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»Vor wenig mehr als vierundzwanzig Stunden – um uns auf die Standards unserer hochgepriesenen Union einzulassen – kam es in einem niedrigen Orbit über unserer heiligen Heimatwelt Zthronmia zu einem bedauerlichen und bezeichnenden Zwischenfall. Ein Frachter der Union, der alten Union, wie man bei diesen delikaten Sachverhalten immer sagen muss, trieb manövrierunfähig dahin. Das Schiff war havariert. Sein Kurs war instabil. Es war abzusehen, dass es innerhalb weniger Standardstunden auf den Planeten stürzen würde. Dummerweise hatte es mehrere Zehntausend Tonnen hochverdichteten Plasmas geladen, die dabei in Flammen aufgehen und die fragile Luftschicht unserer Heimat kontaminieren würden.«
Das war nun wirklich dreist! Ich hatte nicht damit gerechnet, die Zthronmic zerknirscht und schuldbewusst wegen des Vorfalls anzutreffen. Dass sie sich – auf die Massakrierung unserer Crew und die Aufbringung der ENCOURAGE angesprochen – herausreden würden, verstand sich von selbst. Dass sie das Thema aber von sich aus ansprechen und ihr Verbrechen zu einer Waffe gegen uns schmieden würden, übertraf meine kühnsten Erwartungen.
Dr. Rogers zog beeindruckt die Stirne kraus.
»Das ist impertinent«, flüsterte ich.
»Es ist brillant«, gab er zurück und in seiner Stimme schwang offene Anerkennung. Er war stets ein Soldat gewesen, der dem Ideal der Ritterlichkeit verpflichtet geblieben war. Viel Feind, viel Ehr, war seine Devise. Und die Sache hatte ihm immer umso mehr Spaß gemacht, je tapferer und tüchtiger sich die Gegenseite erwiesen hatte. Gemessen an den Sinesern waren ihm die Zthronmic als Gegner zweiter Klasse erschienen, die im Grunde kaum satisfaktionsfähig waren. Zthron Muqa Zthés rhetorisch aggressive Schachzüge schienen ihn eines anderen zu belehren. Für ihn war das ein Leckerbissen. Er lechzte danach, diesem Wesen in der offenen Feldschlacht gegenüberzutreten.
»Die Zthronmic«, führte Zthé aus, »versuchten, den Frachter zu bergen. Als dies nicht gelingen konnte, da seine Bahn zu sehr abgesunken war, bemühte man sich, das Plasma abzupumpen, um es vor dem Verglühen und die Atmosphäre vor der Kontaminierung zu bewahren. Dann ereignete sich der Zwischenfall, auf den ich bereits angesprochen hatte …«
Doch hier und jetzt, im Plenum der Großen Agora, ereignete sich ebenfalls etwas, auf das keiner von uns vorbereitet war. Die Sirene ertönte, mit der der Vorsitzende einen Redebeitrag unterbrechen und sich selbst das Wort zurückerobern konnte. Sofort erhob sich der zu erwartende Tumult. Zthronmic und Sineser schrien auf Laertes ein, der Vorsitzende habe nicht das Recht, sich in den Debattenbeitrag einer freien Aussprache einzuschalten.
Laertes hatte sich ganz ruhig erhoben. Während Zthron noch verdutzt, für einen Augenblick überrumpelt, auf sein ertaubtes Mikrofon starrte, ließ der alte Chefideologe der neuen und alten Union seine Stimme ertönen.
»Ich vermag Ihrem Widerspruch nicht stattzugeben«, sagte er in Richtung der Zthronmic, Laya und Sineser, die aus ihren Sitzen aufgesprungen waren und wild gestikulierten. »Der Vorsitzende ist zu Neutralität und Zurückhaltung verpflichtet. Er darf laufende Redebeiträge nicht ohne zureichenden Grund unterbrechen und sich nicht willkürlich in Diskussionen einschalten. Ein Recht hat er allerdings. Er darf intervenieren, wenn er den Eindruck gewonnen hat, dass ein Redner wissentlich und willentlich falsche Fakten verwendet oder auf eine Weise argumentiert, die erkennbar nicht mit der Wahrheit in Einklang zu bringen ist.«
Zthron Muqa Zthé glotzte ihn sprachlos an. Vermutlich überlegte er, ob er ihn in der Luft zerreißen sollte. Der greise Philosoph ließ sich von der einschüchternden Nähe des Monstrums und seiner physischen Überlegenheit nicht im Geringsten beeindrucken.
