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Tatsächlich war es – seit wir Sina zerschlagen hatten und die Tloxi der Union beigetreten waren –so, dass sämtliche Aktivitäten unserer Schiffe – von Shuttleflügen bis hin zu den intergalaktischen Operationen unserer Lambda-Ionensonden und von Frachtdrohnen bis zu den Missionen unserer schweren Kreuzer –, vom Tloxi-Kontinuum erfasst, koordiniert, gesteuert, überwacht und auch gespeichert wurden.
Dr. Flitebuca hatte nun zu rechnen begonnen und herausgefunden, dass wir unsere eigene Flugsicherung doch eigentlich einsparen könnten. Große Schiffe wie die MARQUIS DE LAPLACE unterhielten bislang einen eigenen Tower, untergebracht im 127. Stockwerk über dem Großen Drohnendeck, der alle Flugbewegungen von EVAs bis zu den Missionen der ENTHYMESIS-Explorer steuerte und überwachte. Und das galt auch für unseren Wartungsraum im Neptunorbit, für unsere Basen vom Asteroidengürtel bis zu den Kolonien im Eschata-Nebel und für Raumstationen wie die Ikosaeder, die wir von den Sinesern übernommen hatten.
Allein auf der MARQUIS DE LAPLACE waren mehrere Dutzend Planstellen dafür vorgesehen. Im Einflussbereich der Union summierten sie sich auf einige Tausend. Flitebuca vertrat die Auffassung, man könne sie sich sparen. Natürlich enthielt das Dokument umfangreiche Anlagen. Aufstellungen und Rechenbeispiele, in denen der Hohe Rat dokumentierte, wie sich – über einen entsprechenden Zeitraum gesehen – Milliarden Dollar freibekommen ließen, die man für andere Aufgabenfelder einsetzen könne, etwa für den Aufbau einer galaktischen Verwaltung.
Xanda Salana und Jorn Rankveil hatten sich dem Vorschlag bereits angeschlossen. Flitebuca hatte ihr Statement ebenfalls angehängt, in dem sie die Maßnahme nicht nur als Effizienzsteigerung priesen, sondern auch als Akt der Vertrauensbildung. Da wir mit den Tloxi ohnehin eng zusammenarbeiteten, könnten diese die Aufrechterhaltung einer Parallelstruktur als Dokument unseres Misstrauens interpretieren. Dem würden wir begegnen, wenn wir die Parallelen beseitigten.
Als Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE – immerhin des größten Schiffes, über das die Union verfügte – und ranghöchster diensttuender Offizier eben dieser Union bekam ich die Anfrage zur Kenntnisnahme. Mein Urteil war erwünscht. Entscheiden würde jedoch ein politisches Gremium. Ein unmittelbares Mitspracherecht hatte ich dabei nicht.
Es war klar, dass das Harakiri war. Eigentlich musste es jedem denkenden Menschen einleuchten. Aber wann hätten Politiker je zu den denkenden Menschen gezählt? Wir begaben uns nicht nur in eine noch tiefere technologische Abhängigkeit von den Tloxi. Wir verloren auch jeden Handlungsspielraum für den Fall, dass sie einmal nicht mehr so wollten wie wir. Das Sinesische Imperium war zusammengebrochen, als die Tloxi gemeutert hatten. Ich wollte ja nicht ständig den Teufel an die Wand malen, aber es wäre mir lieb gewesen, die Union hätte die Einsatzbereitschaft ihrer Flotte auch dann bewahrt, wenn die undurchschaubaren kleinen Wesen es sich wieder einmal anders überlegten.
Ich setzte ein entsprechendes Memorandum auf. Die Union … – Aber wir alle waren jetzt die Union, sogar Sineser, Zthronmic und Amish gehörten dazu. Man musste sagen: die alte Union, der Teil der raumfahrenden Menschheit, der vor mehreren Jahrhunderten terrestrischer Zeit beschlossen hatte, die interstellare Herausforderung anzunehmen. Das war ein bisschen umständlich, zumal für ein Schriftstück, das anderthalb bis zwei Leseminuten auf keinen Fall überschreiten durfte. Ich nahm Zuflucht zu einem Trick. Statt »Der Teil der raumfahrenden und so weiter« schrieb ich: »Wir«. Sollte jeder für sich selbst entscheiden, ob er zu diesem Wir gehörte oder nicht.
