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»Wenn sie schon jemandem gehört, auf alle Fälle.« Jennifer hatte sich in ihren sensoriellen Kissen aufgerichtet und funkelte ihn drohend an.
Ich überlegte, die beiden fortzuschicken. Jennifer durfte sich auf keinen Fall aufregen. Allerdings war es, was das anging, sowieso schon zu spät.
»Vermutlich sind es vulkanische oder tektonische Aktivitäten«, erwiderte Lucio gereizt. »Oder irgendwelche Alien-Termiten!«
»Oder doch eine Zivilisation«, sagte Jennifer knapp. »Was würde man dann tun?«
»Das kommt darauf an, wie sie sich verhält«, sagte Taylor.
»Wenn sie sich zur Wehr setzt, wird sie natürlich ausradiert!« Jennifers Augen hatten einen fiebrigen Glanz angenommen.
»Das geht nun wirklich zu weit«, fauchte Jill. Sie ließ Jennifer für gewöhnlich alles durchgehen. Zu Enthymesis-Zeiten hatte sie sie regelrecht verehrt. Aber jetzt, da es ihre gemeinsame Zukunft mit dem hübschen Lucio betraf, verstand sie keinen Spaß mehr. »Wir warten ab, was Rogers findet, und dann wird zu entscheiden sein, wie man weiter vorgeht und ob die Welt überhaupt in Frage kommt. Natürlich wollen wir niemandem etwas wegnehmen, wenn dort schon eine intelligente Spezies leben sollte!«
»Ihr nicht«, sagte Jennifer kalt. »Aber ihr habt das auch nicht zu entscheiden.«
»So lange sitzen wir jedenfalls hier fest.« Taylor versuchte, in den freundschaftlichen Ton vom Beginn der Unterhaltung zurückzufinden. »Für die Mission sind vier Wochen angesetzt.«
»Und dann wird Rogers euch sagen, was ihr zu tun und zu lassen habt.« Jennifer lächelte ihn böse an. »Falls dort noch ein Stein auf dem anderen steht!«
»War schön, dich wieder mal gesehen zu haben.« Jill beugte sich zu einem sterilen Wangenkuss über ihre ehemalige Kollegin. »Wie ich sehe, bist du schon wieder ganz die Alte.«
»Unkraut vergeht nicht«, knurrte Jennifer.
Ich brachte die beiden an die Tür.
»Haltet uns auf dem laufenden«, sagte Taylor im Vorraum, in dem auch schon Ang’Laq, der Repräsentant der kuLau, seine Aufwartung gemacht hatte.
»Ihr uns auch«, versetzte ich. »Diese Sache interessiert mich.«
»Ich kann verstehen, dass eure Beziehung zu Rogers ein bisschen – angespannt ist«, sagte er noch.
»Ich habe mich mit ihm wieder vertragen«, sagte ich. »Was Jennifer angeht, so ist sie empfindlich und überreizt. Wir werden jetzt erst einmal Urlaub einreichen und uns irgendwo erholen.« Ich versuchte, ein zuversichtliches Grinsen hervorzubringen. »Und dann wird man eben weitersehen.«
»Tut mit leid, dass sie sich so aufgeregt hat.« Auch Jill klang plötzlich kleinlaut.
»Es geht schon.«
Ich wartete, bis die beiden gegangen waren. Wie sie Hand in Hand zum Fahrstuhl schritten, eng beieinander wie ein jungverliebtes Paar, überlegte ich, ob sie uns nicht doch etwas ganz anderes verheimlicht hatten.
Ich ging ins Zimmer zurück, wo Schwester Olga um Jennifer bemüht war. Die Sensoren im Nachthemd der Patienten hatten eine Warnung abgesetzt. Jetzt lief ich in den tadelnden Blick der Matrone hinein.
»Ich habe doch gesagt, keine Aufregung!«
»Alte Freunde«, sagte ich. »Da weiß man nie, womit man konfrontiert wird.«
»Das ist nicht witzig, Commander.« Die Krankenschwester verstand keinen Spaß. »Ihre Frau braucht Ruhe!«
»Ist gut, ist gut.« Irgendwie schaffte ich es, sie hinaus zu komplimentieren.
