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Kauffmann zuckte die Achseln. Er konnte sich Männer und Frauen, die den bitteren und stimulierenden Geschmack der Todesgefahr gekostet hatten, nicht aus den Rippen schneiden. Und über Krieg und Frieden zu befinden, lag außerhalb seiner Kompetenz. Sein routiniertes Lächeln, das immer müder und angestrengter wurde, schien das auszudrücken.
»Kommen wir zu etwas anderem.« Jennifer fixierte Kauffmann, der sich gepeinigt unter dem Zugriff ihres mitleidlosen Blickes wand. »Ich benötige ein paar wirklich gute Techniker. Können Sie mir einige vertrauenswürdige WO’s mit mathematischer Begabung nennen?«
Kauffmann sah irritiert zwischen ihr und mir hin und her. Ich ahnte, worauf sie hinauswollte, und versuchte ihr Zeichen zu machen, sich am Riemen zu reißen.
»Ich verstehe nicht«, stammelte der Sekretär.
Jennifer grinste breit.
»Es ist doch so«, sagte sie in gefährlicher Harmlosigkeit und deutete mit einer generösen Geste über die schlafende Flotte, als handele es sich um Hydrorasenmäher. »Wir müssen diese Flotte auf volle Warptauglichkeit aufrüsten, und ich habe in meinem MasterBoard die mathematischen Tools dazu.« Sie schob sich näher an Kauffmann heran und blinzelte ihm vertraulich zu. »Es ist, unter uns gesagt, weit mehr ein algebraisches als ein physikalisches Problem, aber wir dürfen behaupten, es gelöst zu haben.«
»Ich kann Ihnen, fürchte ich, nicht ganz folgen«, stotterte der Sekretär. »Diese Flotte ist warpfähig.«
Jennifer winkte ab. Sie schnitt ein Gesicht, als habe er ihr vorgeschlagen, zu Fuß von hier nach Texas zu laufen. Natürlich war auch das nicht unmöglich; aber wozu sich der Mühe unterziehen, wenn man in ein paar Augenblicken mit Mach 25 dort sein konnte?
»Ich spreche von oszillierendem Warp«, machte sie herablassend. »Sinesisches Prinzip, wir haben es ihnen abgeschaut. Sehr ökonomisch. Intergalaktische Reichweite.«
Ich war bestrebt, mich stets in Kauffmanns Rücken aufzuhalten, um Jennifer Zeichen machen zu können. Mit einer Geste des Halsabschneidens versuchte ich sie dazu zu bewegen, jetzt endlich die Klappe zu halten. Aber sie ignorierte mich. Kauffmann seinerseits registrierte, dass wir ihn in die Zange nahmen und dass ich außerhalb seines Sichtfeldes herumhampelte. Er musste uns für gefährliche Irre und potenzielle Staatsfeinde halten. Vielleicht lag dieser Gedanke auch Jennifers halsbrecherischer Gesprächsführung zugrunde. Nach diesem Abend würde er uns nie wieder vorlassen, geschweige uns Zutritt zu solchen geheimen Anlagen verschaffen. Wir mussten also jetzt und hier so viel wie möglich aus ihm herauspressen.
»Ich begreife immer weniger, wovon Sie eigentlich sprechen«, sagte er ungehalten. »Wozu sollte dieser Verband, der ausschließlich zu defensiven Zwecken aufgestellt wurde, mit intergalaktischer Reichweite ausgestattet werden?«
Er schüttelte sich, als habe er ein unanständiges Wort in den Mund genommen, das man in vornehmer Gesellschaft für nicht auszusprechen pflegte. Ich machte Gesten, die man mit Cut! und Time Out! hätte übersetzen können. Jennifer amüsierte sich zu Tode, während in Kauffmann der Verdacht reifte, dass wir ihn zum Narren halten wollten.
»Was fummeln Sie denn herum?«, fuhr er mich an. Seine Geduld war am Ende. Nur seiner elitären Erziehung und seinem diplomatischen Drill war es zu verdanken, dass er uns nicht längst an die Luft gesetzt und uns ein für allemal unserem Schicksal überlassen hatte.
