Pine Ridge statt Pina Colada

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„Warum?“, wollte eines der Mädchen wissen.
„Damit ich den Leuten, die für dieses Projekt spenden, zeigen kann, was für tolle Sachen ihr hier lernt“, erklärte Sannah. „Aber nur, wenn ihr einverstanden seid“, fügte sie noch hinzu.
„Dann musst du aber mit uns reiten“, sagte einer der älteren Jungen. „Damit du auch etwas lernst.“ Er grinste verschmitzt.
Sie sah ihn fasziniert an, denn dieses Grinsen kam ihr nur allzu bekannt vor. Das schmale Gesicht, die Augen und Mundpartie, sogar die langen Haare, er sah aus wie die jüngere Ausgabe von Josh.
„Setz dich auf dein Pferd, Tyler!“, mischte Josh sich ein. „Sannah reitet bestimmt gerne mit.“
„Klar, aber ihr fangt jetzt erst einmal an, und ich mache Fotos“, antwortete sie.
Tyler nickte zufrieden und stieg auf sein Pferd. Der Wind wehte ihm die Haare ins Gesicht.
„Binde deine Haare zusammen, Ty!“, ermahnte ihn Josh.
„Ich bin doch kein Mädchen!“, protestierte der Junge widerwillig.
Josh stemmte die Hände in die Hüften und streckte das Kinn vor. „Sehe ich etwa aus wie ein Mädchen?“, fragte er herausfordernd. Sannah biss sich auf die Lippen, um nicht zu lachen, und die Kinder kicherten.
„Nein“, erwiderte Tyler kleinlaut. Verlegen blickte er auf seine Schuhe.
Josh kramte in seiner Hosentasche und hielt Tyler ein Lederband hin. „Dann binde deine Mähne zusammen, oder ich flechte dir Zöpfe!“ ‚Das klang doch sehr väterlich‘, dachte Sannah irritiert. Aber das konnte nicht sein, dafür war der Junge zu alt. Er war groß, fast so groß wie sie selbst. Sie schätzte ihn auf mindestens dreizehn, eher vierzehn. Oder etwa doch?
Josh ließ die Truppe zum Aufwärmen erst einmal traben. Er achtete dabei auf den Sitz der Kinder ebenso wie auf die Haltung der Pferde. Wieder war er ruhig und bewies unendliche Geduld. Sannah lächelte, denn Josh war wirklich ein guter Lehrer. Nach dem Aufwärmen nahm er den Pferden das Zaumzeug ab. Die Kinder sollten nur durch das Verlagern ihres Gewichtes und das Drehen des Oberkörpers ihre Pferde in eine bestimme Richtung dirigieren.
„Früher mussten unsere Krieger beide Hände frei haben, um den Bogen zu spannen. Die Pferde reagierten auf die kleinste Bewegung des Oberkörpers. Dreht euch in die Richtung, in die ihr möchtet, und verlagert euer Gewicht auf diese Seite. Euer Pferd wendet dann ab“, erklärte er ihnen.
Sannah schoss fleißig Fotos, und Josh winkte sie zu sich heran.
„Bleib hier stehen, die Kids sollen um uns herumreiten“, bat er.
Sie nickte, und er stellte sich ein paar Meter weiter weg.
„Fangt erst mal im Schritt an“, rief Josh den Kindern zu. Einzeln ritten die Kinder, in Form einer Acht um sie herum. Sannah hatte Probleme, gleichzeitig zu fotografieren und dabei die Pferde im Auge zu behalten, damit sie nicht über den Haufen geritten wurde. Tyler wollte sich beweisen und ritt eine saubere Acht, inklusive Wechsel, im Galopp.
„Sehr gut, Tyler, aber ich sagte Schritt!“, rief Josh ihm zu.
Tyler grinste verwegen. Mit Zopf und auf dem galoppierenden Pferd sah er Josh noch ähnlicher, stellte Sannah fest.
Es dauerte eine Weile, bis alle Kinder diese Übung absolviert hatten, dann gab Josh ihnen das Zaumzeug zurück.
