- -
- 100%
- +
„Dass sie dieses Thema wieder einmal nur anreißen!“, erwiderte Mira hitzig. „Weißt du noch, als ich Frau Dr. Steinlein damals gefragt habe, wie es sein kann, dass der Kronprinz eines Landes einfach so mir nichts, dir nichts verschwindet?“ Mira schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, und Vera verlor abermals die Seite, die sie eben erst wiedergefunden hatte. „Sie hat gesagt: Frau Robins, dieses Thema behandeln wir ein andermal zu geeigneterem Zeitpunkt. Und seitdem? Nichts, gar nichts!“
„Warum interessiert es dich denn so brennend?“ Vera ließ das Buch nun einfach zugeklappt auf dem Tisch liegen.
„Na, hör mal“, rief Mira aus. „Das lädt ja geradezu zu Spekulationenein! Ist er tot? Hat er sich einer konspirativen Kleinstgruppe angeschlossen und bekämpft sein eigenes Land als gesuchter Rebell? Hat sein eigener Vater ihn vielleicht verschleppen oder hinrichten lassen? An die Theorie mit der Entführung glaube ich jedenfalls nicht. Warum sollte ein anderes Land unseren Thronfolger entführen? Dann krönen wir eben einen anderen. Damit ist doch keinem geholfen!“
Vera pustete sich die Ponyfransen aus der Stirn und beobachtete Mira eingehend. Insgeheim interessierte es Vera bestimmt ebenso brennend wie Mira, was mit ihrem Thronfolger geschehen war. Aber Vera hatte gelernt, den Mund zu halten und sich nicht mit übermäßiger Neugier in Schwierigkeiten zu bringen. Ganz anders als Mira, mit der manchmal die Fantasie durchging.
„Überleg doch mal!“, ereiferte sie sich. „Wer weiß, was sie uns da verschweigen. Man findet ja kaum Informationen über ihn. Und wenn du mich fragst, ist das ganz schön verdächtig! Noch nicht einmal ein Foto haben sie uns je gezeigt!“
Nun begann Vera doch wieder, zu blättern. „Es gibt ein Foto. Hier in genau diesem Text.“
Sie beugten sich beide darüber und betrachteten die winzige Kopie eines Familienportraits, das Nicholas Auttenberg mit Frau und Sohn zeigte. Sie war blond und mager, Vater und Sohn hatten tiefschwarzes Haar in militärisch kurzem Schnitt und beide den gleichen harten Zug um den Mund.
„Hm … wie ein Rebell sieht er nicht gerade aus“, lenkte Mira ein. Zugegeben, er hatte schöne Augen. Dunkle Wimpern, wie die seiner Mutter, und einen nach innen gekehrten Blick, als wäre er in Gedanken ganz woanders. Aber Haltung, Kleidung und Gebaren erinnerten unverkennbar an seinen steifen Vater. Als König wurde Nicholas Auttenberg verehrt, aber insgeheim konnte Mira sich nicht vorstellen, dass irgendjemand ihn besondersgut leiden konnte. Eiskalt war er und reichlich wenig menschlich, nach allem, was man so hörte. Einer, der dazu geboren war, Befehle zu geben und im Reichtum zu leben, während sein Volk ums Überleben kämpfte.
„Auttenberg traue ich es trotzdem zu, seinen eigenen Sohn verschleppen zu lassen“, sagte sie entschieden. „Wenn es um den Thron geht, ist Blut bestimmt nicht dicker als Wasser. Und stell dir nur vor, wenn Carl Auttenberg andere Ansichten hatte als sein Vater. Da hätte der doch –“
Sie war gezwungen, ihre Ausführungen zu unterbrechen, weil Schritte im Flur ankündigten, dass sie nicht mehr alleine waren. Aber es war zu Miras Leidwesen nicht nur Veras liebenswerter, zerstreuter Vater, der sich zu ihnen gesellte, sondern auch Filip mit Uniform und Abzeichen.
„Dennoch heißt Pflichtbewusstsein nicht, dass man es jedem recht machen muss“, sagte Herr Petersen gerade, verstummte aber schlagartig, als er die Tür aufschwang und in die erstaunten Gesichter von Vera und Mira blickte.
