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Theresa hob noch einmal den Arm aus der Koje, zog ihn zu sich herab und presste die Stirn an seine. Ihr Blick war schon ohne Bewusstsein.
»Gute Nacht.«
Carlssen schloss die Luke aus geädertem Fiberglas und wartete, bis die Erste Offizierin eingeschlafen war. Er prüfte die Instrumente. Der Puls wurde auf zwanzig Schläge, die Atmung auf fünf Züge pro Minute heruntergefahren. Die Körpertemperatur sank auf siebenundzwanzig Grad. Nach einer halben Stunde hatte sich die Muskulatur völlig entspannt, wurde aber elektronisch massiert, um Rückbildungen zu vermeiden. Die Gehirnströme verebbten zu traumlosem Tiefschlaf. Er vergewisserte sich, dass das richtige Weckdatum programmiert war, dann verließ er das Schlafdeck, das automatisch verriegelt wurde.
Auf der Brücke saß Silesio an seinem seitlichen Pult, das er für theoretische Arbeiten zu benutzen pflegte. Commander Carlssen trat hinter den Chefideologen und sah ihm über die Schulter zu, wie er ein Kapitel seines Textes über die Kontingenz redigierte, während er auf einem zweiten Monitor den Umbruch des Inhaltsverzeichnisses vornahm und auf einem dritten Zitate aus der Bordbibliothek nachschlug.
»Schon eine neue Arbeitshypothese?«
Er setzte sich auf Theresas Tastaturfeld, das von der Steuerung abgekoppelt war und auf Eingaben nicht reagierte. Die Dorset flog jetzt vollautomatisch. Die Scanner tasteten den Raum auf mögliche Objekte ab und im Fall einer drohenden Kollision würde der Autopilot die nötigen Ausweichmanöver veranlassen. Erst wenn diese zu irreversiblen Kursänderungen führen sollten, würde die Mannschaft aus dem Tiefschlaf geweckt. Das Logbuch wickelte den Funkverkehr mit der Leibniz, die inzwischen fast eine Lichtstunde entfernt war, und mit der Zentrale auf Luna ab, zu der die Signale mehr als zwei Stunden unterwegs waren.
»Ich habe noch eine Erklärung abgefasst; willst du sie durchsehen, bevor ich sie an die Propagandaabteilung überspiele?«
Silesio schloss seine Dateien. Zwei Monitore erloschen, auf dem dritten erschien die Pressemitteilung, die auf intelligente Art in schlichten Worten, die auf den durchschnittlichen Zeitungsleser berechnet waren, die bisherigen Beobachtungen unter optimistischen Prämissen zusammenfasste und die Mission der Dorset erläuterte. Das Opak wurde lediglich als extrem lichtschwaches Objekt angesprochen, die Kapriolen seiner oszillierenden Bahn wurden verschwiegen. Die Möglichkeit, dass es sich um ein Artefakt handeln könnte, wurde hingegen gar nicht erst angesprochen, um der schwelenden UFO-Panik jegliche Nahrung für hysterische Spekulationen zu entziehen. Carlssen sah das trockene Schriftstück durch und tippte dann sein Passwort unter die Sendegenehmigung. Eine Millisekunde später waren die paar Kilobyte verschlüsselt und übermittelt.
»Und du willst wirklich wach bleiben?«
Er hatte sich wieder erhoben und sah aus der Frontscheibe. Jupiter, dem sie sich jeden Tag um dreißig Millionen Kilometer näherten, war nach wie vor ein rostroter Punkt.
»Ich wüsste nicht, wo ich bessere Arbeitsbedingungen hätte. Vier Wochen lang völlig ungestört, zudem noch die gesamten elektronischen Kapazitäten der Dorset zu meiner alleinigen Verfügung. Außerdem sind die Übertragungswerte allmählich so, dass sich der Zugriff auf die terrestrischen Bibliotheken wieder zu lohnen anfängt.« Er ließ beiläufig ein Verzeichnis über den Schirm scrollen, das die philosophischen Enzyklopädien anzeigte, die gerade für ihn von den zentralen Speichern auf Luna III geladen wurden.
