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Derweil kümmerte ich mich um den Rest unserer Armada. Auch auf dem Mars standen Mannschaften und Maschinen, die mir unterstellt werden würden, und der Marschbefehl musste auch an die Asteroidenwerften übermittelt werden, die die großen Schiffe ebenfalls auf erweiterten Warp umrüsten mussten. Dazu bedienten wir uns eines Kommunikationsverfahrens, das die Zivilregierung in den Jahren seit dem Jupiter-Ereignis entwickelt und mittlerweile zur Perfektion gebracht hatte. Ich lernte aus all’ dem, dass das Verhältnis zu den Sinesern und ihren Überwachungssonden doch nicht so blauäugig war, wie es mir während der Verhandlungen geschienen hatte. Immerhin hatte man es fertiggebracht, ein beachtliches Flottenbauprogramm in die Tat umzusetzen, ohne sinesische Gegenmaßnahmen zu provozieren.
Zur Übermittlung von Nachrichten an die Marsbasen und die anderen extraterrestrischen Stellen bediente man sich alter, längst vergessen oder ausgestorben geglaubter Sprachen und Dialekte. Da man davon ausging, dass der gesamte Funkverkehr von den sinesischen Warpsonden abgehört und in Sina City ausgewertet wurde, musste man sich etwas einfallen lassen, um militärisch und logistisch brisante Mitteilungen zu verschlüsseln. Und da man ebenfalls davon auszugehen hatte, dass die sinesischen Experten jeden mathematischen Schlüssel knacken würden, besann man sich anderer Kommunikationsmöglichkeiten, deren Strukturen gewachsen und daher nicht algorithmisch zu dechiffrieren waren. Das waren die vielen Sprachen und tausende von Dialekten, die es einmal auf der Erde gegeben hatte, ehe das Unierte Englisch diesen Wildwuchs in einem groß angelegten Heckenschnitt beseitigt hatte. Freilich war es nicht damit getan, dass man alte Wörterbücher und Grammatiken aufstöberte, die sich in der Library of Congress oder in irgendeinem Regionalarchiv hätten finden lassen. Man hätte auch sie übermitteln müssen und dem Gegner damit den Schlüssel geliefert. Es mussten Muttersprachler sein, und das zu einer Zeit, in der die Menschheit durch den Jupiter-Durchgang dezimiert und verelendet war und in der die Union seit mehr als zwei Jahrhunderten eine kulturelle Gleichschaltung durchgeführt hatte. Das Verkehrsenglisch hatte die lokalen Sprachen und Literaturen beinahe vollständig verdrängt, und in den Jahren unmittelbar nach der Katastrophe war das Interesse an ausgestorbenen Dialekten naturgemäß noch sehr viel geringer. Man hatte anderes zu tun.
Es war der geniale Einfall des Kanzlers – oder eines seiner Berater, dessen Namen man nie erfahren würde –, diese halb verschollenen Sprachen nicht nur auszugraben, sondern sie zu aktivieren und sie in den Dienst der gemeinsamen Sache zu stellen. Und das große Wort von der Unierten Menschheit bekam dadurch wieder einen neuen, anderen, inhaltsvolleren Sinn. Ob es ursprünglich Cole Johnson selbst war, der die zündende Idee hatte, mag im Nachhinein als nebensächlich erscheinen; fest steht, dass es seiner Tatkraft zuzuschreiben war, dass das Projekt auch verwirklicht wurde. Mit großem organisatorischen Aufwand und bei strengster Geheimhaltung wurden die Kontinente durchforstet. Und in den anschließenden Monaten füllten sich die Fracht- und Passagierschiffe, die zu den Marsbasen, den Asteroidenwerften und den letzten Außenposten auf den Saturnmonden unterwegs waren, mit seltsamen Reisenden.