Eisern schweigend zog er seine abzeichenlose Jacke aus, hängte sie auf und sah Vera eine Weile beim Lesen über die Schulter. Mit dem lauten Lesen und vor allem dem Debattieren über den Verbleib von Kronprinz Carl Auttenberg war es nun natürlich vorbei. Vera und Mira beugten sich still über ihre Bücher.
Filip holte unter lautem Poltern das Bügelbrett aus der Besenkammer und stellte es neben ihnen auf. Mira starrte noch eine Weile auf das Foto der Königsfamilie, ehe sie wieder zu lesen begann. Das Schweigen füllte jeden Winkel des Raumes. Nur hin und wieder ein Seitenrascheln, das Zischen des heiß werdenden Bügeleisens und Herrn Petersens schweres Atmen waren zu hören.
„Was machst du da?“, fragte er schließlich Filip, der eben ein schwarzes Jackett auf dem Bügelbrett ausbreitete.
„Antoine Herder hat mich gebeten, seinen Anzug in eine anständige Form zu bringen“, entgegnete er, ohne auch nur von seiner Arbeit aufzusehen. Mira dagegen hatte ihr Staatsgeschichtsbuch schnell vergessen. Sie sah zu Vera, die sich mit zusammengekniffenen Lippen unnötig tief über ihr Buch beugte. Ihre Nasenspitze berührte fast die Seiten.
„Seinen Anzug in eine anständige Form zu bringen“, echote Herr Petersen. Er stand immer noch hinter ihnen, weshalb Mira ihn nicht sehen konnte. Aber seiner Stimme nach zu urteilen, missfiel ihm, was er hörte. Sie war mit einem Mal entsetzlich dankbar, dass sich Iliona um die Wäsche, und damit auch um die Anzüge ihres Vaters, kümmerte. Sie würde sich in Grund und Boden schämen, wenn Filip eines Nachmittags das Jackett ihres Vaters mitbrächte, um es für ihn zu bügeln.
„Du bist jetzt ein Wachmann“, sagte Herr Petersen tonlos. „Kein Handlanger mehr. Sie können dich nicht mehr zwingen –“
„Keiner zwingt mich, Vater. Es handelt sich nur um eine Gefälligkeit.“
Mira beobachtete Filip unauffällig über ihr Buch hinweg. Er sah seinen Vater nicht einmal an, sondern pflügte nur weiter mit dem dampfenden Bügeleisen über den schwarzen Stoff.
„Antoine Herder kann seinen Anzug selbst bügeln“, sagte Herr Petersen mit Nachdruck. „Du bist nicht sein Diener. Was kommt als Nächstes? Dass du ihm die schmutzigen Stiefel putzt?“
Filips Gesicht nahm die rötliche Farbe seines Haars an, und er tat es Vera gleich, sich über seine Arbeit zu lehnen, als nehme er nichts um sich herum wahr.
„Um alles in der Welt!“, entfuhr es Herrn Petersen. „Sag, dass das nicht wahr ist!“
Nun stellte Filip das Bügeleisen doch zur Seite. Angriffslustig funkelte er seinen Vater über das Brett hinweg an. „Ich werde mir sicher keinen meiner Vorgesetzten zum Feind machen, weil ich mir zu schade dafür bin, seinen Anzug aufzubügeln.“ Er sah seinen Vater unverwandt an. „Und es wäre mir lieber, du hieltest dich heraus. Du hast deine Arbeitsmoral und ich meine. Und wir wissen alle, wohin deine dich geführt hat.“
Mira konnte nicht anders: Sie wandte sich zu Herrn Petersen um. Er hatte die Brille abgenommen und sah seinen Sohn an. Auf seiner gerunzelten Stirn standen die Schweißtropfen. Langsam nickte er. Dann legte er Vera, die ebenfalls gewagt hatte, den Kopf zu heben, die Hand auf die Schulter und sagte mit belegter Stimme: „Lern nur fleißig“, ehe er aus dem Zimmer schritt.