Doch kaum hatte ich mich an den gravimetrischen Sessel fallen lassen und ihn an das Bett herangefahren, als eine Meldung einging.
»Wer ist es?« Jennifer hatte sich zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Erschöpft döste sie im Halbschlaf vor sich hin.
»John«, sagte ich. Im selben Moment hätte ich mir am liebsten die Zunge abgebissen.
Natürlich war sie sofort hellwach.
»Was will er?«
»Nichts«, log ich unbeholfen. »Er lässt nur fragen, wie es dir geht.«
»Frank.« Es war nicht nötig, auch nur ein Wort mehr zu sagen.
»Jennifer«, startete ich einen zum Scheitern verurteilten Versuch. »Du hast gehört, was Schwester Olga gesagt hat!«
»Gib mir das Kom!«
»Du sollst jetzt schlafen.«
»Ich bin eine erwachsene Frau. Wenn du mir nicht dein Kom gibst oder ihn selber herbittest, werde ich aufstehen und ihn holen, und wenn ich in diesem albernen Kittel den ganzen Torus nach ihm absuchen muss!«
»Bitte, du sollst dich nicht aufregen.«
»Ich rege mich schon auf!«
Ich seufzte. Dann willigte ich ein, John zu uns kommen zu lassen. Er stand auch sofort da, offenbar hatte er nur darauf gewartet und sich bereit gehalten. In seinen Augen glitzerte die Begeisterung. Er hatte wieder einmal etwas herausgefunden!
Die Schwester brachte ihm und mir einen Kaffee. Sie erneuerte Jennifers Tee und zog sich dann zurück. Von mir aus hätte sie auch bleiben können. Es stand nicht zu befürchten, dass sie mit dem, was jetzt kommen würde, etwas anfangen konnte.
»Also, was hast du?«, fragte Jennifer, als wir unter uns waren. Auch jetzt hatte sie das Kopfende hochgeklappt und saß aufgerichtet da, den Becher in der Hand, der Blick neugierig und unternehmungslustig.
»Diese Hochzeit«, sagte John. »Es war ja klar, dass da etwas kommen würde. Ich hatte einiges im Stabslog darüber gelesen und war entsprechend vorbereitet.«
»So vorausschauend waren wir leider nicht«, erklärte ich.
»Außer dass ich zu Protokoll gegeben habe, dass ich da nicht hin will«, maulte Jennifer.
»Ich habe dir gesagt, warum es sein musste. Aus Rücksicht auf eben dieses Protokoll.«
»Ich wäre dort fast gestorben, Frank!«
»Ich weiß. Aber das konnte ja niemand ahnen.«
»Das nächste Mal, wenn ich sage, dass es mir nicht gut geht, nimmst du es bitte ernst.«
Ich schwieg. Jennifer starrte verbittert vor sich hin. Nach einer Weile machte ich John ein Zeichen, er möge in seinen Ausführungen fortfahren.
Er räusperte sich und kratzte sich am Bart.
»Ahm, jedenfalls. Ich war präpariert!« Er klopfte auf sein Handkom, das er an seiner Brusttasche befestigt hatte.
»Hast du etwas – registriert?«, fragte Jennifer.
»Sagen wir so«, sagte er selbstverliebt, »wenn ich nicht schon so intimen Umgang mit den Tloxi gehabt hätte, würde ich mit den Daten nichts anfangen können. Aber so ...«
»Mach es bitte nicht so spannend«, brummte ich.
»Es war ein Feld«, erklärte er schlicht.
»Ein Kontinuum?«, fragte Jennifer. »Wie bei den Tloxi.«
»Nein. Es ist wesentlich – subtiler.«
»Sie haben ein telepathisches Feld erzeugt?«, fragte ich ungläubig. »Wie kommt es, dass wir darauf reagiert haben? Mit den Tloxi können wir doch auch nicht kommunizieren.«
»Ich sage doch, es ist anders. Es ist filigraner, anschmiegsamer.« Er grinste. »Sozusagen vegetativer.«
»Verstehe.«
»Ich verstehe es nicht«, sagte Jennifer. »Wenn wir mit diesen Wesen nicht unmittelbar kommunizieren können, wie vermögen sie uns dann so zu – beeinflussen?!«
»Die Details muss ich erst noch herausfinden«, versetzte John. »Es war keine Kommunikation im strengen Sinn.«
»Sondern?«, fragte ich.
