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»Leute, ich hab Schiss! Lasst uns hier abhauen.« Evchen war in eine Art Morgenmantel gehüllt halb hinter Gus, der sich eben noch die Jacke überwarf, auf die Brücke gekommen und hatte Silesios Erläuterungen mitgehört. Jetzt begann sie zu weinen.
»Es will uns etwas sagen. Es hat mitgekriegt, dass wir es abhören, und entzieht sich der Überwachung. Bestimmt will es uns mitteilen, dass wir verschwinden sollen.«
»Bis jetzt ist es erst einmal selbst verschwunden.«
»Vielleicht taucht es ganz dicht wieder auf und rempelt uns aus der Bahn. Oder es ist schon hier drin!«
»Commander.« Gus klang unerwartet moderat. »Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass ich mich von Evchens Hysterie anstecken ließe. Aber ich denke, dass wir es mit einem rational nicht erklärbaren und unkalkulierbaren Phänomen zu tun haben und dass die Risiken, denen Sie uns aussetzen, nicht mehr unter Kontrolle sind. Warum überlassen wir die Observierung nicht den automatischen Modulen und verpissen uns? Oder gehen wenigstens auf einen höheren Sicherheitsabstand?«
Groenewold wischte sich das Gesicht am Ärmel ihres Bademantels ab. »Das ist doch kein Zufall! Seit Tagen überwachen wir es rund um die Uhr, und kaum ist die Brücke unbesetzt, verflüchtigt sich das Ding. Sogar exakt in der Hälfte der unbemannten Zeit.«
»Die Brücke war nicht unbesetzt, ich war um halb zwölf wieder hier.« Silesio strengte sich an, wie ein onkelhaftes Fass von Geduld zu wirken. »Und es ist nach meinem Dafürhalten wohl doch Zufall.«
»Zwei von 24 Stunden überlassen wir das Schiff der Automatik, und genau da passiert was. Das ist eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 12.«
»Die Wahrscheinlichkeit beträgt für jede Seite des Würfels immer nur ein Sechstel und doch kommt der Würfel immer auf einer Seite zu liegen. Jedes Ergebnis, das eintritt, hat die Vorhersagenwahrscheinlichkeit gegen sich. Auch ein Zwölftel ist, denke ich, ein Wert, der noch nicht zu Interpretationen Anlass gibt. Da ist es wieder!«
Die Anzeigen flackerten heftig auf; das traumrote Blinklicht, das während der ganzen unguten Konferenz über ihren Köpfen rotiert hatte, erlosch klaglos.
»Über eine Viertelstunde.« Silesio gab einige Befehle ein. Theresa meldete sich vom Kommunikationspult: »Es kommen gerade interessante Meldungen von Luna III rein: Ihr Objekt hat die längste Ruhephase seit Beginn der Beobachtungen absolviert. Ich geb euch die Daten mal rüber.«
»Das ist unfassbar.« Der Chefprogrammierer wandelte die Ergebnisse der terrestrischen Stationen in grafische Darstellungen um. Die weit ausschwingende Kurve des Alpha-Phänomens vollführte einen eckigen Sprung und verharrte dann minutenlang unbeweglich, ehe es auf die alte Kurve zurückschnellte und die pendelnden Umkreisungen seiner virtuellen Bahn wieder aufnahm.
