1938, als sich schon die Sommerhitze über Rom gelegt hatte und alle Aktivitäten erlahmten, gab es eine neue Überraschung, doch diesmal eine erfreuliche: Eine amerikanische Filmgesellschaft von internationalem Rang bot Dr. Eichelbaum, dessen Ruf als hervorragender, branchenerfahrener Jurist inzwischen auch die Chefetagen von Hollywood erreicht hatte, einen langfristigen, gutdotierten Vertrag an; er sollte künftig allein ihre umfangreichen Interessen in Italien vertreten!
»Wir haben es geschafft!«, erklärte Puttis Vater strahlend, als er von den Verhandlungen nach Hause kam.
»Bleiben wir in Rom?«, wollten Frau und Sohn wissen.
»Auf alle Fälle! Ich werde nur ab und zu nach Mailand oder Venedig reisen müssen – das nächste Mal in vier Wochen zur Unterzeichnung der Verträge. Und bis dahin – so habe ich mir gedacht – machen wir endlich mal wieder Urlaub und erholen uns ein bisschen! Wir könnten zum Beispiel nach Como fahren und Erbslöhs besuchen. Was haltet ihr davon?«
Lottchen und auch Putti stimmten begeistert zu.
September 1938. Münchner Abkommen zwischen Deutschland, Italien, Frankreich und England spricht Deutschland die West-CSR (Sudetenland) zu; Hitler verspricht feierlich, dass damit seine territorialen Ansprüche befriedigt sind.
9. November 1938. »Reichskristallnacht« genannte größte Judenverfolgung der Neuzeit. Zerstörung nahezu aller Synagogen, jüdischen Wohnungen und Geschäfte, umfangreiche Plünderungen, zahlreiche Tote und Verletzte sind die Folge. Den deutschen Juden wird die Bezahlung des Schadens auferlegt; 35.000 kommen als Geiseln in KZs.
März 1939. Deutsche Truppen marschieren in die »Rest«-Tschechoslowakei ein, die zum »Protektorat Böhmen und Mähren« erklärt wird, und besetzen auch das litauische Memelgebiet.
7. April 1939. Italien überfällt Albanien und besetzt das Land.
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