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Widerstrebend hob Raphael den Arm und ließ die Schwester gewähren. „Man begegnet sich immer zweimal“, sagte er lahm. Grit sagte nichts. Grit wartete. Endlich musterte sie das Thermometer und zog Handschuhe an. „Bitte umdrehen“, sagte sie und zippelte ein Zäpfchen aus einer Blisterpackung. Schon wieder. Raphael seufzte. Mehr als einmal war er aufgewacht, weil ihm wer so ein verdammtes Ding reingeschoben hatte. „Was machst du hier?“, murmelte er gegen die Wand, während sie ihm die Hose runterzog. „Mir wurde gekündigt“, sagte sie lapidar. „Job und Wohnung. Es wird jetzt ein bisschen kalt. So. Schon geschafft.“ Raphael unterdrückte einen Fluch und zerrte die Hose hoch.
In diesem Moment kam Fanny reingestöckelt. „Hallöchen, Kollege!“, flötete sie fröhlich. Grit warf die Decke über ihn, schmiss die Handschuhe in den Abfallbehälter und wandte sich wortlos zum Gehen.
Raphael ballte die Fäuste. „Grit …“, sagte er mit erstickter Stimme. Er war so ein verdammter Loser. Auf einmal hörte er, wie die Schwester stehen blieb. „Haddock“, flüsterte sie. Dann schloss sie leise die Tür.
Raphael hielt den Atem an. Haddock war ein Codewort. Das Codewort. Sie hatten das ausgemacht. Für wenn es am schlimmsten war. Kapitän Haddock war seine Lieblings-Comicfigur, ein unbedachter Draufgänger und lieber Kerl, der göttlich fluchte und mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hatte. Ein Held. Langsam drehte Raphael sich zu Fanny herum und lächelte.
Haddock hieß: Nicht aufgeben. Nicht jetzt.
Fanny lächelte zurück. Stumm zog sie Zeitungsausschnitte aus einer Mappe, einen um den anderen, und begann, sein Bett damit zu bedecken. Raphael drückte sich mühsam höher und begutachtete die papierene Pracht. Fanny unterbrach ihre Tätigkeit und schob ihm das Kopfkissen im Rücken zurecht. „So?“ Er nickte. Dann nahm er einen Ausschnitt von der Bettdecke und las.
Schwerer Unfall auf der N32
Brügge, 20. Juli. Ein Schwerstverletzter und ein gutes Dutzend leicht Verletzte – das ist die Bilanz einer Verfolgungsjagd, die sich Beamte der Lokalen Recherche Brügge mit einem Lkw lieferten, der mit illegalen Einwanderern Richtung Zeebrugge unterwegs war. Der 20 Tonnen schwere Kühlwagen kippte um und begrub einen 39-jährigen Hauptinspektor unter sich, der mit schwersten Verletzungen per Helikopter abtransportiert wurde. Ein weiterer Beamter erlitt leichte Verletzungen. Der 23-jährige Fahrer des Lkw, ebenfalls leicht verletzt, wurde verhaftet, einige der Illegalen wurden ins Krankenhaus St. Jan verbracht und unter Polizeibewachung gestellt. Andere nutzten die Gelegenheit zur Flucht. Der Lkw war verschweißt. Die Polizeiaktion bewahrte die Menschen vor dem sicheren Erstickungstod. Der schwerst verletzte Beamte kämpft nach einer mehrstündigen Notoperation um sein Leben.
Raphael legte den Ausschnitt weg und fuhr sich über das Gesicht. Nach einer Weile nahm er den nächsten. Illegale immer noch flüchtig, schrieb das Dagblad. Brügge/Zeebrugge, 21. Juli. Auch am Tag, nachdem ein brutaler Schleuser eine Gruppe Illegaler dem sicheren Tod in einem luftdicht verschweißten Kühl-Lkw ausgeliefert hatte, bleiben die Entkommenen flüchtig. Eine Gruppe Beamter der Lokalen Recherche Brügge hatte den Lkw nach einer filmreifen Verfolgungsjagd durch das Hafengebiet gestoppt. Bei der Befreiungsaktion waren mehrere der Illegalen geflüchtet. Der Zustand des 39-jährigen Hauptinspektors, der mit seinem Motorrad unter den umgekippten Zwanzigtonner geraten war, bleibt unverändert kritisch. Nach mehreren Operationen schwebt er noch immer in Lebensgefahr.