»Eher eine Anregung?«
»Sie haben uns angeregt?«
»Überleg doch mal, was du erlebt hast«, sagte er.
»Darüber will ich lieber nicht so viel nachdenken.«
»War es so – persönlich?« Er schmunzelte wissend.
Ich wollte schon aufbrausen und ihn fragen, was ihn das angehe. Aber Jennifers Blick hielt mich zurück.
»Nein wirklich, das wäre interessant!«
Ich berichtete in groben Zügen, was ich während der Darbietung empfunden hatte.
»Farben, Formen, Gerüche, Klänge. Es scheint, dass sie alle Sinne ansprechen.«
»Und sonst war da nichts?«, fragte John.
Ich wand mich.
»Vor uns braucht dir nichts peinlich sein.« Jennifer nippte an ihrem Tee und sah mich über den Rand des Bechers hinweg an. Vor achtundvierzig Stunden hatte ich ihr noch den Katheter gewechselt. Zwischen uns gab es nichts, weswegen man sich hätte genieren müssen.
»Wenn es wegen mir ist, kann ich auch so lange rausgehen«, sagte John.
»Nein, es ist ja gut.« Ich besann mich einen Moment. »Diese ganzen Erscheinungen gingen irgendwann in eine Vision über. Eine Halluzination. Ich war in Pensacola. Es war wieder der Abend, nachdem wir unseren Abschluss hatten. Ihr wart ja alle dabei. Die Bühne, die Musik. Wir haben getrunken ...«
»Irgendwann haben sich zwei von der Truppe entfernt.« John Reynolds kräuselte süffisant die Lippen.
»Hast du das gesehen?« Jennifers Blick wurde ganz warm.
»Ich habe es erlebt«, stammelte ich. Noch immer versetzte mich das ganze in Verlegenheit. Dann gab ich mir einen Ruck. »Ja, wir sind an den Strand hinuntergegangen. Wir sind im Meer geschwommen. Wir haben uns zum ersten Mal geküsst.« Ich sah die beiden an. »Aber es war keine Erinnerung. Ich war dort. Ich habe es noch einmal erlebt!«
John nickte. Offenbar hatte er nichts anderes erwartet, wobei ich mich fragte, woher er so intim über Jennifer und mich bescheid wusste.
Jennifer lächelte mich an. Ihre Hand suchte die meine und drückte sie.
»Offenbar«, sagte John Reynolds in seiner gedehnten Art. »Offenbar regt das Feld bei jedem ganz bestimmte Bereiche an. Jeder erlebt das, was für ihn das Wichtigste war. Das einschneidendste Erlebnis. Die Erfüllung. Das höchste Glück.« Er sah zwischen uns hin und her. »Das war für dich anscheinend jene Nacht von Pensacola, Frank.«
Ich hob die Schultern. »Kann schon sein«, brummte ich. Dann fiel mir etwas ein. »Bist du auch dort gewesen«, fragte ich Jennifer.
»Nein«, sagte sie nur.
»Wie kann das sein?« Ich starrte John fragend an.
Er schmunzelte wieder vor sich hin. »Offenbar ist diese Nacht für Jennifer nicht so erfüllend gewesen wie für dich!«
»Ist das so?«, fragte ich in ihre Richtung.
»Alles, was ich jetzt sage, wird sowieso gegen mich verwendet«, sagte sie trocken. »Im übrigen schaffe ich mir meine Halluzinationen nicht an.«
John hatte die Hand gehoben, um eine weitere Auseinandersetzung unter alten Eheleuten im Keim zu ersticken.
»Das Feld muss nicht zwangsläufig Glücksmomente freisetzen. Bei Jennifer war es das Trauma, das in ihr zum Ausbruch kam.«
Ich nickte. Eine solche Erklärung konnte Sinn ergeben.
