Warnung vor Büchern. Erzählungen und Berichte

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Bei Karstadt ist ein fabelhaftes Crêpesatinkleid, gar nicht teuer, 59 Mark, aber wie soll unsereins dazu kommen? Es ist ein Jammer. Und so gerne ich den Max habe, auf die Dauer wird’s ja mit dem Jungen auch nichts, wenn er mal in der Bar 10 Mark ausgegeben hat, ich bin sicher, er schiebt die ganze Woche Kohldampf.
Ich soll mich mit Hans aussöhnen? Ach was, daraus wird nichts. Der mit seinem ewigen Misstrauen! Eigentlich bin ich ganz froh, dass es so gekommen ist. Noch vier, fünf Jahre verlobt sein und dann Kammer und Küche oder bei den Schwiegereltern wohnen, man kommt nicht raus aus der Vormundschaft.
Neulich habe ich die Minna Lenz getroffen. Du weißt doch! Wir nannten sie auf der Schule immer den Ölgötzen, weil sie so doof war. Jetzt heißt sie Mia! Und einen Blaufuchs trägt das Geschöpf, ich bin fast geplatzt vor Neid. Die hat’s raus. 90 Mark im Monat, ich hab’ es ihr gar nicht sagen mögen, ich hab’ mich so geschämt vor ihr in meinem Konfektionsfähnchen. Die verdient manchmal an einem Abend mehr.
Ich soll mich was schämen? Schmutzgeld? Dass ich nicht lache! Wenn Mia nachher Auto fährt, riecht keiner, woher das Geld stammt. Und einen Mann kriegt sie auch noch, wenn sie zur rechten Zeit aufpasst. Es gibt immer welche, die grade auf so eine fliegen, und es braucht gar nicht immer ein alter Daddi zu sein.
[63]Was du redest! Sie geht gar nicht auf die Straße. Sie ist Tanzdame auf der Freiheit. Erstklassiges Lokal. Ich hab’ neulich mit dem Max davor gestanden, aber wir konnten’s uns nicht leisten. Sie hat nur mit den Herren zu tanzen und an ihrem Tisch mitzutrinken. Davon hat sie keine 90 Mark am Abend? Sie kriegt doch Prozente vom Wein!
Und wenn schon! Sie kann sich doch aussuchen! Die geht lange nicht mit jedem. Sie hat mir gesagt, ich soll mal hinkommen und es mir ansehen. Ich weiß noch nicht, aber vielleicht gehe ich mal hin. Ihr Chef stellt mich jeden Tag ein, sagt sie.
Gott, Fräulein, unterbrechen Sie doch nicht immer! Nein, wir sind noch nicht fertig. Der wird auch warten können mit seinen Trikotagen.
Bist du noch da, Trudel? Ein Kunde wollte euch. Na, der kommt auch noch früh genug zu seinen Netzhemden!
Sag mir nur, was mache ich heut Abend bloß mit dem Hans? Das gibt eine schreckliche Szene. Und ich hasse Szenen. Gewalttätig? Das wollte ich ihm nicht raten! Nee, Hans ist schlapp. Der heult höchstens. Natürlich tut er mir leid, aber was soll ich dabei machen?
Wenn er zu Vater läuft, der ist imstande und verhaut mich. Vater hat keine Ahnung von uns Mädels heute, das muss doch alles so sein wie auf seiner Landstelle in Mecklenburg. Hätt’ er doch besser aufgepasst in der Inflation, dann müsste ich heute nicht für 90 Mark …
Mutter hilft mir ja, aber wenn Vater mich schlägt, lauf ich fort. Ich darf doch zu dir kommen? Auf der Chaiselounge. Warum soll ich mich schämen? Dein Mann? Ach, dein Mann hat nichts zu melden, den kriegen wir schon rum.
[64]Was ich nun eigentlich will? Max? Hans? Oder –? Ja, Trudel, ich weiß es doch selbst nicht, wie soll ich denn das wissen? Ich warte eben ab, was heute Abend passiert. Und kommt gar keiner, gehe ich zu dir. Oder auch mal zur Freiheit, Ansehen kostet ja nichts.
Nee, nur das nicht. Ewig warten und hinter dem Ladentisch stehen. Und die andern tanzen und fahren dicke im Auto? Das habe ich nicht nötig. Na, wir werden ja sehen.
