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»Hangartor öffnen!«, befahl ich.
Ein vielstimmiger Jubel brach sich in der riesigen Halle. Die Piloten ließen ihre Turbinen aufheulen. Die Staffelführer riefen einzeln ihre Mannschaften und tauschten ritualisierte und verschlüsselte Anfeuerungen aus. Das Licht der großen Strahler, die die Halle bisher in ein hartes Weiß getaucht hatten, erlosch. Der grüne Widerschein der Bedienfelder und Armaturen war für einen Moment das einzig Sichtbare. Noch zweihundert Meter entfernt wurde ein schmaler Spalt erkennbar, der rasch zu einem breiten Rechteck in die Höhe wuchs. Die Jäger und Kampfbomber der ersten Reihe hoben ab und flogen in den sonnigen Morgen hinaus. Ihnen folgte nun Welle auf Welle. Noch während das riesige Hangartor nach oben wegglitt und den Blick auf die vorfrühlingshafte Gebirgslandschaft freigab, katapultierten die Maschinen sich in Dreier- und Fünferreihen über das Hochtal hinweg, drehten scharf bei und verschwanden am krokusfarbenen Himmel.
Als die Reihe an uns kam, musste Jennifer die ENTHYMESIS zunächst behutsam aus ihrer Parkposition lösen, die um neunzig Grad gegen die Längsachse der Halle verdreht war. Zentimeterweise schob sie das bullige Schiff um die Biegung des Kuppelkreuzes. Natürlich hätte sie das Park-Off auch dem Ersten Piloten oder der Automatik überlassen können, aber das kam für sie nicht infrage. Zu lange schon hatte sie den geliebten Explorer vermissen müssen. Selbst wenn man die ENTHYMESIS II mit einbezog, die uns seit der Nacht von Pensacola als Ersatz hatte dienen müssen, waren viele Monate vergangen, seit sie am Hauptbedienplatz eines großen Schiffes gesessen hatte. Und dieses Schiff, die erste und einzige ENTHYMESIS, hatte sie seit mehreren Jahren nicht mehr fliegen können.
Sie richtete uns auf die Hauptachse der großen Halle aus und beschleunigte rasch zum Hangartor. Wir jagten über das Gebirgstal hinaus und stiegen dann schnell weiter auf, während die Felsgipfel der Teton-Range und die in sie eingemauerte Bunkerstadt steil zurückfielen. An unserem Heck folgte Staffel nach Staffel. In dichten, deltaförmig gespreizten Wellen fluteten die Geschwader aus der unterirdischen Festung und steuerten im Formationsflug den erdnahen Orbit an. Was für ein Anblick! Hunderte von Maschinen, nur wenige Meter Luft zwischen den Flügelspitzen, donnerten über die friedliche Landschaft. Dort unten musste der Himmel sich verdunkeln und in einem stählernen Gewitter grollen, als er von Turbinenlärm gepflügt und vom Tosen der Feldgeneratoren umgewühlt wurde. Wir gewannen rasch an Höhe. Die Atmosphäre lichtete sich um uns, als die letzten streifigen Zirrostratus, die auf einen klaren, aber kalten Tag hindeuteten, unter uns zerflockten. Am Horizont zeichneten sich, wie weit entfernte Schwärme von Zugvögeln, weitere Geschwader ab. Sie stiegen von anderen Bunkerstädten und unterirdischen Werften in den Anden, den europäischen Alpen, den Massiven Zentralasiens auf. Und all diese Maschinen vereinigten sich mit uns zu einer einzigen stahlgrauen Wolke, die sich am Firmament verflüchtigte und in die ewige Nacht des Alls eintauchte.
Wir passierten die Ringe. Myriaden im Sonnenlicht funkelnder Brocken und Splitter, die kleinsten feiner als Staub, die größten von den Ausmaßen einer Stadt. An einem der großen Trümmer kamen wir dicht vorbei. Wir sahen die Station, die in seine sich träge drehenden sandfarbenen Massen eingebaut war. Die Besatzung stand an den Fenstern und jubelte uns zu. Der Richtkanonier winkte mit den Läufen seines schweren Zwillingsgeschützes. Die ganze Batterie bestand aus zehn solcher Kanonen, die wie die Stacheln eines riesigen Igels aus der unregelmäßig geformten Felsmasse hervorstarrten. Ein thermischer Reaktor im Inneren des einstigen Asteroiden versorgte sie mit Energie. Sie war Teil des äußeren Sperrgürtels, der, dem Verlauf der Ringe über dem Äquator folgend, die Aufgabe hatte, eine Invasion noch oberhalb der Atmosphäre abzuwehren.
