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»Sie hat die Unbeugsamkeit ihres Vaters!«
Laertes schien nicht gewillt, auf den frivolen Tonfall einzuschwenken.
»Muss das wirklich sein?«, fragte er resigniert. »Müssen wir die Zwischenfälle auch noch provozieren?«
»Was willst du?«, brauste Dr. Rogers auf. »Du hast selbst gesagt, dass uns der ganze Laden um die Ohren fliegt, wenn wir einmal nachgeben. Wenn wir nicht einmal mehr Nachschub zu unseren Basen schaffen können, können wir die ganze Veranstaltung namens Imperium gleich abblasen!«
Laertes schüttelte den Kopf.
»Es ist zu offensichtlich«, sagte er. »Selbst wenn es zu einem Scharmützel kommt und selbst wenn wir es für uns entscheiden, gerade dann …«
»Das will ich doch schwer hoffen«, fuhr der pensionierte General ihm übers Wort. »Diesmal sind wir schließlich gewarnt.«
»Gerade dann«, fuhr der Philosoph unbeeindruckt fort, »wird man es uns als böses Kalkül auslegen.«
»Diese Art zu denken«, knurrte Dr. Rogers, »wird sich mir nie erschließen.«
»Man wird sagen«, hob Laertes die Stimme, »wir hätten es darauf angelegt!«
Rogers schlug mit der Faust auf den Tisch, dessen gravimetrisches Feld für einen Augenblick summte und knisterte.
»Dann darf ich mich überhaupt nicht mehr bewegen!«, tobte er. »Ich könnte ja überfallen werden. Und dann könnte man hinterher sagen, ich habe überfallen werden wollen, um einen Vorwand zu haben, nach der Polizei zu schreien.«
Laertes blickte ihn offen an. Sein Schweigen wirkte ernüchternd auf den alten Haudegen, der drauf und dran gewesen war, sich wieder einmal in seine geliebte Rage zu reden.
»Jennifer bekommt den Frachter«, sagte Rogers. »Und ein Geschwader schneller Jäger hält sich mit programmierten Sprungvektoren bereit. Reynolds’ ingeniöse Quantenbox macht es möglich, in Echtzeit Hilfe durch den Hyperraum zu schicken.«
»Ich sage ja nicht«, führte Laertes seinen Gedankengang zu Ende, »dass es logisch oder überzeugend ist. Aber ich fürchte, es wird dennoch so kommen!«
»Dann scheiß drauf!«, polterte der Texaner.
»Es wäre sogar denkbar«, spann Laertes den Faden aus reinem Widerspruchsgeist noch ein wenig fort, »dass sie auf Baisse spielen und sich von unserer Übermacht überrumpeln lassen. Ein paar ihrer Leute zu opfern, stellt für sie ja offensichtlich kein Problem dar. Und wir kämen einmal mehr als diejenigen an den Pranger, die überzogen reagieren und blindwütig um sich schlagen.«
»Wir verteidigen nur unser Eigentum und unsere Rechte«, sagte Dr. Rogers.
»In den Augen der Dritten, aller kleinen und militärisch schwachen Völker, werden wir als die eigentlichen Aggressoren dastehen.«
»Umso besser! Dann werden sie sich in Zukunft zweimal überlegen, mit wem sie anbandeln!«
Die beiden stemmten die Blicke ineinander. Dann entspannten sie sich wieder. Es war nur ein Schaukampf gewesen. Ein Strategiespiel. Ein möglicher Ablauf dessen, was sich vielleicht schon morgen oder übermorgen realiter auf dem Kongress ergeben könnte.
»Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überreizen«, sagte Laertes, als sich die inszenierten Wogen wieder geglättet hatten.
»Wir sind rein defensiv«, gab Dr. Rogers zurück. »Wir verfahren nach der Strategie der flexible Response. Wenn der Gegner eskaliert, eskalieren wir auch. Dann wird man sehen, wer den längeren Atem hat.«
Laertes hatte den Zeigefinger ausgefahren. Jetzt stach er ihn seinem alten Weggefährten mitten in die Brust.
