- -
- 100%
- +
Ich saß auf dem Felsblock mitten in der Wiese, ließ mich von Insekten umsummen und saugte die Sonne in mich auf.
Jennifer.
Je älter ich wurde, umso unwahrscheinlicher kam mir alles vor. Nicht, dass wir das Universum umrundet und das Sinesische Imperium in den Staub getreten hatten, sondern die scheinbar ganz alltäglichen und selbstverständlichen Dinge. Dass ich Kommandant eines Schiffes war. Dass wir die Akademie abgeschlossen hatten. Manchmal vergaß ich das und war dann wieder der neunzehnjährigen College-Absolvent, der sich voller Angst und Abenteuerlust zu einer Karriere bei der Union entschlossen hatte. Staunend betraten wir am ersten Tag den Campus und standen lange vor dem originalgetreuen Nachbau eines ENTHYMESIS-Explorers, der fünfzig Meter hoch und zweihundert Meter breit den Zugang zu den Instituten und Hörsälen versperrte. Hier war es ein Modell im Massstab eins zu eins, in dem die Verwaltung untergebracht war. Aber solche Schiffe gab es wirklich. Wir würden mit ihnen fliegen.
Und dass ich eine Jennifer Ash mein eigen nannte.
Mein Sitz auf dem sonnenwarmen Stein war wie ein Horst auf einer Bergspitze, von der ich über eine weite Landschaft hinaussah. Die Jahrzehnte wurden zu einer Ebene, die ich überblickte und auf der ich in Gedanken hin und her wandern konnte. Schlachten tobten darauf und Passagen düsterster Einsamkeit. An Aufregung hatte es nicht gemangelt. Aber eine war immer neben mir gegangen.
Auch wenn sie gerade einmal nicht zu sehen war. Vielleicht streifte sie am Fluss entlang oder sie kraxelte in einem Seitental herum. Oder sie hatte sich einen Platz wie diesen gesucht, um darauf zu meditieren. Nachts hatte sie gestöhnt und geschrien. Ich hatte immer wieder versucht, sie zu beruhigen. Obwohl das sensorielle Gewebe ihre Körperfunktionen überwachte, war sie schweißgebadet gewesen. Sie hatte den Schlafsack abgeschüttelt und lag ungeschützt im Zelt, dessen äußere Planen von Raureif knisterten. Sie knirschte mit den Zähnen wie damals, bei der Hochzeit der kuLau, und sie trat mit den Beinen aus, als erwehre sie sich einer imaginären Meute, die nach ihren Knöcheln schnappte.
Irgendwann war ich eingeschlafen. Ich hatte nicht mitbekommen, wie sie das Zelt verlassen hatte. Jetzt war sie fort. Ich konnte sie anpingen. Dann fiel mir ein, dass sie ihr Handkom fortgeworfen hatte. Sie wollte offline sein auf dieser Wanderung. Und ganz langsam fing ich an, mir Sorgen zu machen.
***
Am Nachmittag wachte sie wieder auf. Das unternehmungslustige Funkeln in ihren Augen drückte aus, dass sie vollständig wiederhergestellt war. Sie schwang die Beine aus dem Bett und sah sich suchend im Zimmer um. Ihre Gala-Uniform, in der sie zu der Hochzeit gegangen war, hatte ich auf unsere Kabine gebracht.
»Würdest du mir bitte etwas zum Anziehen bringen?« Ihre Stimme war noch immer heiser, aber ihrem Elan tat das keinen Abbruch.
»In dem Nachhemd siehst du entzückend aus!«
Tatsächlich kleidete der knielange Kittel, der aus sensoriellen Gewebe bestand und mit Elektronik vollgestopft war, sie vorzüglich.
»Idiot. Soll ich so über die Plaza laufen?«
»Warum nicht.«
Sie feixte.
»Ich habe dich über die Plaza getragen«, sagte ich. »Und der Schaum ist dir vor dem Mund gestanden.«
Sie zog die Brauen hoch.
