Pine Ridge statt Pina Colada

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Sannah füllte gerade die Tränken, als ein Wagen der Tribal Police auf den Hof fuhr. Ihr Magen krampfte sich zusammen. ‚Hoffentlich ist nichts passiert‘, dachte sie entsetzt. Der Officer, der ausstieg, warf seine Mütze ins Auto und fuhr sich durch sein kurzes schwarzes Haar. Als er sie entdeckte, strahlte er und kam auf sie zu. Sannah entspannte sich. So sah niemand aus, der schlechte Nachrichten brachte. Er hatte ein freundliches Gesicht und stemmte beim Laufen die Hände in die Hüften. Sein Gang erinnerte sie an John Wayne. Ein Bauchansatz wölbte sich über den Bund seiner Uniformhose, ansonsten hatte er in etwa die gleiche Statur wie Josh.
„Hau, ich bin Sam, ein Freund von Josh“, stelle er sich vor.
Sie ergriff seine Hand. „Han, ich bin Sannah. Josh ist nicht da, und ich weiß leider auch nicht, wann er wiederkommt. Kann ich etwas ausrichten?“
Sam strahlte sie fröhlich an. „Eigentlich wollte ich nur mal auf einen Kaffee vorbeischauen und Hallo sagen.“
Sannah lächelte. „Kaffee ist kein Problem. Ich bin hier fertig, muss nur schnell die Kaffeemaschine anwerfen.“ Sie drehte das Wasser ab und räumte den Schlauch weg.
Sam fischte eine Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche seines Hemdes und zündete sich eine an. Während Sannah in die Küche ging um Kaffee aufzusetzen, wartete er auf der Veranda und schmunzelte vor sich hin. Der Moccasin Telegraph hatte nicht übertrieben. Sie war schön, höflich, freundlich und arbeitete offensichtlich hier. Sam war gekommen, um ein paar Einzelheiten zu erfahren. Sannah kam aus der Küche und stellte Tassen und einen Teller mit frischem Kuchen auf den Tisch. Sam bekam große Augen. „Wow!“, staunte er. „Kuchen hab ich hier noch nie bekommen.“
„Ich auch nicht. Milch und Zucker?“, bot sie an.
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Schwarz wie meine Seele.“
„Schwarz ist er jedenfalls“, stellte sie fest.
„Wo treibt sich der Halunke denn herum?“, wollte Sam wissen und pustete in seine Tasse.
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung“, antwortete sie ratlos.
Kaum stand etwas Essbares auf dem Tisch, fuhr Josh wie bestellt auf den Hof. Er bemerkte erstaunt, dass die Pferde an der Tränke standen und die Stammespolizei da war. Breit lächelnd griff er nach einem Aktenordner und stieg aus dem Auto. Sannah starrte ihn sprachlos an. Er trug ein weißes Oberhemd, eine schwarze Jeans und einen geflochtenen Zopf. Sie hatte ihn bislang nur in Arbeitsklamotten gesehen und war gar nicht auf die Idee gekommen, dass er sich auch in Schale schmeißen konnte. In diesem Aufzug sah er noch beeindruckender aus. ‚Er hat eine Freundin‘, schoss es ihr durch den Kopf. Wäre aber auch sehr verwunderlich gewesen, wenn ein Mann wie Josh frei herumlief.
„Hau, Kola!“, begrüßte er Sam. „Hat Sannah dich gerufen, oder ist dir der Kaffee ausgegangen?“, fragte er lachend und brachte den Aktenordner ins Haus. Mit einer Tasse kam er wieder heraus und setzte sich neben Sannah. Er sah sie an und grinste frech. „Kaum bin ich einen halben Tag weg, steht der Knüppelträger auf dem Hof und bekommt Kaffee und Kuchen. Sollte mir das zu denken geben?“, frotzelte er gutgelaunt.
Sam fühlte sich irgendwie erwischt. „Ich kam zufällig vorbei und wollte mal sehen, wie es dir geht“, erklärte er mit Unschuldsmiene und trat die Zigarette aus.
Sannah machte sich über den Kuchen her und schlürfte genüsslich ihren Kaffee. Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie war. Die beiden Männer griffen auch zu, und für einen Moment herrschte gefräßiges Schweigen.
