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»Vielleicht will es uns gerade dadurch – etwas sagen …« Carlssen probierte lustlos eine neue Eröffnung.
»Hast du das von Groenewold? Jeder Student weiß um den Unterschied, der zwischen dem Messergebnis ›0‹ und keinem Messergebnis besteht. Ein positives Ergebnis des Wertes ›0‹ kann man interpretieren, wo kein Ergebnis vorliegt, gibt es nichts zu deuten. Und wir haben hier kein Ergebnis.«
»Aber was hat es zu bedeuten, dass wir, trotz unglaublicher Anstrengungen, keine Ergebnisse erhalten? Offensichtlich ist es nicht einfach indolent, sondern widersetzt sich unserer Erkenntnisapparatur.«
Silesio brachte seinen getreuen Springer in Position.
»Mich beunruhigt nur, dass da offensichtlich etwas ist.«
»Und nicht nichts. Ich glaube nicht an einen Gott. Ich bin überzeugt davon, dass es keine moralische Weltordnung, keine Seele, kein Leben nach dem Tode gibt. Mein metaphysisches Bedürfnis hat sich ganz auf die eine Frage zurückgezogen, die nach aller rationalistischen Tabula rasa bestehen bleibt und über die wir uns niemals werden hinwegsetzen können, wie mein Pferd hier über die tumbe Batterie deiner Bauern. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?« Silesio hatte die Stimme zur Rezitation erhoben und seinen Commander feierlich angesehen. Jetzt lehnte er sich zurück und schob ihm das Spielbrett mit müder Geste zu. »Schachmatt, übrigens. In vier Zügen. Du bist nicht bei der Sache.«
Carlssen würdigte seinen matten König keines Blickes mehr. Der Chefideologe fuhr fort.
»Es gibt nur diese eine Frage und zugleich wissen wir, dass wir sie niemals beantworten werden. Leider habe ich auch die fromme Illusion, in hora mortis würden wir der Wahrheit ins strahlende Angesicht blicken, inzwischen abgelegt. Wir werden sterben, wie wir lebten, im schmerzlichen Bewusstsein unseres vollkommenen Unwissens. Sieh hinaus, wie es flimmernd die Sterne überstreicht und gelassen seine opaleszierende Bahn beschreibt. Das Einzige, was ich über das Opak zu wissen glaube, ist, dass wir niemals herausbekommen werden, was es ist. Es ist die Kristallisation unseres Unvermögens. Natürlich können wir zu spekulieren anfangen und rastlose Hypothesen entwerfen. Vielleicht ist es ein eigenes Universum, eine Welt, die geschäftig und friedvoll unseren Kosmos durchquert. Oder ein Elementarteilchen, das durch eine Verwerfung des Quantenraumes in eine falsche Dimension geraten ist, ein Elektron, das versehentlich zur Größe eines Dorfes aufgeschwollen ist. Ich weiß es nicht und ich weiß, dass ich es niemals wissen werde. Anscheinend legst du keinen Wert auf eine weitere Partie?«
Die Dorset hatte den Rand ihres Operationsradius erreicht. Die Abschirmung lief auf 150 %, die Klimaautomatik hatte die Leistungsgrenze überschritten. Wir näherten uns der Merkurbahn, als Theresa in einem lakonischen Manöver die Bugraketen zündete und so eine Geschwindigkeitsverzögerung bewirkte. Das Schiff fiel hinter das Opak zurück, das unbeeindruckt der Sonne entgegenzog. Die Distanz nahm rasch zu, vor allem nachdem wir die Spur des Objektes, dem wir einige Tage noch mit zunehmendem Abstand gefolgt waren, endgültig verließen, den Merkur umrundeten und eine Beschleunigungsphase einleiteten, um zunächst auf einen Venusorbit zurückzugehen. Lethargische Wortlosigkeit herrschte an Bord, als wir begriffen, dass die Akten geschlossen waren. Tausende von Ordnern, gefüllt mit unbeflecktem Papier. Eine Woche nach dem »Abkoppeln« kam die Meldung von Luna III. Das Opak war verschwunden. Es hatte, kurz bevor es die äußere Sonnenkorona berührt hätte, aufgehört zu existieren. Noch einmal bemächtigte sich eine gewisse Aufregung der Behörden und auch der Besatzung der Dorset. Aber an der Tatsache gab es nichts zu rütteln. Das Objekt hatte sich, ohne dies durch die geringfügigste Veränderung seines Verhaltens anzukündigen, in nichts aufgelöst. Es war ins Nichts eingegangen, dem es nach Meinung vieler Kommentatoren, denen sich Groenewold und Theresa und schließlich auch Commander Carlssen anschlossen, entstammte und dem es auch während seines Daseins im Grunde angehört hatte. Lediglich Silesio blieb bei seinem spröden Skeptizismus und meinte, das erkläre immer noch nicht, wie sich das Nichts zu einem Etwas habe verpuppen können. Die Dorset bog mürbe in eine exzentrische Umlaufbahn des zweiten Planeten ein, gestrandet nach einer vielmonatigen Reise durch die schweigenden Gezeiten der Sinnlosigkeit.