»Entschuldigen Sie, Sekretär«, beeilte ich mich zu sagen. »Ich wollte meiner Frau lediglich bedeuten, dass es nun wirklich genug ist. Wir wollen Ihre kostbare Zeit nicht weiter beanspruchen.«
Jennifer rollte mit den Augen. »Es geht nur darum«, sagte sie, »dass es den Piloten auch in einem erdnahen Gefecht zugute käme, wenn sie der Technik der Aggressoren nicht hoffnungslos unterlegen wären.« Und mit einer letzten Aufgipfelung von Arroganz setzte sie noch hinzu: »Aber das müssen Sie gar nicht verstehen.«
»Sie haben recht«, seufzte Kauffmann resigniert. »Alles weitere besprechen Sie am besten mit dem Kanzler.«
Und seine Augen sagten: Wenn Sie jemals Zutritt zu ihm erhalten sollten, was ich zu verhindern wissen werde!
Ich schob mich neben Jennifer, legte den Arm um sie und bewegte sie mit sanftem Nachdruck dazu, uns wieder dem Elevatorschacht zuzuwenden. Sie war fürs erste verstummt. Ich konnte mir halbwegs ausmalen, über was sie brütete, und dabei nur hoffen, dass sie es für sich behielt, bis wir wieder auf unserer Suite waren. Wir bewegten uns langsam und, was Jennifer anging, eher widerstrebend dem Ausgang zu. Sie lehnte sich immer wieder über das mattgraue Geländer und spähte nach rechts und links über die ehrfurchtgebietende Ansammlung von Waffentechnik hinweg ins Halbdunkel. Nur die gegenüberliegende Wand war zu sehen. An ihr lief eine Balustrade um, die der unseren glich. Serviceschächte, Kräne, Munitionsdepots und Lager von Brennzellen waren dort zu erkennen. Während unsere Seite offiziellen Besuchen vorbehalten schien, wurde dort gearbeitet, mit schwerem Gerät hantiert und hochexplosives Material bewegt. Aber nach rechts und links war kein Ende der unterirdischen Halle auszumachen. Sie verlor sich im tropfenden, basaltfarbenen Licht. Was argwöhnte Jennifer, dass uns dort verborgen wurde? Sie schien eine Witterung aufgenommen zu haben, und da ich wusste, dass sie über einen sechsten Sinn verfügte, konnte ich mir ausrechnen, dass sie dem Verdacht nachgehen würde.
Wir hatten die Höhe des Stollens erreicht, der zu den Elevatorschächten führte. Kauffmann bog in den niedrigen Gang ein. Ich hielt mich zurück, während Jennifer vorne am Geländer entlangging und sich nun in der Gegenrichtung absetzte. Ich machte dem Sekretär ein Zeichen, dass er sich nur noch einen Moment gedulden solle. Er seufzte, ließ die Arme in einer perfekten Geste der Machtlosigkeit hängen und folgte uns dann langsam, während Jennifer immer schneller linkerhand den breiten Balkon hinunterlief. Ich war jetzt sicher, dass sie etwas entdeckt hatte, wenn ich mir auch beim besten Willen nicht zu erklären wusste, was es hätte sein können.
Sie war mir schon fünfzig Schritte voraus. In dem diffusen, seltsam schmierigen Licht, das die offenen Flammer über die Bergwerksszenerie warfen, löste sich ihre Gestalt schon beinahe auf. Das Knallen ihrer Schuhsohlen auf dem nackten Felsboden wies mir eher den Weg, als die sichtbare Bewegung ihres Körpers. Man hatte uns in dem hier üblichen monotonen Feldgrau eingekleidet, das schon auf wenige Meter Entfernung mit dem porösen Farbton des Gesteins verschmolz. In einen langsamen Trab fallend, der mir bewusst machte, wie geschwächt ich noch immer war, folgte ich ihr. Ihre Schritte entfernten und beschleunigten sich, bis sie plötzlich aufhörten. Ein unterdrückter Juchzer hallte stattdessen durch das unheimliche menschenleere Gewölbe. Ich beeilte mich zu ihr aufzuschließen und winkte auch Kauffmann heran, der uns langsam, auf seine Haltung bedacht, nachkam. Jennifer lehnte über dem Geländer und sah in die Tiefe. Sie rieb den linken Fuß an der rechten Wade, wie sie es nur in Augenblicken großer Erregung tat, und als sie mich kommen hörte und zu mir aufblickte, sah ich, dass Tränen in ihren Wimpern zitterten.