Und das waren nur zwei von vielen Ausschnitten. So vielen.
Fanny legte ihre Hand auf seine, als Raphael die Augen schloss. Merkwürdige Laute krochen aus seiner Kehle hoch. Wehrlos ließ er es geschehen.
„Sie können nicht alles löschen“, hörte er sie sagen. Er nahm das Kleenex, das sie für ihn aus der Schachtel neben seinem Bett gezogen hatte. Durch einen Schleier sah er, wie sie die Ausschnitte wieder in die Mappe zurücklegte. Normalerweise hätte er gefragt, wie sie das gemeint hatte. Und warum sie all diese Ausschnitte aufgehoben hatte. Jetzt war er zu müde dazu. „Danke … danke …“, stammelte er. Sie war noch nicht aus der Tür, da schlief er, Glück im Gesicht.
Irgendwann erwachte er wieder. Draußen war es dunkel. Drinnen waberte grünliches Licht. Leichenhallengrünlich. Vorsichtig betastete er seinen dröhnenden Kopf. Der Verband war weg. Da war nur noch ein dickes Pflaster. Das war gut. Dass er es verschlafen hatte, auch. Außer wenn Grit es gemacht hatte. Verdammt. Er zog Rotze hoch. Nein, Raphael. Nicht.
Haddock.
Hadock. Haddock. Haddock. Haddock.
Raphael holte tief Luft. Er stöpselte den Schlauch ab und betrachtete die Kanüle, die in seinem Handrücken steckte. Irgendwas tropfte aus dem Schlauch auf die Bettdecke. Er pulte das Pflaster ab, das die Kanüle hielt. Langsam zog er die dicke Nadel raus und legte sie neben die Cloche mit seinem Abendessen. Blut quoll. Er presste Kleenex auf die Einstichstelle. Ruhig wartete er, bis das Blut geronnen war. Er sah sich um. Seinen Rollstuhl hatten sie in eine Ecke geschoben. Einen Augenblick überlegte er, den Mann im Nachbarbett zu wecken. Dann ließ er sich bäuchlings von der Bettkante auf den Boden gleiten, wo er lange sitzen blieb. Der verdammte Kreislauf. Endlich zog er sich mit den Armen über das glatte Laminat zu seinem Rollstuhl.
Normalerweise kam er locker vom Boden hinein. Aber nicht heute. Verdammt.
Vom Bett aus würde es einfacher gehen. Mühsam bugsierte er den Rollstuhl neben das hohe Krankenhausbett und schöpfte Atem. Sein Blick fiel auf einen Schalter unter dem Bettgestell. Er drückte einen Knopf. Das Kopfteil surrte hoch. Einen anderen. Der war für das Fußteil. Als der Mann im Nachbarbett unruhig wurde, hörte er auf. Man konnte die Höhe nicht verstellen. Er musste so hinein.
Aber erst die Klamotten. Er kroch zum Schrank und bekam ihn auf und fand eine große Plastiktüte, die er mit sich zerrte und auf das Bett warf. Beim dritten Versuch gelang es ihm, hinterher zu klettern. Erschöpft legte er sich hin. Er tastete nach dem Handy in seiner Jacke, aber der Akku war leer.
Seiner auch.
Endlich zog er sich an, langsam, mit Unterbrechungen. Dann hievte er sich in seinen Rollstuhl und fuhr auf den menschenleeren Gang hinaus, zum Lift, in die Eingangshalle und zur Türe hinaus. Eine Uhr zeigte 22.49 h. Niemand hielt ihn auf.
Draußen warteten Taxis. Es war ein großes Krankenhaus. Raphael zündete eine Belga an und nahm einen tiefen Zug. Der aufsteigende Brechreiz trieb ihn zu einem Papierkorb, neben dem er minutenlang keuchend wartete. Nichts geschah. Sein Magen war leer. Endlich nahm er ein Taxi zum Polizeigebäude und ließ sich vor der Schranke des Personalparkplatzes absetzen. Neben der Schranke war ein Durchgang für Fußgänger. Raphael rollte zu seinem Wagen und fuhr durch die nächtliche Stadt nach Hause. Er kam erst nach Ewigkeiten an, weil er einen Riesenumweg zu einem Drive-In gemacht und einen Burger gekauft hatte. Die Frau am Schalter hatte erschrocken geschaut. Die verdammte Hand. Er hatte kein Pflaster gehabt. In der Wohnung nahm er drei oder vier Tabletten und fiel in Schlaf. Das Blut würde er später wegmachen.