Bordcomputer des Explorers Dorset I; Logbuch des Kommandanten:
Wir haben das innere System verlassen und durchschneiden die Bahn des Saturn an einer Stelle, die der bereifte Planet in einem Jahr innehaben wird. Die Leibniz, nach wie vor im Uranusorbit geparkt, wo sie für eine neue interstellare Mission überholt wird, steht auf einer Position von 150°, mehrere Milliarden Kilometer entfernt. Die Erde befindet sich gegenwärtig hinter der Sonne, was den Funkverkehr entschieden verspärlicht. Die Kommunikation wird über die Relais der Marsbasen aufrechterhalten. Aber die zuständigen Behörden von Luna III scheinen seit Monaten das Interesse für uns eingebüßt und uns dem Vergessen überantwortet zu haben. Am besten beginne ich damit, die Ereignisse nachzutragen, die seit unserem Abkoppeln von dem sonderbaren und bis zuletzt unerklärlichen Objekt, genannt »Das Opak«, und dessen bald darauf erfolgendem Verschwinden vorgefallen sind.
Wir hatten das Objekt, das wir nicht mehr sonnenwärts begleiten konnten, verlassen und die Dorset auf Venushöhe zurückgenommen. Da kein Einsatzplan vorlag und alle übergeordneten Stellen anscheinend die Zuständigkeit für uns verloren hatten, dümpelten wir in einem ausgreifenden Orbit um den weiß-blauen Planeten, dessen Schwefelgewitter und Seen aus kochendem Blei harmlos und jeder Aufmerksamkeit entbehrend unter uns brodelten. Von dem unerwarteten Sichauflösen des rätselhaften Phänomens – das die meisten von uns im Nachhinein für konsequent und beruhigend erklärten – der Beschäftigungslosigkeit anheimgegeben, verbrachten wir mehrere Wochen damit, das lädierte Schiff zu überholen. Vor allem im Drohnendeck gab es unendlich viel zu tun, da wir die meisten der ausgesetzten Robotsonden vor unserem Ablegen in den Hangar zurückbeordert, dort aber zunächst nur notdürftig verstaut hatten. Hier gingen wir nun daran, die kostspieligen und nutzlosen Instrumente zu warten und in angemessener Weise zu vertäuen. Gus fehlte uns, da wir nicht nur seinen Sachverstand kaum ersetzen konnten, sondern vor allem auch seinen zupackenden Trotz entbehrten.
Die Arbeiten näherten sich dem Ende, als wir von Luna III aus dem Behagen geschrillt wurden. Das Opak war jenseits der Sonne, aber auf einer Bahn, die die vor einigen Monaten abgebrochene exakt fortsetzte, wieder aufgetaucht. Offensichtlich hatte es unseren Zentralstern in einer Art von Verpuppungszustand durchquert und sich nun auf einer merkurnahen Position, die spiegelbildlich der Koordinate des Verschwindens entsprach, wieder enttarnt und strebte in ansonsten unverändertem Habitus von der Sonne weg. Es war wohl in einer gewissen Verlegenheit der zentralen Beobachtungsstation begründet, die nicht so recht zu wissen schien, was sie mit uns anfangen sollte, aber man reaktivierte uns und übermittelte einen neuen Marschbefehl, der darauf hinauslief, die Verfolgung des Phänomens aufzunehmen und die Observierung fortzusetzen.
