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»Was ist, wenn es einen seiner unkontrollierten Sprünge vollführt und uns dabei anrempelt?«
»Die durchschnittliche Oszillation liegt bei unter zehntausend Kilometern; bei einem Abstand von hunderttausend haben wir ein Kollisionsrisiko von weniger als einem halben Prozent, das ich vertreten zu können glaube. Außerdem handelt es sich um kein körperliches Objekt, das uns irgendwie ›berühren‹ könnte.«
Evchen sah nicht beruhigt aus.
»Selbstverständlich habe ich die Abschirmung aktiviert. Das Schiff bleibt auf gefechtsmäßiger Alarmstufe.«
Die Dorset bewegte sich synchron mit dem Opak, das an einem bestimmten Punkt auf neunzig Grad – drei Uhr, nannten das die Offiziere – fixiert war und das inzwischen mit dem bloßen Auge zu sehen hätte sein müssen, wenn es sich um einen Asteroiden gehandelt hätte. Da unsere Schirme, auch die der empfindlichsten Geräte, die selbst ein Staubkorn in dem bewussten Quadranten erkannt hätten, leer blieben, breitete sich eine gewisse Ratlosigkeit aus. Gus behauptete, wir wären dem aufwendigsten Aprilscherz in der Geschichte der interplanetarischen Raumfahrt aufgesessen. Commander Carlssen besprach sich mit Groenewold, die als Kopilotin seinen Schichten zugeordnet war. Die Daten, die Luna überspielte, besagten, dass das Objekt sich auf ihrer Höhe in einem durchschnittlichen Abstand von 97 500 Kilometern befand. Es waren dazu über zwanzig terrestrische und geostationäre Teleskope der verschiedensten Wellenbereiche zusammengeschaltet, wobei nur Messungen bearbeitet wurden, die von mindestens drei unabhängigen Beobachtungen bestätigt wurden. Schließlich rief Carlssen den Bordingenieur auf die Brücke und unterrichtete sich über die Funktionsweise der Instrumente. Das Opak wurde mit Breitbandscannern gesucht, die mehrere tausend Kubikkilometer Raumes durchleuchteten. Der Commander trug Gus auf, die Detektoren zu fokussieren und gezielt ein punktförmiges Datum, das er aus dem aktuellen Fünf-Tage-Durchschnitt errechnete, anzuvisieren. Es dauerte eine Stunde, bis Gus die Sensoren neu programmiert hatte. Theresa, deren Nachmittagsschicht gleich beginnen würde, meldete sich auf der Brücke, als Carlssen wieder an der Konsole Platz nahm, um assistiert von Groenewold die neuen Einstellungen zu testen. In diesem Augenblick flammten mehrere Anzeigen auf den Monitoren auf und die Automatik schrillte los. Gus kam aus dem Instrumentenraum auf die Brücke gestürzt. Ein Hintergrundstern auf 88° 15$'$ war für eine Millisekunde verdeckt worden!
Carlssen übergab das Kommando an Theresa, während Groenewold von Silesio abgelöst wurde. Dennoch blieb die gesamte Besatzung der Dorset, einschließlich Gus, auf der Brücke. Die hochauflösenden Scanner wurden nachgeführt und entsprechend den ermittelten Daten korrigiert. Sowie die entsprechende Position am Backbordhorizont noch schärfer beobachtet wurde, ergaben sich etliche Abdeckungen, aus denen sich das Vorhandensein und die Bewegung eines nicht leuchtenden Objektes ableiten ließen.
»Wir haben es.« Carlssens Stimme war ohne Triumph. Er hatte seinen Sessel herumgeschwenkt und sah über Silesios Schulter auf dessen Monitor. Der Chefprogrammierer hatte ein fluktuierendes Diagramm erstellt, das die Beobachtungsdaten, die von Luna III hereinkamen, mit den eigenen Messungen der Dorset synchronisierte. Es verstrich eine Viertelstunde, in der mehrmals das Hupen der Automatik ertönte, das eine weitere Sternabdeckung verkündete, bis die von der Erde einlaufenden Übertragungen aktualisiert waren und mit den Feststellungen vor Ort abgeglichen werden konnten. Es gelang jedoch nicht, die beiden Positionen in Einklang zu bringen.