»Wir können es uns«, schrieb ich, »nicht leisten, organisatorisch und technologisch in noch weiter gehendem Maße von den Tloxi abhängig zu werden, als wir das ohnehin schon sind. Darin ist kein Misstrauen ausgedrückt, sondern lediglich der Ansporn formuliert, dass wir – und das heißt letztlich: jeder Einzelne – unsere Fähigkeiten jeden einzelnen Tag unter Beweis stellen und fortentwickeln müssen. Gerade wenn wir den Anspruch erheben, die Galaxis zu verwalten« – das hässliche Wörtlein »beherrschen« hatte ich ausgespart; es hätte in diesem Kontext kontraproduktiv gewirkt – »und die Hinterlassenschaft des Sinesischen Imperiums in ein friedliches und ziviles Miteinander zu überführen, können wir es uns nicht leisten, einer Haltung der Bequemlichkeit und der kurzfristigen Effekte Vorschub zu leisten. Gez. Commodore Frank Norton, Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE.«
Ich schickte das Memorandum an meinen gesamten Verteiler im StabsLog der fliegenden Crew und der Planetarischen Abteilung, unter anderem also an Dr. Rogers und Direktor Reynolds, von denen ich mir Unterstützung erhoffte, und natürlich auch an die abwesende Jennifer, die sich mit anderen Problemen herumschlug. Aber wer wusste es zu sagen? Vielleicht waren ihre Probleme gar nicht so weit von dem entfernt, worum es hier ging. Die Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit der »alten« Union, die sich gerade anschickte, die Galaktische Karte zu spielen, und die sich dabei nicht selbst unnötige Fesseln anlegen durfte – weder technologisch noch organisatorisch, weder wissenschaftlich noch militärisch, weder politisch noch juristisch, weder ideologisch noch moralisch. Wir standen im Begriff, ein neues Zeitalter zu eröffnen, und mir war sehr daran gelegen, dass wir dies ohne Einschränkungen oder Hypotheken taten.
Anschließend begab ich mich auf den Torus. Für gewöhnlich trat ich die kurze Passage erst nach Feierabend an, wenn ich meinen Dienst als Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE beendet hatte. Aber auf dem Schiff gab es vorderhand wenig zu tun. Die Geschehnisse auf dem Kongress schienen dagegen einer Entscheidung zuzustreben. Das hatte sich mir schon morgens aufgedrängt, als ich die aktuellen Meldungen des StabsLogs abgerufen hatte. Der Eindruck bestätigte sich, als ich unterhalb der großen Agora aus der Schleusenkammer trat.
Der Torus war kaum wiederzuerkennen. Schon nach dem Attentat auf unseren Frachter waren die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden. Wachen waren verdoppelt, Kontrollen verstärkt, die Bewegungsfreiheit eingeschränkt worden. Doch war das im Rückblick kaum ein Vorspiel zu dem, was mich jetzt erwartete.
Ich hatte das Shuttle verlassen, hatte mich ausgewiesen, war durchleuchtet und sogar abgetastet worden. Jetzt kam ich auf den Hauptweg innerhalb des Torus hinaus, die mehrere Hundert Meter breite, hundert Kilometer über unseren Köpfen in sich zurückgekrümmte Halle, die die transparente Weite eines Raumhafenhangars und das kosmopolitische Gewusel eines galaktischen Basars in sich vereinigte. Patrouillierende Tloxi-Trupps und Wachmannschaften der Union waren allgegenwärtig. Dazwischen bildeten die Delegationen der einzelnen Völkerschaften abgeschottete Grüppchen, die wie Inseln aus dem Meer der Sicherheitskräfte aufragten. Boten, Zuträger, Referenten und Angehörige des protokollarischen Dienstes liefen dazwischen herum. Die Delegationsleiter hielten kurze Ansprachen an ihre Fraktionen und schworen sie auf die kommende Sitzung ein. Es war wie bei einem Turnier, bei dem die Trainer ihrer Teams noch einmal um sich scharten und sie mit ritualisierten Schlachtrufen für die anstehenden Auseinandersetzungen aufpeitschten. Statt eines sportlichen Wettkampfes, so hatte ich den Eindruck, standen jedoch Auseinandersetzungen auf Leben und Tod an.