»Siehst du?«, versetzte er mit einem Beigeschmack von rhetorischem Triumph. »Darum ging es mir die ganze Zeit. Müssen wir wirklich mit den Zthronmic darum wetteifern, wer brutaler ist? Wer zu mehr Grausamkeiten fähig ist? Ein erstes Exempel ihrer – Fertigkeiten haben sie schon abgeliefert.«
Rogers schien der Debatte müde zu sein.
»Erstes strategisches Gesetz«, sagte er im leiernden Tonfall einer Vorlesung, die er schon hundertmal gehalten hatte, »den Krieg dorthin tragen, wo er herkommt. Und zweitens: so früh wie möglich klarmachen, dass man zur größtmöglichen Härte entschlossen ist.«
Er senkte einen tiefen Blick in Laertes.
»Alles Appeasement der Geschichte hat nicht einen Krieg verhindert – nur die, die kamen, noch schlimmer gemacht.«
»Dann bekommt Jenny ihren Frachter«, stellte Laertes fest.
»Sie bekommt ihn«, nickte Dr. Rogers. »Und vielleicht fallen uns ja noch ein paar Überraschungen ein.«
Die Gläser waren geleert. Die übrigen Gäste der SkyLounge waren längst gegangen. Nach Bordzeit der MARQUIS DE LAPLACE war Mitternacht vorüber. Die Ordonnanz hatte sich schon einige Male laut und vernehmlich geräuspert, geräuschvoll die Gläser weggeräumt und sich an ihrer Theke zu schaffen gemacht. Ihre via KomLog eingefädelte Verabredung wartete vermutlich schon, zwei oder drei Etagen tiefer im dreidimensionalen stählernen Labyrinth des riesigen Schiffes. Dennoch wagte sie natürlich nicht, die beiden Alten direkt zum Gehen zu drängen. Mit der Schwere von Männern, die zu müde sind, um aufzustehen und nach Hause zu gehen, hockten der pensionierte General und der selbst ernannte Chefideologe da und starrten vor sich hin.
»Wiszewsky liegt im Sterben«, sagte Laertes nach einer Weile.
In Rogers’ gerötetem Gesicht war keine Regung zu erkennen.
»Hab’s gehört«, brummte er.
»Die Komarowa ist bei ihm«, fügte Laertes noch an. Dann musste er schmunzeln, denn das war sie ja all die Jahrzehnte permanent gewesen. Von den Anfängen der interstellaren Exploration bis zur Schlacht um Sina war sie buchstäblich nicht von der Seite des Commodore gewichen. Jetzt begleitete sie ihn auf seinem letzten Gang.
Auch Rogers hatte unwillkürlich grinsen müssen, als er sich das ungleiche Paar vor Augen führte. Der stets zerstreut wirkende Wiszewsky, der die MARQUIS DE LAPLACE mehrere Dezennien lang wie ein Duodezfürst regiert hatte – und die püppchenhafte Weißrussin, die während der ganzen Zeit wie nur je eine Mätresse an ihm geklebt hatte.
»Die Goldene Generation stirbt aus«, sagte der Veteran der beiden größten Schlachten, die die raumfahrende Menschheit je geschlagen hatte.
»Wir sind die Letzten«, nickte Laertes.
Nach einer Weile erhoben sie sich schwankend und taumelten, einander unterfassend, zum Elevatorschacht. Das Kraftfeld baute sich selbsttätig auf, als sie die unsichtbare Sperre der KI durchschritten. Dann glitten sie einige Hundert Stockwerke senkrecht hinunter zu den Wohntrakten und Offiziersunterkünften der MARQUIS DE LAPLACE.
