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»Das ist unmöglich …«, brachte er hervor.
»Neue Technologie«, sagte sie fröhlich. »Wir nennen es Qbox. Sie bekommen auch eine. Sowie wir hier etwas Ruhe haben, wird sie auf Ihrer Brücke installiert.«
Sie ließ einen irgendwie mitleidigen Blick über Borissowitschs Kommandostand gleiten. Immerhin war er inzwischen von Elastilkartons, Selbstwärmmahlzeiten und Pizzaresten gesäubert.
»Für diesmal wird die ENTHYMESIS als Relais dienen.«
Borissowitsch fragte sich, ob sie den Verstand verloren hatte. Oder ließen seine Sinne ihn allmählich im Stich? Die MARQUIS DE LAPLACE, das Flaggschiff der Union, lag im Horus-System, etliche Tausend Lichtjahre entfernt. Keine Technologie der Welt konnte diese Entfernung in einer Echtzeit-Schaltung überbrücken!
Oder doch? Er hatte läuten hören, dass die Planetarische Abteilung einige Teufelskerle in ihren Reihen hatte. Außerdem arbeitete man dort jetzt mit den Tloxi zusammen, von deren haushoch überlegener Technik man sich wahre Wunderdinge erzählte. Zum ersten Mal seit Jahren begriff er, dass er auf einem Außenposten gelandet war, in der galaktischen Provinz, am Arsch der Welt …
Jennifer rief die Brücke der ENTHYMESIS, die auf der Landeplattform der Ikosaeder-Kampfstation, einige fünfzig oder sechzig Stockwerke unterhalb der Brücke festgemacht hatte. Zwei Offiziere versahen dort Dienst. Der 2. Pilot meldete sich.
»Hier Commodore Ash«, begrüßte Jennifer ihn bester Laune. »Bauen Sie via Quantenbox einen Kanal zum Mutterschiff auf. Die andere Seite weiß Bescheid.«
Sie wartete einige Augenblicke, bis sich auf einem zweiten Bildschirm ein Feld öffnete.
»Sehr gut«, sagte sie dann zur ENTHYMESIS-Besatzung. »Es wird nicht lange dauern. Und noch was: Höchste Geheimhaltungsstufe, Kommandantenebene. Sie schalten die Leitung durch und verkneifen sich jede Versuchung, das Gespräch mitzuhören!«
»Aye, aye, Ma’am«, erwiderte der Pilot.
Auf der Konsole sah man, wie er salutierte. Schräg hinter ihm hockte der WO des Explorers an seinem seitlich versetzten Bedienplatz. Er tippte etwas auf seinem MasterBoard. Dann machte er das Good-to-go-Zeichen in Richtung Kamera. Im gleichen Augenblick verschwand das Bild.
Stattdessen baute sich ein anderes auf. Es war die Offizierslounge auf dem Brückendeck der MARQUIS DE LAPLACE.
»Das klappt ja wie am Schnürchen!« Jennifer freute sich wie ein kleines Kind.
Mit einem Blick über die Schulter sah sie nach Borissowitsch. Der gemütliche Russe stand zwei Schritte hinter ihr und starrte mit offenem Mund seinen eigenen Hauptbedienplatz an.
»Das ist unmöglich!«, stammelte er immer wieder.
Jennifer bedeutete ihm mit einem Kopfnicken, er möge neben ihr Platz nehmen. Und offenbar war er so verwirrt, dass er es nicht als anstößig empfand, sich von einer Fremden auf seiner eigenen Brücke Anweisungen geben zu lassen. Ohne den Blick von der Konsole zu nehmen, auf der man nun mehrere Personen erkannte, rutschte er neben Jennifer auf den gravimetrischen Sessel des Ersten Offiziers.
»Hallo John«, zwitscherte Jennifer, als Direktor Reynolds’ asketisches Gesicht auf ihrem Bildschirm sichtbar wurde.