Also schön, Fräulein, wir machen jetzt Schluss.
Und sieh dir das Crêpesatinkleid an. Goldig, sage ich dir. Diese Woche kriege ich’s noch, wetten? Trudel! Trudel!!
Schon weg. Na, denn nicht. Verkaufen wir also wieder Trikotagen. –
[65]Rache einer Hamburgerin
Ich habe Tredup, Wilhelm Tredup, seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Gestern traf ich ihn wieder, im D-Zug Travemünde – Hamburg. Ich hätte ihn nie erkannt, er aber rief mich sofort beim Namen, half meinem schlechten Gedächtnis nach und ein paar Minuten später schwelgten wir schon in den schönsten Jugenderinnerungen.
Was hat sich in den letzten zwanzig Jahren nicht alles ereignet – heimlich mustere ich Tredup von der Seite: Was wohl aus ihm geworden ist, was er wohl heute ist? Eigentlich sieht er ein bisschen bequem geworden, salopp aus – und er war doch der Geck des Christianeums. Und sein Braun macht einen so bauerhaften Eindruck, das ist sicher nicht das Braun von vier Wochen Travemünde oder Niendorf.
In einer gedankentiefen Pause – wir haben gerade den griechischen Pauker durch – frage ich beiläufig: »Sag einmal, bist du nun wirklich Exportkaufmann geworden, wie du wolltest?«
Er ist sichtlich gekränkt: »Exportkaufmann? Hab ich nie gewollt! Offizier wollte ich doch werden!«
»Und du bist Offizier geworden?«, frage ich weiter.
»Ja – nein – es ging schief …«
Er versinkt in Erinnerungen. Ich habe auf einen kranken Nerv getippt und lenke ab: »Übrigens, siehst du brillant aus. Warst du in Niendorf?«
»Ich kann dir die Geschichte erzählen. Sie ist –«, er lächelte mühsam, »– ganz nett. Ich wollte Offizier werden und ich wurde es, so sehr der alte Herr vom Burstah schimpfte. Ich war bei den Wandsbeker Husaren und [66]bekannt im ganzen Nest. Auch bei den Mädchen, gerade bei den Mädchen. Nun war da eine angehende Lehrerin, Hamburgerin … Die Hamburgerinnen, sage ich dir, wir erzählen immer von Sizilien und den Spanierinnen, von der Rachsucht der Weiber dort, nun, meine Mieke, ich sage dir, die hat mich ruiniert …«
Er sah nicht sehr ruiniert aus. Ich sagte es ihm.
»Doch! Doch! Ich werde es dir erzählen. Also es kam, wie es kommen musste … Heiße Liebe, ich weiß wirklich nicht mehr, was ich ihr alles erzählt habe. Kurz und gut, eines Tages habe ich die Sache über, schreibe ihr das Übliche von den Leuten, die schon reden, von ihrem guten Ruf, es müsste aus sein.«
»Und sie?«
»Ja, siehst du, sie. Ich habe mancherlei Mädel erlebt, die einen toben, die andern schweigen, die dritten betteln. Sie schrieb mir kühl und ruhig, wenn es aus sein sollte, müsste es ganz aus sein. Donnerstag, Nachmittag 4 Uhr, würde sie bei mir in der Lindenstraße sein und mich erschießen. Ich überlege mir die Sache hin und her. Der Kampf mit einem aufgeregten Frauenzimmer um einen geladenen entsicherten Revolver ist eine heikle Sache. Der Schuss kann losgehen. Sie vielleicht verletzt, Skandal, Gerichtsverfahren. – Endlich gebe ich der Polizei einen Wink.«
»Das Klügste, was du tun konntest.«
»Du bist genauso ein Idiot wie ich! (Er war schon wieder im Ton der Penne.) Das Dümmste. – Donnerstagnachmittag 4 Uhr kommt sie die Treppe herauf, bleich, entschlossen. Ich machte ihr auf. Gleich im Vorplatz fassen sie zwei Schutzleute, sie wehrt sich wild, wird untersucht. Sie hat überhaupt keinen Revolver. Hat mich geblufft. – Ich war [67]blamiert. Die Geschichte, gerade gegenüber der Kaserne passiert, spricht sich rum, ich bekomme einen Wink von oben, Feigheit und so, du verstehst schon. Das Ergebnis: schlichter Abschied.«
Er sah trübe vor sich hin. »Traurig«, bemerke ich höflich. »Aber dass gerade die Rachsucht der Hamburgerin schuld sein soll …«
»Höre weiter«, sagte er, »meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. In Deutschland war ich natürlich unmöglich, mein Alter verfrachtet mich nach Südwest auf Export. Ich bin da ein Jahr, ungestört, fange wieder an, aufzuleben, da läuft mir in Swakopmund eine Schwester über den Weg: Mieke. Der Blick, der mich von der Seite traf – ich wusste Bescheid. Und richtig, eine Woche später, nach dem Frühstück, bekomme ich Erbrechen, bin sterbenskrank. Der Arzt wird geholt: Vergiftung. Täter unbekannt. Ich erhole mich wieder. Da erfahre ich, dass Mieke in einer Farm, zehn Minuten ab, Wochenpflege verrichtet. Der Zusammenhang war klar.«
»Na, erlaube mal«, bemerke ich.
