Geschichten zum Zurücklehnen

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Der Troll führte ihn bis an ein großes, zweiflügeliges Tor in der dritten Ebene. Dort brummte er für eine der beiden davorstehenden Wachen wieder ein paar seiner unverständlichen Worte und deutete auf seinen menschlichen Begleiter. Dann drehte er sich um und verschwand.
Verblüfft sah Johannes dem Davonschlurfenden nach, doch ihm blieb keine Zeit, sich zu wundern. Einer der Trolle vor dem Tor, der inzwischen einen Türflügel geöffnet hatte, winkte ihm.
Der Raum, den er betrat, hatte nichts gemein mit den Geschichten, die Lene über die märchenhaften Thronsäle von Königen erzählt hatte. Es gab keinen Thron, keine Diener, keine Krone.
Der Herrscher der Trolle saß an der Stirnseite eines gewaltigen Holztisches in einem überdimensionalen, ins Eis gemeißelten Sitz, der mit weichen Fellen ausgelegt worden war. Er hatte den Kopf an die Lehne gelegt und schnarchte. Auf der Tischplatte vor ihm standen ein wuchtiger Kerzenleuchter und ein mächtiger Trinkkelch aus Zinn, ähnlich denen, die Johannes im Wirtshaus bei Freder gesehen hatte.
Auf einen kurzen, bellenden Laut des Begleiters hin öffnete der Schlafende träge ein Auge. Als er Johannes erblickte, riss er beide auf und setzte sich gerade hin.
„Was haben wir denn da?“, knurrte er und schickte seine Wache mit einer Handbewegung wieder zurück nach draußen.
Johannes stand stocksteif, unfähig, sich zu rühren. Er starrte den Troll an, dessen breite Schultern und dunkles Fell ihn schon rein äußerlich aus der Masse hervorstechen ließen. Sein deutlich verständlicher Satz in der Menschensprache zeigte, dass er nicht nur stärker, sondern auch klüger zu sein schien als seine Untertanen. Der Blick, mit dem er ihn musterte, verriet im Unterschied zu dem stumpfen Glotzen der Wächtertrolle und Türsteher eine gefährliche Schläue.
Instinktiv spürte Johannes, dass er sich vor dem Trollkönig in Acht nehmen musste. Er räusperte sich einmal, bevor er entschlossen seinen Namen nannte.
„Johannes“, wiederholte sein Gegenüber bedächtig und lehnte sich wieder zurück in die Felle. Die Stimme war tief, sonor, nicht so knarrend wie die des Wächtertrolls. „Was führt ein Menschenjunges hierher ins ewige Eis?“
„Ich suche meine Mutter.“ Er hatte keine Sekunde gezögert mit seiner Antwort und bemühte sich um Festigkeit in der Stimme. „Eure ... Untergebenen haben sie mitgenommen.“
„Deine Mutter.“ Der Trollkönig zog das Wort in die Länge, als müsse er überlegen.
Johannes wartete ungeduldig, obwohl er am liebsten laut „Gib sie uns zurück!“ geschrien hätte. Es fiel ihm schwer, ruhig stehen zu bleiben, doch er durfte den Herrscher nicht verärgern. Dann wäre alles verloren. „Ist sie hier? Kann ich sie mit ... nach Hause nehmen?“ Ein Kloß bildete sich in seinem Hals und er war sicher, dass er kein weiteres Wort hervorbringen konnte, ohne zu weinen anzufangen.
Das schwarzbehaarte Wesen erhob sich aus dem Stuhl. Eines der Felle rutschte zu Boden und Johannes sah, dass die Sitzfläche aus blankem Eis bestand. Unwillkürlich schauderte er.
„Meine Untergebenen haben viele Dinge von ihrem letzten“, der Herrscher der Trolle stockte kurz, „Ausflug mitgebracht. Kostbare, nützliche und welche, die einfach nur schön anzusehen sind.“ Die Worte kamen langsam, er war es offenbar nicht gewohnt, in der Sprache der Menschen zu reden.