Mira begegnete Filips zornfunkelndem Blick und konzentrierte sich wieder auf ihre Hausaufgabe. Sie fühlte sich wie ein ungebetener Eindringling, nachdem sie diesen Streit im Haus der Petersens mitbekommen hatte. Normalerweise herrschte hier eine heimelige, friedliche Atmosphäre. Auf ihren Staatsgeschichtstext konnte sie sich nun natürlich nicht mehr konzentrieren, und als sie einmal zu Vera blinzelte, sah sie, dass auch sie auf die Buchseite starrte, ohne die Augen zu bewegen.
„Warum lässt Filip das mit sich machen?“, fragte sie ihre Freundin, als diese sie später zur Tür brachte.
Vera tat zuerst so, als wisse sie nicht, wovon Mira redete, dann jedoch ergriff sie schnell Partei: „Er hat ja keine Wahl.“ Sie sah Mira nicht an, während sie sprach. „Wenn er es im Staatsdienst zu etwas bringen will, muss er tun, was man ihm sagt.“
„Aber dein Vater hat recht!“, protestierte Mira. „Es ist nicht fair, dass sie von Filip verlangen, dass er –“
„Mein Vater hat seinen Posten und seinen Ruf schon vor Jahren verloren. Filip versucht nur, es besser zu machen. Um für uns zu sorgen. Von Vaters Rationen könnten wir gerade so überleben. Und das auch nur, wenn Mutter nicht … wenn wir nicht die Tabletten für sie bräuchten.“
Mira klappte den Mund auf, um abermals zu widersprechen, doch Vera schüttelte niedergeschlagen den Kopf. „Wir alle müssen tun, was man von uns verlangt. Filip muss Anzüge bügeln, und ich muss ein Zusatzreferat in Staatswirtschaft halten. Jemand mit unserem Ruf kann nicht so wählerisch sein wie …“ Sie verstummte schlagartig.
„Wie ich, meinst du.“ Mira umklammerte den Schulterriemen ihrer Tasche fester und sah Vera herausfordernd ins Gesicht. Aber Vera war niemand, der sich leicht provozieren ließ. Lieber nahm sie alle Schuld auf sich, als Feindseligkeit oder Streit in Kauf zu nehmen.
„Entschuldige“, murmelte sie. „Weißt du … ich rechne es dir hoch an, dass du mich morgen auf die Felder begleiten willst. Du müsstest das genauso wenig tun wie Filip das Bügeln dieser Anzüge.“
„Das ist doch etwas ganz anderes“, wehrte Mira ab, doch Vera schüttelte den Kopf. „Ich weiß, du tust es nicht nur für eine Beförderung oder eine gute Note. Sondern für mich. Und dafür bin dir sehr dankbar, Mira.“
Mira wusste, dass Veras Worte dazu dienen sollten, ihr schlechtes Gewissen wegen des scharfen Kommentars zu beruhigen. Dass sie Miras damit nur noch schürte, konnte Vera ja nicht ahnen.
Ihre Eltern waren nicht begeistert davon, dass Mira mit Vera hinaus auf die Felder gehen wollte. „Was denkt sich dieser Professor nur dabei, zwei Schülerinnen quer durch die Armenviertel zu schicken!“ Aber weil es sich um Staatswirtschaft handelte und das fast genauso wichtig war wie Staatsgeschichte, ließen sie Mira gehen. Ihre Mutter wies Iliona sogar an, ein paar belegte Brote und eine Packung Ersatzschokoladenkekse für Mira einzupacken. Falls es später werden sollte. Mira hatte mehrfach betont, dass sie zum Abendessen bestimmt nicht zurück sein würde.
„Die Landwirtschaft ist in der Tat eine spannende Angelegenheit“, lenkte ihr Vater ein, während ihre Mutter protestierte. „Ein Einblick in unser aufblühendes Versorgungssystem ist mit Sicherheit wichtiger als das Abendessen.“
Vera hatte zu Hause erst gar nichts von dem Referat erzählt. Ihre Mutter, so argumentierte sie, würde sich nur aufregen, und ihr Vater interessierte sich nicht dafür, mit welchen Lehrern Vera aus welchen Gründen aneinandergeriet.
Filip freilich wäre außer sich gewesen. Aber der schob mal wieder Überstunden im Staatsdienst.