Die KI war für Augenblicke überfordert, das Durcheinander aus Schreien der unterschiedlichsten Idiome wiederzugeben. Zthron schien Laertes eher ungläubig als empört zu fragen, ob er ihn in aller Öffentlichkeit der Lüge zeihe. Daraufhin ging Laertes zu einem zweiten Pult, das auf der Seite des Podiums aufgeschlagen war. Bei kontroversen Debatten konnte hier ein Redner der Gegenpartei das Wort nehmen und so gewissermaßen die Position des Staatsanwalts vertreten. Diese Position nahm nun, was ungewöhnlich genug war, Laertes als der Vorsitzende des Konvents selbst ein. Ein präzedenzloser Vorgang, der alles bisher Dagewesene über den Haufen warf.
Dr. Rogers kroch beinahe in sein Display hinein. Er sah aus, als wäre er am liebsten über die Absperrung geklettert und hätte sich ins Geschehen gemischt. Für ihn war das eine besonders spannenden Partie 3D-Schach oder ein glänzendes Turnier im Holo-Billard.
»Keine Angst«, sagte Laertes unten in aufreizender Ruhe und Gelassenheit an Zthés Adresse, »Sie bekommen das Wort gleich wieder, um sich zu verteidigen. Ich fühle mich nur meinem Amt gegenüber verpflichtet, einige Dinge klarzustellen.«
Zthron fauchte etwas vor sich hin, das die KI unübersetzt ließ. Vermutlich war es besser so.
»Soweit ich weiß«, sagte Laertes, »war der Frachter ENCOURAGE II, um den es sich hier handelt, keineswegs havariert. Er wurde vielmehr von einem zthronmischen Kommando aufgebracht und geentert. Die Mannschaft wurde auf bestialische Weise massakriert. Uns liegen die Aufnahmen der Bordkameras vor, die den barbarischen Akt in Bild und Ton dokumentieren. Wenn Sie, lieber Zthron, das Folgende für sich zu reklamieren versuchen, müssen Sie auch die Verantwortung für die Aufbringung des Schiffes und Ermordung seiner Crew übernehmen.«
Der Wahnsinn, der sich jetzt im Plenum abspielte, ließ mich um das Leben des alten Philosophen fürchten. Einige Soldaten der Wachmannschaft rückten demonstrativ vor. Bis zur offenen Saalschlacht schien es nur noch ein Schritt zu sein.
Zthron blieb vollkommen ruhig. Er war sich seiner Sache viel zu sicher, als dass er sich von Laertes hätte aus dem Konzept bringen lassen.
»Von einem solchen Überfall ist mir nichts bekannt«, sagte er. »Es muss sich um ein Kommando einer Splittergruppe gehandelt haben, die sich von der zthronmischen Zentralregierung losgesagt hat. Für eine solche Gruppe können wir selbstverständlich keine Verantwortung übernehmen.«
Laertes nickte. »Wir nehmen das so ins Protokoll. Eine spätere Untersuchung …«
»Eine weitergehende Untersuchung«, fiel Zthron ihm jetzt in wohldosiertem Auftrumpfen ins Wort, »ist leider nicht mehr möglich, da sämtliche Beweise vernichtet wurden. Ich komme jetzt dazu, den eigentlichen Vorfall zu schildern. Als unsere Crew damit beschäftigt war, den Frachter zu sichern und die Ladung aus hochexplosivem und giftigem Plasma zu bergen, wurde sie ohne Vorwarnung von einem Schiff der Union – der alten Union – angegriffen und unter Feuer genommen. Ihr Shuttle wurde zerstört, wodurch ihr der Rückzug aus dem havarierten Schiff unmöglich wurde. Die Mannschaft kam des Frachters ums Leben. Mehrere Zehntausend Tonnen Treibstoff gingen in der hohen Atmosphäre in Flammen auf, erhellten die Nacht über unseren Städten und kontaminierten die ohnehin dünne und anfällige Lufthülle unserer Heimatwelt.«
Er breitete wieder die Arme aus und gebot seiner Gefolgschaft Schweigen. Die meisten hatten schon Luft geholt, um Laertes endgültig niederzuschreien. Sie mussten sich noch für Augenblicke gedulden. Doch mit jeder Sekunde, um die sie zurückgestaut wurde, wurde die Lawine zerstörerischer, die nun sofort losbrechen musste.