Man sah den Leiter der Planetarischen Abteilung verzerrt, in der überdehnten Einstellung einer holografischen Weitwinkelkamera, die seine Nase riesig, seine Schultern und Arme aber winzig erscheinen ließ. Der genialste Wissenschaftler, den die Union je in ihren Reihen gezählt hatte, fummelte etwas an der Qbox auf der MARQUIS DE LAPLACE, die das Pendant zu derjenigen darstellte, die auf der Brücke der ENTHYMESIS stand und die Übertragung bewerkstelligte. Außer diesen beiden Geräten gab es keine Vorrichtung im gesamten Universum, mit der man ihr Gespräch hätte belauschen können.
Endlich nahm Reynolds zwischen einigen anderen Männern Platz. Die KI der HoloKamera nahm den Fokus automatisch zurück und stellte eine mittlere Bildperspektive her. Man sah vier Personen.
Kommandant Borissowitsch registrierte, wie die Offizierin an seiner Seite erstarrte, kaum dass sie das Bild in sich aufgenommen hatte.
»StabsLog: Protokollfunktion«, sagte Direktor John Reynolds, viele Quadranten weit entfernt. »Die Sitzung ist eröffnet. An Bord der MARQUIS DE LAPLACE nehmen daran teil …«
Jennifer hatte den Mund geöffnet, um etwas zu sagen. Vermutlich wollte sie Reynolds zurufen, ganz so förmlich müsse er es auch nicht machen. Doch dann ließ sie ihn gewähren. Sie schien ihre Meinung geändert zu haben. Womöglich war sie zu dem Schluss gekommen, dass die Aktivierung der Protokollfunktion kein Fehler sein mochte. Schließlich würden Dinge von außerordentlicher Tragweite verhandelt werden. Wer wusste schon, was sich daraus ergeben würde? Und wer behauptete später vielleicht, von nichts gewusst zu haben?
»Commander Frank Norton«, zählte Reynolds auf, »Kommandant der MARQUIS DE LAPLACE im militärischen Rang eines Commodore, General a. D. Dr. Rogers, vormals Leiter der Planetarischen Abteilung, Kommissar Jorn Rankveil, Sonderbeauftragter der Union für Zthronmische Angelegenheiten, und Direktor Reynolds, amtierender Leiter der Planetarischen Abteilung. Es handelt sich um eine Besprechung auf Führungsebene, höchste Geheimhaltungsstufe.«
»Aufseiten der Orbitalstation Alpha Ceti Tau nehmen teil: Commodora Jennifer Ash, Kommandantin des ENTHYMESIS-Geschwaders, und Boris Borissowitsch, Kommandant der Orbitalstation. Geheimhaltungsstufe ist gewährleistet.«
Jennifer war verzweifelt. Sie suchte Nortons Blick, der scheinbar unbeteiligt auf dem gravimetrischen Sofa seiner Kommandantenlounge saß, direkt neben Jorn Rankveil, der regungslos aufgepflanzt dahockte und abwartend in die Kamera starrte. Es war nicht zu erkennen, ob er ihren Blick durch die Übertragung hindurch auffangen konnte. Sie entschloss sich, die Sache auf eigene Faust anzugehen.
»Kurze Frage noch«, sagte sie harmlos. »Kommissar Rankveil ist kein Offizier der Union. Wie kommt es, dass er an einer internen Besprechung auf der höchsten Führungsebene teilnimmt?«
In zwei, um einige Tausend Lichtjahre voneinander entfernten Räumen, gefror die künstliche Atmosphäre und alle beteiligten Personen hielten den Atem an.
Jorn Rankveil sah ausdruckslos in die Kamera und ließ einige Sekunden verstreichen. Dann richtete er sich geringfügig auf. Seine stechenden schwarzen Augen blieben ruhig. Ein hintergründiges Feuer schien in ihnen zu glosen, von dem man nur ahnen konnte, dass es im Handumdrehen zu einem vernichtenden Blitzen auflodern konnte.
»Jorn Rankveil«, sagte er herablassend, »ist Beauftragter für Zthronmische Angelegenheiten und seit diesem Vormittag Vorsitzender der Untersuchungskommission, die den Auftrag hat, die verschiedenen Vorfälle auf und über Zthronmia zu klären.«
Er ließ das wirken und blickte Jennifer über einen Abgrund von einigen Billiarden Kilometern eiskalt an.