»Es ist da und ist doch nicht da.« Theresa kniff unwillkürlich die Augen zusammen und starrte zum Backbordfenster hinaus, obwohl dort natürlich nichts zu erkennen war.
»Es ist jeweils an einem anderen Ort, je nachdem, von wem und von wo aus es beobachtet wird.« Silesio tippte auf seinem Sensorfeld herum. Eine dreidimensionale Grafik zeigte zwei Linien, eine gerade verlaufende und eine heftig undulierende.
»Wir müssen eine Fallunterscheidung vornehmen: Es gibt ein Alpha-Opak, das von den Computern auf Luna ermittelt wird, und zudem ein Beta-Opak, das von der Dorset aus erfasst werden kann. Dass es sich um zwei verschiedene Objekte handelt, kann meiner Auffassung nach dadurch ausgeschlossen werden, dass es keine Überschneidungen zwischen den beiden Varianten gibt. Wir haben keine Schnittmenge von Alpha- und Beta-Opak. Erst wenn wir eine mehrtägige Beobachtungszeit für das zweite, das Dorset-Opak, zur Verfügung haben, können wir sagen, ob eine statistische Identität oder zumindest Varianz vorliegt. Im Augenblick haben wir es mit zwei virtuellen Objekten zu tun, von denen nur eines, das Beta-Opak, für uns von signifikanter Relevanz ist.«
»Das wir aber auch nur ex negativo …«
»Aber da ist überhaupt nichts!«
Gus schien es nichts auszumachen, dass er seinem Commander das Wort abgeschnitten hatte. Er war aufgestanden und tigerte aufgebracht im Cockpit hin und her.
»Ich habe keine positiven Daten dafür, dass sich an der Position, über die wir hier reden, irgendetwas befindet. Ich habe kein Radarecho und selbst in den stärksten Scannern keine Erfassung. Alles, was mindestens zehn Atomdurchmesser groß ist – und wenn es Sterne der Lichtstärke II überdeckt, muss es deutlich größer sein –, muss auf meinem Schirm erscheinen. Aber da ist nichts!«
Commander Carlssen verschwand im Stabszimmer und hielt eine Konferenz mit den schichthabenden Offizieren auf Luna ab, die sich wegen der Zeitverzögerung über mehr als zwei Stunden hinzog. Die Nachricht von der vermeintlichen Entdeckung und Fixierung des Objektes durch die Dorset war von zivilen Stellen auf der Erde aufgefangen und dechiffriert worden und hatte in kürzester Zeit für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt. Die Panik flammte neu auf, zumal das rätselhafte Opak sich auf befremdliche Weise der Erde zu nähern schien. Die Gesprächspartner, die alle Viertelstunde wieder auf Carlssens Monitor erschienen, wirkten nervös und gestresst; ihre Überlegungen schienen von hektischen Aktivitäten im Hintergrund, mit heißer Nadel gestrickten Presseerklärungen, wie Carlssen vermutete, bestimmt.
Mit einem Anflug maskenhafter Entschlossenheit betrat der Commander die Brücke.
»Wir gehen dichter ran.« Er sah auf die Uhr. Theresas Schicht dauerte noch knapp drei Stunden.
»Kommandierende Offizierin, sind Sie bereit für ein manuelles Manöver von Priorität Rot?«
»Haben die das gesagt, dass wir dem Dings noch näher auf die Pelle rücken sollen?« Evchen sah von ihrem Schwenksessel auf, den sie neben den von Gus gefahren hatte. »Ich komme mir allmählich vor wie bei ’nem Himmelfahrtskommando.«
»Ich kann frei entscheiden.« Carlssen hatte die Augen fest in die Miene seines Bordingenieurs gebohrt.
»Man ist auf Luna an rascher Präzisierung unserer Daten interessiert und hat mir nahegelegt, alles zu tun, was zu einer baldigen Klärung der Situation beitragen kann.«
»Warum jagen wir nicht erst ein paar Sonden rüber?« Gus war durch den harschen Ton, dem gar keine Äußerung seinerseits vorausgegangen war, provoziert. »Das Drohnendeck liegt voller ausgebufftem Spielzeug. Und solange ich Roboter da rüberschicken kann, brauche ich doch nicht selber den Arsch riskieren.«
»Ich hätte gar nicht gedacht, dass du so feige bist!« Theresa lächelte vom Hauptbedienplatz aus zwischen Groenewold und Gus hin und her. Dann wandte sie sich an Carlssen und erklärte sich bereit, die erforderlichen Manöver durchzuführen.