Von einem fröhlichen oder auch nur geschäftsmäßigen Ton, wie er dem gemeinschaftlichen und vertrauensvollen Aufbau einer galaktischen Großorganisation entsprochen hätte, war endgültig nichts mehr zu spüren. Stattdessen herrschte eine eisige und feindselige Atmosphäre vor. Wenn zwei Delegationen einander auf ihrem Weg durch die weiten Ebenen des Torus kreuzten, gifteten und fauchten sie einander in den abenteuerlichsten Idiomen der Galaxis an. Tloxi-Aufpasser, die dazwischenzugehen versuchten, wurden von Zthronmic oder Sinesern mit äußerster Brutalität beiseitegeschoben. Einige zerschellten, als sie durch die Luft geschleudert wurden. Ihre emsigen Geschwister bargen die Trümmer und brachten sie zur Rekonstruktion in Sicherheit. Aber auch die Hostessen und Wachmänner der Union mussten sich hüten, den aufgebrachten Gesandtschaften nicht zu nahe zu treten.
Andere – wie die Amish oder die Prana-Bindu – würdigten den ganzen Aufruhr keines Blickes und schritten mit stolzem Schweigen durch das Tohuwabohu. Mein Blick fiel auf Cyrill ben Cyrion, der mir mit der Kargheit eines englischen Butlers zunickte.
Als die gravimetrischen Tore sich zur Großen Agora öffneten und die Delegationen eingelassen wurden, sah ich, dass Cyrill sich sofort zum Podium begab, wo Laertes den Platz des Vorsitzenden eingenommen hatte. Die Sitte, den Leiter des Konvents vor Beginn einer Debatte zu begrüßen, war von den meisten Abordnungen still und leise fallen gelassen worden. Cyrill schien einer der Letzten zu sein, der sich ihrer noch erinnerte. Er nutzte die steife und formelle Begrüßung, um Laertes etwas zu überreichen. Es war ein faustgroßer Kristall, in den ein Qchip eingelassen war. Vermutlich eine Protestnote oder ein Memorandum. Der Träger bestand aus reinem kristallinen Zthrontat. Allein der materielle Wert musste unermesslich sein. Ein exquisiter Traum der Materie, geträumt in den Tiefen eines gewaltigen Gebirges auf einem abweisenden Planeten irgendwo in den östlichen Quadranten der Galaxis.
Der Kristall war von großer symmetrischer Perfektion. Er glich einem Diamanten von einigen Tausend Karat. Allerdings war sein Feuer nicht ganz so reich wie das eines natürlichen Brillanten. Schiefrige Splitter oder Substrukturen schienen in den hexagonalen Stein eingesprengt zu sein.
Einen Quantenchip, auf dem eine Note von wenigen Sätzen zu Protokoll gegeben wurde, in ein solches Kleinod einzubetten, kam einer Arroganz gleich, die selbst im Fall der Amish beeindruckte. Ich sah, dass Laertes Cyrill die Hand reichte und den Vorsitzenden der amishen Delegation, der sich sofort hatte abwenden wollen, zu einem kurzen Gespräch beiseite nahm. Unser alter Chefideologe wirkte ernst und besorgt. Er schien ben Cyrion ins Gewissen zu reden. Natürlich konnte ich nicht verstehen, was gesprochen wurde.
