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Und mehrere Monate waren vergangen, seit wir die MARQUIS DE LAPLACE verlassen hatten und dem rätselhaften Museumsschiff, über dessen Herkunft wir immer noch nichts Endgültiges wussten, in die Falle gegangen waren. Zum damaligen Zeitpunkt war die Situation unseres Mutterschiffes ebenfalls traurig gewesen. Zu den neugegründeten Kolonien in der Eschata-Region fehlte jeder Kontakt. Die Bemühungen der Planetarischen Abteilung, mit der sinesischen Technologie gleichzuziehen und eine verlässliche Erschließung des Warpraums bereitzustellen, kamen aus der Experimentierphase nicht heraus. Auch hier konnten wir nur hoffen, dass die Anstrengungen der Sineser, die zweifellos nochmals intensiviert worden waren, noch nicht zum Erfolg geführt hatten, denn weder die MARQUIS DE LAPLACE, noch die Kolonien auf Eschata wären einer Attacke gewachsen. Freilich wussten wir nicht, wie es jetzt dort aussah, aber eine intergalaktische Streitmacht konnte man nicht aus dem Boden stampfen. Auch die vereinigte Entschlossenheit solcher Männer wie Commodore Wiszewsky, WO Reynolds und General a.D. Dr. Rogers konnte keine Wunder bewirken.
Und dennoch schmiedeten wir Pläne. Alle unsere Hoffnungen ruhten auf den irdischen Stellen, die wir in einem niedagewesenen kosmischen Salto mortale erreicht hatten. Aber hier stellte man sich taub. Wir wurden hingehalten und abgewiesen. Die zivilen Stellen ließen offen durchblicken, dass sie sich den Status quo nicht vermiesen lassen würden. Sie hatten sich in dem Stillhaltefrieden häuslich eingerichtet. Dass es ein entwürdigender und noch dazu höchst fragiler Zustand war, der jeden Augenblick dadurch beendet werden konnte, dass eine graue Eminenz in Sina City eine Taste betätigte und einen Befehl grunzte, schien sie dabei nicht im geringsten zu stören. Es war ein Lombok mit umgekehrten Vorzeichen. Aber während die Union nach der siegreich verlaufenen Schlacht von Persephone ihre Bedingungen diktiert und schriftlich festgehalten hatte, fehlte bis heute jede Erklärung von Seiten der Sineser, die die Verantwortung für den Warpsonden-Angriff auf Jupiter übernahm oder sich der Mühe unterzog, den seither herrschenden völkerrechtlichen Schwebezustand in Worte zu fassen.
Das alles beunruhigte niemanden. So herzlich man uns aufgenommen hatte, so ausweichend verhielt man sich nun – und umso ungehaltener, je mehr wir darauf beharrten, dass weitreichende Schritte in die Wege geleitet werden mussten.
»Am Ende müssen wir sie vor vollendete Tatsachen stellen«, brummte Jennifer düster und sah brütend in den Abgrund hinunter, der sich vor ihr öffnete. Sie ließ offen, was das im einzelnen heißen könnte, aber ich konnte mir in etwa vorstellen, was sie ausheckte. Ihr waren das Temperament, die Verzweiflung und die kreative Aggression zuzutrauen, um in einer wohldurchdachten Kurzschlusshandlung eine sinesische Reaktion zu provozieren. Dann würden die irdischen Stellen gezwungen sein, zu handeln. Ich hoffte, verhindern zu können, dass es soweit kam. Wir wären unweigerlich zwischen die Fronten geraten. Gegenwärtig hatten wir nicht einmal mehr Zugang zu unserem Shuttle, das uns unermüdlich einmal um die Welt getragen hatte. Nach unserer Landung auf einer der Außenplattformen hatte man es zu einem der inneren Decks geschafft, wo es seither von gelangweilten Technikern untersucht wurde. Jennifer hatte sich angeboten, ihnen dabei zu assistieren und ihnen die Funktionen des Gefährts wie auch die Modifikationen, die sie daran vorgenommen hatte, zu erklären, war aber abgewiesen worden. Wovor fürchtete man sich eigentlich? Hielt man uns für Doppelspione? Es war nicht einzusehen, was hier vor sich ging. Man musste wohl die typische Psychologie der Situation heranziehen. Die Hiergebliebenen verharrten in dem Trotz all derjenigen, die den Krieg zuhause mitgemacht oder die Diktatur in der »inneren Emigration« überdauert hatten. Sie wollten sich von denen, die von außen kamen, nichts sagen lassen. Was kosmische Katastrophen waren, das wussten sie nun nachgerade, und sie waren nicht auf Wiederholungen begierig. Wie die Überlebenden, die nach dem Bombenangriff aus dem Keller kamen, leckten sie lieber ihre Wunden, hätschelten ihre Traumata und freuten sich an jedem Schneeglöckchen, das wieder zwischen den Trümmern blühte. Wir wissen bescheid, schienen sie mit jedem Blick zu sagen. Ihr braucht uns nicht belehren.