Wir hatten noch leicht gedreht und einige kleinere Kurskorrekturen vorgenommen, bis das Opak beziehungsweise seine Beta-Variante, wie Silesio es nannte, auf einer exakten Dreiuhrposition lag. Dann zündete Theresa für zwanzig Sekunden die Steuerbordraketen, sodass die Dorset bei Kleiner Fahrt direkten Kurs auf das unsichtbare Objekt nahm. Kilometer um Kilometer schoben wir uns heran. Die Warnsignale der Automatik waren deaktiviert worden; in regelmäßigen Abständen leuchteten aber die optischen Anzeigen auf, die neuerliche Sternverdeckungen mitteilten. Das Opak schien sich auf einer beschleunigungslosen linearen Bahn zu befinden, die völlig einer berechenbaren ballistischen Kurve glich. Es näherte sich mit etwa 100 000 km/h dem Asteroidengürtel, unter dem es in gemessenem Abstand hindurchgleiten würde. Carlssen und Groenewold übernahmen das Kommando für die Abendschicht und führten die Annäherung weiter.
»Träumst du von deiner Kleinen?« Theresa betrat die Messe und ließ sich einen Kaffee aus dem Küchenmodul geben. In wenigen Minuten würde ihre zweite Schichte beginnen.
»Wen meinst du?« Gus sah ausdruckslos vor sich hin. Seine Hände spielten mit einem Werkzeug.
»Groenewold.«
»Ach die.«
»Erzähl mir nicht, dass du sie nicht magst.«
»Sie ist ziemlich – anstrengend. Außerdem steh ich nicht auf Kindfrauen.«
»Aber du schläfst mit ihr.«
»So gewaltig ist das Überangebot an Frauen nicht, auf diesem gottverdammten Explorer.«
»Sie ist nicht dein Typ?«
»Wir machen meistens das Licht aus.«
»Und wen stellst du dir dann vor?«
»Was soll das?!«
»Nur so.« Theresa ließ sich in einen Sessel sinken und fuhr die Lehne bis zum Anschlag zurück. Sie schloss die Augen.
»Nun, wenn du es wissen willst: Jemand wie du wäre schon eher nach meinem Geschmack.«
»Oh, darf ich das unter Komplimente buchen?«
»Von mir aus. Aber du vö… Du bist mit dem Commander zusammen, nicht? Das ist freilich ein anderes Kaliber. Offizier und so.«
»Und du meinst, das würde die Wahl einer Frau beeinflussen?«
»Zumindest scheint es nichts zu schaden.«
»Du bist so naiv.«
»Oh danke, manchmal wünsche ich, ich wäre sogar richtig dumm.«
»Es lebt sich leichter, vermutlich. Was der Commander dir voraushat, Gus, ist seine Neugier. Er bekleidet einen militärischen Rang, aber er ist wissenschaftlicher Offizier. Und er will wissen, was das da draußen ist. Wie ich auch. Dir ist es …«
»Scheißegal. Genau. Ich mache hier meinen Job, so gut es geht. Und glaub nicht, dass ich da nicht auch meinen Stolz und meinen Ehrgeiz habe. Der Teufel soll mich holen, wenn eine Maschine auf diesem Hurenschiff nicht fehlerfrei funktioniert. Aber alles Weitere, euer bescheuertes Objekt und erst recht der Alte mit seiner Metaphysik, kann mir gestohlen bleiben.«
»Es interessiert dich tatsächlich nicht, nicht wahr? Du liegst nachts nicht wach und fragst dich, was es sein und woher es stammen könnte.«
»Ich frage mich, wann wir hier wegkommen.«
»Du bist langweilig.«
»Und du bist unausstehlich, obwohl du ’ne geile Figur hast.«
»Das war’s dann wohl. Gute Nacht.«
»Wie dicht sind wir dran?« Theresa kam auf die Brücke, um die Nachtschicht anzutreten.