So war Veras und Miras Aufbruch in Richtung Stadtrand doch recht unspektakulär. Mira tat ihr Bestes, ihre Nervosität zu verbergen. Immerhin hatte Vera keine Ahnung, warum sie wirklich so erpicht darauf gewesen war, sie zu ihrem Treffen mit dem Landwirt zu begleiten.
„Ich würde sagen, du stellst die Fragen und ich mache Notizen“, erklärte Mira fachmännisch. „Dann kann ich die Informationen gleich in Formulierungen bringen, die Winkelbauer entgegenkommen.“
„Und ich kann mich mit meinen dummen Fragen blamieren.“ Vera – ohnehin schon deutlich kleiner als Mira – sank sichtlich in sich zusammen. Mira musste wirklich geschickte Formulierungen finden, um Winkelbauer daran zu hindern, ihre Freundin vor versammelter Klasse vorzuführen.
„Winkelbauer hört am liebsten seine eigene Meinung“, erklärte Mira aufmunternd. „Wenn du ihn dann noch Glauben machst, du wärst selbst drauf gekommen, hast du schon fast gewonnen.“
Vera erwiderte nichts. Mit hängenden Schultern trottete sie vor sich hin, und Mira folgte ihr, während sie versuchte, sich eine gute Ausrede zu überlegen, sich in den Armenvierteln von Vera zu trennen. Nach dem Vortrag natürlich. Auch wenn sie aus eigennützigen Gründen mitgekommen war, wollte sie ihre Freundin nicht im Stich lassen.
Sie durchquerten das Zentrum von Leonardsburg, passierten „Porters Höhle“ und die Staatsgebäude: Schule, Rathaus und Gericht. Mira war schon viele Dutzend Male hier gewesen, und auch die Siedlung dahinter war ihr vage bekannt. Aber dann folgte sie Vera durch einen Torbogen in eine gepflasterte Gasse, und sofort war ihr klar, dass sie den Stadtkern hinter sich gelassen hatten.
Die Hausfassaden waren heruntergekommener, die Straßen schmaler, und ein Wachposten stand wie eine Statue auf der anderen Seite des Tores.
Augenblicklich versperrte er ihnen den Weg. „Ihr habt euch wohl verlaufen. Zwei junge Mädchen wie ihr!“ Er musterte sie von oben bis unten. „Ihr habt hier draußen nichts verloren.“
Obwohl sie einen guten Grund für ihren Spaziergang hatten, schlug Mira das Herz bis zum Hals, und die ihr von klein auf eingeimpfte Angst vor den städtischen Wachposten machte es ihr beinahe unmöglich, dem Mann in die Augen zu sehen. Auch Vera, der sie stattdessen einen Hilfe suchenden Blick zuwarf, starrte auf ihre Füße und machte nicht den Eindruck, als habe sie vor, zu antworten.
„Wir haben einen Termin.“ Mira reckte den Hals und zwang sich, dem Wachmann ins Gesicht zu sehen. Er konnte kaum älter als Filip sein, und das beruhigte Miras rasenden Herzschlag ein wenig. Vielleicht hatte auch dieser Mann Geschwister in ihrem Alter, und da war es doch natürlich, dass er sich um zwei Mädchen sorgte, die den sicheren Stadtkern verließen. Filip hätte Vera jedenfalls bestimmt nicht gerne hier draußen gewusst.
„Was für ein Termin soll das sein?“, fragte der Wachmann schroff, und Mira musste sich nun ernstlich bemühen, sein offensichtliches Misstrauen noch als Fürsorge zu entschuldigen.
„Herr Professor Winkelbauer“ – sie betonte den Namen mit Nachdruck – „schickt uns aus Recherchegründen zu einem Landwirt auf die Felder.“
Sie konnte sehen, wie der Wachmann beim Namen des Professors die Schultern noch ein wenig fester anspannte. Wahrscheinlich hatte er vor gar nicht allzu langer Zeit selbst bei Winkelbauer im Unterricht gesessen und wusste, dass man besser tat, was er einem auftrug.