»Das Schiff«, brüllte Zthron Muqa Zthé, »war der Explorer ENTHYMESIS, ein Schiff der alten Union. Die verantwortliche Pilotin war Jennifer Ash, eine Offizierin im militärischen Rang eines Commodore, die auch schon während früherer Konflikte für zahlreiche völkerrechtswidrige Angriffe stand. Dies ist also die Unabhängigkeit der gepriesenen Union. Dies ist ihre Achtung vor Souveränität und Selbstbestimmung der Völker. Dies ist ihr Verzicht auf willkürliche Gewalt!«
Jetzt riss er die zottigen, unverhältnismäßig langen Arme in die Höhe. Ein einziger Aufschrei aus Dutzenden Kehlen war die Folge.
Laertes stand ungerührt inmitten des Orkans, obwohl es von der ersten Reihe der zthronmischen Delegation nur ein Schritt bis zu seinem Rednerpult war. Was machte ihn so sicher? Er musste mit dem Leben abgeschlossen haben, ehe er sich auf ein solches Abenteuer einließ. Aber vermutlich hätte der alte Stoiker nur gelächelt über meine laienhafte Vorstellung.
Erstaunlich blieb immerhin, dass auch die Amish den Auftritt unbeeindruckt über sich hinweggehen ließen. Sie saßen da, die Arme vor der Brust verschränkt, die würdigen Häupter stolz erhoben, und zuckten mit keiner Wimper, während links und rechts von ihnen urtümliche Kreaturen Zeter und Mordio brüllten.
»Ich fordere«, rief Zthron – wobei er sich mehr an seine Anhänger wandte als an die, denen gegenüber er seine Unverschämtheiten vorzubringen hatte –, »ich fordere Entschädigung für das zerstörte Shuttle, die getötete Crew und die Kontaminierung der Atmosphäre. Ich verlange eine Entschuldigung der Union – der alten Union –, für die in diesem feigen Überfall zum Ausdruck kommende Arroganz und Selbstherrlichkeit. Und ich beantrage, dass die durch nichts gerechtfertigte Überwachungs- und Bespitzelungsmission, die immer noch eine Raumstation im Orbit unserer Heimatwelt besetzt hält, umgehend für beendet erklärt wird. Die Besatzung dieser Orbitalstation ist abzuziehen, die Station selbst der Obhut meines Volkes zu unterstellen. Die Höhe der Entschädigung werden wir nach eigenem Gutdünken festlegen.«
Er sah mit triumphierender Grimasse über die Scharen seiner Gefolgsleute, die mit erhobenen Pranken und glühenden Augen an ihm hingen.
»Wenn die alte Union in diesem Sinne die Verantwortung übernimmt, unsere Forderungen erfüllt und sich in aller Form bei uns entschuldigt, werden wir darüber nachdenken, ob wir der neuen und erweiterten Union in Zukunft angehören wollen. Sollte dies nicht der Fall sein, werden wir unseren Austritt aus dieser heuchlerischen und verbrecherischen Organisation erklären.«
Er trat an die Rampe und nahm die Huldigung seiner aufgeputschten Anhänger entgegen. Wie ein Opernsänger, der sich nach der Arie von seiner Claque feiern lässt. Danach schien er gewillt, das Podium zu räumen und die Sache sich selbst zu überlassen. Es war ihm um den Auftritt als solchen gegangen. Was auf seine Forderungen erwidert und was aus der Union als solcher würde, war ihm vollkommen egal.
Doch er kam nicht dazu, sich ins Plenum zurückzubegeben und in die johlenden Reihen seiner Delegation einzuschmelzen.
»Ein Wort noch«, rief Laertes. »Abgeordneter Zthron Muqa Zthé.«
Der Angesprochene verharrte mitten in der Bewegung. Auf halber Strecke zwischen Rednerpult und seinem Sitzplatz in der ersten Reihe der zthronmischen Fraktion, blieb er stehen und glotzte den Vorsitzenden mit gespielter Verständnislosigkeit an.