»Schwer zu sagen. Wenn wir die Bahn des Alpha-Phänomens zugrunde legen, sind wir jetzt auf etwa 10 000 km Distanz. Unser Beta-Objekt, von dem wir noch zu wenig Daten haben, um sie zu einer kohärenten Flugbahn zusammenzufügen – bis jetzt haben wir 32 punktuelle Einzelereignisse –, lässt sich nicht exakt genug bestimmen. Von unserer Position aus können wir keine Triangulation vornehmen, und solange wir kein Radarecho und keinen optischen Kontakt haben, ist der dritte räumliche Vektor reine Spekulation. Immerhin steht es auf drei Uhr wie festgenagelt. Ich schlage vor, du orientierst dich vorläufig weiter an Objekt Alpha und gehst bis zum Frühstück auf 1000 km.«
Die Nacht verging geräuschlos. Wir lagen in unseren Kojen und fanden in der ängstlichen Überspanntheit, die wir uns vergeblich auszuschwitzen bemühten, keinen Schlaf. Bisweilen durchfauchte eine zärtliche Erschütterung die Dorset, wenn Theresa, die mit Silesio die erste, von Mitternacht bis sechs Uhr morgens dauernde Schicht fuhr, für einige Sekunden die Steuerdüsen zündete, die das Schiff auf seinem schüchternen Annäherungskurs dem irrationalen Phänomen entgegendrängten. Erst wenige Minuten bevor ihn seine innere Uhr gemeinsam mit den Bojen der Automatik aus der Bettruhe erlösen würde, nickte Commander Carlssen in kurze Zeitlosigkeit von wolkiger Schwereempfindung. Er träumte von einer kalten Hand, in der er eine unbestimmte Zahl blauer Steinchen hielt, deren vierzig bei der Division durch zwei neun ergaben, während die neun, ihrerseits dividiert, dreihundert sein konnten. Dann erschrak er, taumelte mit klebenden Lidern in die Nasszelle und bespritzte ein pelziges Gesicht mit Wasser. Die Brücke war bevölkert von fremdländischen Automaten.
»Wie sieht es aus? Wie weit sind wir?« Carlssens Stimme war knotig, seine Augen waren von Abwesenheit beschwert, als er seinen Platz einnahm und die zählebigen Routinen des Schichtwechsels durchführte.
»Die stationäre Distanz in Relation zum Objekt Alpha beträgt 978 km. Acht weitere Ereignisse bei der Überwachung des Beta-Opak. Bereit zur Übergabe.«
»Ich habe einige mathematische Spielereien unternommen.« Silesio klang eher beiläufig als müde; er wartete, bis Carlssen eine Geste des Interesses hatte erkennen lassen, ehe er seine Ergebnisse vortrug.
»Wir haben inzwischen genug punktuelle Daten des Beta-Objektes, die es erlauben, eine vorsichtige Bahndiagnose zu erstellen. Ich habe dies in den vergangenen Stunden durchrechnen lassen. Das Beta-Phänomen, das wir seit anderthalb Tagen von der Dorset aus beobachten, bewegt sich ohne jegliche Eskapaden auf einer ballistischen Flugbahn, die derjenigen entspricht, die die Überwachungseinheiten, die von Luna III gebündelt werden, seit mehreren Monaten kontrollieren und stündlich aktualisieren. Weitgehend, Commander; denn zum einen verfügen wir noch nicht über genügend Material zu einer befriedigenden Darstellung des Beta-Opak, zum anderen haben sich einige unleugbare Abweichungen ergeben, an denen Alpha- und Beta-Objekt zu gleichen Zeitpunkten an definitiv unterschiedlichen Positionen geortet wurden und wo auch in sämtlichen Langzeitbeobachtungen beide Kurven nicht über eine asymptotische Annäherung hinaus ineinander übergeführt werden konnten.«
Carlssen schob die Erste Offizierin zur Seite, die ihn auf die Stirn geküsst und mit besorgten Fingern sein Haar zerteilt hatte.
»Weiter!« Er versuchte, sich Aufnahmefähigkeit zu befehlen.