Ich trat neben sie, und dann fasste auch mich die gleiche Ergriffenheit. Es war wie ein Wiedersehen mit jemanden, den man für tot gehalten hat, die Begegnung mit einem Geliebten, die man nicht mehr für möglich gehalten hatte.
»Warum haben Sie uns davon nichts gesagt?!«, rief Jennifer dem Sekretär zu, der keuchend herbeigelaufen kam.
Trotz meines abgemagerten Zustandes war ich immer noch wesentlich schneller gewesen als er, was mich mit einer kaum wiederzugebenden Genugtuung erfüllte. Kauffmanns Gesicht war gerötet. Er hatte keine Puste mehr. Zu dem Unwillen über diese Eskapade gesellte sich nun noch blanke Verständnislosigkeit. Er fuhr sich mit dem Finger durch den Kragen, um sich Luft zu verschaffen, und starrte uns irritiert an.
»Ich hatte doch keine Ahnung«, schnaufte er.
Wir ließen ihn stehen und wandten uns wieder um. Selten habe ich einen so schönen Anblick genossen. Die Halle hatte sich unmerklich vergrößert. In dem schummerigen Licht war der Effekt kaum aufgefallen, aber auf den mehreren hundert Metern, die wir vom Stollenausgang bis hierher zurückgelegt hatten, hatten sich ihre Breite und Höhe annähernd verdoppelt. Auch die Tiefe, in der der riesige Hohlraum unter uns hinabreichte, hatte zugenommen. Die Jäger standen auf großen treppenartigen Plattformen. Ich vermutete, dass es sich um gigantische Hebebühnen handelte, die die Schiffe zu tiefergelegenen Werften und Hangars absenken oder sie in mehreren Decks übereinander anordnen konnte. Schließlich kam hinzu, dass der breite Balkon, auf dem wir uns befanden, plötzlich in rechtem Winkel nach links abknickte. Die Balustrade folgte dieser Bewegung in entsprechendem Abstand, wobei sie an der Ecke zu einem spitzen Dorn vorstieß; der Balkon war hier zu einer Kanzel ausgezogen, die frei über dem Zentrum der Halle hing. Denn an dieser Stelle zweigten weitere große Räume ab, die wie Querbalken an dem langgestreckten Hauptgewölbe saßen und es zu einer Kreuzform ergänzten. Wir standen im Zentrum dieses Kreuzes. Nach allen vier Seiten gingen gewaltige Hallen ab. Der Hohlraum im Kreuzpunkt war vom abgesenkten Boden bis zur Felskuppel zweihundert Meter hoch. In der Diagonale von einem Eck zum schräg gegenüberliegenden maß er ebenfalls wenigstens ebensoviel. Es war ein Raumeindruck, der dem des Großen Drohnendecks auf der MARQUIS DE LAPLACE nahe kam und der doch ganz anders wirkte. Durch die fahle Beleuchtung, die feuchte Atmosphäre und die wuchtigen, grob zugehauenen Felsmassen kam man sich eher wie in einer Krypta als wie in einem Raumhangar vor, wenn auch in einer Krypta von den Ausmaßen eines sehr großen Domes.
Und mitten in diesem Kreuzungspunkt, die Schnauze uns zugewandte, während das Heck noch einhundert Meter in den Seitentrakt hinausreichte, stand ein Schiff, ein einzelnes, klobiges, schwarz lackiertes Schiff, das die Jäger und Kampfbomber lässig überragte und in den Schatten stellte. Trotz der Höhe unserer Balustrade reichten seine Antennen und Aufbauten über uns hinauf. Der schwere, vierkantige Schädel schien in einer Mischung aus Treue und Demut gesenkt. Das ganze stählerne Wesen strahlte eine robuste Verlässlichkeit aus, wie ein gutmütiges Arbeitstier, ein Wachhund oder ein Ackergaul. Seine Schleusen, Druckkammern, Rampen und Torpedoschächte hielten still. Sie schienen sich uns darzubieten. Und Jennifer streckte die Hand aus, als könne sie über den riesigen leeren Raum hinweg die ölglänzenden Lefzen und die bullige Schnauze dieses Ungetüms kraulen und tätscheln. Es ragte über die Geschwader auf wie eine Termiten-Königin über ihr Volk und war in diese Halle gequetscht wie eine Bulldogge, die sich vorübergehend mit einem viel zu engen Zwinger bescheiden muss.
