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Wir waren seit achtzehn Stunden unterwegs, wie damals am Chimborazo, als ich halten ließ. Die Ebene war immer noch – oder wieder – völlig ereignislos. Der Wind war trotz der Stabilisatoren spürbar, aber er würde unserer Kuppel nichts anhaben können. Wir stellten das Zelt auf. Wieder ging Jennifer zuerst hinein, während ich aus antiquierten Pfadfinder-Instinkten noch einen Rundgang machte, die Verankerungen prüfte, das virtuelle Gyroskop durchcheckte. Dann sah ich über die Ebene. Es war ausgeschlossen, dass hier irgendjemand über Nacht vorbeikommen würde, abgesehen davon, dass es keine Nacht gab, sondern nur die ewige Dämmerung des polaren Sommers. Aber gerade das schien mir noch viel unheimlicher. Wären Wölfe oder Eisbären zu befürchten gewesen, dann hätte man es wenigstens mit etwas zu tun. Was uns hier umgab, war schlimmer, es war das eisige, dunkelblaue, schweigende Nichts. Wir befanden uns in einer Abgeschiedenheit, die in dieser Form noch kaum vorgekommen war. Die Abenteurer und Entdecker vor Marconis Erfindung – danach gab es existenzielle Einsamkeit nicht mehr – waren immerhin noch auf der Erde gewesen, und die Eroberer anderer Welten hatten praktisch immer Funkkontakt gehabt. Dass wir uns auf einem anderen Planeten und noch dazu in extrem hohen Breiten befanden, ohne Außenkontakt, über Tage hinweg, inmitten einer unermesslichen Wüste ...
Ich sah mich wieder, wie ich heute mittag durch die Luft gestrampelt und gleich darauf auf den Boden gekracht war, und der bloße »Was-wäre-wenn-Gedanke« – ein gebrochener Knöchel, ein Riss im Raumanzug, ein Ausfall der Automatik – ließ mich frösteln. Ich ging hinein.
Jennifer saß auf ihrer Koje. Sie hatte das Unterzeug freundlicherweise angelassen. Gerade betrachtete sie nachdenklich ihren linken großen Zeh. Sie hatte es fertiggebracht, sich Blasen zu laufen. Wie das in den sensoriellen Anzügen möglich ist, war mit zwar unerklärlich, aber es war nun nichts zu machen. Ich behandelte sie mit Dermital-Spray, verödete die größten Löcher – zu was so ein Hochenergie-Scanner nicht alles gut ist! –, und massierte dann lange ihre geschundenen Füße, deren mediterranes Braun sich aufs Allererotischste vom Baumwoll-Weiß unserer Anzüge abhob. Nach Abendessen und Lagebesprechung gingen wir gleich ins Bett, und immerhin hatte sie ihre Koje heute direkt neben meiner geparkt. Das sah ja schon fast nach Versöhnung aus. Zu was gemeinsame Abenteuer nicht immer gut sind! Wir lagen noch eine Weile im polarisierten Licht und plauderten nach dem Motto:
»Du ...«
»Mmm ...?«
»Wie du mich da heute rausgeholt hast ...«
»Mhm? ...«
»Das war sehr – souverän. Danke!«
Und dann fragte ich sie, ob sie Angst gehabt hätte, und sie meinte. »Klar!, aber viel größeren Schiss habe ich gehabt, als du an der Kante standest und das Ding hinter dir über den Kraterrand kam und seinen Dreißig-Metert-Hals langsam runterbeugte. Also, das hättest du echt sehen müssen!« Und dann fragte sie mich, ob ich denn keine Angst gehabt hätte. Naja, ich tastete mich mal langsam vor, aber als ich in der Luft rumgerudert hatte, war die Übertragung wohl schon ziemlich im Eimer gewesen, und sie hatte jedenfalls nicht gehört, wie ich geschrien hatte. Ich beschränkte mich also auf allgemeine Andeutungen, so nach dem Motto:
»Hab’ ich dir mal erzählt, wie ich auf Merkur war und mein Anzug gerissen ist, und draußen herrschten 270°C – und gleichzeitig natürlich extremer Unterdruck?«
»Und?«
»Das war schlimmer!«
Dann lagen wir wieder da und lauschten auf das feine Singen des virtuellen Kreisel-Kompasses, der die Deformationen, die der Sturm unserer schönen Jurte beibringen wollte, ausglich und abfederte.
