Freche Fee und lustiger böser König. Märchen

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»Sag mal!« unterbrach ihn die Prinzessin. »Wer ist denn der ganz kleine Magere dahinten, der mit dem Stupsnäschen?«
»Ach Gott!« antwortete der Kalendermann, »Das ist ja das Schmerzenskind, der Februar.«
»Komm mal her, Kleiner,« sagte Fanfrilla.
Der Kleine trippelte heran.
»Er hinkt ja!« rief die Prinzessin und nahm ihn auf den Arm.
»Ja,« sagte der Kalendermann, »sein linkes Bein ist nicht in Ordnung. Bald ist es länger, bald kürzer, es ist ein Jammer mit ihm.«
Die Prinzessin streichelte den Kleinen und sagte:
»Also du bist der Februar, wegen dem ich die ganze Häkelei von vorne wieder anfangen muß!«
»Ich kann nix dafür!« brüllte der Kleine. »Ich kann nix dafür! – Ich bin eine Mißgeburt! Böh! Böh! – – Böh!«
Die Prinzessin setzte den kleinen Schreihals vorsichtig neben sich ins Gras und steckte ihm zur Beruhigung den Hexenbonbon in den Mund. Da fing er natürlich gleich an zu suckeln und hörte auf zu schreien.
»Nun, und die anderen da?« fragte Fanfrilla den Kalendermann. »Wer sind die andern?«
»Die vorne ist die Frau Woche, und hinter ihr stehen ihre sieben Jungens. Der mit dem sichelförmigen Hut ist der Montag und der, der sich die Sonne auf den Bauch gemalt hat, ist der Sonntag. Der Mittwoch ist der mit dem Flügelhütchen und der Dienstag da trägt ein kleines Holzschwert in der Hand, das ihm sein Pate, der alte Kriegsgott Tiu geschenkt hat.«
»Ich hab auch was von meinem Paten geschenkt bekommen!« rief der kleine Donnerstag und zeigte der Prinzessin einen Hammer mit einem ganz kurzen Stiel.
»Wer war denn dein Pate?« fragte ihn die Prinzessin Fanfrilla.
»Donar hieß er,« rief der Kleine, »und war auch ein Gott und noch viel größer und stärker als dem Dienstag sein Pate.«
Da wurde aber der Dienstag fuchtig.
»Nein, mein Pate war stärker,« schrie er, »und mein Schwert ist mir auch viel lieber als dein Hammer!«
Es fehlt nicht viel, dann hätten sich die beiden gerauft.
»Na, zankt euch nur nicht!« rief die Prinzessin. »Kommt alle her, einer nach dem andern darf jetzt ein bißchen an dem großen Hexenbonbon lutschen.«
Die ganze Gesellschaft kam heran und stellte sich um die Prinzessin auf. Die nahm den Hexenbonbon dem kleinen Februar aus dem Mund, der zuerst wieder ein ganz üriges Gesicht machte, dann aber sich doch beruhigte, da ihm Fanfrilla versprach, daß er bald wieder an die Reihe kommen würde.
Und nun machte der Hexenbonbon die Runde. Jeder suckelte, so stark er konnte, aber der gute Bonbon blieb stets so groß wie er vorher war. Der Kalendermann mußte zählen und jeder durfte so lange lutschen, bis er auf fünfzig gekommen war, dann mußte er den Bonbon weitergeben. Das machte nun allen großen Spaß, bloß dem kleinen Februar dauerte es viel zu lange, bis er wieder dran kommen sollte. Er dachte, es sei wohl das beste, wenn er wieder anfinge zu schreien, und begann auch sofort loszubrüllen.