»Ich habe das einmal gemacht.« Carlssen wandte den Blick nicht von dem stoffleeren Panorama, dem sein Schiff lautlos entgegenstürzte. »Auf der Leibniz bin ich nach der Startphase noch wach geblieben. Ich habe gelesen und Musik gehört, Briefe nach Hause geschrieben, von denen ich wusste, dass sie erst nach Jahren beantwortet werden würden; ich bin durch die kilometerlangen menschenleeren Gänge gewandert und habe zugesehen, wie die automatischen Schirme die Wände mit den Reflexen ihrer selbstgenügsamen Protokolle bewarfen. Irgendwann war ich so ausgehöhlt von Einsamkeit und Verlassenheit, dass ich es nicht mehr aushielt. Da hab ich mich lieber in die Koje gepackt.«
»Die Einsamkeit ist eine große Macht.« Silesio bestätigte den Bootbefehl für ein begriffsgeschichtliches Kompendium, das daraufhin in einen seiner persönlichen Kataloge kopiert wurde. Dann schaltet er den Monitor ab. »Vor allem hier draußen, wo es wenig sinnliche Anhaltspunkte gibt. Der menschliche Geist erträgt das nicht lange. Dabei bewegen wir uns innerhalb eines exakten Koordinatennetzes. Wir wissen genau, wohin wir fliegen. Ich frage mich ja immer noch, wie Magellan die hunderttägige Pazifikdurchquerung, bei der er ins völlige Nichts hinaussegelte, überstanden hat, ohne wahnsinnig zu werden.«
»Der Christ hat immer noch seinen Gott, der hinter ihm steht.« Carlssen wischte ein gestisches »Oder so ähnlich« mit der Linken über die flüstergrünen Anzeigen.
»Nietzsche, gewiss.«
Carlssen fragte sich, warum Silesio sich die ganzen Bibliografien und Lexika herunterspulte, da er doch selbst ein wandelndes Nachschlagewerk war.
»Als junger Mann war ich viel in den Bergen unterwegs, und das vorzusgweise allein. Die Zentralalpen oder der Hohe Kaukasus waren dabei die pathetische Kulisse meiner Grübeleien und ich berauschte mich an meiner zarathustrischen Einsamkeit. In den Semesterferien und zu Beginn meiner Laufbahn als Systemprogrammierer in der Abteilung für Künstliche Intelligenz bei Corporated Challenges machte ich mich frei, sowie es irgend ging, und fuhr in die Berge, um mir die Gedanken von der Seele zu laufen und hunderte und tausende von Stunden meines elektronischen Diktafons zu besprechen. Ich habe bis heute, obwohl das nach Erdzeit über achtzig Jahre her ist, nicht alle Aufzeichnungen transkribiert, geschweige alle Ideen und Projekte ausgeführt. Als ich Abteilungsleiter für KI wurde, war es damit so ziemlich vorbei, und wenn mir mal ein halber Sonntagnachmittag zur Verfügung stand und ich einen Spaziergang rund um das Firmengelände machte, träumte ich davon, wie Cervantes eingesperrt zu werden und jahrelang nur meinen literarischen und philosophischen Visionen leben zu können. Jetzt bin ich nach relativer Lebenszeit fast siebzig und ich gedenke, jede Möglichkeit, die sich bietet, zu erfassen und in otium cum dignitate zu verbringen.«
»Ich brauche also kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich für drei Wochen aufs Ohr lege? Wenn du es möchtest, kann ich dir aber auch Gesellschaft leisten.«
»Ich weiß, dass es unhöflich ist, aber nichts ist mir im Leben zu entbehren leichter gefallen als Gesellschaft. Auch wenn es so – erträgliche ist wie Ihre, Commander Carlssen.«
»Dann übergebe ich Ihnen hiermit das Kommando über den Explorer Dorset.«
»Gute Nacht! ›Träumen Sie schön‹, kann man ja nicht sagen, so bleiern wie man in den Tiefschlafkojen liegt.«
»In der Erprobungsphase haben eine Reihe von Testpersonen schwere psychische Schäden davongetragen, als sie mehrere Monate am Stück träumten, ohne dazwischen zu Bewusstsein zu kommen. Unsere neuronale Struktur ist darauf nicht vorbereitet. Sie waren völlig orientierungslos und brauchten langwierige Rehabilitationsverfahren, um wieder zu sich zu kommen. Ein Testschläfer, der über ein Jahr in der Box gelegen hatte, war unheilbar und zeigte an Autismus erinnernde Symptome. Daher das viele Blei.«
»Dann also: Guten Tiefschlaf.«
Silesio blendete den Monitor aus, auf dem er den Einschlafvorgang des Commanders verfolgt hatte. Die sensorielle Koje arbeitete einwandfrei und er übergab die Kontrolle der lebenserhaltenden Systeme an die Automatik. Er meldete sich ab und ließ alle Routinen unterhalb Priorität I unterdrücken. Er würde nur gestört werden, wenn ein Besatzungsmitglied in Lebensgefahr wäre, wenn ein Objekt sich auf Kollisionkurs näherte oder wenn eine Nachricht des Status topsecret übermittelt würde.