Das fröhliche Geplapper, das am nächsten Morgen durch die Bürotüre auf den Gang hinausperlte, erstarb jäh, als Raphael hereinkam. Mit gesenkten Köpfen beobachteten die Kollegen, wie er die Glastüre hinter sich schloss und auf seinen Schreibtisch zurollte.
Raphael verhielt ab und zu und biss in den kalten Burger, den er im Auto gefunden hatte. „Morgen“, murmelte er zwischen zwei Bissen. Alles tat ihm weh, aber er war gut darin, es zu verbergen. „Morgen“, murmelte es vereinzelt zurück. Sie waren alle furchtbar beschäftigt.
„Aspirin reicht nicht, oder?“ Anna. Die kühle Anna, die ihm eine Schachtel hinhielt. Er schüttelte den Kopf. „Ich hab alles“, sagte er leise. „Ich weiß. Es tut mir leid“. Anna lächelte. Sie konnte verdammt nett sein.
„Und?“, fragte er. Stumm wies Anna auf die Tafel. Ich war’s nicht, sagten ihre Augen. Er wünschte, er könnte ihr glauben.
Dovenhof war raus. Bertrand war raus. Raphael starrte auf sein verhunztes Diagramm. „Wer macht jetzt den Fall?“, blaffte er in die Runde. Piet kam auf ihn zu. „Du natürlich. Willkommen zurück.“ Allgemeines Gemurmel. Raphael nickte. „Du willst mich verarschen, oder?“ Er hatte das ziemlich leise gesagt. Piet hob die Brauen „Was?“
Raphael schluckte den letzten Bissen hinunter. „Ihr wollt mich alle verarschen“. Langsam ballte er das Burger-Papier zusammen. Auf einmal fühlte er sich vollkommen ruhig. Wie ein Nilpferd, dem man einen Narkosepfeil verpasst hatte. Bedächtig ließ Raphael den Papierball von einer Hand in die andere gleiten. Sie hatten verdammt starkes Zeug in diesem Krankenhaus. Er zielte sorgfältig und schoss das Knäuel in Jans Papierkorb, dass der Kollege zusammenschrak.
Jo. Raphael griff in die Reifen. Er würde jetzt einen Kaffee trinken gehen. Einen guten, starken, heißen Kaffee.
„Fühlst du dich besser?“, fragte Fanny, als er hereinkam. Dann sah sie genauer hin. „Nein …“, sie lächelte mitfühlend. „Mach es dir bequem … wenn das geht …“ Raphael nickte. Sie war verdammt direkt. Das war gut. „Geht schon“, sagte er und nahm seinen Stammplatz hinter dem Schreibtisch ein. Er beobachtete, wie sie mit der Kaffeemaschine hantierte, und dachte, dass er gar nichts von ihr wusste. Es machte ihm nichts aus. Gerade jetzt machte es ihm nichts aus.
Er schloss die Hände um die Tasse, die sie ihm gebracht hatte. Es war Sommer, aber die Wärme tat gut. Besonders, wenn alles, was man in den letzten 24 Stunden zu sich genommen hatte, ein kalter Burger und ein Liter Tranquilizer war. „Kalt?“, fragte Fanny. Sie konnte Gedanken lesen. Vielleicht war sie einfach nur clever. Vielleicht sollte er mal darüber nachdenken. Er nippte an seinem Kaffee. „Nicht mehr“, sagte er. Er fühlte sich nackig. Es störte ihn nicht.
Fanny musterte ihn aus dem Augenwinkel, während sie Mappen in einen Wagen sortierte. „Was guckst du?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. „Nichts.“ Dann machte sie weiter. Raphael trank seinen Kaffee und versuchte den Grund seines Herkommens zu formulieren, aber es war schwierig, zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Er fuhr sich über die bepflasterte Stirn. Er dachte an Grit und wie viele Zäpfchen er schon verpasst hatte. Grit. Er seufzte zu laut und räusperte sich.