»Außerdem habe ich die Bahn des Alpha-Objektes einigen stochastischen Prozeduren unterzogen. Es gibt in den Undulationen, die dieses Opak seit seiner Entdeckung beschreibt, keine erkennbaren Regelmäßigkeiten, die mit unseren Vorstellungen von Mathematik herauszufinden wären. Weder der Verdacht, die Aberrationen könnten als Modulationen einer Trägerwelle aufzufassen sein, noch die entlegenen Spekulationen lunarischer Nachtschwärmer, die nach Primzahlen und anderen nicht regelmäßigen Ordnungsprinzipien suchten, ließen sich verifizieren oder auch nur erhärten. Schließlich habe ich den Gegenbeweis angetreten und gegen zwei Uhr heute Morgen die Hypothese aufgestellt, es handle sich um ein frei randomisierendes Verhalten. Ich habe mehrere Millionen virtueller Zufallsgeneratoren kreieren und ihre Ergebnisse mit der Bahn des Alpha-Phänomens vergleichen lassen. Auch hier kam ich zu keiner Übereinstimmung.«
»Es ist weder berechenbar noch unberechenbar.«
»Sagen wir lieber: Es ist nicht regelmäßig und nicht vollkommen regellos. Ich erhielt bestimmte sehr vage Muster. Wenn wir die Flugrichtung und die Ebene der Ekliptik als Koordinaten zugrunde legen, so scheinen die Oszillationen, die es seitlich zur Bewegungsrichtung ausführt, geringfügig häufiger und schwächer, die Ausweichungen, die es senkrecht zur Planetenebene beschreibt, etwas seltener und heftiger zu sein. Bei wohlwollender Interpretation der Daten, denn es unduliert ja nicht nur in zwei durch Polarisation voneinander trennbaren Richtungen, sondern verlässt seine Bahnachse nach allen 360° einer orthogonal zur Flugrichtung stehenden Windrose. Außerdem ist die Vorwärtsbewegung von Sprüngen und Verwerfungen charakterisiert, die sich in keinem System mit den seitlichen Oszillationen koordinieren lassen.«
»Ist gut. Haben wir eine Prognose über eine mögliche Identifikation von Alpha- und Beta-Phänomen?«
»Nein.«
»Wir haben es also mit zwei distinkten Objekten zu tun.«
»Ich hielte es für voreilig, das so zu formulieren. Uns liegt ein Beschreibungszusammenhang vor, der sich je nach Beobachtungssituation unterschiedlich darstellt. Man kann es sich vielleicht metaphorisch vergegenwärtigen. Beobachter A befindet sich in einer nächtlichen Großstadt der gemäßigten Breiten, während Beobachter B sich in den Mittagsstunden in einer menschenleeren Wendekreiswüste aufhält. Es bedürfte eines gewissen Abstraktionsvermögens, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass sich beide auf demselben Planeten bewegen. Oder wenn wir als Alpha-Phänomen einen blühenden Apfelbaum ansetzen und als Beta-Korrelat eine einzelne herbstliche Frucht. Der Phänomencharakter ist inkohärent und doch handelt es sich um das gleiche Wesen von durchgehaltener Identität. Blüte und Apfel nehmen an der gleichen Raum-Stelle unterschiedliche zeitliche Positionen ein. Wir hier haben es mit einem Phänomen zu tun, das innerhalb derselben Zeit-Stelle unterschiedliche räumliche Positionen einnimmt – noch dazu in Abhängigkeit vom Beobachter.«
Wir verharrten in gleichmäßigem Abstand zu dem sonderbaren Objekt, das seinen augenlosen Flug unter der Trümmerwüste des Asteroidengürtels entlang fortsetzte. Groenewold, die mit Verspätung ihre Vormittagsschicht an der Seite Commander Carlssens antrat, äußerte hartnäckiges Unwohlsein und meinte, es verursachte ihr krampfhafte Angstempfindungen, dass wir so dicht an das herumwackelnde Objekt heransteuerten. Sie sprach sich sogar dafür aus, das Ding auf seiner unsichtbaren Bahn davonflackern zu lassen. Silesio übergab die Stelle des Kopiloten und versuchte zu erläutern, dass nur das Alpha-Opak »herumwackele«, das für uns aber nicht existent sei; unser Opak verhalte sich dagegen vollkommen linear. Nachdem er sie nicht überzeugt hatte, folgte er Theresa, die sich lakonisch verabschiedet hatte, in den Wohntrakt, um sich bis zur Nachmittagsschicht auszuruhen.