Josh spülte den Kuchen mit einem Schluck Kaffee hinunter. „Nun mal ehrlich, Sam, du fährst doch nicht den ganzen Weg zu mir raus, weil mein Kaffee so gut ist“, bohrte er weiter.
„Deiner nicht, aber ihrer!“, frotzelte Sam zurück.
Sannah dachte an den „Bodensehkaffee“ vom Morgen und kicherte. Dafür erntete sie ein schiefes Grinsen von Josh.
„Mir sind da ein paar Gerüchte zu Ohren gekommen, und nun wollte ich mal sehen, was an diesen Gerüchten so dran ist“, erklärte Sam weiter.
Josh verdrehte theatralisch die Augen. „Was würden wir alle nur ohne Moccasin Telegraph machen?“, stöhnte er genervt. „Ich sehe schon die Schlagzeilen in der Zeitung. Frauenraub am Wounded Knee Creek!“, proklamierte er mit großer Geste.
Sannah konnte sich kaum noch halten vor Lachen, wogegen Sam sein dienstliches Gesicht aufsetzte. „Frauenraub?“, fragte er ungläubig.
„Klar!“, erwiderte Josh hämisch. „Ich habe die alte Tradition unserer Vorfahren wiederbelebt und sie drüben, in Cheyenne River, aufs Pferd gezerrt. Jetzt muss sie hier arbeiten und meine Jeans flicken.“
Sam schüttelte lachend den Kopf und sah Sannah an. „Wie lautet denn deine Version?“
Sie lachte immer noch und rang mühsam nach Luft. „Ich bin der letzte Mohikaner und arbeite hier als Tellerwäscher.“ Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und griff nach einem weiteren Stück Kuchen.
Jetzt fing Josh schallend an zu lachen und drohte von der Bank zu rutschen. „Ich dachte, der ist von der Klippe gefallen? Fast so wie er hier.“ Sam deutete höhnisch mit den Lippen auf Josh. Wieder dieses Duckface.
Sannah winkte ab. „Hollywood“, sagte sie verächtlich und kicherte weiter vor sich hin.
Josh rappelte sich mühsam wieder hoch und nahm sich das letzte Stück Kuchen. „Der Kuchen ist gut, aber hattest du gestern nicht was von Pizza gesagt?“, fragte er mit einem anzüglichen Blick.
„Die gibt es nachher“, meinte sie knapp und stand auf, um Nachschub zu holen.
Josh machte keine Anstalten, ihr Platz zu machen, und grinste sie frech an. Sie kletterte umständlich über seine Beine. Sam beobachtete diese kleine Szene amüsiert. Sannah verschwand mit dem Kuchenteller um die Ecke.
„Sannah kommt aus Deutschland und ist Fotografin“, versuchte es Josh jetzt mit der Wahrheit.
Sam warf seinem Freund einen strafenden Blick zu. „Klar! Sieht man auf den ersten Blick. Und wir sind Schweden“, spottete er mit einem ironischen Grinsen.
Sannah kam mit Kaffee- und Kuchennachschub zurück und stellte den Teller demonstrativ auf Sams Seite des Tisches. Zur Strafe für diesen Verrat ließ Josh sie wieder über seine Beine klettern und amüsierte sich köstlich.
„Ich bin keine Fotografin“, korrigierte sie ihn. „Ich bin Unfallchirurgin.“
Josh sah sie erstaunt an. Im Gegensatz zu Sam glaubte er ihr.
„Das wird ja immer exotischer!“, rief Sam mit gespielter Entrüstung.
Mit Sannahs Fassung war es endgültig vorbei. Sie saß hier, mitten in der Valla Pampa eines Reservates, umringt von Taranteln und Giftschlangen, bei Kaffee und Kuchen mit zwei Lakota, und die fanden eine langweilige Touristin aus Deutschland exotisch. Das war für sie so paradox, dass sie Tränen lachte. Josh begriff, warum sie lachte, und konnte nun auch nicht mehr an sich halten.
Sam gab auf. Aus den beiden würde er heute kein vernünftiges Wort mehr herausbringen. Er beobachtete amüsiert die Szene, die sich ihm bot und freute sich ehrlich für Josh. Er hatte seinen Freund schon lange nicht mehr lachen sehen.