»Du ...«
»Mmm?«
»Wie alt willst du werden?«
Denn das konnte man sich ja weitgehend aussuchen. Natürlich nicht auf den Tag genau. kaum das Jahr. Nur so grob eben, wie es der genetischen Disposition unterlag, ob man nun achtzig, neunzig – das war etwa die Regel – oder meinetwegen hundertzehn werden wollte. Es gab auch kühne Einzelkämpfer – oft sogenannte »Selbstversuche« im Regierungsauftrag –, die hatten sich auf »unsterblich« programmieren lassen. Die Ältesten von ihnen – mal überschlagen, so lange gab’s die Möglichkeit noch gar nicht – mussten jetzt rund dreihundert Lenze auf dem Buckel haben. Die meisten hatten aber bald die Schnauze voll – so nach hundertfünfzig Jahren wurde es anscheinend langweilig –, und ließen sich dann ganz gelassen wegspritzen. Natürlich lag es vor allem an den Eltern, wie die einen designt hatten. Postnatale Eingriffe waren schwierig. Und sie wurden um so schwieriger, je später sie durchgeführt wurden. Äußere Einflüsse kamen komplizierend dazu. Etwa bei uns Nordlandfahrern. Es gab immer noch keine genauen Untersuchungen darüber, wie Erd- und Raumjahre – die bei mir schon um mehr als Faktor 2 auseinanderklafften – gegeneinander zu verrechnen seien.
»Ich habe mich auf hundert Erdumläufe eintragen lassen, das ist ‘ne runde Sache und auch nicht übertrieben bescheiden. Schließlich ist man ja wer. Davon habe ich jetzt satt die Hälfte rum. Nach diesem Trip hier wird mein Zähler auf 54 stehen. Warum fragst du?«
Aber von drüben kam nur noch ein genießerisches Grunzen, und ich hörte, wie sie sich auf ihrer Koje herumwarf. Hatte sie sich erkundigen wollen, ob ich noch in Frage kam? Wie war wohl ihr genauer Kontostand? Dann wurde es ruhig. In dieser Nacht schlief ich sehr gut.
Wir waren am Pol. Seine Position bestimmte Jennifer auf 88° 17’ Nördlicher Breite und 27° 25-30’ Östlicher Länge. Eine genauere Eingrenzung schien nicht möglich, wie es sich überhaupt um kein punktförmiges Datum handelte. Vielmehr schien ein breitgestreutes Bündel von Strahlungen und Feldkräften hier die äußere Lithosphäre zu durchstoßen. Die Abschirmungen unserer Anzüge liefen auf höchster Energie. In einem konventionellen Raumanzug hätte ein Mensch zu leuchten angefangen, und auch so sprühte uns Elmsfeuer von Fingerspitzen und Antennen. Die Lokale Kommunikation arbeitete auf allen Frequenzen gleichzeitig. Trotzdem konnten wir uns nur in unmittelbarer Nähe miteinander verständigen. Wir mussten uns gewissermaßen durch die Helme hindurch in die Ohren schreien. Ein ständiges Summen und Knistern störte die Automatik und ließ sich nicht überdämpfen.
»Was machen wir hier?«, gellte sie durch den Krach. »Dagegen waren ja die Außenarbeiten auf Pluto noch gemütlich! Was ist das für ein gottverlassener Ort?! Will nicht wissen, was wir hier an Bequerel einfahren ...«
»Pass auf«, ging ich routiniert dazwischen. »Gib mir deinen Tornister!«
Sie schmiss mir ihren Rucksack vor die Füße, der, sowie er den Boden berührte, von einer Korona hellblauer Funken umflossen wurde. Der Sturm, der satte Orkanstärke haben musste, zerrte an den Trägern und Außenscannern, die nicht der Stabilisation unterlagen. Eben brannte eine zinnoberrote Wolke über uns ab, deren glosendes Licht wie Schrapnellfeuer zwischen uns herumflackerte. Vor meiner Stirn sprang eine dieser roten Dioden an.