»Die Position, die das Alpha-Opak so sonderbar starr behauptet hat, ist exakt diejenige, von der unser Beta-Objekt genauso lange verschwunden war. Wenn ich die beiden Kurven übereinanderblende, erhalte ich eine Deckungslücke, die den statistischen Erwartungshorizonten nicht mehr widerspricht.«
»Warum haben wir es dann nicht gesehen?«
»Weil das Alpha-Phänomen für uns nicht existiert.«
»Und wo war unser Objekt so lange?«
»Es übernahm – vielleicht – die Exaltationen seines Alpha-Korrelats. Unsichtbar für unsere Instrumente, die auf die fixe Beta-Position fokussiert sind.«
»Gus, halt mich fest.«
»Aber das kann doch gar nicht sein.«
»Sie kommunizieren miteinander.«
»Sagen wir: Sie stehen in Wechselwirkung.«
»Bestimmt hecken sie etwas Fürchterliches aus!«
»Das beweist, dass es sich um eine Entität handelt, die über mehrere Aggregatzustände verfügt.«
»Darling, kommst du wieder ins Bett? Uns bleibt noch eine halbe Stunde.«
»Kommt nicht infrage. Besatzung der Dorset: Der Schichtplan ist hiermit außer Kraft. Die gesamte Crew, das gilt auch für dich, Theresa, in zehn Minuten zum Dienstantritt auf die Brücke. Wir gehen längsseits.«
Eine Viertelstunde später war die Mannschaft, mit flüchtigen Scheiteln und mit Schuhen an den Füßen, zum Briefing versammelt. Commander Carlssen verkündete seinen Entschluss, sich dem Opak so weit zu nähern, dass eine unmittelbare Kontaktierung möglich werden würde. Eine halbherzige Abstimmung ergab ein 3:2-Votum für das Manöver. Theresa leitet das Rendezvous ein. Als die Entfernungsanzeige ihre immergleichen Ziffern herunterzuschnurren begann und der Timer die wenigen Stunden bis zum Touchdown, den sich niemand vorstellen konnte, abrollte, erläuterte Silesio die bisherigen Erkenntnisse, die er in einsamer Nacht den binären Datenmassen entnommen hatte. Sie hörten ihm zu, dessen mathematischen Ausführungen sie besser folgen konnten als den logischen und erkenntniskritischen Einlassungen.
»Wir haben bisher nichts als eine leere Position, eine abstrakte Koordinate aus drei räumlichen und einem Bewegungsvektor. Das Objekt befindet sich exakt dort, wird alle paar Sekunden verifiziert und hat sich außer der viertelstündigen Eskapade vorhin noch keinen Ausrutscher geleistet.«
»Aber wenn es nur ein geometrischer Punkt ist, hat es keine Ausdehnung.« Theresa sah von ihrem Pult auf und zottelte an ihren strähnigen Haaren.
»In der Tat besitzen wir keinerlei Informationen über Abmessung, Gestalt oder Volumen.«
»Dann kann es kein Licht absorbieren und keine Sterne verdecken.«
»Das ist selbstverständlich richtig.«
»Ergo …«
»Also widerspricht sich jedes Messergebnis, das uns die Position des Objekts anhand eines Verdeckungsereignisses meldet, selbst dadurch, dass es an dieser Position kein Objekt gibt, das für eine Verdeckung herangezogen werden könnte.«
»Und ihr glaubt, das wird anders, wenn wir noch dichter herangehen?«
»Wie wäre es denn, wenn wir eine Sonde mitten durch die Koordinate X hindurchschießen? Dann werden wir ja sehen, ob da etwas ist.«
»Ich wundere mich immer wieder, Gus, wie eine Position der Furcht zu Aktionen von derart aggressiver und provokanter Brisanz umkippt.« Carlssen wirkte ungeduldig und zugleich ernsthaft empört. Er schloss die Augen, umfasste die Stirn mit der rechten Hand und presste die ädrigen Schläfen zwischen den Fingern. »Erst sollen wir abhauen und dann am besten das Ding in die Luft sprengen. Wir können ja den Kilowattlaser drauf abbrennen.«
»Von mir aus.« Gus warf sich feist herum. »Ich gehe da jedenfalls nicht raus und mach mit dieser Luftblase ohne Blase und ohne Luft Shakehands.«