»Wir können«, sagte Laertes, »diesen Tagesordnungspunkt nicht zu den Akten nehmen, ohne das Bild zu vervollständigen. Zu welchem Zeitpunkt und in welcher Form auch immer sich eine Kommission mit den Vorgängen im Orbit über Zthronmia befassen wird, sie sollte doch von einem weiteren Detail nicht ohne Kenntnis bleiben.«
Er nickte ins Plenum, in Richtung der amishen Delegation. Cyrill ben Cyrion, als ihr Vorsitzender, erhob sich, blieb aber wortlos stehen und bedeutete Laertes mit einer knappen Geste, er möge den Sachverhalt selbst darlegen.
»Vor Eröffnung der Sitzung«, führte der Philosoph daraufhin aus, »wurde mir eine Protestnote der Amish überreicht. Dieses Volk, das den nämlichen Planeten Zthronmia bewohnt, teilt darin mit, dass es in der jüngsten Vergangenheit wiederholt Opfer willkürlicher gewaltsamer Übergriffe seitens der Zthronmic geworden ist. Zthronmische Staffeln, auch bekannt als Scyther, haben in den vergangenen Wochen mehrere Dutzend grundlose Angriffe auf Siedlungen der Amish geflogen.«
In den Reihen der Zthronmic und Sineser wurde empörtes Murren laut. Die Amish bewahrten ihre statuarische Haltung, während die Angehörigen der alten Union, Prana-Bindu und der anderen Fraktionen, die wir zu unserem Flügel zählten, aufhorchten.
»Zthron Muqa Zthé hat recht«, fuhr Laertes fort. »Wir unterhalten eine Beobachtermission auf einer ehemaligen Sinesischen Ikosaeder-Kampfstation in einem Orbit über Zthronmia. Diese Mission hat sämtliche Vorfälle aufgezeichnet und dokumentiert. Ihr Bericht liegt dem Vorsitzenden vor.«
Er wischte die Proteste des Sineser-Flügels weg und holte tief Luft.
»Demnach kam es zu Luftangriffen, Bombardierungen sowie zu vereinzelten Granatwerferüberfällen, die ausnahmslos den Pueblos und Kibbuzim der Amish galten, mit anderen Worten: Frauen, Alten und Kindern, denn die Männer im waffenfähigen Alter sind zur Arbeit in den Minen. Heute Morgen kam es zu einem Angriff, an dem ein Dutzend Scyther beteiligt war. Das Geschwader bombardierte den Kibbuz S’Deró im Distrikt Kirjasch Moná. Dabei wurden völkerrechtlich geächtete Aerosolbomben eingesetzt, deren Abwurf über bewohntem Gebiet seit Jahrzehnten verboten ist. Eine dieser Bomben traf die Schule des Kibbuz. Insgesamt starben fünfzig Personen einen grausamen Flammentod, die meisten von ihnen unschuldige Kinder.«
Jetzt waren es die Angehörigen auf unserer Seite des Plenums, die von ihren Sitzen aufsprangen und wild gestikulierten. Ein Trupp Wachsoldaten zog auf und bildete einen Kordon zwischen den beiden verfeindeten Blöcken des Konvents. Übergriffe und Tätlichkeiten mochten so verhindert werden können. Aber eine vertrauensvolle Zusammenarbeit war damit Geschichte. Weniger als das: Sie war nie Realität gewesen, sondern von Anfang an eine verhängnisvolle Illusion.
»Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen, Delegationsleiter Muqa Zthé?«, rief Laertes dem Anführer der Zthronmic hinterher, der keine Anstalten machte, ans Rednerpult zurückzukehren. Stattdessen reihte er sich bei seiner Fraktion ein und aktivierte an seinem Sitzplatz die Protokollfunktion des StabsLogs. Das allein drückte als Geste von unüberbietbarer Verachtung aus, welchen Stellenwert er dem ganzen beimaß.
»Die Union«, bellte er, dass die Luft im Plenum bebte und die Elastalglasscheiben unserer Besucherbox erzitterten, »die Union garantiert die territoriale und politische Souveränität ihrer Völker, auch nachdem diese dem Verbund als Vollmitglieder beigetreten sind. Diese Garantie möchten auch wir in Anspruch nehmen. Oder liegt auch hier ein weiterer Fall von Doppelmoral vor? Die Rechte gelten nur für die menschlichen Völker der Union, die Pflichten aber für alle anderen?!«
Die Zthronmic johlten. Es ging inzwischen zu wie beim Wrestling oder Catchen. Jeder feuerten seinen Helden an und jubelte, wenn der Gegner ein blaues Auge geschlagen bekam. Dass die Völker, die hier repräsentiert wurden, mit jedem Moment dichter an einen neuen Krieg heranrutschten, schien kaum jemandem im Saal bewusst zu sein.