Die Sitzung war öffentlich. Deshalb konnte ich in einer der Besucherboxen Platz nehmen, die auf halber Höhe über den Sitzgruppen und Tribünen der offiziellen Delegationen und ihrer nachgeordneten Mitarbeiter und Referenten schwebten. Laertes war auf die Idee verfallen, in regelmäßigen Abständen offene Aussprachen abhalten zu lassen. Da die Sitzungen, die der Verabschiedung der einzelnen Paragrafen der neuen Charta dienten, regelmäßig in Grundsatzdiskussionen auszuarten drohten, waren hin und wieder freie Debatten angesetzt, in denen die Delegationen ihre Sicht der Dinge ausführlich und im Zusammenhang darlegen konnten. Diese Debatten konnten von allen Angehörigen der beteiligten Völker besucht werden; sie wurden unzensiert im StabsLog übertragen. Deshalb wurde das Instrument rasch angenommen und die einzelnen Völker nutzten es, um sich vor der noch weitgehend virtuellen Öffentlichkeit der neuen Union in Szene zu setzen.
Der Zufall wollte es, dass an diesem Vormittag kein Geringerer als Zthron Muqa Zthé das Rederecht hatte, der Vorsitzende der zthronmischen Delegation. Er wirkte wie ein Säbelzahntiger, den man in eine von Orden lastende Uniform gezwängt hatte und der sich unbeholfen am aufrechten Gang versuchte. Allerdings war seine Erscheinung beeindruckend, um nicht zu sagen: einschüchternd genug. Hoch aufgerichtet, überragte er jeden erwachsenen Mann um mehrere Haupteslängen. An Manschetten und Kragen quoll struppiges gelbes Raubtierfell aus seinem Kampfanzug. Und handlange Reißzähne brachen aus seinem Furcht einflößenden Maul, das unablässig ein geiferndes und bebendes Brüllen ausstieß. Dass die übersetzende KI eine smarte junge Frauenstimme wählte und die Tiraden des Anführers in geschliffener Diktion vortrug, machte einen nicht unwesentlichen Anteil an der hochgradig skurrilen und grotesken Anmutung des Auftrittes aus.
In letzter Sekunde drückte ich mich in die Besucherbox. Das Haifischgrinsen eines Dr. Rogers strahlte mir entgegen, der auf einem der wenigen freien Sitze in der hintersten Reihe Platz genommen hatte. Er wies neben sich und ich beeilte mich, mich auf den gravimetrischen Sessel zu quetschen.
Die Vorderfront der Box bestand aus gewölbtem Elastalglas. Wir vergewisserten uns, dass es einseitig polarisiert war, sodass man uns vom Plenum aus nicht sehen konnte. Zwar war der Blickwinkel ungünstig – wir sahen über die Tribünen der Delegierten hinweg und vom Rednerpodium aus war man von Scheinwerfern geblendet –, aber wir wollten sichergehen, dass uns die Angehörigen der fremden Abordnungen nicht bemerkten. Für einige von ihnen – die Sineser natürlich und in ihrem Gefolge Zthronmic und Laya – waren wir Militaristen und Kriegsverbrecher. Hätten sie unsere Anwesenheit geahnt, hätten sie sich nicht zu der Freimütigkeit hinreißen lassen, die die einzige Rechtfertigung der zu erwartenden Veranstaltung sein konnte.
Ich musste Laertes im Stillen zu seinem Schachzug gratulieren: den Führern der zwielichtigsten Völkerschaften eine Plattform bieten, auf der sie sich ungehemmt produzieren konnten. Man wusste dann immerhin, woran man mit ihnen war. Die meisten Äußerungen, die hier fielen – und Muqa Zthés Rede würde mit Sicherheit nicht enttäuschen –, waren haarsträubend, hatten aber den Vorzug der Offenheit. Wenn einem einer mitten ins Gesicht sagte, dass er einen hasste oder dass er einen auszulöschen wünschte, war das mehr wert als die tausend und abertausend Druckseiten an diplomatischem Gesäusel, die der Kongress in den vergangenen Monaten angehäuft hatte.
Ich begrüßte Dr. Rogers mit einem kantigen Händedruck und zwängte mich neben ihn in die erstaunlich schmale gravimetrische Bank. Auf einem kleinen Display vor mir öffnete sich die Protokollfunktion des StabsLogs. Wir sahen die Tagesordnungspunkte, die Reihenfolge der Redner, die vorgesehene Agenda.