Alte Samen aus den abgelegenen Tundren Skandinaviens flogen zu Verwandtenbesuchen auf den Roten Planeten. Kauzige Professoren, die sich vor Jahrzehnten des Uigurischen, Mongolischen oder Serbokroatischen angenommen hatten, hielten Seminare und Ringvorlesungen quer durch das Sonnensystem. Man stöberte zahnlose Tibeter auf, und die Fährschiffe waren bevölkert von Indiofrauen, die noch des Qechua mächtig waren. Die Steppen- und Gebirgsregionen der Erde wurden nach einsamen Stämmen durchstöbert, deren Vertreter man zu Folkloredarbietungen und Weiterbildungen auf die weit entfernten Stationen schickte. Und allmählich verschwand das Unierte Englisch aus dem offiziellen und weniger offiziellen Funkverkehr. Ein babylonisches Stimmengewirr füllte die Kanäle. Man holte die letzten Navajo und Papua aus ihren Reservaten und ließ sie über Milliarden Kilometer hinweg Belangloses plaudern. Man verstreute Familien und Sippen, die sich ihres eigenen Idioms bedienten, über riesige Räume. Schließlich entdeckte man die Möglichkeiten der nonverbalen Kommunikation. HoloVideos wurden übertragen, auf denen Trachtenumzüge zu sehen waren, wobei die Nuancen der Kostümierung oder die Details der Abläufe nur noch den Bewohnern eines einzigen Dorfes verständlich waren. Die Gebärdensprache der afrikanischen Tschagga kam ebenso zum Einsatz wie das unverständliche und gehaltvolle Gestammel buddhistischer Schamanen. Das Sonnensystem verwandelte sich in einen Basar der Kulturen, bei dem nicht zwei Nachrichten in der gleichen Sprache übermittelt wurden und bei dem der Reichtum der Dialekte, der religiösen Anspielungen, der traditionsgebundenen Rituale und der Geheimwörter jeden Mithörer in die Verzweiflung treiben musste. Details der Triebwerkstechnik oder der Sondenprogrammierung wurden in korsischer oder kretischer Mundart durchgegeben. Oder man bediente sich philosophischer Zitatenschätze und Sprichwortsammlungen konfuzianischer Weistümer, um Marschbefehle und Truppenverlegungen zu transportieren. Alte Frauen aus Feuerland oder von den Sundainseln hockten, Pantoffeln an den Füßen, Wollsocken strickend, in den schweren Kreuzern und auf den wenige Mann starken Vorposten jenseits der Neptunbahn und nuschelten miteinander über Familientratsch und längst verblichene Affairen, in die sie hin und wieder ein Codewort oder eine Produktionsziffer einfließen ließen. Aus den Lautsprechern der offenen Kanäle scholl das heisere Bellen arabischer Untersprachen, die nur noch von wenigen libyschen Nomaden beherrscht wurden. Der Äther war erfüllt vom Singsang hinduistischer Tempelzeremonien oder hebräischer Gebete, in deren Variationen der Eingeweihte eine verklausulierte Information zu entdecken vermochte. Und um das Chaos perfekt zu machen, war der gesamte Funkverkehr auf eine Stunde am Tag beschränkt. Dann quollen die Kanäle über, während in der restlichen Zeit im ganzen Sonnensystem Funkstille herrschte. Das erklärte auch, warum bei unserem Anflug auf die Erde sämtliche Wellenlänge geschwiegen hatten wie nach einem Weltuntergang.
»Das Programm«, schloss Kauffmann, als er mich davon in Kenntnis setzte, »war ein voller Erfolg. Nicht nur deshalb, weil es uns eine Vielzahl von Verschlüsselungsmöglichkeiten bot, die wir kaum selbst noch überblickten, sondern auch, weil es uns den Reichtum unserer gemeinschaftlichen Überlieferung wieder zum Bewusstsein brachte, den wir beinahe dem Vergessen hätten anheimfallen lassen. Selten habe ich so viele stolze und selbstbewusste Menschen gesehen wie unter den anatolischen Hirten und indonesischen Fakiren, den singapurer Geschäftsleuten und australischen Aborigines, die wir anheuerten, weil sie über ein Wissen und eine Fertigkeit verfügten, die in der ganzen Galaxis einzigartig und nicht zu reproduzieren ist.«
Ich mochte das gerne glauben, verriet das Leuchten in seinen Augen mir doch, wie sehr das Projekt ihn begeistert hatte und noch begeisterte. Vor allem aber setzte es uns in Stand, den geplanten Aufmarsch voranzutreiben. Selbst wenn noch eine der sinesischen Sonden ablegen und ihre Informationen nach Sina bringen sollte, würde man dem zum Prinzip erhobenen Kauderwelsch dort schwerlich etwas entnehmen können. Und was für Informationen wurden in diesen Tagen nicht verschoben! Endlose Listen mussten abgearbeitet werden. Truppenstärken, Aufstellungen von Material und Nachschub, Treibstoff- und Munitionsvorräte, Organisation von Konvois und Zusammenstellung von Geleitzügen, komplizierte Staffelung von Befehlsstrukturen, Flugrouten, Computerprogrammierungen, Gefechtspläne. Alles wurde im speziellen Argot der Unterwelt von Buenos Aires oder im scholastischen Jargon theologischer Experten übermittelt.