Da das Opak mittlerweile nicht nur einen Vorsprung von etlichen hundert Millionen Kilometern gewonnen hatte, sondern sich jenseits der Sonne befand, die wir nun nicht mit der gleichen Indolenz durchtunneln konnten, wurde ein aufwendiges Manöver nötig, dessen Berechnung die Erste Offizierin und den Chefprogrammierer mehrere Tage kostete. Die Dorset musste die Sonne umrunden und das Objekt, das dann bereits die Marsbahn hinter sich gelassen haben würde, auf einem komplizierten, mehrfach gekrümmten Kurs in einigen Monaten einholen. Es wurde daher beschlossen, das Schiff von der Automatik steuern zu lassen, überwacht von den Stationen Luna II und III, und die Crew dem Tiefschlaf zu überantworten.
Nachdem die erforderlichen Sequenzen eingegeben waren, gaben wir mehrere Minuten vollen Schub aus dem Photonentriebwerk und nahmen Kurs auf die Erde, die wir in großem Abstand umrunden würden. Dann war eine Rückkehr zur Venus vorgesehen, wo uns ein neuerlicher Swing-by auf eine hyperbolische Bahn um die Sonne und zum Rendezvous jenseits der Marsbahn katapultieren würde.
Die Zweite Offizierin suchte unmittelbar nach der Startphase die sensorielle Koje auf. Einen Tag später zog sich die Erste Offizierin zum Tiefschlaf zurück, und schließlich ließ sich auch der Kommandant auf 27 °C herunterkühlen. Das Schiff war auf Kurs; der Chefprogrammierer, das vierte noch lebende Besatzungsmitglied, blieb auf eigenen Wunsch wach. In stoischem Schweigen beschrieb die Dorset die ineinander verschachtelten Kegelschnitte, die es in streng ballistischen Webmustern hin und her warfen, beschleunigten und dem Bestimmungsort zudirigierten.
Die Weckautomatik kippte mich mit dem Zartgefühl eines Müllkutschers in die Realität zurück. Ich kam mit der vertrauten Unbeholfenheit zu mir. Ich betrachtete die Anzeige vor meiner vertrockneten Nase und stellte fest, dass ich fast zwei Wochen vor dem programmierten Termin aus dem Tiefschlaf zurückgeholt worden war. Nachdem ich meinen Personalcode auf die Innenseite des Sichtfensters getippt hatte, öffnete sich der Sargdeckel, wie die Kojenklappe im Jargon genannt wurde, und ich klomm heraus. Niemand erschien, um mir bei der Reanimation meiner unterkühlten Knochen zu helfen, dennoch brauchte ich eine Weile, um mich zu wundern.
»Warum wurde ich geweckt?«
Im gleichen Augenblick wusste ich, was passiert war. Es gab nur eine Möglichkeit, nur eine logische Erklärung.
»Mortales Ereignis in Sektor C«, verkündete die Maschinenstimme in schmeichelhafter Kälte.
Ich zog den komischen Schlafanzug aus, in dem man während des Schlafes vor sich hin rottet, und wankte in den Wohntrakt hinaus. Im Kopf war ich absolut klar und voll trauriger Nüchternheit.
»Wer hat dich diesen absurden und geschmacklosen Ausdruck gelehrt?«
Ich erkundigte mich ohne Neugier, bekam aber prompt und ohne erkennbare Irritation den Namen eines besonders unsympathischen Systemingenieurs der Leibniz geliefert.