Es war zum Verzweifeln.
»Du musst deinen Einfluss geltend machen«, sagte Jennifer.
Sie hatte recht. Ich war General. Ranggleich mit Dr. Rogers, als dessen designierten Nachfolger ich mich ausgeben konnte, ohne zu übertreiben, und »Persönlicher« – im hiesigen Jargon zu sprechen – von Commodore Wiszewsky, ranghöchster und dienstältester Offizier der Fliegenden Crew, kommissarischer Chef beider Stäbe. Wir waren in Sina City gewesen, was nur wenige Sterbliche von sich behaupten konnten, und wir hatten einmal die Reise um die Welt gemacht, wozu noch nicht einmal die Idee in eines Dritten Hirn Gestalt angenommen hatte. Aber an wen sollte ich mich mit dieser Vita wenden? Der Kanzler, Seine Eminenz Cole Johnson, hatte sich von unserem Bericht höflich beeindruckt gezeigt und war dann zur Tagesordnung übergegangen. Seine Adjutanten vertrösteten jede unserer Anfragen auf später, »wenn wir wieder zu Kräften gekommen waren“. Ich redete den ganzen Nachmittag auf Jennifer ein und flehte sie an, sich in Geduld zu üben. Da ich seit meiner Ernennung zum ENTHYMESIS-Kommandanten mehr administrative als wissenschaftliche Aufgaben gehabt hatte, kannte ich besser als sie die ganz eigene Luft dieser Stellen. Zuletzt hatte ich mich während des Jupiter-Ereignisses mit den Behörden auf Luna herumschlagen müssen, die bis unmittelbar vor ihrer Evakuierung auf ihren absonderlichen Ritualen bestanden hatten.
»Hier haben wir es mit Politikern zu tun«, sagte ich ein ums andere Mal. »Da zählt der Ton mehr als die Worte. Da muss man zwischen den Zeilen lesen, den Herrschaften Honig in den Bart schmieren und sich in den protokollarischen Nuancen von Unterwürfigkeitsgesten und Ergebenheitsadressen ergehen. Ein schroffer Auftritt wie deiner heute Mittag kann die behutsamen Vorstöße von Wochen zunichte machen.«
Sie verdrehte die Augen, packte das Geländer, dass das Holofeld zitterte, und beugte sich darüber, als wolle sie sich übergeben.
»Wir müssen intelligent und mit Zähigkeit vorgehen«, dozierte ich. »Vertrauen schaffen, für gute Atmosphäre sorgen, freundschaftliche Kontakte aufbauen.«
»Ich kotze gleich«, knurrte sie.
Ihr Kopf war außerhalb des knisternden Kraftfeldes, das sie auf Höhe der Schultern umschloss. Der frische Bergwind zauste ihr offenes Haar; die kalte Luft rötete ihre Wangen. Schließlich richtete sie sich auf und ging ins Zimmer. Ich folgte ihr. Die schmale Balkontür schloss sich schmatzend hinter uns.
Wir mussten auf Zeit spielen. Gleichzeitig rann uns die Zeit durch die Finger. Dieses Dilemma raubte Jennifer beinahe den Verstand. Hinzu kam die schreckliche Ungewissheit. Möglicherweise waren unsere Freunde und Kameraden in Sina City, auf der MARQUIS DE LAPLACE und in Eschata längst tot. Aber diesen Gedanken durften wir erst gar nicht in uns aufkommen lassen.