Pater Bel I
Pater Pu Rhea Bel hatte die Nacht vom 4. auf den 5. Shalem der Periode 10-294 in Gebetshaltung vor seinem Meditationskaktus verbracht. Zwar war er am Abend zur gewöhnlichen Stunde zu Bett gegangen, aber kurz nach Mitternacht hatten ihn ferne Erschütterungen und Detonationen geweckt. Er hatte sich den Morgenmantel übergeworfen und war auf das Vordach seines Pueblos gestürzt, dessen weiß gekalkte polyedrische Flächen in der klaren sternenhellen Nacht bläulich geleuchtet hatten. Im Frost der Stunde leicht zitternd, hatte er zum Himmel aufgesehen, der von mächtigen Explosionen durchzuckt wurde. Eine Art Wetterleuchten pulste und blitzte naturwidrig am wolkenlosen Firmament. Aus den Feuerbällen lösten sich rußig rote Meteoriten, die langsam in parabelförmigen Bahnen nach Westen zogen und dort, tief in der Großen Ngév und weit jenseits des Horizontes, zerschellten. Von dort kam auch das ferne Rumpeln und Grollen, das ihn aus dem Schlaf geweckt hatte. Es vereinte das Unheimliche eines Erdbebens oder Vulkanausbruchs mit dem regelmäßig mahlenden Takt eines großen Walzwerkes. Die Meteore oder Asteroiden schlugen mehrere Tagesmärsche weit hinter den Westbergen in die Ebene, daran konnte kein Zweifel sein. Doch was flackerte und brannte da am Himmel? Pater Bel musste widerstreitende Assoziationen zurückdrängen. War es ein Stern von Betlehem – oder ein flammendes Zeichen der Apokalypse? Beide Erinnerungen waren blasphemisch; er musste sie in sich zum Schweigen bringen. Denn das Zeichen von Betlehem war nur einmal erschienen, es hatte nur einmal erscheinen können; auf eine Wiederkehr zu hoffen, war Gotteslästerung. Und kein kosmisches oder historisches Ereignis konnte den Jüngsten Tag evozieren, wenn der Herr und Heiland die Himmel aufrollen und Gericht halten würde.
Nach einer Weile kamen die lautlosen Explosionen in der hohen Atmosphäre zum Erliegen. Und auch das ferne Donnern aus den lebensfernen Weiten der Ngév verstummte beinahe; es ebbte zu einem fast unhörbaren Grummeln ab, wie wenn ein Gewitter vorbeigezogen war und sich jenseits der Gebirge austobte. Die Brände, die über den Einschlagkratern lohten, schienen anzuhalten. Der westliche Horizont war von einem tiefroten, wabernden Schein überwölbt, einer Art schmutzigen Zodiakallichtes. Niemand wusste, was sich dort in dieser Stunde zutrug, wie viel Blut in diese Feuersbrunst vermischt war.
Der Pater hätte es sich nicht durchgehen lassen, sich nach diesem Schauspiel wieder zu Bett zu begeben. Er kehrte in seine Wohnung zurück und schloss die Tür aus wärmedämmendem Elastil, die die Verbindung zum terrassenförmigen Vordach bildete. Aber er verweigerte sich für den Rest dieser Nacht den Schlaf. Vermutlich hatte es Tote gegeben. Menschliche oder andere Seelen irrten im Raum zwischen den Welten umher. Er musste für sie beten.
Er ließ sich auf dem hölzernen Bänkchen vor seinem Meditationskaktus nieder und versenkte sich in Trance. Dabei liefen die Gedanken auf unterschiedlichen Ebenen weiter. Wie die Satelliten einer Welt, die diese auf den verschiedensten Bahnen umkreisen und einander niemals berühren, kreisten seine Überlegungen um das nächtliche Phänomen, das seinerseits die unterschiedlichsten Deutungen und Interpretationen erlaubte. Er glaubte ausschließen zu können, dass es ein natürliches Ereignis gewesen war. Ein Asteroid, der an den hohen Atmosphäreschichten zerschellt wäre, hätte niemals ein solches lang anhaltendes Feuerwerk geboten. Und Kometentrümmer oder Meteore, die auf die Wüste eingehagelt wären, hätten nicht zu solchen Bränden geführt. Was sollte brennen, in der Stein- und Geröllwüste der Großen Ngév? Es mussten enorme Treibstoff- oder Munitionsmengen im Spiel sein. Eines oder mehrere Schiffe mussten aus einem Orbit abgestürzt sein. Vermutlich war dem ein Gefecht vorausgegangen. Ihm war von einer politischen Krise oder einer sonstigen Bedrohungslage nichts bekannt. Aber die Situation auf dem geteilten Planeten war in den letzten Tagen und Wochen immer noch prekärer geworden. Auch ein Kampf im Raum über der Lufthülle konnte da nicht ausgeschlossen werden.