»Exponentielle Energie-Ausbrüche. unmodulierte Schauer ionisierter Strahlung. Abschirmung auf 105%!«
»Das ist hier ‘ne gigantische Mikrowelle«, kommentierte sie schon wieder. »Wir werden lebendig gegrillt!«
Aber ich war jetzt ganz ruhig. Ich dachte an Blizzards und Monsun-Stürme, die ich so mitgemacht hatte, an das Biwak am Mt. McKinley, an die Notlandung auf Japetus und so weiter. Die Automatik hatte die volle Kontrolle über mein vegetatives System und regelte meinen Puls auf 55 herunter. Sämtliche Botenstoffe wurden unterdrückt. Ich war kalt wie ein Droid. Aus Jennifers Equipment – »Das wollte ich eh’ noch fragen: was ich da eigentlich seit drei Tagen so rumschleppe!?« – nahm ich ein handlanges Gerät. Auf einem kleinen ausfahrbaren Dreibein stellte ich es in das farblose Geröll, das gerade unter heftiger ultravioletter Strahlung phosphoreszierte, und richtete es aus, so gut es eben ging. Der nächste der etwa 300 stationären Satelliten, die wir in den vergangenen Wochen über den Orbit von Lu-Au verteilt hatten, musste bei 75°N / 30°O stehen. Den peilte ich jetzt auf’s Geratewohl an.
»Sagt mir der Herr Expeditionsleiter jetzt bitte, bitte, was das ist?«
»Ein Röntgen-Maser. Der stärkste, den es gibt. Wenn wir damit keine Relais-Verbindung kriegen, können wir gleich einpacken und nach Hause gehen. Und noch was: Ich würde nicht durch den Richtstrahl laufen. Der verdampft dich zu Positronen-Suppe, so schnell kannst du gar nicht gucken!«
Ich setzte das Maschinchen in Betrieb, und da die lokale Kommunikation selbst auf die paar Schritt zu kämpfen hatte, holte ich ein gutes altes Glasfaser-Kabel aus der Tasche – es war mir ja fast peinlich –, und stöpselte den Sender direkt in meine Automatik ein.
»Peilen!«, befahl ich dann und beobachtete, wie der Maser ein dünnes Strahlenbündel von einer Bogen-Sekunde Streuung in die Ionosphäre schickte. Ein kupfersulfatfarbenes Leuchten zeichnete das Linienspiel des an sich unsichtbaren Röntgenstrahls nach. Die Atmosphäre knisterte. Ein Kokon elektrischer Entladungen spann sich um den Maser herum. Wir gingen vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Das Kabel war ja lang genug.
»Und wenn du die Verbindung hast, quatschen wir mit Dr. Rogers über’s Wetter ...«
»Dann installieren wir einen Richtstrahl und bringen eine Sonde runter.«
»Aha!«
Es dauerte mehrere Minuten, bis der Kontakt zu einem stationären Satelliten aufgebaut war. Aber war ja schon fraglich gewesen, ob das überhaupt funktionieren konnte. Der Röntgen-Beamer justierte sich automatisch nach und fokussierte dann seinen Suchstrahl auf Hochenergie-Übertragung, die punktgenau auf das Auge des Satelliten, 40 000 Kilometer über uns, ausgerichtet war. Eine Sekunde später hatte ich die Geologische im Kopfhörer. Ich machte Meldung.
»Planetarische Exkursion I. Wir melden uns vom Magnetischen Nordpol von Lu-Au. Die exakte Position sowie das lokale Logbuch der letzten 75 Stunden müssten mittlerweile überspielt sein.«
»Haben alles im Kasten. 2750 Exo-Byte. Wie ist das Wetter da unten?«
»Ich fass es nicht!«
»Ganz nett. Wenn Sie online auf unsere Automatik gehen, können Sie sehen, dass unsere Abschirmung auf 107% läuft. Also richtig gemütlich. Ist die Sonde ausgekoppelt?«
»Liegt im Torpedo-Schacht. Wir hatten erst in fünf bis zehn Stunden mit euch gerechnet. Aber ich gebe sie jetzt sofort frei.«
»Wäre mir ganz recht. Weiß nicht, wie gesund das hier auf die Dauer ist, und wir haben noch einen weiten Weg vor uns.«
»Eh klar. Das Baby geht in dieser Sekunde raus. Moment – jetzt!«
Vor mir im Helm erschien eines dieser dämlichen virtuellen Hologramme, von denen einem so schwindlig wird. Ich sah über eine der Außenkameras der MARQUIS DE LAPLACE das Große Drohnen-Deck, von dem auch Sonden, Explorationsroboter und der andere Kram gestartet wurde. Unter einer magnesiumfarbenen Stichflamme hob eine Fünfzehn-Tonnen-Lambda-Sonde ab und schwenkte – die Kamera fuhr brav mit – in Richtung auf Lu-Aus nördliche Hemisphäre ein, ganz so wie wir selbst vor gut drei Tagen. Ich unterdrückte die Einspielung.