Wir hatten die Hoffnung darauf, dass unserer Bitte entsprochen werde, schon beinahe aufgegeben, als die Automatik der Lokalen Kommunikation Sekretär Kauffmann meldete. Er empfing uns in der kleinen Vorhalle unserer Suite und geleitete uns nach der Begrüßung zu den Elevatorschächten, die in abgerundeten sechseckigen Durchgängen auf jeder Etage angebracht waren. Er war allein, aber jedes seiner Worte machte deutlich, dass sein Hiersein im Wissen und mit Billigung der allerhöchsten Stellen stattfand. Die Überwachungsmöglichkeiten, die die unzählbaren Augen und Ohren der Lokalen Kommunikation boten, waren gar nicht nötig, damit wir uns beobachtet fühlten. Ohnehin konnte es keinen Zweifel darüber geben, dass selbst unsere Privaträume abgehört wurden.
Kauffmann plauderte unverfänglich. Erst als wir die Fahrstuhlkabine betraten, wurde er vertraulicher. Die Türen glitten sanft ineinander. Der Feldgenerator heulte gedämpft auf. Dann stürzten wir, wie wir den Anzeigen entnahmen, mehr als tausend Stockwerke in die Tiefe. Der Sekretär spähte unsere Gesichter aus. Für ihn als Zivilisten war das wohl eine tolle Sache. Aber er hatte nicht mit der Abgebrühtheit der Fliegenden Crew gerechnet, insbesondere mit zwei so alten Hasen wie uns, die jenseits der Großen Mauer gewesen waren. Jennifer erwiderte seine Neugier mit frechem Feixen. Ich beeilte mich, ihn wieder ins Gespräch zu bringen, während das HoloBoard über unseren Köpfen die Decks in Zwanzigerschritten herunterzählte.
»Ich habe über unsere letzte Unterhaltung nachgedacht«, sagte Kauffmann, »und mich auch mit dem Kanzler besprochen.«
Mehr gab er nicht preis. Er vermied es auch geflissentlich, es so aussehen zu lassen, als gebe er Jennifer unverschämter Forderung nach. Umgekehrt machte ich ihr ein Zeichen, alle Rückstände des Triumphs aus ihrer Miene zu verbannen.
»Mir scheint«, fuhr Kauffmann in der typischen verklausulierten Weise fort, »dass Sie einen falschen Eindruck gewonnen haben. Das möchten wir richtig stellen. Und da der Augenschein immer stärker als die bloße Auskunft ist, möchte ich Ihnen etwas zeigen.«
Er sonnte sich in seiner Eloquenz. Ich sah, dass Jennifer innerlich kochte. Dicht neben ihr stehend, fasste ich ihre Hand und presste sie nachdrücklich.
»Da bin ich aber gespannt«, sagte ich. »Im übrigen wissen wir die Anstrengungen, die hier unternommen worden sind, durchaus zu würdigen. Allein diese Festung, die Sie hier ins Werk gesetzt haben.«
Ich ließ die Blicke anerkennend über die vierstellige Skala des generatorgetriebenen Fahrstuhls wandern. Kauffmann grinste geschmeichelt. Jennifer verdrehte die Augen.
»Sehr schön«, sagte der Sekretär, als setze er seine Unterschrift unter ein staatstragendes und belangloses Dokument. »Dann sind wir uns ja einig. – Gestatten Sie, dass ich vorangehe.«
Der Grund des Schachtes war erreicht. Obwohl das künstliche Kraftfeld die Beschleunigungs- und Verzögerungskräfte weitgehend eliminierte, konnte es einem in den Magen gehen. Aber was war das schon verglichen mit den Fliehkräften, die auftraten, wenn Jennifer die ENTHYMESIS bei vollen Schub aus ihrem Hangar im Großen Drohnendeck der MARQUIS DE LAPLACE jagte?! Während Kauffmann in den Vorraum hinaustrat, riss Jennifer mich am Arm zu sich.