»Ganz zu schweigen davon, wie du ausgesehen hast, als wir dich von G.R.O.M. geholt haben.«
»Frank Norton. Würdest du bitte das Geschwätz abstellen und mir etwas Vorzeigbares zum Anziehen organisieren? Vielleicht reichen deine Befugnisse als ranghöchster Offizier der Union noch weit genug, an eine Uniform oder einen Freizeitanzug zu kommen!«
»Reg dich nicht auf«, lachte ich. »Wir müssen erstmal sehen, was der Doc dazu sagt.«
Ihr Blick durchbohrte mich und nahm einen »Da hast du es!«-Ausdruck an. Natürlich war die Krankenschwester, die in einem Nebenraum gewartet hatte, auf uns aufmerksam geworden. Sie kam herüber und scheuchte Jennifer ins Bett zurück.
»Nicht so hastig, junge Frau!«
Sie starrte mich strafend an. Ich hob entschuldigend die Hände. Offenbar wusste sie nicht, mit wem sie es zu tun hatte, wenn sie mir zutraute, einer Jennifer Ash einen fremden Willen aufzuzwingen.
»Sie müssen noch mindestens vierundzwanzig Stunden zur Beobachtung hier bleiben.«
Jennifer schnaufte angewidert. Einige Sekunden lang schossen ihre Augen zwischen mir und der Schwester hin und her. Dann schien sie es einzusehen. Sie zog die Beine wieder unter die Decke, fuhr das Kopfteil des Bettes ganz nach oben und hockte sich mit schmollender Miene hin.
»So ist brav!« Die Schwester tauschte einen verschwörerischen Seitenblick mit mir. »Sie müssen erst einmal wieder vernünftig essen und trinken, Kind. Ein bisschen zu Kräften kommen. Morgen früh ist Visite, und dann sehen wir weiter.«
Sie verschwand in ihrem Kabuff und kam mit einem Tablett wieder, auf dem ein frugales Mahl aus Tee, Zwieback und Suppe prangte.
Jennifer stieß noch ein paar Mal ein genervtes Keuchen aus, aber die Schwester pflanzte sich neben dem Bett auf und blieb dort stehen wie ein Wachtposten bei einer Inhaftierten. Das Namensschild an ihrem Matronenbusen wies sie als »Olga« aus. Ihr Akzent war osteuropäisch, polnisch oder ukrainisch. Ich hatte in den letzten Tagen vermieden, mich mit ihr anzulegen, und selbst Jennifer kam jetzt zu dem Schluss, dass es das Beste sei, ihre Anweisungen zu befolgen.
»Gut«, knurrte Olga drohend, als sie sich davon überzeugt hatte, dass mit Flucht für den Moment nicht zu rechnen war. »Ruhen Sie sich aus, sie haben alle Zeit der Welt.«
Jennifer reagierte nicht. Mit leeren Blicken kaute sie einen Zwieback.
Die Schwester ging hinaus, nicht ohne mich noch einmal ins Gebet zu nehmen.
»Passen Sie auf sie auf, Commander. Sie fühlt sich jetzt stark, aber sie ist noch sehr schwach. Noch ein solcher Zusammenbruch, und wir können sie nicht wieder zurückholen!«
Dann ließ sie uns allein.
»Du hast es gehört«, sagte ich.
Jennifer erwiderte nichts. Aber die fünfminütige Quälerei, die es sie kostete, einen halben Zwieback zu essen und mit ein paar Schlucken Tee nachzuspülen, sprach eine deutliche Sprache.
»Es geht mir wunderbar!«, maulte sie. Ihre Stimme war noch immer rau und belegt.
»Wir verpassen nichts«, erklärte ich. »Im Moment bist du sowieso krankgeschrieben, und wir haben noch mehrere Monate Urlaub. Ich habe nachgesehen.«
»Darum geht es nicht.«
»Wenn es mit deinen – Verletzungen zu tun hat.«
Sie sagte nichts. Stur vor sich hinstarrend, schlürfte sie ihre Suppe.