Endlich waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Die größte interstellare Armada, die je einem Kommandanten unterstellt worden war, stand bereit, auf meinen Befehl hin in den Warpraum aufzubrechen. Selbst ein Stein hätte ein mulmiges Gefühl gehabt. Seit Tagen schlief ich schlecht. Mein Magen, dessen Dienste zur Wiedererlangung meines Kampfgewichtes dringend nötig gewesen wären, revoltierte. Ich musste mich zu den Mahlzeiten zwingen; dennoch stagnierte mein Heilungsprozess. Aber darauf durften wir jetzt keine Rücksicht mehr nehmen.
Bis jetzt war alles nur Papier und vielstimmige, babylonisch verbrämte Absicht. Noch war kein Schuss gefallen, kein Triebwerk gezündet, hatte sich kein Hangartor geöffnet. Selbst für den aufmerksamen Beobachter dürfte sich allenfalls eine Zunahme des Funkverkehrs ergeben haben. Alles andere hatte im Verborgenen stattgefunden, in unterirdischen Werften oder in der Kryptik unverständlicher Mitteilungen. Das würde sich nun ändern. Mit dem Befehl zum Abheben durchschritten wir ein Tor, das sich im selben Augenblick krachend hinter uns schließen würde. Noch konnten wir die ganze Aktion abbrechen, aber wenn morgen die ENTHYMESIS und die Jägerstaffeln die Feldgeneratoren anwarfen und die Reaktoren zündeten, gab es kein Zurück mehr. Dann waren die Würfel geworfen, die fallen würden, wie sie fallen mussten. Alles lag dann in Gottes Hand. Leider gab es keinen Gott, dessen tröstlicher Grausamkeit wir uns anvertrauen konnten. Wir mussten selbst wissen, was wir taten. Es hing alles von uns selbst ab. Das machte es nicht gerade leichter.
Am letzten Abend vor dem Starttermin kamen wir in kleinem Kreis mit dem Kanzler und seinem Persönlichen zusammen. Es wurde ein exquisites Menü serviert, dazu erlesene Weine, teilweise allerneuester Jahrgänge. Zumindest was die Agrikultur betraf, war die Menschheit wieder über den Berg. Was ihre galaktischen Ambitionen anging, das mussten die nächsten Tage erweisen. Gedämpfte klassische Musik erfüllte den Raum, ein kleines Kabinett in einer der höchsten Etagen der Bunkerfestung. Es war eine ausgeschalte Bergspitze, einige hundert Stockwerke über den Wohn- und Regierungstrakten, in denen wir die letzten Wochen verbracht hatten. Massive Felswände schlossen sich zu einer Kuppel über dem privat anmutenden Zimmer. Nach allen Seiten waren große Fenster in das Gestein gebrochen, sodass wir einen umfassenden Blick über die Landschaft genießen konnten. Tief unter uns rauschte der Fluss in seinem gewundenen Bett. Das Tal hatte sich in den vergangenen Tagen von der Sohle her zu begrünen begonnen. Die Mandelbäume hatten die Blüte beendet und hellgrün knospendes Laub hervorgetrieben. Krokusse bildeten blaue Lachen, die aus dieser Höhe wie schimmernde, vom Wind gewellte Weiher aussahen. Aber auch Magnolien und wilde Obstbäume blühten schon. Der Abendhimmel war klar. Im Lauf der Mahlzeit trübte er sich flamingofarben ein und loderte dann für wenige Augenblicke wie Lava auf, ehe er rasch erkaltete und steingrau wurde. Die ersten Sterne zogen auf. Die Ringe wurden sichtbar, die bei Tag von der Sonne überstrahlt wurden, sich jetzt aber als hauchfeine silberglänzende Filamente über das südliche Firmament zogen. Ich hatte darauf gedrungen, die Batterien, die sich dort