Johannes sank der Mut. Es heißt, der Trollkönig sammelt schöne Sachen wie Trophäen, hörte er Freder in seinem Kopf. Was, wenn die Mutter tatsächlich als eines dieser Mitbringsel angesehen worden war und die Trolle sie gar nicht wegen des Ziegenkäses mitgenommen hatten?
Sein Herz hämmerte in der Brust und seine eiskalten Hände umklammerten den dicken Knoten des Bündels. Bebend ließ er die Musterung des Königs über sich ergehen. Sein Gefühl sagte ihm, dass, je länger dieser mit einer Antwort zögerte, die Wahrscheinlichkeit zunahm, die Mutter zurückzubekommen.
„Wir brauchen sie“, wisperte er erstickt. „Meine Schwester ist noch so klein.“
Immer noch schwieg der Troll, der wie ein Turm hinter dem Tisch aufragte. Sein behaartes Gesicht zeigte keine Regung, während die schwarzen Augen ihn musterten. Es war nicht zu erkennen, was er dachte, und Johannes fühlte sich unter dem forschenden Blick zunehmend unbehaglich.
„Komm mit“, befahl der König und schlurfte an ihm vorbei zur Tür.
Johannes folgte, ohne zu wissen, wohin es ging und ob er die Höhle je wieder verlassen würde. Eva, flüsterte er in Gedanken, ich finde Mutter und bringe sie mit nach Hause, versprochen.
Sie traten auf den blau schimmernden Korridor hinaus. Ihr Weg führte aufwärts. Eine Ebene nur und es wurde wieder heller. Am Ende eines schnurgeraden Ganges angekommen, blieb der König stehen.
Johannes hob den Kopf und riss die Augen auf. Ungläubig staunend ließ er den Blick über den Anblick wandern, der sich ihm bot. Eine Tür gab es nicht, nur eine Verbreiterung des Ganges zu einer Art Saal, angefüllt mit Säulen aus Eis. Manche so hoch, dass sie die gewölbte Decke trugen, andere kleiner als er selbst. Ein dünner Lichtstrahl fiel auf jedes der weißen Gebilde und erleuchtete es.
Sonnenlicht?
Wie ist das möglich, fragte er sich erstaunt. Sie befanden sich weit unten in einer klaftertiefen Eishöhle. Er hob den Kopf noch höher, um zu sehen, wo die zarten Lichtfinger herkamen, doch geblendet musste er den Blick wieder senken.
Zögernd trat er näher an die Säulen heran, obwohl er am liebsten davongerannt wäre. Die durchsichtigen, leuchtenden Stelen beherbergten Dinge. In der ersten befand sich eine Muschel. Das Eis hatte man so poliert, dass es glatt wie eine Fensterscheibe war. Jedes Detail auf der makellosen Schale konnte er erkennen.
Wie im Traum ging er weiter, obwohl sein Herz hart gegen die Rippen hämmerte. Dampfwölkchen kamen aus seinem halbgeöffneten Mund und die klammen Finger schob er in die Achselhöhlen.
Freder hatte recht behalten. Der Raum war die Trophäensammlung des Trollkönigs. Er sah einen wundervollen, blaugrün glänzenden Vogel mit einem Federkrönchen auf dem Kopf, dessen Schwanz ausgebreitet und rund wie ein Wagenrad war. Eine Kette aus rosa schimmernden Perlen. Einen auf die Hinterbeine aufgerichteten Bären, geschnitzt und nur so groß wie seine Faust, aber so fein, als wäre er lebendig. Eine Feder, die in nie gesehenen Farben leuchtete, eine gerade erblühte dunkelrote Rose, ein ...
Ein überraschter Laut entschlüpfte ihm. In der Säule war ein Kind. Ein wunderschönes, blondes Mädchen. Sein Herz schmerzte, so sehr erinnerte ihn die Kleine an Eva. Ihr Gesicht zeigte Staunen und ihre großen Augen blickten verständnislos. Die Hände hielt sie erhoben, als würde sie von innen gegen das Eis drücken.
Das Entsetzen verschlug ihm die Sprache. Muscheln, Federn, Perlen – das alles waren wirklich wunderschöne Dinge. Auch er hatte sie bewundert. Doch bereits der Vogel hatte ihm leidgetan. Aber ein Kind in Eis einzuschließen, war ...