»Was soll ich sagen«, stammelte Kauffmann, dem unsere Ergriffenheit nicht entgangen war. »Wenn ich gewusst hätte, dass Sie ...«
Jennifer ließ ihn nicht ausreden. »Können Sie es nicht ein bisschen«, begann sie, aber als sie seine perplexe Miene sah, winkte sie ab und begab sich selbst auf die Suche. Sie fand ein stationäres HoloBoard, das in die rückwärtige Felswand eingelassen war. Es gelang ihr, es zu aktivieren. »Beleuchtung!«, befahl sie. »Hochfahren!«
Gewaltige Scheinwerfer flammten in dem riesigen Kreuzgewölbe auf, die das Schiff in seiner ganzen Wucht erhellten und seine stählernen Flanken und die sechs mächtigen Klauen, auf denen es ruhte, aus dem Halbdunkel stanzten. Gleichzeitig war ein fernes Dröhnen zu hören, mit dem tief unter uns, in den Fundamenten dieser erstaunlichen Anlage, ein schwerer Feldgenerator anlief. Dann ging ein Zittern durch den dreihundert Meter langen Rumpf, und langsam, Meter für Meter, schwebte das Schiff vor uns in die Höhe. Die Schnauze kam uns dabei so nahe, dass wir beinahe von der Balustrade aus hätten hinüberspringen können. Die mächtigen Kraftfelder hoben die Bodenplattform soweit an, dass das Schiff bis zu den mittleren Decks auf die Höhe unseres Standpunktes gehievt wurde. Wir konnten durch die Fenster in die Brücke und die Messe sehen und sogar das Innere unserer einstigen Kabine ausmachen.
Kauffmann wollte sich immer wieder an mich wenden, auch wenn ich kaum auf ihn acht gab. Nachdem Jennifer von der Steuereinheit zurückgekehrt war, standen wir ganz vorne auf der Kanzel. Ich hatte den Arm um sie gelegt und spürte ihren Kopf an meiner Brust. Schweigend ließen wir unsere Blicke über das Schiff gleiten, über unser Schiff, über die ENTHYMESIS. In unserem Rücken quengelte Kauffmann herum. Ein unwiderstehlicher Drang, sich zu rechtfertigen, schien sich seiner zu bemächtigen. Vermutlich hatte er erst jetzt, als er das Schiff sah und spürte, was es uns bedeutete, begriffen, mit wem er es zu tun hatte. Sein Tonfall war um etliche Grade ins Kleinlaute abgerutscht.
»Es wurde beschlagnahmt«, erklärte er. »Im zeitlichen Umfeld des Jupiter-Ereignisses. Der Kommandant, der es geflogen hatte, wurde degradiert, später allerdings rehabilitiert. Mit den Details habe ich mich nie beschäftigt. Die Akte ging über den Tisch eines meiner Beamten.«
Jennifer gab ihm zu verstehen, dass er die Klappe halten konnte.
»Ob wir an Bord gehen können?«, fragte sie mich leise.
Ich wiegte den Kopf. »Wie ich sehe«, wandte ich mich an Kauffmann, »haben sie einige Modifikationen vorgenommen.«
Der Sekretär schob sich neben uns und spähte neugierig auf das Schiff hinaus, dessen gewaltiger Leib jetzt im grellen Weißlicht kräftiger Strahler glänzte. »Nun«, sagte er ausweichend. »Alles, was ich weiß, ist, dass es ziemlich mitgenommen war. Es wurde von Grund auf überholt und gewartet, und wohl auch auf den neuesten Stand gebracht.« Er sah mich ratlos an. »Wenn Sie wünschen, kann ich morgen den Leitenden Ingenieur einbestellen, der dafür verantwortlich war.«
Ich registrierte daran zunächst die ganz neue Bereitschaft eines Entgegenkommens. Deshalb beließ ich es vorläufig dabei, ihm dankend zuzunicken.