„Hast du genug Fotos für heute?“, fragte er Sannah. „Dann hab bitte ein Auge auf die Kinder, während ich dir ein Pferd hole“, meinte er, ohne ihre Antwort abzuwarten. „Tut, was Sannah euch sagt!“, rief er den Kindern zu. „Sie wirft sonst mit Schwämmen!“
Die Kinder lachten, Josh zog den Kopf ein und lief in Richtung Weide. Sannah ließ die Kinder noch ein paar Runden auf dem Platz drehen und versuchte, sich an verschiedene Übungen aus ihrem eigenen Reitunterricht zu erinnern.
Als Josh wiederkam, rutschte ihr das Herz in die Hose. Er hatte die fleischgewordene Stange Dynamit am Zügel. Er hielt ihr die Zügel hin und streckte die Hand aus. „Kamera gegen Pferd?“, schlug er vor.
Sannah schluckte trocken. „Wozu der Tausch? Wenn der mit mir fertig ist, gehört dir beides“, prophezeite sie düster.
„Ich möchte ein paar Fotos von dir machen“, meinte er ruhig.
„Das ist gut, dann muss der Pathologe nicht so lange nach der Todesursache suchen“, spottete sie fatalistisch und zog vorsichtig den Sattelgurt nach.
„Vertrau mir!“, sagte er leise und legte seine Hand auf ihre. „Ich würde ihn dir nicht geben, wenn ich nicht sicher wäre, dass du das schaffst.“
Er hielt das Pferd fest, während sie behutsam aufstieg. Sie atmete tief durch und konzentrierte sich nun völlig auf die Handgranate unter ihr. Anfangs lief noch alles gut, der vierbeinige Jungspund fühlte sich unter den anderen Pferden wohl und zockelte artig hinterher. Sannah entspannte sich etwas. Josh machte Fotos und strahlte.
‚Na ja‘, dachte sie. Wenn ich das hier nicht überlebe, hat er wenigstens ein neues Hobby. Im Trab wurde es schon etwas brenzliger. Der Wallach riss wieder den Kopf hoch und fing an zu tänzeln. Sie versuchte, ruhig zu bleiben, korrigierte die Kopfhaltung und ritt weiter. Bei Josh hatte das leichter ausgesehen. Sannah bekam den Wildfang in den Griff, und Josh drückte weiter auf den Auslöser.
„Die letzten Runden im Galopp“, rief er und lehnte sich in der Ecke des Platzes an den Zaun. Bislang hatte sie das Temperament des vierbeinigen Rebellen noch zügeln können, aber als die ersten Pferde galoppierten, brach es aus ihm heraus. Er raste Runde um Runde über den Platz. Sannah stemmte sich zwischen Steigbügeln und Cantle fest und versuchte, das Pferd wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Kinder hatten sich mitsamt ihrer Pferde an der kurzen Seite des Platzes in Sicherheit gebracht. Josh blieb gelassen am Zaun stehen und hob gelegentlich die Kamera wie ein Kriegsberichterstatter im Urlaub. Sannah war mittlerweile sauer auf diesen Macho unter ihr. Sein ganzes Verhalten war nichts weiter als Imponiergehabe und Angeberei. Der Wallach war nicht bösartig, er benahm sich nur wie ein sechshundert Kilo schwerer, pubertierender Teenager. Er wollte gerade laut schnaubend und mit hoch erhobenem Kopf seine Showeinlage beenden, als sie ihn weitertrieb.
„Wenn du rennen willst, bitte! Aber ich sage, wann Schluss ist!“, sagte sie zu dem Pferd. Sie galoppierte ihn weiter, korrigierte immer wieder die Kopfhaltung und ließ ihm seine Sperenzien nicht mehr durchgehen. Irgendwann wurde er langsamer und begann sich zu benehmen. Er senkte den Kopf und gab nach. Sannah parierte durch zum Schritt und lobte ihn. Der Wallach schnaubte und kaute zufrieden auf seinem Gebiss.
Die Kinder verließen ihre Ecke und ritten auch noch ein paar Runden im Schritt mit. Tyler gesellte sich zu Sannah und meinte anerkennend: „Nicht schlecht!“
„Habe ich für heute genug gelernt?“, fragte sie ihn, völlig außer Atem.
