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»Dann lass uns gehen«, sagte Jennifer.
Wir standen auf und nahmen unser Gepäck. Zwei kleine Taschen. Das waren all unsere Habseligkeiten. Wir verließen das spartanische Zimmer, das sich in nichts von den Kabinen unterschied, die wir auf zahllosen Schiffen und Basen bewohnt hatten. Als die Tür hinter uns ins Schloss fiel, decodierte sie sich selbsttätig. Wir würden nicht wieder hineinkommen. Wir waren heimatlos, und unser materieller Besitz erschöpfte sich in dem, was wir in einer Reisetasche trugen. Wir hatten natürlich keine Geldsorgen, aber unsere Existenz im Dienste der Union hatte trotzdem etwas Klösterliches gehabt, wir waren Ordensbrüder und –schwestern gewesen, die Genügsamkeit und Gehorsam geschworen hatten. Die Gemeinschaft hatte uns ernährt, gekleidet und uns ein Lager für die Nacht gegeben. Wir hatten ihr dafür unser Leben geopfert. Jetzt waren wir entlassen.
In einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, die mich selbst überraschte, nahm ich es zur Kenntnis. Seit unserer Jugend, seit dem Eintritt in die Akademie, waren wir nicht mehr frei gewesen.
Jetzt waren wir es.
Wir hatten noch eine Stunde. In der Lobby des Abflugterminals wartete Laertes. Er war der einzige, der hier bleiben würde, auf dem Torus. Sein Weg endete hier.
Wir setzten uns zu ihm. Die Ordonnanz brachte Jennifer eine Apfel-Kiwi-Milch und mir einen Scotch. Dann sahen wir uns an. Keiner wusste, was er sagen sollte. Der alte Philosoph lächelte in sich hinein und strich seinen weißen Bart. Seine blauen Augen funkelten listig, aber er schwieg beharrlich. Vielleicht war das in einer solchen Situation das weiseste.
Wenig später kamen auch Jill und Taylor. Die beiden waren aufgekratzt und aus dem Häuschen. Sie konnten kaum stillsitzen.
»Stellt euch vor«, sprudelte der menschliche Wasserfall namens Jill Lambert, »die Sache ist genehmigt!«
»War sie das nicht sowieso?« Ich versuchte mir, unser letztes Gespräch in Erinnerung zu rufen.
»Noch nicht ganz.« Auch Lucio war für seine Verhältnisse extrem zappelig. »Noch nicht offiziell.«
»Verstehe.«
»Und jetzt ist es durch?«, fragte Jennifer.
»Wir standen auf der Warteliste«, plapperte Jill. »Und heute Morgen kam das endgültige Okay über das Stabslog.«
»Hyperborea?« Ich wechselte einen Blick mit Laertes, der aufmerksam zuhörte, aber auch jetzt nichts sagte. Lambert quasselt für uns alle genug, schien er sich zu sagen.
»Ja.« Lucio strahlte. »Wir gehören zur ersten Welle, sowie der Planet für die Besiedelung freigegeben wird.«
»Das heißt, es klemmt noch.«
»Das haben wir ja gesagt.« Jill war beleidigt.
»Die Erkundungsmission.«
»Rogers hat vier Wochen veranschlagt«, nickte sie. »Aber so genau kann man das vorher natürlich nie wissen.«
»Dann habt ihr ja genügend Zeit zu packen.« Ich ließ einen ironischen Blick über unser bescheidenes Gepäck gehen.
Taylor lachte. »Viel mehr wird es bei uns auch nicht sein. Die Amish fühlen sich dem Gelübde der Besitzlosigkeit verpflichtet.«
»Und das schwere Gerät stellt die Union«, riet Jennifer.
»So ist es«, sagte Jill. »Von daher stimmt es auch nicht ganz, wenn man uns als erste Welle bezeichnet.«
»Die Appartements stehen vermutlich schon, wenn ihr ankommt.« Ich grinste. Irgendwie, dachte ich, würden mir die Frotzeleien mit der kleinen Lambert doch fehlen.