Er wusste nichts. Und er verbat sich alle Spekulation. Er ahnte nur eines: Im großen schwarzen Buch der Geschichte wurde wieder einmal ein neues Kapitel aufgeschlagen. Er fürchtete, es werde auf dieser Welt spielen, auf dem so überaus reichen und kargen, umkämpften und verlassenen, schönen und erbarmungslosen, gesegneten und verfluchten Zthronmia.
Pater Pu Rhea Bel betete zu Gott, dass der Konflikt glimpflich ablaufen und dass sein Hunger nach menschlichen und anderen Seelen nicht unersättlich sein würde. Er erteilte allen, die in der Nacht womöglich den Tod gefunden hatten, die Absolution. Dann verharrte er in durchlässiger Trance bis zum Morgen.
Nachdem er das Morgengebet gesprochen und die rituelle Verneigung vor seinem Kaktus absolviert hatte, widmete er sich im ersten Frühlicht seinen Übungen. Man sollte dem Körper nicht zu viel an Aufmerksamkeit widmen; aber ihn zu vernachlässigen, war dennoch Sünde. Schließlich war er das Gefäß des Geistes. Nachdem er sich gewaschen und angekleidet hatte, nahm der Pater sein knappes Frühstück aus getrocknetem Fladenbrot und dünnem Synthetkaffee zu sich. Eines seiner wenigen Zugeständnisse an die Zeit künstlicher Genussmittel. Er hatte sich eben die weiße Toga aus handgewebtem Tuch umgeworfen, um sich zu seiner Gemeinde zu begeben, als die Sirenen ertönten. Das war zwar in den letzten Wochen zu einer beinahe täglich wiederkehrenden Prüfung geworden, dennoch durfte es – auch in der inneren Haltung, die man dazu einnahm – niemals Routine werden.
Er trat auf die Plattform seiner Pueblos hinaus und beschattete die Augen vor der Sonne, die in diesem Augenblick über den staubigen Horizont kam. Im Westen war ihm gerade noch ein dünner schwarzer Rauchfaden aufgefallen, dessen Wurzel tief in der Großen Ngév stehen musste und der sich im Morgenwind zusehends zerfaserte. Doch jetzt loderte im Osten ein neuer Morgen. Es bestand kein Zweifel, dass es ein blutiger sein würde. Denn aus dem Strahlenfächer der aufgehenden platinfarbenen Sonne brach ein Geschwader Scyther hervor, das in weit auseinandergezogener Formation im Tiefflug auf den Kibbuz zuhielt. Wie es ihrer gewöhnlichen Taktik entsprach, bildeten die Scyther ein asymmetrisches Delta, dessen einer Balken aus drei, der andere jedoch aus mindestens einem halben Dutzend Maschinen bestand. So pflegten sie in geringer Höhe auf ihr Zielgebiet zuzuhalten und es dann in rollenden Angriffen ins Visier zu nehmen.
Der Pater konnte sehen, wie die Menschen überall den Schutz der Bunker und festen Unterstände aufsuchten. Er selbst blieb an seinem Platz, auf dem weit vorspringenden Terrassendach seines Pueblos. Die Angriffe der Zthronmic galten für gewöhnlich der Unterstadt, wo ihre Bomben im Gewirr der engen Gassen wie auch auf den weiten volkreichen Plätzen, Märkten und Foren mehr Schaden anrichten konnten als bei den vereinzelt stehenden Häusern der Oberstadt, die sich an den Hang des Hügels lehnte. Er fühlte sich einigermaßen sicher. Zugleich schämte er sich dieses Gefühls, das einen Beigeschmack von Überheblichkeit barg. Weidete er sich an der Illusion seiner Unversehrbarkeit – und am Anblick der Katastrophe wenige Steinwürfe unter seinen Füßen?