»Höre weiter. Seitdem ging alles schief. Ich konnte nicht mehr schlafen gehen, ohne mein ganzes Zimmer umgedreht zu haben, ewig waren da Schlangen, Skorpione … mit der ganzen schwarzen, braunen und gelben Bande steckte sie unter einer Decke. Keine Stunde war ich meines Lebens sicher. – Dann kam der Krieg. Ich ging auf Patrouille gegen die Engländer. Wollte aus der Nähe dieses Weibes. Wir werden entdeckt, verfolgt, zerstreuen uns, fliehend, im Dornbusch. Eine ganze Horde Hereros ist auf meiner Spur. Ich fliehe in ein alleinstehendes Farmhaus, wo ich auf Hilfe hoffte. Alles leer und verlassen. Die Hereros auf [68]meiner Ferse. Ich verstecke mich hinter einer Schranktür. Die Hereros brechen ins Zimmer, suchen nach mir. Ich halte den Atem an. Plötzlich berührt etwas Kaltes meine Stirn. Ich erschauere, drehe mich zur Seite. Im Halbdämmern sehe ich neben mir Mieke, sie hat einen Revolver auf meine Schläfe gesetzt. Vor mir die tobenden Hereros, Miekes Revolver auf der Stirn: mir schwindelt, meine Sinne schwinden …«
»Und –? Und –?«, dränge ich.
»Wir haben jetzt ein gutgehendes Geschäft«, sagte er trocken. »Ich habe sie natürlich geheiratet.«
[69]Eine vom Mädchenklub
Änne Eich, 28 Jahre alt, in der »Statistik« bei Katz und Kitz, gehört dem Mädchenklub »Stern ohne Herrn« an. Jeden Mittwochabend tagt der Klub dieser Sitzengebliebenen, und jede Mittwochnacht macht Änne von Barmbeck nach Horn den Heimweg.
Alleingehende Mädchen der Großstadt sind es gewohnt, von alleingehenden Herren angesprochen zu werden, sie nehmen das nicht tragisch. Die Arten zu reagieren sind verschieden, Änne reagiert überhaupt nicht, sieht nicht, hört nicht, geht im gleichen Schritt weiter.
In der Ritterstraße um 1 Uhr erreicht sie diesmal ihr Schicksal: Ein Schlapphut quasselt sie an mit dem üblichen: »Na, so allein unterwegs? Fürchten Sie sich denn gar nicht? Begleitung gefällig?«
Aenne reagiert nicht.
Der Schlapphut ist hartnäckig, er bleibt neben ihr, redet ununterbrochen weiter, Änne reagiert nicht. Von der Marienthaler- bis zur Mittelstraße ist er schon neben ihr, macht liebenswürdige Konversation und bleibt Luft.
Plötzlich bricht er in den wütenden Aufschrei aus: »Oh, du verfluchte Gans, kannst du denn gar nicht hören!?«, macht kehrt und stürmt den Weg, den er gekommen, zurück.
Änne ist so verblüfft, dass sie ihre Taktik vergisst, stehen bleibt und ihm sprachlos nachstarrt.
Eine Woche später ist das Renkontre längst vergessen und Änne wieder auf dem Heimweg. In der Ritterstraße spricht sie ein Schlapphut an, mit denselben Worten, mit derselben Hartnäckigkeit, derselben liebenswürdigen Konversation.