„Du wusstest gar nicht, wer sie ist, nicht?“ Fanny sortierte angelegentlich ihre Mappen. „Was?“ Raphael nahm die Hände von der Tasse. „Die Vandamme. Die die Akte Brabantia geholt hat“. Fanny drehte sich zu ihm um. „Inzwischen weißt du es“, konstatierte sie. Raphael schnaubte. Nackig. Das war er.
Fanny kam langsam näher. „Ich wollte erst nichts sagen ... Ich bin mir nicht sicher ... Sie ist ein hohes Tier …“ Raphael schob die Tasse weg. „Was redest du, verdammt?“
„Raphael …“
„Sorry, das sind die verd… Sorry … “ Er knispelte eine Tablette raus und spülte sie mit Kaffee runter.
„Schmerzen?“
„Hm …“ Er ließ das Stempelkarussell kreiseln.
„Also pass auf. Die Vandamme …“, sie sah ihn prüfend an. „Laila Yorinde Vandamme“, schob sie sicherheitshalber nach. Raphael stoppte die Stempel hart. „Ja, verd… Ja! Was?“ Fanny biss sich auf die Lippen. Was für ein Arschloch. Aber sie hatte keine Wahl.
„Ich glaube, sie hat an der Akte rumgemacht“, erklärte sie so ruhig wie möglich. Raphael nickte. Das war die Antwort auf die Frage, derentwegen er hergekommen war. „Du hast es geahnt?“, fragte Fanny. Das Stempelkarussell begann wieder zu kreiseln. „Vielleicht“, sagte Raphael. Wer fragte hier wen aus, verdammt? Das Karussell stoppte. „Was hat sie gemacht, Fanny?“ Er zog die Akte aus der Tasche hinter sich und warf sie auf den Schreibtisch.
„Ich bin mir nicht sicher“, wiederholte die Frau. Wie die meisten Leute im Archiv war sie keine Polizistin. Sie hatte keinerlei polizeiliche Befugnisse. Raphael wollte etwas sagen. Dann hielt er den Mund. Die Frau lehnte sich ganz schön weit aus dem Fenster. Vielleicht für ihn. Vielleicht wegen was anderem. Jedenfalls riskierte sie was. Er nickte ihr ermutigend zu.
Langsam öffnete Fanny die Mappe. „Da war so ein Vermerk“, wisperte sie. „Ich erinnere mich, weil …“ Sie sog hart die Luft ein. „Ich erinnere mich.“
Raphael wartete. Er hatte schon genug verdorben.
„Da stand …“, Fanny fuhr mit nervösen Fingern über das Papier. „Da am Rand. Da stand: „Protokoll Zeugenaussage Werner H. folgt“ So mit Kuli. So schräg rüber.“ Sie knetete die Finger im Schoß. „Und das steht da jetzt nicht mehr …“, sagte sie kaum hörbar.
„Danke.“ Raphael legte seine breite, starke Hand auf ihre, die schmal und mager war. Das Protokoll, raste es durch sein Hirn, was zum Teufel ist mit diesem verdammten Protokoll passiert? Wann verdammt wirst du es mir sagen? Werner H. Wer ist das, verdammt? Was hat er gesehen? Wer das Boot abgefackelt hat? Dovenhof? Und warum? Spuren beseitigen? Spuren wovon? War das damals der Anfang vom Ende? Vom Ende der Unschuld? Des Rechts? Von meinem Ende …?“
„Raphael …“
Er rieb sich die Stirn, die Augen, beides nass.
Fanny gab ihm das Dossier zurück. „Ich weiß nicht, wer Werner H. ist“, sagte die junge Frau. Sie sprach konzentriert, beinahe angestrengt. „Ich habe dieses Protokoll nie gesehen … Ich habe gewartet und gehofft und gesucht …“, sie brach ab. Stand auf. Zwang sich zu lächeln.
„Pass auf, ich zeig’ dir was!“
Raphael folgte ihr.
Auf ihrem Computer klebten Blümchen. Schmetterlinge. Marienkäfer. „Nett!“, sagte Raphael und meinte es auch. Er konnte jede Erheiterung gebrauchen.