Silesio lag angezogen auf seinem Bett, mit geschlossenen Augen auf dem Rücken ausgestreckt, ein trügerisches Lächeln um den erkalteten Mund. Das silberne Röhrchen auf dem kleinen Nachttisch verriet, warum er keine Schmerzen gelitten hatte. Der Tod musste vor mehreren Stunden eingetreten sein. Bis die Automatik seine Routinemeldungen vermisste und mich langsam auftaute, war der Leichnam zu wächserner Steife erstarrt. Ich setzte mich nackt, wie ich war, neben den Toten auf das abgedeckte Bett und faltete gedankenlos seine störrischen Hände ineinander. Dann fiel mein Blick auf die speckige Kladde. Ich teile hier den vollständigen Text des handschriftlichen Testamentes mit.
Silesios letzter Wille …
Ich attestiere mir hiermit selbst, dass ich bei geistiger Gesundheit und unbedingt zurechnungsfähig bin. Mein körperlicher Zustand ist zerrüttet und in wenigen Stunden wird eine gnädige Dosis des Opiats, das seit Langem mein täglicher Begleiter ist, meiner physischen Existenz ein Ende setzen.
Es ist ein Jahr her, seit die medizinische Automatik an Bord der Leibniz anhand meiner Blutwerte die Diagnose stellte, und damals hätte ich nicht gedacht, dass mir nicht nur von der Zeitspanne her, sondern auch was die Erlebnisdichte angeht, noch solche Fülle an Leben, ja die eigentliche Erfüllung meiner Existenz bevorstünde. Es gelang mir, die Erkrankung geheim zu halten, indem ich sämtliche Meldungen der Software unterdrückte. Ich begab mich auf den Explorer Dorset, um das Mutterschiff und sein dichtes Überwachungsnetz verlassen zu können. Kaum habe ich damals geahnt, welcher geistigen Intensität ich mich dadurch noch einmal aufschloss und wie der Tod mich so der letzten Sinngebung meines Lebens entgegenschickte. Erst allmählich, während vieler Wochen der größtenteils einsamen Meditation, begriff ich die Bedeutung des Phänomens, dessen Erkundung unsere Mission galt. Obwohl ein weiteres Rendezvous kurz bevorsteht, welches ich nicht mehr erleben werde, zweifle ich nicht daran, dass diese zweite Observierung in wissenschaftlicher Hinsicht genauso ergebnislos verlaufen wird wie die hinter uns liegende. Umgekehrt war die subjektive Erfahrung der Begegnung mit dem sogenannten Opak das zentrale Erlebnis meiner 126 irdischen Jahre.
Ihnen, Commander, der Sie vermutlich in einigen Stunden geweckt werden – es ist mir nicht gelungen, die Automatik in diesem Punkt toleranter zu gestalten –, habe ich bei unserem letzten Gespräch zu erläutern versucht, dass ich das Opak für ein nichttranszendentes und absolut nicht sinnhaltiges Phänomen ansehe. Vielleicht habe ich mich damals zu negativ ausgedrückt und meine Gedanken, die sich seinerzeit noch nicht völlig gerundet hatten, skeptischer formuliert, als ich sie heute auffasse. Das fragliche Objekt stellt sich mir inzwischen in einem völlig anderen Lichte dar. Es ist unbegreiflich, unerklärlich, unfassbar. Aber darin unterscheidet es sich nicht von Ihnen und mir, von allen anderen Objekten im Universum bis zum letzten Staubkorn, das auf einer exzentrischen und gegenläufigen Bahn den Saturn umrundet, ja: nicht vom Universum selbst, dessen Gestaltung und Erscheinungsfülle wir im Einzelnen nachvollziehen und beschreiben mögen, dessen Existenz aber für alle Zeiten die begrenzten Kapazitäten des menschlichen Geistes überschreiten wird. Alles Seiende ist unbegreiflich; aber auch das absolut Unbegreifliche, mit dem wir es hier meiner alternden Intuition nach zu tun hatten, ist ein Sendbote des Absoluten. Sie, lieber und geschätzter Kommandant, haben Lohengrin zitiert. Auch das Opak war ein solch Ritter, der unsere Welt durchquert, ohne auf sie einwirken zu können, Manifestation seiner Fremdheit und monumentaler Spiegel