[70]Änne bleibt ihrer Taktik getreu, amüsiert sich aber königlich, dass er sie nicht wiedererkennt. Wieder an der Mittelstraße derselbe Ausbruch mit der Variation: »Oh, du verdammtes Kamel, kannst du denn gar nicht Piep sagen?«
Er stürmt zu rasch davon, sonst hätte sie diesmal Piep gesagt.
Seitdem ist es um Änne Eich geschehen; zu jeder Nachtstunde irrt sie durch die Ritterstraße, ihn wiederzusehen. Sie sehnt sich danach – ihm ihre Meinung zu sagen.
Sie hat ihn nie wiedergesehen. Und ist redlich unglücklich.
[71]Wer kann da Richter sein?
Nun wird sich ja wohl über kurz oder lang in Berlin jener Prozess abspielen, in dem eine Tochter gegen ihren Vater wegen Körperverletzung, denke ich, klagen wird. Man erinnert sich gut: Zwei Töchter des Kommunalbeamten Weber gingen mit einer Freundin ins Wasser, ersäuften sich, weil ihnen das Leben untragbar, schmutzig hässlich geworden schien. Die dritte der Schwestern, unsäglich erschüttert, will gegen den Vater vortreten, der die Schuld an diesen vertanenen Leben tragen soll.
Manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, spiele ich mir diesen Prozess vor, mit fingierten Personen, ohne Detailkenntnis, einen Dutzendprozess, mir durch die Schwere des Opfers von unzähligen gleichgearteten unterschieden. Leicht, nicht wahr, scheint es zu erraten, welche Beweggründe die Schwester zu ihrem Schritt getrieben: Die tausendmal Gedemütigte, die Stille, die dem Kampf auswich, die von dem Vater, der neuen Mutter wegzog, ein neues Leben für sich zu beginnen, sie musste schrecklich aufhorchen, als die Nachricht von jenem dreifachen Tod sie erreichte. Hatte sie nicht eine Pflicht versäumt? Sie hatte gemeint, nur für sich stille zu sein, nur für sich auszuweichen, nun erwies es sich, dass sie für die Schwestern mit geschwiegen hatte. Nun, wenn sie für sich klagt, klagt sie für die schweigenden Toten, klagt sie gegen den Vater, entsühnt die Schwestern, entschuldet sie.
Mehr im Hintergrunde, eine halbdunkle Gestalt, dieser Vater. Man weiß so wenig von ihm, es liegt so nahe, gegen ihn Partei zu sein. Die Jugend gegen das Alter, drei tote Mädchen gegen einen lebenden Beamten. Was hat er denen [72]getan? Er hat erwachsenen Mädchen eine neue Mutter gegeben, seine Tochter ›liederlich‹ und ›verseucht‹ geschimpft, sie geschlagen.
Nein, hier weiß man nichts, alles dunkel. Alles Vorhergegangene müsste aufgerollt werden und man würde kaum anderes finden als dieses: Scheltworte, Schläge. Irgendeinmal war es dann zu viel. Wer soll da Richter sein? Wer entscheiden, ob gerade aus des Vaters Hand der Tropfen kam, der über den Rand des Gefäßes lief?
Zwar: ein Kriminalbeamter … Kaum wird dieser Mann ein Verehrer der Frauen, ein Freund der Menschen gewesen sein. Dies war sein Schicksal, dass sein Beruf auf ihn abfärben musste. Wer tagaus, tagein sein Leben hindurch, sein ganzes Leben hindurch, Dirnen und Zuhältern, Diebinnen und Einbrechern Fallen stellen, sie einschüchtern, überlisten, erraten muss, wer sein Lebtag im Elend und Verbrechen zu wühlen hat, er wird zu sehr geneigt sein, leichte, auch leichtsinnige, tänzerische Schritte junger Menschen für das zu nehmen, was sie nicht sind, doch sein könnten: Vergehen, Verbrechen, Vorboten dieser beiden.
Auch er hatte gemeint, das Rechte zu tun, einem alle Verachtenden war es nicht gegeben, Halt zu machen in seiner Verachtung vor dem eigenen Kinde.