Der Pater beschloss, es diesmal nicht bei der Rolle des Zuschauers zu belassen. Während unten die ersten Einschläge krachten, hangelte er sich an der Außenleiter seiner Pueblos nach unten und tauchte in die kühle Gasse ein, die zu dieser frühen Stunde noch im Schatten lag. Dann begann er, die verwinkelten Treppen und Wege hinunterzueilen, die zur bevölkerungsreichen Unterstadt führten. Detonationen ließen die Gebäude erbeben. Scheiben aus Elastalglas gingen zu Bruch. Explosionen, Sirenen, Schreie ertönten und vermischten sich zu einem panischen Durcheinander. Das Gellen der Verwundeten wurde von den ohnmächtigen Rufen der Mütter durchdrungen, die ihre Kinder sterben sahen. Dazwischen schollen die Kommandos der Rettungskräfte und die anklagenden Laute der unfreiwilligen Zeugen, die mit ansehen mussten, wie der Kibbuz ein weiteres Mal angegriffen wurde, ohne sich zur Wehr zu setzen.
Je weiter er im kegelförmigen Bau der verschachtelten Siedlung nach unten kam, umso voller waren die Straßen von hin und her eilenden Menschen. Und immer noch krachten Einschläge. An der Ecke zum großen Markt kam ihm ein Mann der Schutztruppe entgegen, warf sich über ihn und zog ihn zu Boden. Während der Pater noch verwirrt um Atem rang, von der schweren Gestalt des Mannes fast erdrückt, bebte die Erde unter ihm und der Himmel verwandelte sich in flüssiges Blut. Eine Pilzwolke aus rotem Feuer blühte über ihnen auf, während der Boden wankte und der Explosionsdruck den Staub in seltsam ästhetischen Mustern um die Kanten der Gebäude tanzen ließ.
Brennende Schwaden troffen auf sie herab. Die Luft war geschwängert vom widrigen Dunst explodierten Treibstoffs und verkohlten menschlichen Fleisches. War eines der Depots getroffen worden?
Während sie sich mühsam erhoben und überall Leute dabei waren, die vom Himmel regnenden flüssigen Brände zu löschen, starrte der Pater den Mann an, der ihm das Leben gerettet hatte. Zwei Schritte weiter, aus dem Schutz des steinernen Gebäudes heraus, und der feurige Atem der Katastrophe würde ihn in Asche verwandelt haben.
»Was war das?«, stammelte er und erschrak darüber, wie heiser seine Stimme klang.
Der bullige Schutzmann, der nicht das traditionelle weiße Gewand der Amish trug, sondern eine Uniform aus Hitze abweisendem Elastil, lugte vorsichtig um die Ecke und auf den getroffenen Markt hinaus.
»Eine Aerosolbombe«, hustete er, sich Staub und Ruß aus dem Anzug klopfend.
Pater Bel schob ihn aus dem Weg und trat auf den Platz hinaus. Er erstarrte. Ein Bild des Grauens bot sich ihm, das die schrecklichen Szenen der vergangenen Wochen verblassen ließ. Der Sprengsatz von der Stärke einer thermischen Granate war in das Schulgebäude gefallen, das den südlichen Abschluss der großen Freifläche bildete. Mehrere Dutzend Kinder waren verbrannt. Auch auf dem Vorplatz wälzten sich zahllose Verletzte und Sterbende. Manchen hing die Haut in verkochten Fetzen vom entkleideten Leib. Andere verröchelten mit geplatzten Lungen. Wenige Schritte vor ihm starb ein zehnjähriges Mädchen. Der Explosionsdruck musste sie quer über den riesigen Platz geschleudert haben. Ihr Rücken war aufgerissen und verbrannt. Man sah die rohen Lungenflügel zwischen den zerschmetterten Schulterblättern arbeiten. Ihr Haar war abgesengt. Ihre Beine bildeten zerknickte Muster wie die Gliedmaßen einer zerbrochenen Puppe. Hier kam jede Hilfe zu spät. Dennoch dauerte es erschreckend lange, bis das letzte gequälte Leben aus dem winzigen, zerstörten Leib gewichen war.
Die Scyther waren abgedreht. Während der Pater das sterbende Mädchen in seinen Armen barg, fragte er sich, was diese Zunahme der Gewalt bedeuten mochte. Der Angriff stellte eine neue Qualität dar. Auf den ersten Blick war klar, dass er mehr Opfer gekostet hatte als alle Terrormaßnahmen der letzten Wochen zusammen. Allein in der Schule … Er rang nach Luft, während er spürte, wie das kleine Herz in seinen Armen aufhörte zu schlagen. In dieser Stunde der Verzweiflung konnte er nur ahnen, dass der Angriff etwas mit den nächtlichen Vorgängen zu tun hatte. Stellten sie eine Antwort dar, eine Vergeltung? Worauf? Wofür?