»Die Torpedoschächte wurden auf Omega-Kanonen umgerüstet«, sagte Jennifer. »Und in das Leitwerk wurde eine Zett-Zwei-Flosse eingezogen.« Sie blickte Kauffmann voller Anerkennung an, der aber offenbar nur Bahnhof verstand. »Ich glaube, ich habe euch Zivilisten unterschätzt“, säuselte sie. »Darauf kann man aufbauen!«
In den nächsten Tagen setzten wir unsere diplomatischen Bemühungen fort. Jennifer überließ das weitgehend mir. Ich war der Besonnenere, und ich hatte auch wesentlich mehr Erfahrung in diesen Dingen. Während sie sich einen kleinen Stab von Technikern und Ingenieuren zusammensuchte und eingehend die Jägerflotte und die ENTHYMESIS inspizierte, kletterte ich auf der Leiter der Hierarchien und Zuständigkeiten auf und ab. Ich ging mit aller Behutsamkeit und Langmut zu Werke, die wir uns unter den gegebenen Umständen leisten konnten. Das Bewusstsein, dass uns die Zeit davonlief, war dabei mein ständiger Begleiter. Zustatten kam mir, dass der Persönliche Sekretär Gordon Kauffmann eine unerwartete Kooperationsbereitschaft an den Tag legte. Irgendetwas musste in den unterirdischen Hangars mit ihm vorgegangen sein. Hatten wir ihn anfangs so in die Enge gedrängt, dass ich zwischenzeitlich fürchtete, er werde nach diesem Lokaltermin jeden weiteren Kontakt mit uns verweigern, so zeigte er sich im Nachhinein plötzlich umgänglich, aufgeschlossen und über alle Maßen hilfsbereit. Rational war es kaum zu erklären. Ich vermutete, dass es mit dem Anblick der ENTHYMESIS zusammenhing, der auf einen Zivilisten beeindruckend, um nicht zu sagen: furchteinflößend genug war. Wir hatten ihm unser Schoßhündchen gezeigt, und dieses Schoßhündchen war zufällig eine Dänische Dogge. Jetzt wusste er jedenfalls, was für Leute wir waren, und er beeilte sich, uns zu Diensten zu sein.
Diese Dienste konnte ich auch dringend brauchen. Ohne seine Funktion als Türöffner, juristischer Berater, Dolmetscher des politischen und verwaltungstechnischen Jargons und nicht zuletzt seelischer Beistand hätte ich es nicht geschafft. Zunächst ging es darum, meinen Anspruch auf die ENTHYMESIS geltend zu machen. In rascher Folge wurde ich von einem Zimmer ans nächste verwiesen. Mehrere Tage brachte ich in den Vorzimmern der Herren und Damen Minister, Direktoren und Sekretäre, Beauftragten und Kommissare, Generale und Behördenleiter zu. Meine Aufenthalte in den eigentlichen Büros und Besprechungszimmern der Herrschaften währten stets nur wenige Minuten. Ich sagte stets mein gleiches Sprüchlein auf, das Ergebnis war ebenfalls stets das gleiche, nämlich keines. In der Regel nannte man mir einen weiteren Namen, eine neue Zimmernummer, eine andere Abteilung. Am Ende stand zu befürchten, dass die Vorgänge in der Nacht von Pensacola in einem förmlichen Revisionsprozess neu aufgerollt werden würden. Das würde Monate dauern, aber wir hatten nur noch Wochen, vielleicht nur noch ein paar Tage. Ich beschloss daher, meine Taktik zu ändern.