befanden, zu verstärken. In den größeren Trümmern, die nach Kilometern maßen, waren zahlenkräftige Einheiten untergebracht, die mit ihren Geschützen einen wirkungsvollen Sperrgürtel bildeten. In den kleineren Bruchstücken bis herab zu Felsbrocken von wenigen Metern waren automatische, KI-gesteuerte Kanonen montiert worden. Man hoffte so, die erste Welle einer Invasionsarmee auffangen oder sie so lange in Schach halten zu können, bis die Jagdgeschwader aufgestiegen waren. All das war ungewiss. Aber allein die Anstrengungen der zurückliegenden Wochen hatten noch einige besonders eklatante Lücken geschlossen.
Dem Kanzler war mein sorgenvoller Blick zum Himmel nicht entgangen. »Von morgen an lastet eine schwere Verantwortung auf Ihren Schultern«, sagte er. Das war das Zeichen, dass der der Konversation gewidmete Teil des Abends beendet war. Die Teller und Schüsseln, die in meinem Fall fast unberührt waren, wurden abgetragen. Liköre, Kaffee, Qat-Zigaretten und echte Tabakwaren wurden gereicht.
»Ich kann nur hoffen«, fuhr Seine Eminenz fort, »dass Sie sich dessen bewusst sind.«
Jennifer ließ sich einen Rhabarber-Kiwi-Drink mixen, während ich befand, dass ich einen Whisky brauchen konnte. Kauffmann bestellte einen Mokka. Der Kanzler blieb beim Wein, zündete sich aber eine Zigarette an.
»Das Schicksal einer großen Flotte liegt in ihren Händen. Vielleicht das der ganzen Menschheit.« Er paffte blaue Rauchwolken und sah mich durch die kreisförmigen Kringel durchdringend an.
»Selbstverständlich sind wir uns darüber im klaren«, beeilte ich mich zu sagen.
Ich wählte den Plural, weil mir aufgefallen war, dass er mit einer Miene zwischen Jennifer und mir hin und her blickte, die zu besagen schien, dass er sie für die eigentliche Antreiberin des ganzen Unterfangens hielt. Was nicht falsch, aber auch nicht vollkommen richtig war; ich stand durchaus hinter ihren Überlegungen.
»Wenn ich recht informiert bin«, sagte Cole Johnson mit einem Seitenblick zu seinem Sekretär, »ist den Sinesern bisher sowohl der Aufenthaltsort der MARQUIS DE LAPLACE als auch die Position der von Ihnen neugegründeten Kolonien unbekannt.“ Er zögerte, als denke er über etwas nach, das ihm entfallen war.
»Die Region Eschata«, warf Kauffmann ein, »im Nebel M42.«
Jennifer und ich nickten.
»Wenn Sie nun dorthin fliegen«, fuhr der Kanzler nach einem Moment der Zerstreuung fort, »werden Sie die Aufmerksamkeit der Sineser unweigerlich auf diese Regionen lenken.«
Jennifer machte eine Bewegung, als wolle sie das Wort ergreifen, aber der Kanzler ging nicht darauf ein. Ich berührte sie am Arm, um sie zurückzuhalten.
»Wir können nur hoffen«, seufzte Johnson, »dass sie das nicht als aggressiven Akt auffassen. Ich werde deshalb ein diplomatisches Kommuniqué übermitteln, in dem ich die friedlichen Absichten dieser Kolonisierung und den rein defensiven Charakter unserer Wiederbewaffnung herausstreiche und auf eine Wiederaufnahme der Gespräche dringe.«
Er schwieg und sog an seiner Zigarette, die er dann im Aschenbecher ausquetschte. Der Geruch von echtem verbranntem Tabak, der in dem geschlossenen Raum noch sehr viel intensiver war, faszinierte mich. Allerdings war ich so schwach auf dem Magen, dass mir der bloße Gedanke daran, auch nur eine Runde zu Qatten, beinahe übel werden ließ.