»Wir können jemandem vom psychologischen Dienst kommen lassen. Du brauchst professionelle Betreuung.«
Ihre Schweigen wurde einige Nuancen eisiger. Ich wartete ab. Dann sagte sie:
»Lass mich mit diesen Trotteln in Ruh'. Von denen kann mir niemand helfen.«
»Was willst du tun?«
»Ich weiß schon, was ich mache und wo ich Hilfe finde. Aber dazu muss ich hier raus.«
»Alles, was du willst, Jennifer. Aber nicht heute und nicht morgen. Du bist einfach noch zu schwach.«
Sie seufzte theatralisch. Dabei war sie so erschöpft, dass sie kaum den Löffel halten konnte. Er zitterte in ihrer Hand, und bei jedem Versuch, ein paar Tropfen Suppe zu essen, verkleckerte sie die Hälfte. Endlich ließ sie es zu, dass ich sie fütterte.
»Gott, ist das peinlich«, stöhnte sie.
»Nicht peinlicher, als was wir sonst miteinander erlebt haben.«
»Ich bin doch keine alte Frau!«
»Man ist so alt, wie man sich fühlt.«
»Demnach bin ich mindestens hundertfünfzig.« Sie trotzte sich ein tapferes Lächeln ab. Und im übrigen war sie biologisch gesehen natürlich eine knackige Fünfzigerin.
»Du musst Geduld haben, Geduld mit dir selber.«
Sie stieß die Luft durch ihre schöne schmale Nase aus.
»Alle sind hier, um dir zu helfen. Du bist in Sicherheit. Es kann nichts mehr passieren.«
Wir schafften es, die Suppe zu leeren und zwei Tassen Tee zu trinken. Dann biss sie wieder auf dem trockenen Zwieback herum.
»Mein Gott, Frank!« Sie schüttelte den Kopf. »Wir sind ausgezogen, die Galaxis zu erobern, und jetzt sitze ich hier wie ein kleines Kind, dem man sein Njamnjam einlöffeln muss!«
»Was soll ich dazu sagen?«
»Das darf doch alles nicht wahr sein!«
»Ich habe dir sogar die Windeln gewechselt!«
»Ich ertrage das nicht mehr.« Sie machte wieder Anstalten, sich unter dem Tablett hervorzuwinden und die Beine aus dem Bett zu strecken.
»Bleib, wo du bist«, sagte ich. »Oder ich hole Schwester Olga.«
»Du Schuft!« Sie funkelte mich böse an. »Man könnte meinen, das ganze macht dir Spaß!«
»Sagen wir so: Sehr viele Dinge in letzter Zeit haben mir keinen Spaß gemacht, und ich habe keine Lust, dass sie sich wiederholen.«
Sie ließ es geschehen, dass ich ihre Beine packte und sie wieder unter der Decke verstaute. Ich nahm das Tablett und stellte es auf einen der Instrumentenschränke, die im Moment nicht benötigt wurden. Die Standardüberwachung, die in ihre Nachthemd eingearbeitet war, lief im geschützten Bereich des Stabslogs auf, wie das mit den medizinischen Protokollen unserer ganz normalen sensoriellen Anzüge auch nicht anders war.
In ihren Augen glitzerte der Widerspruchsgeist, aber selbst der kurze Wortwechsel hatte sie so angestrengt, dass sie sich kaum noch aufrecht halten konnte. Sie ließ sich wieder in die Kissen sinken und schlief wenig später ein. Ich schob meinen Sessel erneut an das Bett heran, nahm ihre Hand und sah über ihren Oberkörper hinweg zum Fenster. Die rote Sonne des Doppelsystems schien warm zu der nur leicht polarisierten Front herein. Ihr Licht lag golden auf Jennifers ruhigen Zügen, wie an einem Nachmittag im Oktober irgendwo in Oberitalien. Sie atmete leise und gleichmäßig. Ich saß nur da und sah sie an. In den Jahrzehnten unseres gemeinsamen Lebens war ich ihr noch nie so nahe gewesen.
Wenig später schob sich die Schwester ins Zimmer und schickte mich fort.
Als ich am Morgen in Jennifers Krankenzimmer zurückkehrte, saß sie hoch aufgerichtet da, trank ihren Tee und plauderte angeregt mit dem Arzt. Äußerlich war sie wieder hergestellt. Sie würde sich schonen und eine ausgesuchte Diät einhalten müssen, um wieder zu Kräften zu kommen. Aber körperlich war sie ganz gesund.