Er aktivierte seine aktuelle Datei, die mit der Freisprech-Software verknüpft war, und stand langsam auf. Immer noch formulierte er am liebsten, indem er die Hände hinter dem Rücken verschränkte und langsam auf und ab ging. Er hatte die Sessel der schlafenden Crewmitglieder versenken und das Licht im Cockpit herunterdimmen lassen. Aus der blau tickenden Dunkelheit heraus sah er durch die Frontscheibe. Obwohl sich das Schiff mit einer Geschwindigkeit bewegte, die unvorstellbar war, wenn man sie in Relation zu einem festen körperlichen Objekt setzte, war der Sternenhintergrund des Panoramafensters vollkommen unveränderlich. Es würde noch Wochen dauern, bis Jupiter aus einem unentschlossenen Punkt zu einem Klecks herangewachsen war. Er versuchte in einer meditativen Anstrengung, sich die Dimensionen des leeren Raumes, den sie innerhalb des Sonnensystems durchmaßen, vorzustellen. Er entwarf Skizzen und Planzeichnungen mit den Bahnen der äußeren Planeten und projizierte vor seinem geistigen Auge die elegante Parabel hinein, die die Dorset zwischen der siebten und der fünften der weit gespannten Ellipsen beschrieb. Dann sah er wieder hinaus in den festgezurrten Sternenhimmel. Er stellte interne Rechenvergleiche über ihre Geschwindigkeit an – zwanzig Minuten von der Erde zum Mond; vier Tage von der Erde zur Sonne –, um sich die ungeheure Ausdehnung begreiflich zu machen, die unser System außerhalb der Marsbahn annimmt. Aber es blieb eine zum Scheitern verurteilte, verzweifelte Denkanstrengung. Er konnte die Einzeldistanzen berechnen und Relationen herstellen, aber eine innere Vorstellung, ein seelisches Bild, das er als Begriffenhaben hätte bezeichnen können, gelang ihm nicht in sich zu erzeugen. Natürlich gab es da auf rein intellektuelle Art nichts zu »verstehen« – schon als Schüler hatte er maßstabsgetreue Diagramme der Planetenbahnen gezeichnet und sich über die enormen Abstände gewundert, die von Jupiter an auftraten. Aber der Versuch, diese Räume leibhaftig in sich zu erzeugen, schlug immer wieder fehl und glitt an der Maßlosigkeit der kosmischen Dimensionen ab. In diesem Augenblick erschien ihm traumhaft und unwirklich, dass er sich sogar außerhalb des Sonnensystems befunden und mehrere der näher gelegenen Sterne besucht hatte. Ein Bild aus seiner Jugend fiel ihm ein. Er saß an der Ostküste Kauais, dem nordwestlichsten Ableger des Hawaiianischen Archipels, und sah auf die abendliche Dünung des Pazifik hinaus. Er hatte sich ein paar Wochen zuvor verlobt, Cynthia aber bei dieser schon länger geplanten Reise nicht mitnehmen können. Nun sah er über die harmlosen Wellen, die in der Dämmerung den Ton gerösteter Krabben angenommen hatten, zum Horizont hinaus, wo sich einige Gewitterwolken dem nachtblauen Himmel entgegenballten. Und plötzlich begriff er, dass seine Geliebte in Mitteleuropa gar nicht hinter diesem lachsrot schimmernden Perlmutthorizont auf ihn wartete, sondern unter ihm, auf der anderen Seite des Erdballes, den er auf der zehnstündigen Reise in einem konventionellen Linienjet zur Hälfte umrundet hatte. Auch damals war die intellektuelle Einsicht logisch und unanfechtbar. Aber dennoch war es ihm auch damals nicht möglich, wirklich zu begreifen, dass er auf der einen Seite einer Kugel saß und Cynthia auf der anderen, zwölftausend Kilometer tief unter seinen Füßen, die in der pazifischen Brandung plätscherten.