Laertes war es bewusst. Doch auch er schien inzwischen zu der Überzeugung gelangt zu sein, dass der Verhandlungsfrieden, wie er hier einige Monate lang zelebriert worden war, zur Farce verkommen war.
»Antworten Sie auf meine Frage!«, sagte der alte Chefideologe unerschüttert. »Wie stellen Sie sich zu den Vorwürfen, die Zthronmic würden wahllos Zivilisten bombardieren, unschuldige Zivilisten eines Volkes, mit dem sie die Lebenswelt teilen und seit vielen Jahrzehnten eng zusammenarbeiten?«
Zthron stand nicht einmal auf. Er lehnte sich zurück und fläzte sich breit in seinen gravimetrischen Sessel, dessen Feldgenerator unter seiner Leibesmasse stöhnte.
»Ich habe auf Ihre Frage geantwortet«, sagte er frech. »Ehrenwerter Vorsitzender: Wir nehmen das Recht für uns in Anspruch, auf unseren Welten frei schalten und walten zu können. Nun unterhalten die Amish keinen eigenen Staat und keine eigene interstellare Flotte. Ihre Kibbuzim genießen nach innen Autonomie und Selbstverwaltung. Nach außen unterstehen sie der staatsrechtlichen Hoheit der Zthronmic.«
»Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?«, insistierte Laertes.
»Wir betrachten alles, was sich im Orbit, der Atmosphäre und auf dem Erdboden von Zthronmia ereignet, als unsere innere Angelegenheit, in die wir uns jede Einmischung vonseiten Dritter ausdrücklich verbitten.« Zthron verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen, als rekele er sich unter einer wohltuenden Massage. Dabei ließ er ein halblautes, teils klagendes, teils zufriedenes Stöhnen erklingen.
»Auch der Schutz Ihrer staatlichen Souveränität«, sagte Laertes leise, »gibt Ihnen nicht das Recht, wehrlose Frauen und Kinder zu bombardieren.«
»Dafür gibt es keine Beweise«, gähnte Zthron.
»Wir haben mehrere Berichte«, führte Laertes an. »Sowohl vom Boden als auch von unserer Orbitalstation, die den Vorfall beobachtet und aufgezeichnet hat.«
»Keine unabhängigen Beweise …«, schnurrte Zthron, der sich nicht einmal durch die ständigen Unterbrechungen aus der Fassung bringen ließ.
Jetzt fuhr Cyrill ben Cyrion herum und richtete einige energisch klingende Worte an den Zthronmic. Da er die Protokollfunktion nicht aktiviert hatte, blieben die wenigen Sätze unhörbar; sie wurden auch nicht übersetzt. Zthron richtete sich mit spürbarer Mühsal ein wenig auf und wandte sich seinerseits an das StabsLog.
»Der ehrenwerte ben Cyrion«, sagte er, und die KI übertrug sein Fauchen in einen süffisanten Singsang, »regt an, ich solle im Namen der Zthronmic die Verantwortung für den Vorfall übernehmen. Allein, das kann ich gar nicht. Unsere Organisationsstruktur ist dezentral. Wir haben Dutzende von Distrikten, deren Führer autark sind und in eigener Verantwortung handeln können.«
Er erhob sich, und seine Stimme wurde wieder zu markerschütterndem Gebrüll. »Wenn einer meiner Unterkommandanten jedoch zu der Auffassung gelangt sein solle, dass die Amish in seinem Gebiet eine Strafaktion verdient haben, so wird er seine Gründe dafür haben!«
Jetzt war es mit der Beherrschung der Amish vorbei. Sie versuchten, den Kordon der Wachmannschaften zu durchbrechen. Es fehlte nicht viel und sie wären mit den Zthronmic handgemein geworden. Einzig Cyrill selbst bewahrte die Ruhe und beschwor seine Landsleute, sich nicht provozieren zu lassen.