»Es ist«, fuhr er schließlich fort, »Ihren Freunden daher nicht gelungen, ihn von diesem konspirativen Treffen fernzuhalten.«
Da er sich ein wenig vorgebeugt hatte, konnte Norton ihr jetzt hinter seinem Rücken Zeichen machen. Allerdings konnten sie beide nur die Schultern heben und durch lautlose Lippenbewegungen andeuten, dass sie ruhig mit der Besprechung fortfahren sollten. Offensichtlich gab es so oder so gar keine andere Möglichkeit.
Jennifer verfluchte Reynolds’ Quantenbox. Wie jede neue Technik barg sie Für und Wider. Und wie jede Neuerung auf dem Gebiet der Kommunikation schuf sie nicht nur Möglichkeiten des Austauschs, sondern auch der Überwachung und Bespitzelung. Hätten Sie doch eine Lambda-Ionensonde durch den Warpraum geschickt. Bei der derzeitigen Flugtätigkeit im Rahmen von Reynolds’ Sondenprogramm wäre ein Start mehr oder weniger nicht aufgefallen.
Am besten wäre es, sie hätte freie Hand bekommen. Aber der Charakter der geplanten Aktion brachte es mit sich, dass sie ohne engste Absprache nicht zu realisieren war.
»In Ordnung«, schaltete Dr. Rogers sich jetzt ein. »Kommen wir zu Sache.«
Er sprach betont und für seine Verhältnisse sehr steif. Das war zum einen der Anwesenheit Jorn Rankveils, zum anderen aber auch der Protokollfunktion des StabsLogs geschuldet.
»Commodora Ash und Kommandant Borissowitsch haben einen Versorgungsfrachter mit Nachschub für die Orbitalstation Alpha Ceti Tau angefordert. Da der letzte Frachter, die ENCOURAGE II, von zthronmischen Verbänden aufgebracht wurde und verloren ging, mangelt es nun vor allem an Treibstoff, aber auch an Wasser, Sauerstoff, Lebensmitteln, Munition und nicht zuletzt an frischen Mannschaften.«
Insgeheim schien jeder auf einen Einwand seitens Kommissar Rankveils zu warten. Aber er saß stumm und regungslos da und lauschte den für die Ewigkeit gesprochenen Sätzen des alten Generals.
»Die Führung der Union«, fuhr Dr. Rogers fort, »hat beschlossen, der Anfrage zu entsprechen. Der Frachter ENCOURAGE IV, ein Schwesterschiff des verlorenen, wird in diesen Stunden betankt und munitioniert. Es wird in circa achtzehn Standardstunden, das heißt morgen Vormittag, bereit zum Abflug sein.«
»General Rogers«, sagte Jennifer. »Wir bedanken uns für die Gewährung von Nachschub und Verstärkung beziehungsweise Ablösung.«
Sie wechselte ein schiefes Lächeln mit Kommandant Borissowitsch. Dieser glotzte immer noch mit offen stehendem Mund auf die Konsole. Von den politischen Implikationen des Vorhabens schien er nichts zu ahnen. Im Moment schlug ihn der technische Aspekt des Vorgangs in seinen Bann.
»Um eine Wiederholung des Überfalls ausschließen zu können«, beeilte Jennifer sich fortzufahren, »haben wir außerdem darum gebeten, ein Geschwader schneller Jäger bereitzustellen. Dieses soll sich in einem Bereitschaftsraum versammeln und zum fraglichen Zeitpunkt die Warpreaktoren hochfahren. Der Abruf erfolgt mittels Qboxen, die in die Cockpits des Jägers integriert werden und Kommunikation in Echtzeit mit jedem beliebigen Punkt des Universums ermöglichen.«
Sie ließ eine Pause entstehen, aber es wurde auch jetzt kein Widerspruch laut. Das machte sie misstrauisch. Sie hatte damit gerechnet, dass Rankveil verhinderte, den Zthronmic eine solche Falle zu stellen. Aber der Kommissar saß für seine Verhältnisse gutmütig dabei, hörte sich alles an – und schwieg. Was mochte er im Schilde führen?