„Viel zu gefährlich“, konstatierte er jedoch nach kurzem Ringen mit sich selbst. „Die Felder liegen jenseits der Armenviertel.“ Zwischen seinen buschigen Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet, und er wollte nicht aufhören, sie zu mustern. „Ohne eine erwachsene Begleitperson kann ich euch unmöglich passieren lassen.“
Miras Herz drohte ihr in die Hose zu rutschen. Aber nur für einen Moment. Dann straffte auch sie die Schultern und sagte langsam, als denke sie ernsthaft darüber nach: „Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als Herrn Professor Winkelbauer zu bitten, uns zu begleiten.“
Veras Augen weiteten sich vor Entsetzen. Aus Angst, sie könne ausgerechnet jetzt ihre Sprache wiederfinden, legte Mira noch nach: „Oh, Vera, das wird ihm aber gar nicht gefallen, wenn wir ihn damit belästigen.“
Nun endlich flackerte Verstehen in Veras Augen auf, und mit etwas zittriger Stimme fiel sie in das Spiel ein: „Wo er doch immer so viel zu tun hat.“
Der junge Wachmann schien nun ernsthaft in der Zwickmühle zu stecken. Seine linke Augenbraue zuckte, während er von Mira zu Vera und wieder zurücksah. Offenbar hatte Winkelbauer selbst bei einem Schüler, dessen Noten gut genug gewesen waren, um in den Staatsdienst zu treten, einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Ich könnte euch wohl ein Stückchen begleiten. Um Herrn Professor Winkelbauer ein wenig Arbeit abzunehmen.“
Und so machten sie es. Der junge Wachmann begleitete sie energischen Schrittes die Straße hinab, während die Häuser zu beiden Seiten immer kleiner und immer schäbiger wurden.
„Ein Glück, dass dieses Staatswirtschaftsprojekt wirklich existiert!“, raunte Mira Vera zu. Sie gingen einige Schritte voraus. „Ich wäre vor Panik, aufzufliegen, gestorben, wenn ich einen Wachmann hätte anlügen müssen.“
Vera runzelte die Stirn, und Mira hätte sich auf die Zunge beißen können. „Wenn es das Referat nicht gäbe, hätten wir doch gar keinen Grund, hier herauszukommen.“
„Stimmt!“ Mira lachte leise auf, in einer Tonlage, die – wie sie hoffte – befreit und nicht hysterisch klang.
Je weiter sie sich von der Mauer, welche die Innenstadt säumte, entfernten, desto mehr Menschen tummelten sich in den schmalen Gassen. Je mehr Menschen, desto schäbiger sahen sie aus. Und je schäbiger sie aussahen, desto argwöhnischer betrachteten sie die beiden Mädchen in Begleitung eines blau uniformierten Wachpostens.
Zu Beginn bemühte Mira sich noch, den Blick gesenkt zu halten, doch schon bald sah sie sich ungeniert um und versuchte, jedes noch so kleine Detail der ungewohnten Umgebung in sich aufzusaugen.
Die Häuser standen dicht gedrängt; einen Garten hatte keines, dafür hingen schiefe Balkone an etlichen Stockwerken und von deren Geländern wiederum trockene Pflanzen. Vorhänge, die man hätte geschlossen lassen können, gab es hinter kaum einem Fenster. Frauen in gelblichen Schürzen fegten Vortreppen, ein bärtiger Mann bot lauthals Ware von einem klapperigen Wagen voller Krimskrams an. Ein Fahrradreifen war darunter, ein abgenutztes Schachbrett ohne Figuren und zahlreiche Töpfe und Pfannen mit Rostflecken.
„Günstige Gebrauchsware!“, rief er, als er sie erblickte. „Der Herr, die Damen, Töpfe heute im Sonderangebot! Oder eine Spieluhr für die jungen Damen!“
Mira hätte sich den Stand gerne angesehen. Nicht dass sie Rationskarten oder irgendetwas zum Tauschen gehabt hätte – außer der Notiz aus „Porters Höhle“ trug sie nichts bei sich. Aber sie war neugierig und überwältigt von all den fremden Eindrücken in dieser sonderbaren Welt, die jahrelang ohne ihr Wissen Seite an Seite mit der vertrauten Umgebung der Innenstadt existiert hatte. Es roch sogar anders als im Stadtkern: Eine Mischung aus feinem Staub, dem Duft, der durch unzählige offene Küchenfenster wehte, und dem salzigen Geruch von Schweiß lag in der Luft.