Wir beschleunigten auf Fluchtgeschwindigkeit und verließen das Schwerefeld der Erde. Der blaue Planet mit dem silbernen Ring um die Taille fiel rasch zurück und wurde zu einem punktförmigen Saphir auf dem schwarzen Samt des Raumes. Die Flotte zog sich über mehrere tausend Kilometer auseinander. Ich hatte Funkstille angeordnet, um die Aufmerksamkeit der sinesischen Sonden nicht auf uns zu ziehen. Die Instrumente der ENTHYMESIS hatten die Späher übrigens längst geortet und die Koordinaten an den restlichen Verband weitergegeben. Zwar ging ich nicht davon aus, dass die Sonden per se gefährlich waren, aber man konnte es nicht wissen. Bei den Sinesern musste man auf alles gefasst sein.
Auf Subwarp-Geschwindigkeit flogen wir weiter. Ziel war zunächst der einstige Jupiterraum, wo die Flotte sich sammeln und den Sprung durchführen sollte. Das hatte zum einen praktische Gründe. Dort war jetzt genügend Platz. Das innere Sonnensystem war einfach zu kleinräumig, um die Warpreaktoren zu aktivieren. Wir mussten auch an die vielen Piloten denken, die über keinerlei fliegerische Erfahrung unter Echt-Bedingungen verfügten. Zum anderen lag darin ein psychologisches Moment. Zum Racheschwur traf man sich am besten am Grab dessen, dessen Tod man rächen wollte.
Auf der Höhe der Marsbahn und dann des Asteroidengürtels stießen weitere gewichtige Verbände zu uns. Es waren vor allem die sekundären Kapazitäten, die die Marsbasen und die Asteroidenwerften zur Verfügung stellten. Tank-, Munitions-, Versorgungs- und Lazarettschiffe. Gefechtsschiffe; das waren fliegende Feuerleitzentralen, denen im Gefecht die Aufgabe zukam, die vielen hundert Einzelmaschinen zu koordinieren und gleichzeitig ebenso viele feindliche Flugkörper im Auge zu behalten. Torpedoschiffe, die mit Ionensonden bestückt waren, die wiederum schwere Antimateriesprengköpfe trugen. Schließlich die versprochenen Truppentransporter: ihre Spanten aus gehärtetem Titanstahl bargen eigene Landungsschiffe, um Mannschaften auf fremden Welten absetzen zu können, und mehrere Divisionen an Infanteristen; sowie das schwere Schlachtschiff, ein Gigatonnenkreuzer, den man in weniger als zwei Jahren hier oben aus dem Erz der Planetoiden gestampft und auf den Namen EREBUS getauft hatte.
Hatte ich am Morgen mit starker Übelkeit kämpfen müssen, so überkam mich nun ein Gefühl der Unbesiegbarkeit. Welche Macht konnte dieser Armada standhalten?!
Wir näherten uns dem Jupiterraum. Ich ließ mich mit dem Kommandanten des Schlachtschiffes verbinden. Es war ein General Andresen; an den Namen glaubte ich mich vage aus der Akademiezeit zu erinnern. Ohne überflüssiges Vorgeplänkel kam er sofort zur Sache.
»Haben Sie sie auf dem Schirm?«
Jennifer ging online auf den großen Monitor und zeigte mir, was er meinte. Ich erkannte eine HoloKarte der völlig verwüsteten Jupiterregion. Einige der ehemaligen Monde des Monarchen hatten seinen Thronsturz überdauert. Gemeinsam mit einigen kleineren Bruchstücken und Trümmern, die aus Kollisionen der einstigen Trabanten hervorgegangen waren, bildeten sie eine instabile Wolke, die einen Radius von mehr als einer Million Kilometern einnahm und trudelnd um den gemeinsamen Schwerpunkt kreiste. Es waren nur noch wenige größere Körper, zwischen einigen Dutzend und über tausend Kilometern Durchmesser, aber mehrere Millionen Fragmente, vom Meter- bis zum Mikrometerbereich. Das ganze sah eher aus wie ein vorsintflutliches Atommodell, das die Verteilung der Elektronenwolken darstellte, als wie ein Planetensystem. Es konnte auch schön als Illustrierung davon herhalten, was geschah, wenn jemandem die Mitte abhanden kam und er des notwendigen Zusammenhaltes verlustig ging. Jedenfalls war es ein tödliches Gebiet, in das einzufliegen nicht ratsam schien. Nahe bei seinem Zentrum, den beiden Schwerpunkten einer Ellipse ähnlich, hob die Automatik zwei grüne Symbole hervor, in die sie das Hohheitszeichen der Sineser eintrug.