Als Gus auf die Brücke kam, um seine zwölfstündige Schicht aufzunehmen, die um acht Uhr begann, erhielt er vom Commander den Auftrag, drei Drohnen der mittelschweren Lambda-Klasse zum Aussetzen fertig zu machen. Mit mürrischem Triumph in den Augen entfernte sich der Bordingenieur zum Drohnendeck. Drei Stunden später klinkte die Dorset drei Beobachtungsdrohnen aus, die von der Automatik um das Schiff herumgeführt wurden und dann selbsttätig die konventionellen Wasserstofftriebwerke zündeten. Die drei magnesiumfarbenen Strahlenbündel verschmolzen mit der Indifferenz des Sternenhimmels. Auf wortkargen Monitoren kontrollierte Carlssen, wie sich die Observationsroboter dem Opak entgegenschnellten. Auf einem seitlichen Schirm war das Bild eines der optischen Teleskope zu sehen, das auf die Dreiuhrposition des Beta-Phänomens fokussiert war. In Abständen, die dem menschlichen Zeitempfinden regelmäßig vorkommen konnten, setzte einer der Sterne, die als Einziges auf der unveränderlichen Einstellung zu sehen waren, für einen Wimpernschlag aus und glomm danach wieder unschuldig auf. Ein künstlicher Lichtkreis rahmte den Wiedergeborenen ein, ließ die astronomische Kennung darunter aufblinken und ratterte die Bahndaten des Opak, die sich aus diesem Ereignis ergaben, an den unteren Bildschirmrand. Drei solcher Messungen fielen in kurzen Abständen an, während die Drohnen sich dem Verursacher der reflexhaften Verdunkelungen entgegenschleuderten. Die Ergebnisse wurden den davonziehenden Automaten übermittelt; aber da sie exakt im Erwartungshorizont der früheren Berechnungen lagen, waren keine Korrekturen nötig. Schließlich bogen sich die drei Zielgeraden auseinander. Die erste Drohne knickte sonnenwärts ein und positionierte sich vor dem Opak, dem sie in hundert Kilometern Abstand vorausflog. Die zweite nahm einen stationären Punkt in gleicher Entfernung über dem Objekt ein, während die dritte in gemessener Distanz über es hinwegsetzte und – von der Dorset aus gesehen – genau dahinter abbremste und seine parallele Bahn stabilisierte. Diese dritte Drohne war die wichtigste, gleichzeitig die am unsichersten zu programmierende. In der Draufsicht von unserem Schiff aus lagen ja nur die x- und y-Koordinaten fest; – die allerdings im mathematischen Sprachgebrauch, wie er von Luna III vorgegeben war, die x- und z-Koordinaten waren. Der dritte Vektor, der die räumliche Entfernung zwischen Opak und Dorset angab, beruhte, was das Beta-Objekt betraf, auf reiner Spekulation, da Messungen in dieser Dimension nicht möglich waren. Carlssen hatte also die y-Koordinate des Alpha-Phänomens übernommen; Gus aber angewiesen, für die dritte Sonde einen Sicherheitsabstand von 500 km einzugeben.