»Also erlebt jeder, was das intensivste Geschehnis seines Lebens war, im guten wie im bösen?«
»Was die tiefsten seelischen Spuren hinterlassen hat«, sagte John. »Wie gesagt, meine Analysen sind noch nicht abgeschlossen. Um wissenschaftlich sauber vorzugehen, müsste man das ganze wiederholen und die Probanden dabei an ein EEG anschließen.«
»Wer würde so wahnsinnig sein, sich dem noch einmal auszusetzen?«
»Ganz abgesehen davon, dass die kuLau diese heilige Zeremonie, die bei ihnen im höchsten Ansehen steht, wohl kaum unter Laborbedingungen wiederholten würden. Zumal es so etwas wie eine Kopulation darstellt.«
Ich überlegte mir unwillkürlich, wie es wäre, vor einem Team von Wissenschaftlern Sex zu haben.
Laut sagte ich: »Dann sind wir auf die Daten angewiesen, die du auf gut Glück gesammelt hast?«
»Ja, und auf die Interviews.«
»Du hast Interviews geführt?« Jennifer war beeindruckt.
»Ich habe einige der Anwesenden im Nachhinein befragt«, sagte John. Wieder eroberte ein jungenhaftes Grinsen sein bärtiges Gesicht. »Die meisten haben sich ziemlich gewunden, so wie du Frank. Ich musste ihnen zusichern, dass ich mit den Protokollen vertraulich umgehe.«
»Also kannst du uns doch nichts sagen.« Jennifer wirkte enttäuscht.
»Etwas schon. Sinngemäß.« Er lachte. »So hat Laertes zum Beispiel philosophische Sätze und Axiome vor sich gesehen. Nicht die Wörter und Buchstaben, sondern die dahinter stehenden Erkenntnisse.«
»Nicht seine ...« Jennifer stockte. »Seine Jugendgeschichte? Ich hätte gedacht, das wäre sein einschneidendstes Erlebnis gewesen.«
Johns Blick hatte einen lauernden Ausdruck angenommen.
»Wir sind hier nur beim offiziellen Teil«, rief ich ihr ins Erinnerung. »Was er wirklich gesehen hat, was er davon John anvertraut hat und was der uns anvertraut, das steht auf einem völlig anderen Blatt.«
»So ist es«, sagte unser ehemaliger WO schlicht. »Aber ich kann das aus meinen eigenen Visionen ergänzen und bestätigen. Das ganze hatte mehrere Phasen. Es durchlief eine Steigerung. Da waren verschiedene Eskalationsstufen.«
»Das ist richtig«, sagte ich.
»Ich will euch nicht mit meinen intimen Gesichten langweilen« –
»Das fände ich gar nicht langweilig!«, platzte Jennifer dazwischen.
»... aber in einer dieser Phasen war es auch mir so, als sähe ich bestimmte mathematische Formeln. Ich sah nicht die Kürzel und Zeichen, wie man sie an eine Tafel schreiben kann, ich sah die Funktionen unmittelbar.« Er strich sich durch den Bart. »Besser kann ich es nicht erklären.«
Ich nickte zum Zeichen, dass er es damit gut sein lassen konnte. »Noch jemand?«
John musste wieder lachen. »Rogers hat Angriffsbefehle gegeben. Einmal habe ich es sogar selbst gehört, wie er durch den ganzen Tumult geschrien hat: Attacke! Wollt ihr denn ewig leben?!«
»Da ist eben er in seinem Element.« Ich konnte dazu nur die Achseln zucken. »Davon konnten wir uns ja nun alle ein Bild machen.«
Eine Weile schwiegen wir und dachten darüber nach.
»Das heißt«, begann Jennifer endlich, »die kuLau haben uns dahingehend manipuliert, dass jeder seine ureigensten Erlebnisse rekapituliert.«
John wiegte zustimmend den Kopf, sagte aber nichts.