»Schließlich haben wir ja nicht vor, Sina zu überfallen oder so etwas.«
Der Satz des Kanzlers hallte in der betretenen Stille wider. Wir mussten etwas entgegnen, aber mir fiel nichts ein. Glücklicherweise ergriff Kauffmann das Wort und wies darauf hin, dass die Sineser nach Lombok alle Verhandlungen abgebrochen hatten und seit dem Jupiter-Ereignis auf allen diplomatischen Kanälen geräuschvoll schwiegen.
»Das muss ja nicht immer so bleiben«, murmelte Seine Eminenz.
Ich konnte ihm unumwunden beipflichten. Er hatte recht: unser Verhältnis zu Sina musste auf eine völlig neue Grundlage gestellt werden. Was seinen Argwohn, wir könnten die Kolonien verraten, anging, konnten wir ihn beruhigen. Dieser Punkt hatte uns selbst die meisten Kopfschmerzen bereitet, und wir konnten nur hoffen, dass wir uns nicht selbst belogen, wenn wir seine Zweifel zerstreuten. Wir hatten vor, zunächst die Dunkelwolke anzufliegen. Die besonderen Eigenschaften der Dunklen Materie brachten es mit sich, dass Warpsignaturen geschluckt wurden. Zwar wussten wir nichts über den aktuellen Aufenthaltsort der MARQUIS DE LAPLACE. Sie musste sich aber in der Nähe der Dunkelwolke im Kleinen Korridor befinden. Und wenn ich Wiszewsky richtig einschätzte, bzw. wenn er die Situation ebenso einschätzte, wie ich es an seiner Stelle getan hätte, gab es sogar eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass er das Mutterschiff selbst in die Dunkelwolke verlegt hatte. Das war nach unserem Verschwinden und in Anbetracht der sinesischen Späher, die den Kleinen und den Großen Korridor durchforschten, die einzige logisch erscheinende Möglichkeit. Nachdem wir unser Geschwader dorthin verlegt und den Kontakt zur MARQUIS DE LAPLACE hergestellt hatten, würden wir weitersehen. Über unsere Planungen, die über diesen Punkt hinausgingen, schwiegen wir uns wohlweislich aus.
Wenig später hob der Kanzler die Runde auf. Er verabschiedete sich feierlich und ein wenig müde von uns. Wir dankten ihm förmlich für sein Entgegenkommen und das in uns gesetzte Vertrauen. Dann packte ich Kauffmann an der Schulter. Ohne ihn hätten wir es nicht bis hierher geschafft. Die körperliche Geste war ihm unangenehm. Aber die Anerkennung für seine unermüdliche Unterstützung schmeichelte ihm sichtlich. Schwer zu sagen, wofür er uns eigentlich hielt. Für Abenteurer, Haudegen, Wahnsinnige. Für verantwortungsbewusste Leute ganz sicher nicht. Und dennoch hatte er in die Wege geleitet, dass uns Machtmittel in die Hand gegeben wurde, die kaum ein anderer Kommandant in der noch jungen interstellaren Geschichte der Unierten Menschheit jemals auf sich hatte vereinen können. Selbst General Rogers hatte erst auf dem Höhepunkt der Schlacht von Persephone, im Angesicht der drohenden Niederlage, als er alle Kompetenzen über die Flotte an sich zog und den bis heute umstrittenen völkerrechtswidrigen Antimaterieangriff befahl, eine vergleichbare Armada seiner Person unterstellt gehabt. Schon eine Stunde später, nach dem Untergang der Großen Sinesischen Flotte, hatte er einen Großteil der Befehlsgewalt wieder abgeben müssen.