Aber das war es nicht, was er hatte denken wollen. Silesio riss sich vom starren Nachthimmel los und sah zu der Konsole hinüber, wo ein grünes Signal die Aufnahmebereitschaft des virtuellen Diktafons anzeigte. Er schritt einmal die Längsachse des schweigenden Cockpits ab, räusperte sich kurz und begann, mit klarer Stimme und pointierter Artikulation zu formulieren.
»Versuch über die Phänomenologie des Opak. Kapitel eins, Absatz eins. Begriffsbestimmung. Phainomenon heißt: das Sich-Zeigende. Das Wesen des Phänomens ist, dass es sich zeigt oder dass es erscheint; freier übersetzt lässt sich Phänomen als Erscheinung auffassen. Das Opak ist nach unserem vorläufigen Kenntnisstand ein Objekt, das keine Erscheinungsseite hat, das sich nicht zeigt. Es ist also ein Nichtphänomen. Ob es ein Antiphänomen ist, das heißt, ob es sich nicht nur nicht zeigt, sondern sich sogar verbirgt, hat die nähere Erforschung freizulegen.«
Silesio half Carlssen, den Deckel der Koje zu öffnen, und reichte ihm eine Tasse Kaffee. Der Commander setzte sich auf und vollführte einige Grimassen, um die maskenhafte Gesichtsmuskulatur zu kontrollieren. Oft genug hatten sich frisch geweckte Besatzungsmitglieder die heißen Getränke über den sensoriellen Schlafanzug gekippt, wenn wohlmeinende Kollegen sie mit einem dampfenden Plastikbecher begrüßten. Carlssen schlürfte vorsichtig an seinem Lieblingsgetränk und riss sich mit der freien Hand die Elektroden von Brust und Schläfen. Der Anzeige unterhalb des Gesichtsfeldes, das jetzt halb aufgeklappt war, entnahm er, dass er termingerecht geweckt worden und dass sein dreiwöchiger Schlaf ohne Zwischenfälle verlaufen war. Da er auch in Silesios Miene nichts las außer gelassener Routine und ironischer Sympathie, ließ er sich wortlos von ihm assistieren, als er sich in der Koje aufsetzte. Er machte ein paar gymnastische Bewegungen, zog den sensoriellen Anzug aus, den er in die Klappe des Wäscheschachtes warf, und entfernte sich dann zur Dusche. Eine halbe Stunde später erschien er auf der Brücke. Er sah die Protokolle durch. Der Flug verlief ungestört. Das Opak verfolgte mit gleichmütigen Ausfällen seine Bahn, die im 5-Tages-Durchschnitt fast eben war; der 20-Tages-Durchschnitt hätte ebenso gut die Kurve eines x-beliebigen Kometen sein können, der sich auf seinem schweiflosen Sturz aus der Oort’schen Wolke Richtung Sonne befindet. Die politische Entwicklung war gleichermaßen langweilig. Die anfänglichen Hysterien hatten sich gelegt, nachdem sich Woche um Woche nichts Neues ereignete.
»Die Menschheit ist zu kurzatmig, um sich über etwas länger als vierzehn Tage aufzuregen.« Silesio strich sich den weißgrauen Bart, den er während der Zeit seines Alleinseins nicht gestutzt zu haben schien. Auch sonst wirkte er zwar etwas verwahrlost, aber ausgeruht und erfrischt. Die müden Augen hatten den bubenhaften Glanz wieder, der für gewöhnlich nur sporadisch aufflackerte. Tatsächlich sah er aus, als hätte er eine Bergfreizeit absolviert und sich an der blauen Höhenluft ertüchtigt. Auch seinen Zynismus schien er gehörig aufgetankt zu haben. »Man kann nur hoffen, dass der Weltuntergang erst ein paar Tage im Voraus angekündigt werden wird. Wenn die Leute ein Jahr Zeit haben, sich auf das Jüngste Gericht vorzubereiten, haben sie es wieder vergessen, bis es da ist.«
Carlssen verkniff den Mund zu einer spöttischen Bemerkung, sagte aber nichts. Er spürte, dass sein Blick starr und seine Sprechorgane ungelenk waren. Er war wohl doch noch nicht richtig wach.