Langsam hob er die Hand und berührte mit einem Finger die spiegelglatte Fläche. „Ist sie ... tot?“, stammelte er verstört.
Vom Trollkönig kam ein Schnauben. „Nein“, grunzte er, „seelenlos.“
„Seelenlos?“ Johannes konnte sich nichts darunter vorstellen. „Was bedeutet das?“
„Ich habe ihr ihre Seele genommen. So ist ihr Körper erstarrt. Erst wenn sie sie zurückerhält, lebt sie wieder.“
„Wie kann man jemandem die Seele nehmen?“ Sein Blick glitt ungläubig über das Kind. Sie sah so lebendig aus. „Und erfriert sie nicht da drin?“
„Nein. Sie fühlt nichts, auch keine Kälte. Ihr Körper ist genauso eingefroren wie ihre Lebenszeit.“
„Was ist mit ihren Eltern? Ihrem Zuhause?“
„Was kümmert mich das?“, knurrte der Trollkönig gereizt. „Sie haben sie nicht beschützt, ganz allein gelassen. Jetzt bleibt sie bei mir.“
„Aber ...“
„Schluss! Du bist nicht ihretwegen gekommen!“
Johannes zuckte zusammen bei den harschen Worten und er schluckte den Rest der Frage hinunter. Es stimmte, ihm konnte es egal sein, warum der Herrscher dieser hässlichen Wesen sich mit so viel Schönheit umgab.
Er war hier, um seine Mutter zu finden.
Zaghaft sah er sich um, denn gleichzeitig fürchtete er sich davor. Ob sie auch in einer der vielen Säulen eingeschlossen ist?, fragte er sich bang. Ihrer Seele beraubt und zu Eis erstarrt wie das kleine, blonde Mädchen?
Ihm wurde klar, dass er es nicht ertragen würde, sie in einer dieser blau leuchtenden Stelen zu sehen. Er wollte weitergehen und sie suchen, doch seine Beine waren schwer wie die Mühlsteine, die der dicke Müller ihm einmal gezeigt hatte.
Der Trollkönig nahm ihm die Entscheidung ab. „Komm!“, grunzte er und Johannes konnte sich wieder bewegen. Mit immer noch wild klopfendem Herzen folgte er dem schwarz behaarten Wesen tiefer hinein in den Saal. Ein Schmetterling mit rot schillernden Flügeln, ein Stück Stoff, glänzend wie Gold, noch ein Vogel, dessen ausgebreitete Schwingen durch den schmalen Lichtstrahl in herrlichem Dunkelgrün leuchteten ... Die Sammlung seines Gastgebers war grauenerregend und wunderschön zugleich. Erstarrtes Leben, eingesperrt in Eis.
Er wusste, dass die Mutter hier irgendwo war, und dieses Wissen wurde so übermächtig in ihm, dass er vor Aufregung zitterte. Irgendeiner dieser dünnen Strahlen aus Sonnenlicht beleuchtete auch ihre Stele.
Während sie durch das Labyrinth der Säulen immer tiefer in das blau leuchtende Gewölbe hineingingen, überschlugen sich seine Gedanken. Die Vorstellung, angesichts dieser Kostbarkeiten dem Trollkönig Ziegenkäse anzubieten, erschien ihm mit einem Male lächerlich. Doch was sollte er sonst vorschlagen? Welche Worte konnten das Wesen, das vor ihm her schlurfte und kein bisschen königlich wirkte, überzeugen?
Irgendwann blieb der Trollkönig stehen und wartete, bis Johannes neben ihn kam.
„Sieh hin“, forderte er und streckte den Arm aus. „Ist sie das?“
Bitte nicht, war alles, was Johannes denken konnte. Bitte, bitte nicht! Lieber Gott, lass es nicht sie sein. Eine andere Frau, mit kurzen, schwarzen Haaren, so dass sie der Mutter nicht ähnlich ist.
Er fühlte einen Stich seines schlechten Gewissens, weil jeder Mensch, der hier eingesperrt war, mit Sicherheit von jemandem schmerzlich vermisst wurde. Aber er wollte lieber eine Fremde sehen als seine schöne Mutter mit den strahlenden Augen und dem Lachen, das er so liebte.