Ich half Jennifer, sich zu waschen, während die Schwester die Überreste des Frühstücks entsorgte. Der Arzt saß solange an einer kleinen Konsole und übertrug sämtliche Daten und seinen Bericht in den geschützten Teil des Stabslogs. Dann stand er wieder auf, um sich von uns zu verabschieden.
»Ich kann nichts mehr für sie tun«, sagte er zu mir. »Aber das heißt nicht, dass sie geheilt ist!«
Ich nickte. Das war mir alles klar. Aber was wir nun tun sollten, konnte er mir auch nicht sagen.
»Sie bleibt noch einmal vierundzwanzig Stunden hier. Danach sind Sie beide frei, zu gehen wohin Sie wollen.«
Mein Blick zuckte erschrocken zu Jennifer, aber sie reagierte nicht. Offenbar hatte der Arzt ihr das schon zuvor gesagt.
Er ging hinaus.
»Sie können Besuch empfangen, wenn Sie wollen«, sagte Schwester Olga. »Aber bitte, bleiben Sie vernünftig und übertreiben es nicht gleich.«
Ich verabschiedete mich von ihr, die sich mit einer Miene zurückzog, als würden wir jeden Augenblick einen groben Unfug anstellen. Offenbar war sie nicht der Meinung, es mit verantwortungsbewussten erwachsenen Leuten zu tun zu haben. Was Jennifer anging, war ich da selbst nicht so sicher. Aber für den Moment verhielt sie sich erstaunlich friedlich. Sie schien sich mit der Situation abgefunden zu haben, und eine Frist von einem Tag und einer Nacht, das war selbst für sie überschaubar.
Die ersten, die zaghaft an der Tür klopften, nachdem ich ihnen via Stabslog das Okay gegeben hatte, waren Jill und Taylor.
»Oh mein Gott, Jennifer!« Lambert stürmte ans Bett und schloss ihre frühere Pilotenkollegin in die Arme.
Taylor begrüßte mich mit einem kantigen Händedruck und ging dann zu Jennifer, um ihr ebenfalls guten Tag zu sagen.
»Wie geht es dir?«, fragte Jill.
»Wunderbar.« Jennifer sah sie an und strich ihr eine Strähne ihres ewig wirren Haars aus der Stirn. Für sie war die kleine Copilotin immer so etwas wie eine jüngere Schwester gewesen. Taylor begrüßte sie kühl, wenn auch nicht mehr ganz so herablassend wie zu früheren Zeiten.
»Sie kann Bäume ausreißen«, sagte ich sarkastisch. »Nur die blöden Ärzte sehen das nicht ein und verdonnern sie zu Bettruhe.«
Jill ließ einen Blick zwischen Jennifer und mir hin und hergehen.
»Die Wahrheit ist«, sagte Jennifer, noch immer krächzend, »es geht mir ziemlich beschissen.«
»Wir haben gesehen, wie Frank dich rausgetragen hat«, plapperte Jill. »Da sind wir natürlich erschrocken. Um ehrlich zu sein, du sahst schon vorher ziemlich bescheiden aus.« Sie grinste. »Jetzt können wir’s ja sagen.«
Wir waren uns im Menschengewühl vor der Hochzeit der kuLau nur kurz begegnet. Es hatte kaum für ein »Hallo« gereicht, das wir uns in dem Geschiebe zuriefen.
»Ich war vorher schon sehr k.o.« Jennifer sah mich anklagend an. »Die Hochzeit war nur noch der berühmte Tropfen, der das Fass überlaufen ließ.«
»Diese Sache mit den Tloxi.« Jills Augen drohten wieder einmal aus den Höhlen zu quellen. »Wir haben es im Stabslog nachgelesen.«
»Ja, das war ziemlich heftig«, sagte ich.
Jennifer senkte einen Blick in mich, als wolle sie sagen »Wer war die Geisel, ich oder du?« Aber sie behielt es für sich. Sie hatte Jills Hände in die ihren genommen.
»Wie geht es euch?«, fragte sie leise.
»Ihr seid mit Rogers aneinander geraten«, sagte Taylor gleichzeitig zu mir.