Andererseits, dachte sie, wenn etwas herauskam, wusste man, wo die undichte Stelle war. Wenn der Plan vereitelt wurde … Die Frage war nur, was für Konsequenzen ein Fehlschlag nach sich ziehen würde und ob die Auswirkungen dann nicht so gravierend sein würden, dass das Schicksal des gelbhäutigen Jorn Rankveil ihnen herzlich gleichgültig sein würde.
Wie auch immer. Sie konnte es nicht ändern. Die Dinge waren viel zu weit gediehen. Viel zu viel war in Gang gesetzt und aktenkundig geworden – es gab kein Zurück mehr.
»Die Jäger halten sich lediglich bereit«, sagte sie laut. »Sie haben einen gestaffelten Einsatzbefehl. Solange der Frachter den Zielraum ungefährdet erreicht, die Kampfstation anfliegen und seine Ladung löschen kann, greifen sie auf keinen Fall ein.«
Die vier Männer auf der MARQUIS DE LAPLACE nickten unisono.
»Nur falls es zu neuerlichen Übergriffen kommt, setzen die Jäger durch den Warpraum nach, kommen der ENCOURAGE IV zu Hilfe und geben ihr Geleit, notfalls auch Feuerschutz.«
Auch jetzt kam keinerlei Widerspruch.
Jennifer holte tief Luft. Bis jetzt war sie auf der Schwelle gestanden. Im schlimmsten Fall hätte man das Ruder noch einmal herumreißen können, wenn auch nicht ohne Ansehensverlust. Doch jetzt tat sie den entscheidenden Schritt.
»Und dann habe ich mir noch Folgendes überlegt«, sagte sie und aktivierte eine vorbereitete Übertragung. Auf der Konsole sah sie, wie die Daten auf der anderen Seite ankamen und von der KI des StabsLogs aufbereitet wurden. Die Augen der Männer wurden umso größer, je mehr sich davon enthüllte. Sie stieß Borissowitsch kumpelhaft in die Seite. Dann wartete sie auf die Bestätigung.
Nach Ende der Videokonferenz begab sich Jennifer wieder auf die ENTHYMESIS, um dort die Nacht zu verbringen. Die Nacht vor dem Gefecht – denn dass es zu Zwischenfällen kommen würde, stand für sie außer Zweifel. Vielleicht die letzte Nacht zu Friedenszeiten.
Sie instruierte die beiden Offiziere ihrer spartanischen Crew, die sich die Nachtwache teilten. Auch Borissowitsch hatte sie angewiesen, die Brücke auf Alpha Ceti Tau im Dreischichtrhythmus besetzt zu halten. Der maulfaule Russe hatte es ihr zugesagt, ebenso unverbindlich, wie er ihr einen Nächtigungsplatz auf seiner Raumstation angeboten hatte. Aber sie hatte wenig Lust verspürt, das Domizil mit einem Dutzend gelangweilter, frustrierter und sexuell ausgehungerter Männer zu teilen. Da waren ihr die beiden gesetzten Familienväter, die sie sich auf die ENTHYMESIS geholt hatte, lieber.
Jennifer ging nicht davon aus, dass es in der Nacht zu Übergriffen kommen würde. Aber man konnte nie wissen. Die Gemengelage in diesem abgelegenen Quadranten war undurchsichtig. Hier blühte die Korruption, wucherte der Schwarzhandel, feierten Fanatismus und religiöse Verbohrtheit fröhliche Urständ.
Während sie ihre Kabine aufsuchte, die gravimetrische Tür verriegelte, die Schiffsautomatik auf Alarm stellte, sich auszog und in die Nasszelle ging, kreisten ihre Gedanken um die Ereignisse dieses Tages. War es wirklich erst an diesem Morgen gewesen, dass sie den Sprung durchgeführt, sich das Scharmützel mit den zthronmischen Schmugglern geliefert und die Orbitalstation angeflogen hatte. Auf dem Planeten unter ihr war es Nacht und wieder Tag geworden. In den Morgenstunden lokaler Zeit hatten zthronmische Scyther einen schweren Angriff auf amishe Kibbuzim geflogen. Derweil hatte sie mit Kommandant Borissowitsch die Station inspiziert.