„Sieh hin!“, wiederholte der Trollkönig ungeduldig und schob ihn näher heran.
Er starrte stur zu Boden und wagte nicht den Kopf zu heben. Das Zittern nahm zu und es war nicht die Kälte, die ihn schlottern ließ. Hilflos presste er die Lippen zusammen und knetete den Stoff des schweren Winterumhangs zwischen den schweißfeuchten, eiskalten Fingern seiner Linken. Schließlich gab er sich einen Ruck und sah auf.
Der Atem stockte ihm und gleichzeitig wuchs ein dicker Kloß in seinem Hals. Ein erstickter Laut entrang sich seiner Kehle, halb Schreckensschrei, halb Seufzer, und unwillkürlich streckte er die Hand aus. Wenige Zentimeter vor der kalten, glänzenden Oberfläche verharrten die Fingerspitzen.
Da war sie ...
Sie hatte die Hände gefaltet und rang sie flehend. Ihr Gesicht war verzerrt vom Schluchzen, das sie im Moment des Einfrierens geschüttelt haben musste. Die weit aufgerissenen Augen verrieten namenlosen Schrecken und der geöffnete Mund ließen Johannes die bittenden Worte, sie gehen zu lassen, fast hören.
„Mutter!“
Er trat einen Schritt vor und legte beide Hände aufs Eis, als könnte er ihr so näherkommen. Seine Lippen bebten, als er in ihr verzerrtes Antlitz starrte und unsagbare Angst ergriff ihn, lähmte sein Denken und ließ den Mut in seinem Herzen schmelzen wie den Schnee auf den Bergen in der Frühlingssonne.
Das letzte Mal, dass er sie so gesehen hatte, war an dem Abend gewesen, als Männer aus dem Dorf die Bahre mit dem Vater aus dem Haus getragen hatten. Ihre in das Hemd des Toten gekrallten Finger waren vom Dorfältesten mit Gewalt gelöst worden. Mit den hasserfüllten Worten „Fass ihn nicht mehr an, Hexe!“, hatte er sie zur Seite gestoßen. „Du hast ihn auf dem Gewissen mit deinen Zaubersprüchen und Tränken!“
Ihre flehenden Schreie gellten ihm noch heute in den Ohren. Er hatte damals zitternd in der Ecke gekauert, die Arme um Eva geschlungen, die sich schluchzend an ihn klammerte und ihr tränennasses Gesicht an seine Brust presste. Die Mutter war den Männern nachgerannt und am Gartentor mit einem letzten ‚Ich habe ihm nichts getan!‘ zu Boden gesunken.
Er schüttelte den Kopf, als könnte er die Erinnerung an den schrecklichen Tag auf diese Weise vertreiben. Sanft und liebevoll strichen seine Handflächen über die Stelle, hinter der ihre gefalteten Hände erkennbar waren, und hinterließen feuchte Spuren. „Mutter“, flüsterte er rau, „ich bin’s, Johannes. Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu holen. Evchen wartet so sehr auf dich.“
Sie hörte ihn nicht, das wusste er. Trotzdem konnte er nicht anders. Er musste ihr sagen, dass er da war.
Einen Augenblick schaute er noch in das vertraute Gesicht. Dann gab er sich einen Ruck, drehte sich entschlossen um und hob den Kopf.
„Was muss ich tun, damit Ihr sie gehen lasst?“
Der Trollkönig ließ sich erneut Zeit mit der Antwort. Er schob Johannes zur Seite und trat an die Säule heran. Lange musterte er die eingeschlossene Frau. „Was bist du bereit zu geben?“, fragte er zurück.
Johannes lauschte den Worten nach. Sollte er wirklich mit der Mutter nach Hause gehen können, wenn er etwas bieten konnte, was der König als ähnlich wertvoll oder schön ansah ...?
Tief atmete er ein.
„Alles“, flüsterte er dann und obwohl ihm klar war, was diese Antwort für ihn bedeuten konnte, bereute er sie nicht. Seine Stimme war fest und ohne Zittern.
Der Trollkönig wandte sich zu ihm um und kniff die Augen zusammen.