»Das nun gerade nicht. Aber es wird ein Bau- und Pioniertrupp vor uns da sein.«
»Appartements.« Ich zwinkerte Taylor zu. Ihre Aufbruchstimmung war ansteckend. Andererseits musste ich mir sagen, dass wir es waren, die in der Abflughalle saßen, während sie noch mindestens vier Wochen auf dem Torus herumhocken mussten.
Er hatte es geschafft, eine der Ordonnanzen herzuwedeln. Wenig später kam diese mit einer Flasche Champagner und fünf Kelchen. Taylor schenkte ein und reichte uns die Gläser.
»Das muss doch gefeiert werden!«
Wir stießen an und tranken.
»Wo ist John?«, fragte Lambert nach einer Weile.
»Bestimmt hat er wieder eine geniale Entdeckung gemacht«, meinte Taylor.
Jennifers Miene spiegelte Missbilligung, aber sie sagte nichts.
Dann trat einer dieser Momente ein, wo jeder da saß und seinen eigenen Gedanken nachhing.
»Sag doch auch mal was!« Jennifer stieß Laertes sanft in die Seite. Der Philosoph hatte seine Champagnerflöte abgestellt und die Fingerspitzen aneinander gelegt. Aus seinen hellen Augen musterte er uns aufmerksam.
»Ich freue mich, dass es euch so gut geht«, sagte er. »Ich hoffe, dass all eure Erwartungen sich erfüllen. Dass Jennifer Heilung und Frank Ruhe findet. Und dass ihr beiden eine neue Heimat findet, wo ihr euch ein neues friedliches Leben aufbauen könnt.«
»Amen!« Jill stieß ihr Glas in die Luft. Von den paar Tropfen Alkohol hatte sie roten Backen bekommen.
Laertes ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen.
»Ich wünsche euch, dass ihr alle glücklich werdet. Jeder auf seine Weise!«
»So wie du das sagst, macht es mir Gänsehaut.«
Jennifer setzte ihren Kelch behutsam auf das kleine Tischchen, das zwischen unseren Sesseln stand.
Der Alte lächelte auf seine melancholische Art, sagte aber nichts mehr. Sein Vorrat an Wörtern war für diesen Tag verbraucht.
Von Lambert konnte man das leider nicht behaupten.
»Ihr müsst uns unbedingt besuchen, wenn ihr mit eurer Sache fertig seid!«
Sie unterdrückte ein Rülpsen und legte schuldbewusst die Hand auf den Mund.
»Auf alle Fälle.« Jennifer legte den Kopf schief und betrachtete sie mit einem warmen Schmunzeln. Jedem anderen hätte sie die laxe Redewendung verboten, aber Jill genoss bei ihr Narrenfreiheit.
Wieder breitete sich ein beklommenes Schweigen aus. Wir sahen zu, wie die Planetenfähre draußen andockte und betankt wurde. Die ersten Passagiere erhoben sich und begannen vor der Schleuse eine Schlange zu bilden.
»Also dann.« Ich stemmte die Fäuste auf die Knie und drückte mich hoch.
Alle standen auf und wir umarmten einander noch einmal.
»Pass auf die Kleine auf«, sagte Laertes leise, als er mir die Hand drückte.
»Viel Glück dort draußen«, sagte ich zu Taylor, während wir uns an den Schultern fassten.
»Nicht heulen!« Jennifer schloss Lambert in die Arme und strich ihr das verstrubelte Haar.
Dann rissen wir uns los.
Die Freunde gingen hinter die Absperrung zurück. Die Ordonnanzen räumten die Gläser und Flaschen weg. Die Lobby leerte sich zusehends.
In diesem Moment kam John Reynolds in die Wartehalle gestürmt. Er schloss Jennifer in die Arme und reichte mir die Rechte zu einem harten Händedruck. Vorne zischte der Druckausgleich. Die Leute begannen mit der Kontrolle und dem Einsteigen.
Als wir uns losmachen wollten, hielt er uns zurück und senkte verschwörerisch die Stimme.
»Die Tloxi haben mir ein Angebot gemacht!«
»Glückwunsch«, sagte ich zerstreut. »Was heißt das konkret?«
»Sie haben mir eine weitreichende Zusammenarbeit in Aussicht gestellt.«
»Wow«, machte Jennifer.