unseres Nicht-begreifen-Könnens. Auch das absolut Unfassliche ist ein Absolutum, vielleicht das Absolutum überhaupt, das wir noch in Begriffe fassen können, wenn es auch jenseits unseres Verstehens angesiedelt ist. Ein grober Geist wie Gus zerbrach an dieser Mauer an Unbegreiflichkeit, für einen von jeher skeptischen Intellekt wie den Ihres alten Kameraden bedeutete die Begegnung mit diesem Monstrum des Schweigens, obwohl ich an Erkenntnis um keinen Deut mehr erfasste als unser unseliger Bordingenieur, eine Offenbarung. Ich hatte mich als junger, zu Spekulationen neigender Mensch damit abgefunden, dass wir nichts vollkommen verstehen können. Jetzt habe ich erfahren, dass es etwas gibt, dem gegenüber unser Nichtverstehen vollkommen ist. In unserem Gespräch habe ich leichtfertig einige Hypothesen entworfen, was das Opak noch alles sein könnte, mit welchen Metaphern wir es noch umschreiben könnten. Ich endige mein Leben und gehe ins Nirwana ein, das kein Sein ist und kein Nichts. Diese Aufzeichnungen beschließe ich mit einer weiteren, um nichts deutlicheren Spekulation. Sie steht klar vor meinem schmerzenden Geist – was nichts beweist – und erscheint mir plausibel wie ein Eiskristall am Morgen nach dem ersten Frost – was ebenfalls nur von subjektiver Bedeutung ist. Das Opak ist eine Welt, hatte ich vermutet; jetzt kann ich sagen: Es ist unser eigenes Universum, dessen göttliche Unbegreiflichkeit zu einer unstofflichen Blase geronnen ist; es ist unser Kosmos noch einmal, der sich selbst in gespanntem Schweigen durchquert, um die Rätsel seines wunderbaren Seins in ihrer Fülle zu kontemplieren.
Leben Sie alle wohl.
Ich blieb lange sitzen und spann die Gedanken des Alten weiter, unbewusst und dahintreibend, etwa so, wie man eine Melodie weitersummt, die man irgendwo aufgeschnappt hat. An sich ist es buchstäblich nichts, versuchte ich Silesios Exegese des Opak fortzusetzen. Ein monströses pulsierendes Nichts. Es ist kein böses, kein verschlingendes, kein handelndes Nichts. Unsere Sonden und Radiowellen haben es durchquert, wir haben es an der Hand gehalten. Und doch begegnete jeder in ihm sich selbst, jedem wurde über die Art und Weise, wie er an das Phänomen heranging und sich mit ihm auseinandersetzte, sein eigenes Ich offenbart. Gus’ aggressives Desinteresse setzte seinen zerstörerischen Grundimpuls frei, Groenewold schrumpfte fast ganz zu schlichter kreatürlicher Furcht zusammen. Silesio erprobte seine philosophische Spekulationsfreude und seinen Willen zur Apokalypse, die in dem unendlich facettierten Objekt ihr definitives Katalyt fanden. Theresa und ich brachten unser wissenschaftliches Instrumentarium zum Einsatz und scheiterten, wie billig, an der nackten, unprovozierbaren Positivität der Erscheinung. Indem es sich nicht zeigte und bis zuletzt unsichtbar, ein Nichtphänomen blieb, zeigte es jedem sein Wesen. Wir müssen dem Unerklärlichen begegnen, um uns selbst erklären zu können.
Das Testament enthielt noch ein kurzes Postskriptum, mit schwerfälligen Zügen offenbar schon unter der Wirkung der lösenden Droge abgefasst.
Übrigens habe ich die Aufzeichnungen der Katastrophe noch mehrmals durchgehört und so weit entstört, dass ich Gus’ Gebrüll verstehen konnte. Sein letzter Satz lautete offenbar: »Lieber eine Kugel in der Brust als einen blauen Stein in der Hand.« Ich vermute, dass es überflüssig ist, dich darauf hinzuweisen, dass es sich bei diesem Aphorismus um ein literarisches Zitat handelt. Anscheinend zog er den Tod einem Leben im Angesicht des handgreiflichen Mysteriums vor. Man könnte daraus auch schließen, dass er den Laser selbst auf sich gerichtet hat – und dass sein Tod kein Unfall, sondern Selbstmord war. S.