„Alles?“, fragte er gedehnt.
Johannes wummerte das Herz in der Brust, als er die kräftigen, haarigen Finger spürte, die ihn unter dem Kinn fassten und seinen Kopf anhoben, um ihn langsam hin und her zu drehen. „Weißt du, dass du ein wirklich schönes Kind bist?“
Eiseskälte fuhr ihm in die Glieder. Würde er sich in wenigen Minuten – seiner Seele beraubt – neben der Mutter in einer Stele wiederfinden?
Sein Magen fühlte sich an wie ein Stein und ihm wurde der Mund trocken. „Nein“, murmelte er und versuchte, sich aus dem Griff zu befreien.
Der Trollkönig ließ ihn los und musterte ihn noch einen Augenblick, bevor er sich wieder der im Eis eingeschlossenen Frau zuwandte.
„Ich bewundere deinen Mut“, knurrte er, „und sie hier“, sein gekrümmter Zeigefinger wies auf die Eissäule, „habe ich auch sehr bewundert. Eine der schönsten Menschenfrauen, die ich je gesehen habe. Doch davon ist nichts mehr zu entdecken! Verheult, das Gesicht verzerrt, Rotz an der Nase, das Haar aufgelöst und wirr, die Augen und der Mund aufgerissen – so, wie sie jetzt aussieht, ist sie ein Schandfleck in meiner Sammlung.“
„Hör auf!“, schrie Johannes wutentbrannt und ballte in ohnmächtigen Zorn die Fäuste. Mit einem Satz sprang er zwischen die Stele und den schwarz behaarten Wanst des Trollherrschers und breitete die Arme aus, als könnte er damit die Mutter vor der Beschimpfung schützen. Bebend starrte er den König aus zornfunkelnden Augen an. Seine Wut hatte ihn die förmliche Anrede gänzlich vergessen lassen. Erst als er sah, wie der Trollkönig die buschigen Augenbrauen zusammenzog, fielen ihm Freders Worte wieder ein. Behandle ihn mit dem Respekt, der ihm zusteht, hatte der Alte gemahnt. Trotzdem entschuldigte sich Johannes nicht, denn dieses Ungeheuer hatte seine Mutter einen Schandfleck genannt.
„Dann lasst sie gehen“, stieß er stattdessen bittend hervor. „Gebt ihr ihre Seele zurück und lasst sie gehen.“
Noch immer stand er schwer atmend mit ausgebreiteten Armen vor der Säule, obwohl ein leichter Schubs des Trollkönigs mit einer der großen Pranken ihn in die nächste Ecke befördern konnte.
„Ich habe noch niemals jemanden gehen lassen“, war die geknurrte Erwiderung. Der König wandte den Kopf und schaute in den hinteren Bereich der Eiskammer.
Johannes wandte seinen Blick nicht von ihm ab. „Sie gehört Euch nicht“, widersprach er ausdruckslos, „es ist unsere Mutter.“
Mit bangem Herzen wartete er auf Antwort, doch der Herrscher der Trolle musterte ihn erneut so seltsam, dass er unwillkürlich den Kopf einzog.
„Ich habe dir ein Angebot zu machen“, meinte der König völlig unerwartet. „Komm mit.“ Er drehte sich um und wandte sich dahin, wo er hingeschaut hatte.
Zögernd ließ Johannes die Arme sinken und starrte auf den fellbedeckten Rücken des davon stapfenden Wesens. Er war so überrascht, dass er unschlüssig stehen blieb.
Der Trollkönig, der ein paar Schritte gegangen war, hielt an, als er es merkte.
„Komm mit!“, knurrte er unwillig. „Muss ich dir alles zweimal sagen?“
Hastig stolperte Johannes ihm nach, denn nichts wollte er weniger, als den Herrscher zu verärgern. Das würde jede Hoffnung auf ein gutes Ende seiner Reise zerstören.
Während sich seine Gedanken überschlugen, was das wohl für ein Angebot war, erreichten sie eine Tür in der hinteren Wand der geräumigen Eiskammer.
Der Trollkönig legte die Hand auf einen gewaltigen eisernen Riegel, der so hoch oben angebracht war, dass ihn nicht einmal ein erwachsener Mann erreichen konnte.