»Nur zwei?«, fragte ich ungläubig.
Jennifer hob die Achseln, ohne sich nach mir umzusehen. Aber sie hatte das Deepfield zurate gezogen und den gesamten Raum diesseits der Oort’schen Wolke hochauflösend gescannt. Anscheinend hatte sie keine weiteren Anzeichen auf die Anwesenheit feindlicher Schnüffler entdecken können.
Andresen antwortete wie aus der Pistole geschossen. »Gegenwärtig sind es nur zwei, und sie haben sich, was ungewöhnlich genug ist, auf einen sehr engen Raum zurückgezogen. Rein statistisch gesehen, dürfte in den nächsten Stunden wenigstens eine weitere hier eintreffen, und kurz danach wird vermutlich mindestens eine von diesen beiden Richtung Sina verschwinden.«
Jennifer hatte sich jetzt in ihrem gravimetrischen Pilotensessel zu mir umgedreht. Sie schnitt ein ironisches Gesicht. Der geschäftsmäßige, knorrige Ton des Generals schien sie über die Maßen zu amüsieren.
»Dann sollten wir es nicht so weit kommen lassen“, sagte ich. »Sie die linke, wir die rechte!«
Und da rechts und links im offenen Raum relative Begriffe sind, zeigte ich Jennifer auf der Konsole, welche der Sonden ich meinte. Sie markierte sie auf dem Schirm und schickte die entsprechenden Koordinaten an die EREBUS.
Ich befahl dem Rest der Flotte, zurückzubleiben und sich auf den Sprung vorzubereiten. Dann pirschten wir uns näher an den Jupiterraum heran. Die EREBUS und die ENTHYMESIS rückten einige hunderttausend Kilometer auseinander, um eine breitere Gefechtsbasis zu schaffen. Aber wir blieben dicht genug beieinander, um Kommunikation in Echtzeit zu gewährleisten. Bald sahen wir den Trümmerreigen mit bloßen Augen. Die großen, halbwegs unversehrten Monde standen abseits. Wie Schäferhunde eine Herde voller herumtollender Lämmer umkreisten sie in gemessenem Abstand das Chaos aus umeinandertrudelnden Felsbrocken und Gesteinstrümmern. Wir schoben uns bis an den Rand der instabilen Region heran, die immer noch von Gezeitenschocks und höherdimensionalen Entladungen durchtobt wurde. Der Volumendefekt, den die sinesische Annihilationssonde verursacht hatte, war noch immer nicht völlig ausgeglichen. Der Raum selbst konnte nicht gedehnt werden, um die Lücke innerhalb der Leere zu schließen. Hinzu kam, dass durch den Sturz des Jupiter und das Verschwinden seines Schwerefeldes ein weiterer Faktor, der den Raum komprimiert hatte, aus der Region abhanden gekommen war. Der Effekt war eine zusätzliche Dehnung der Raumzeitlinien, die der Überwindung des Defekts zusätzlich entgegenarbeitete. Eine Stauchung des Raumzeitkontinuums wäre nötig gewesen, um einige Milliarden Kubikkilometer schieren Volumens in die Lücke hineinzupressen. Am Ende, überlegte ich, musste man Dunkle Materie, wie sie sich an den ungleich größeren Dehnungsbrüchen der intergalaktischen Korridore bildete, heranschaffen, um das Loch zu kitten. Aber es war jetzt nicht der Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen.
Fest stand, dass ein extrem instabiles Gebiet vor uns lag, von massiven Partikeln aller Art durchkreuzt und von Verwerfungen der Raumzeit durchtost. Und tief im Inneren, im schwarzen Auge dieses Orkans aus Geschossen und Energie, funkelten zwei Lichtpunkte, dort hockten die beiden sinesischen Überwachungssonden.
»Glauben Sie, sie sind gefährlich?«, wandte ich mich an General Andresen.