Die Schutzmänner und die ungerührt zwischen den Fraktionen umhertrippelnden Tloxi hatten ihre Mühe, die verfeindeten Delegationen voneinander fernzuhalten. Dann schrillte Laertes’ Sirene, und der Vorsitzende verkündete, er lasse den Saal räumen. Die Aussprache wurde für beendet erklärt, die weitere Debatte auf unbestimmt verschoben.
In das Durcheinander der den Saal verlassenden und dabei miteinander rangelnden Abgeordneten rief Laertes noch, man werde eine unabhängige Kommission einsetzen, die die Vorfälle über Zthronmia untersuchen werde. Jorn Rankveil, der Kommissar für Zthronmische Angelegenheiten, wurde als Vorsitzender bestimmt. Niemand protestierte, weil niemand mehr auf Laertes acht gab. Resigniert deaktivierte der Leiter des galaktischen Konvents die Protokollfunktion an seinem Pult. Sein Blick schien uns zu suchen, die wir in der Besucherbox saßen. Aber die Elastalglasscheiben war nach außen hin polarisiert, er konnte uns nicht sehen.
Während wir uns erhoben, um die Box auf einem schmalen Gang zu verlassen, der uns an den offiziellen Delegationen vorbeischleusen würde, versuchte ich, in Rogers’ Miene zu lesen, wie er den Ablauf der Debatte einschätzte. Der alte Haudegen war dem Auftritt Muqa Zthés und ben Cyrions abschließender Replik gebannt gefolgt. Er hatte sich vorgebeugt und war in das Geschehen hineingekrochen, als wohne er einem Schaukampf unter Gladiatoren bei; fehlte nur noch, dass er seinen Favoriten lautstark anfeuerte.
Aber was war nun davon zu halten? War dies der Eklat, den wir alle seit Langem hatten kommen sehen? Wir hatten ihn gefürchtet, der eine oder andere hatte ihn klammheimlich herbeigesehnt. Rogers wirkte gefasst, beinahe zufrieden. War das nun das Resultat, das er sich erhofft hatte? Der offene Ausbruch war gerade noch einmal vermieden worden. Tätlichkeiten hatten unterbunden werden können. Durch die Einsetzung einer weiteren Kommission, die Laertes über die Köpfe der auseinandergehenden Delegierten hinweg verkündet hatte, war der Schein eines regulären Ablaufs gewahrt. Im Protokoll des StabsLogs würde sich die Sache wie eine zwar temperamentvolle und widersprüchliche Debatte lesen, aber eben doch eine Debatte, der prinzipiell noch endlos viele weitere würden folgen können.
Nur uns, die wir Zeugen der Vorgänge geworden waren, kamen Zweifel, ob man auf dieser Grundlage weiterarbeiten konnte.
Wir kamen in einen der streng abgeschirmten Bereiche, die den Abgeordneten und Referenten der Union, der alten Union, zur Verfügung standen. Die Politiker und Juristen wirkten ernüchtert. Man sah betretene Gesichter. Laertes, Rankveil oder die anderen Gestalten blieben unsichtbar. Sie saßen in den Hinterzimmern der Hinterzimmer und beratschlagten mit ihren Ratgebern.
Rogers steuerte zielstrebig die kleine Bar an, die es in diesem Bereich gab, und bestellte etwas zu trinken. Ich folgte seinem Beispiel und zündete mir, während die Ordonnanz die Gläser füllte, eine Qat-Zigarette an. Nachdem ich den ersten Zug tief inhaliert hatte, musterte ich Dr. Rogers und wartete darauf, dass er das Wort ergreife.
Es dauerte eine Weile. So lange musste ich versuchen, in seinen verwitterten Zügen zu lesen. Er wirkte erleichtert, beinahe aufgeräumt. Insgesamt machte er den Eindruck eines Mannes, der lange auf etwas gewartet hat und nun froh ist, dass es eingetreten ist. Dieses Gefühl konnte unabhängig davon sein, worum es sich handelte. Auf der Akademie hatte er uns erzählt, dass im Krieg selbst das Signal zur Schlacht eine solche Erleichterung auslöste, und zwar nicht nur bei der Generalität, die sich das Ganze aus der Sicherheit ihrer Unterstände ansah, sondern auch bei den einfachen Soldaten, denen das Herumsitzen eine größere Pein zu bereiten schien, als wenn sie nun endlich ins Feuer durften.