Doch nun schiebt sich in meinem nächtlichen Schattentheater – man erinnert sich doch, in einer fingierten Welt, mit Durchschnittsfiguren, spiele ich mir eine Dutzendgeschichte ab, man erinnert sich doch? –, nun schiebt sich zwischen die Parteien eine dritte Figur, wächst, wird riesengroß, von ihr wird die Lösung erwartet, muss sie kommen: der Richter.
[73]Alles ist ja so einfach. Da ist ein Amtsgericht mit so und so viel Richtern für so und so viel Bezirke, und der und der Richter ist von Scheines wegen zuständig in dieser Sache, er hat zu entscheiden.
Wenn es auch Nacht ist, der Schlaf noch immer nicht kommt, ins Ungemessene wollen wir darum doch nicht phantasieren.
Keine Furcht! Wir wissen zu gut, derartig unwägbare Dinge sind erst recht in keinem Prozess zu wägen, es ist auch gar nicht Sache eines Prozesses, sie zu wägen. Der Richter hat festzustellen, ob eine Körperverletzung stattgefunden hat oder nicht, das ist alles.
Nein, die Klägerin wird wohl doch nur für sich handeln, nie für die toten beiden Schwestern. Nein.
Aber etwas anderes ereignet sich nun, ein grotesker Gedanke kommt mir, nach so viel Schwulst etwas sehr Triviales: ein Bedenken. Ja, sage ich in mir, wird man denn, kann ich denn dieser Tochter völlig glauben? Der Vater hat ihr Liederlichkeit vorgeworfen, sie wird also einen Liebhaber haben, sie ist nicht verheiratet, davon ist nichts bekannt, also –? Sie ist mündig, zweifelsohne, den Vater ging das eigentlich nichts mehr an, sicher, aber schließlich ist er doch der Vater. Das kann man am Ende verstehen, so ein Mädchen, gestern war sie unmündig, da durfte ich sie noch schlagen, heute ist sie mündig, wenn da die Hand noch einmal ausrutscht …
Sie ist unsittlich, und wer unsittlich ist, der lügt auch. Ihre Glaubhaftigkeit ist vermindert, ihre Angaben sind mit Vorsicht aufzunehmen, sie will sich entlasten.
Nun spricht wieder etwas anderes: Manches Jahr ist es schon her, dass Alfons Kerr sagte, die Zeiten des [74]geschlechtlichen Alleinbesitzes gingen vorüber, seien beinahe schon vorbei, es mehrten sich die Anzeichen … Mancher ist seiner Ansicht geworden. Aber hundert Jahre dauert das noch, bis es anerkannt wird, in den Kreis offizieller Betrachtungen einbezogen.
Wir, wir sind noch hundert Jahre zurück. Wir halten immer noch bei der Virginität des jungen Mädchens. Ein Mädchen, das keinen Liebhaber gehabt hat, ist anständig (und glaubwürdig), aber ein Mädel, das einen Liebhaber gehabt hat, ist unanständig (und vermindert glaubwürdig). Wer illegitim besessen worden ist, ist im Wert herabgesetzt.
Alte Geschichten? Uralte! Und doch sehen wir immer wieder und werden es auch diesmal wieder sehen, unsere ganze Umwelt steht auf und schreit: Unsittlich! Recht ist ihr geschehen!
Wer kann da richten –? Einer jener, die auf Moral schwören, täte der Tochter Unrecht, und einer von denen – muss ich der Probabilität halber sagen, die auf Unmoral schwören –? – dem Vater!
Eine Sackgasse, nicht wahr, hier geht es nicht weiter, wenn der Urfall dieses Falls entschieden werden soll, so kann er eben nicht entschieden werden.
Dieser Dutzendfall für alle Fälle. Richter, die wie Kaufleute waren, entrüsten sich über einen, der einen Wechsel unterschreibt, für den noch keine Deckung da ist, der erst aus späteren, immerhin nicht mathematisch sicheren Einnahmen gedeckt werden soll, Richter, die politisch entschieden Partei sind, entscheiden politische Prozesse, Richter, deren künstlerische Bedürfnisse sich nicht über das Ullsteinbuch erheben, urteilen über Kunst. Wie kann das [75]sein? Sind sie keine Menschen? Werden sie nicht ihre Töchter zu verteidigen meinen gegen jene Tochter?