»Aber woher können sie das wissen,« fragte ich. »Ich meine, woher wissen die kuLau, oder weiß das Feld, was in jedem vorgeht? Welche Leichen einer im Keller hat, oder welche heiligen Erinnerungen? Oder was seine kostbarsten Träume sind oder was auch immer?«
»Das Feld weiß gar nichts«, sagte John. »Es regt nur an.«
»Dann bringt jeder seine Visionen selbst hervor.«
»Es ist eine telepathische Induktion«, erklärte er. »Jeder wird in einen bestimmten Zustand versetzt, eine Art mentaler Schwingung. Aber es ist kein Übertragung. Für das, was er in diesem Zustand erlebt, ist jeder selbst verantwortlich.«
Ich kaute auf dieser Erkenntnis herum wie auf einem Steak, das zu lange in der Pfanne gewesen war.
»Bist du in der Lage, über Zthronmia zu reden?«, wandte sich John an Jennifer.
»Kommt darauf an.«
»Diese Box, in die du deine Hand stecken musstest.«
»Ja.«
»Auch sie hat Schmerz nur induziert. Nur natürlich in Anführungszeichen. Ist das richtig?«
»Ich habe keine physische Verletzung erlitten«, sagte Jennifer mechanisch. Es war ihr anzumerken, dass sie Auskunft gab, ohne die Erinnerungen selbst in sich Gestalt annehmen zu lassen. Es war eine Gratwanderung. Und das wenige Tage nach dem Kollaps. Sie war noch in der Rekonvaleszenz! Ich überlegte, ob ich John das Thema verbieten sollte.
»Es geht schon«, sagte Jennifer, als habe sie meine Gedanken mitgelesen. »Ich glaube ich weiß, was du meinst.«
»Es wurden Impulse in die Nerven induziert. Die Empfindung Schmerz hat dein Organismus selbst hervorgebracht. In letzter Instanz dein Gehirn.«
»Und das passiert bei den kuLau«, sagte ich, um Jennifer aus der Schusslinie zu holen. »Sie setzen uns einem Feld aus, in dem wir selbst anfangen zu halluzinieren?«
»Ich denke, dass es auf der rein physischen Ebene so abläuft, ja.«
»Aber das ist gefährlich«, rief ich in verspäteter Empörung. »Jennifer hätte es fast das Leben gekostet! Sie hätten uns vorher warnen müssen.«
»Offenbar war ihnen selbst das Risiko der Auswirkungen nicht bekannt. Vielleicht ist unsere Spezies in besonderer Weise empfänglich dafür.«
»Hast du auch G.R.O.M. interviewt«, fragte ich. »Oder Micromegas? Oder die Tloxi?«
»Noch nicht«, sagte er. »Aber ich gebe zu, dass das jeweils sehr interessant wäre.«
»Das kannst du ja noch nachholen.« Jennifer ließ sich in die Kissen zurückfallen.
»Ich denke, es ist gut für heute«, sagte ich rasch.
»Entschuldigt«, nickte John. »Ich wollte euch nicht strapazieren.« Er stand auf. »Allerdings werdet ihr zugeben, dass das ganze faszinierende Perspektiven ermöglicht.«
»Im Guten wie im Bösen«, murmelte Jennifer.
***
Die Sonne wurde mir zu stark. Ich drehte mich um und wies ihr den Rücken. Die Nordseite des kleinen Talkessels, in dem wir unser Lager aufgeschlagen hatten, wurde von einer mächtigen Felswand bestimmt. Zwei Wasserfälle sprühten davor herab. Am Fuß der Wand breitete sich ein flacher Hügel aus, sattgrün in der senkrechten Bewässerung. Darauf erhob sich ein kleines Tempelchen. Auf der anderen Seite kam der Fluss durch eine Bresche in den steilen Felsfluchten und beschrieb einen weitausholenden Mäander, der den ebenmäßigen, fast kreisrunden Talboden aufspannte. Eine Moräne, die unterhalb davon aus einem Seitental in die Schlucht vorgetrieben worden war, riegelte das Ensemble nach Süden ab. Eine Landschaft von vollkommenen Proportionen, wie geschaffen, um darin zu meditieren.
Die Einheimischen hatten den Platz Dal genannt, das hieß Jennifer zufolge so viel wie »heilige Stätte«.