Er nickte stumm. Sie sah rüber zu Josh, der immer noch entspannt am Zaun lehnte und lächelte. Er hängte die Kamera an den Zaunpfahl und ging in die Mitte des Platzes. „Schluss für heute“, rief er. „Samstag machen wir einen Ausritt.“ Die Kinder jubelten. Sannah stieg mit zitternden Knien vom Pferd.
Josh stand neben ihr. „Wenn alle blutigen Anfänger so gut reiten würden, wäre ich arbeitslos“, stellte er fest.
Sie lockerte den Sattelgurt. „Gut nennst du das?“, erwiderte sie. Er stemmte seine Hände links und rechts neben ihr auf den Sattel. Sie drehte sich zu ihm um und war nun gefangen zwischen seinen Armen und dem Pferd im Rücken. Er sah sie mit seinen dunklen, sanften Augen an, und ihre Knie verwandelten sich endgültig in Pudding.
„Das war sogar sehr gut“, sagte er ernsthaft.
“Warum hast du mir nicht geholfen?“, fragte sie mit einem kleinen Vorwurf in der Stimme.
Josh lächelte. „Weil du meine Hilfe nicht gebraucht hast. Du bist ganz allein mit ihm fertig geworden und mit deiner Angst. Hätte ich dir geholfen, würdest du immer noch an dir zweifeln. Diese Lektion musstest du heute lernen. Beim nächsten Mal hast du keine Angst mehr vor ihm.“
Sannah schluckte, aber er hatte recht. Seine besonnene weise Art, die Dinge zu betrachten und allem etwas Positives abzugewinnen, erstaunte sie immer wieder. Josh strahlte eine unglaubliche Ruhe aus, sie umgab ihn wie ein Energiefeld. In diesem Moment empfand sie ein tiefes Gefühl von Geborgenheit und nahm nicht mehr wahr, was um sie herum geschah. Die Kinder kicherten. Josh ließ die Arme sinken und wendete sich dem Pferd zu. Der Zauber war vorbei, das Gefühl von Geborgenheit blieb.
Nach dem Abendessen kochte sich Sannah einen Tee und setzte sich steifbeinig auf die Veranda. Nach der ungewohnten Anstrengung im Sattel fühlte sie sich wie handgeschnitzt. ‚Morgen ist das ein veritabler Muskelkater‘, dachte sie. Sie legte die Füße auf den Tisch und entspannte sich.
Josh erschien frisch rasiert und geduscht und entgegen seiner sonstigen Gewohnheit in Jeans statt in Jogginghose.
„Hast du noch ein Date?“, rutschte es ihr raus.
Er lächelte sie erstaunt an, persönliche Fragen hatte sie bisher noch nie gestellt. „Wie kommst du darauf?“, fragte er amüsiert und setzte ich neben sie.
„Da, wo ich herkomme, rasieren sich die Herren der Schöpfung am Abend nur, wenn sie noch verabredet sind: außerdem trägst du eine Jeans, da dachte ich, du willst noch weg. Warum auch nicht?“, antwortete sie.
„Willst du alle schmutzigen Details wissen?“, flüsterte er verschwörerisch.
Sie nickte neugierig.
„Die Jogginghose ist in der Wäsche, und ich bin morgens zu müde zum Rasieren“, hauchte er ihr zu.
„Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so eine romantische Ader hast“, seufzte sie theatralisch und kicherte.
„Man tut, was man kann“, gab er schmunzelnd zurück. „Und ich hatte keine Ahnung, dass du noch schlimmer bist als unser lokaler Nachrichtendienst.“
„Reine Übungssache. Klatsch und Tratsch sind bei uns in der Klinik an der Tagesordnung, wenn ich da einen Kollegen beim Einkaufen treffe, bin ich am nächsten Tag verlobt“, spottete Sannah.
Josh lachte. „Wann ist die Hochzeit?“
Sie hob abwehrend die Hände. „Na, hoffentlich gar nicht. Einmal reicht!“, stellte sie entschlossen fest.
Josh entgleisten die Gesichtszüge. „Du bist verheiratet?“, fragte er entgeistert. Die Hemmschwelle der persönlichen Fragen war nun endgültig überwunden.