Als die Drohnen ihre Bestimmungsorte erreicht hatten, wurden die Haupttriebwerke und die Schalbleche abgesprengt. Sie verschollen im raumlosen Hall der Unendlichkeit. Die Instrumentenköpfe setzten je drei Sensorenfelder frei, die sich mithilfe autarker Steuerdüsen um jeweils einige Kilometer voneinander entfernten. Jede Einheit verfügte so über drei unabhängige Fixpunkte, von denen aus das Objekt exakt verortet werden konnte. Die drei Module der Lambda III, die in 500 km Abstand jenseits des Opak Position bezogen hatten, konnten im Wechselspiel mit den Instrumenten der Dorset besonders hochauflösende Scannings vornehmen. Nachdem alle neun Satelliten ihre Selbsttestroutinen durchgeführt und den Datenverkehr mit unserer Automatik aufgenommen hatten, geriet das unsichtbare Phänomen in ein dichtes Kreuzfeuer sämtlicher Wellenbereiche. Die mutmaßliche Position des Objektes wurde von Radar der unterschiedlichsten Frequenzen bestrichen und mit energiearmen optischen Lasern abgetastet. Alle paar Sekunden meldete einer der Automaten ein Verdeckungsereignis, und sowie die fehlende y-Koordinate ermittelt war, die mit dem entsprechenden Wert des Alpha-Phänomens innerhalb der geltenden Toleranzen übereinstimmte, wurde auch die Einheit, die Lambda III freigesetzt hatte, auf den geringeren Abstand der anderen Module herangeführt.
Theresa und Silesio erschienen zur dritten Schicht. Der Chefprogrammierer sah skeptisch die Ziffernkolonnen durch, die über die Monitore hasteten, und erkundigte sich nach den Ergebnissen; er sah nicht aus, als ob er in den letzten drei Tagen geschlafen hätte. Commander Carlssen erläuterte, es sei zu früh für vorzeigbare Spektakel, da die Datengrundlage noch zu dünn für konkrete Auswertungen war. Er hatte die Automatik angewiesen, sämtliche Messungen sofort in den Hauptspeicher aufzunehmen und sie dort zunächst zu akkumulieren. Die Nachmittagsschicht verlief dementsprechend ereignislos und auch die Abendschicht, zu der sich Carlssen und Groenewold wieder auf der Brücke einfanden, blieb ruhig. Der Commander diagnostizierte einen allgemeinen nervösen Erschöpfungszustand der Crew und ordnete an, Abend- und Nachtschicht um jeweils eine Stunde zu verkürzen, wodurch die Brücke von 23 Uhr bis 1 Uhr unbesetzt blieb. Um 0:05 Uhr aktivierte die Automatik die Alarmanlage.
»Was ist das?« Theresa kam halb nackt und traumverloren auf die Brücke getorkelt, nur eine Decke umgeschlungen, die sie jetzt unter den Achseln festzuklemmen versuchte.
»Eine Sekunde.«
Die Erste Offizierin wies die Automatik an, das Geschrill abzustellen und ihr lieber einen Kaffee aus der Röhre zu lassen. Sie betrachtete Silesio, der schon länger hier zu sein schien und unaufgeregt an den Anzeigen herumtippte.
»Was soll das?« Der Commander war durch den Umweg über seine Kabine aufgehalten worden. Er hatte die Uniformhose an und knüpfte gerade sein Hemd zu.
»Es ist verschwunden.« Die Feststellung des Chefprogrammierers fiel in gläsernes Schweigen, die Sirene verstummte betroffen. Carlssen trat neben Silesio und betrachtete verständnislos die codierten Anzeigen, während er sich bemühte, das borstige Hemd in die Hose zu bekommen.
»Geh, zieh dir was an!«
Theresa umkrampfte die Kaffeetasse und schlurfte lautlos in den Gang hinaus.
»Wir hatten seit Aktivierung der Drohnenmodule eine durchschnittliche Ereignisfolge von unter fünfzehn Sekunden. Die letzte Verdeckung registrierte Lambda II/3 kurz vor Mitternacht, genau um 23:58:13 Uhr. Nach einer halben Minute begann sich die Automatik am Kopf zu kratzen. Nach einer Minute unterschritt die Beobachtungslücke jede mathematisch zu vertretende Wahrscheinlichkeit. Jeweils das erste Modul einer Einheit wurde einer Selbsttestroutine unterzogen, die fünf Minuten dauert und in allen drei Fällen positiv verlief. Die Zweiermodule führten selbsttätig Nachführungsbewegungen aus, die die Beobachtungsperspektiven so veränderten, dass das Objekt, wenn es sich noch auf der zuletzt gemeldeten Position befunden hätte, einen Hintergrundstern hätte verdecken müssen. Die jeweils dritten Module blieben auf Position und führten die Beobachtung weiter. Als alle die Maßnahmen zu keinem Ergebnis führten, ließ die Automatik unsere Wecker losgehen …«