Ich dachte an das Dorf, in dem wir noch ein paar Lebensmittel eingekauft und uns nach dem weiteren Weg erkundigt hatten. Auch dort hatte es nicht an Warnungen gefehlt, wie sie uns während des Anmarschs ständig entgegen geklungen waren. Wir hatten sie in den Wind geschlagen. Was sollte schon geschehen! Doch jetzt tönten sie grell vor meinen geistigen Ohren wider. Ich unterdrückte den Impuls, nach Jennifer zu rufen. Am Ende saß sie irgendwo hinter einem Felsblock und wartete genau darauf. Aber es fiel mir von Minute zu Minute schwerer, meine innere Unruhe zu bezähmen. Es war fast Mittag, die Sonne strebte dem höchsten Punkt ihrer spätsommerlichen Bahn zu. Die Firne der Berggiganten, die sich ringsum in den stahlblauen Himmel erhoben, brannten in schmerzhaftem Weiß. Aus dem Augenwinkel fing ich eine Bewegung auf. Ich fuhr herum und versuchte, den Eindruck zu fixieren. Dann sah ich es: viele tausend Meter über mir hatte sich an einem der Hängegletscher ein Eisbalkon gelöst und brandete als wolkenförmige Staublawine zu Tal. Es war zu weit entfernt, um mir gefährlich werden zu können. Der stumpfe Donner, den die Explosion auslöste, drang mit beeindruckender Verspätung an mein Ohr. Lange saß ich da und sah zu, wie die Kissen aus pulverisiertem Eis sich ausbreiteten, immer noch eine Steilwand und noch eine überfluteten und endlich hinter bewaldeten Vorbergen verschwanden. Eine glitzernde Staubfahne hing noch lange in der Luft und zeichnete die Strudel und Wirbel des Höhenwindes nach, der sich vor jenen Urgesteinsriesen staute und brach. Auch der mahlende Donner rollte noch lange in der engen Talschaft wider. Dann war es wieder ganz still.
Ich dachte an die Freunde. Wo mochten sie sein? Wir hatten uns in alle Winde zerstreut. Wir waren wie ein Kometenkern, der beim Durchgang durch den sonnennächsten Punkt zerbrochen war. Die Trümmer blieben zunächst beieinander. Sie formten eine Wolke, denn noch immer gehorchten sie den gleichen Kräften, folgten derselben Bahn. Doch nach und nach trieb es sie auseinander, die Drift begann sie zu zerstreuen. Die Wolke dehnte und zerdehnte sich. Einzelne Brocken blieben übrig, die weit voneinander durch die Leere zogen. Einst waren sie eins gewesen. Jetzt erinnerten nur noch die Parameter des Radars daran, dass sie einmal ein und demselben Impuls gefolgt waren.
Der Kontakt war abgebrochen. Jennifer legte Wert darauf, während der Wanderung und während unseres gesamten Aufenthaltes auf diesem Planeten offline zu sein. Ich war zwar glücklicher Besitzer einer Kommunikationsvorrichtung, aber wesentlich weiter brachte mich das auch nicht. Sowie wir in die tief eingesägte Schlucht des Masyan vorgedrungen waren, war der lokale Funkkontakt zum Raumhafen abgebrochen. Dort war das einzige Relais gewesen, dass uns mit dem Rest der Welt verband. Der Planet besaß kein Satellitennetz. Wir waren abgeschnitten.
Ab und zu drang eine komprimierte Nachricht durch, die irgendwie ihren Weg über Dutzende Verteilerstationen gefunden hatte und die sich erst einmal umständlich entpacken musste. So blieb ich einigermaßen auf dem laufenden. Jennifer trug demonstratives Desinteresse an diesen Meldungen zur Schau. Ich rief sie heimlich ab. Ohnehin wurden die Funksprüche immer spärlicher, im Stil lakonischer. Nach und nach meldeten sie sich alle ab. Sie zerstreuten sich über die Galaxis. Reynolds war der einzige, von dem noch halbwegs konsistente Bulletins eintrafen. Rogers, Jill und Taylor, Laertes – sie alle verschwanden in einem Raum des Schweigens, der tiefer und finsterer zu sein schien als selbst eine ganze Galaxie. Es war, als hätten sie aufgehört zu existieren. Mit unserem Entschluss, den Dienst bei der Union zu quittieren, waren wir unter einen Ereignishorizont hinabgetaucht, den nichts durchdringen konnte. Es wurde finster und ganz still.