Josh beruhigte sich langsam. „Jetzt erzähl doch mal, was der Moccasin Telegraph denn für Gerüchte verbreitet“, forderte er Sam auf.
Auch Sannah wartete gespannt. Das konnte ja was werden!
Sam verdrückte genüsslich noch ein Stück Kuchen und ließ die beiden schmoren.
Als er fertig war, lehnte er sich zurück und sammelte die Fakten, als würde er in einem Fall ermitteln. „Mehrere Zeugen berichteten übereinstimmend, dass du kürzlich mit einer jungen Frau im Supermarkt aufgetaucht bist. Allein diese Tatsache erregte schon großes Aufsehen. Laut Aussagen der Zeugen trug sie eine schmutzige Jeans, genau wie du, und hatte Pferdemist an den Stiefeln.“ Sam zündete sich eine weitere Zigarette an und nahm einen tiefen Zug, bevor er weiter erzählte. „Daraus schloss man, dass sie bei dir arbeitet. Ihr habt besprochen, was sie kochen soll, und hattet einen kleinen Streit über Tee zum Frühstück. Sie sorgt dafür, dass du Obst isst, und du packst ihre Einkäufe ein. Also lebt ihr zusammen. Aber noch nicht lange, da ihr getrennt bezahlt. Sie ist eine Lakota, dem Akzent nach aber nicht aus Pine Ridge. Ein Baby ist noch nicht unterwegs“, beendete Sam seine Ausführungen. „Für mich klingt das alles wesentlich glaubhafter als die Märchen, die ihr mir auftischt.“
Josh köchelte auf kleiner Flamme vor sich hin, und Sannah kicherte. Wenn die Hersteller von Tampons wüssten, welche Signalwirkung der Erwerb ihrer Produkte hatte, würden sie ihre Werbestrategie ändern.
Sam versuchte ein letztes Mal sein Glück. „Welche von diesen ganzen Geschichten stimmt denn nun?“
„Ich bin nicht schwanger“, bestätigte sie trocken.
Josh prustete in seinen Kaffee und wechselte hastig das Thema.
„Was ist jetzt mit der versprochenen Pizza? Ich habe Hunger“, quengelte er in Sannahs Richtung.
„Nach den Bergen von Kuchen?“, fragte sie entsetzt.
„Ich hatte heute morgen nur Cornflakes und seitdem nichts mehr“, stellte er nach Mitleid heischend fest.
‚Ah! Doch keine Freundin‘, dachte Sannah. Erstens fuhr Mann da abends hin und kam morgens wieder zurück. Nicht umgekehrt. Und zweitens hätte sie ihn nach geleisteten Diensten doch zumindest abgefüttert. Sie stand auf und blieb vor seinen ausgestreckten Beinen stehen. „Nur, wenn du mich diesmal durch lässt“, forderte sie.
„Wie heißt das Zauberwort?“, fragte Josh fordernd und erwartete ein „Bitte“, doch seine Erziehungsmethoden fielen bei Sannah nicht auf fruchtbaren Boden.
„Inajin ye!“ – Steh auf, scheuchte sie ihn resolut.
Beide Männer lachten, und Josh nahm seine Beine aus dem Weg.
„Isst du mit?“, fragte er Sam.
Der winkte ab. „Nein, danke! Hailey wartet bestimmt schon mit dem Essen auf mich. Kommt ihr am Sonntag zum Football?“
Sannah überließ Josh die Antwort und ging in die Küche.
„Ist das wieder diese unsportliche und schmerzhafte Fehde zwischen euch Knüppelträgern und den Jungs von der Feuerwehr?“, fragte Josh nach.
Sam nickte. „Gib dir einen Ruck und komm endlich aus deinem Schneckenhaus raus“, meinte Sam mit besorgtem Unterton. „Außerdem hat Stonefeather einen Büffel spendiert.“
„Na, wenn das so ist“, seufzte Josh. „Dann muss ich wohl.“
„Nimm Sannah mit, sonst kriegst du Ärger mit Hailey. Danke für den Kuchen“, rief Sam zu ihr hinüber und ging zu seinem Auto. Sannah winkte fröhlich durch die offene Küchentür.