Der Pater schloss dem toten Mädchen die von der Qual geweiteten Augen. Eine Frau kam auf ihn zu. Auch ihr Haar war angesengt. Ihre weiße traditionelle Tracht, von Brand- und Blutflecken besudelt, hing in Fetzen.
»Warum?«, schrie sie, in deren Augen der Schock brodelte. »Warum, Pater?«
Auch Pu Rhea Bel wusste, dass er unter Schock stand. Er war beinahe froh darum. Sich von solchen Ereignissen nicht schockieren zu lassen, wäre eine noch größere Sünde gewesen als die Hilflosigkeit, in der er jetzt Shorena gegenübertrat.
»Ich – weiß es nicht …«, stammelte er rau.
Er versuchte, die verstümmelte Leiche des kleinen Mädchens auf den von Staub bedeckten Steinboden zu betten. Dann erhob er sich unter Schmerzen. Er musste am ganzen Körper grün und blau sein von den zweieinhalb Zentnern des Hünen, der ihn umgeworfen hatte. Doch was war das gegenüber den Verletzungen derer, die verbrannt und gestorben waren?
Während er feststellte, dass er zitterte und sich kaum auf den Beinen halten konnte, sah er die Frau ben Cyrions, der seit Monaten in der Ferne war, traurig und ratlos an.
Auch mehrere Männer kamen auf sie zu und bildeten einen Halbkreis um ihn. Die meisten erwachsenen Amish arbeiteten in den Minen. Die wenigen, die sich im Kibbuz aufgehalten hatten, hatten bei der ersten Sirene alles stehen und liegen gelassen und waren zu den Schutz- und Sanitätsstaffeln gelaufen. Doch was konnten sie ausrichten?
»Warum lassen wir das zu?«, fragte der Hüne, der ihm das Leben gerettet hatte und der jetzt mit verbranntem Gesicht von der Löschung der letzten Brände zurückkam. Es war Ari ben Guron, der Führer der Freiwilligen, die turnusgemäß bei ihren Familien geblieben waren.
Der Pater zuckte die Schultern. Theologische Sophismen zuckten durch seinen Geist. Im Seminar hätte er sich eine brillante Rechtfertigung zurechtlegen können. Aber hier, im wüsten Gestank Dutzender verbrannter Leichen, wurde sie zu Nichts.
»Gott …« Er schüttelte den Kopf. Ein hysterisches Schluchzen rang sich in ihm los.
»Warum lässt Gott es zu?!«, rief Shorena und stemmte die Fäuste in die rußverschmierten Hüften, die nackt unter ihrem zerfetzten Gewand hervorschienen.
Der Pater wagte nicht, sie anzusehen. Er hätte sie fragen müssen, wie viele ihrer sieben Kinder in der Schule gewesen waren …
»Wir müssen uns bewaffnen«, sagte Ari. Der ruhige Bass seiner Leibesfülle gab seinen Worten ein Gewicht, das keine noch so ausgeklügelte Argumentation hätte widerlegen können.
Mehrere andere Männer stimmten ihm zu und schüttelten die Fäuste.
»Wir dürfen uns nicht abschlachten lassen wie Vieh!«, riefen sie. »Ohne etwas zu unternehmen. Ohne uns zur Wehr zu setzen!«
»Wir sollten den Rat einberufen«, schlug Shorena vor. »Ich werde Cyrill schreiben, dass wir ihn hier vor Ort brauchen.« Sie funkelte den Pater zornig an. »Was kümmern uns diese Verhandlungen Gott weiß wo? Sie machen unsere Kinder nicht wieder lebendig!«
Dann bohrte sie den entschlossenen Blick ihrer schwarzen Augen, deren Lachen einst so unwiderstehlich schön gewesen war, in den Pater, bis er begriff. Er trat zur Seite und gab den Leichnam ihrer Tochter frei. Ohne erkennbare Regung bückte sie sich zu dem schwärenden Bündel, lud es auf ihre nackten Arme und ging damit davon.