Jennifer äffte mich lautlos nach. Ihr missfiel es, dass ich mir die Blöße gab, einen Rat einzuholen. Aber auf derlei Spielchen war ich noch nie versessen. Wenn man etwas nicht wusste, sollte man danach fragen. Der Kommandant hatte jedenfalls mehr Erfahrung mit diesen Dingern als wir.
»Man muss damit rechnen«, hörte ich. »Jedenfalls agieren sie selbständiger, als wir das bisher von ihnen gewohnt sind. Sie verfügen über volle KI-Fähigkeit.«
Ich tauschte einige Blicke mit meinem Copiloten und den Adjutanten, die auf den rückwärtigen Plätzen der Brücke saßen. Sie alle hatten sich seit Jahren mit den Spähern beschäftigt. In dieser Zeit war keine der Sonden einer menschlichen Einrichtung nahegekommen. Aber sie waren auch nicht mit einem Akt der Aggression konfrontiert worden, wie ihn unser Ausrücken in ihren Augen ohne Zweifel darstellen musste.
»Knipsen wir sie aus«, entschied Jennifer, und in den Mienen der anderen las ich Zustimmung. Natürlich musste jedem klar sein, was das bedeutete: ein offener Affront, der das sinesische Imperium herausforderte! Im Grunde konnte ich froh sein, in Andresen einen so entschlossenen Kommandanten zur Seite zu haben. Er würde nicht zimperlich reagieren, wenn ich den Feuerbefehl gab.
»Bringen wir’ hinter uns.«
Jennifer gab Energie auf die Feldgeneratoren. Das Schiff erzitterte, blieb aber noch an seiner Position. Sie hatte unaufgefordert gehandelt. Das belustigte mich. Hatte sie sich eben noch um meine Autorität gesorgt, trug sie nun selbst dazu bei, sie zu untergraben.
»Andresen«, rief ich in die Kommunikation. »Sie gehört Ihnen!«
Die EREBUS war zu weit entfernt, als dass sie mit bloßem Auge sichtbar gewesen wäre, aber wir hatten das Schiff auf einem unserer Schirme. Dort sah ich, wie es die Bugschilde ausfuhr und die Geschütze nachführte. Dann flammte ein unsichtbarer, nur auf den Monitoren künstlich hervorgehobener Feuerstrahl aus den schweren phasengedoppelten Röntgenlasern. Die sinesische Sonde, die ich dem General überlassen hatte, verglühte in einer grünlich irisierenden Partikelwolke. Der Casus belli war geschaffen.
Jennifer fixierte ungeduldig mein Spiegelbild in der großen Frontscheibe. Sie hatte die Hand am Drücker und wartete auf den Feuerbefehl. Aber obwohl mir bewusst war, dass wir jetzt sehr schnell handeln mussten und dass ein Zögern von Sekundenbruchteilen verhängnisvolle Konsequenzen nach sich ziehen konnte, machte ich ihr ein Zeichen, noch zu warten.
»Also mein Teil des Jobs«, schnarrte Andresen, dann brach die Leitung zusammen.
Die zweite Sonde hatte ein Störfeld geschaltet. Ich trat nach vorne, direkt hinter die Lehne von Jennifers gravimetrischem Stuhl, und legte die Hände auf die Nackenpolster.
»Liebling«, knirschte Jennifer halblaut zwischen den Zähnen, »ich hoffe, wir machen nicht gerade einen Riesenfehler!«
Gebannt starrte ich zur Bugscheibe hinaus. Der Lichtblitz, in dem die erste Sonde zerschellt war, verrieselte langsam. Er hatte das wirbelnde Chaos im Inneren der Materiewolke erhellt. Hunderte von Körpern, die umeinander und um gemeinsame Schwerezentren kreisten und die für eine Nanosekunde harte Schlagschatten aufeinander warfen. Jetzt fiel das komplexe System wieder in das Halbdunkel der Jupiterregion zurück. Die Sonde hatte unsere Peilung aufgenommen, das konnte ich körperlich spüren. War sie bewaffnet? Konnte sie sich zur Wehr setzen? Hatte sie am Ende einen Annihilationsdetonator an Bord, der die ganze Zone zu Nichts verschlucken konnte?!
Ich wusste, jede Fiber meines bebenden Körpers wusste, dass ich handeln musste. Dennoch wollte ich abwarten. Ich hatte das Gefühl, dass ich aus der Reaktion dieses feindlichen Automaten Wesentliches ablesen, womöglich sogar lernen können würde.