Sie überquerten eine hölzerne Brücke über einem Rinnsal von einem Fluss, wichen einer Horde von Kindern aus, die einem zerfledderten Ball nachjagten, und stiegen über zerbeulte Mülltonnen, die umgefallen waren und über die Straßen rollten.
„Kein Platz für Jugendliche wie euch“, sagte der Wachmann gerade, als aus einer Seitengasse ein greller Schrei ertönte: „Stehen bleiben! So halte jemand den Dieb auf!“
Ein Junge mit tiefschwarzen Locken stürmte die Straße entlang, die sich mit der kreuzte, auf der sie gingen. Unter einem Arm trug er ein winziges, braunes Bündel, während er mit dem anderen heftig ruderte, als könne er sich selbst dadurch antreiben, noch schneller zu rennen. Immer wieder wandte er den Kopf nach hinten, um die zeternde Frau im Auge zu behalten, die seine Verfolgung aufgenommen hatte. Er war so beschäftigt mit ihr, dass er Mira, Vera und den Wachmann gar nicht bemerkte und beinahe direkt auf Vera knallte, die ihm am nächsten stand.
Bevor das jedoch passieren konnte, machte der Wachmann einen Satz und packte den Jungen am Kragen. Sofort begann dieser, wild um sich zu schlagen. Das braune Bündel fiel zu Boden, und Mira hob es auf. Es war ein Laib Brot.
„Habe ich dich“, lachte der Wachmann, der offenbar eine diebische Freude verspürte, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein. Weniger glücklich war die Frau, die in diesem Augenblick zu ihnen aufschloss. Sie riss Mira das Brot aus der Hand und begann, damit auf den Jungen, der wehrlos im Griff des Wachmanns festsaß, einzuprügeln.
„Du Rotzlöffel! Brot aus meinem Laden zu stehlen! Brot, das ich im Schweiße meines Angesichts gebacken habe!“
„Hören Sie sofort auf!“ Miras Einschreiten geschah so abrupt, dass nicht nur die Frau zurückwich, sondern auch der Wachmann den Griff um den Hemdkragen des Jungen lockerte. Das Kind stolperte einen Schritt zurück und geradewegs in Veras Arme, die in die Hocke gesunken war und es schnell an den Handgelenken festhielt. Intuitiv trat Mira halb zwischen die beiden und die aufgebrachte Frau.
„Schon gut“, beruhigte Vera hinter ihr den Jungen mit ihrer leisen Stimme. „Dir geschieht nichts. Es war ja nur ein Laib Brot. Du hast Hunger, was?“
„Nur ein Laib Brot!“, kreischte die Bestohlene. Mira fiel auf, dass sie keine verfärbte Schürze trug wie die anderen Frauen, die sie gesehen hatten. Überhaupt sah sie, bis auf ein paar Mehlspuren im dunklen Haar und den hochroten Kopf, sehr gepflegt aus. Sie trug eine weiße Bluse, deren Ärmel sie hochgekrempelt hatte, und unverkennbar glänzend neue Schuhe. Die meisten Menschen, denen Mira hier draußen begegnet war – einschließlich des schwarz gelockten Jungen neben Vera – trugen überhaupt keine Schuhe. Dabei war erst Frühjahr und das Wetter zwar trocken, aber kühl.
„Jedes einzelne Körnchen Getreide hat mein Mann eigenhändig auf den Feldern angebaut, geerntet und gemahlen!“, wetterte die Frau nun an den Wachmann gewandt. „Und nun ist das Brot nutzlos. Ich kann es nicht verkaufen, nachdem der da es mit seinen schmutzigen Händen angefasst hat!“ Angewidert nickte sie in Richtung des Kindes, über dessen staubige Wangen jetzt Tränen liefen. Trotzdem hatte sein Blick etwas unbestreitbar Trotziges. Mira ahnte, dass der Junge auf und davon wäre, sobald Vera ihn losließe. Fast wünschte sie, ihre Freundin täte es.
„Nur gut, dass ein Wachposten alles mitbekommen hat!“, fuhr die Frau fort. „In der Innenstadt verhängen sie lange Gefängnisstrafen für Diebstahl.“
„Aber er ist doch nur ein Kind!“ Miras entsetzter Ausruf wurde von einer Frauenstimme übertönt, die markerschütternd „Ari!“ schrie. Innerhalb von Sekunden war sie zu ihnen gestürzt.