Und: es ist nun einmal nicht anders, für den Richter gibt es eine rein fiktive Welt, eine Welt der festgesetzten Normen, dort ist die Jungfräulichkeit des Mädchens festgesetzt, das normale Schamgefühl urteilt über Kunst und Kredit beansprucht nur, wer Deckung bereits hat. Eine irreale Welt, eine Welt, die nichts, nichts mit dem Leben gemein hat.
Wenn dem aber so ist, warum erregen wir uns so, warum haben wir noch immer nicht gelernt, diese irreale Welt als etwas Gegebenes hinzunehmen? Warum schreien wir nach Gerechtigkeit?
Es sitzt in uns – mit anderen Lügen – von der Kindheit, von der Schule her, dass Recht und Gerechtigkeit sich decken, sich wenigstens decken sollen. Ach, sie decken sich nicht, sie haben nicht einmal etwas miteinander gemein. Wir müssen von unsren ungerechten Ansprüchen ablassen.
Kein Urteil, das gefällt wird, wird endgiltig gefällt. Es kommt eine andere Generation, mit ihr ein anderes Denken. Und jede Generation hat ihre Hexenprozesse gehabt und jede kommende wird sie haben. Doch bleibt zu wünschen, dass der Richter nicht gar zu hartnäckig seine Welt gegen das Leben verteidige. Urteilen, verwerfen ist nichts, verstehen alles.
Doch auch dann noch kann kein Richter gerecht sein und kein Urteil irgend etwas entscheiden.
[76]Geschlagene Pferde, gehetzte Menschen
Eine Lehrerin wohnt gegenüber einem Neubau. Erde wird angefahren. Der Boden ist weich. Sie sieht beim Vorbeikommen ein Pferd, das über die Deichsel getreten, in der Kette verwirrt ist, der Kutscher schlägt roh auf das hilflose Tier ein. Sie erstattet Anzeige. Der Kutscher bekommt 30 Mark Geldstrafe. Sie war empört über seine Rohheit, sie konnte das Pferd nicht misshandelt werden sehen.
Was sie nicht sah, kam in der Berufung zur Sprache. Das Pferd ist nicht grade fromm. Hat schon einmal den Vorderwagen zerschlagen, der Kutscher wurde dabei verletzt, hat wochenlang krank gelegen. Ist der Freund des Tieres nicht.
Das Pferd hat sich nun eine Spielerei angewöhnt, beim Halten tritt es mit einem Vorderbein über die Deichsel, der Kutscher muss nach vorn laufen, das Pferd befreien, ehe er losfahren kann. Das Pferd tut das öfters. Und der Kutscher hat nicht viel Zeit. Hinter ihm drängt sein Kollege, der auch abladen, weiterfahren will. Hinter ihm steht der Fuhrherr, der eine bestimmte Menge Arbeit getan haben will. Steht die Familie, Frau, Kinder, die zu essen haben wollen. Droht, wie hinter jedem Arbeitenden heut, die erhobene Peitsche der Arbeitslosigkeit.
Eben hat der Kutscher sein Pferd befreit, macht drei Schritte zur Leine, will losfahren, da hat der Gaul das Bein schon wieder über die Deichsel. Nun, wir sind Menschen, keine Lagerhäuser der Geduld. Er vertobackt das Pferd.
Wir sind zu hart und zu fein. Wenn wir ein Pferd geschlagen sehen, treten uns die Tränen in die Augen, sehen wir einen Menschen gehetzt, sagen wir: »So ist das Leben«, und drehen die Daumen.
[77]Die Strafe wird auf zehn Mark ermäßigt.
(Anmerkung zur Sprachentwicklung: Der amtierende Richter nahm Anstoß daran, dass der Kutscher sein Kranksein als Krankspielen bezeichnete. »Ich musste ein paar Wochen krank spielen.« Tiefer Sinn, dass bei unsern lausigen Zeiten in Arbeiterkreisen Kranksein ganz allgemein als Krankspielen bezeichnet wird. Arbeit ist Hatz, Arbeit ist Angst, aber Krankheit, schwere Krankheit selbst, Ausruhen, Spiel. Soviel zur Geschichte der Sprache.)
[78]Mein Freund, der Ganove
Ich traf ihn im Wartesaal Vierter, nach Mitternacht, gegen Morgen schon. Er sortierte aus einem Fetzen Zeitungspapier Kippen. Jeder Zigarettenstummel wurde sorgsam aufgepult und der Tabak in eine Blechschachtel getan. Dies Geschäft war gut gegangen, die Schachtel wurde voll.