In der Zentrale angekommen, tauschte Sam den Dienstwagen gegen sein eigenes Auto und fuhr nach Hause. Auf der Fahrt grübelte er über Josh nach. Er hatte seinen besten Freund schon lange nicht mehr so entspannt und gut gelaunt erlebt. Wer oder was Sannah auch immer sein mochte, ihre Gesellschaft tat ihm gut. Er war mit Josh aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie hatten sich gegenseitig geholfen und beigestanden, wenn es schwierig wurde. Sam war regelmäßig zu Josh und dessen Vater geflüchtet, wenn sein eigener Dad betrunken zu Hause randaliert und um sich geschlagen hatte. Eine Kindheit auf Pine Ridge war hart und mitunter auch gefährlich. Besonders freitags, wenn die Sozialhilfe-Schecks für Alkohol eingelöst wurden. Bei den White Clouds hatte er sich immer sicher und willkommen gefühlt. Joshs Vater Joseph hatte keinen Alkohol geduldet. Er vermittelte den Jungen die alten Werte ihres Volkes, die sieben Tugenden der Lakota: Mitleid, Geduld, Weisheit, Tapferkeit, Bescheidenheit, Großzügigkeit und Respekt. Aber Joseph lehrte sie nicht nur die alten Traditionen, sondern sorgte auch dafür, dass sie in der modernen Welt bestehen konnten. Beide Jungen machten ihren Highschool-Abschluss, was bei den jungen Männern im Reservat eher selten vorkam. Sam fing danach bei der Tribal Police an, Josh ging nach Aberdeen auf die Universität. Als er nach vier Jahren zurückkam, hatte er ein Mädchen im Schlepptau. Sam hatte Chloe nie gemocht, er hielt sie für eine falsche Schlange und er sollte recht behalten. Aber Josh war völlig vernarrt in sie gewesen. Sie versuchte, einen Keil zwischen die Männer zu treiben, und wollte mit der Gemeinschaft im Reservat nichts zu tun haben. Josh zog sich immer mehr zurück, ging nicht mehr auf Powwows, obwohl er das immer geliebt hatte und einer der besten H‘oká witscháscha – Sänger an der Trommel, war. Chloe hasste die Pferde und das Leben im Reservat. Sie träumte von einer schicken Wohnung in der Stadt. Als der alte Joseph starb, drängte sie Josh, die Ranch zu verkaufen, doch zum ersten Mal weigerte er sich. Als sie ihren Willen nicht bekam, war es mit dem Frieden auf der Ranch endgültig vorbei.
Sam fuhr auf die Einfahrt zu seinem Haus und parkte. Seine Frau Hailey wartete schon und begrüßte ihn an der Tür mit einem Kuss.
„Du bist spät, gab es Ärger?“
Sam legte ihr den Arm um die Taille und schüttelte den Kopf. „Nicht mehr als sonst, ich war nach Feierabend noch bei Josh.“ Hailey stellte das Abendessen auf den Tisch und setzte sich mit gespanntem Gesichtsausdruck.
„Stimmt es, was erzählt wird? Hat er endlich eine neue Freundin?“, fragte sie neugierig.
Sam begann zu essen und antwortete: „Es stimmt, dass eine junge Frau auf der Ranch arbeitet, aber ob sie seine Freundin ist, kann ich dir beim besten Willen nicht sagen. Aus den beiden war nichts rauszukriegen.“
„O nein!“, rief Hailey entsetzt. „Bitte nicht schon wieder so eine Hexe! Das hat Josh nicht verdient!“
„Ist sie nicht“, versicherte Sam. „Im Gegenteil, sie versorgte die Pferde, als ich kam, es gab Kaffee und selbstgebackenen Kuchen.“
Hailey machte große Augen. „Bei Chloe hättest du nicht mal ein Glas Wasser bekommen“, stellte sie bissig fest.
Sam gluckste. „Stimmt, aber vielleicht ein bisschen Rattengift.“
„Erzähl weiter!“, forderte sie ihren Mann auf.
„Sannah war mir sofort sympathisch. Sie hat Humor und bringt Josh zum Lachen.“
„Aber warum haben sie dir dann nicht erzählt, wer sie ist?“, fragte Hailey irritiert.