»Gar keine so schlechte Definition.« Silesio erzeugte ein Bündel von Krähenfüßen um seine grauen Augen. »Was bleibt von einer Seifenblase, wenn wir die seifige Blase und die Luft, die sie umspannt, wegnehmen? Vielleicht nichts. Vielleicht aber auch ein abstrakter Sinneseindruck, ein Phänomen wie das ölige Schillern, das von der Haut hervorgerufen, aber nicht mit ihr identisch ist. Vielleicht eine Empfindung oder eine Erinnerung. Wo ist die Seifenblase, die du vor 50 Jahren über eine Wiese hast wehen lassen? Sie existiert nicht mehr und doch siehst du sie vor dir. Wenn wir die Metapher wieder umdrehen, haben wir das Opak: Es existiert, obwohl wir es nicht sehen und nicht einmal eine bildhafte Vorstellung von ihm haben. Nur eine mathematische Umschreibung und eine Definition als ausdehnungslosen Punkt. Wie erklären wir uns das?«
»Das ist es!«
»Wie groß ist es?«
»Ich kann nichts sehen.«
»Ich habe es immer gewusst.«
»Silesio, was macht die Telemetrie?«
»Immer langsam.« Der Chefprogrammierer blieb in seine Anzeigen verkrochen. »Wir haben eine sehr schwache Abtastung im ultravioletten Bereich – Moment: Ich schaffe es nicht, eine dreidimensionale Darstellung zu generieren. Das ist ein verdammt unsichtbares Ding.«
»Sag halt, was du hast.«
»Nun: Die größte bisher feststellbare Ausdehnung beträgt etwa 367 Meter. Es ist nicht scharf umrissen, sondern scheint sich logarithmisch in den leeren Raum zu verlieren.«
»Die Längsachse beträgt also …«
»Von einer Achse kann man nicht sprechen, da es keine körperliche Gestalt aufweist.«
»Aber du sagtest doch …«
»Das ist die maximale Ausdehnung seines Bereichs. Vielleicht stellen wir uns eher ein Phänomen von Feldcharakter vor.«
»Meinetwegen. Breite, Tiefe, Symmetrien.«
»Es nimmt ein gewisses Quantum Raum ein. Eine Volumenbestimmung war allerdings nicht möglich. In der Richtung der geringsten Erstreckung scheint es gegenwärtig ungefähr einhundert Meter zu messen.«
»Wieso gegenwärtig?«
»Es fluktuiert natürlich.«
»Natürlich. Was auch sonst? Wir wissen also nicht, wie groß es ist und wie es geformt ist, aber wir wissen, dass es Größe und Gestalt verändert.«
»So in etwa.«
»Wo ist es jetzt?« Groenewold stand mitten auf der Brücke. Ihre Frage schien an Gus gerichtet, der aus dem großen Backbordfenster den leeren Raum anstarrte. »Wie weit ist es noch weg?«
»Bezogen auf den Ortungspunkt befinden wir uns in genau einem Kilometer Distanz.« Theresa saß aufrecht vor den Monitoren voller irrationaler Daten. »Bezogen auf die wie immer geartete Oberfläche also hundert Meter weniger. Das ist alles sehr rätselhaft und es macht das Navigieren nicht einfacher. Commander, was hältst du davon, wenn wir noch näher rangehen?«
»Es ist deine Entscheidung, aber ich glaube gutheißen zu können, dass wir uns auf 500 m ranschleichen. Silesio?«
»Im Augenblick habe ich eine maximale Ausdehnung von 298 m und eine minimale Erstreckung von 126 m. Ich glaube, ich kann eine Distanzverringerung vertreten.«
Die Erste Offizierin, die aktuell diensthabende Schichtführerin war, brachte uns dichter heran. Die Daten blieben im Rahmen dessen, was die Lambdamodule seit den frühen Morgenstunden meldeten. Das Objekt schien eine maximale Größe von 400 m nicht zu überschreiten. Manchmal zog es sich auf weniger als 100 m zusammen. Es pulsierte, wobei es nicht mehr überraschte, dass die Abfolge dieser Aufblähungen und Kontraktionen – ganz abgesehen davon, dass sie trotz allem keine räumliche Gestalt, geschweige denn irgendwelche Aussagen über Oberflächenbeschaffenheit, spezifische Dichte oder gar materielle Zusammensetzung ermitteln konnten – keinerlei rhythmischem Grundmuster gehorchte. Theresa navigierte mit erbitterter Entschlossenheit und schob die Dorset schließlich so weit vorwärts, dass sie das Opak im Maximalstadium fast hätten berühren können. Wäre es ein feststoffliches Objekt gewesen, sie hätten den Andockstutzen ausfahren können. So hätte der Landungssteg freilich ins wabernde Nichts hineingeführt. Theresa programmierte die Automatik, das Schiff im Fall einer Alarmsituation selbsttätig auf mehrere Kilometer Distanz zurückzunehmen, ließ die Brückenbeleuchtung auf Rotlicht gehen und erhob sich. Sie nahm Carlssens Arm und bedeutete den anderen, ebenfalls aufzustehen. Sie folgten ihr ans große Panoramafenster auf der Backbordseite, wo sich Gus schon mit verächtlichem Schweigen hinter seinen Oberarmen aufgebaut hatte. Und dann sahen sie es.