Statt zu bitten und Rat einzuholen, stellte ich Forderungen und erhob Ansprüche. Statt höflich zu sein, wurde ich auftrumpfend. Statt mich abspeisen zu lassen, leistete ich mir einige Ausfälle. Statt mich auf der Ebene des mittleren Verwaltungsbaus hin und her schieben zu lassen, schrie ich mich zum jeweiligen Vorgesetzten durch. Statt zu fragen, ordnete ich an. Statt zu grüßen, erteilte ich Befehle. Statt diplomatisch vorzugehen, wurde ich unverschämt. Schließlich richtete ich mich direkt an den Kanzler, die Zuständigkeit des Ministers großzügig überspringend. Es kam zu einer persönlichen Unterredung, der ersten seit seinem Fünfminuten-Besuch an unserem Quarantäne-Bett. In eindringlichen Worten und sekundiert durch Kauffmann, den ich zuvor noch einmal ins Gebet genommen hatte, versuchte ich ihm die Situation klarzumachen. Wir waren in einem Shuttle hierher gekommen, das wir auf dem Raumhafen von Sina City im Rahmen eines verlustreichen Feuerüberfalls entwendet hatten. Die Sineser wussten, dass wir hier waren, oder sie würden es durch die nächste Warpsonde erfahren, die in spätestens zwei Wochen das Sonnensystem verlassen würde. Ich erläuterte ihm die Situation der MARQUIS DE LAPLACE und legte ihm die Lage der neugegründeten Kolonien in der Eschata-Region dar. Das prekäre Schicksal Jill Lamberts und WO Taylors verschwieg ich ihm, ebenso unsere Abmachung mit den Tloxi. Ich hütete mich, Jennifers Plan, den sie noch in den Katakomben von Sina City entwickelt hatte, auszuplaudern.
Der Kanzler hörte mir wohlwollend und konzentriert zu, aber er machte den Anschein, als rede ich in einer ihm nicht geläufigen Sprache. Er hatte die Ochsentour durch die Zivilverwaltung gemacht. Weiter als bis zu den Mondstationen und den Marsbasen war er nie gekommen. Er konnte sich unter den Räumen jenseits des Asteroidengürtels genauso wenig vorstellen wie unter einem generatorgestützten, phasenverschobenen Warpantrieb. Als Mann des Volkes, der er im Grunde war, war er froh, dass die Seuchen abgeklungen waren und dass die Ernährung der Bevölkerung wieder sichergestellt war. Er empfand Erleichterung darüber, dass die Ringe, die aus dem Jupiterdurchgang hervorgegangen waren, sich stabilisiert hatten und dass der Meteoritenregen, den sie anfänglich gespeist hatte, zurückging. Auf seine defensiven Maßnahmen, von deren Entschlossenheit wir uns hatten überzeugen können, war er zu recht stolz. Alles weitere überstieg seinen Horizont. Er war im Inneren seines Herzens ein bodenständiger Mensch, der schlechterdings nicht glauben wollte, was ich ihm an Bedrohungsszenarien an die Wand malte. Er hatte im Leben keinem Sineser gegenübergestanden, und obwohl er selbst dieser Partei nicht angehörte, wusste er, dass es eine wachsende Fraktion von Leuten gab, die schlechterdings leugneten, das Jupiter-Ereignis stünde überhaupt in einem kausalen Zusammenhang mit Handlungen, die von Sina ausgegangen seien. Dass Sina nie die offizielle Verantwortung für die Attacke übernommen hatte, erwies sich von hier aus als genialer Schachzug. Tragischerweise waren es die potentiellen Opfer, die darauf hereinfielen und die sich noch etwas darauf zugute hielten.
Ich musste meine gesamte Überredungskunst aufbieten, um ihn davon zu überzeugen, dass Sina existierte und dass dort keine guten Menschen wohnten. Glücklicherweise kamen mir nicht nur Gordon Kauffmann, sondern auch einige der anderen Adjutanten und Sekretäre des Kanzlers zuhilfe, die der Auseinandersetzung gefesselt folgten. Ich vermutete, dass auch sie von ihren eigenen Beweggründen getrieben wurden. Sie standen dem militärischen Stab näher als dem zivilen und erhofften sich etwas für ihre eigene Karriere, oder sie hatten einen Onkel, der eine Fabrik für Torpedoplasma betrieb. Das alles konnte mir gleichgültig sein, solange es meine Position stärkte. Kauffmann kannte sich hier besser aus, und er wusste es geschickt zu benutzen. Ich merkte es daran, wie er einzelne Berater des Kanzlers mehr ins Gespräch zog, während er anderen das Wort abschnitt. Das meiste, was dabei hinter den Kulissen ablief, musste mir verborgen bleiben. Ich legte auch keinen Wert darauf, in die persönlichen Intrigen eingeweiht zu werden, die bei einem solchen Vorgang auch noch alle berücksichtigt werden mussten.