»Noch ein solcher Satz«, zischte sie, »und ich werde mich übergeben.«
Ich schloss die Hand um ihren Oberarm und führte sie wie eine Gefangene einen halben Schritt vor mir. »Reiß dich zusammen!«
Wir waren in einem Stollen, der direkt aus dem massiven Felsen gebrochen war. Wie in einem Bergwerk war der nackte Stein noch an den meisten Stellen zu erkennen, dunkler, von schwarzen Gängen geäderter Basalt. Nur hier und da hatte man die Wölbung mit Bauquarz und Spritzbeton ausgekleidet und verstärkt. Offene Flammer erhellten den Stollen, der an einen alten Steinkohleflöz erinnerte. Auf dem Boden standen Pfützen aus Kondenswasser, das überall rieselte und tropfte. Kauffmann ging voran. In seinem teuren Anzug, mit seinem sanften Gang, den manikürten Fingern und der weichen Aussprache hätte er schwerlich irgendwo so fehl am Platze sein können wie hier. Was wollte er uns vorführen? Eine Mine? Dieses Gestein war vulkanisch, da würde man kaum Erz schürfen.
Wir folgten ihm um einige Biegungen. Ab und zu öffnete sich der Gang zu engen Kreuzungen, an denen andere Stollen abzweigten. Niemand sprach ein Wort. Wir mussten die Köpfe einziehen, da manchmal rohe Felsquader aus der niedrigen Decke vorsprangen, und hintereinandergehen, da der Stollen sehr schmal war. Ein Moment der Bedrückung war nicht zu leugnen. Kilometerdicke Gesteinsdecken lasteten auf uns. Und wenn uns der freie Fall und vervielfachte Erdbeschleunigung nichts ausgemacht hatten, so machte uns dieses Eingeschlossensein in engen unterirdischen Räumen zu schaffen.
Endlich weitete sich der Stollen. Er führte auf eine Art Galerie, die auf der einen Seite vom nackten, grobbehauenen Fels, auf der anderen von einem hüfthohen Geländer begrenzt wurde. Es schien sich um einen Umgang zu handeln, der sich nach rechts und links hinter Stahlträgern und Felsvorsprüngen verlor. Da er mehr als zehn Meter tief war, konnten wir nicht über das Geländer hinwegsehen. Sekretär Kauffmann blieb stehen und wandte sich mit theatralischer Gebärde zu uns um. Dann gingen wir gemeinsam die letzten Schritte nach vorne.
Jennifer schüttelte meine Hand ab und pfiff leise durch die Zähne. »Gar nicht schlecht«, sagte sie. Sie hatte das Geländer mit beiden Fäusten umklammert und lehnte sich darüber hinaus, als stehe sie an der Reling eines großen Schiffes, hebe die Füße vom Boden und wiege sich über der Weite des abendlichen Ozeans. Ich trat neben sie, legte eine Hand auf ihre Schulter, die andere auf das Geländer und sah in die Tiefe. Der Anblick war nicht von schlechten Eltern. Ich musste mein Bild, das ich mir in den letzten Tagen von der Notstandsregierung gemacht hatte, revidieren.
Wir befanden uns auf einem Balkon, der etliche Meter über dem Boden einer riesigen Halle an deren kuppelförmiger Seitenwand umlief. Die Halle war fünfzig Meter tief und unabsehbar breit, da sie sich nach beiden Seiten in der düsteren Beleuchtung verlor. Direkt unter uns standen Jäger, schwere Abfangjäger und Jagdbomber. Sie waren gegeneinander versetzt, sodass die Schnauze des einen zwischen die Heckflossen der beiden anderen zielte. Die Deltaflügel waren eingeklappt, Cockpits und Geschütze durch Überwürfe aus zähem Elastil geschützt, die offenen Bombenschächte glänzten leer. Hier und da waren Rampen an die Geschosse herangefahren. Dort fanden tagsüber Wartungsarbeiten oder Messungen statt. Aber gegenwärtig war die Halle menschenleer. Vermutlich hatte Kauffmann bewusst die abendliche Stunde abgewartet, um uns herzuführen.
