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Die Kunst bestand darin, nicht wie ein Känguruh herumzuhüpfen, weil das auf längere Zeit viel mehr anstrengte, sondern in der Motorik eines normalen Dauerlaufs lediglich die Schrittweite zu erhöhen. Oben auf dem Plateau, wenn die Stürme unser Jogging nicht allzusehr beeinträchtigten, jagten wir später in Sätzen von fünfzig bis hundert Metern dahin.
»Mach langsam«, rief ich zu der Davoneilenden hinauf, »pass auf, dass du nicht ...«
Aber da war es schon geschehen. Sie hatte die Sprünge zu hoch genommen und war – was wollte sie mir beweisen? – in einem mächtigen Satz über den scharfgezackten Rand des Hochplateaus hinweggesegelt. Dort hatte sie der eisige Polarsturm erfasst, der von dem Kältehoch über dem Plateau heruntergepresst wurde und hier mit der Gewalt eines Wasserfalls über die Abbruchkante fegte. Einen Schritt unterhalb herrschte Windstille, allenfalls ein feiner Sog, doch im nächsten Augenblick ergriff einen der Jet-Stream. In den war sie nun nassforsch und gewichtslos hineingesprungen und wurde sofort etliche hundert Meter in die Luft und über mich hinweggerissen. Sie schrie nicht, aber ich hörte ihr explosionsartiges Keuchen in meinem Helm, als sie von der Wucht des Anpralls getroffen wurde.
»Die Dämpfer runterregeln, aber langsam!«, rief ich in die Automatik, denn ihr Anzug samt Gepäck wog weit über einen Zentner, so dass sie wie ein Stein heruntergefallen wäre, hätte sich die Dämpfung ganz ausgeschaltet.
»Ich hab das im Griff«, hörte ich, als sie in einem vielfachen salto mortale über mich hinwegraste. Dann aktivierte sie die Stabilisatoren. Ich sah, wie sie die Füße wieder nach unten bekam und langsam aus der Strömung heraussank. Bis sie auf dem Boden aufsetzte, war sie fast bis zu der Stelle, wo wir übernachtet hatten, abgetrieben worden. Ich wartete, bis sie wieder heraufgestapft kam und verkniff mir jede Häme. Dann setzten wir, mit hochgedrehten Trägheitskoeffizienten, den Anstieg fort.
Wir näherten uns – »gewitzigt«, würde es in alten Reiseberichten heißen – der Passhöhe. Zehn Schritte unterhalb blieb ich stehen, drehte die Stabilisatoren hoch, die Dämpfer runter, bis ich mit einem Gewicht von zwei Zentnern auf dem Boden stand, und aktivierte die Pneumatik, die in den Anzug eingezogen war und die Muskulatur unterstützte. Dann schob ich mich Meter um Meter heran. Ich spürte den Jet-Stream am Helm, und wäre dieser nicht von einem virtuellen Gyroskop stabilisiert worden, hätte es mir den Schädel heruntergerissen. So registrierte ich lediglich, dass mir ein enormer Orkan entgegenstand, der messerscharf den bodennahen, völlig ruhigen Luftschichten auflag. Ich ging weiter, und der Sturm erfasste meinen Oberkörper, meine Hüften, meine Beine – und meine Psyche, denn wilde Bilderfetzen wurden mit heraufgewirbelt. Das Kali Gandaki blitzte auf, wo ein ähnlicher, aber trockenheißer Wind getobt hatte, und plötzlich stand ich in der Glocknerscharte, am Übergang vom Klein- zum Groß-Glockner, und tastete mich millimeterweise über die fußbreite Kante, während rechts die Palavicini-Rinne eine Meile tief auf die Pasterze hinunterbrach und der Höhensturm an meiner Daunenjacke zerrte und das Seil in weitem Bogen nach Osten hinausbauschte ...
Mit einem Blick über die Schulter vergewisserte ich mich, dass Jennifer noch schräg hinter mir war, dann tat ich, mich instinktiv nach vorne stemmend, den letzten Schritt und stand auf dem polaren Hochplateau Lu-Aus. Ihre Hand war an meinem rechten Arm, und ich hörte ihre Stimme in der Automatik, unerwartet zärtlich.