In einer Leiste am unteren Rand des sensorischen Monitors liefen sonstige Meldungen durch. Ich kannte sie teilweise schon von meiner morgendlichen Abfrage auf der Brücke der MARQUIS DE LAPLACE. Es war wieder zu mehreren schweren Übergriffen auf Zthronmia gekommen. Zthronmische Scyther – ich konnte mir darunter wenig vorstellen, es musste sich um einen Typ schneller Jagdbomber handeln – hatten mehrere amishe Kibbuzim bombardiert. Darunter befand sich auch der Pueblo S’Deró, aus dem Cyrill ben Cyrion stammte. Ich begriff die selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlich strenge Haltung, die er an diesem Morgen zur Schau getragen hatte. Er musste in großer Sorge um die Seinen schweben. Oder wusste er schon mehr, als in den offiziellen Kommuniqués verlautbarte?
Unten ertönte die Glocke. Die wenigen Delegationen, die den Schein eines einvernehmlichen Miteinanders mitspielten, erhoben sich und versuchten, dem Vorgang einen Rest von Würde zu geben. Laertes trat ans Rednerpult. Die Abgeordneten nahmen ihre Plätze wieder ein.
Laertes sprach einige unverbindliche Worte, in denen er die Vision einer friedlichen und zivilen Union beschwor, in der gemeinsame Werte galten, Gewalt geächtet war und Konflikte auf dem Verhandlungswege beigelegt wurden. Dünner Applaus erfolgte vonseiten der alten Union und einiger anderer Fraktionen. Sein Tröpfeln sagte mehr über den Zustand der Veranstaltung aus als alle Reden, die hier noch gehalten werden konnten. Nicht einmal alle Delegierte der alten Union stimmten mehr ein. Auch durch diese Fraktion ging seit dem Rücktritt Kommissar Rankveils ein tiefer Riss. Sineser und Zthronmic, aber auch Laya und Amish verzogen keine Miene.
Laertes räusperte sich. Er schien stark gealtert. Auch er, musste ich im Stillen denken. Commodore Wiszewsky lag im Sterben. Sein Ableben war nach allem, was man hörte, nur noch eine Sache von Tagen. Und auch der alte Haudegen und Schlachtenlenker General a. D. Rogers war nur noch ein Schatten seiner selbst, was besonders in den Vormittagsstunden sichtbar wurde, wenn der Whiskey des letzten Abends seine Augen rötete und er sich die Dosis des neuen Tages noch für eine oder zwei Stunden verkniff. Vom Elan des Helden von Persephone war wenig übrig. Und als Laertes jetzt das Wort an Muqa Zthé abgab und zu seinem Platz auf der rückwärtigen Empore schräg hinter dem Rednerpult schlich, war es, als trete eine ganze Generation ab. Die Goldene Generation verließ die Bühne der Galaxis, die sie selbst erschaffen hatte. In Besitz nehmen vermochte sie sie – wie Moses das Gelobte Land – nicht mehr.
Die Übertragung des StabsLogs schrillte und pfiff, als Zthrons erste, nach Raubtierart herausgebrüllte Sätze das System übersteuerten und an den Rand des Zusammenbruchs brachten. Dann hatte die KI die Übertragung heruntergeregelt. Zthrons Bellen und Röhren wurde unhörbar. Wir verstanden die emotionslose und unverbindliche Stimme der Übersetzungsintelligenz, deren Kontrast zu dem sich löwenhaft gebärdenden Anführer der Zthronmic kaum hätte drastischer sein können.
Muqa Zthé begann mit einem wohlberechneten Sarkasmus.
»Ich sollte mich jetzt vermutlich bei dem Vorsitzenden dafür bedanken, dass er mir das Wort erteilt hat. Aber wir Zthronmic lassen uns nicht das Wort erteilen, sondern wir nehmen es uns, wann immer wir etwas zu sagen haben, und wir bedanken uns nicht dafür, dass wir unsere Meinung aussprechen dürfen. Wir sind heute hier zu einer Generaldebatte zusammengekommen. Zu einer Grundsatzdiskussion, einer Aussprache ohne vorher festgelegtes Thema. Ich möchte die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, meine Sicht der Dinge ausführlich und vorbehaltlos darzustellen. Meine Ansicht im Besonderen und die des heroischen Volkes der Zthronmic – für das ich in Gänze zu sprechen behaupte – im Allgemeinen.