Anfangs erkannten sie nichts außer der öden Pracht des Sternenhimmels. Einige Bilder der Ekliptik, die winterlichen Sternzeichen von Löwe und Zwillingen, die vor der ebenmäßigen Flut des kosmischen Funkelns fast verschwanden. Ein einzelnes, weit entferntes Licht flackerte und flimmerte. Wie immer, wenn man einmal auf eine Erscheinung aufmerksam geworden ist, entdeckten sie jetzt auch an anderen Sternen ein leises Flirren und Opaleszieren. Der Himmel lag wie in einer klaren Frostnacht in der Tiefe eines irdischen Februars vor uns. Und plötzlich begriffen sie: Das war das Opak. Das Sternenlicht blinkte und szintillierte wie auf der Erde, auf dem Grund einer strudelnden Atmosphäre. Nicht klar und unbewegt und gleißend, wie der Raum für gewöhnlich jenseits tumultuarischer Luftschichten wirkt, sondern glitzernd und schillernd, von öliger Bewegung durchströmt, die einzelne Sterne um Nuancen verblassen, andere wie Glanzlichter aufleuchten ließ, so war ihr Blick. Der sonst so harte, festgefrorene Hintergrund wirkte, als scheine er gebrochen und von viskosen Wellungen durchflutet aus einer Flüssigkeit heraus, die seinen Glanz mit einem undulierenden Film von wächserner Konsistenz umspülte. Erhitzte Luftschichten, die über dem Dunst einer stofflichen Wüste flimmern, zerbrodeln so die Glut der Landschaften, die taumelnd hinter ihnen liegen. Seidene Nebel, die über bambusbestandenen Anhöhen heruntergleiten, verfremden taoistische Szenerien zu traumhaften und fantastischen Exotismen.
»Das ist es.« Silesio wandte den Blick nicht von dem sonderbaren Phänomen. Der greisenhafte Glanz seiner wässrigen Augen machte ihn plötzlich sehr alt.
»Es sieht aus wie eine Blase aufgeheizter Luft, die, von irgendeiner Oberflächenspannung zusammengehalten, durch den leeren Raum trudelt.« Carlssen hatte unwillkürlich den Arm um Theresa gelegt, die schmächtig neben ihm stand.
»Es ist nicht materiell.« Der Chefprogrammierer schnäuzte sich umständlich die Nase. »Wenn es auch nur ein einziges Stickstoffatom enthalten würde, hätten wir es längst analysiert.«
»Und wegen dieses Geblubbers kurven wir seit drei Monaten in der Finsternis herum!« Gus wischte eine Bewegung Groenewolds mit griesgrämigen Ellenbogen weg.
»Können wir nicht irgendetwas auf der anderen Seite in Stellung bringen? Eine Plane oder verspiegelte Folie oder so was? Dann würde es sich deutlicher abheben.« Theresa sah aus, als wäre sie schon damals am liebsten gleich ausgestiegen und an dem Ding herumgeklettert.
»Sein Wesen ist Undeutlichkeit und buchstäblich Un-Fassbarkeit.« Silesio war immer noch bewegt und steigerte sich in eine geradezu religiöse Ergriffenheit hinein. »Man kann es nicht auf Begriffe bringen.«
»Aber wir sind hier, um es zu erforschen.« Es war das erste Mal, dass der Commander seinem Chefideologen so klirrend widersprach. Er ignorierte den achtungsvollen Seitenblick, den Gus ihm über Evchen hinweg zuwarf, und ordnete die anschließenden Maßnahmen an.