»Phan-ta-stisch!«
Vor uns lag, unter dem violetten Licht einer fahlen Sonne, eine geröllbedeckte, blauschimmernde Hochebene von unermesslicher Ausdehnung. Grünliche und anthrazitfarbene Felsbrocken übersäten erstaunlich gleichmäßig den flachen Grund, der vor uns leicht abfiel, um dann, ohne weitere Gliederung des Geländes, bis zum Horizont zu reichen, der weiter und weniger gekrümmt war als auf der Erde und der ein Gebiet von tausenden Quadratkilometern umschloss. Der Blick verlor sich in einer Gesteinswüste von den Dimensionen eines Kontinents, allenfalls vergleichbar der Aussicht von einem Himalayagipfel in die Weiten Tibets hinaus. Das gesamte Plateau umfasste mehrere Millionen Quadratkilometer schweigendes, totes Land, von Ammoniak-Stürmen gepeitscht, immer 152 Erdjahre – so lange dauerte ein halber Umlauf von Lu-Au – im Permanganat-Glanz der fernen Sonne opalisierend, 152 Jahre im Frost kosmischer Finsternis, in der sich Reif aus Helium und Stickstoff bildete.
Das war einmal der Traum meiner Jugend gewesen, so eine unendliche Landschaft, in die man wochen- und monatelang hineingehen konnte, ein Leben lang nur wandern ...
Jetzt empfand ich vor allem Skepsis, was die Durchführbarkeit unserer Expedition anging. Jennifer hatte sich von meiner Seite gelöst – erst jetzt wurde mir bewusst, dass sie für einen Moment meine Hand gehalten hatte – und ging mit schweren Schritten los.
»Der Wind lässt nach«, hörte ich sie sagen. »Er hat nur unmittelbar an der Kante diese Kraft. Ich wette, in drei bis fünf Kilometern Entfernung bemerkt man ihn nicht mehr.«
»Will’s hoffen, sonst haben wir von vornherein keine Chance«, gab ich zurück und stakste langsam hinter ihr her. Anfangs war es etwas gewöhnungsbedürftig. Das sensorielle Gewebe des Anzugs erfasste Nerven-Impulse und Muskel-Aktivität und passte sich letzterer hautnah an. Die Pneumatik in den Beinmanschetten verlieh jedem Schritt die dreifache Kraft, so dass wir auch in voller Montur und bei reeller Schwerkraft normal gehen konnten. Aber eben nicht mehr. Ich trottete also los wie ein Trekkingtourist, der seinen ersten Fünftausender macht und jedes Gramm seiner Ausrüstung verflucht. Der Jet-Stream ließ aber tatsächlich bald nach, so dass ich sukzessive die Dämpfer hochfahren und die Schrittlänge steigern konnte. Jennifer war mit langgestreckten Sätzen schon wieder weit voraus.
»Warum haben wir keinen Scooter mitgenommen?«
Hatte sie das gefragt, oder hatte ich mir den Vorwurf nur eingebildet? Auch in Zeiten genetisch-psychischen Designs ist Über-Ich nicht kleinzukriegen und stellt ständig gerade das in den Raum, was man am wenigsten rechtfertigen kann.
»Weil es keine gibt, die ohne elektrische Halbleiter auskommen, und wenn dir die Kiste dann in ‘nem Magnet-Wirbel verreckt, stehst du erst recht dumm da.«
Hatte ich laut gesprochen oder nur innerlich monologisiert? Wie lange waren wir schon unterwegs? Welche Strecke hatten wir zurückgelegt? Ich bemerkte, wie Nervosität und Angst, das Gefühl des Ausgesetztseins sich in mir breit machten. Drehte ich allmählich durch? Ich verlangsamte meine Sprünge und sah mich um. 360°, soweit die Windrose reichte, nichts als flaches, aquamarinblau schimmerndes Geröll, topfeben. Irgendwo schräg hinten stand die Sonne, nicht viel heller als der Mond von der Erde aus, und die Scheibe war viel kleiner. Ein Stern der Größe I, aber nicht eigentlich ein Tag-Gestirn. Der Himmel, der in düsterem Kobaltblau, im Norden ins Violette spielend, dröhnte, war fast völlig klar. Nach vorne sah man ein paar Sterne. Die Konstellationen unterschieden sich nicht allzusehr von denen daheim. Die Milchstraße, so gut wie unverändert, zog sich als silbrige Brandung von feinem Perlmuttglanz flach über dem Horizont dahin.