Fannys schlanke Finger tanzten auf der Tastatur. Der frische Kaffee, den sie Raphael gebracht hatte, war kalt geworden. Ungläubig beobachtete der Hauptinspektor, wie Fanny sich gekonnt von Meldung zu Meldung klickte. Raphael starrte auf die zahllosen Zeitungsartikel. Das hier waren die verborgenen Ecken der Verlagsarchive. Verloren geglaubtes Terrain. Mühsam beherrscht las er. Über die Illegalen, die entkommen waren. Den verschweißten Kühlwagen. Über die stundenlange Bergungsaktion, die gefolgt war. Den jungen Schleuser. Über sich. Wie er den Lkw gestoppt hatte. Seine Harley. Wie sie ihn im Helikopter abtransportiert hatten. Ihn operierten. Zweimal las er, er sei tot. Raphael schüttelte den Kopf. Rieb seine Beinstummel. Fuhr sich übers Gesicht.
„Sie können nicht alles löschen“, wiederholte Fanny sanft.
Raphael nickte abwesend. Wer war diese Frau? Sie sah nicht so aus, als wüsste sie, wie man einen E-Mail-Anhang öffnet, und spazierte in fremden Servern ein und aus wie ein Freier in einem Puff. „Du solltest das beruflich machen“, murmelte er und ließ das Stempelkarussell kreiseln.
Sie lachte und sagte wohl auch was, aber er hatte auf einmal Mühe, zu folgen, weil Müdigkeit wie eine schwere, dunkle Wolke über ihm zusammenschlug. Ohne Vorwarnung sank sein Kopf auf den Tisch. „Nicht hier …“, flüsterte Fanny, ganz nah an seinem Ohr. „Komm …“, und sie richtete ihn auf und schob ihn, schob ihn, irgendwohin, weit weit weg. Da war ein Sofa. So ein braunes Ledersofa wie es die Eltern hatten. Alle Eltern. Shabby chic, dachte er noch, als er beim Umsetzen das rissige Leder unter den Händen fühlte. Dann war er weg.
„Ja. Nein. Wir kämpfen uns durch. Er ist sehr gründlich. Ja. Komplizierte Sache. Ja. Ich sage ihm Bescheid. Ja. Tschüß.“ Das war Fanny. Fanny, die mit jemandem telefonierte. Raphael schob die Decke weg, die über ihn gebreitet war, und setzte sich auf. Sein Kopf war jetzt ganz klar. Er schwang sich in seinen Rollstuhl und fuhr zu Fanny hinüber. „Wer ist sehr gründlich?“ Fanny lachte. „Du siehst besser aus. Und nein …“, sie sah ihm in die Augen, „ich habe nichts in deinen Kaffee getan. Das war nicht nötig.“ Raphael biss sich auf die Lippen. Nackig. Immer noch. Er zog sein Handy raus. „Zwei Stunden, verd...“ Fanny grinste. „Das war nötig!“
Raphael atmete tief aus. Er war wieder da. Richtig da. Und er hatte Hunger. Als Fanny ihm gesagt hatte, dass sie da oben längst ohne ihn in die Kantine gegangen waren, hatte er gemerkt, wie hungrig er war. Er rief den Pizzadienst an, redete italienische Brocken, lachte. „Einmal vegetarisch?“, fragte er Fanny, die überrascht nickte. „Pretagliate per favore. Sì. Va bene. Politiehuis. Al portiere. Sì. Ciao.“
„Du kannst Italienisch?“, fragte Fanny kauend, als sie wenig später über ihren Kartons saßen. „Nein.“ Raphael quetschte sich das letzte Stück Familienpizza in den Mund. „Nicht mehr …“. Seine Ex war Italienerin. Sizilianerin. Sie waren verdammte zwei Jahre zusammen gewesen.
„Isst du das noch?“, fragte er ein bisschen zu forsch.
Fanny schüttelte den Kopf und schob ihm ihren Karton rüber. „Sie warten da oben auf dich“, sagte sie vorsichtig. „Du hast sehr intensiv recherchiert.“ Raphael nahm das frische Pflaster, das sie für ihn aus ihrer Handtasche hervorgekramt hatte, und spülte den Rest Pizza mit kaltem Kaffee runter. „Du hast sehr intensiv recherchiert“, berichtigte er.