Wir gingen langsam an dem Geländer entlang und musterten schweigend das Geschwader, das dort in Stille und Verborgenheit auf seinen Einsatz wartete. Auf Jennifers Gesicht malte sich ein erregter Schimmer. Mit einem raschen Seitenblick holte sie sich meine Redeerlaubnis ein. Indem ich den Finger an das Augenlid legte, bedeutete ich ihr, sich unserer Abmachung zu entsinnen und keine verfänglichen Fragen zu stellen.
»Wie sind sie bewaffnet?«, erkundigte sie sich arglos.
Kauffmann lächelte eingebildet, wie alle Politiker, die stolz auf das sind, was sie weder hergestellt, noch bezahlt, sondern lediglich in Auftrag gegeben haben. »Es sind unterschiedliche Modelle«, sagte er. »Schwere strategische Langstreckenbomber, taktische Kampfbomber, schnelle Jäger, Aufklärer. Die Aufzählung der technischen Daten würde sie nur langweilen.«
Jennifer versicherte ihn, dass das keineswegs der Fall wäre. Kauffmann sah sich in die Enge gedrängt. Die Floskel war nur eine diplomatische Umschreibung dafür, dass die Einzelheiten ihm nicht präsent waren. Jennifer dagegen glühte vor Begeisterung. Am liebsten wäre sie in die erste beste Maschine gestiegen und hätte eine Runde gedreht.
»Lassen Sie’s gut sein«, sagte sie nonchalant. »Ich seh’s schon selber.«
Wir gingen weiter in Tribünenhöhe über der Flotte dahin, während sie halblaut aufzählte, was sie von hier oben erkennen konnte. »Zwillingsgeschütze auf Röntgenlaserbasis als Bordkanonen. Thermische Granaten. Antimaterietorpedos. KI-gestützte Lenkwaffen. Wie ist die Leistung der Generatoren?«
Kauffmann lief rot an. Eine solche Examinierung war er nicht gewohnt. »Ich glaube Mach 1000«, sagte er und gönnte sich die Jovialität eines unsicheren Lachens. »Kann das sein?«
»Als Gefechtsgeschwindigkeit«, nickte Jennifer. »Aber ich hoffe doch, sie sind warptauglich?!«
Kauffmann machte eine ausweichende Geste. Jennifer sah es ein. Trotzdem setzte sie den Katechismus fort, das ganze machte ihr einfach zu viel Spaß. »Wie viele?«
Der Sekretär schöpfte Luft. »Achthundert Maschinen in dieser Halle«, sagte er. »Weltweit etwas über zweitausend. Auf den Marsbasen und in den Asteroiden betreiben wir ebenfalls Werften. Dort bauen wir einige Großraumtransporter und Schlachtschiffe.«
Jennifer hatte sich vom Geländer gelöst. Sie ging auf der breiten Empore im Kreis, das Kinn in die Faust gestützt, während sie Überschlagsrechnungen vor sich hinmurmelte. Kauffmann musterte sie ängstlich, als erwarte er, eine persönliche Zensur für seine Leistung ausgestellt zu bekommen.
Ich zog seine Aufmerksamkeit auf mich und bemühte mich um einen offiziellen Tonfall. Dabei kam ich mir vor wie ein Staatsmann auf Truppenbesuch, der für das Protokoll ein druckfertiges Statement abgeben soll. »Es beruhigt uns sehr, das zu sehen«, stellte ich fest. »Verstehen Sie uns nicht falsch. Eine sinesische Invasion steht zwar nach unseren Informationen nicht unmittelbar ...«
Jennifer schob mich aus dem Weg, als sie wieder zum Geländer nach vorne ging und sinnend in die Tiefe sah. »Für den Anfang nicht schlecht«, sagte sie. »Aber gegen einen sinesischen Verband, der auf einem Ikosaeder stationiert ist, haben sie keine Chance.«
Ich versuchte ihr verzweifelt Zeichen zu machen, die Klappe zu halten. Auch wenn Kauffmann vermutlich kein Wort von dem verstand, was sie sagte, und auch wenn Ikosaeder ihm zum letzten Mal im Geometrieunterricht begegnet waren, bestand die Gefahr, dass sie sich verplapperte. Die eigentliche Pointe ihrer Bemerkung musste dem Sekretär ohnehin verborgen bleiben: er konnte nicht ahnen, dass sie allein einen Ikosaeder und einen sinesischen Jägerverband ausgetrickst hatte. Aber darum ging es gar nicht. Wenn Kauffmann Witterung davon bekam, dass unsere Überlegungen gar nicht defensiver Natur waren, konnten wir augenblicklich einpacken. Man würde uns eher noch einsperren als unterstützen.