Wo war Jennifer? Eine Orientierung aus eigener Kraft war kaum möglich. Ich schielte auf das Navigationsarmband und drehte mich wieder so, dass ich die Sonne im Rücken, meinen faden Schatten etwa auf 11 Uhr vor mir hatte. So musste ich sie sehen.
»Jennifer?«
Sie war offline gegangen. Vermutlich hatte sie mein Atmen in den Kopfhörern gestört. Ich bin eben nicht mehr der Jüngste! Es war völlig still im Helm. Bloß die Automatik, die alle fünf Sekunden die Verbindung prüfte, blinkte grün über meinem rechten Auge ... Sie tat es nicht! Hatte sie ...? Ich versuchte mir krampfhaft ins Bewusstsein zu rufen, ob und wie lange die Diode etwas angezeigt hatte. In diesem Moment sprang die rote Leuchtdiode an, die signalisiert, dass die lokale Leitung zusammengebrochen ist.
»Jennifer!«, rief ich sinnloserweise in die tote Automatik.
»Passive Verbindung offline«, nörgelte es an meinem rechten Ohr.
»Weiß ich«, schnauzte ich zurück. Verdammter Mist, und das nach so einer beschissenen Nacht!
»Verbindung wiederherstellen«, befahl ich, »Scan über alle Frequenzen. Wie sieht’s mit der ENTHYMESIS aus?« Aber auch da erfuhr ich nur, was ich schon wusste.
»Keine Verbindung zur ENTHYMESIS und via Relais zum Mutterschiff seit 82° 47’.« Das war der Übergang auf’s Hochplateau gewesen. Seither waren wir von allem abgeschnitten.
»Jennifer!«, schrie ich, und »Spar dir deine Kommentare!«, raunzte ich die Automatik an, die mich wieder über die Unsinnigkeit einer Ansprache bei toter Leitung informieren wollte. Irgendwo ging ein grünes Lämpchen an, aber es war das auf der linken Seite. Stress!
»Jetzt sei nicht gleich beleidigt«, ermahnte ich die virtuelle Intelligenz meines Raumhelmes. »Sieh lieber zu, dass wir online gehen! Was mach ich zum Stress-Abbau?«
»Reduktion des Nebennieren-Adrenalins durch körperliche Aktivität.«
Ich lief also langsam wieder los, in nördlicher Richtung wie zuvor. Das rote Licht flackerte und oszillierte, derweil die Automatik die Frequenzen rauf- und runterscannte.
»Schwaches Positions-Signal auf 98,4 Mhz«, kam es nach endlosen Sekunden, und obwohl ich nur noch zehn Prozent der Drüsenzellen eines Menschen des 20. Jahrhunderts hatte, war ich am ganzen Körper klatschnass geschwitzt.
»Leitungsaufbau auf 98,4«, befahl ich, »online gehen!«
Nach quälenden Augenblicken des Wartens, in denen die Anzeige trillerte und bebte und ich zum erstenmal seit der Piloten-Prüfung vor 74 Jahren meinen eigenen Pulsschlag hören konnte, sprang es vor mir auf grün um.
»Lokale Verbindung online. Schwaches Signal auf 98,4 Mhz. Position 352°. Richtstrahl aus einem Kilometer voraus und drei Meter Tiefe ...«
»Jennifer!«, brüllte ich und hörte das Summen, mit dem die Übersteuerung heruntergeregelt wurde. »Wo bist du?«
»Ich bin okay«, sang es aus meinem Helm, und mir taten die Backen weh, so sehr verzog sich mein Gesicht zu einer unwillkürlich grinsenden Grimasse.