»Böh!« schrie er. »Böh! Ich will den Bonbon haben! Böh! Böh!«
»Da sehen Sie, Prinzessin,« sagte der Kalendermann, »es ist schrecklich mit dem Jungen! Da kann man erziehen, soviel man will, er bessert sich nicht und er bessert sich nicht! Ach, was soll das noch werden!«
Fanfrilla nahm den kleinen Störenfried wieder auf den Schoß, streichelte ihm die struppigen Locken, putzte das Stupsnäschen und wischte ihm die Tränen aus den Augen. Aber es nutzte alles nichts, der kleine Februar schrie und brüllte immer ärger:
»Ich will den Bonbon haben! Böh! Ich will den Bonbon haben! Böh!«
»Du unartiger Junge,« sagte die Prinzessin, »da hast du deinen Willen!«
Sie nahm dem Freitag, der gerade dran war, den Bonbon weg und steckte ihn dem kleinen Februar in den Mund. Sofort war er ganz still, setzte sich bequem zurecht und sog aus Leibeskräften an seinem Bonbon.
»Na, schmeckts?« fragte die Prinzessin.
Der kleine Mann gab aber gar keine Antwort, er lutschte ruhig weiter.
Da plötzlich fühlte die Prinzessin Fanfrilla, wie sie ganz naß wurde. Sie sprang mit einem Ruck auf, setzte den Kleinen ins Gras und rief:
»Pfui! Pfui! – Der häßliche kleine Kerl ist ja nicht einmal stubenrein!«
Alle liefen herbei, um die Prinzessin abzuputzen, die ganz trostlos an ihrem gelben, seidenen Kleidchen heruntersah.
»Ach,« jammerte sie, »mein schönes Kleidchen ist ganz verdorben!«
Der Kalendermann fing an zu klagen:
»Oh, Prinzessin! – Das Elend! – Wenn Sie wüßten, was für Mühe ich mir mit dem Racker gegeben habe! Nur Untugenden, hat er, nur Untugenden!«
»Sei still, dummer Kalendermann!« rief Fanfrilla wütend. »Du bist an allem schuld, du allein! Ich werde es meinem Papa sagen!«
»Ach Gott! Ach Gott!« heulte der Kalendermann. »Die Prinzessin verzeiht mir nicht; sie will es ihrem Papa sagen!! Ach Gott! Dann ist es um uns alle geschehen, wir werden abgeschafft!«
Nun brach die ganze Gesellschaft los.
»Die Prinzessin verzeiht uns nicht!« heulten die Monate.
»Sie will es ihrem Papa sagen!« weinte die Woche.
»Ach Gott! Ach Gott!« schrie der Kalendermann.
»Wir werden abgeschafft!« brüllten die Tage.
»Ach, mein Kleidchen! Mein schönes Kleidchen!« jammerte die Prinzessin.
Nur der kleine Februar saß ganz vergnügt im Gras und lutschte an dem großen Hexenbonbon, was er nur konnte.
Den Lärm aber hatte endlich die alte Ginsterhexe gehört, sie nahm den Stock und humpelte aus ihrer Hütte heraus.
»Wer wagt es, mich beim Lateinlernen zu stören?« rief sie. »Was gibt es denn?«
Alle waren im Augenblick ruhig. Die Prinzessin Fanfrilla trocknete sich die Tränchen und sagte:
»Ach, liebe Tante Hexe, der Kalendermann hat mich immer schon so geärgert und jetzt ist er mit dem kleinen Kerl da, dem Februar, angekommen, der mich ganz naß gemacht hat!«
»Oh, liebe Frau Hexe!« rief der Kalendermann, »glauben Sie mir, ich bin nicht schuld daran! Nur allein der nichtsnutzige Bengel, der Februar!«
Die andern schrien alle durcheinander.
»Der Februar ist schuld daran! Der dumme Februar! Der häßliche Februar!«
Die Ginsterhexe stieß mit dem Stock den kleinen Mann und fragte:
»Kleiner, was hast du denn zu sagen?«
Da guckte der Junge sie mit großen Augen an.
»Ich kann nix dafür!« sagte er. »Ich kann nix dafür, ich bin eine Mißgeburt!«
Und er lutschte ruhig an seinem Bonbon weiter.
»Du mußt abgeschafft werden!« riefen die andern Monate.
»Ja, liebe Frau Hexe,« sagte der Kalendermann, »ich glaube es wäre das allerrichtigste. Es ist doch besser, daß man den kleinen Taugenichts abschafft, als daß uns der König alle zusammen abschafft!«
»Sei still!« fuhr ihn die Ginsterhexe an. Dann wandte sie sich wieder an den Februar.