Wir saßen beide auf Kohlen. Vorne gingen die ersten Passagiere durch die Schleuse. Es waren nur noch wenige Leute vor uns.
»Ja!« Er schwitzte vor Begeisterung.
»Darfst du?«, fragte ich. »Darfst du einen von ihnen autopsieren?«
Es war immer sein sehnlichster Wunsch gewesen, ein Tloxi-Gehirn sezieren zu dürfen. Den demolierten Gefangenen, den wir bei G.R.O.M. an Bord gehabt hatten, hatten wir ihnen wieder ausgehändigt. Das war die Bedingung dafür, dass wir Jennifer von dem Planeten abholen durften. Aber anscheinend hatte seine Weigerung, das Wesen auf eigene Faust und gegen ihren Willen zu untersuchen, bei ihnen einen positiven Eindruck hinterlassen.
»Sie haben es sehr vage formuliert«, erklärte er. »Aber offenbar habe ich ihr Vertrauen gewonnen.«
»Das hast du ganz bestimmt«, strahlte Jennifer. »Dein Verhalten war ja auch völlig untadelig.«
Seine Weigerung, die zu unserem Zerwürfnis mit Rogers geführt hatte, hatte ihr vermutlich das Leben gerettet. Aber nicht nur deshalb war sie so begeistert.
»Was immer es ist«, sagte ich. »Du kannst dabei sicherlich nur profitieren.«
Die Tloxi waren uns technisch in einem Maße überlegen, der jeden Kontakt und jede Zusammenarbeit mit ihnen zu einer Lehrstunde machte. Das galt in erhöhtem Maße für unseren ehemaligen WO, den genialsten Wissenschaftler, den die Union je hervorgebracht hatte.
»Auf alle Fälle.« Er sinnierte zufrieden vor sich hin.
»Wir müssen dann«, sagte ich.
Die letzten Reisenden vor uns waren bereits im Verbindungstunnel, der sie an Bord der Fähre brachte. Der Offizier, der das Einsteigen überwachte, sah geduldig, aber unmissverständlich zu uns her.
»Wir bleiben in Kontakt«, fiel mir noch ein. »Halte uns auf alle Fälle auf dem Laufenden!«
»Habt ihr ein Kom dabei?«, fragte er.
»Ja«, sagte ich, obwohl ich wusste, dass Jennifer während des Urlaubs offline bleiben wollte.
»Ich werde ab und zu Berichte ins Stabslog stellen«, versprach er.
Immer noch stand er da, die Hand auf meinem Arm. Wir kannten ihn lange genug, um zu wissen, dass er noch nicht fertig war.
»Die Sache hat einen kleinen Haken«, brachte er schließlich heraus.
»Was denn?« Jennifer nahm die Tasche, in dem sie ihre wenigen persönlichen Habseligkeiten transportierte. Ihr Blick nahm diese eindringliche Färbung an, die ich nur zu gut kannte.
Reynolds nickte zum Zeichen, dass er unsere Eile zur Kenntnis nahm.
»Sie wollen mich mit sich nehmen«, sagte er schnell. »Auf eine andere Station, die sie irgendwo weiter draußen unterhalten.«
»Das ist doch großartig«, sagte ich.
»Vermutlich wollen sie mich so unter Kontrolle haben«, meinte er.
»Auf alle Fälle wirst du faszinierende Einsichten bekommen.«
»Diese Station scheint sehr weit weg zu sein.«
»Im Zeitalter von Quantenboxen und oszillierendem Warp dürfte das keinen Unterschied machen.«
Der Offizier machte ein paar Schritte auf uns zu und wedelte mit der Zeitanzeige seines Handkoms.