»Ist das herrlich«, jubelte Jennifer. »Endlich ein Schiff, mit dem man online kommunizieren kann, ohne sinesische Hieroglyphen. Und ordentlich aufgemotzt haben sie die Alte!«
Obwohl wir auf der Passage eigentlich nur Gäste waren und die ENTHYMESIS offiziell dem Kommando eines altgedienten Captains unterstellt war, hatte sie es sich nicht nehmen lassen, selbst den Hauptbedienplatz einzunehmen und den Piloten dazu zu verdonnern, die zweite Konsole einzunehmen.
»Alle Systeme arbeiten einwandfrei«, meldete sie. »Aber wir haben jetzt wesentlich mehr Saft unter der Haube. Von den militärischen Spielereien ganz zu schweigen.«
Ich ging auf der Brücke hin und her und registrierte die sanften Erschütterungen, mit denen der Reaktor des Explorers anlief. Noch konnte ich es nicht glauben. Alles war unwirklich. Die wohlvertraute Umgebung kam mir fremdartig und phantastisch vor.
Nachts hatten erschreckende Albträume mich gequält. Sinesische Geschwader waren ins Sonnensystem eingebrochen. Überall, von der Merkurbahn bis zum Uranus-Orbit, öffneten sich Warpkorridore aus denen unzählige schnelle Jäger hervorquollen wie Wespen aus ihrem Nest. Schwere Schlachtschiffe tauchten in die Erdumlaufbahn ein und nahmen die Batterien in den Ringen unter Feuer. Ikosaeder-Kampfstationen wälzten sich über ganze irdische Flottenverbände und vernichteten alles, was in ihre Reichweite kam. Warpraumsonden materialisierten sich vor sämtlichen Planeten und attackierten sie mit Annihilationswaffen. Eine Welt nach der anderen wurde aus ihrer Bahn geworfen und stürzte in die Sonne. Am Ende war auch die Erde nicht mehr als eine zerstäubte Partikelwolke, die flirrend im Raum hing und von den Protuberanzen unseres Zentralgestirns aufgeleckt wurde.
Ich erwachte um sechs Uhr morgens, maltraitiert und zerschlagen, wie ich es von keiner schlaflosen Nacht hätte sein können. Draußen graute gerade ein kalter Morgen. Vielleicht der letzte, den ich über einen irdischen Horizont würde steigen sehen. Das Bett neben mir war leer. Ich fand Jennifer auf dem Balkon, wo sie nackt in der Frostluft saß und meditierte.
Kaufmann erwartete uns im Elevatorschacht. Er geleitete uns noch bis zur ENTHYMESIS, die aufgetankt und vollständig munitioniert im Zentrum des großen Kuppelkreuzes stand. Wir verfolgten gemeinsam, wie das sinesische Shuttle verladen wurde. Auf einer komplizierten Abfolge von Generatorschächten, Kraftfeldern, Hebebühnen und Schwenkkränen hatte man es bis vor die weit geöffnete Steuerbordrampe der ENTHYMESIS bugsiert. Jetzt schwebte das erstaunliche Gefährt, das uns einmal rings um den Äquator des gesamten Kosmos getragen hatte, wenige Meter vor der Luke des Drohnendecks unseres Explorers. Die Laderäume der ENTHYMESIS waren mit warpfähigen Lambda-Ionensonden, Antimaterietorpedos, Brennzellen und Zusatztanks vollgestopft. Nicht zuletzt hatten wir vier leichte Jäger und mehrere hundert Mann an Bord genommen. Aber ein Winkel war noch ausgespart geblieben. In ihn dirigierten die Techniker, unterstützt von feldgetriebenen Robotern jetzt das Shuttle, das sonderbar plump, wie ein gemästeter Käfer, in den unsichtbaren Seilen der Gravitationsgeneratoren hing. Es war in der Zwischenzeit repariert, gewartet, auf Uniertes Englisch umprogrammiert und betankt worden. Die unverwüstliche Technik stand für neue Herausforderungen bereit. Für die Passage allerdings musste es mit einem Touristenplatz in der vollgepfropften Drohnenkammer der ENTHYMESIS vorlieb nehmen.