Ich machte mich auf den Weg, um Theresa zu wecken. Meine fröstelnden Gedanken liefen neben mir her. Ich fand diese Absurdität des Schicksals, das unter Milliarden von kryptischen Sätzen, die genauso wenig Sinn ergeben hätten, ausgerechnet dieses fantastische Zitat ausgewählt und unserem Bordingenieur in den Mund gelegt hatte, grotesk und ich zwang mich, nicht darüber nachzudenken, was unser Techniker uns mit dieser bedeutungslosen Sentenz hatte sagen wollen.
Theresa stieg aus der Koje. Während sie den elektronikgespickten Anzug abstreifte und in den Wäscheschacht knüllte, erzählte ich ihr, was geschehen war. Ich stellte Silesios Tod friedlich und versöhnlich dar. Wir schlossen den Leichnam in einen dieser unangenehmen schwarzen Zinksäcke ein und brachten ihn in den Seitentrakt des Drohnendecks, der von den alles bedenkenden Konstrukteuren der Dorset exakt diesem Zweck vorbehalten war. Nachdem wir die kleine Kammer verriegelt und ihren Inhalt auf die Temperatur des Weltraumes heruntergekühlt hatten, schlug Theresa vor, dass wir uns erst einmal etwas anziehen sollten.
»Rückholsequenz einleiten!«
Aus purer Lust an der Tautologie betätigte ich noch den manuellen Schalter. Wir hatten geduscht und uns angekleidet und nach einem wortkargen Frühstück beschlossen, auch Groenewold wecken zu lassen. Das Rendezvous stand bevor, und da wir nur noch zu dritt waren, würde es entsprechend schwieriger werden, die Dorset auf Kurs zu bringen und das wissenschaftliche Equipment für eine neuerliche Observierung vorzubereiten.
»Rückholsequenz kann nicht eingeleitet werden«, nörgelte die kastrierte Stimme. Am enervierendsten war die unmodulierte, sachliche Anmaßung, mit der sich die Automatik immer wieder den harmlosesten Anweisungen widersetzte.
»Warum nicht?«
»Lebenserhaltende Systeme inaktiv«, schnarrte die Automatik.
»Oh Gott!« Theresa knickte seitlich ein und sank über die sarghafte Koje.
»Warum sind die Systeme inaktiv?« Ich erkundigte mich ganz freundlich bei dem Scheißcomputer und forderte ihn höflich auf, mich über den Gesundheitszustand der Insassin zu informieren.
»Sie sieht so komisch aus.«
Theresa brachte sich fast um bei dem Versuch, durch das Sichtfenster nach den Kontrollanzeigen über Evchens Brust zu spähen, ohne dass das Glas des gewölbten Fensters von ihrem Atem beschlug. Ich erinnerte mich an die Kombination und öffnete den Deckel der Koje manuell, während die Automatik uns damit nervte, irgendwelche Routineziffern herunterzubeten. Offensichtlich hatte man die Tiefschlafsensoren umprogrammiert. Als wir die Luke hochklappten, wussten wir Bescheid. Die Luft, die uns entgegenströmte, war viel zu kalt und von inakzeptabler Süße.
»Sie hat ihn geliebt.« Theresa hatte die Waagerechte eingenommen und pendelte langsam mit dem Schwenksessel hin und her.