»Danke, hätt’s auch so geglaubt.«
»Klar. Ich wollte nur noch mal die Übertragung testen. Scheint ja trotz allem ganz gut zu funktionieren.«
»Will ich meinen. Wie lange dauert das jetzt?«
»In 37 Minuten ist sie bei euch.«
»OK, dann melden wir uns wieder. Bis dahin over and out!«
Siebenunddreißig Minuten. Da wäre doch gerade Zeit genug für ...
»Oh, ich weiß genau, was du jetzt denkst!«
»Hab ich irgendwas gesagt?«
Aber leugnen war zwecklos. Wir kannten uns einfach schon zu lange.
»Ich glaub’, du tickst nicht richtig. An einem der strahlungsreichsten Orte außerhalb der Heliopause und er denkt nur an’s ... Aber pass auf. Ich würde tatsächlich ganz gern die Beine hochlegen. Wenn du dich zusammenreißt, können wir für eine Stunde das Iglu aufbauen. Du darfst mir sogar die Waden massieren. Irgendwie hat mich die ganze Lauferei ...«
Ich hatte schon den Tornister runter und. »Aufbauen!«, gerufen. Wir gingen mehrere hundert Meter vom Richtstrahl weg. Das sollte reichen. Die gesamte Steuerung lief über das Kabel, das ich mir jetzt aus dem Helm zog und außen in die Automatik unserer Kuppel steckte. Jennifer war schon wieder drin. Ich sah kurz nach oben, wo sich über dem südlichen Horizont eine silbrige Sternschnuppe näherte und in eleganter Sinuskurve auf uns zusteuerte. Dann ging auch ich hinein.
Sie sah böse aus. Ihre Beine waren bis zu den Knien hinauf voller dunkelbrauner Flecken. Irgendwo musste ihr sensorieller Anzug gestern, als sie eingebrochen war, einiges abgekriegt haben. Normalerweise war es ausgeschlossen, dass man auch nur die kleinsten Druckstellen bekam. Aber warum meldete das die Selbstregulierung ihrer Automatik nicht?
»Hast du Schmerzen?«
»Eher im Gegenteil. Ist alles ziemlich taub.«
Ich nahm ihren Anzug, der neben der Schleuse hing, und ließ ihn mit meinem eigenen online gehen, den ich noch anhatte.
»Protokoll der Selbstregulierung für die letzten 50 Stunden! Sämtliche Teilausfälle und Meldungen. Wurden Berichte unterdrückt?«
Da kam auch schon eine Übertragung aus der Medizinischen. Dr. Frankel, wie immer erst höflich »anklopfend«, ehe er auf dem Monitor des Mineralien-Scanners erschien.
»Darf man reinkommen? Ich sehe, ihr habt es euch ein bisschen gemütlich gemacht. Habt’s auch verdient. Ich darf euch im Rahmen der gesamten Abteilung gratulieren. Das war eine enorme Leistung! Allerdings – und das macht uns ein wenig Sorgen – scheint es nicht ohne Blessuren abgegangen zu sein. Vor allem wissen wir nicht, ob euch das selber schon klar ist. Euer Protokoll hat einige Auffälligkeiten. Wir haben euer lokales Logbuch grade mal gegengecheckt, und da sind uns ein paar kleinere Ausfälle angezeigt worden. Jennifer, versuch dich genau zu erinnern. Wie lange warst du in dem ‚Schlangennest’?«
Sie reckte sich von ihrer Koje, auf der sie sich ausgestreckt hatte, ein wenig hoch. Es dauerte eine Weile, bis sie sich besonnen hatte.