Doch stand es mit den andern Geschäften nur faul. Er hatte keinen Pfennig in der Tasche und noch nicht zu Abend gegessen. Erinnerte er sich recht, hatte er schon länger Kohldampf geschoben.
»Was wollen Sie? Die Leute haben eben alle heute kein Geld. Dann geht es uns Ganoven auch schlecht. Nicht, dass ich schon etwas anfassen möchte. Ich bin erst eine Woche aus dem Knast. Immerhin, wenn ich so fünfhundert Em hätte … Ich habe nämlich eine Idee –«
Während des Sprechens entging kein Passant seinem wachen Blick. Er sah sie alle, schätzte sie blitzschnell ein, brachte ihre Erscheinungen in Beziehung auf sich wie ein jagdbares Waldtier. – »Die vollgefressene Brillenschlange da, mit der Seehundsfranse unter der Nase, ist von der Schmiere. Nun, meine Flebben sind rein. Was sich solche Leute einbilden! Werde mich hierher setzen, wenn ich Lampen habe. Aber er hat wen auf dem Strich …«
Wir sahen den Mann an, der beim Glase Bier am Büfett lehnte. Für mich war das ein kleinbürgerlicher Restaurateur, ein Glasermeister, der ein bisschen mit der kalten Mamsell schäkerte. »Er sucht wen«, murmelte Otsche, der Ganove, »und es muss ein Grünling sein, der ihn nicht kennt, sonst stellte er sich nicht so an die Theke.«
[79]Was es für eine Idee sei, zu der er fünfhundert Mark brauche?
»Dreihundert täten es auch, zur Not. Ich kann es Ihnen ja sagen, Sie können doch nichts damit anfangen. Übrigens habe ich den Film schon einmal gedreht, in Frankfurt Main. Ein kleines Inserat in der Zeitung: ›Reitpeitsche mit silbernem Griff verloren. Abzugeben Schulgasse 3 bei Frau Masoch.‹« Er sah mich erwartungsvoll an.
»Nun –?« fragte ich verständnislos.
»Prügel –«, meinte er lakonisch. »Sie kamen und holten sie sich und zahlten dafür. Alles bestes Publikum mit dicker Marie. Sie ahnen ja nicht, was für eine Nachfrage danach herrscht.«
Er lachte. Für ihn gab es keine Bedenken, was die Menschen wollten, mussten sie haben. Seine Sache war es, herauszufinden, wo die Nachfrage saß. »Aber natürlich ging das nur ein paar Tage, bis die Polente dahinterkam.«
Der Greifer am Büfett schäkerte noch immer. »Wer es nur sein mag? Von uns ist es keiner, ich kenne alle Jungen, die hier kommen.«
Wieder: »Aber man muss in Schale sein. Ich will Ihnen etwas sagen: Ihr Ponim kann sein, wie es mag, wenn Ihre Hosen nur gebügelt und Ihre Hände manikürt sind. Und dann müssen Sie natürlich richtig deutsch sprechen, für unsereinen gar nicht so leicht bei den vielen Fremdwörtern. Da haben die Leute gleich Zutrauen zu Ihnen. Wenn Sie denen erzählen, Sie sind Doktor und können Diathermie und Arteriosklerose sagen, ohne zu stolpern, und lassen ihre Weiber merken, Sie haben ein weites Herz, wenn es in Punktus Punkti mal schiefgegangen ist, dann dürfen Sie ruhig Ihre Brieftasche vergessen, jeder hilft Ihnen aus.
[80]Aber der Greifer dort macht mich nervös. Mir wäre nicht so mies, wenn er was von mir wollte.« Er suchte den ganzen Saal ab. Die Birnen schienen trübe durch die Rauchschwaden. Traumverlorenes, dumpfes Gefangensein hing über den Verschlafenen, Zerknüllten. »Wer es nur sein mag?« Er suchte wieder, pfiff durch die Zähne. »Ein Mädel ist’s! Darum konnte ich in dem Mist nicht klarkommen. Sehen Sie die Kleine dort in der Ecke, die den Kopf auf den Arm gelegt hat und tut, als ob sie pennt? Die pennt nicht! Sie hat den Fuß auf dem Handkoffer, dadrin ist die Sore.«