»Bin bloß eingebrochen. Mach langsam und dreh deine Dämpfer hoch. Wir sind zu schwer. Der Untergrund ist porös und stellenweise hohl. So ‘ne Art Karst-Landschaft. Seismisch extrem instabil, wenn ich auch noch keine genauen Werte hab. Ich hab versucht, mich rauszukatapultieren, und bin beim Abstoßen nochmal ein Stockwerk runtergerasselt.«
Aber da war ich schon nahe genug heran, um es selbst zu sehen. Das Gelände fiel leicht ab und bildete eine Mulde von einigen Kilometern Durchmesser, die selbst wieder von Trichtern und schwarzschattigen Dolinen genarbt war. Aus einem solchen Einsturzkrater, einige hundert Schritt vor mir, kam eben eine silbergraue menschliche Gestalt herausgekrochen, die mir matt zuwinkte.
»Bleib, wo du bist«, hörte ich sie. »Es ist besser, glaube ich, wenn wir das umgehen. Hat die Konsistenz eines trockenen Schwammes. Auf einen Kubikmeter Fels kommen drei aus dunkelblauer Luft. Außerdem habe ich seismische Irregulari ...«
Plötzlich rannte sie, schlug einen Haken um einen lichtlosen Trichter, der an einen vulkanischen Nebenschlot erinnerte, und kam dann in gestrecktem Lauf auf mich zu. Staub stieg um sie auf. Mehrfach brach sie bis zu den Knien ein. Ich konnte über die Kopfhörer verfolgen, wie sie die Dämpfung regulierte und mit ihrer Automatik kämpfte, um sich gleichzeitig so leicht und so schnell wie möglich zu machen. Sie hatte ihr Gewicht fast ganz heruntergefahren und wollte sich eben abstoßen, um sich zu mir an den Rand der Kaldera – um etwas derartiges musste es sich handeln – heraufzukatapultieren. Aber der sandige Untergrund bot keinen Widerstand, sondern sackte unter ihren Füßen weg. Mineralische Fontänen stiegen auf, auch aus den Nachbarkratern erhoben sich Säulen von glitzerndem Staub. Dampf schien aufzuzischen. War es ein Geyser-Feld?
Jetzt schrie sie meinen Namen. Sie war bis zur Hüfte in einer Art Treibsand eingesunken, aus dem sie sich schwerfällig herauswühlte, aber da war ich schon unterwegs. Ich hatte mich flach abgestoßen und die Dämpfer auf volle Leistung gestellt, so dass ich schwerelos auf sie zuschwebte. Nur über die Trägheitssteuerung ließ ich mich ausgestreckt neben ihr nieder. Salven von feinkörnigem Gestein prasselten auf uns herunter, und ich konnte jetzt auch spüren, wie die Erde leise vibrierte. Ich erreichte ihren linken Arm, und indem ich ihre Automatik an meine ankoppelte und ihre Stabilisatoren ausschaltete, riss ich sie heraus und schleuderte sie über mich hinweg. Dann rappelte ich mich hoch und grätschte auf allen vieren zum festen Grund zurück. In diesem Augenblick geschah es.
»Unbekannte Aktivität«, hupte es in meinem Helm. »Achtung. unbekannte Aktivität! Phänomen unbekannt, Herkunft unbekannt.«
Wir lagen halb übereinander – ihr lang ausgestrecktes rechtes Bein ging über meine Brust hinweg. ohne die dämlichen Anzüge wäre es ganz appetitlich gewesen – am Rande des Kraters und robbten rückwärts auf dem Hosenboden davon, klammheimlich, schien es.
»Oh Mann!«, sagte sie. »Was ist das?!«
Eine der Dolinen, unweit der Stelle, an der sie zuerst eingebrochen war, fing an zu zittern. Risse zogen sich durch das Geröll und strahlten in die Umgebung ab. Der ganze Untergrund verwandelte sich in kochenden, bebenden Staub. Man wartete darauf, dass Chladny’sche Figuren entstanden. Irgendetwas rumorte unter der Oberfläche. Dann wölbte sich der Kies auf. Anstelle des Trichters bildete sich ein rasch wachsender Hügel aus tanzenden Fels-Splittern, der sich immer höher auftürmte, und auch in anderen Kratern vollzog sich, mit geringer zeitlicher Verzögerung, als schließe man sich allmählich dem Beispiel jenes ersten an, das gleiche Schauspiel. Der ganze Grund der Caldera brodelte.