»Und unser Objekt?« Er ließ die Lagemeldungen der letzten zweiundzwanzig Tage über den Schirm rollen.
»Bleibt berechenbar unberechenbar. Man hat zwei Sonden dran vorbeigeschossen.« Silesio wartete, bis der Commander die entsprechenden Protokolle auf seinem Schirm hatte. »Aber sie haben nichts herausgefunden. Totale Fehlanzeige. Eine ist in weniger als hundert Kilometern vorbeigeflitzt, aber sie hat nichts feststellen können.«
»Das gibt’s doch gar nicht.« Carlssen beugte sich tiefer über seinen Monitor und verlangsamte den Datenstrom.
»Da muss irgendwas zu sehen sein. Wie groß ist es denn?«
»No comment! Die Position, die es nach den Berechnungen von Luna im Augenblick des Vorbeifluges hätte haben müssen – und die es laut nachträglichen Erfassungen auch tatsächlich gehabt hat –, war völlig leer. Interplanetarisches Vakuum. Ringsum unverstellter Sternenhintergrund.«
»Aber die geostationären Teleskope hatten es geortet.«
»Einige meldeten eine teilweise Verdeckung des entsprechenden Himmelsquadranten.«
»Einige?«
»Alle hatten es noch nie im gemeinsamen Fadenkreuz.«
»Also war es gleichzeitig da und nicht da.«
»Was nach unserer klassischen Logik nicht möglich ist. Zumindest nicht für Objekte, die wesentlich größer sind als Elementarteilchen.«
»Und Gestalt, Gravitation, Drehachse, Radarbild …«
»Nichts.«
»Wann sind wir da?«
»Zehn oder elf Tage. Wir haben eine neue Kursberechnung, nach der wir beim Jupiter-Swing-by deutlich abbremsen und auf eine parallele Flugbahn zu dem Opak einschwenken. Eine Woche nach unserem Einschwenken werden wir uns auf hunderttausend Kilometer genähert haben und auf gleicher Höhe bleiben.«
»Bei einer synchronen Geschwindigkeit von dreißig Kilometer pro Sekunde.«
Bis wir das Rendezvous mit Jupiter einleiteten, waren alle Besatzungsmitglieder geweckt. Theresa hatte vier Wochen geschlafen und brauchte eine Stunde, bis sie frisch geduscht im Cockpit erschien. Silesios dialektischen Sarkasmus, dass die Frauen deshalb länger im Bad brauchten, weil sie sich nicht rasieren mussten, überhörte sie. Gus und Groenewold, die über zwei Monate »ruhiggestellt« (Carlssen) gewesen waren, benötigten einen halben Tag, bis sie ihre Positionen auf der Brücke einnehmen konnten. Während Evchen sich erkundigte, wie sich das Opak verhalte, trug Gus demonstratives Desinteresse zur Schau und mäkelte am Dienstplan herum, der nur bis zum Eintreffen auf der Höhe des seltsamen Objektes reichte.
»Nicht einmal ein ungefähres Ablaufdiagramm. Darf ich fragen, wann wir mit dem Ding fertig sind und wo es anschließend hingeht?«
Er erhielt keine Antwort und kratzte mit beiden Fäusten auf seinem Monitor herum.