Norton I
Die Anfrage kam am nächsten Morgen. Sie überraschte mich nicht; ich hatte damit gerechnet. Allenfalls der Zeitpunkt hätte einen irritieren können. Hatten wir nichts anderes zu tun?
Das Dossier war um fünf Uhr morgens auf den Teil des StabsLogs überschrieben worden, der dem Zugriff des Kommandanten vorbehalten blieb. Ich wusste daher auch, von wem er stammte.
Die Mauretanier galten als Frühaufsteher. Ihre Arbeitsessen konnten sich den ganzen Vormittag hinziehen. Aber sie legten Wert darauf, das erste Tagewerk schon vorher zu erledigen.
Die Codierung zeigte an, dass die Anfrage persönlich auf meinen gesicherten Bereich des StabsLogs gestellt worden war und nicht etwa mittels einer programmierten Terminierung. Es musste also ein chronischer Nachtarbeiter wie zum Beispiel Direktor Reynolds gewesen sein – oder eben einer der unsympathischen Angehörigen des Mauretanierordens. Ich gab im Stillen einen Tipp ab und öffnete dann das Dokument.
Auch diese Wette hätte ich gewonnen!
Die Anfrage stammte von Dr. Flitebuca, dem weißhaarigen Rat und Stellvertreter Xanda Salanas. Während Salana als Hoher Repräsentant den protokollarischen Pflichten nachkam, Empfänge eröffnete und Sonntagsreden hielt, wirkte Moran Flitebuca im Verborgenen. Er kümmerte sich um die Ausarbeitung der Schriftstücke und Verträge, deren Verabschiedung Salana dann mit viel Champagner und noch mehr Händedrücken feierte. Flitebuca war der Herr des Kleingedruckten. Ein Aktenfresser, Paragrafenreiter, Strippenzieher. Ein Mauretanier eben. Denn dieser Orden hatte es sich zum Ziel gesetzt, einerseits die Schaltstellen der Macht zu besetzen, andererseits aber unter der Oberfläche zu wirken. Es hieß, dass er nur wenige Hundert Mitglieder habe und dass ihre Zahl seit mehreren Jahrhunderten konstant sei. Sterbe ein Mitglied, werde ein neues aufgenommen. Diese wenigen Hundert Männer hielten die Fäden von Politik, Industrie und Militär in der Hand und kontrollierten so – ohne sich um Dinge wie demokratische Legitimierung zu kümmern – die Geschicke der Union seit ihrer Gründung und ihrem Aufbruch ins Zeitalter der interstellaren Exploration.
Es wurde gemunkelt, Jorn Rankveil gehöre dem Orden ebenfalls an. Zumindest würde mich das nicht wundern. Er war der Typ dafür. Und vermutlich war auch Commodore Wiszewsky ein Mauretanier gewesen. Die selbstverständliche Art, wie er das Amt des Kommandanten der MARQUIS DE LAPLACE angetreten hatte, und die gleichzeitig seltsam unspektakuläre Art, wie er es jahrzehntelang geführt hatte, deuteten darauf hin. Bewiesen würde es nie werden. Es schickte sich auch nicht, danach zu fragen. Er würde auch dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen, und wahrscheinlich schon recht bald. Denn sein Gesundheitszustand hatte sich in den letzten Tagen rapide verschlechtert. Der Bordarzt der MARQUIS DE LAPLACE sah mehrmals täglich nach ihm. Und natürlich wich die Komarowa nicht von seiner Seite. Wann hätte sie das je getan?
Das alles erfuhr ich, als ich mich an diesem Morgen in die Kommandantenebene der Schiffsprotokolle einloggte.
Aber das Auffälligste war die Anfrage Dr. Moran Flitebucas. Ihm war aufgefallen, dass sämtliche Flugbewegungen rund um Torus und Parkraum, aber etwa auch im Bereich der Baustellen der MARQUIS DE LAPLACEs II und III, vom telepathischen Kontinuum der Tloxi gesteuert und überwacht wurden. Für einen Zivilisten und Sesselfurzer wie ihn war das eine enorme Leistung. Wahrscheinlich erwartete er im Stillen, dass man ihm Anerkennung zollte.