Sannah griff nach ihrer Teetasse und nahm einen Schluck. „Nicht mehr, nachdem er seine Finger nicht von anderen Frauen lassen konnte und mich krankenhausreif geschlagen hat.“
Er starrte sie fassungslos an. Sie wirkte so klein und zerbrechlich neben ihm. Es war für ihn unvorstellbar, dass ein Mann dazu imstande war, sie zu schlagen. Er verachtete Männer, die sich nicht im Griff hatten. Josh widerstand nur schwer dem Impuls, sie in den Arm zu nehmen, und knurrte stattdessen: „Dreckschwein!“ Sannah lächelte über seine indirekte Sympathiebekundung. „Du hast es erfasst!“, bestätigte sie boshaft.
Josh nahm ihr die Tasse aus der Hand und nippte an ihrem Tee. „Gar nicht mal so schlecht!“, stellte er erstaunt fest. Als sie danach griff, hielt er die Tasse mit der anderen Hand zur Seite und damit außerhalb ihrer Reichweite.
„Erst über meinen Tee die Nase rümpfen und ihn mir dann wegtrinken, ist aber nicht die feine englische Art“, protestierte sie lachend.
„Könnte daran liegen, dass ich kein Engländer bin. Ich bin Lakota, und wir teilen alles. Sogar Tee“, bemerkte er, nahm einen großen Schluck und starrte nachdenklich in die Tasse. „Als man mir mitteilte, dass du hier auftauchen würdest, habe ich ja auch die Nase gerümpft“, gestand er.
„Warum?“
„Der Name Susannah ist hier ziemlich altmodisch. Ich dachte, es käme eine Mittfünfzigerin, blond und blauäugig, die den ganzen Tag hinter mir herrennt und mich mit diesem schrecklichen Akzent nervt. Deutschland heißt bei uns Iyáschitscha makchótsche, Schlecht-Sprecher-Land“, erklärte er.
„Das passt!“, stimmte sie zu und kicherte.
„Stattdessen bist du aus dem Auto gestiegen und hast mich eines Besseren belehrt, nicht nur was den Akzent angeht. Du hast so ziemlich all meine Klischees über den Haufen geworfen. Mittlerweile gefällt es mir, dass du da bist. Daran könnte ich mich gewöhnen, genauso wie an dieses Zeug hier“, fügte er scherzhaft hinzu und leerte die Tasse.
„Danke“, sagte sie nur, gerührt über das Kompliment, das er ihr gemacht hatte. „Als du am ersten Tag auf mich zugekommen bist, wollte ich weglaufen“, gab sie zu.
Josh sah sie erstaunt an und wartete auf eine Erklärung.
„Du hast ein Gesicht gemacht, als wolltest du mich gleich fressen.
Jetzt weiß ich auch, warum“, sagte sie.
„Hatte ich auch vor“, räumte er ein und grinste hämisch. „Aber an dir ist ja nichts dran!“
„Oh, ein Feinschmecker! An mir ist genug dran!“, widersprach sie empört.
‚Das weiß ich jetzt auch‘, dachte Josh und hatte den Anblick, oder besser den Einblick, vom Morgen wieder vor Augen. Er sammelte sich für einen Moment, aber es gelang ihm nicht recht.
Er klopfte ihr auf den Oberschenkel und sagte: „Inajjn yo!“ – Steh auf! „Zeit zum Schlafengehen.“
Sannah versuchte, die Füße vom Tisch zu nehmen, und verzog schmerzhaft das Gesicht.
„Was ist?“, fragte Josh.
„Muskelkater“, jammerte sie.
Josh stand auf und hob sie einfach hoch. „Dann muss ich dich wohl ins Bett tragen“, stellte er mit einem anzüglichen Lächeln fest.
Sannah kreischte leise. „Wie gut, dass an mir nichts dran ist“, zitierte sie ihm schnippisch zu.
„Meinst du zum Tragen oder fürs Bett?“, konterte er.
Jetzt war es an ihr, rote Ohren zu bekommen. Er trug sie amüsiert die Treppe hoch und stellte sie artig vor ihrer Zimmertür ab. „Den Rest schaffst du allein“, versuchte er möglichst neutral zu sagen.
„Danke dir. Schlaf gut.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln und humpelte in ihr Zimmer.