Am Ende kam ein klassischer Formelkompromiss heraus. In der Präambel des Papiers, das dazu aufgesetzt wurde, wurde der rein defensive Charakter unserer Maßnahmen hervorgehoben. Der Kanzler übergab mir weitreichende Kompetenzen, und ich verpflichtete mich, diese einzig zur Beförderung des Friedens und zum Wohle der unierten Menschheit zu benutzen. Dann kam das Kleingedruckte. Mir wurde das sinesische Shuttle, die ENTHYMESIS, sowie die Hälfte der Jägerflotte unterstellt. Ihr offizieller Auftrag war es, in die Eschata-Region verlegt zu werden, um die dort neu gegründeten Kolonien zu sichern. Für den Konvoi selbst bekam ich außerdem das zeitlich befristete Kommando über zwei schwere Transporter und, als Geleitschutz, ein Schlachtschiff, das vor einiger Zeit in den Asteroidenwerften vom Stapel gelaufen war. Diese letzten Schiffe mussten am Ende der Mission in den erdnahen Raum zurückgeschickt werden. Gelesen und gezeichnet: der Kanzler und ich.
»Das ist mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte«, sagte Jennifer, als ich am Abend zu Tode erschöpft neben ihr ins Bett fiel. »Dass ein Teil der Jägerstaffeln hier bleibt, deckt sich mit meinen Absichten. Schließlich müssen wir auch an den Tross denken.«
Der »Tross«, das war die Erde, das Sonnensystem, unsere Heimat und unser Rückzugsgebiet, unsere Basis, von der wir schon so lange abgeschnitten gewesen waren. Seit sie sich in strategischen Planungen erging, gewöhnte sie sich ein militärgeschichtliches Vokabular an. Nicht nur ihr Vater, der alte Ash, war ein begeisterter Hobby-Historiker gewesen, der seine Pensionszeit zur Abfassung eines anerkannten Standardwerkes über die Punischen Kriege genutzt hatte, auch sie hatte dieses Faible nie verleugnet. Als Jugendliche hatte sie sich kreuz und quer durch die umfangreiche althistorische Bibliothek ihres Vaters gelesen, sie entdeckte ihre Leidenschaft jetzt wieder und verschlang Dutzende von alten Chroniken und Militaria. Ihr Jargon troff von Wörtern wie Nachschublinien und Flankenbildung, Zentrum und Keil, Flügel und Hauptmacht, Versorgung und Durchstoß. Und eben Tross. Sie saß stundenlang über ihrem MasterBoard, auf dem sie kleine Symbole hin und her schob. Eine blaue Spindel war ein Jagdgeschwader. Ein rotes Dreieck war ein Schlachtschiff. Ein langer gelber Balken war die MARQUIS DE LAPLACE. Sie konfrontierte mich mit Details aus der Kriegsgeschichte. Waterloo, Cannae, Issos, Tannenberg gingen ihr wie Alltagsbegriffe von den Lippen. Ihr Codename für das, was sie in bezug auf die Sineser ausheckte, war kein geringerer als »Gaugamela«.
In den nächsten Tagen forcierten wir unsere Anstrengungen noch. Die Vollmacht in der Tasche, ging es nun darum, das alles auch in die Tat umzusetzen. Jennifer verbrachte jede freie Minute in den unterirdischen Hangars, wo sie den Teil der Flotte auswählte, der uns nach Eschata begleiten sollte. Mit den Technikern sprach sie die Reprogrammierung der Warpgeneratoren durch. Glücklicherweise ließ diese sich zentral bewerkstelligen und von der Automatik auf viele Einheiten überspielen. In improvisierten Seminaren unterwies sie die Piloten im Gebrauch der neuen Technologie. Die wenigsten konnten sich darunter etwas vorstellen. Sie waren an Simulatoren ausgebildet worden und fieberten dem Augenblick entgegen, da sie zum ersten Mal in den Orbit aufsteigen würden. Dennoch waren sie begeistert bei der Sache, und es meldeten sich mehr Freiwillige, als wir in unserem Geschwader unterbringen konnten.