Ich nickte nur. »Das meinte ich mit heftig. Er hat mit Annihilatoren auf uns geschossen. Die Details erzählen wir euch ein andermal. Hier haben die Wände Ohren.«
Jetzt riss Jill Lambert die wasserblauen Augen auf. »Annihilatoren? Ist der denn völlig meschugge?«
Dann fiel ihr ein, was ich gesagt hatte.
»Es ist ja alles gutgegangen«, brummte ich. »Mehr oder weniger.«
»Naja.« Jill ließ einen Blick über die bettlägerige Jennifer gehen. Dann besann sie sich. »Was uns angeht, so – wissen wir noch nicht so recht.«
Mit der freien Hand suchte sie Lucio, dessen Rechte sie verliebt drückte. Von ihrer sitzenden Position an Jennifers Bettrand sah sie mit warmem Lächeln zu ihm auf. So waren junge Paare, wenn sie einem mitteilten, dass sie sich verlobt hatten. Aber die beiden waren seit Jahren verheiratet, nach dem etwas speziellen Ritus der Amish, denen sie sich nach Sina angeschlossen hatten.
»Kriegt ihr ein Kind?«, entfuhr es mir.
»Das nun gerade nicht.« Jill bekam einen roten Kopf. Offenbar hatte ich ein heikles Thema angeschnitten.
Taylor räusperte sich.
Es entstand ein peinlicher Moment der Stille.
»Dass ihr jetzt hier seid«, versuchte Jennifer, die Situation zu retten, »auf dem Torus, heißt das, dass ihr euch wieder der Union anschließen wollt?«
Jill griff dankbar zu. »Um ehrlich zu sein, wir hängen noch etwas in der Luft.«
An der Art, wie sie beide herumdrucksten, war zu erkennen, dass sie sich mit einem bestimmten Plan trugen.
»Was habt ihr vor?«, fragte ich Taylor.
Er hob die muskulösen Schultern. Aus der linken drang dabei das leise Surren der Tloxi-Servos. Es erinnerte einen stets daran, dass er eine Prothese trug.
»Die Amish sind dabei, neue Gebiete zu erschließen«, sagte er.
»Nachdem sich die ganze Lage ja nun beruhigt hat«, fiel Lambert ein, »hat die Union uns ihre Karten zur Verfügung gestellt.«
Jennifer und ich sahen uns an. »Uns«, das waren offenbar die Amish. Also hatten sie nicht vor, in den regulären Dienst zurückzukehren.
»Es sind einige tausend Welten im Randgebiet der ehemaligen sinesischen Einflusszone, die jetzt in den Blick kommen. Die eine oder andere davon sieht ganz interessant aus.«
»Rohstoffwelten.« Ich hatte im Stabslog ein paar Notizen dazu aufgeschnappt. Nachdem sie sich mit den Tloxi zusammengerauft hatte, holte die Union zu einer weiteren, ungeheuren Expansion aus. Ihre automatischen Sonden durchkämmten die Galaxis. Prospektorenteams und militärische Vorauskommandos nahmen im Akkord neue Systeme in Besitz. Im Rückblick würde diese Zeit einmal als Goldene Ära erscheinen. Und die Amish in ihrem alten Selbstverständnis als Pioniere und Kolonisatoren bildeten die erste Welle dieser interstellaren Landnahme.
»Da draußen sind unzählige Planeten«, sagte Taylor, »die nur darauf warten, von uns in Besitz genommen zu werden.«
Der Junge gefiel mir. Seit wir ihn in Pensacola aufgelesen hatten, hatte er nichts von seiner Unternehmungslust verloren.
»Habt ihr schon etwas Bestimmtes in Aussicht?«, fragte Jennifer.
Jill wand sich. »Es sind tausende von Sonnensystemen. Derzeit laufen noch die Auswertungen.«
Jennifer legte den Kopf schief. Bei mir schrillten alle Alarmanlagen, dabei war es diesmal gar nicht ich, der im Fokus stand.
»Ihr tut so, als sei das alles noch nicht spruchreif«, lachte sie mit vorwurfsvollem Unterton. »Aber ich sehe euch beiden an der Nasenspitze an, dass ihr schon etwas ausheckt, etwas ganz Konkretes!«
Jill musste kichern, und auch in Taylors Miene stahl sich ein Schmunzeln.