»Sowie wir diesen Scheißasteroiden abgeknipst haben, leg ich mich wieder in die Falle, dass das klar ist. Und soll keiner auf die Idee kommen, mich zu wecken, ehe wir beim Mutterschiff oder auf Luna III andocken.«
»Unser gegenwärtiger Marschbefehl lautet auf Kontaktaufnahme und Observierung des fraglichen Objekts. Weitere Einsatzpläne werden nach erfolgreichem Abschluss dieser Mission bekannt gegeben. Alle Korrekturdaten für den Vorbeiflug verabschiedet?«
Commander Carlssen sah nicht von seiner Konsole auf, die eine dreidimensional gekrümmte Flugbahn anzeigte, quer durch das Jupitersystem hindurch. Die Erste Offizierin bestätige den Abschluss der Berechnungen. Die Dorset umrundete unseren fünften Planeten in deutlich größerer Entfernung als Saturn, sodass der Swing-by wesentlich unspektakulärer ausfiel. Dennoch füllte der rote Gasriese den gesamten Steuerbordhorizont aus, als wir uns von seinem Gravitationsfeld einfangen und abbremsen ließen und unter seinen schaumigen Wirbeln hindurchtauchten. Die Turbulenzen des Roten Flecks quirlten vorüber, dann versanken wir in der glosenden Nacht des Jupiterschattens. Theresa ließ das Schiff seitlich wegknicken. Das schwarzrote Panorama krängte herum und kippte schief über uns hinweg, als wir aus der Ebene der Ekliptik abdrifteten und schräg nach unten in die Bahn des Opak einfädelten. Es dauerte eine Weile, bis sich die inneren Koordinaten umgestellt hatten und wir uns damit abfanden, dass Jupiter nicht mehr oben links, sondern hinten rechts stand und dass »oben« gleichzeitig »unten« geworden war.
Groenewold äußerte ein ungutes Gefühl über diesen Flug aus der Ekliptik hinaus; sie mutmaßte sogar, es handle sich um ein heimtückisches Manöver des Objektes, das uns aus dem Sonnensystem hinauslocken und uns die Möglichkeit entziehen wolle, durch Ansteuern eines Planeten energiearm zu navigieren. Der Commander nahm dazu nicht Stellung. Er hatte die Brücke sofort nach Abschluss des Swing-by-Manövers verlassen. Theresa übergab an die Automatik und tröstete die Zweite Offizierin.
»Die Bahn ist wesentlich sicherer als die herkömmlichen Routen, weil sie den Asteroidengürtel vermeidet und außerdem nur um drei Bogengrad gegen die Ekliptik verkippt, sodass wir spätestens nach dem Sonnendurchgang ohne Treibstoffverlust auf die Erdbahn einschwenken können. Vielleicht ist das Opak sogar ein recht intelligentes Objekt; zumindest benutzt es eine ökonomische und risikoarme Passage durch unser inneres System.«
»Ich warne davor, als Handlung aufzufassen, was bisher reines Geschehen ist und keinerlei Bewusstsein hat erkennen lassen.« Silesio hatte sich ebenfalls erhoben und seinen Sessel wegschwenken lassen. Er biss sich an einem Zigarillo fest und verschraubte die Arme hinter dem Rücken. »Das Ding, und selbst diese Bezeichnung ist wohlwollend, hat seit seiner Erfassung keine Bahnkorrekturen oder sonstige kybernetische Aktionen durchgeführt. Zumindest in der Großzügigkeit des statistischen Mittels verhält es sich wie ein ungesteuertes Teilchen, am ehesten vielleicht wie ein Elektron auf seinem Weg durch einen widerstandsarmen Leiter.«
»Aber wozu muss es seine Bahn ändern, wenn diese von Anfang an sinnvoll und intelligent eingerichtet war.«
»Es hat im Augenblick nicht mehr Intelligenz und Sinn verraten als ein Komet, der stumpfsinnig die Sonne umrundet und irgendwann verglüht.«
»Aber warum muss es seine Intelligenz verraten?«
»Es muss gar nichts.« Silesio sah Gus nach, der sich mit angeekeltem Gesichtsausdruck in Richtung Messe begeben hatte. »Es würde mir lediglich leichterfallen, es als Subjekt einer Handlung anzuerkennen, wenn es in irgendeiner Form Handlung im Sinne von zielgerichtetem Verhalten vollführen würde.«
»Du bist ein Thomas und Häretiker, guter Silesio. Warum wollt ihr immer noch, dass das Sinnhafte suspendiert wird, um sich euch als Sinnhaftigkeit zu offenbaren. Warum muss Gott, der die Naturgesetze geschaffen hat, die Naturgesetze aufheben und Wunder vollbringen, um euch von seiner Existenz zu überzeugen. Warum soll der Schöpfer seine Schöpfung durchkreuzen, um sich seinen Geschöpfen zu erkennen zu geben?«
Groenewold atmete tief durch und verknäuelte ihre Hände auf dem Armaturenbrett, dessen geschäftige Anzeigen zwischen ihren Fingern tickerten.