»Kleiner,« sagte sie, »komm mal mit mir in die Hütte hinein. Ich will dir was schenken!«
»Schenk mir den Bonbon!« sagte der Februar.
»Den sollst du auch haben!« antwortete die Hexe. »Komm nur mit!«
Da sprang der Kleine auf, steckte sich seinen Bonbon noch tiefer in den Mund, ergriff die Hand der Alten und lief neben ihr her, so schnell ihn seine kleinen Füßchen tragen wollten.
Die Ginsterhexe öffnete einen großen Schrank und nahm ein buntes Mützchen heraus mit vielen goldenen Schellchen. Dann nahm sie noch eine kleine hölzerne Pritsche, tat beides zusammen in eine Schachtel und gab sie dem kleinen Februar.
»So, mein Junge!« sagte sie und strich ihm mit dem zauberkräftigen Ginsterzweig leise über die Locken und das Gesicht. »Nun merke wohl auf, was ich dir sage. Jetzt geh schön mit dem Kalendermann nach Hause und warte ruhig deine Zeit ab, bis du wieder ins Land ziehen darfst. Setz dich derweilen in ein Eckchen, sprich kein Wort und suckle nur fleißig an deinem Bonbon!«
»Das will ich gern tun!« sagte der Kleine.
»Dann aber, wenn der Kalendermann dich ruft, dann setz das Mützchen auf, nimm die Pritsche in die Hand und tolle lustig hinaus in die Welt! – Hörst du?«
»Ja, liebe Tante Hexe!« sagte der Februar.
Da nahm die alte Ginsterhexe ihn auf den Arm und trug ihn hinaus.
»So,« sagte sie zu dem Kalendermann und setzte den Kleinen zur Erde nieder, »hier hast du dein Sorgenkind wieder. Hoffentlich wird er dir noch einmal recht viele Freude machen! Laß ihn mir aber ja fein in Ruhe! – Und sage dem König, daß die Prinzessin dir Verzeihung gewährt!«
»Aber mein schönes gelbes Kleidchen ist doch verdorben!« unterbrach sie die Prinzessin.
»Du bekommst ein neues,« sagte die Ginsterhexe.
»Und den guten Hexenbonbon nimmt der Kleine auch mit!« brummte Fanfrilla.
»Du bekommst einen andern,« sagte die Tante Hexe.
»So?« rief die kleine Prinzessin. »Nun, Kalendermann, dann will ich euch meinetwegen allen miteinander verzeihen.«
»Die Prinzessin verzeiht uns!« jubelte der Kalendermann. »Kinder, laßt die Prinzessin hochleben!«
Da riefen alle die Kleinen, so laut sie konnten:
»Lang lebe die gute Prinzessin Fanfrilla!«
Nur der kleine Februar nahm mit der Patschhand den großen Bonbon aus dem Mund und rief mit seinem hellen Stimmchen:
»Es lebe die gute Tante Hexe!«
Dann schob er rasch seinen Bonbon wieder zwischen die Zähne.
Der Kalendermann zog tief seinen Hut vor der alten Ginsterhexe und der jungen Prinzessin und rief seine Schar zusammen.
»Nun schnell nach Hause mit euch, lose Gesellschaft,« sagte er, »daß nur ja niemand merkt, daß ihr heute alle zusammen in der Welt herumlauft!«
Der Herr Jahr holte seine Jungen zusammen und die Frau Woche die ihren.
Nur der Dienstag mit seinem Holzschwert und der Juni mit den Mohnblumen im Haar brauchten nicht mit nach Hause zu gehen, weil die beiden gerade Dienst hatten. Sie faßten sich unter den Arm und sprangen munter in den Wald hinein.
»Daß du mir ja pünktlich um zwölf Uhr zu Hause bist!« rief der Kalendermann dem Dienstag nach.
Die Prinzessin Fanfrilla aber stand zwischen den Ginsterbüschen und warf dem kleinen Volk viele gelbe Blüten nach.