»Es ist deine Entscheidung«, sagte ich, schon halb im Gehen. »Ich denke, es wird sich auf alle Fälle lohnen.«
»Ich werde es mir auch nicht entgehen lassen!« Wenn er grinste, sah er aus wie ein großer Junge. »Ich wollte euch nur bescheid sagen.«
»Danke, dass du persönlich vorbei gekommen bist.« Jennifer drückte ihm einen Kuss auf die bärtige Wange. »Hat diese Station einen Namen?«
»Ich wurde nicht ganz schlau daraus«, versetzte John Reynolds. »Da ist eine Tloxi-Hieroglyphe in den Protokollen, die ich nicht entziffern kann!«
»Du schaffst das schon!«
Wir gingen durch die Schranke.
Mit hässlichem Pfeifen schloss sich die Schleuse.
***
Die Planetenfähre war nicht allzu groß. Einhundert Passagiere. Der Aufenthaltsbereich sah aus wie eine Lounge in einem Club. Offiziere, Ingenieure und Geschäftsleute waren unsere Mitreisenden. Der Flug erfolgte bei oszillierendem Warp. Allerdings war es ein ziemlich altertümliches Aggregat, so dass die Reise mehrere Stunden dauerte. So etwas waren wir gar nicht mehr gewohnt! Wir genossen es allerdings in vollen Zügen. Hostessen gingen herum und brachten einem, was immer man wünschte. Es gab eine kleine Bar. Jennifer hatte ihren gravimetrischen Sessel ganz nach hinten gefahren und die Beine hochgelegt. Ich unterhielt mich mit einem Mann vom Stab, der zu den Besatzungstruppen nach Sin Pur kommandiert war. Später auch mit einem Spezialisten für Wasseraufbereitung, der die einschlägigen Anlagen in Pura City wieder in Betrieb nehmen sollte.
Als wir den Warp drosselten und das Doppelsystem anflogen, weckte ich Jennifer, die sich in ihrer Liege aufrichtete. Schweigend sahen wir aus dem Fenster, während die Fähre über der zerstörten Stadt in Sinkflug ging. Pura City war in seiner Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Innenstadt war völlig ausgebombt. Immerhin waren Pioniertrupps dabei, die schwersten Schäden zu beheben. Überall ragten gravimetrische Kräne in den Himmel. Ganze Viertel wurden niedergelegt und neu aus dem Boden gestampft. Die Infrastruktur würde nach der Instandsetzung in einem besseren Zustand sein als vor unserer Invasion. Materiell würde es den Leuten bald wieder mindestens so gut gehen wie vor dem Krieg. Wie man hörte, kam sogar der Tourismus langsam wieder in Gang. Wenn es auch vor allem Techniker und Geschäftemacher waren, die den Planeten anflogen.
Etwas anderes war der Hass, der der Union dort noch auf Generationen entgegenstehen würde. Wir bekamen einen Eindruck davon, als wir im Transitbereich des Raumhafens der Hauptstadt abgefertigt wurden. Er war die einzige Einrichtung dieser Art auf Sin Pur, wie Pura City die einzige größere Stadt der Wasserwelt war. Beizeiten würde man damit beginnen, ein Terminal im Orbit zu errichten. Aber dieser war noch immer voller Schrott und Trümmer, den Hinterlassenschaften der gewaltigen Schlacht, die dort getobt hatte. Es würde noch eine Weile dauern, bis man die Bahnen, die für eine solche Einrichtung in Frage kamen, so weit gesäubert hatte, dass man mit dem Bau beginnen konnte. Einstweilen mussten auch Transitpassagiere die Einrichtung am Boden anfliegen, um dort umzusteigen.
Der Laya, der unsere Papiere prüfte, war ein Beamter des alten Regimes. Er legte unsere IDs auf seinen Schirm und studierte die Daten, als müsse er eine Expertise darüber verfassen.
»Jennifer Ash und Frank Norton«, knurrte er. Sein Dialekt war fast nicht zu verstehen.
»So ist es«, sagte ich munter.
»Offiziere der Union?«
»Die ranghöchsten ihrer Art.«
Er grunzte etwas.
»Sie können sich ruhig erkundigen.« Ich nickte in Richtung der großen Fensterfront. Über das Flugfeld der provinziellen Anlage hinweg sah man die Hangars und Kasernen der Union. Rogers hatte eine starke Garnison errichtet.