»Dir kann man wirklich nichts vormachen«, sagte Lambert. »Aber du hast recht. Es gibt da eine Welt, die wir – in die engere Auswahl genommen haben.«
Jennifer lächelte zufrieden.
»Hat sie einen Namen?«, fragte ich.
»Hyperborea«, sagte Taylor.
Jennifer sah mich fragend an. Aber ich konnte nur die Achseln zucken.
»Kann sein, dass der Namen auf einer der Listen stand, die ich einmal herunter gescrollt habe. Aber ich verbinde im Moment nichts Bestimmtes damit.«
»Ein vielversprechender Planet«, sagte Taylor. »Vielleicht der lohnendste von allen, die jetzt zur Vergabe anstehen.«
Er klang wie ein Grundstücksmakler. Aber es war so: unsere Querelen mit Zthronmic und Tloxi hatten verstellt, was uns mit der Zerschlagung Sinas in den Schoss gefallen war. Eine ganze Galaxie! Unter dem Strich barg sie Milliarden Welten. Aber in der jetzigen Phase waren einige tausend zur Erschließung freigegeben worden. Die Werften stampften in Rekordzeit Großraumschiffe aus dem Boden. Millionen potentielle Siedler ließen sich erfassen und in Wartelisten eintragen. Jetzt erst konnte man davon reden, dass die Menschheit in den Weltraum aufbrach, nicht mehr nur einzelne Teams, die hier und da einen Asteroiden anschürften. Es war der Startschuss zu einer der gewaltigsten Bewegungen der menschlichen Geschichte, und während wir uns noch die Wunden leckten und uns nach Urlaub sehnten, standen Jill und Taylor in der ersten Reihe, um sich ihren Platz an der Sonne zu ergattern.
Ich spürte Jennifers Blick auf mir liegen.
»Tut es dir leid, dass du nicht dabei sein kannst?«
»Es ist nicht aller Tage Abend«, sagte ich ausweichend. Dann fiel mir noch etwas ein. »Auf Zthronmia wolltet ihr nicht bleiben?«
Jill war aufgestanden und hatte sich an Taylors Seite geschmiegt. Wie immer hielt sie sich an seine Rechte, so dass er den gesunden Arm um sie legen konnte.
»Dorthin hatte man uns nur gerufen«, sagte Lucio, »um unseren Freunden gegen die Zthronmic beizustehen.«
»Wie sieht es jetzt dort aus?«, fragte Jennifer.
Vor meinem inneren Auge brannten die Bilder dieser gottverlassenen Welt auf. Zinkoxidfarbene Ebenen, über denen schwarzen Rauchsäulen standen. Scyther durchschnitten die glühende Luft und belegten die Palisadenstädte mit Aerosolbomben.
»S’Deró ist wieder aufgebaut«, berichtete Taylor. »Die Toten sind begraben, die Minen werden wieder angefahren. Die Zthronmic stehen unter Kuratel. Sie mussten alle Waffen abgeben. Das Zthrontat wird von einem Konsortium verwaltet.« Er beschrieb eine Geste mit der Linken, dass man die Motoren darin surren hörte. »Keine Ahnung, wovon sie jetzt leben.«
»Die Union hat mehrere starke Garnisonen auf Zthronmia eingerichtet«, fuhr Jill fort.
Ich nickte. Die Orbitalstation war zerstört. Sie war, was die Präsenz anging, ohnehin nur wenig wert gewesen. Jetzt errichtete man Kasernen am Boden und stationierte einige tausend Soldaten dort. Und irgendwo in den zinnoberroten Staubwüsten dieses elenden Planeten ragte noch das ausgebrannte Skelett der ENTHYMESIS in den erbarmungslosen Himmel. Ich wischte die Bilder fort.
»Dorthin zieht es uns nicht zurück«, schloss Taylor.
»Das kann ich gut verstehen.« Auch ich war froh gewesen, als wir dieses mörderische Sandloch für immer verlassen hatten.
»Hyperborea«, nahm Jennifer den alten Faden wieder auf. Sie sah forschend von einem zum anderen. »Irgendwas ist da noch im Busch. Ihr sagt uns immer noch nicht die ganze Wahrheit!«
Die beiden schubsten sich gegenseitig an.