Josh fand keinen Schlaf. Die Tatsache, dass Sannah von ihrem Ex verprügelt worden war, hatte seinen Beschützerinstinkt geweckt und machte ihn wütend. Er hatte nicht übel Lust, diesem Kerl den Hals umzudrehen. Die Tatsache, dass er wütend wurde, beunruhigte ihn wiederum. Sie war erst knappe zwei Wochen da, hatte sein Leben auf den Kopf gestellt, und überraschenderweise gefiel es ihm. Er mochte die abendlichen Gespräche auf der Veranda und die kleinen humorvollen Wortgefechte am Morgen. Sannah war so, wie er sich Chloe gewünscht hätte. Er hatte Chloe geliebt, jedenfalls dachte er das damals. Aber Chloe war ein Apple. Außen rot, innen weiß. Sie wollte ein „weißes“ Leben führen, in irgendeiner großen Stadt mit Shopping Center, Kinos und Clubs. Weit weg von alten Traditionen und dem Elend im Reservat. Sie verleugnete ihre Herkunft und ihre Familie. Chloe hasste die Pferde, die Ranch, die Ruhe und Abgeschiedenheit. Sie hatte ihn verspottet für seine Art zu leben, seine Werte, die Powwows und seine traditionellen Ansichten. Sogar für seine langen Haare. Irgendwann hatte sie ihre Sachen gepackt und war verschwunden. Und das war gut so, aber er hatte lange gebraucht, um das einzusehen.
Sannah war ganz anders. Sie liebte die Pferde, strahlte von innen heraus, wenn sie im Sattel saß. Sie genoss die Ruhe, engagierte sich für soziale Projekte und behandelte jeden mit Respekt. Von dem Geld, das sie ihm gezahlt hatte, hätte sie sich einen Luxusurlaub leisten können, stattdessen war sie hier und mistete den Stall aus. Aber auch Sannah würde wieder gehen, denn sie gehörte trotz allem ebenso wenig hierher wie Chloe.
Er wälzte sich in seinem Bett herum und fluchte. Warum geriet er immer an Klapperschlangen? Sam hatte recht. Es wurde Zeit, endlich aus dem Schneckenhaus rauszukommen. Seine selbstgewählte Einsamkeit hatte aus ihm einen Außenseiter gemacht, und es wurde langsam Zeit, sich nach einer Kornnatter umzusehen. Aber besonders reizvoll fand er diesen Gedanken nicht. Er grübelte noch lange darüber nach, was er eigentlich wollte, kam aber zu keinem Ergebnis.
Erkenntnisse
Sannah machte Frühstück und wunderte sich, dass Josh noch nicht aufgestanden war. Seinen mörderisch lauten Wecker hatte sie auch noch nicht gehört. Dafür klingelte das Telefon. Oben rührte sich nichts, also nahm sie das Gespräch an.
„Bei White Cloud?“ Es entstand eine kurze Pause, bis der Anrufer sich meldete.
„Mark Thompson hier, endlich erreiche ich Sie; ich versuche schon seit einer Woche, Josh zu sprechen. Ist er da?“
‚Blöde Frage‘, dachte Sannah, es war kurz nach sechs Uhr morgens. „Ich hole ihn, bleiben Sie bitte kurz dran, Sir“, antwortete sie stattdessen höflich.
„Danke!“, sagte Thompson erleichtert.
Sie legte den Hörer beiseite und lief etwas steifbeinig die Treppe hinauf. Der Muskelkater hatte sie voll im Griff. Auf ihr mehrfaches Klopfen reagierte Josh nicht, also öffnete sie die Tür einen Spalt breit.
„Josh? Telefon!“ Nichts. ‚Nie hat man eine Handgranate, wenn man eine braucht‘, dachte Sannah schmunzelnd. Sie ging zu seinem Bett und rüttelte ihn sacht an der Schulter. „Josh? Wach auf! Telefon für dich!“
„Mitten in der Nacht?“, brummte er ungehalten.
„Es ist Viertel nach sechs, du hast verschlafen. Ein Mr. Thompson möchte dich sprechen, scheint dringend zu sein.“
Josh öffnete mühsam die Augen und quälte sich aus dem Bett. „Shit, den hab ich völlig vergessen“, murmelte er zerknautscht und stapfte an ihr vorbei die Treppe runter. Dieses Mal wenigstens in Pyjamahose.