Sie stand unter der Dusche und ließ sich von warmem Wasser berieseln. Es war ein Luxus, den man sich auf einem so kleinen Schiff wie einem ENTHYMESIS-Explorer nicht jeden Tag gönnen konnte. Für gewöhnlich duschte man mit Ultraschall. Die selbstreinigende sensorielle Kleidung sorgte dafür, dass man während einer Mission nicht allzu viele Gedanken an die Körperpflege verschwenden musste. Hin und wieder zog sie jedoch ein richtiges Bad vor, mit warmem Wasser und parfümierter Seifenlösung. Und anschließend frottierte sie ihren Leib, bis er zu glühen schien.
Sie zog sich nicht an, sondern nahm in Meditationshaltung auf der gravimetrischen Matratze ihres Bettes Platz. Dann schloss sie die Augen und versetzte sich in eine leichte Trance. Die oberen Schichten der Prana-Bindu-Meditation waren für das Bewusstsein durchlässig. Sie schaltete nur alle störenden Einflüsse ab, unterdrückte Assoziationen und den persönlichen Teil ihres Gedankendickichts. Sie war wie ein Computer, der rational und effektiv ein vorgelegtes Problem bearbeitete. Nachdem sie den Plan für die morgige Falle, die sie den Zthronmic gestellt hatte, noch einmal durchgegangen war und ihn auf logische Fehler abgeklopft hatte, konzentrierte sie sich auf Kommandant Borissowitsch. Neben Kommissar Rankveil blieb er eine der Unbekannten in diesem Spiel. Der Russe war undurchdringlich. Er hatte nichts von sich preisgegeben. Privat schon gar nicht. Aber auch über sein Dienstverständnis und seine Einschätzung der Situation hier draußen konnte man nur mutmaßen. Er wollte seine Ruhe haben, so viel war durchgedrungen. Solange er selber nicht an Leib und Leben gefährdet war, blieben ihm die Vorgänge einige Hundert Kilometer weiter unten herzlich egal. Sein Job war sicher. Er hatte ihn bis jetzt weitgehend unkontrolliert, in eigener Regie ausgeführt. Zu erkennbaren Unregelmäßigkeiten war es nicht gekommen. Wie viel er für die eigene Tasche abzweigte, wie viel des florierenden Zthrontathandels über seine speckige Konsole lief oder wie lukrativ seine sonstigen Deals mit den Zthronmic waren – darüber konnte man nur spekulieren. Er hatte sich mit der Lage hier draußen arrangiert. Gut möglich, dass er an die entsprechenden Stellen der Unionsverwaltung eine Art von umgekehrtem Schutzgeld zahlte, um nicht abgelöst zu werden. Der Verlust der ENCOURAGE hatte ihn nicht besonders schwer getroffen. Er war nicht eingeschritten, als der Frachter aufgebracht worden war, und hatte auch nichts unternommen, als er manövrierunfähig auf seiner instabilen Bahn dahintrieb. Seine Trauer über das Scheitern der Mission, den Absturz des Schiffes und den Tod der Mannschaften hatte sich in Grenzen gehalten.
Jennifer musste sich nicht eigens dazu ermahnen, ihm nicht über den Weg zu trauen. Bei Gelegenheit würde sie ein wenig investigativ werden: Vielleicht ließ sich in den Tiefen des StabsLogs etwas darüber auffinden, was er hier draußen trieb oder wie er zu diesem Posten gekommen war. Aus Bemerkungen, die er während des Gespräches hatte fallen lassen und die sie mit der Chronologie der häufig wechselnden zthronmischen Führung kurzgeschlossen hatte, glaubte sie, ableiten zu können, dass er schon während des Sinesischen Krieges in diesem Quadranten zu tun gehabt hatte. Wie war das aber möglich? Die Ikosaeder-Kampfstation war damals noch von den Sinesern selbst betrieben worden. Diese hatten schwerlich einem Offizier der Union Zugang gewährt. Freilich, glaubte sie, sich zu erinnern, hatte die Union schon nach Persephone ein Netz von Verbindungsoffizieren zu verschiedenen Völkern in der Tiefe der Galaxis aufgebaut. Die Zthronmic waren während der Schlacht um Sina neutral geblieben. Sie hatten eine der Phasen durchgemacht, in denen sie auf Distanz zum Sinesischen Imperium zu gehen pflegten. Es war denkbar, dass Borissowitschs Kontakte bis in diese Zeit zurückreichten. Das herauszufinden, würde eine mehrstündige Tiefenrecherche im StabsLog erfordern, was wiederum nur auf der MARQUIS DE LAPLACE möglich war. Jennifer machte sich einen Vermerk im Hinterkopf, sich beizeiten um die Sache zu kümmern. Dann schüttelte sie die Trance ab, stand auf und warf sich ein leichtes Negligé aus Tloxi-Seide über. Während sie ihre schlanke Gestalt mit dem verführerischen durchscheinenden Kleid im Spiegel betrachtete, kam ihr noch ein weiterer Gedanke.