»Es ist ein bisschen schwierig«, brachte Taylor endlich hervor. »Der Planet ist noch nicht endgültig gesichert.«
»Was heißt gesichert«, fragte ich. »Ist er denn besiedelt?«
»Das weiß man eben noch nicht ganz genau.« Jill machte eine ihrer komisch sein sollenden Grimassen.
»Und was heißt das?«, hakte Jennifer ein.
»Ein Kommando der Union ist unterwegs, die Sache zu klären«, sagte Taylor. »Die Fernerkundungen durch Lambda-Sonden haben nur ergeben, dass es dort gewisse – Aktivitäten gibt.«
»Aktivitäten?«, entfuhr es Jennifer.
»Die Daten der Drohnen sind zu spärlich«, fuhr Taylor fort. »Man muss vor Ort nachsehen, was da wirklich ist.« Unsere skeptischen Mienen veranlassten ihn dazu, sich noch ein paar Sätze abzuringen. »Auf alle Fälle haben die Spektralanalysen und die Tiefraumscans ergeben, dass der Planet äußerst vielversprechend ist. Das Klima ist gemäßigt, die Atmosphäre atembar, wenn es auch kaum Wasser gibt. Und die Kruste scheint nur so von Rohstoffen zu strotzen.«
»Seltene Erden«, schwärmte Jill. »Edelmetalle, Aluminium, Titan, einfach alles.«
Ich fasste sie in den Blick.
»Zthrontat?«
»Vermutlich auch Zthrontat«, kam Taylor ihr zu Hilfe. »Wie viel, das kann man aufgrund der Fernerkundung natürlich noch nicht sagen.«
»Natürlich«, brummte ich.
»Wer ist mit der Erkundungsmission betraut«, fragte Jennifer.
Die beiden sahen sich an.
»Dr. Rogers«, sagte Taylor schließlich.
Daher also wehte der Wind.
»Er ist Planetologe und Militär!« Lucio hob die Stimme im Ton einer Rechtfertigung. Dabei hatte ich gar nichts gesagt. »Was immer sie dort antreffen, er wird der richtige Mann dafür sein.«
»Daran zweifelt niemand«, sagte Jennifer düster.
»Was erwartet man denn, dort anzutreffen?«, fragte ich.
»Das wissen wir, wenn sie dort sind«, versetzte Lambert bockig.
Taylor beeilte sich, sie aus der Schusslinie zu holen. »Rogers und sein Team sind gestern morgen aufgebrochen. Inzwischen dürften sie vor Ort sein. Es sind ja nur ein paar tausend Parsek.«
Ich dachte nach. Das erklärte immerhin, warum er auf meine Nachricht, Jennifers Genesung betreffend, nicht geantwortet hatte. Unser Verhältnis war zerrüttet, um es vorsichtig auszudrücken, aber eine kurze Botschaft hätte er doch geschickt, vielleicht sogar auf einen Händedruck vorbeigeschaut. So gut glaubte ich ihn zu kennen.
Nun war er also schon wieder unterwegs.
»Was für ein Team«?, fragte ich.
»Scouts«, sagte Taylor auffallend schnell. »Prospektoren, Planetologen, das übliche eben.«
Alle beide logen sie wie gedruckt. Nur schade, dass sie es nicht überzeugender taten.
»Kein Militär«?, fragte Jennifer scheinheilig.
»Er wird auch ein oder zwei Hundertschaften an Bord haben«, maulte Jill, die sich für die Unternehmung verantwortlich zu fühlen schien. Dabei war ihr und Taylor kein Vorwurf zu machen. Oder vielleicht doch? Das würde davon abhängen, was möglicherweise schon in dieser Stunde auf Hyperborea stattfand.
»Schon wieder Krieg?« Jennifer hatte den gleichen Gedankengang absolviert.
»Jetzt malt nicht gleich den Teufel an die Wand«, knurrte Taylor übellaunig. »Es ist doch ganz normal, dass man gewisse Vorkehrungen trifft, wenn man eine neue Welt in Besitz nimmt.«