Sannah lief hinterher und kümmerte sich weiter ums Frühstück während er telefonierte. Ein paar Minuten später sank Josh schlaftrunken auf den Küchenstuhl und rieb sich die Augen.
„Ich brauche jetzt ganz dringend eine von deinen Koffein-Bomben“, stöhnte er und stützte seinen Kopf auf die Hände.
Sie stellte ihm eine Tasse vor die Nase. „Schlecht geschlafen?“, erkundigte sie sich.
Er schlürfte seinen Kaffee mit geschlossenen Augen. „Ich konnte nicht einschlafen, mir ging so viel im Kopf herum“, antwortete Josh ehrlich.
Sannah stellte French Toast auf den Tisch, setzte sich und sah ihn nur fragend an. Er machte sich nicht, wie gewohnt, über das Frühstück her, sondern starrte nachdenklich in seine Tasse. „Kennst du das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken, aber du hast keine Ahnung, wie du da wieder rauskommst?“
„Oh ja“, versicherte sie lächelnd. „Das kenne ich nur zu gut.“
„Und was hast du dagegen gemacht?“, wollte er wissen.
Sannah lachte kurz auf. „Ich bin, zum Entsetzen von dir und Annegret, in den Flieger gestiegen und hierher gekommen.“
„Hat es dir geholfen, hier zu sein?“, fragte er.
„Für den Moment, ja“, meinte sie. „Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das immer noch so sein wird, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich brauche einen Neuanfang, und ich fürchte mich ein bisschen davor, dass ich zu Hause wieder da ankomme, wo ich aufgehört habe. Ich hoffe, dass mir in diesen drei Monaten klar wird, was ich will. Bis dahin habe ich wenigstens meine Ruhe vor Annegrets gutgemeinten Ratschlägen.“
„Wieso war sie entsetzt darüber, dass du hierher kommst?“, fragte er erstaunt.
„Ich glaube, sie hat befürchtet, dass ich von irgendwem aufs Pferd gezerrt und verschleppt werde“, frotzelte Sannah mit einem Augenzwinkern. Sie wollte die katastrophalen Lebensumstände im Reservat nicht erwähnen, zumal es Josh deutlich besser ging, als dem Durchschnitt hier. „Annegret plädierte für Mittelmeer-Urlaub, Cocktails am Strand und braungebrannte Typen in engen Badehosen. Aber das ist ihre Vorstellung von Entspannung, nicht meine.“
Josh lachte und fing an zu essen. „Was hast du gegen braungebrannte Typen in Badehosen einzuwenden?“ Der Schalk blitzte in seinen Augen.
Sie durchschaute ihn. „Fragte der braungebrannte Typ in Pyjamahose“, gab sie zurück und grinste breit.
Josh warf ihr einen unschuldigen Blick zu. „Ich bin nicht braungebrannt, bei mir ist das Standard“, beteuerte er.
„Bei mir auch“, erwiderte sie, als ließe sie diese Ausrede nicht gelten, und nahm sich noch ein Toast „Ich habe nichts gegen braungebrannte Typen“, erklärte sie schmunzelnd. „Aber würdest du dich an einem überfüllten Strand, mit einem halben Eimer Alkohol in der Birne und lauter notgeilen Bikinimädchen um dich herum wohlfühlen?“
„Nein!“, antwortete er ohne zu zögern. „Aber an einem Strand wäre ich trotzdem gern mal. Ich war noch nie am Meer.“
„Es ist wunderschön“, erzählte sie schwärmerisch.
„Deine Freundin scheint dich aber nicht besonders gut zu kennen“, stellte er fest. „Ich kenne dich erst seit kurzem und weiß trotzdem, dass du nur im Sattel wirklich glücklich bist.“ Er lächelte und hatte wieder das Bild vom ersten Abend vor Augen.
„Genau wie du. Das können nur Menschen nachvollziehen, die mit dem Pferdevirus infiziert sind“, stimmte sie ihm zu und strahlte.
Josh liebte diesen Ausdruck in ihrem Gesicht. Für ihn war es jedes mal wie ein zweiter Sonnenaufgang.