Jennifer stieß mich hinter der Schranke an, aber der Laya ging mit keiner Regung darauf ein.
»Was wollen Sie hier?«, fragte er, als er unsere Viten ausgiebig studiert hatte.
»Gar nichts«, sagte ich freundlich. »Um ehrlich zu sein, wir wollen so schnell wie möglich wieder von hier weg.«
Jennifer trat mir auf den Fuß.
»Das wird auch das beste sein«, zischte der Beamte. »Auf Leute wie Sie haben wir hier gerade gewartet.«
»Alles, was es hier zu sehen gibt, haben wir bereits gesehen.«
»Sie waren schon einmal hier?«
»Vor vielen Jahren.« Ich blinzelte ihn an. »Wir haben unsere Flitterwochen hier verbracht.«
Jetzt wurde er doch neugierig. Er fing von vorne damit an, sich durch unsere Daten zu scrollen.
Jennifer stöhnte genervt.
»Und dann noch einmal vor nicht allzu langer Zeit. Aber davon wird nichts in den Papieren stehen.« Ich zwinkerte.
»Sie waren bei dem verbrecherischen Kommando, das uns besetzt hat!«
»Sagen wir so: wir haben uns damals über die Einreisebestimmungen hinweggesetzt.«
»Das war ein völkerrechtswidriger Akt«, knirschte er mit tödlicher Verachtung in der Stimme.
»Es dauert einfach alles zu lange hier«, sagte ich noch.
Er spuckte aus und zog unsere ID aus seinem vorsintflutlichen Lesegerät.
»Dann wollen wir Sie nicht länger aufhalten.« Er drückte uns die Chips in die Hand. »Wo soll es hingehen?«, fragte er mit ätzender Freundlichkeit.
»Das können Sie unseren Papieren entnehmen«, antwortete ich.
»Es ist gefährlich.« Er bohrte seinen gelben Blick in mich.
»Nichts, womit wir nicht fertig werden würden.«
»Ihr denkt, Ihr habt uns unter Kontrolle. Aber das habt Ihr nicht. Ebenso wenig wie diese Welt.«
»Wir wollen uns einfach nur ein bisschen erholen. Die letzten Wochen waren sehr anstrengend, wissen Sie!«
»Fahrt zur Hölle!«
»Ich hoffe doch, so schlimm wird es nicht werden.«
»Hat das sein müssen«, zischte Jennifer, als wir in die Wartehalle gingen.
»Mir hat es Spaß gemacht.«
»Ich wollte mich hier eigentlich entspannen.«
»Ich bin total relaxed.«
»Frank Norton, du bist ein Idiot.«
»Jennifer Ash, du bist die hinreißendste Frau, die mir je begegnet ist.«
Sie schüttelte den Kopf und ging an die Theke des kleinen Bistros, um sich einen Tee zu holen. Dann saßen wir in der Halle und warteten auf den Weiterflug. Es war ein gemächliches Reisen, wie zu Zeiten der ersten Passagierflüge. Aber wir genossen es. Man hatte so viel Zeit!
Schließlich wurden wir aufgerufen. Ein kleiner Pendler mit acht Sitzplätzen brachte uns in einer guten Stunde bei konventionellem Antrieb zu Sin Purs Zwillingsplaneten. Auch dort gab es nur einen einzigen Raumhafen. Wir kannten ihn von früher. Er war noch winziger und provinzieller als sein Pendant in Pura City. Immerhin schlug uns hier nicht die gereizte Feindseligkeit der Laya entgegen.
Musan war die Welt der Prana Bindu. Man kannte diese Leute nicht anders als heiter und lachend. Dabei war ihr Leben vermutlich das entbehrungsreichste, das heutzutage noch im Einflussbereich der Union möglich war. Musan war ein Gebirgsplanet. Es gab kaum ebene Flächen. Die landwirtschaftlich nutzbaren Gebiete waren verschwindend gering, bezogen auf die Welt als ganze. Industrie gab es nicht. Früher hatte Musan von den Pilgern gelebt, die anlässlich der verschiedenen Feste des Ordens zu den Bergklöstern kamen. Durch die Besatzung war das Aufkommen an Reisenden völlig zusammengebrochen. Sin Pur hatte die Nachbarwelt in einem kurzen Feldzug ohne nennenswerte Gegenwehr oder Verluste erobert. Dann war die Union gelandet und hatte die Laya wieder hinausgeworfen. Jetzt ruhten alle Hoffnungen auf dem Wiederaufleben der Pilgerströme. Aber der lokale Winter stand vor der Tür. Eine Saison hatte man in jedem Fall verloren. Die Einnahmen eines Jahres. Das war für eine bettelarme Gesellschaft schlimm genug.