Im Winter, als alle sieben Quellen vereist waren und die Ginsterbüsche schwer unter dem blanken Schnee sich beugten, saß die Prinzessin Fanfrilla eines Abends am Kamin und packte das Filetschürzchen, das gerade fertig geworden war, in schönes rosa Seidenpapier ein.
Da hörte sie, wie die Tante Hexe ihre dicken Bücher zuklappte und aufstand. Sie hatte kaum Zeit, das Filetschürzchen in ein Pappkästchen zu stecken, weil es doch eine Geburtstagsüberraschung sein sollte, als auch die Alte schon auf sie zukam.
»Zieh dich an, Fanfrilla!« rief die Tante Hexe. »Du sollst in die Stadt fahren, den Papa besuchen!«
»Was?« rief die Prinzessin und sperrte Mund und Augen weit auf. – »Wir haben ja keinen Schlitten und keine Pferde! – Wie soll ich denn fahren?«
»Das wirst du schon sehn,« antwortete die Ginsterhexe. »Zieh dich an! Zieh dich an!«
»Was soll ich denn anziehen?« fragte Fanfrilla. »Das rosa Hängerchen oder das grüne Kleidchen mit den Schleifen oder das – – «
»Gar keins von denen!« unterbrach sie die Alte. »Du sollst ein ganz neues Kleidchen anziehen.«
Sie klatschte dreimal in die Hände, da flog die Türe auf und eine große Eule flatterte ins Zimmer. Sie trug im Schnabel eine Schachtel, die legte sie vor die Prinzessin auf den Boden.
Fanfrilla machte schnell die Schachtel auf und fand ein wunderschönes weißseidenes Kleidchen mit kurzen Ärmeln und mit großen weißen Pompons besetzt. Dabei lag eine hohe spitze Mütze und entzückende weiße Seidenschühchen und Strümpfchen.
»Ach, liebste Tante Hexe!« jubelte die Prinzessin. »Ist das für mich?«
»Gewiß! Gewiß!« sagte die Ginsterhexe. »Nun zieh dich nur schnell an!«
Fanfrilla zog sich an, so rasch sie nur konnte. Kaum war sie fertig, als die Alte wieder dreimal in die Hände klatschte. Da erklang draußen ein lustig Schellengeläute. Die Alte warf der kleinen Prinzeß einen dicken Pelzmantel über, dann gingen sie hinaus. Vor der Türe stand ein wunderhübscher Schlitten, der mit zwölf starken Füchsen bespannt war. Auf dem Bock saß ein kleiner Kerl, der die Zügel hielt, man konnte aber gar nichts von ihm erkennen, da er ganz in einen dicken Otterpelz eingemummt war. Die Ginsterhexe hob die Prinzessin Fanfrilla in den Schlitten und deckte sie mit einer großen Decke warm zu.
»Fahr zu!« rief sie dem kleinen Kutscher zu, dann trat sie rasch wieder in ihr Haus zurück.
Der kleine Kutscher ließ die Peitsche lustig knallen und wie der Wind ging es durch die helle Mondnacht. Die silbernen Schlittenschellen läuteten durch den Wald, daß überall die Hirsche und Rehe und Hasen herbeiliefen und neugierig dem fröhlichen Gefährt nachschauten.
»Kling – Kling – Kling – – «
An dem Abende aber saß der dicke König Krökel I. in dem größten Saale seines Schlosses. Er gab ein Fest und hatte viele Leute eingeladen, aber er langweilte sich furchtbar. Und alle andern, die um die große Tafel herumsaßen, langweilten sich ebenso sehr.
Der König Krökel gähnte. Und der Kanzler von Sanftmut gähnte. Und die Minister gähnten und alle Leute, die am Tische saßen, und sie langweilten sich so sehr, daß dem einen ein Hühnerbein und dem andern ein Stück Brot und dem dritten ein Teltower Rübchen im Halse stecken blieb.
Da schallte von draußen ein lustiges Schellengeläute und ein helles Peitschengeknalle in den Saal hinein.
»Sehen Sie doch mal, was da los ist, lieber Sanftmut!« sagte der König zu seinem Kanzler.
Der Kanzler sprang rasch auf und lief ans Fenster.