»Mein Gott – ein paar Sekunden. Alles in allem vielleicht ein, zwei Minuten. Ich bin eingesackt, so bis zu den Knien, und wie ich mich dann abstoßen und rausspringen wollte, hat’s nochmal nachgegeben, und ich bin etwa fünf Meter tief in den Hohlraum gefallen. Aber das müsste doch alles auf der Helmkamera ...«
»Eben nicht. Wir haben, wie auch bei dir, Frank, wenig später, mehrere kleine Ausfälle registriert. Die Automatik muss kurz zusammengebrochen sein. Vor allem ist aber das innere Protokoll nicht ganz synchron mit den äußeren Daten – Kamera, Scanner usw. – und mit dem Logbuch der CPU. Als Frank dich dann rausgeholt hat, ist er mit deiner Unit online gegangen. Kurz darauf hat seine eigene einen Warmstart machen müssen. In der Aufregung habt ihr anscheinend auch einige Meldungen unterdrückt. Uns fehlen mehrere Gigabyte im sensoriellen Bereich, insgesamt fast fünf Minuten. Ist es möglich, dass du in der Höhle eine Weile bewusstlos warst?«
»Ich – keine Ahnung. Ich war schon ein bisschen weggetreten, hatte erst keine Orientierung. Es dauerte ziemlich lange, bis der Helmscheinwerfer anging, das weiß ich noch. Ich dachte: Hoffentlich hat meine Triggerung nichts abgekriegt. Aber wie lange das ging ...?«
»Und so lange bist du gelegen? Hast du nichts gespürt?«
»Pfffh ... – ich war verschüttet, da kam ja zentnerweise Schutt mit runter. Und ich steckte anfangs ziemlich fest da drin. So etwa – bis hier ...«
Sie zog ihre weiße Baumwoll-Leggins hoch, bis über ihre schönen Knie, und markierte mit der flachen Hand die Linie, bis zu der die dunklen Flecken gingen.
»Also langer Rede kurzer Sinn«, schaltete ich mich ein. »Ihr sensorielles Gewebe ist im Eimer, und wir haben’s nicht gemerkt. Was ist das, was sie da hat. Erfrierungen oder Druckstellen? Sie sagt, sie hat kein Gefühl! Aber sie wird damit noch drei Tage laufen müssen ...«
In diesem Augenblick wurde unsere Aufmerksamkeit von der Sonde eingenommen, die gegenüber zur Landung ansetzte. Ich hörte noch Dr. Frankels »Wir rechnen das mal durch und melden uns dann, sowie ihr den Booster unten habt ...«, dann wurde das Getöse der abbremsenden Rakete schon bestialisch laut. Sie kam langsam die letzten fünfhundert Meter herunter. minutiös dirigiert vom Leitstrahl des Röntgen-Masers. Allerdings schien die Steuerung ganz schön zu kämpfen zu haben. Immer wieder zischten seitliche Explosionen auf, die von irgendwelchen Korrekturdüsen herrührten – und überhaupt gefiel mir der Rückstoß des Hauptantriebes nicht ...
»Rogers«, brüllte ich in die Automatik. »Planetarische, bitte kommen! Dr. Rogers, was ist das für ein Antrieb?«
Es dauerte qualvolle Sekunden, bis die Leitung stand. Der Maser wurde von der Sonde abgelenkt, und die Kommunikation musste über deren Relais laufen, das viel schwächer war. Außerdem wurden die Turbulenzen da draußen immer heftiger.
»Exponentielle Energie-Ausbrüche«, meckerten jetzt auch schon unsere elektronischen Penaten. »Achtung hochionisierte Energie. Lokale Abschirmung bei 207%. Wiederhole: lokale Abschirmung bei 207% ...«
Jennifer richtete sich wie in Trance auf und rollte ganz langsam ihre Hosenbeine hinunter. Die Male auf ihren Waden schienen im rubinroten Licht, das, manchmal in hektisches Grün umschlagend, durch die Polarisation brach, anzuschwellen und eitrig zu glühen.
»Dr. Rogers.« Ich bemühte mich, deutlich zu sprechen und nicht unnötig zu übersteuern. »Kommen, Dr. Rogers. Ist das eine Sonde mit Ionen-Antrieb?«
Kurz hatte ich eine flackrige Verbindung, die allerdings ständig von dunkelblauen Detonationen durchrauscht wurde.
»Aye-Aye Sir. – - – Ionen-Sonde – - – HeliumIII-Triebwerk – - – Photonen – - keine mehr ...« –
Dann war er wieder weg, und eine schwere Erschütterung brannte über uns ab.