Sam grinste. „Die beiden haben mir nur Blödsinn aufgetischt – vom traditionellen Frauenraub über den letzten Mohikaner bis zur Chirurgin aus Deutschland. Fehlte nur die weiße Büffelkalb-Frau. Josh ist vor Lachen fast von seiner Holzbank gerutscht. So hab ich ihn seit Jahren nicht mehr erlebt.“
„Klingt aber, als wären sich die beiden einig“, stellte Hailey zufrieden fest.
„Vielleicht erfahren wir am Sonntag mehr, ich habe sie zum Football eingeladen“, meinte er.
„Sehr gut, ich hatte schon befürchtet, ich müsste mir das Spiel ansehen“, stichelte sie gutmütig.
Sam grinste schief und widmete sich seinem Abendessen.
Auf der Ranch schob Josh seinen Teller beiseite und hielt sich stöhnend den Bauch. Die Pizza war wirklich ein bisschen zu viel gewesen. Er lächelte Sannah an. „Du hast ganz allein die Pferde geholt?“
„Nicht ganz allein“, erwiderte sie. „Kimimila hat mir geholfen. Ich wusste ja nicht, wann du wieder da bist.“
Josh wurde ein wenig verlegen. Er hatte sie den ganzen Tag alleingelassen und eigentlich damit gerechnet, dass sie sauer sein würde. Stattdessen hatte sie die ganze Arbeit allein gemacht, war so mutig gewesen, die Pferde zu holen, und fragte jetzt nicht einmal danach, wo er gewesen war. Dafür hatte sie sich mehr als nur ein Eis verdient.
„Sannah, ich möchte nicht, dass du denkst, dass du hier arbeiten musst. Ich habe heute erst deine Überweisung auf meinem Konto entdeckt und war sehr erschrocken. Nicht nur über die hohe Summe, sondern auch, dass es von dir kam. Ich bin davon ausgegangen, dass der Verein eine Fotografin engagiert hat und natürlich auch dafür zahlt.“
Sannah schüttelte den Kopf. „Der Verein zahlt nichts davon. Schließlich sind die Spenden für das Projekt und nicht für die Reisespesen von Mitgliedern. Sie haben mir geschrieben, dass Kost und Logis dreißig Dollar pro Tag kosten, und deine Kontonummer angegeben. Ich finde das mehr als fair, wenn man bedenkt, dass die Touristen deutlich mehr bezahlen und nicht mal ein Klo in ihrem Tipi haben.“ Sie grinste. „Ich weiß, dass ich hier nicht arbeiten muss. Es macht mir ganz einfach Spaß. Ich stehe normalerweise den ganzen Tag im OP, deswegen genieße ich es, an der frischen Luft zu sein. Früher habe ich meine komplette Freizeit im Stall verbracht, bis mein Quarter vor ein paar Jahren an Altersschwäche starb. Ich habe vor lauter Ärger und Kummer gar nicht gemerkt, wie sehr mir das alles gefehlt hat.“ Josh lächelte, sie liebte es genauso sehr wie er.
„Eins weiß ich sicher“, sagte sie. „Wenn ich zuhause bin, kaufe ich mir ein Pferd. Darauf will ich nie wieder verzichten.“
„Du kannst ja eins aus meiner Zucht kaufen, dann hast du eine bleibende Erinnerung“, schlug er vor und beobachtete fasziniert, wie die Sonne in ihrem Gesicht aufging.
„Wirklich?“, fragte sie erfreut und strahlte. „Das wäre wundervoll!“
Josh stand auf und räumte die Teller vom Tisch. „Ich habe jetzt nur ein Problem“, sagte er, während er die halbe Pizza auf Sannahs Teller betrachtete. „Ich habe absolut keine Ahnung, wie ich Essen im Wert von dreißig Dollar in dich rein stopfen soll.“
„Gib dir keine Mühe!“, erwiderte sie lachend. „Das schaffst du nicht!“
Er stellte die Teller auf die Spüle und stand jetzt hinter ihr. „Was war eigentlich gestern Abend mit dir los?“, fragte Josh mit sanfter Stimme. „War das Wasser zu kalt?“
Sannah fühlte sich eiskalt erwischt. Er hatte es bemerkt. „Nichts, ich war nur müde“, antwortete sie fahrig.