»Da draußen vor dem Schloßtore steht ein merkwürdiges Gespann!« rief er. »Ein silberner Schlitten mit zwölf Füchsen bespannt. Mit richtigen Füchsen, denken Sie mal, Herr König!«
»Wer sitzt denn in dem Schlitten?« fragte König Krökel.
»Es sitzt etwas drin,« antwortete der Kanzler, »aber das ist so vermummt, daß man gar nicht erkennen kann, was es ist. – Der Kutscher ist ein ganz kleiner Bursch in dickem Pelzmantel, er ist gerade abgesprungen und befestigt kleine silberne Räder unter dem Schlitten.«

»Warum denn?« fragte der König Krökel.
»Das weiß ich nicht,« antwortete der Kanzler von Sanftmut. »Jetzt steigt er wieder auf den Bock und fährt vor das Schloßtor. – Nein, so was! Er schlägt mit der Peitsche dagegen und die beiden Flügel springen auf! Nun fährt er hinein!«
Man hörte jetzt das Schellengeläute auf der Treppe und gleich darauf einen lustigen Peitschenschlag gegen die Tür des Saales, die weit aufsprang.
In dem Augenblick, als das Gefährt in den Saal rollte, warf der kleine Kutscher seinen Pelzmantel ab und die Prinzessin Fanfrilla folgte seinen Beispiel. Die zwölf roten Füchse hoben die Ruten hoch und jagten was sie konnten in den Saal hinein. Sie liefen rund um die große Tafel herum und alle die silbernen Schellchen klingelten, daß es eine Lust war. Der kleine Kutscher auf dem Bock trug ein gelb-weiß-grün-rotes Mützchen, dessen goldene Schellen mit denen am Schlitten um die Wette läuteten. – Vor dem König Krökel zog er die Zügel fest an, sofort blieben die zwölf Füchslein stehen. Die Prinzessin Fanfrilla sprang aus dem Wagen heraus, lief auf den König zu, umarmte ihn und küßte ihn mitten auf die Nase. Dabei rief sie:
»Papa König! Wie gehts?«
König Krökel war ganz überrascht über den plötzlichen Besuch seiner Tochter.
»Ich weiß gar nicht,« wandte er sich an seinen Kanzler, »ob sich das eigentlich schickt.«
Da stieg der kleine Kutscher auch aus dem Wagen, lief schnell hinter den König, faßte seinen Zopf und kletterte flugs daran in die Höhe. Dann sprang er über seinen Kopf weg und stellte sich mitten auf den Tisch vor ihm auf.
»Helau!« rief er. »Helau!«
Der König und seine Minister machten sehr dumme Gesichter und die Prinzessin Fanfrilla guckte den Kleinen erstaunt an.
»Kennst du mich denn nicht mehr, Prinzessin?« rief der Kleine. »Ich bin ja der Februar! Und das hier,« fuhr er fort, indem er seine Mütze in der Luft schwenkte und mit der Pritsche klapperte, »das ist das Geschenk von der lieben Tante Hexe! Damit mache ich alle Welt heute lustig und vergnügt!«
Er sprang auf den König Krökel zu und schlug ihm mit der Pritsche mitten vor den Bauch. Da fing der fürchterlich zu lachen an. Der kleine Februar lief aber über den ganzen Tisch herum und schlug die Gäste mit der Pritsche oder klingelte ihnen mit seiner Schellenmütze in die Ohren. Die schönen Damen und die edlen Herren, die sich vordem noch so gelangweilt hatten, wußten gar nicht, wie ihnen geschah, sie wurden plötzlich so fidel und so guter Dinge, daß sie am liebsten die ganze Welt abgeküßt hätten.
»Sieh mal, was unten im Schlitten liegt!« rief der kleine Februar der Prinzessin Fanfrilla zu.
Die ging hin und fand auf dem Boden des Schlittens eine große Menge von bunten Holzpritschen und seidenen gelb-grün-weiß-roten Mützchen. Sie hob ihr Röckchen hoch, nahm alles hinein und brachte es dem kleinen Februar hin.