»Was ich sagen will: Wenn wir hier kurzatmig herumkreuzen, obwohl wir keine AE am Stück ohne Korrekturmanöver zustande bringen, so rechnen wir uns das als technische Meisterleistung an; warum soll eine überlege Entität nicht störungsfrei und ohne Hakenschlagen durch unser mickriges System kommen, indem es sich seine Bahn eben schon vorher zurechtgelegt hat?«
»Der Schöpfer muss seine Schöpfung nur aufheben und Wunder vollbringen, wenn er sich mir offenbaren will. Denn ich muss sehen, dass er über seine Schöpfung souverän ist.« Silesio war auf seiner Wanderung durch das Cockpit stehen geblieben und sah unverwandt die Sterne jenseits der Scheiben an, die in ihrem obsidianschwarzen Futteral aus leerem Raum nicht flimmerten. »Aber ich glaube nicht, dass wir das Opak in Kategorien von handelnd oder nichthandelnd, wollend oder nichtwollend erfassen können. Es ist nach all dem, was ich aus den Protokollen entnommen habe, während ihr bewusstlos auf dem Schlafdeck lagt, etwas radikal anderes, das unsere geistigen Ordnungsgefüge übersteigt.«
»Glaubst du, dass es uns derartig überlegen ist?« Evchen hatte einen frostigen Belag auf der Stimme.
»Aber nicht überlegen in einem technischen oder intellektuellen Sinn; einfach nur: anders.«
Die folgende Woche verging in gereizter Langeweile und überdrüssiger Routine. Die Crew stand in beständigem Funkverkehr mit den Beobachtungsstationen auf Luna, die uns die aktuelle »Position« – wenn man es so hätte nennen können – des Opak übermittelten. Die Bugscanner und das Vorwarnradar tasteten den Raum ab und durchleuchteten die von der Onlineautomatik permanent aktualisierten Quadranten, aber sämtliche Ergebnisse blieben negativ.
Langsam und geradezu quälend schob die Dorset sich, ferngesteuert von der Basis auf Luna, an das Objekt heran, das in seinem Oszillieren nach wie vor riesige Sprünge und Verschiebungen von hunderttausenden von Kilometern aufwies. Carlssen und Theresa lösten sich alle sechs Stunden auf der Brücke ab, obwohl es wenig zu tun gab, da die Dorset vom Autopiloten beharrlich an die virtuelle Durchschnittsbahn des Opak, die man dazu aus einem Sieben-Tage-Mittel errechnete, herangeführt wurde. Groenewold überwachte die Datenströme, die mit den externen Stationen ausgetauscht wurden, während Gus sämtliche Frühwarngeräte und vor allem das DeepField-Radar endlosen Prozeduren und Selbsttests unterzog, um instrumentenverschuldete Fehler so gut wie möglich ausschließen zu können. Dennoch blieben unsere Schirme leer und nicht nur Groenewold verfiel allmählich in Ratlosigkeit.
Am achten Tag nach dem Jupiter-Swing-by hatten sie sich auf hunderttausend Kilometer genähert. Commander Carlssen übernahm das Schiff in manueller Steuerung und löste Alarmstufe 1 aus. Alle Schotten blieben geschlossen, sämtliche Besatzungsmitglieder mussten auch außerhalb der Dienstzeiten in Bereitschaft bleiben. Die diensthabende Crew durfte die Brücke nicht verlassen. Gus protestierte halbherzig gegen das Alkoholverbot, weil er gewohnt war, sich nach seiner Zwölfstundenschicht mit ein paar Bierchen in seine Kabine zurückzuziehen. Für den Beginn der ersten Schicht, die Carlssen am nächsten Tag übernehmen würde, war das Rendezvous angesetzt.