***
Am nächsten Morgen holte ich Jennifer ab. Sie wurde entlassen, und zwar im doppelten Sinn. Zum einen aus der Krankenstation, wobei der behandelnde Arzt mir noch einmal einschärfte, sie sei alles andere als geheilt, zum anderen aus der Union, der sie dreißig ihrer Jahre als Pilotin und Wissenschaftsoffizierin gedient hatte. Ich hatte sie bis zuletzt angefleht, diesen Schritt zurückzustellen und die Wirkung des Urlaubs abzuwarten. Aber das wies sie scharf von sich. Ihre Entscheidung war gefallen. Sie wollte einen freien Horizont.
Natürlich war es schade. Die Union war ihr Leben gewesen. Sie war die beste Pilotin und eine der brillantesten Wissenschaftlerinnen gewesen, die diese große Institution je in ihren Reihen gehabt hatte. Aber jetzt war es zuende. Das musste man akzeptieren. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie ernst es ihr damit war, ihr Zusammenbruch auf der Hochzeit de kuLau hatte ihn erbracht.
Wir gingen auf unsere Kabine und richteten die Sachen, die ich für die Exkursion vorbereitet hatte.
»Tut es dir leid«, sagte sie, als wir mit allem fertig waren und ratlos auf unseren Betten saßen.
»Es ist nicht aller Tage Abend.« Was hätte ich sagen sollen? Die Freunde brachen zu neuen Horizonten auf. Die Union erlebte die spektakulärste Expansion ihrer wechselvollen Geschichte. Durch die Kooperation mit den Tloxi war das Wort »unmöglich« aus unserem Vokabular gestrichen worden. Aber da war nun einmal nichts zu machen. Wir hatten unseren Teil zu dieser Geschichte beigetragen. Jetzt waren wir Geschichte. Andere würden nach uns kommen und das große Werk in unserem Namen fortführen.
»Sei nicht traurig.« Ihre Hand suchte die meine und drückte sie. »Vielleicht gibt es auch ein Zurück, zumindest für dich!«
»Ich werde dich auf keinen Fall allein lassen!«
»Dann lass uns einfach abwarten, was die Zukunft bringt.«
Ich nickte. Trotz allem hatte ich einen Kloß im Hals. Wir hatten unser Leben daran gesetzt, ein Haus zu bauen, und nun, da es bezugsfertig war, packten wir unsere Koffer und gingen. Wohin?
»Ich kann das«, sagte sie, »was jetzt vor mir liegt, nur angehen, wenn ich freie Sicht habe. Wenn ich nicht auf den Kalender schauen muss. Vielleicht brauche ich tatsächlich nur drei Monate. Aber wenn ich weiß: In drei Monaten muss ich wieder zum Dienst erscheinen, geht es trotzdem nicht.« Sie sah mich schmerzlich an. »Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst.«
»Ich verstehe es ja«, brummte ich in mich hinein. »Aber hätte man sich nicht trotzdem die Option offen halten können, irgendwann zurückzukehren?!«
»Es gibt kein irgendwann. So etwas ginge nur auf Krankenschein, und dann müsste ich alle paar Wochen wieder vorsprechen und mich untersuchen lassen und um eine Verlängerung betteln.«
»Ist gut.«
»Das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun, Frank, oder mit falschem Stolz. Es geht ganz einfach nicht. Ich brauche einhundertprozentige Freiheit und die uneingeschränkte Konzentration auf meine Aufgabe. Es tut mir leid, dass ich dich da mit reinziehe, dass du zur Geisel meiner Traumata geworden bist. Aber so ist es nun einmal.«
»Ich bin keine Geisel«, sagte ich. »Ich gehe mit dir, wohin immer es nötig ist.«
Wir schwiegen. Dabei sahen wir auf unsere Hände, die friedlich ineinander lagen und sich mechanisch weiter streichelten, als hätten sie nichts mit uns zu tun.