»Die Verteidigung des erdnahen Raumes«, beeilte ich mich zu sagen, »ist damit sichergestellt. Eine Aggression wird zurückgeschlagen werden.«
Kauffmann blickte irritiert zwischen Jennifer und mir hin und her. Offenbar hielt er uns beide für mitgenommen von all dem, was wir mitgemacht hatten. Als er meine anerkennenden Worte hörte, heiterte seine verunsicherte Miene sich auf. Er machte Anstalten, zum Fahrstuhlschacht zurückzukehren, aber Jennifer nahm das nicht zur Kenntnis. Sie stolzierte am Geländer auf und ab und inspizierte weiter die darunter geparkte Jägerflotte.
»Es geht hier nicht um Heimatschutz«, knurrte sie zwischen den Zähnen, als sie auf ihrer Wanderung an mir vorbeikam.
»Halt bloß die Klappe«, zischte ich. »Wenn er davon Wind bekommt, können wir einpacken!«
Sie lachte hell auf, lehnte sich über die Stahlstange und starrte in die Tiefe. Ich wollte gar nicht wissen, welches Szenario vor ihrem geistigen Auge ablief. Würde sie es fertigbringen, dieses ganze Geschwader, das Unsummen gekostet haben musste, ins Feuer zu schicken? Es in einem Gefecht zu opfern? Wie absurd war doch der moderne Krieg, der nur noch von der technischen Rüstung und nicht mehr von der Tapferkeit der Soldaten entschieden wurde. Im Grunde traten die Manufakturen und Fabriken, die Waffenschmieden und Labors, die Geschützgießereien und Munitionshersteller gegeneinander an. Dass all das im Kampf aufeinander losgelassen wurde, war von hier aus gesehen nebensächlich. Wer in der Entwicklung der neuesten Waffensysteme die Nase vorne hatte, wer die größten Massen herzustellen vermochte, wer über Rohstoffe, Logistik, Arbeitskraft und Ingenieurswissen verfügte und sie am rücksichtslosesten ausbeutete, entschied den Konflikt für sich. Alle das wurde nur geschaffen, um zerstört zu werden.
*
Der Chronist
Die Geschichte ist eine Geschichte der Kriege; und die Geschichte der Kriege ist eine Geschichte der Kriegswirtschaft. Seit alters her geht es um Nachschubwege und Versorgungslinien. Um die Ernährung und Ausstattung der Truppe. Um die Beschaffung, den Transport, die Bereitstellung des Materials, das zur rechten Stunde am rechten Ort sein und auch funktionieren muss. Zwanzigtausend eigens geschneiderte und geschmiedete Rüstungen fanden ihren Weg von den makedonischen Manufakturen über tausende Kilometer zum Kriegsschauplatz des verbissenen und verlustreichen Baktrienfeldzuges. Dreitausend Panzer neuen Typs, eilig unter Kriegsbedingungen entwickelte Tiger und Panther, wurden im dritten Sommer des Russlandfeldzuges an die Front gekarrt. Die meisten von ihnen wurden innerhalb weniger Tage, auf dem Höhepunkt der Schlacht von Kursk, zusammengeschossen. Unersetzliche Werte gingen verloren, unwiederbringlich, denn ein solcher industrieller und logistischer Kraftakt war nicht noch einmal zu bewältigen. Dass nebenbei auch einige zehntausend Mann getötet wurden, fiel unter diesem Gesichtspunkt wenig ins Gewicht. Menschen, um sie in Massen totzuschießen, gab es noch immer genug. Aber man kann sie nicht unbewaffnet oder mit dem Karabiner in der Hand gegeneinander anrennen lassen. Und am Ende behält der die Oberhand, der die größeren Kapazitäten der Stahlerzeugung, der Rohstoffgewinnung, des Energiezuflusses in seinen Einflussbereich gebracht hat. Im Grunde könnte man es bei einer Leistungsschau der heimischen Industrien bewenden lassen. Wer die höheren Stückzahlen, die bessere Qualität, den rascheren Durchsatz vorzuweisen vermag, bekommt den Preis zugesprochen. Leider geben sich die kriegführenden Parteien damit in der Regel nicht zufrieden. Sie müssen die Probe aufs Exempel machen. Erst wenn der Säbel nicht mehr an der Wand hängt, sondern am gegnerischen klirrt, zeigt sich, aus welchem Stahl er wirklich geschmiedet ist.