Johannes‘ Herz begann erneut wild zu hämmern. Was war hinter diesem Eingang, dass er so gesichert wurde? Immer wieder musste er an seine Antwort denken auf die Frage, was er zu geben bereit war.
Alles.
Entweder würde der Herrscher der Trolle ihm jetzt seinen Preis nennen oder ihn genauso einfrieren wie die Mutter. Gegen Letzteres würde er sich nicht wehren können und ein Entkommen aus dieser Eisfestung war unmöglich. Er hatte sich ihm selbst ausgeliefert.
Zwei Herzschläge lang tauchte Evas verzagtes Gesicht vor ihm auf, ihre tränenüberströmten Wangen an dem Tag, als sie vom Pilzesammeln zurückkamen und das Haus verwüstet fanden. Auch das sanfte Lächeln der Mutter sah er vor sich und hörte förmlich, wie sie seinen Mut lobte und ihn tröstete, weil er es nicht geschafft hatte.
Ein metallisches Scharren holte Johannes zurück in die Wirklichkeit. Der vereiste Riegel war mit einem kräftigen Ruck der behaarten Faust zurückgeschoben worden und der Trollkönig umfasste den mit Reif überhauchten Türknauf. Knarrend öffnete sich die Tür.
In dem Raum war es viel dunkler als in dem mit den Säulen. Das Blau hatte sich in Grau gewandelt. Die Augen von Johannes brauchten einen Moment, um etwas erkennen zu können. Es gab keine leuchtenden Finger aus Sonnenlicht, nur Nischen, immer mehrere übereinander, von groben Händen in die eisigen Wände gehauen.
Zögernd trat er näher, um zu sehen, was darin lag. Es waren Eisgebilde. Jedes hatte eine andere Größe. Manche waren so groß wie sein Kopf, einige nur so klein wie sein Finger. Staunend glitt sein Blick über die rauen, teils scharfkantigen Brocken. Warum hatte der Trollherrscher ihn hierhergebracht?
„Was sind das für Eisstücke?“, fragte er und reckte den Hals, um eines von ihnen näher betrachten zu können.
„Gefäße“, war die einsilbige Antwort.
„Man kann etwas in sie hineintun?“ Johannes wunderte sich, denn er sah weder einen Deckel noch eine Öffnung. „Darf ich?“ Seine erhobene Hand schwebte neben dem ihm am nächsten liegenden Eisklumpen und er sah fragend über die Schulter.
Ein knappes Nicken war die Erlaubnis.
Seine frostklammen Finger umschlossen das raue, kalte Gebilde und nahmen es aus dem Regal. Langsam drehte er es vor seinen Augen und betrachtete es sorgfältig. Es gab nichts Auffälliges daran. Ein einfacher Eisbrocken.
„Wenn du es fallenlässt, stirbt eines der Lebewesen in den Säulen.“
Beinahe wäre genau das passiert, weil Johannes bei diesen Worten erschrocken zusammenzuckte. Er verstand sofort, was der Trollkönig meinte. Gefäße hatte er die Gebilde genannt. Sie bargen die Seelen der eingefrorenen Menschen und Tiere im vorderen Raum.
Vorsichtig legte er den Eisklumpen wieder in die Nische. Bei dem Gedanken, dass dieser vielleicht die Seele des kleinen, blonden Mädchens beherbergte, schüttelte es ihn vor Grauen. Rasch zog er die Hände zurück.
Der Trollkönig hatte sein Verhalten wortlos verfolgt. Als der Brocken wieder an seinem Platz lag, drehte er sich um und ging zu einer Nische an der gegenüberliegenden Wand.
Johannes folgte ihm, wobei sein Blick über die unzähligen Fächer in den Eiswänden glitt. Manche waren leer, aber in den meisten lag etwas. Seelen, sagte er sich, geraubt und eingesperrt. Wie viele es wohl sind? Und ... ob es weh tut, wenn sie einem entrissen wird?
Er traute sich nicht, den Trollkönig zu fragen, denn schon die Vorstellung, dass die Mutter dabei Schmerzen gelitten hatte, ließ ihn sich innerlich krümmen.