Der schlug mit seiner Pritsche an eine große Weinflasche und rief:
»Helau! Seid mal still, ich will eine Rede reden! – Ich bin der Februar, auch der Prinz Fasching genannt. Ich bin gekommen, Euch von all Euren Sorgen und Grillen und allem dummen Griesgram zu befreien! Da! Setzt Euch die Mützen auf und klappert mit den Pritschen und seid vergnügt und lacht und schreit alle zusammen: – Helau!«
Damit warf er die Mützen und Pritschen den Festgästen zu. Die Prinzessin Fanfrilla nahm die allergrößte Mütze und stülpte sie dem Papa König auf den Kopf, dann gab sie ihm die Pritsche in die Hand, die am meisten klapperte.
König Krökel sprang auf und schrie so laut er konnte:
»Helau!«
Und alle andern sprangen auch auf und schrien und jubelten:
»Helau! Helau! Helau!«
Dann machten sie einen großen Rundzug durch den Saal. Zuerst kam König Krökel, der trug den kleinen Februar huckepack. Ihm folgte die Prinzeß Fanfrilla, die sich wieder in den hübschen Rollschlitten gesetzt hatte und nun selbst die Füchse kutschierte. Hinter ihr ging stolz der Kalendermann in seinem Sonntagsrock und dann kamen alle die andern. König Krökel schritt auf seinen Thron zu und setze sich, der kleine Prinz Fasching aber kletterte oben auf die Lehne.
»Kalendermann!« rief der König. »Komm einmal her!«
Der Kalendermann nahte sich und machte eine tiefe Verbeugung.
»Kalendermann!« sagte König Krökel. »Eigentlich sollte ich dich erst aufhängen und dir dann den Kopf abschlagen lassen, weil du mir nie etwas von den ausgezeichneten Talenten des kleinen Februars gesagt hast. – Aber weil ich ein gnädiger König bin und weil der Kleine ein gutes Wort für dich eingelegt hat, so will ich dir statt dessen den großen Stern des närrischen Mondkalbordens erster Klasse mit Eichenlaub und Schwertern verleihen.«
Der König winkte; der Kanzler trat vor und heftete dem überglücklichen Kalendermann den großen Orden an die Brust.
»Ich aber,« fuhr der König fort, »König Krökel der Erste von Ulalume bestimme hiermit und verordne, daß von nun an jedes Jahr auf drei Tage der kleine Februar, unter dem Namen Prinz Fasching, mein Reichsverweser sein soll, und schalten und walten darf, wie er will!«
Da zog der Kleine den dicken König wieder am Zopf und sagte ihm ins Ohr:
»Reich mir doch die Prinzessin Fanfrilla herauf, Onkel König!«
König Krökel beugte sich herab und hob das Prinzeßchen, das zu seinen Füßen saß, hoch auf den Arm. Der Kleine aber faßte sie in die schwarzen Locken und küßte sie mitten auf den roten Mund.
Dann rief er laut in den weiten Saal hinein:
»Helau! Ich bin der Prinz Fasching, und das ist meine schöne Prinzessin!«
Da rief die ganze Versammlung:
»Es lebe der Prinz Fasching und seine schöne Prinzessin! Helau! Helau! Helau!«
Und alle lachten und jauchzten und jubelten, daß es eine Lust war.
So kam es, daß der arme kleine Februar zu hohen Ehren kam, und noch heute der schönste Monat ist im ganzen Jahr!
Aber nur in Ulalume, in Torelore und Thule und in ein paar andern Landen am Rhein und an der Isar.
Die alte Postkutsche
Eines Tages sagte Jupp zu Otto:
»Wenn du Mut hast, können wir solche Abenteuer, wie sie die Großmutter erzählt, selbst erleben, ich wüßte auch, wo! Draußen auf dem Felde liegt eine alte Postkutsche, da müssen wir hineinkriechen. – Ich war schon ein paarmal dort!«
Am nächsten Samstage zogen die beiden Jungen aufs Feld hinaus. Sie hatten auf Jupps Rat alles mitgenommen, was nötig war, um Abenteuer zu erleben; erstens Schinkenbrote (die hielt Jupp bei allen Gelegenheiten für sehr notwendig), dann ein großes Stück Schnur, ein Taschenmesser, ein kleines Fernrohr, das Otto von seinem Hauslehrer bekommen hatte, und endlich ein Pistölchen, das Jupp von einem anderen Jungen gegen drei Glaskugeln eingetauscht hatte.