Sie hielt den Finger auf die Lippen. „Schsch. Du gehst jetzt besser. Und wechsel dein Pflaster. Ciao!“
„Bist du weiter gekommen?“, fragte Anna ohne Spott. Raphael stoppte und sah die Kollegin an. „Die alte Akte, Brabantia. Sieht aus, als hätte die Van… als wäre da dran …“ Er verstummte. Idiot. Einen Augenblick lang hatte er darauf vertraut, dass sie auf seiner Seite wäre. „Sieht gut aus“ haspelte er und floh an seinen Schreibtisch, wo er sich in seine Mails vertiefte. Agenturmeldungen. Die Einsätze der letzten Stunden – einmal Fahrerflucht, dreimal Taschendiebstahl und ein brennender Papierkorb. Personalwechsel im Revier Brügge Zentrum. Und ein Rundschreiben zur Arbeitssicherheit. „… Bitte tragen Sie ab sofort nur noch die neuen Sicherheitsschuhe.“
„Ich muss noch mal weg“, sagte Raphael und zog mit den Zähnen eine Belga aus der Schachtel.
Kapitel 4
Das Wasser des Ringkanals glitzerte in der hoch stehenden Sommersonne. Am anderen Ufer rauschten die Autos vorbei. Plaudernde Schüler auf kunstblumengeschmückten Nostalgierädern überholten Raphael, als er langsam an den ehemaligen Ladekais entlangrollte. Raphael sog den warmen, brackigen Geruch des Wassers ein. Wie oft hatte er als Junge hier gestanden, an den langen Augustnachmittagen, wenn keine Schule war und auch sonst nichts zu tun, und hatte zugesehen, wie Sand in die schwarzen Tiefen der Transportkähne rauschte, unendlich viel Sand. Wie die tief liegenden Schiffe endlich loszogen, behäbig und stolz, Richtung Ostende. Er war ein paarmal in Ostende gewesen damals, bei Tante Miriam. Schokoladen-Babka mit Streuseln. Verdammt lang her.
Eine Glocke schellte schrill, als die Krakelebrücke sich öffnete. Eine Traube von Radfahrern bildete sich vor der Schranke. Dahinter die Autos. Träge näherte sich ein Lastkahn, fuhr an der gedrehten Brücke vorbei Richtung Schleuse. Von hier aus konnte man die Schleuse nicht sehen. Schon klingelte die nächste Brücke. Die Warandebrücke. Behäbig würde sie sich auf ihrem Pfosten drehen wie eine stumpfe, breite Kompassnadel, die keine Eile hat, den Norden zu finden. Auch die Dampoortbrücke, direkt bei der Schleuse, würde bald klingeln. Würde hochklappen, himmelhoch. Anthrazit gegen Meerblau. Dann würden sich die Schleusentore schließen, langsam, wie unter Anstrengung, gegen die ungeheuren Wassermassen des Kanals. Die Wasser würden hereinströmen und das Schiff heben, bis sich endlich das Schleusentor zur anderen Seite und die Brücke öffnen und das Schiff freigeben würden. Und endlich würden die Brücken sich schließen, die Schranken sich öffnen und die Fahrradfahrer würden losbrechen wie ein Bienenschwarm, und dann würden auch die Autos ihren Weg fortsetzen. Raphael lächelte. Der Rhythmus der Stadt. Ihr Atem.
Wie oft hatte er als kleiner Junge an der Schleuse gestanden und geschaut. Die stolzen Schifferfrauen, die die endlos langen Kähne spielerisch durch die schmalen Tore lenkten. Ihre ruppigen Männer, die schwere Taue warfen und mit dem Schleusenwärter scherzten. Ein Auto, festgezurrt oben an Deck. Wäsche und Wimpel im Wind. Ein kleiner Hund. Und Kinder. Manchmal hatte er sie an Deck spielen sehen, eingewoben in eine sichere Welt aus hohen Netzen. Manchmal hatte er ihnen zugewinkt. Manchmal hätte er mitfahren wollen.
Die Krakelebrücke schloss sich wieder, grell läutend. Radfahrer quollen über den Asphalt; Autos folgten ihnen und brachten den Brückenstahl zum Poltern. Raphael holte tief Atem. Jetzt war alles anders. War das Warten lästig. Auch ihm.