»Seismische Aktivität. Richterskala SECHS. Herkunft unbekannt!«
Plötzlich zerbarst die Kuppe des ersten Gesteinshügels, der längst weit über unser Niveau hinausragte, und ein blauweißes, wurmförmiges, engerlinhaftes Wesen schob sich aus dem Kragen von Schutt und Geröll und reckte seinen stumpfen, an eine Blindschleiche erinnernden Schädel senkrecht in den staunenden Himmel.
»Unbekanntes Objekt!«, schrillte es wieder. »Konsistenz unbekannt!«
Auch aus den anderen Löchern, die mich plötzlich fatal an Schlangenlöcher erinnerten, kamen gleichgeartete, im fahlen Rosablau von Nabelschnüren glänzende Wülste heraus, die ebenfalls gerade nach oben stiegen, während Staub und Schotter von den glatten Flanken rieselten. Ja, ihre Leiber waren glatt, sie schienen feucht zu sein, fast schleimig. Nicht von Wasser versteht sich, das wäre längst gefroren, eher von ... ?
»Ich hab Angst«, kratzte es an meinem Ohr. »Was ist das?«
Doch als ich nach ihrem Arm fassen wollte, griff ich ins Leere. Ohne die Dinger da vor mir – das größte, das zweihundert Schritt vor uns »ausschlüpfte«, hatte inzwischen eine Höhe von gut fünfzig Schritt erreicht, und ein Ende schien nicht abzusehen – ohne das also länger als unbedingt nötig aus den Augen zu lassen, sah ich mich nach ihr um. Sie war weit hinter mir und ging langsam rückwärts. In ihrem Visier spiegelte sich ein weißliches Wesen, das jeden Dinosaurier an Größe übertraf und das seine Front ganz langsam herunter neigte, sich wie neugierig nach vorne beugte. Davor stand ein kleiner glitzernder Astronaut. Das war ich!
»Lauf!«, kreischte es an meinem Ohr. »Es kommt auf uns zu!«
In diesem Augenblick geriet ich in Panik. Kalter Schweiß brach mir aus, und vor meinen Augen rauschte das Blut.
»Weg! Weg! Weg!«, schrie jemand.
»Achtung Stress-Situation«, monierte die Automatik. »Adrenalin-Werte kritisch.«
»Sag mir lieber, wie’s da hinten aussieht. und was das ist!«, heulte ich ins Mikro und strampelte wie besessen. Denn ich war noch schwerelos und hatte mich unwillkürlich mehrere Meter hoch in die Luft gestoßen, wo ich jetzt zappelnd herumruderte.
»Stabilisieren! Dämpfung weg! Jennifer, was macht es jetzt?«
Ich krachte mit meinem ganzen Gewicht auf den Boden, von der eigenen Schwere gefesselt. Diese Computer sind doch zu dämlich.
»Es kriecht jetzt flach und kommt direkt auf dich zu!«
Das war Jennifer, aber warum klang sie so dünn? Hatte meine Automatik einen Knacks gekriegt? Ich versuchte aufzustehen, aber bei über drei Zentnern Masse und 1,6g war es praktisch ausgeschlossen, mich zu bewegen.
»Halloo!«, brüllte ich in meine Automatik. »Dämpfung – und Lagebericht! Sofort!«
Ich wälzte mich mühselig herum und sah nach hinten. In diesem Augenblick schob es seine »Schnauze« – von der anderthalbfachen Größe der ENTHYMESIS – träge über den Kraterrand und kroch glitschig und langsam auf mich zu. Man konnte nichts Genaueres erkennen, weder Augen oder Nüstern, noch sonst irgendwelche äußeren Konturen.
»Schockbedingter Ausfall im primären System«, meldete sich meine Elektronik. »Sekundärer Boot und Total-Check. Abgeschlossen in – sechzehn Sekunden, fünfzehn ...«
»Steh auf«, schrie jemand. Dann krachte es wieder, und die Dioden flackerten.