Sie nahm ihr MasterBoard vom Pult, setzte sich im Lotossitz aufs Bett und rief die Dialogfunktion auf. Dann wählte sie sich mit ihrer Identifizierung als Kommandantin in die Brückenautomatik der ENTHYMESIS ein. Danach ließ sie sich den Status der Quantenbox geben. Anhand einiger elektronischer Spuren, die sie hinterlassen hatten, erkannte Jennifer, dass ihre beiden Offiziere das Gespräch mit der MARQUIS DE LAPLACE belauscht hatten. Das war nicht nur gegen die Vorschrift, sondern auch gegen ihre ausdrückliche Anweisung. Andererseits war es ihr egal. Es würde ihr das morgendliche Briefing sparen. Die Gesichter des 2. Piloten und des WO, wenn sie ihnen sagte, dass sie ja ohnehin schon Bescheid wüssten, würden köstlich sein.
Aber sie hatte jetzt gar keine Lust, allzu lange bei diesen Dingen zu verweilen. Sowie sie sich in die interne KI der Quantenbox eingeloggt hatte, rief sie die Brücke der MARQUIS DE LAPLACE.
Die Bestätigung kam erstaunlich rasch.
»Das ging aber schnell«, sagte sie, während sich die Übertragung aufbaute und die HoloFunktion ihres MasterBoards das Videobild erzeugte.
»Ich hatte so ein Gefühl …«, grinste Norton auf der anderen Seite, während er noch irgendwas an seinem Gegenstück der Box zu fummeln hatte.
»Du hast Gefühle?!«, sagte Jenny grob. Sie schmunzelte, um anzudeuten, dass es nicht ganz ernst gemeint war.
Frank schien mit der Einstellung der Technik zufrieden zu sein. Er trat einen Schritt zurück und nahm in seinem gravimetrischen Sessel Platz. Ganz so wie am Nachmittag, nur dass er jetzt allein war.
»Ist sie bei dir?«, fragte Jennifer.
»Ich weiß nicht, was du meinst«, gab er zurück. Das jungenhafte Grinsen schien er überhaupt nicht mehr abstellen zu können.
Jenny ließ sich wider Willen davon anstecken.
»Deine – Anwärterin«, sagte sie, knipste ihr Lächeln wieder aus und legte abwartend den Kopf schief. Er würde jetzt ihr kurzes Haar sehen, das noch ein wenig feucht war und stachlig nach allen Seiten abstand. Sie hatte es nur mit einem Handtuch abgerubbelt und weder geföhnt noch gekämmt. Außerdem bot sie ihm das energische Kinn, den Halsansatz und die nackte Schulter. Ihre Brust zeichnete sich deutlich unter dem transparenten Nachthemd ab.
Sie sah, wie er sich alles wohlwollend besah.
»Lieutenant Milesi ist zur Schulung in Pensacola, falls du das meinst«, antwortete er abwesend. »Rufst du mich deshalb an?!«
»Ich wollte mal sehen, was du so treibst!«, entgegnete sie.
Dann beugte sie sich vor und änderte die Übertragungsrate.
»Wir gehen auf Audiokanal«, verkündete sie. »Die Qbox ist teilweise erschöpft. Wir dürfen ihre Kapazität nicht vorzeitig aufbrauchen, und der LiveStream frisst zu viele Bytes …«
Die Matrix brach zusammen. Der Bildschirm wurde schwarz. Nur noch ein blinkender Schriftzug teilte mit, dass sie weiterhin online mit der Brücke der MARQUIS DE LAPLACE verbunden war, zehntausend Lichtjahre entfernt.