»Automatik!«, befahl ich. »Polarisation öffnen! Jennifer. Zieh dich an!«
Langsam und wie widerstrebend wurde die Außenhülle unserer Kuppel durchsichtig, und ich sah, keine zweihundertfünfzig Meter schräg über uns, Fontänen von kupfrigen Explosionsdämpfen speiend, aus denen dichte Garben quecksilberner Funken regneten, die Sonde, die seitlich ausgebrochen war und sich eben majestätisch überschlug. Das Haupttriebwerk schien sämtliche Gaserscheinungen der Ionosphäre zu bündeln und in einem gleißenden Feuerstrahl direkt auf uns abzubrennen. Eine erneute Detonation zerriss das wütende Brüllen. Im gleichen Augenblick sackte der Boden unter uns weg, und das Geröll des Untergrundes trat scharfkantig durch die Titan-Folie.
»Abschirmung bei 237%. Belastungsgrenze«, röhrte es rot über Jennifer, die sich in ihren Anzug zappelte.
»Achtung. Zusammenbruch des Lokalen Systems. Externe Evakuierung in fünf Sekunden, vier ...«
Die Außenmembran war rußig angelaufen. Ich konnte erkennen, wie die Sonde in einem platinweißen Feuerball zerbarst, der gleich darauf von einem rostroten Rauchpilz eingeschluckt wurde. Der Boden bebte. Der Lärm war sowieso ohrenbetäubend. Ich packte Jennifer bei der Gurgel und rastete ihren Helm ein.
»Schnapp dir von den Geräten, was du tragen kannst. Zumindest den Scanner!«
Die Welt um uns herum war ein einziges Wühlen violetter Flammen. An der Kuppel zeigten sich brandige Blasen. Die Schleuse war längst zu schleimigem Getropfe verschmort.
»Anzüge auf volle Hermetik. Abschirmung maximale Leistung!«
»Zusammenbruch des Lokalen Systems. Externe Evakuierung ...« –
Dann zerschälte sich das wabige Dach über uns, dessen Mikrometer-Folie sofort von weißlichem Züngeln verascht wurde. Jennifer stand da wie ein Schulmädchen, die beiden großen Scanner wie einen Ranzen unter den Arm geklemmt.
»Stabilisatoren!«, schrie ich noch, dann warf es uns auf den Boden, der sich kochend wand.
Jennifer hockte auf ihrem Tornister, den sie irgendwie herausgebracht hatte und in dem die beiden Scanner und ein paar kleinere Geräte steckten, alles was wir vor der Explosion hatten retten können. Im Radius von fünfhundert Schritt war der Boden zu glasigem Obsidian zerschmolzen, mittendrin ein kreisrunder Fleck, der mich an das Zeltlager erinnerte – Ich war acht oder neun, und wir waren irgendwo in den Rockies, als unser Dreimann-Kuppelzelt Feuer gefangen hatte ... – Ich stocherte in den zusammengebackenen Aufbauten und Elementen herum, aber es war vollkommen ausgeschlossen, etwas davon auszubauen, geschweige denn zum Funktionieren zu bringen. Das Kabel, das schräg über den rauchenden Trichter lief und an dem die nackte Glasfaser herausgebrannt war, glühte noch und leitete mich zu der Stelle, an der der Maser gestanden hatte. Dort drehte sich ein zerfetztes Ende, von giftigen Dämpfen umwabert. Ich kehrte zu Jennifer zurück, die schweigend auf ihrer Aluminium-Kiste thronte. Das silbrige Weiß ihres Anzugs war von schwarzen, öligen Schlieren verschmiert. Immer noch konnte ich mir nicht vorstellen, wie wir die Explosion überlebt hatten.
»Wie fühlst du dich?«
»Prächtig ...«
»Im Ernst ...«
»Ich glaube, es ist besser, wenn wir nicht so viel darüber nachdenken.«
»Lass uns die Situation realistisch einschätzen!«
»Weißt du, was ich mir wünsche?«
»Mhm?«
»Mal wieder auf’s Klo zu gehen. Also, so richtig ...«
»Da wirsts du dich noch ’n paar Tage gedulden müssen ...« Bei derartigen Exkursionen wurde die Ausscheidung auf Null reduziert. Die Ernährung war ballaststofffrei, und die Verdauung wurde durch das sensorielle System entsprechend lahmgelegt – sofern es funktionierte.