In den folgenden Tagen wurden unzählige Prozeduren und Routinen vorgenommen. Das Opak wurde mit energiearmen Rubinlasern abgetastet und mit Funksignalen bestrichen. In pausenlosem Schichtbetrieb wurde das gesamte zur Verfügung stehende Repertoire der Dorset, immerhin einem speziell für derartige Erkundungen ausgerüsteten Explorer, zum Einsatz gebracht. Ein Schwarm kleiner Sonden wurde freigesetzt, die das Objekt umkreisten und mit hochsensiblen Instrumenten auf Schwerefelder oder Wechselwirkungen untersuchten. Drohnen brachten Spiegel auf der anderen Seite in Position, sodass die Batterie der Backbordscanner das Phänomen gegen einen fixen Hintergrund ins Kreuzfeuer nehmen konnte. Der mehrere hundert Meter lange Greifarm unseres Schiffes wurde mit dem feinsten Detektorenkopf versehen und ausgefahren. Zuerst schien es, als weiche das Opak zurück, was immerhin eine erkennbare Handlung oder Reaktion bedeutet hätte. Aber dann stellte sich heraus, dass es eine kontingente Fluktuation gewesen war, denn später dehnte es sich wieder aus und umschloss den Messgreifer, der fünfzig Meter tief in den Bereich des sacht pulsenden Objektes eingedrungen war, ohne Ergebnisse zu liefern, die sich auch nur um Nuancen von der Durchleuchtung des normalen interplanetarischen Vakuums unterschieden hätten.
Eine ratlose Stumpfheit griff in der Crew um sich, die umso schlimmer war, als sich die ursprüngliche Skepsis gelegt zu haben schien und auch kurzfristig einem aufatmenden Aktionismus gewichen war, nachdem sie das rätselhafte Ding sogar mit eigenen Augen gesehen hatten. Als die unleugbaren Experimente nichts anderes herausbrachten, als dass da nichts, das nackte unerforschliche Nichts, neben uns herschwebte, fiel die Euphorie in Depression zusammen. Unnötig zu sagen, dass Gus für den sofortigen Abbruch der Expedition plädierte und dass auch Groenewold, zusätzlich frustriert, weil der Bordingenieur zu der Gewohnheit übergegangen war, sich in den dienstfreien Zeiten in seiner Kabine einzuschließen, nur noch widerwillig zu den Schichten erschien und sämtliche Manöver unter wortlosem Protest ausführte.
Silesio füllte hunderte von Terabytes in seine privaten Dateien mit scholastischen Reflexionen über das Wesen des Un-Dings und die Phänomenologie des Nichtphänomens, zeigte für den wissenschaftlichen Fortgang der Mission aber immer weniger Interesse. Irgendwo in seinem weißhaarigen Hinterkopf schien er seinen Frieden mit dem unerklärlichen Objekt gemacht zu haben, und sei es auch nur dadurch, dass er ihm die Unerklärbarkeit als nicht weiter hinterfragbare Wesenheit definitorisch unterschob.
Commander Carlssen verbiss sich in kommentarlose Pflichterfüllung, die den Gedanken an ein Scheitern der Exploration gar nicht erst aufkommen ließ und sich jegliche Spekulationen versagte, solange das Instrumentarium der Dorset noch nicht bis zum letzten Fernaufklärer ausgeschöpft war. Und selbst Theresa hatte ihre alerte Unbekümmertheit eingebüßt. Die zerstreute Beflissenheit, in der sie allen dienstlichen Anforderungen nachkam, ließ einen Untergrund von Haltlosigkeit und tief sitzender Irritation erkennen. Sie vermied alle privaten Kontakte und Gespräche und entzog sich selbst dem Commander, der seinerseits keine Sehnsucht nach ihrer Gegenwart bekundete; oft sah man sie allein, mit angezogenen Beinen auf einem der Schwenksessel der Messe hocken und über eng umschlungene Knie hinweg das ungreifbare Mysterium anbrüten, das jenseits der Panoramafenster unbeeindruckt seine Bahn entlangschwieg.