Er besah das Boot, vor dem er stehen geblieben war. In der Ferne läutete die Dampoortbrücke. Der Name ‚Brabantia‘ war ein bisschen verwaschen. Leute schauten von der Terrasse über dem ehemaligen Laderaum auf ihn herab. Gesichter aller Formen und Farben.
Nussbaum, Kirsche, Ebenholz, dachte er. Er hatte mal Schreiner gelernt; wo er herkam, waren Polizisten verpönt. Zwei Typen bauten sich am Eingang auf. Raphael hielt seinen Ausweis hoch und begehrte Einlass. Er las ihre Blicke, als einen Moment lang die Maske fiel: Ärger. Dann Empörung – für sie war wohl ein halber Bulle gerade gut genug. Angst auch. Kein Mitleid, immerhin. Dann schlossen sie wieder ihre Visiere. Er konnte förmlich das feindselige Klicken hören. Trotzdem musste er da hinein. Das war sein Job. Wenn er sich jetzt zierte, würden sie ihm nie vertrauen.
Er musste nur noch an Bord kommen.
Raphael kniff die Augen zusammen und besah die schmale Gangway. Mit Schwung und auf zwei Rädern könnte es gehen. Aber dann dachte er an die Puppenstubenarchitektur, die ihn auf dem Boot erwarten würde, und verwarf es wieder. Er konnte auch auf den Händen gehen, ziemlich gut sogar. Aber das hier war keine Freakshow.
Ergeben hob Raphael die Arme.
Er sah, wie die Typen auf den Teppich aus Tattoos starrten, der sich auf seinen Muskeln blähte. Als er das erste hatte stechen lassen, hatte sein Großvater ihn geschlagen. Niemals wieder, hatte der alte Mann geschrien und ihm das seine hingehalten, blasse Ziffern auf runzliger Haut. Es hatte wie eine Telefonnummer ausgesehen. Wenig später war er gestorben.
Raphael legte seine Arme um die zwei starken, dunklen Nacken, die sich zu ihm beugten, und ließ sich hochnehmen. Er wog immer noch weit über einen Zentner, aber sie balancierten ihn mühelos über die Planke.
Sie setzten ihn auf bunte Kissen, zu anderen, die ihn stumm beäugten. Er versuchte gleichgültig dreinzuschauen, während sein Herz wie eine Bassdrum schlug. Jetzt war er wirklich ein halber Mann. Aktionsradius Null. Oder so gut wie. Vorsichtig zog er die Hand zurück, die instinktiv an die Hüfte gefahren war. Er trug keine Waffe mehr. Er war ja kein Selbstmörder. Als er ein paarmal tief durchgeatmet hatte, bekam er die Gewalt über sich zurück.
Er scannte die dunklen Gesichter.
Es stimmte nicht, dass sie alle gleich aussahen. Nicht, wenn man verdammte zwei Jahre lang Gemüse unter hegenden Händen gewesen war, zu denen meist Gesichter wie diese gehört hatten.
Er zwang sich, zu lächeln.
Er machte Smalltalk. Die afrikanische Art. Er wusste noch, wie das ging. Mein Name ist Raphael. Und deiner? Wie geht es dir? Danke. Gut. Ja, meiner Frau auch. Nur gute Nachrichten, Bruder. Und deine Familie? Alles gut? Er sprach langsam. Englisch. Französisch. Kramte nach den Brocken Kisuaheli, die er damals gekonnt hatte. Sijambo. Es geht mir gut.
Raphael unterdrückte ein Seufzen. Damals. Es war alles noch wie damals. Als es angefangen hatte mit den Flüchtlingen. Dieselbe Fremdheit. Nicht zu wissen, ob sie etwas verstanden hatten. Etwas verstehen wollten. Er fuhr fort, zu lächeln.
Ein Tablett erschien vor seiner Nase „Do you want some tea?“ Er hasste Tee. „Sure. Thanks a lot.“ Die Leute waren schwer einzuschätzen. Und sie kamen und gingen. Er wusste nicht mal, wie viele sie waren. Sie ließen ihn keinen Überblick gewinnen. Er unternahm nichts dagegen. Wie auch?