In der Nähe des Waldes lag auf dem Felde eine alte gelb angestrichene Postkutsche. Sie hatte nur noch zwei Räder, und kein Mensch wußte, wie sie dahingekommen war. Dort hinein krochen die beiden Jungen und streckten sich auf dem Heu aus, das Jupp schon bei früheren Gelegenheiten in großer Menge hereingeschleppt hatte.
Dann begannen sie ihre Butterbrote aufzuessen. Das sei immer die erste Vorbereitung zu allen Zauberabenteuern, meinte Jupp, – hinterher müsse man sich dann der Länge lang ausstrecken und sich ein wenig ausruhen.
Das taten sie, und bald schliefen beide ein.
Nach einer Weile war es Otto, als ob Jupp ihn anstoße; er hatte das Fernrohr in der Hand und hielt es ihm hin.
»Hier!« sagte er. »Damit wollen wir uns ganz klein machen, damit wir durch die Löcher hinein können, die in das Wunderland führen.«
Otto nahm das Fernrohr und betrachtete es von allen Seiten, dann sagte er:
»Aber wie kann man sich damit klein machen?«
»Sehr einfach! So wie es die beiden Prinzen machten, von denen unsere Großmutter erzählt! Ach, die Geschichte kennst du noch nicht? – Paß auf, ich will dirs zeigen! – Guck mal aus dem Wagenfenster! Was siehst du dort?«
»Vorne die Landstraße mit den Bäumen.«
»Nun nimm das Fernrohr; was siehst du nun?«
»Ganz dasselbe, aber alles viel größer!«
»Nun dreh das Fernrohr um.«
»Jetzt sehe ich alles ganz klein und winzig.«
»Also,« fuhr Jupp fort, »das ist der ganze Witz! Du drehst das Fernrohr um und siehst mich an, dann bin ich ganz klein.«
Otto blickte durch das Fernrohr auf Jupp – und wirklich, der war plötzlich nicht größer wie ein Daumen! Er erschrak sehr und ließ entsetzt das Fernrohr fallen; da sah er, wie Jupp, so rasch er konnte, durch das Heu zu dem Fernrohre hinkletterte. Aufheben konnte er es nicht mehr, dazu war er viel zu klein, aber er schob es so zurecht, daß er durch dasselbe auf Otto sehen konnte. – Und siehe da! Im selben Augenblicke schrumpfte auch Otto zusammen.
Otto war ganz entsetzt; er frug seinen Freund, wie man nun wieder groß werden könnte?
»Sehr einfach,« sagte Jupp. »Dann brauchen wir nur wieder von der richtigen Seite durchs Fernrohr zu sehen!«
Otto wollte das gleich probieren; aber Jupp lachte und erklärte, es fiele ihm gar nicht ein, jetzt hindurchzusehen, sie wollten erst Abenteuer erleben, und da Otto allein sich ja nicht größer machen konnte, so mußte er sich wohl oder übel in sein Schicksal fügen.
Die beiden Jungen betrachteten sich. Ihre Sachen waren mit ihnen kleiner geworden, ihre Kleider, Taschenmesser, Glaskugeln, alles, was sie bei sich trugen.
»Es ist gut, daß wir die Butterbrote vorher aufgegessen haben, sonst wären sie auch so klein geworden,« sagte Jupp. »So, nun wollen wir nachsehen, ob hier irgendwo ein Loch ist.«
»Warte, Jupp!« rief Otto, »ich muß mir nur eben noch die Nase putzen!«
»Fatzke!« murmelte Jupp.
Otto suchte in allen Taschen, doch sein Taschentuch war nicht da. Plötzlich sah er es nicht weit von ihnen auf der Erde liegen; aber es schien so groß wie ein Bettuch! – Er hatte es aus der Tasche fallen lassen, ehe sie durch das Fernrohr gesehen hatten, und da war es natürlich nicht mit klein geworden.