Plötzlich war ich ganz ruhig. Ich konnte definitiv nichts machen. Ich lag da, halb auf die Seite gestützt. Der Tornister lag bleiern unter mir, als wäre er am Boden festgenietet. Und so sah ich das seltsame Wesen an, das da gleichmäßig und gesichtslos heranglitt. Es hatte die fünfzig Schritt zwischen mir und dem Kraterrand so gut wie überwunden, und noch immer waren keine Sinnesorgane, keine Extremitäten, nicht einmal Schuppen oder eine muskuläre Bewegung auszumachen. Zehn, zwanzig Meter neben ihm tauchte ein zweites auf, das die andesitische Krone des Kraterrandes durchbrach und sich parallel heranschob. Das erste war auf meiner Höhe. Es wühlte sich durch den Schotter und wölbte eine regelrechte Bugwelle auf. Ein fünf Meter hoher Wulst, der, ohne Notiz von mir zu nehmen, ganz dicht an mir vorüberschob. Der Geröllwall, den es aufwarf, berührte meine Stiefel und verschüttete mein linkes Bein, aber es änderte seine Richtung nicht. Blind und unorganisch, wie ein ...
»Sekundär-Boot abgeschlossen. Lokales System online. Dämpfung auf 50% aktiviert.«
»Jetzt steh endlich auf, Mensch!«
Auch meine Süße war wieder da.
Ich erhob mich langsam, das Monstrum nicht aus den Augen lassend, und zog mich zurück. Ich starrte auf den mauerglatten Leib, der an mir vorüberglitt. Sowie ich stand, konnte ich auch wieder in den Krater hineinsehen, der inzwischen von mehreren hundert dieser »Schlangen« bevölkert war, die sich umeinander wanden und den ganzen Kessel mit ihren weißen Schlingungen erfüllten. Sie hatten – außer der »Spitze«, mit der sie den Boden durchstoßen hatten – weder einen Anfang noch ein Ende, weder Kopf noch Schwanz, doch einige waren – zerbrochen! Und plötzlich wusste ich Bescheid!
»Lagebericht! Wie ist die Konsistenz der unbekannten Objekte? Scannen auf Lufteinschlüsse und spezifische Dichte!«
»Was soll das?«, fragte Jennifer, hörbar an ihrer eigenen Unentschlossenheit leidend.
Aber als wolle es meine Hypothese selbst bestätigen, hatte das erste Wesen, das schon rund dreißig Meter an mir vorbeigekrochen war, mit einem Mal die Schnauze in den Grund gebohrt, wo es anscheinend feststeckte. Der nachdrängende Leib hob sich an und wölbte sich unter ungeheurer Spannung zu einem Bogen von zehn Metern Höhe an. Ich vergrößerte den Sicherheitsabstand. Dann barst der eingekrümmte Hals, und mannshohe Fetzen und Bruchstücke flogen davon. Der hintere Teil senkte sich langsam wieder auf den Boden und setzte seinen Weg fort. An die Stelle der runden Schnauze war ein splittriger Stumpf getreten, der unbeeindruckt an dem alten Kopfstück vorüberkroch. Dieses lag zu mehreren mächtigen Scherben zertrümmert da, von kristallischen Sprüngen durchädert. Tot. Es war Eis, lauter Eis.
»Konsistenzprüfung abgeschlossen. Es handelt sich um gefrorenes Ammoniak. Einschlüsse von anderen Stickstoffverbindungen, Helium und Methan. Hohe Viskosität. Elastizität etwa von – Fiberglas. Temperatur rund 100 Kelvin ...«
»Danke,das reicht. Ich weiß jetzt Bescheid.«
»Was ist das?«
Jennifer war wieder an meiner Seite. Ich ging an das größte Bruchstück heran, das erratisch im Boden steckte.