Am vierten Tag nach dem Andocken, wie das Längsseitsgehen im Jargon der Crew genannt wurde, berief Commander Carlssen die Mannschaft zu einer Konferenz in die Messe. Der sofortige Heimflug, wie er von Groenewold und Gus ungefragt vorgeschlagen wurde, stand von vornherein nicht zur Diskussion, zumal die für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Stellen auf Luna III sich allmählich nicht mehr mit präzise formulierten Vagheiten und spektakulären Bildern von davonfauchenden Robotdrohnen abspeisen ließen, die inhaltlich genauso wenig besagten. Dennoch war das wissenschaftliche Repertoire des Explorers weitgehend ausgeschöpft, ohne dass auch nur ein einzelnes Byte verwendbarer Information hätte gewonnen werden können. Das Opak modifizierte zum Beispiel das sichtbare Licht der Hintergrundsterne, das hatten sie selbst mit bloßen Augen gesehen; aber es war bei aller Spitzfindigkeit der instrumentellen Anordnungen nicht herauszubekommen gewesen, wie oder wodurch die Lichtstrahlen beeinflusst wurden, geschweige denn wovon. Die einzige Halbherzigkeit, die der Commander seiner Crew vorschlagen konnte, war daher, abzuwarten und die laufenden Observationen über längere Zeiträume zu verfolgen, um vielleicht doch noch den Ansatz einer Antwort zu erhaschen. Gus verkündete, sich umgehend aufs Schlafdeck zu verfügen, wenn diese Drohung wahr gemacht werden sollte. Groenewold begann, schüchtern vor sich hin zu schniefen. Silesio erhob sich mit der Würde eines Nestors und erklärte weitschweifig, er könne noch Monate damit verbringen, einer philosophischen Theorie des Opak nachzusinnen, wie er überhaupt zu der Auffassung gelangt sei, eine meditativ-kontemplative Herangehensweise sei dem Phänomen angemessener als eine positivistische. Freilich gab er zu, dass er nur aus persönlicher Langmut heraus argumentieren könne, womit organisatorisch wenig anzufangen war. Schweigen kondensierte unter dem bläulichen Halogenlicht.
»Ich gehe raus.« Theresa setzte ihr lapidarstes Gesicht auf und zog die Handschuhe an.
»Ich würde es dir verbieten, wenn ich damit rechnen würde, dass irgendetwas passiert. Da ich davon ausgehe, dass überhaupt nichts geschieht, weise ich dich auf die völlige Sinnlosigkeit eines derartigen Unterfangens hin.« Commander Carlssen war nach der mehrstündigen Verhandlung mit den lunarischen Bürokraten zu erschöpft, um seinen Protest weiter auszuführen. »Mach wenigstens eine gute Figur, damit wir den Heinis auf Luna III ein paar schöne Bilder faxen können.«
»Hab ich schon jemals keine gute Figur gemacht?« Die Erste Offizierin verstaute ihr Haar in einem flüchtigen Knoten und nahm den Helm aus der Halterung.
»Wie willst du es machen?« Gus assistierte ihr, als sie das verspiegelte Visier verschraubte, und überprüfte die Selbsttests des Atemgerätes, das rasselnd zu arbeiten begann.
»Ich nehme eine von den EVAs und gehe bis auf ein paar Meter ran.« Man hörte ihre Stimme jetzt über die Lautsprecher der Automatik. »Dann steig ich aus und lass mich vom kleinen Greifarm rübersetzen.«
»Behalt auf alle Fälle die Nabelschnur an.« Der Bordingenieur zeigte ihr noch einmal den Stutzen an der Hüfte, wo sie sich in die externe Versorgung einklinken konnte.
»Und dann?«
»Dann werde ich Kontakt aufnehmen.«
»Bestell auch schöne Grüße.« Carlssen verließ die Schleuse des Drohnendecks, um von der Brücke aus ihren Spaziergang zu überwachen.
»Pass auf dich auf.« Gus half ihr beim Besteigen des kleinen Einmannshuttles und wartete, bis die Luke eingerastet war.