Er strich ihr Haar aus dem Nacken und spürte, wie sie zitterte. Ihr wurde heiß, und ihr Herz schlug bis zum Hals, als er sich zu ihr herunterbeugte und seine Lippen ihr Ohr berührten.
„Du lügst“, flüsterte er.
Schlaflos
Völlig übermüdet und schlecht gelaunt schmiss Sannah am nächsten Morgen die Kaffeemaschine an. Ihr limbisches System hatte die halbe Nacht eine wilde Hormon-Cocktail-Party in ihrem Oberstübchen gefeiert und lag jetzt verkatert im Bett. Nachdem die Bässe ihres Herzschlags leiser geworden waren, weil sich schon die Nachbarn beschwert hatten, war ein Gewitter aufgezogen und hatte sie mit Blitz und Donner wieder aus dem Schlaf gerissen. Mutter Natur hatte sich in jeder Hinsicht gegen sie verschworen.
Sie goss sich einen Kaffee ein, nahm ein Stück kalte Pizza und schlurfte auf die Veranda. Draußen roch es nach feuchter Erde und wildem Salbei. Die Vögel wetteiferten nach dem Regen mit ihrem Gesang. Sannah genoss die Ruhe, die sie längst wie ein Zauber in ihren Bann gezogen hatte. Dunstschwaden waberten über die Weiden und ließen die Pferde im fahlen Licht des Morgens wie Geister aus einer längst vergangenen Zeit erscheinen. Tautropfen glitzerten wie Edelsteine in ein paar Spinnennetzen unter dem Dach der Veranda. Sannah schloss die Augen und atmete die klare Luft und den wunderbaren Duft ein, den der Regen hinterlassen hatte. Wenn das Leben doch nur immer so sein könnte wie in diesem Moment.
Ein Poltern auf der Treppe holte sie zurück in die Realität. Einen Augenblick später ließ sich Josh neben ihr auf die Bank fallen und inhalierte seinen Kaffee.
„Wie viele Löffel knallst du da immer rein?“, brummte er schlaftrunken. „Da fliegt einem ja das Hirn aus dem Schädel.“
Sannah hatte, genau wie Josh, die Augen geschlossen und grinste schadenfroh. Zufrieden darüber, dass in seinem Oberstübchen auch nicht alles zum Besten stand. Auch wenn es nur ein Loch in der Decke war.
„Das, was ihr hier Kaffee nennt, serviert man in Europa bestenfalls im Altenheim“, hielt sie dagegen.
Josh registrierte die Übellaunigkeit in ihrem Tonfall, den er bislang noch nicht von ihr kannte.
„Den Morgenmuffel habe ich abonniert, der steht dir nicht zu!“, stellte er trocken fest und döste weiter vor sich hin.
Sannah war nicht gewillt, sich von Josh das Muffeln verbieten zu lassen, schließlich war er der Grund für ihre Schlaflosigkeit gewesen.
„Lieb sein!“, rüffelte sie drohend. „Sonst gibt es Cornflakes statt Pfannkuchen!“
Josh warf ihr einen prüfenden Seitenblick zu, wog Pro und Contra ab und sein Magen gab schließlich klein bei.
„Für Pfannkuchen darfst du auch ein bisschen muffeln“, gestand er ihr zu.
„Geht doch!“, meinte sie lakonisch. Sie dösten noch eine Weile schweigend, als Joshs Magen knurrend gegen den Schlendrian protestierte.
„Ich geh ja schon“, murrte Sannah im Halbschlaf und stand auf.
„Geht doch!“, sagte Josh schmunzelnd. Er machte wieder keinerlei Anstalten sie durchzulassen.
Sannah versuchte es erneut mit dem Zauberwort: „Inajin ye!“
Daraufhin legte Josh beide Füße auf den Tisch und sah sie herausfordernd an. Sie schenkte ihm ein betörendes Lächeln, legte die Hände auf seine Schultern und schwang ein Bein rittlings über ihn. Der Ausschnitt ihres Shirts war gefährlich nah vor seinem Gesicht, als sie sich zu ihm herunterbeugte und verführerisch schnurrte: „Ich verzeihe dir.“
Sie sah, wie er die Luft anhielt. Dann schwang sie das andere Bein über ihn und verschwand in der Küche. Er hatte es so gewollt, sollte ihm doch zur Abwechslung auch mal heiß werden.