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In diesem Sinne erfüllte der Anblick dieser nagelneuen, auf Hochglanz polierten Armada mich mit Melancholie. Sie war irrational, denn ebenso unsinnig wäre es gewesen einem Tank voller Plasma nachzutrauern, weil es zur thermischen Verbrennung bestimmt war, oder um eine Halle voller Saatgut zu weinen, weil es auf die Felder ausgebracht werden würde. Und vor allem war sie menschenverachtend, denn sie galt dem Material, aber in jeder Maschine, die zerstört werden würde, würden zwei, bei den schweren Bombern vier Mann den Tod finden. Unterschwellig hatte ich mir die Sichtweise eines Feldherrn zu eigen gemacht: Menschen waren am einfachsten zu ersetzen. Ein neues Bataillon war schneller auszuheben als auch nur eine Tonne Titanstahl. Allerdings war es in einem modernen hochtechnisierten interstellaren Krieg nicht ganz so einfach.
Während Jennifer und ich unseren düsteren Gedanken nachhingen, stand Kauffmann unschlüssig abseits. Er räusperte sich ab und zu in dem halbherzigen Versuch, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und uns zum Gehen zu bewegen. Sein Gesichtsausdruck war besorgt. Offenbar bereute er es bereits, uns hierher geführt zu haben.
»Wie steht es um die Mannschaften?«, fragte ich. »Diese Maschinen fliegen nicht von alleine, zumindest nicht in einem Raumgefecht unter Echt-Bedingungen.«
Der Sekretär griff die Frage dankbar auf. Er setzte eine Plaudermiene auf und schickte sich an, ganz beiläufig den Rückweg einzuschlagen, als wolle er uns die Details im Fahrstuhl auseinandersetzen. Aber weder Jennifer noch ich rührten uns von der Stelle, und so musste er wohl oder übel die paar Schritte, die er schon gegangen war, wieder zurückkommen.
»Wir bilden in großem Umfang Besatzungen aus«, sagte er. »Aus Gründen der Geheimhaltung findet diese Ausbildung ausschließlich hier unten, an KI-Simulatoren statt.«
Jennifer verzog verächtlich das Gesicht. Sie stieß sich vom Geländer ab und kam auf Kauffmann zu. Dabei strahlte sie eine solche Entschlossenheit aus, dass der Sekretär unwillkürlich zurückwich.
»Simulatoren«, stieß sie hervor. »Auch der beste KI-Simulator kann keine Echt-Bedingungen herstellen. Der Pilot weiß, dass er sich in einem HoloFeature befindet und dass es nicht um sein Leben geht. Haben Sie auch Männer mit Gefechtserfahrung?«
Kauffmann wand sich.
»Wir haben einige Piloten, die noch in der alten Flotte gedient haben. Unter den Ausbildern sind Veteranen von Persephone!«
Das war der letzte Trumpf, den er im Ärmel hatte. Er spielte ihn sehr ostentativ. In Jennifers Augen war er allerdings kaum halb soviel Wert wie nach Kauffmanns eigener Meinung.
»Ausbilder, Veteranen, Simulatoren.« Sie stöhnte. Mit eigentümlichem Gesichtsausdruck musterte sie die matt schimmernde Armada in ihrem unterirdischen Hangar. »Am Ende werde Sie unerfahrene Kinder ins Feuer schicken, die sich in die Hose machen, wenn ein scharfer Schuss auf sie abgegeben wird!«