»Ein verwandtes Phänomen gibt’s bei uns auch. Etwa wenn feuchter Waldboden über Nacht gefriert, beim ersten Herbstfrost vielleicht. Dann wird das Eis, durch die Kapillarwirkung der Poren, herausgedrückt und bildet Fäden und schnürige Gespinste, die ohne weiteres armlang werden können.«
»Aber das funktioniert nur aufgrund der Anomalie des Wassers, das sich beim Gefrieren ausdehnt ...«
»Das ist richtig. Ich vermute, dass hier thermische Prozesse dazukommen. Irgendetwas muss den Druck erzeugen, der das Eis nach oben durch die Trichter presst.«
»Oder das Eis bildet sich erst in dem Moment. Unterirdisch funktioniert’s wie ein Geysir, und erst, wenn es mit der Atmosphäre in Berührung kommt, wird das Ammoniak abgeschreckt und schockgefroren. Das wär mir übrigens beinahe auch ...«
»Es muss ein selbstverstärkender Vorgang sein, der durch einen minimalen Auslöser angestoßen wird und sich dann selbsttätig fortsetzt.«
»Hm, damals in Florida hatten wir so’n Hobby. Immer nach Dienstschluss haben wir uns jeder ein Bier aus der Cafeteria geholt. aus dem Kühlschrank natürlich, wo es auf fast 0°C runterkühlt war. Wenn wir das dann am Strand aufknackten und es zu schäumen anfing, kühlte es sich durch den Druckverlust noch ein bisschen weiter ab, und das reichte gerade aus, um es gefrieren zu lassen. Klar, dann kam es als wulstiges Eis oben rausgequollen! Warum fällt mir das erst jetzt ein?«
»Also es gibt unterirdische Reservoirs an flüssigem Ammoniak, das unter hohem Druck steht, aber keinen Kontakt zur Atmosphäre hat. Wird dieser Kontakt hergestellt, weil jemand unbefugt auf dem Krater rumlatscht – also wenn das Ammoniak dann aufschäumt –, treibt es sich selber durch die Gänge und Poren des Gesteins nach oben und erstarrt gleichzeitig zu fünf bis acht Meter mächtigen und dreihundert Schritt langen ‚Schlangen’.«
»Und ich wäre fast gestorben vor Angst! Du hättest das sehen müssen, wie das Ding hinter dir über den Rand kam, riesengroß, und du dich nicht von der Stelle rühren konntest. Liebe Güte!«
»Naja, dass wir ein bisschen in Deckung gegangen sind, war schon nicht verkehrt. Ich möchte trotz allem nicht unter sowas liegen. Ob anorganisch oder nicht ...« –
Zu gerne hätte ich etwas zurückgelassen, eine Sonde, einen Droiden, wenigstens eine automatische Kamera, aber wir hatten nichts dabei, außer unserer eigenen Ausrüstung, die wir dringend benötigten – und umso dringender, je weiter wir jetzt vorstießen. Es blieb uns nichts übrig als weiterzumarschieren. Die Position der Erscheinung, die Bilder der Helmkameras, die Daten der Scanner und leider wohl auch die Protokolle unserer kurzfristigen Hysterie waren allesamt im lokalen Logbuch abgelegt – ich hoffte zumindest, dass der crashbedingte vorübergehende Ausfall meines Systems keinen allzugroßen Schaden angerichtet hatte. Wir wanderten weiter, wobei wir jetzt dichter beieinander blieben. Das war nicht nur eine Vorsichtsmaßnahme gegen vorzeitiges Verschüttgehen, sondern vor allem auch in der lokalen Kommunikation begründet, die immer labiler wurde. Mit jedem Grad, fast jeder Bogenminute, die wir nach Norden kamen, nahmen die atmosphärischen Störungen zu. Bald konnten wir uns nur noch verständigen, wenn wir auf mindestens dreißig Fuß aneinander herangingen, und wir hatten immer mehrere Frequenzen synchron geschaltet, weil fast laufend irgendeine ausfiel.
Das »Schlangen-Nest« übrigens – wie wir es ironisch tauften – hatte seine Aktivität eingestellt, noch während wir an seinem Rand vorübergingen. Die Temperatur- und Druck-Unterschiede zwischen der Unterwelt und der Atmosphäre hatten sich ausgeglichen. Der Scanner registrierte 157 Einzelstränge, und wir nahmen ein hochauflösendes Hologramm in den Recorder. Die Wülste und Bruchstücke lagen in leichigem Weiß übereinander und zerbröckelten so rasch, wie sie entstanden waren. Sublimation -. das Eis verdunstet ohne flüssiges Zwischenstadium.
Die Nordlichter nahmen an Häufigkeit und Intensität beständig zu, und sie waren auch nicht mehr auf den Himmel beschränkt, sondern schienen sich trichterförmig nach unten hin fortzusetzen. Dort war der Magnetische Pol, dessen Feld enorme Strahlungen freisetzte und dem wir uns an diesem Tag noch bis auf wenige hundert Kilometer näherten.