»Aber er sie nicht.«
»Er hat sie benutzt.«
»Er ist tot.«
»Umso schlimmer. Schwer zu sagen, was sie mehr gekränkt haben muss, dass er mit ihr schlief, ohne sie zu lieben, oder dass er sich umbrachte, ohne ihren Trost zu suchen oder sie wenigstens ins Vertrauen zu ziehen.«
»Ich habe sie viel zu wenig gekannt. Von allen Mitgliedern der Crew habe ich mit ihr am wenigsten anfangen können.«
»Euch Männern war sie zu unscheinbar, wohl auch zu weinerlich.«
»Hast du gewusst, wie sehr sie darunter litt?«
»Auch eher indirekt, durch Beobachtung. Sie ließ mich nicht wirklich an sich ran.«
»Jetzt ist es zu spät.«
»Aber wie viel Energie und Sachverstand auch sie in dieser verzweifelten Tat bewies!«
»Sie musste die gesamte Programmierung der Koje ändern, sodass sie erst regulär einschlief und dann allmählich weiter abgekühlt und schließlich – abgeschaltet wurde.«
»Und dabei alle Meldungen der Automatik unterdrücken. Auch die äußeren Anzeigen waren normal. Dabei lag sie schon einen Monat lang tot in ihrem kalten Bett.«
»Commander, würde es Ihnen etwas ausmachen, mich festzuhalten?«
Zehn Tage und einige Kurskorrekturen nachdem wir den Kühlschrank der Dorset kurz hintereinander mit zwei Leichen bestückt hatten, schwenkten wir auf die Bahn des Opak ein, das unwissend und unbeeindruckt die Höhe des Mars passiert hatte und den äußeren Planeten entgegenstrebte. Die Reihe der bizarren Rätsel, die dieses Objekt seit seiner Entdeckung an sich geknüpft hatte, erfuhr dadurch eine Verlängerung, dass die Drohne, die wir im mathematischen Inneren der unsichtbaren Wolke positioniert und auf deren Rückführung wir verzichtet hatten, sich exakt dort befand, wo wir sie vor Monaten aufgegeben hatten. Offensichtlich hatte das Gerät den Flug durch das Innere der Sonne unbeschadet überstanden. Da das Opak bei seinem Eintauchen in die Sonnenkorona verschwunden war, machten wir uns das ominöse Geschehen so zurecht, dass das Objekt einen anderen Aggregatzustand angenommen und den in seiner Mitte fliegenden Messroboter bei dieser Transformation mitgenommen hatte. Umso größer war unsere Ratlosigkeit, als es Theresa gelang, die Aufzeichnungen der Sonde abzuspielen, die nicht nur zum Zeitpunkt der Auflösung nicht aussetzten, sondern für den gesamten Zeitraum einen unveränderten und durch kein Sonnenplasma beeinträchtigten Sternenhintergrund zeigten, der sich, von den Undulationen des Opak sachte durchwellt, in nichts von den Aufnahmen vor und nach dem Sonnendurchgang unterschied.
Wir ließen es auch dabei bewenden und machten uns daran, die Armada der verstauten Drohnen wieder freizusetzen. Das war zu zweit kaum noch zu bewerkstelligen. Ein Roboter, den wir nicht richtig kalibriert hatten, zerschellte an einer Strebe des Decks, ein weiterer Satellit mit fehlerhafter Trimmung gehorchte Theresas Kommandos nicht und umkreiste unser Schiff auf einer instabilen Bahn, anstatt sich vor der Nase des Opak zu positionieren. Wir mussten ihn mit der Fernsteuerung der Unendlichkeit überantworten. Schließlich hatten wir ein notdürftiges Beobachtungsnetz installiert, das mechanisch anfing, die sinnlosen Datenmassen der ersten Exploration um weiteren Informationsmüll zu ergänzen. Es waren Tage erschöpfender Arbeit, an denen wir 16 oder 18 Stunden bis zum Umfallen auf dem Drohnendeck und auf der Brücke zu tun hatten. Deshalb fiel uns auch gar nicht auf, dass alle Meldungen, die wir absetzten, von Luna III unbeantwortet blieben. Erst allmählich kam uns das Schweigen, in dem wir dahinzogen, zu Bewusstsein. Wir hatten Jupiter passiert und näherten uns Saturn, inzwischen hatten wir uns damit abgefunden, dass wir nur automatische Empfangsbestätigungen erhielten, gleichgültig an welche Basis wir uns wandten. Offensichtlich hatte man uns abgeschrieben oder man sah uns gar als eine Art Aussätziger an, die mit einem rätselhaften Fluch behaftet waren und die man besser ohne viel Aufhebens verschollen gehen ließ. Wer wusste, vielleicht galten wir auf offizieller Seite bereits als ebenso tot wie unsere drei Besatzungsmitglieder.




