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Inzwischen hatten wir also auch den Bereich des Saturn hinter uns gelassen. Ich wusste nicht, wie lange ich noch die Kraft haben würde, die offensichtliche Sinnlosigkeit, die sich in diesen Aufzeichnungen nur immer wieder selbst bestätigte, fortzusetzen.
Einige Tage später.
Wir reisen an der Seite des Opak. Allerdings beachten wir es kaum noch. Selten, dass einer von uns einmal einen Blick auf die automatischen Anzeigen wirft, die das Unvermeidliche und Immergleiche herunterspulen. Wir hängen unseren Gedanken nach, mit uns selbst beschäftigt. Manchmal vergessen wir, wo wir sind und warum wir hier sind. Dann durchfährt es einen wie ein Stich: Ach so, da draußen ist dieses sonderbare Objekt. Etwa so, wie man sich bisweilen sagt, dass man ja sterblich ist. Und dann wundert man sich erst recht darüber, dass man existiert.
Es gibt keinen Schichtplan und keinen festen Dienst mehr. Wir stehen irgendwann auf, sehen desinteressiert nach dem Rechten, trödeln im Wesentlichen herum und gehen irgendwann wieder ins Bett. Theresa verfiel auf den grandiosen Gedanken, die Klimaautomatik auf subtropische Temperaturen hochzuregeln. Seitdem tänzelt sie flüchtig oder überhaupt nicht bekleidet auf der Brücke umher, die sie mit lässiger Musik beschallen lässt. Manchmal gelingt es ihr, mich zu verführen, und dann lieben wir uns irgendwo, auf dem Gang, in der Messe oder gar mitten über den Kontrollpulten des stöhnenden Cockpits. Wir haben die Vorräte an Alkoholika und Opiaten inspiziert, über deren Erschöpfung wir uns nicht zu sorgen brauchen. Die schweigenden Titanspanten dieses gequälten Schiffs waren schon Zeugen bizarrer Orgien, seit meine Erste Offizierin zur Entdeckung ihrer »dionysischen Weiblichkeit« durchgestoßen ist. Ich kann mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir anfangen, uns in einer gewissen Haltlosigkeit zu verlieren.
Später.
Theresa hat vorgeschlagen, dem Beispiel Groenewolds und Silesios zu folgen und uns dem rauschhaften Traum des Todes an die friedvolle Brust zu werfen. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass wir nicht zu unserem Vergnügen hier sind, sondern eine wissenschaftliche Aufgabe zu erfüllen haben.
Später.
Wir haben die Bahn des Uranus passiert. Noch nie hat ein unabhängiger Explorer so tief im Raum operiert. Milliarden von Kilometern vom Mutterschiff entfernt, das sich auf der anderen Seite der Sonne befindet. Ich habe die Energievorräte überprüft und eine drastische Verknappung des Treibstoffes festgestellt. Die lebenserhaltenden Systeme der Dorset können noch jahrelang arbeiten, aber unser Antrieb dürfte für eine Rückkehr zur Erde kaum noch ausreichen. Wenn wir Neptun hinter uns lassen, haben wir keine Möglichkeit mehr, unsere Flugbahn zu ändern. Theresa hat in einem mehrtägigen Rausch, den sie mithilfe einer Serie von Ampullen mit synthetischen Opiaten betrieb, ein neues Phantasma ausgebrütet: Wir sollten Kinder bekommen und die erste autarke Kolonie der Menschheit außerhalb des Sonnensystems bilden. Ich habe sie auf Entzug gesetzt und in ihrer Kabine eingeschlossen. Dabei fällt es auch mir immer schwerer, die Frage nach dem Sinn und der Zukunft dieser Mission, deren Knochenhand mich mehrmals täglich streift, zurückzudrängen. Sind wir schon verloren?
Immer noch später.
Wir werden nicht mehr umkehren können. Ich halte das lediglich zufällig an diesem Tag fest, an dem wir die schwarzgrüne Kugel des Neptuns in geringer Entfernung vorbeischwinden sahen, ohne irgendeine Anstrengungen zu unternehmen, in einem entschlossenen Swing-by-Manöver das Ruder herumzureißen. Mit dem achten Planeten haben wir nun die technische Möglichkeit zum Kurswechsel verloren. Tatsächlich können wir von innen heraus nicht mehr wenden; wir sind außerstande, uns von dem Objekt abzuwenden, das nach wie vor wenige hundert Meter längsseits neben uns dahingleitet. Wir sind außerstande, den Entschluss in uns zu erzeugen, das Opak dahinziehen zu lassen und zur Erde zurückzukehren. Diese Erkenntnis steht nur in scheinbarem Widerspruch zu der Tatsache, dass wir seit Wochen alle Anzeigen deaktiviert, alle Schirme abgeschaltet und nicht einen Blick aus den Panoramascheiben geworfen haben. Wir wissen, dass es da ist; und wir wissen auch, dass wir es nicht mehr werden verlassen können. In seiner monströsen Sinnlosigkeit, Silesio hatte recht, ist es zum einzig verbleibenden Sinn und Inhalt unseres Lebens geworden. Dass es ein absurder Sinn und ein leerer Inhalt ist, wer wollte es bestreiten? Nichtsdestoweniger ist es unser einziger.
Pluto, dessen Bahn wir als letzte überschreiten werden, steht zu weit abseits, als dass wir ihn zum Manövrieren benutzen könnten. Unser Treibstoff ist fast aufgebraucht. Wir nähern uns dem leereren Vakuum des interstellaren Raumes.
Viel später.
Wir durchschiffen den Trümmerregen der Oort’schen Wolke. Nur wenige Schiffe von den Dimensionen der Leibniz haben sich in diese finsteren Regionen gewagt. Ein Explorer der Dorset-Klasse ist hier verloren wie eine Nussschale auf einem Ozean. Doch das Opak ist bei uns. Wir wissen, dass wir nicht von ihm abkoppeln können, ehe wir sein Wesen nicht ergründet haben. Und wir wissen mit der gleichen skalpellhaften Deutlichkeit, dass wir es nie werden ergründen können. Der unstillbare Wissensdurst erlischt nicht, wenn er um seine Unstillbarkeit weiß. Er wird nur noch brennender und macht denjenigen, der ihm verfallen ist, zu einem Ahasver. Der Fluch, durch den er im Dasein gehalten wird, ist seine Neugier und sein Glaube an die positive Wahrheit, der auch dadurch, dass er radikal erschüttert wurde, nicht zu erschüttern ist. Der Wille zur Rationalität ist zutiefst irrational, aber auch diese Erkenntnis hilft nicht weiter.
Später.
Theresa schläft. Wir haben uns noch einmal geliebt, dann bat sie mich, sie in die Koje zu begleiten. Sie forderte mich auf, das System wie dasjenige Groenewolds zu programmieren, was ich ablehnte. Sie spritzte sich daraufhin ein schweres Opiat und ließ sich in den Tiefschlaf kühlen. Noch lebt sie und ich könnte sie jederzeit wecken. Genauso gut könnte ich ihre Lebenserhaltung mit einem Tastendruck stilllegen. Ich bin Herr über Leben und Tod und ekle mich vor mir selbst.
Sehr viel später.
Um uns ist Nacht. Neben uns schwebt ein opakes Objekt, von dem wir nicht wissen, was es ist, woher es kommt und wohin es uns verschleppt. Wir folgen ihm.
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