Josh blieb zum Abkühlen draußen sitzen. Er brauchte eine Weile, bis er Atmung, Herzschlag und Blutdruck wieder unter Kontrolle hatte. Die kleine Klapperschlange hatte ohne Vorwarnung zugebissen, und ihr Gift brannte wie Feuer in seinen Adern. Er hatte sie ein bisschen aufziehen wollen, als er gemerkt hatte, dass er sie nervös machte. Schließlich war er auch nur ein Mann aus Fleisch und Blut und stellte zu seinem eigenen Erstaunen fest, dass er nicht vergessen hatte, wie man Spielchen spielte. Aber er hatte sie unterschätzt. Sie war kein junges Mädchen, das nur rot wurde, wenn man mit ihr flirtete. Sie war eine Frau, mit der man tunlichst keine Spielchen spielen sollte, wollte man sich nicht die Finger verbrennen. Nun hatte sie ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen und ihm einen Satz heiße Ohren verpasst. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er war sich nicht sicher, ob er dieses gefährliche Spiel weiter spielen sollte, und so legte sich das Raubtier, das Sannah geweckt hatte, auf die Lauer und harrte der Dinge, die da kommen würden.
Erst als das Frühstück fertig war, traute sich Josh in die Küche. Er ließ sich die Pfannkuchen mit Ahornsirup schmecken, während Sannah leise vor sich hin schmunzelte.
Seine Reaktion war auch ihr nicht entgangen. Was wohl ein männliches limbisches System im Oberstübchen so machte? ‚Wahrscheinlich das Loch in der Decke mit Brettern vernageln‘, dachte sie.
Mit vollem Magen hatte Josh dann wieder Oberwasser. „Wenn du weiter so kochst, werde ich den Frauenraub in die Tat umsetzten und dich einfach hierbehalten. Alte Traditionen sollte man pflegen“, zog er sie breit grinsend auf. Es machte ihm, trotz der heißen Ohren, einfach zu viel Spaß, sie auf die Schippe zu nehmen.
„Das würde ich mir an deiner Stelle gut überlegen!“, warnte sie. „Dann taucht meine Sippe hier auf und schwört Blutrache.“
„Wenn du der letzte Mohikaner bist, können ja nicht allzu viele kommen“, stellte er gelassen fest.
„Die vielleicht nicht, aber Annegret, und das reicht vollkommen.“
„Wer ist Anneg…?“ Der Name überforderte ihn.
„Meine beste Freundin, und sollte sie sich gezwungen sehen, hierher zu fahren, weil du alte Traditionen aufleben lässt, wird sie dermaßen pissed off sein, dass sogar die Klapperschlangen die Taranteln in den Koffer packen und nach Kanada auswandern. Glaub mir!“ Sannah grinste, die Vorstellung von Annegret mit High Heels in der Valla Pampa war wirklich absurd.
Josh stand auf und verkündete mit stolzgeschwellter Brust: „Ein Lakota fürchtet nichts!“
Hah! Er kannte Annegret nicht. Sannah begann mit dem Abwasch, und Josh wandte sich zum Gehen.
Schon fast draußen, steckte er noch mal den Kopf zur Tür rein. „Die Jeans zum Flicken liegen auf dem Sofa“, erklärte er unverschämt und schaffte es gerade noch, dem nassen Schwamm auszuweichen, der ihm entgegenflog. Laut lachend verschwand er in Richtung Weide.
Nachmittags kamen die Kinder, teilweise zu Pferd, und einige wurden mit dem Auto gebracht. Fröhlich schnatternd scharten sie sich um Josh, der Pferde an diejenigen verteilte, die ohne gekommen waren. Sie tuschelten und warfen Sannah verstohlene Blicke zu. Neuigkeiten blieben auf der Rez auch den Kindern nicht verborgen.
Josh hatte schon damit gerechnet und stellte sie vor: „Das ist Sannah. Sie wird in den nächsten Wochen Fotos von uns machen.“