»Sie scannt uns«, stellte Jennifer lapidar fest. »Gammaband, Pikometerauflösung.«
Unwillkürlich wich ich einen halben Schritt zurück, als könne mich das vor den unsichtbaren Kraftfeldern schützen, die sich gerade durch unser gesamtes Schiff tasteten.
»Sie dringt doch hoffentlich nicht durch!«, rief ich. »Deflektorschilde hochfahren, Außenhaut polarisieren, Abschirmung 120 Prozent!«
Aber noch ehe ich die Meldungen abwarten konnte, überschlugen sich die Ereignisse. Im Zentrum der wirbelnden Partikelwolke wurde ein hellblauer Blitz sichtbar, das untrügliche Zeichen, dass ein starkes Ionentriebwerk gezündet worden war. Die Sonde kam auf uns zugeschossen. Es war ein zauberhafter Anblick, wie das Geschoss in Sekundenbruchteilen auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigte und sich, wie an unsichtbaren Fäden gezogen, seinen Weg durch das Chaos der herumtrudelnden Trümmer bahnte. Es schien sich in geheimnisvollen magnetischen Gleisen zu bewegen. Nach allen Richtungen ausweichend, tanzte es sich förmlich ins Freie. In Augenblicken hatte es die für uns unbetretbare Zone des ehemaligen Planetensystems durchquert und hinter sich gelassen. Es kam auf uns zugeschossen. Schon konnten wir Einzelheiten seiner Konstruktion mit bloßen Augen ausmachen.
»Frank!«, schrie Jennifer.
Ihre Hand zitterte einen Zentimeter über dem Auslöser. Die anderen Mitglieder der Crew hatten ebenfalls aufgeschrien und sich unwillkürlich in ihre Sessel gekrallt, als die Sonde wie ein stählerner Blitz auf uns losging – und wenige hundert Meter vor der Schnauze der ENTHYMESIS wieder zum Stehen kam.
»Warte«, sagte ich langsam.
Ich ließ die Automatik das Licht auf der Brücke löschen. Dann trat ich unmittelbar an die Bugscheibe heran. Aus dem Augenwinkel sah ich auf dem Monitor, wie Andresen seinen Geschützturm herumschwenkte. Wollte er mir das Ding vor der Nase wegschießen? Aber so weit würde ich es nicht kommen lassen.
Die sinesische Warpraumsonde hing keine Schiffslänge vor uns im Raum. Es war ein zwanzig Meter hoher, rauchgrauer Zylinder. Am Heck köchelte der Rückstoß des Ionentriebwerks blauweißen Dunst ins Vakuum. Die uns zugewandte Vorderseite wurde von zwei großen Halbkugeln bestimmt, die rechts und links an der konisch zulaufenden Spitze saßen. Sie beherbergten die Instrumente. Die KI-Einheit, die ich zu gerne für eine Millisekunde durchleuchtet hätte, aber ihre Abschirmung widerstand sämtlichen Anstrengungen unserer Scanner. Das Deepfield, das jede Bewegung und jeden Funkspruch im Sonnensystem registrierte und aufzeichnete. Der Quantenspeicher, der einige Tausend Exobyte fasste und in dem in diesem Augenblick sämtliche Informationen unseres Truppenaufmarsches niedergelegt waren. Jede Schiffskennung, jede Munitionsliste, jede Biographie jedes einzelnen Soldaten, die Positionsdaten jeder Batterie im Erdring, jeder Marsbase und jeder Werft diesseits der Asteroiden. Vielleicht auch eine Sprengladung zur Selbstzerstörung – oder eine Annihilationsgranate, die in dieser Sekunde scharf gemacht wurde. Die beiden opaken Halbkugeln erinnerten an die Facettenaugen eines großen todbringenden Insekts. Und genau so, wie eine auf der Stelle schwebende Wespe, hielt die Sonde ihre Position so dicht vor unserer Schnauze, dass wir sie mit einer Handfeuerwaffe hätten treffen können. Sie schien mich zu fixieren, nicht nur unser Schiff, die ENTHYMESIS, sondern mich persönlich, General Frank Norton, den Oberbefehlshaber der größten interstellaren Streitmacht, die die Unierte Menschheit jemals ausgesandt hatte. Und ich erwiderte diese Fixierung. Es war nur ein Automat, aber er starrte mich neugierig, abwartend, drohend und herablassend an. Unsere Blicke krallten sich ineinander, sie verzahnten sich wie Stahl, der sich bei einer tödlichen Kollision kreischend ineinanderfrißt. Es war ein Kräftemessen, und diese Begegnung entwickelte einen fürchterlichen Sog, dem ich mich nicht mehr zu entziehen vermochte. Jennifers spitzer Schrei erlöste mich daraus.