Die Zthronmic haben sich vor einiger Zeit der Union angeschlossen. Wir sind dem Beispiel der Sineser und einiger anderer Völker gefolgt, denen wir uns seit vielen Jahrhunderten eng verbunden fühlen. Aus unserer Skepsis gegenüber diesem Schritt haben wir nie einen Hehl gemacht. Wir wollten es darauf ankommen lassen, wir wollten – wie es in Ihrer Sprache heißt – die Probe aufs Exempel machen. Das Ergebnis war vorhersehbar. Leider muss ich konstatieren, dass wir enttäuscht wurden. Wir hatten es nicht anders erwartet. Wenn Sie gestatten, möchte ich diesen Gedanken etwas ausführlicher darstellen.
Die Union gibt sich den Anschein eines Zusammenschlusses freier Völker, der von gegenseitiger Achtung und Respekt getragen sein soll. Sie garantiert Würde und Leben jedes einzelnen Angehörigen jedes einzelnen Volkes. Sie sichert Glaubensfreiheit und kulturelle Selbständigkeit zu. Sie ächtet die Gewalt und den Krieg. Sie verpflichtet sich auf ein friedliches Miteinander, bei dem allen Völkern und allen Individuen – soweit dieser Begriff bei ihnen tragfähig erscheint – umfassende Rechte zukommen. Alle sollen gleich vor dem Gesetz und der Charta der Union sein. Es gibt keine Vorrechte, keine Privilegien, keine geborenen Führer oder führenden Nationen, sondern es herrscht Gleichberechtigung und die Einklagbarkeit objektiver Garantien vor unabhängigen Gerichten.«
An dieser Stelle schwieg Zthron für einen Augenblick. Es war erstaunlich still im Saal. Selbst die für ihren Radau bekannten Delegationen hörten aufmerksam zu. Die Amish saßen mit stocksteifen Rücken da und verzogen keine Miene, während auf den Fratzen der Zthronmic und Sineser schon der Triumph des nahen Gegenstoßes glitzerte.
»Das alles«, fuhr Muqa Zthé nach einer Atempause fort, »hat man uns in Aussicht gestellt. Man hat es uns versprochen, uns damit gelockt, der Union beizutreten und uns dem kommenden Zeitalter des Friedens und der Gerechtigkeit nicht zu verweigern. Jeder einzelne Satz dieser Charta ist in diesem Gremium und in den Ausschüssen leidenschaftlich diskutiert worden. Die Charta selbst war Gegenstand erbitterter Debatten und eines verbissenen politischen und juristischen Ringens um Formulierungen und Verbindlichkeiten. Endlich schien eine Einigung erzielt, die von allen Völkern unserer Galaxis mitgetragen werden konnte. Auch wir wollten nicht abseits stehen. Schließlich setzten wir unsere Unterschrift unter das Dokument und traten der Union als Vollmitglieder bei – mit allen Rechten und Pflichten.«
Er beugte sich drohend vor und ließ die Blicke seiner glühenden Raubtieraugen über die Reihen der Delegierten schweifen. Den Abgeordneten der (alten) Union stockte der Atem. Die Haltung der Amish wurde, falls das überhaupt möglich war, um eine Spur eisiger. Zthronmic und Sineser holten Luft, um gemeinsam mit Zthés Antithese loszuschreien. Diese ließ nun auch nicht länger auf sich warten.