„Manchmal muss man etwas riskieren und neu anfangen“, sagte Sannah nun ernst. „Auch wenn man Angst davor hat.“
Josh schluckte; es war ihm anzusehen, was ihn beschäftigte, oder meinte sie sich selbst? Er wechselte sicherheitshalber das Thema. „Ich muss mir wohl oder übel ein Cellphone zulegen, damit ich erreichbar bin. Verstehst du was von den Dingern?“
„Geht so“, sagte sie. „Ein Experte bin ich nicht, aber ich weiß halbwegs, worauf es ankommt.“
„Das reicht schon“, meinte Josh. „Und wenn wir sowieso in Pine sind, können wir auch gleich noch einkaufen. Ich möchte am Samstag mit den Kids ein Picknick machen, und für das Football-Spiel am Sonntag brauchen wir auch noch was zum Mitbringen.“ „Was bringt man denn da so mit?“, erkundigte sich Sannah.
„Einen Salat oder Frybread. Es gibt Büffel. Mike Stonefeather hat einen spendiert“, antwortete er und nahm sich noch einen Kaffee. „Einen ganzen Büffel?“, fragte sie erstaunt. „Hast du nicht gesagt, dass Büffelfleisch so teuer ist?“
„Er züchtet Büffel, außerdem ist das hier so üblich, wenn man heiratet, Vater geworden ist oder ein gutes Jahr hatte. Wir schenken allen anderen etwas, um damit unsere Dankbarkeit zu zeigen und etwas zurückzugeben. Wir nennen das Wóotuh‘an, Give away“, erklärte Josh.
Sie lächelte. „Das ist ein schöner Brauch. Ist er denn Vater geworden?“
Josh schlürfte seinen Kaffee und nickte mit einem verzückten Lächeln. „Mike hat endlich seine langersehnte Tochter bekommen. Tashina. Eine süße kleine Maus. Sie wickelt ihren Vater jetzt schon um den Finger“, schwärmte er.
Sannah hatte noch nie erlebt, dass ein Mann derart hingerissen von einem Neugeborenen sprach, erst recht nicht, wenn es nicht sein eigenes war. Mittlerweile hatte sie ihr vorschnelles Urteil über ihn revidiert. Er war weder ein Eisberg noch ein Griesgram, ganz im Gegenteil. Sie lächelte ihn versonnen an, irgendein Knoten war gestern geplatzt, sie waren sich nicht mehr so fremd.
Josh stand auf. „Ich sollte mich endlich mal anziehen, die Pferde müssen raus“, schalt er sich selbst.
„Keine Panik“, beruhigte ihn Sannah. „Die sind schon draußen.“ Er beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Womit habe ich den verdient?“, fragte sie lächelnd.
„Für deine Hilfe“, meinte er. „Ich halte das nicht für selbstverständlich. Außerdem hast du mir vorhin einen meiner besten Kunden gerettet. Er kommt morgen, um eins meiner Pferde zu kaufen, und bringt ein weiteres zur Ausbildung. Bis dahin habe ich noch einen Haufen Arbeit zu erledigen.“
Der Vormittag verging schnell mit den üblichen Arbeiten. Josh war schweigsamer als sonst und grübelte immer noch vor sich hin, während er die Pferde, die für den Verkauf bestimmt waren wusch und Mähne und Schweif gründlich bürstete.
Sannah half ihm dabei; sie ahnte nicht, was ihn beschäftigte, aber sie respektierte, dass er nicht reden wollte. Er würde schon von allein damit anfangen, wenn er so weit war, und so arbeiteten sie schweigend Seite an Seite. Ab und an warf er ihr einen neugierigen Blick zu. Er schätzte ihr Feingefühl und ihre Zurückhaltung.
Es war ein heißer Tag, die Temperaturen waren schlagartig in die Höhe geschnellt und die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel. In ihren schwarzen Jeans wurde es fast unerträglich heiß, und Sannah beneidete Josh um den Job, die Pferde zu waschen. Sie ließ die Bürste sinken und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Josh hatte von vornherein auf ein T-Shirt verzichtet und war beim Waschen nicht darauf bedacht gewesen, trocken zu bleiben. Sie ging zu ihm und bat um den Schlauch.