Auch hier lag eine Einheit von einigen tausend Mann unweit des Raumhafens in Garnison. Die Union zeigte Präsenz. Für die Bewohner der nahe gelegenen Stadt Feba City mochte das sogar gut sein. Die Truppe brachte Geld ins Land. So kam man über die kalte Jahreszeit. Und im Frühjahr würde sich die Lage hoffentlich normalisiert haben.
Wir hatten Wert darauf gelegt, dass kein großer Bahnhof stattfand. Die lokale Kaserne schickte einen jungen Stabsoffizier, der uns gelangweilt in Empfang nahm. Er geleitete uns durch die Kontrollen und brachte uns nach draußen. Dort reichte er uns an einen einheimischen Zivilangestellten weiter. Es war ein junger Bursche von achtzehn oder neunzehn Jahren. Sein Name war Tashi. Er steuerte einen viersitzigen Scooter, in dem wir mit unserem bescheidenen Gepäck bequem Platz fanden. Dann brausten wir auch schon nach Norden.
»Ich weiß nicht, was Sie vorhaben«, rief er, als wir die letzten Einrichtungen des Raumhafens hinter uns gelassen hatten. »Aber Sie müssen auf alle Fälle vorsichtig sein.«
Es war ein diesiger Tag. Der Himmel war grau und verhangen. Von den mächtigen Bergen, für die Musan berühmt war, war nichts zu erkennen.
»Wir wollen nur ein bisschen wandern«, sagte ich nach vorne.
Eine mittelalterliche Kraftfeldkuppel hielt den Fahrtwind ab. Dafür knatterte der Feldgenerator ohrenbetäubend.
»Nach ...«
Jennifer verpasste mir einen Boxhieb. Ich biss mir auf die Zunge.
»Wir waren schon öfter hier«, sagte ich ausweichend. »Wir kennen uns hier aus.«
Ich sah keinen Grund, weshalb ich dem Jungen nicht trauen sollte. Aber es waren schwierige Zeiten. Manch einer verkaufte seine Seele, um seiner Familie zu einem warmen Abendessen zu verhelfen.
»Seien Sie vorsichtig«, wiederholte er. »Die Union hat nicht alle Laya vertrieben!«
»Was heißt das?«
»Einige der Besatzungssoldaten, die Sin Pur auf unsere Welt gebracht hat, haben sich in die Berge geschlagen, ehe Ihre Leute kamen.«
Er nahm den Blick für einen Moment von der unbefestigten Piste, auf der wir mit viel Getöse und unter Aufwirbelung enormer Staubmassen dahinrumpelten, und sah über die Schulter.
»Diese Leute haben ihre Computer zerstört, damit niemand mehr die Daten abgleichen kann, und ihre Uniformen ausgezogen. Aber sie sind noch da.«
»Wie viele können das sein?«, dachte ich laut nach. Die ganze Besatzungsmacht hatte ja höchstens einige hundert Mann betragen.
»Wenn es fünf sind, ist es vielleicht schon genug.« Er senkte einen drohenden Blick in mich und widmete sich dann wieder der Schotterpiste.
»Wollen Sie mir Angst machen?«
»Ich glaube, dazu bin ich nicht der Mann.« Er lachte das helle kindliche Lachen, für das die Menschen dieser friedlichen Welt berühmt waren.