»Sie fährt den Warpgenerator hoch!«
»Feuer«, stöhnte ich.
Es war, als ließe eine riesige Pranke mich los – und als spüre ich erst jetzt, mit welcher Gewalt sie mich gepackt gehabt hatte.
Jennifer knallte die flache Hand auf die Konsole. Die Omega-Geschütze in den vorderen Torpedoschächten gaben zwei gedeckte Salven ab. Die Sonde zersprang in einem leuchtenden Rauchwolke, die gemächlich in der Schwerelosigkeit auseinanderrollte. Eine blaue Entladung prickelte über die Außenhaut der ENTHYMESIS, als die starken Scan- und Störfelder, die die Sonde auf uns geschaltet hatte, erloschen. Einige größere Bruchstücke verloren sich im Raum. Ich glaubte die KI-Einheit zu erkennen, einen kopfgroßen Kasten, der mit Sandwich-Platinen vollgestopft war und aus dem verschmorte Kabel heraushingen. Er schoss wenige Meter über uns hinweg und verschwand dann für immer in der Dunkelheit.
Kapitel 2. Die Verlassenen
»Sei bloß vorsichtig! Wenn sie uns entdecken, ist alles aus.« Jill drückte sich in eine Nische, die sich im zerborstenen Quarzbeton gebildet hatte. Ihr Atem ging stoßweise. Im schiefrigen Licht, das den Stollen erfüllte wie stehendes Wasser, war die zitternde Fahne kondensierender Luft das einzige was von ihr zu sehen war.
»Ich pass’ schon auf«, gab Taylor mit gutmütigem Brummen zurück.
Er stützte die Brust an den Wall aus zerbröselndem Zement und schob sich millimeterweise über die Kante. Dabei vergewisserte er sich, dass die Polarisierung der Objektive auf einhundert Prozent geschaltet war. Dann setzte er das Scheren-HoloSkop an und spähte in die rußige Nacht. »Irgendwas geht vor«, flüsterte er. »Der ganze Horizont scheint zu kochen.«
Lamberts blauer Anzug war ganz in die Kuhle der zertrümmerten Bewehrung eingeschmolzen. Die enganliegende Haube verdeckte ihr Haar. Ihre Hände und Füße steckten in schwarzen Schuhen und Handschuhen aus sensoriellem Tloxi-Leder. Ängstlich beobachtete sie, wie Taylor über die Kante aus zerschossenem Obsidianquarz und die herausstehenden Stahlstifte lugte. Sie war nur ein hechelnder, von Angst durchtobter Brustkorb, der sich im tiefen Schatten der schmalen Nische hob und senkte.
»Was siehst du?«, zischte sie, als Taylor den virtuellen Fokus betätigte, aber weiterhin schwieg.
Er antwortete nicht. Die Servos in seinem linken Arm surrten und die Relais in seiner Schulter klickten, als er das HoloSkop nachführte und systematisch den nördlichen Horizont abtastete. »Irgendetwas ist da los«, sagte er nach einer Weile gedämpft. »Aktivitäten.«
Er schaltete das hochauflösende Nachtsichtgerät ab, wandte sich um und ließ sich mit dem Rücken die nackte Steinwand heruntergleiten. Dann saß er neben Jill und streckte die rechte Hand nach ihr aus. Er wusste, dass das Tloxi-Implantat sie immer noch ein wenig gruselte, und achtete daher darauf, ihr stets die Rechte zuzuwenden, die intakte und organische Körperhälfte. Er selbst hatte sich an die sensorielle, durch mehrere KI-Entitäten gestützte Prothese längst gewöhnt. Vom ersten Augenblick an, als er aus der Narkose erwacht war, hatte er sich ihrer wie einer gewachsenen Extremität bedienen können. Kein Einlernen, keine zeitraubende Reha, keine Phantomschmerzen oder das unangenehme Gefühl, das ihn bei dem ersten Ersatzarm immer gestört hatte, dass das ehemalige Glied irgendwie auch noch vorhanden war und der Wahrnehmung des neuen in die Quere kam. Von all dem konnte diesmal nicht die Rede sein. Die Tloxi-Ingenieure hatten ganze Arbeit geleistet. Kraft und Feingefühl, Tastsinn und Körperbild waren vom ersten Moment an vollkommen natürlich gewesen. Immer öfter vergaß er, dass er überhaupt eine Prothese trug, und er hätte es auch längst vollständig vergessen, wenn Lambert nicht mit einer Miene unterdrückten Angewidertseins seiner linken Seite ausgewichen und stets seine Rechte gesucht hätte.