Als die Ladeklappen sich surrend schlossen und mit hydraulischem Schmatzen verriegelten, drückten wir Kauffmann die Hand und verabschiedeten uns von ihm. Ich hatte diesen korrekten, karrierebewussten Beamten, der so auf seine gewienerten Schuhe, den Sitz seiner Krawatten und die manikürten Fingernägel bedacht war, liebgewonnen. Beinahe hätte ich ihm vorgeschlagen, uns zu begleiten. Was er wohl gesagt hätte, wenn wir jenseits der Milchstraße aus dem Warpkorridor herauskamen? Aber er passte weder auf ein militärisches Schiff, als das wir die ENTHYMESIS jetzt wohl oder übel ansehen mussten, noch unter die raubeinigen Kolonisatoren der Eschata-Region. Sein Platz und seine Aufgabe war hier, in der Zivilverwaltung, wo er seine Fäden ziehen und seine Intrigen spinnen konnte. Es kamen größere Herausforderungen auf ihn zu, als er selbst zu diesem Zeitpunkt ahnte. Er war der Meinung, im Augenblick unseres Starts sei er uns los und aller von uns verursachten Probleme ledig; und wir sahen nicht ein, weshalb wir ihn nicht in diesem Glauben lassen sollten. Mit einem letzten Nicken wandte er sich ab und ging mit seinen weichen Schultern und seinem irgendwie femininen Gang zum Elevatorschacht zurück. Wir stapften die Backbordrampe hinauf und gingen an Bord.
Als alle Systeme hochgefahren waren und grünes Licht zeigten und als Jennifer mir über die Schulter hinweg das Good-to-go-Zeichen machte, fragte ich die Staffelführer ab. Die ganze Flotte war in Geschwader untergliedert und diese wiederum in Staffeln. Jede Staffel bestand aus zwölf bis fünfzehn Maschinen und unterstand einem Staffelführer. In rascher Folge gingen deren Okays bei mir ein. Ausnahmslos alle Maschinen waren bemannt, munitioniert, betankt und startklar. Es bereitete mir ein archaisches Vergnügen, die Außenmikrophone auf Automatik zu schalten und über einen offenen Kanal dem gewaltigen Dröhnen zu lauschen, das die kilometerlange, kreuzförmige Halle erbeben ließ. Hunderte starker Feldgeneratoren liefen heulend an. Reaktoren wurden angefahren, Ionentriebwerke waren zur Zündung bereit. Warpspulen warteten darauf, dass die Plasmakammern ihnen die nötige Energie zuführten, um lichtjahrweite Korridore auszureißen und, auf über tausend Hertz oszillierend, die Galaxis zu durcheilen. Die letzten Serviceroboter flitzten zwischen den warmlaufenden Maschinen hin und her. Hier wurde noch ein Tankschlauch entfernt, dort ein Druckausgleich hergestellt. Dann zogen die Mechanikerteams sich zurück. Die Luft in der Halle brodelte und kochte. Die Schmiede der Titanen war zum Leben erwacht, wo Hephaist und seine Gesellen die Waffen für einen neuen troianischen Krieg in ihren unterirdischen Essen härteten.
Als ich mich von der Einsatzbereitschaft der Flotte überzeugt hatte, ließ ich mich mit dem Tower verbinden, der wie ein Schwalbennest über uns unter der Decke der gewaltigen Felskonstruktion hing. Ich verspürte ein letztes Zögern. Noch war nichts geschehen. Aber schon in wenigen Minuten war alles unumkehrbar. Jennifer sah sich fragend nach mir um. Ihre Finger flatterten nervös über dem Hauptbedienpult, wie Kolibris, die darauf warteten, ihre Saugrüssel in die goldenen Nektarkelche einer prächtigen südamerikanischen Heliconia zu tauchen. Sie selbst schien ein einziger menschlicher Feldgenerator zu sein, der Funken sprühte, blaue Lichtbögen auswarf und reines Plasma aus allen Fugen schwitzte. Draußen donnerten tausend startbereite Maschinen. Die Herzen von mehreren tausend auf mich persönlich vereidigten Männern und Frauen schlugen höher im herrlichen Tumult dieses unerwarteten Morgens.