Wir hatten unsere Anzüge durchgecheckt. Jennifers Beinmanschetten waren unterhalb der Knie ramponiert. Kälte-Isolierung und Haut-Beatmung waren defekt. Schlimmer aber war, dass unsere Schwerkraft-Dämpfer einiges abgekriegt hatten. Sie reichten aus, die höhere Gravitation auf Lu-Au auszugleichen. Wir konnten also ganz normal gehen, mehr nicht.
»Also auf!«, versuchte ich, Ferienstimmung zu verbreiten. »Gehen wir nach Hause. Auch ein Weg von tausend Kilometern beginnt mit dem ersten Schritt. Falls du weißt, von wem das ist.«
»Wir haben nicht tausend Kilometer, sondern über dreitausend. Außerdem kann ich für die Richtung nicht mehr garantieren.«
»Wir sind am Nordpol! Alle Wege führen nach Süden. Es reicht, wenn wir bis auf den 80. Breitengrad runterkommen. Dann sollen sie uns gefälligst rausholen. Und auf Rogers’ Erklärung bin ich jetzt schon gespannt.«
An diesem Tag schafften wir fünfzehn Kilometer, am nächsten fünfzig. Wir gönnten uns einen erhöhten Blutzucker und ein bisschen Adrenalin, so dass wir mit zwei Stunden Schlaf auskamen, den wir flach nebeneinanderliegend im aquamarinfarbenen Schotter absolvierten. Der Traubenzucker, der uns kontinuierlich ins Bauchfell injiziert wurde, und die Energie unserer Systeme reichten noch für Wochen, wenn nicht Monate. Und so latschten wir vor uns hin, durch dunkelblaues, manchmal grünliches Geröll, topfeben, unter einer fahlen Sonne, die in 38 Stunden einmal um uns herummarschierte.
»Bei meiner Notlandung auf Japetus hat es vierzig Tage gedauert, bis sie uns rausgeholt haben.«
»Da haben wir bei unserem momentanen Tempo grade mal die Hälfte ...«
Am nächsten Tag legten wir 45 Kilometer zurück. Naja, und so langsam fingen wir an zu rechnen. Am vierten Tag kamen wir an das Schlangenloch. d.h. es musste ein anderes sein. Allerdings wurde unsere Positionsbestimmung immer schwieriger. Mein Navigationsarmband hatte so ziemlich den Geist aufgegeben, und ich versuchte mich an den Gestirnen zu orientieren. Die Sonne ließ sich ja schön anpeilen, wenn wir auch aufpassen mussten, dass wir nicht einfach auf sie zutrotteten, dann wären wir in grandiosen Kreisen herumgetappt. Die Sterne waren zu schwach, als dass man ihnen hätte präzise Informationen abgewinnen können. Ich hatte auch von Horizonthöhe und Ekliptik keine Ahnung. Wie auch immer, selbst bei einer Toleranz von hundertfünfzig Kilometern konnte es nicht unser Schlangennest sein. Es verhielt sich auch ganz anders. Als wir uns dem Krater näherten, der fünfzehn Kilometer im Durchmesser hatte, entsprach die Aktivität derjenigen, die unser Loch beim Höhepunkt des Ausbruches gehabt hatte. Es konnte also auch ohne äußeren Auslöser losgehen! Vor allem aber ließ die Intensität nicht nach, sondern sie nahm immer noch zu. Auch hier quollen die ersten Eiswülste bereits über den Rand. Im Inneren der Caldera konnte man die einzelnen Stränge gar nicht mehr unterscheiden. Eine massive Gletscherkuppel wölbte sich dort auf und ergoss sich unter metallischem Kreischen – wir mussten die Außenmikrophone runterregeln – in die Ebene. Das waren nun tatsächlich Gletscher-Ströme und -Zungen, die über das flache Geröll hinausleckten und es zu Moränen und Trogtälern umwühlten. Ein gigantischer Eisbruch, der sich konzentrisch ausbreitete wie eine schwärende Wunde. Wir mussten allmählich aufpassen, dass wir nicht vom Weg abgebracht wurden, denn das Phänomen lag südwestlich vor uns. Wir joggten also tangential los!