„Das ist ihre Seele.“
Johannes starrte auf den Eisklumpen, der in der haarigen Handfläche vor ihm lag. Er war so groß, dass er beide Hände brauchen würde, um ihn zu halten. Hastig verbarg er sie auf dem Rücken. Er wollte das unförmige Gebilde nicht halten, aus Angst, es könne ihm entgleiten.
„Ich sagte dir bereits, dass noch kein Lebewesen, das einmal hier drin eingeschlossen wurde, die Höhle wieder verlassen hat“, erklärte der Herrscher der Trolle. „Aber es gibt etwas, was mich dazu zwingen kann, es freizugeben. Einen Preis, den ich für das Nutzen von Magie beim Entnehmen der Seelen zahlen muss: Verlangt jemand die Herausgabe eines meiner Sammelstücke, darf er darum kämpfen. Gewinnt er, bin ich gezwungen, einem Geschöpf seiner Wahl die Seele zurückzugeben.“
Ich muss also um meine Mutter kämpfen, wiederholte Johannes in Gedanken und er merkte, wie ihn der Mut verließ. Wie sollte er, ein zehnjähriger Junge, einen Kampf gegen einen Troll gewinnen, vielleicht gar gegen den König selbst?
„Ihr lasst meine Mutter gehen, wenn ich siege?“
Der Trollkönig nickte.
„Gegen wen muss ich kämpfen?“ Seine Stimme zitterte ein wenig und er hoffte, dass der Herrscher es nicht bemerkte.
„Gegen die Zeit.“
Der König neigte den Kopf, was ihm etwas Verschlagenes verlieh, und Johannes wurde klar, dass es nicht einfach werden würde, auch wenn er keinen Troll als Gegner bekam. Furcht kroch in ihm hoch und machte ihm das Atmen schwer.
„Wie – geht das?“, fragte er zaghaft.
„Ganz einfach“, gab der Troll schroff zurück. Er wandte sich abrupt ab und trug den Eisbrocken hinaus aus dem Raum direkt bis zu der Eissäule mit Johannes‘ Mutter darin. „Sieh her.“ Und mit diesen Worten ließ er seine Last fallen.
Als würde die Zeit langsamer laufen, sah Johannes mit offenem Mund dem Brocken hinterher. Er war wie gelähmt, machte nicht einmal den Versuch, die Hände vorzustrecken, um ihn zu fangen. Sogar der entsetzte Aufschrei blieb ihm im Hals stecken. Das kostbare Gebilde sauste an seinen Augen vorbei, schlug mit einem dumpfen Laut auf dem Eis des Höhlenbodens auf und zerplatzte vor seinen Füßen.
Fassungslos stierte er auf das, was vor seinen groben Winterschuhen lag. Splitter, kleinere Krümel und Bröckchen ...
Hatte das sein Kampf gegen die Zeit sein sollen? Den Eisbrocken rechtzeitig zu fangen? Dann hatte er versagt. Die Mutter war verloren und alle Anstrengung vergeblich gewesen.
„Nein!“, stöhnte er und sank auf die Knie. Seine Finger zitterten, als er eine der Eisnadeln in die Hand nahm. Er legte sie auf die Handfläche und betrachtete sie. Der Schandfleck, dachte er und seine Augen füllten sich mit Tränen, der Trollkönig hat seinen Schandfleck beseitigt.
„Setze es wieder zusammen!“, hörte er ihn hinter sich knurren.
Ruckartig fuhr er herum und starrte ihn verständnislos an. „Was?“, brachte er mühsam hervor.
Die zusammengezogenen Augenbrauen und der sich verfinsternde Blick zeigten ihm, dass er diesmal keine zweite Aufforderung bekommen würde. Er hatte sie ja auch verstanden. Sie erschien ihm nur so widersinnig, dass er sich vergewissern wollte, nicht falsch gehört zu haben.
„Zusammensetzen?“, flüsterte er. „Warum? Sie ist doch tot.“ Erneut drängten sich Tränen in seine Augen und er wagte nicht, den Kopf zu drehen und einen Blick auf die Mutter zu werfen.