Als er ein wenig mit der Ordonnanz geschäkert und sich am Scotch gestärkt hatte, erinnerte der Held von Persephone sich meiner Anwesenheit. Er sah mich an und setzte ein pfiffiges Gesicht auf. Offenbar verfügte er wieder einmal über Informationen, die mir vorbehalten worden waren.
»Was ben Cyrion nicht sagte«, begann er mit einer Stimme, die von Alkohol und Alter rau war, »unter den Toten dieses Morgens war auch eine seiner Töchter.«
Ich spürte, wie ich blass wurde. Cyrills statuarische Haltung war mir aufgefallen. Sie hätte als Karikatur wirken können, wenn man ihn nicht kannte. Die strenge Würde, die er ausstrahlte, war schwer mit der Tatsache in Einklang zu bringen, dass sein Volk dort draußen drangsaliert wurde, dass seine Glaubensgenossen litten und starben. Sie wurde unerträglich, wenn man nun noch dieses in Betracht zog.
»Eines seiner Kinder hat den Tod gefunden?«, fragte ich.
Dr. Rogers schwenkte seinen Whiskey. Für gewöhnlich hätte er jetzt einen schneidenden Zynismus angebracht. Aber er wusste um das enge Verhältnis, das wir zum Delegationsleiter der Amish hatten. Jennifer stand ihm sehr nahe. Er hatte sie zu Anfang des Kongresses daran erinnert, was ihr selbst nicht bewusst gewesen war: dass sie vor Jahren einem jungen Mädchen seines Volkes das Leben gerettet hatte. Dieses Mädchen war nun seine Frau, die Mutter seiner Kinder. Und eines dieser Kinder war in diesen Morgenstunden im Aerosolfeuer des Scytherangriffs verbrannt.
»Cyrill und Shorena haben sieben Kinder«, sagte Dr. Rogers trocken. »Vier Töchter und drei Söhne. Eine der Töchter fiel der heutigen Attacke zum Opfer …«
Ich schüttelte den Kopf.
»Schrecklich …«, war alles, was ich dazu sagen konnte.
Natürlich war diese Reaktion irrational. Wir wussten, dass an die fünfzig Menschen – überwiegend Schulkinder und Frauen – das Leben verloren hatten, und die Opferzahlen der letzten Monate gingen in die Hunderte. Dennoch erschütterte uns das eine Schicksal, weil wir zufällig den Vater des Kindes kannten.
Meine Gedanken schweiften zu Jennifer, die auf der Orbitalstation hoch über Zthronmia saß und die Beobachtermission inspizierte. Auch sie war Zeugin der Vorfälle gewesen. Kannte sie die Namen der Opfer? Wusste sie, was das zu bedeuten hatte? Und noch ein anderer furchtbarer Gedanke stieg in mir auf: Hatte ihr Angriff auf das Zthronmische Kommando, das die ENCOURAGE hatte plündern wollen, den Überfall auf Cyrills Heimatkibbuz provoziert. Der Einsatz von Aerosolbomben war eine neue Qualität. Die Zthronmic hatten ihren Terror, der seit Langem auf kleiner Flamme köchelte und die Amish in einem Klima von Angst und Schrecken leben ließ, intensiviert. Es konnte nicht anders sein: Jennifers Vergeltungsmaßnahme, die auch Rache für unsere massakrierten Kameraden gewesen war, hatte zu einer weiteren Eskalation geführt. Die Spirale der Gewalt hatte eine weitere Umdrehung beschrieben. Und wieder waren Unschuldige die Leidtragenden. Wehrlose Angehörige eines wehrlosen Volkes, das entschlossen schien, sich weder zu verteidigen noch zur Wehr zu setzen. Wie Schlachtvieh saßen sie da und sahen tatenlos zu, wie ihre Frauen und Kinder verbrannten. Ich spürte, wie eine ohnmächtige Wut in mir aufstieg, die nur eine Camouflage meiner Hilflosigkeit war. Ich hätte Cyrill am liebsten geohrfeigt. So schlimm konnten diese Scyther nicht sein. Mit zwei oder drei Feldwerfer-Batterien musste man sie in Schach halten können. Aber dazu war man zu stolz.