»Doch wie sehr wurden wir getäuscht!«, brüllte das ordenklirrende Monstrum. »Wir ließen uns auf das Spielchen ein und augenblicklich belehrte man uns eines Besseren. Man zeigte uns – in lehrhafter Schmerzlichkeit –, wie die hehren Worte und die hochherzigen Garantien zu verstehen waren. Sie waren, das erwies sich rasch, das Pergament nicht wert, auf dem die kostbaren Urkunden abgefasst waren. Sie wogen die Speicherkristalle nicht auf, auf denen sie, scheinbar für alle Zeit, niedergelegt worden waren. Was wir im Stillen befürchtet und in zahllosen Debatten laut ausgesprochen hatten, es zeigte sich leider allzu schnell und allzu deutlich als die nackte grausame Wahrheit. Die Gleichheit aller Völker und Individuen? Sie ist nichts wert! Die Souveränität und Selbstbestimmung? Hohle Phrasen! Die Ächtung von Gewalt und Willkür? War schneller vom Tisch, als die Tinte unserer Unterschriften zum Trocknen brauchte!«
Jetzt brach der Sturm vielstimmigen Jubels los. Zthronmic und Laya, Sineser und kuLau waren aufgesprungen und verwandelten das Plenum im Amphitheater der großen Agora in einen Hexenkessel. Zthron ließ die tobende Masse einige Augenblicke gewähren. Der Orkan ihrer frenetischen Beifallsbekundungen raste durch den Versammlungssaal. Dann breitete er beschwichtigend die zottigen Arme aus. Mit den mächtigen Pranken, deren Schlag einen erwachsenen Mann hätte zerschmettern können, gebot er der Menge seiner Sympathisanten Schweigen. Er war ein Dirigent, der sein Orchester im Griff hatte. Eine Nuance seines Gesichtsausdrucks ließ Chöre von Entrüstung losbrechen und wieder ersterben. Er war ein Volkstribun, der über einen wütenden, mordgierigen Mob gebot. Ein Wort von ihm, und dieser Mob würde sich wie ein Lavastrom aus den Türen wälzen und draußen alles unter sich begraben, was so töricht war, sich ihm in den Weg zu stellen. Er hatte die Mehrheit des Konvents in seiner Hand. Er gebot den Repräsentanten von Völkern, die die halbe Galaxie darstellten. Und auf einen Wink von ihm würden sie sich in Bewegung setzen und alles niederreißen, was niederzureißen er ihnen anheim stellte.
Ich wechselte einen Blick mit Dr. Rogers, der unbeeindruckt neben mir saß. Mit einer unmerklichen Handbewegung ließ er das Bild auf seinem Monitor umspringen. Es zeigte jetzt einen der angrenzenden Säle, in denen sich die Delegationen für Zwischenberatungen zu treffen pflegten. Jetzt hielt sich dort eine schwer bewaffnete Schutztruppe bereit. Es mussten mehrere Hundert Mann sein, die dicht gedrängt ausharrten, das Geschehen im Plenum auf einem kleinen Schirm des StabsLogs verfolgten und ihrerseits nur auf ein Zeichen ihres Vorgesetzten warteten, um die Agora zu stürmen und die aufgebrachte Masse mit Waffengewalt zu zerstreuen.
Aber das allein erklärte nicht Rogers’ Ruhe. Er musste über weitergehende Informationen verfügen. Was wusste er? Hielt er etwas vor mir geheim?
Aber indem ich meine Aufmerksamkeit wieder der Vollversammlung zuwandte und den mit ausgebreiteten Armen am Rednerpult verharrenden Zthron Muqa Zthé betrachtete, begriff ich, dass es nicht zum Äußersten kommen würde. Heute noch nicht. Auch dies war nur eine Demonstration. Eine kleine Vorführung dessen, wozu man fähig war.
»Wir wurden getäuscht«, fuhr Zthron fort. »In allen Punkten und in jeglichem Betracht. Ich möchte ein Beispiel aus den letzten Tagen erwähnen, um das zu veranschaulichen. Mir ist bewusst, dass diese Rede von der Protokollfunktion des StabsLogs aufgezeichnet und in alle Teile der Galaxis übertragen wird. Ich spreche also zur Öffentlichkeit unserer versammelten Völker. Und ich wende mich an die Geschichte als an die unabhängige Richterin, die über diesen Fall einst wird befinden müssen.«
»Achtung!«, sagte Dr. Rogers halblaut neben mir. Aber es war nicht nötig, mich zur Konzentration zu mahnen. Auch weil ich in groben Zügen ahnte, was jetzt kommen würde, hing ich atemlos an Zthrons geifernden, von mächtigen Hauern entstellten Lippen.