»Es ist ein ganzer Planet«, sagte ich noch. »Wir entfernen uns nicht weiter als ein paar Tagesmärsche von der Stadt.«
»Mögen die Götter Sie beschützen!«
Wenig später erreichten wir den letzten kleinen Ort am Rand der Ebene. Es war wirklich schade, dass der Dunst vor den Bergen hing. Wir hatten sie nur während des Landeanfluges kurz gesehen. Dann war die Fähre in die Glocke aus Smog und Nebel eingetaucht, die über dem Talkessel hing. Die Stadt und der nahe gelegene Feba See erzeugten einen eigentümlichen Qualm aus Ruß und Feuchtigkeit, der den Himmel beschlug wie warmer Atem eine kalte Glasscheibe. Am nächsten Morgen würden wir das Panorama umso prachtvoller erleben!
Wir verabschiedeten uns von dem Fahrer, der knatternd zur Kaserne zurück raste. Dann standen wir in dem sich langsam absetzenden Staub. Ich begann mich nach einer Dusche zu sehnen. Dabei hatten wir die Wanderung noch gar nicht angetreten. Es lohnte auch nicht mehr, an diesem Tag noch etwas zu unternehmen. In dem Dorf, in dem Tashi uns abgesetzt hatte, gab es eine kleine Pension, ein Rasthaus für Pilger. Es wurde von Ran Darjen betrieben, einem ehemaligen einfachen Lama der Prana Bindu. Er war aus dem Orden ausgeschieden und hatte stattdessen dieses Gasthaus an einer der wichtigsten Pilgerrouten aufgemacht.
Wir ließen uns ein Zimmer geben. Im Speiseraum waren wir die einzigen Gäste. Es war gemütlich. Alles war mit Teppichen aus dicker Naturwolle ausgelegt. Die Tische und Stühle bestanden aus echtem Holz, das mit Schnitzereien verziert war. Als das letzte Tageslicht vor den Fenstern verschwunden war, entzündete Ran ein Feuer aus getrockneten Torfsoden und Dung. Er bewirtete uns zuvorkommend mit Suppe, Reis und Gemüse. Dazu gab es ein dünnes heimisches Bier, das ebenfalls aus Reis gebraut wurde. Und allmählich fingen wir an, es zu glauben.
Wir hatten Urlaub!
Als ich aufwachte, war der Platz neben mir leer. Ich streckte mich und sah mich um. Das Zimmer enthielt nur zwei Betten und eine Kommode. Die Vorhänge waren zugezogen. Ich erinnerte mich dunkel, in der Nacht noch an den widerspenstigen Kordeln genestelt zu haben. Aber draußen schien es schon hell zu sein. Der karierte Stoff teilte dem Licht eine rötliche Farbe mit.
Ich stand auf und zog mich an. Jennifers Bett war leer, aber ungemacht. Sie musste sich, wie es ihre Art war, in aller Frühe aus dem Raum gestohlen haben.
Ich ging aus dem Zimmer. Im Treppenhaus war es kühl und roch nach Kalk. Bis zu unserer Etage bestanden die Treppenstufen aus kaltem, abgewetzten Stein. Eine hölzerne Stiege führte weiter hinauf. Einer spontanen Eingebung folgend, ging ich nicht nach unten, Richtung Gastraum, sondern nach oben. Es folgte noch eine Etage, dann noch eine, dann eine noch schmalere Treppe, schon mehr eine Leiter. Sie endete vor einer waagerechten Klappe, die in die Decke eingelassen war. Ich öffnete sie, zwängte mich hindurch und stand im Freien.
Mein Instinkt hatte nicht getrogen. Jennifer saß in Meditationshaltung auf dem flachen Dach. Ein wenig Feuerholz, das hier zum Trocknen gestapelt war, bildete eine Art Geländer; auf einer Seite bestand es auch aus säuberlich aufgeschichteten Dungfladen.
»Störe ich dich?«
Ich schloss behutsam die Klappe hinter mir. Jennifer hatte die Augen geöffnet. Ich sah an ihrem Blick, dass sie die Trance abgeschüttelt hatte.
»Gar nicht.«
Sie schaute mich lauernd an. Die Sonne kam eben im Osten durch den Morgendunst und beschien ihr hageres Gesicht.
»Was?«, fragte ich.