»Solch zärtliche Anwandlungen aus deinem Munde?« Sie klang jetzt weiter entfernt, als spreche sie durch ein langes dunkles Rohr. Gus sah durch das Bullauge zu, wie sie die Armaturen der EVA prüfte.
»Wir sind trotzdem ein Team.« Er aktivierte den Schwenkarm, der das halbautomatische Fahrzeug in den Schacht hinüberhievte. »Alles klar zum Ausklinken?«
»Roger. Schieß mich raus!«
Gus stand hinter dem Kontrollfeld, bis das Schleusenschott geschlossen war. Dann berührte er die grüne Schaltfläche auf der Hauptkonsole. Silbriger Rauch platzte auf, als die Düsen das Shuttle in den Raum hinausstießen. Er übergab an die Selbststeuerung und verfolgte, wie Theresa das Triebwerk zündete. Sie rollte über die Dorset hinweg und nahm Kurs auf das selbstgenügsame Flimmern des Opak.
»Okay, ich bin jetzt wohl direkt dran. Silesio, wie bewegt es sich zurzeit?«
»Es hat eine Phase stärkerer Aktivität hinter sich und scheint sich gerade zu beruhigen. Gegenwärtig ganz langsame Kontraktion von weniger als einem Meter pro Minute. Du bist jetzt etwa fünf Meter von der Außenhülle entfernt.« Der Chefprogrammierer ließ die Automatik online mit dem Shuttle gehen, das auf einer Nachführbewegung auf konstantem Abstand zu dem unsichtbaren Objekt gehalten wurde. »Du kannst jetzt aussteigen.«
»Mach keinen Blödsinn da draußen.« Carlssen hatte sich hinter Silesios Sessel aufgebaut und verfolgte, abwechselnd auf den Schirmen und an den Panoramascheiben, Theresas Manöver.
»Ich entsichere die Luke, aktiviere die externe Versorgung via Nabelschnur.« Theresa kommentierte jede ihrer behutsamen Aktionen. »Jetzt bin ich draußen; könnt ihr mich sehen?«
Auf den Videomonitoren, deren Bilder ungeschnitten nach Luna III überspielt wurden, sah man die silberweiße und ungewohnt pummelige Gestalt, wie sie maskenhaft in die Kameras winkte. Mit bloßem Auge wirkte das winzige Menschlein, das auf dem Rücken der bewegungslosen EVA entlangkrabbelte, unendlich verloren vor dem Hintergrund des schwarzen Sternenhimmels.
»Ich bin am Kran und klinke den Sicherungskarabiner ein. Alle Systeme arbeiten einwandfrei. Jetzt fahre ich den Arm aus. Ein Meter, zwei …«
Die beiden Männer auf der Brücke sahen zu, wie Theresa von der armdicken Gitterkonstruktion emporgehoben und dem nackten Nichts entgegengefahren wurde.
»Fünf Meter. Dann bin ich jetzt also direkt dran.«
»Was siehst du?« Groenewold, die sich auf dem Sanitätsdeck einen Tranquilizer besorgt hatte, kam ins Cockpit zurück und setzte sich auf den seitlichen Platz der Kommandobrücke.
»Eigentlich – natürlich – gar nichts.«
»Was hattest du erwartet?« Carlssens Geduldsfaden schien sich dem Ende zu nähern, gleich würde er sein Kind vom Spielen zurück ins Haus rufen.
»Wie bei einem ganz normalen Weltraumspaziergang.«
»Versuch, durch es hindurchzusehen.« Silesio hatte die stoische Gelassenheit der letzten Tage abgelegt. »Siehst du das gleiche Flimmern wie von hier aus?« Der Chefprogrammierer klang, als wäre er am liebsten selbst dort draußen.
»Ich … ich weiß nicht.« Die wacklige Gestalt auf den Monitoren drehte sich herum und bot eine melancholische Rückenansicht à la Caspar David Friedrich. Man stellte sich unwillkürlich vor, dass sie die Augen mit der flachen Hand beschattete und den Horizont einer dampfenden Prärie absuchte.
»Ich … Das ist … Oh …«
»Was ist los?«