Das war umso erstaunlicher, als sie ihn schon als Prothesenträger kennengelernt hatte. Sie hatte ihn nie anders erlebt. Als sie sich auf der MARQUIS DE LAPLACE näher kamen, in WO Reynolds’ Sondenbauprogramm und bei Taylors Einführung in der Crew der ENTHYMESIS, hatte er seinen natürlichen linken Arm längst eingebüßt. Das hatte Lambert nie gestört. Vielleicht hatte das mechanische Surren der integrierten gravimetrischen Kupplungen und die manchmal noch etwas unbeholfenen Bewegungen sie sogar auf den jungen Corporal aufmerksam gemacht, der im Lauf der nächsten Jahre zu Reynolds’ Nachfolger als WO in General Nortons Team aufstieg. Mit der puren Tatsache, dass sein dreißigjähriger, zierlicher und doch kraftvoller Körper einen Defekt aufwies, konnte es also nichts zu tun haben. Taylor vermutete, dass Jills Vorbehalte gegen die Tloxi und die sonderbar kalte und anonyme Perfektion ihrer Technik hereinspielten. Auch im tagtäglichen Umgang mit dem höflichen, besorgten, aufmerksamen und aufopferungsvollen Volk konnte Lambert eine letzte Distanz und Reserviertheit nie überwinden. Sie störte sich an dem unpersönlichen Stil des Androiden-Kollektivs, und gerade die lückenlose Geschlossenheit seiner Organisation schien sie abzustoßen. Taylor konnte nur hoffen, dass zumindest der Teil dieser Abneigung, der sich auf seine linke Leibeshälfte, genauer: auf die Strecke von Schulter und Schlüsselbein bis zu den Fingerspitzen, bezog, mit der Zeit legen würde.
Noch immer waren sie Gäste und Schutzsuchende der Tloxi, des geheimnisvollen Sklavenvolks der Sineser. Noch immer wanderten sie allnächtlich von einer der Enklaven und Vorstädte zur nächsten. Noch immer lebten sie in ständiger Gefahr und Todesangst, die durch die beinahe alltäglichen Berichte über Tloxi, die den brutalen Nachstellungen der Herrenkaste zum Opfer gefallen waren, nicht gerade gelindert wurde. Wie Symbionten in einem Ameisen- oder Termitenstaat bewegten sie sich durch die Quartiere und Verstecke der Tloxi. Sie lebten ausschließlich in dem Katakombensystem des insektenhaften Robotervolkes, das seine Schlafstädte miteinander verband, Industriebrachen, Hafen- und Fabrikgelände und Teile der Kanalisation mit einbezog und wie ein lymphatisches Geflecht ganz Sina City unterhalb seiner monumentalen Oberfläche durchzog. Tagsüber schliefen sie in den roten Ziegelstädten, die entlang der großen Magistralen und Radialstraßen in die Außenbezirke der Megalopolis eingelassen waren, und nachts nahmen sie ihre ruhelose Wanderung wieder auf. Durch Tunnel und Stollen, miteinander vernetzte Bunker, leerstehende Lagerhallen, stillgelegte Produktionsstätten, verfallene Schächte und sogar Pipelines gingen ihre Wege, selten auch unter freiem Himmel, über riesige Abraumhalden, Depots ausgebrannter thermischer Elemente, Müll- und Schrottplätze und ganze Schiffsfriedhöfe, auf denen komplette Raumflotten in den ätzenden Winden und dem sauren Regen dieses unwirtlichen Planeten vor sich hinrotteten. Das alles sahen sie nur in den kalten windigen Nächten von Sina, und unterschwellig blieben sie dabei immer auf das Zentrum der Metropole ausgerichtet, dessen Türme sie stets in der Ferne leuchten sahen und das sie wieder und wieder umkreisten.