Ihr ging auf, dass es für Norton wie reiner Sadismus wirken musste. Sie präsentierte sich in einem ihrer erlesensten Negligés, um dann den Monitor zu löschen. War sie grob? Er hatte versöhnlich geklungen und ausgerechnet an diesem Abend gab sie sich kurz angebunden. Andererseits brauchte er nicht immer so leicht davonzukommen.
»Bist du noch da?«, fragte sie zögernd.
»Ich kann dich hören«, kam seine Stimme. »Aber das ist nicht das Gleiche …«
Sie musste unwillkürlich glucksen.
»Willst du Telefonsex machen? Über ein paar Hundert Parsecs?«
Auch er unterdrückte auf der anderen Seite ein halblautes Prusten.
»Das wäre zumindest ein neuer Rekord.«
»Lass uns zur Sache kommen«, sagte Jennifer. »Wie ist die Besprechung bei euch aufgenommen worden?«
»Ganz gut …«
Sie sah es vor sich, wie er die Achseln zuckte.
»Keine Beanstandungen – was mich gewundert hat. Keine weiteren Kommentare.«
»Das wundert mich«, sagte sie leise.
»Rogers scheint es leid zu tun, dass er nicht dabei sein kann. Aber es ist besser so. Er wird allmählich alt.«
»Rankveil?«
Je weniger aus dieser Richtung kam, umso nervöser wurde sie.
»Hat sich alles angehört, hat alles abgenickt und ist dann wieder gegangen.«
Jennifer holte Luft.
»Irgendetwas führt er im Schilde. Allein schon, um seine Zuständigkeit unter Beweis zu stellen, muss er doch etwas aushecken!«
»Was soll er tun?«, fragte Norton gleichgültig. »Er hat nichts in der Hand. Noch hat er keinen Stab, kein eigenes Schiff, nicht einmal so ausgefeilte Kommunikationsmittel, wie wir sie hier missbrauchen.«
Was war denn los mit ihm, fragte Jennifer sich im Stillen. Frank wirkte so aufgeräumt. Entweder hatte er gerade mit der Kleinen gevögelt oder er hatte sie tatsächlich zur Schulung geschickt und war froh, sie loszuhaben. Über keines von beiden vermochte sie sich so recht zu freuen. Und dennoch sendete er versöhnliche Signale aus.
Ihr wurde bewusst, wie absurd die Situation war. Bis gestern hätten sie einander jeden Tag sehen können, waren sich aber aus dem Weg gegangen. Und nun saßen sie Billiarden Kilometer voneinander entfernt in den winzigen Kabinen ihrer Schiffe und verzehrten sich nacheinander. Sie fragte sich, ob sie den ganzen Trip nur angestrengt hatte, um genau diese Empfindung herbeizuführen. Es waren schon Kriege angezettelt worden, weil ein Liebespaar nicht den rechten Ton gefunden hatte.
»Dann lassen wir die Sache also steigen«, stellte sie fest.
»Die Staffelführer sind instruiert«, kam es von drüben. »Sie halten sich im erdnahen Raum bereit. Die Sprungkoordinaten sind ihnen auf abhörsicheren Qverbindungen übermittelt worden. Reynolds selbst hat das bewerkstelligt. Er hat ein System ausgeklügelt, wie auch mehrere Partner an solchen Quantenkommunikationen teilnehmen können. Jede Qbox besteht eigentlich aus mehreren Modulen, die irgendwie über Kreuz miteinander verschränkt sind, sodass sie jeweils als Relais dienen und man sie miteinander vernetzen kann … So irgendwie. Du würdest das mit Sicherheit viel besser kapieren als ich.«
Dass er ein bisschen zu dumm für seinen Job sei, war eine seiner Maschen, auf die man nicht immer eingehen musste.
»Umso besser«, sagte Jennifer knapp. »Dann können wir den Einsatz noch enger koordinieren.«
»Wenn er denn nötig wird«, wandte Norton ein.