Vera landete auf dem Hosenboden, so ungestüm fiel die Frau neben ihr auf die Knie und zog den Jungen an sich. Sie hatte die gleichen schwarzen Locken wie er, und ihre Kleidung war zerschlissen. In einem Tuch hatte sie sich einen Säugling umgebunden, der wie am Spieß brüllte.
„Ihr Sohn wurde auf frischer Tat beim Stehlen erwischt“, schaltete nun der Wachmann sich ein, während die Mutter ihr Gesicht in das zerzauste Haar des Jungen drückte und wehklagte. „Was machst du nur, Ari? Was machst du nur? Fünf Söhne, nichts als Sorgen! Nicht weinen. Es ist gut. Keiner darf dir wehtun, hörst du? Mama kümmert sich um alles.“
„Ich muss ihn mit in die Stadt nehmen“, sagte der Wachmann, als hätte er nichts von alledem mitbekommen, und griff nach Ari. Doch die Umklammerung der Mutter war stärker.
„Nein!“ Sie erhob sich und schob das Kind hinter ihren Rücken. „Nicht meinen Jungen mitnehmen. Ich zahle zurück, was er gestohlen hat. Ich verspreche es.“
„Zurückzahlen?“ Die Bestohlene bleckte die Zähne. „Richtiges Brot, ohne Laub oder Stroh, könntest du dir gar nicht leisten!“
Als wäre ihre kleine Menschenansammlung nicht schon aufsehenerregend genug gewesen, stieß in diesem Moment ein dickbäuchiger Mann zu ihnen. „Aber, aber“, sagte er und legte der Frau mit dem Brotlaib eine massige Hand auf den Rücken. „Was ist geschehen, Liebes? Warum bist du nicht in deinem Laden?“
„Wir wurden schon wieder bestohlen, Othmar.“ Seine Frau straffte die Schultern und hielt ihm anklagend das Brot entgegen. „Seit Monaten geht das nun so. Und immerzu sage ich dir, du musst härter durchgreifen. Aber dieses Mal …“ Sie sah zu Ari, der ihren Blick verbissen erwiderte. Die Tränen hatten glänzende Linien auf seinem schmutzigen Gesicht hinterlassen. „ … dieses Mal kommen sie damit nicht davon.“
„Sie wollen doch nicht etwa die Mutter dieser beiden Kinder mitnehmen?“, wandte der Dickbäuchige sich an den Wachmann.
„Den Jungen“, erwiderte dieser mit militärischer Knappheit. Die Frau quittierte dies mit einem grimmigen Nicken, und Aris Mutter begann wieder zu schluchzen, kniete neben ihrem Sohn nieder und drückte ihn so fest an sich, dass der Säugling zwischen ihnen noch lauter schrie.
„Meine Güte, wem ist denn damit gedient?“, entfuhr es Othmar. „Arbeitet dein Mann nicht auf meinen Feldern?“ Er wandte sich an die auf dem Boden kniende Mutter. Diese nickte mit steinerner Miene.
„Er soll die nächste Woche unentgeltlich arbeiten, und ich will die Sache vergessen.“
„Aber Othmar!“, protestierte seine Frau, doch er hatte schon ein ledergebundenes Notizbuch aus einer unter seinem mächtigen Bauch verborgenen Hosentasche gezogen und schrieb etwas darin auf.
„Ich wollte dich fragen, ob du Hilfe im Laden brauchst“, wandte Othmar sich schließlich wieder an seine Frau, als hätte er den Zwischenfall bereits vergessen. „Aber daraus wird nun nichts mehr. Ich muss schon in fünf Minuten wieder an der Scheune sein und Professor Winkelbauers Schülerin treffen.“
Mira riss den Blick von Ari und seiner Mutter los und besah sich Othmar genauer. Er trug Hemd und Stoffhosen wie jeder andere auch. Zwar zierten große Schweißflecken den Stoff unter seinen Armen, doch war er ansonsten kaum weniger gepflegt als jeder Staatsbeamte in der Innenstadt. Wie ein Landwirt sah er rein gar nicht aus.




