Der Aufstieg der Ultra-Läufer

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Insgesamt waren wir nur ungefähr 75 Läufer am Start und das Feld begann sich schnell auseinanderzuziehen. Die erste Stunde führte unser Weg durch eine flache, sandige Ebene, bevor er nach der ersten Versorgungsstelle in die Sanddünen verschwand. Hier war der vom Wind zusammengetragene Sand tief, abschüssig und sehr locker. Schon darauf zu gehen war mühsam, geschweige denn zu laufen. Dies waren Dünen, wie man sie aus den Tim-und-Struppi-Heften kennt, aus ganz feinem Sand, der dir sofort in die Schuhe läuft, egal wie stramm deine Gamaschen sitzen. Und meine saßen gar nicht besonders stramm.
Zudem stieg auch die Temperatur immer weiter und näherte sich, nun als wir durch die Dünen liefen, 40 °C. Ich kämpfte mich weiter. Mit jedem meiner schweren Schritte sank ich tiefer ein und ich wurde langsamer und langsamer. Jeden Moment erwartete ich, dass die erfahrenen Läufer gleich an mir vorbeikämen, doch niemand tauchte auf. Die hatten wohl alle die gleichen Schwierigkeiten.
Nach einigen Stunden, in denen wir uns nur dahingeschleppt und vor uns her geflucht hatten, rollten wir den letzten langen Dünenhang hinunter auf den finalen und flachen Teil der Strecke. Dieser erste Tag war weitaus härter, als ich erwartet hätte.
An diesem Nachmittag, als ich in einem der berberartigen Zelte im Camp saß, redete ich mir ein, dass uns die Organisatoren am ersten Tag durch die Dünen gehetzt hatten, um uns eine Kostprobe davon zu geben, wie es sein könnte, um das Rennen gleich einmal mit einem Knaller zu beginnen, dass aber das restliche Rennen – wie anfangs versprochen – größtenteils über festgestampften Boden verlaufen würde und sich an der einen oder anderen Stelle durch die Dünen zieht.
Das müssen sich wohl auch die anderen gedacht haben, da gegen vier Uhr nachmittags plötzlich ein Aufschrei durch das Lager ging. Was war los? Die Leute kamen aus ihren Zelten, deuteten und schüttelten die Köpfe. „Das kann doch nur ein Witz sein“, sagte jemand. „Das geht doch nicht“, ein anderer.
Ganz oben auf der Düne, gegenüber des Lagers, war die erste Wegmarkierung gesetzt. Wir würden also den zweiten Tag damit beginnen, dorthin nach oben zu laufen. Das würde die Sache nicht einfacher machen.
Und so ging es weiter. Jeden Tag war ich mir sicher, dass wir uns auf der nächsten Etappe etwas erholen könnten, doch jeder Tag war härter als der davor. Der endlose Sand, die Hitze, die jedes bisschen Leben aus mir herausquetschte. Doch es gab auch Momente, die mir Energie gaben, mich motivierten. Am vierten Renntag stellte ich fest, dass ich unter den Top 20 lag und entschied, in einem plötzlichen Anfall von Wettkampfdenken, diese Etappe ohne zu gehen zu absolvieren. Das klappte auch beinahe. An Stellen, wo der Sand tiefer wurde, versuchte ich breitbeinig mit kleinen Schritten hochzukommen. Das war zwar langsam, aber einfacher und noch immer schneller als gehen. Vor allem da ich weniger tief einsank. Ich passte mich einfach an die Dünen an. Langsam hatte ich den Dreh raus. Ich würde mich nicht unterkriegen lassen.
Am vierten Tag kam ich mit zum Jubel geballten Fäusten ins Ziel und setzte mich zu den schnellsten Läufern, wo ich auf die anderen wartete, die ihre Tortur erst nach mir bewältigt hatten. Das Gute daran schneller zu sein war, dass du weniger Zeit im Würgegriff der sengenden Hitze verbringen musstest. So gesehen war es sogar einfacher, schneller zu laufen. Am nächsten Tag sagten uns die Organisatoren, dass die Strecke nun flacher und der Sand fester sein würde. Diesmal glaubte ich ihnen wirklich. Ich konnte es mir sogar in meinem Kopf richtig vorstellen: ein fester Weg bis ins Ziel. Das würde ich locker bewältigen.
Es war Tag fünf und die längste Etappe des Rennens stand auf dem Programm – diesmal über die normale Marathondistanz und größtenteils während der Nacht. Die Top 20 Läufer würden zwei Stunden nach dem Rest des Feldes starten. Also fanden wir uns alle am Nachmittag im Camp zusammen, wo sie die Namen der Top 20 Läufer verlautbarten. Auch mein Name war darunter, Platz 17. Du bist wirklich ein harter Kerl Finn. Legt euch besser nicht mit mir an. Als wir wieder in unsere Zelte gingen, bemühte ich mich, nicht zu selbstzufrieden dreinzusehen. Einige der erfahrenen Ultra-Läufer sprachen bereits darüber, wie hart dieses Rennen sei. Ich war aber noch immer gut dabei, und das, obwohl ich nur halb so gut vorbereitet war.
Viele Läufer nehmen an diesen Rennen auch teilweise aus Kameradschaft mit den anderen Läufern teil. Wenn man eine Woche lang zusammen durch die Wüste läuft, verbindet das einfach. Unsere Gruppe in Zelt 2, wie wir genannt wurden, bestand vorwiegend aus Italienern – unter anderem auch der Mutter eines Spielers aus der Premier League – sowie einem Biotechniker aus Belgien, einer quirligen Dame aus Südafrika und einem weiteren Briten, namens Rob, der in der Armee diente.
Einige der anderen in Zelt 2 waren ebenso unter den Top 20, doch leider nicht Dino, mein Freund. Er schien trotzdem guter Dinge zu sein. Ihm war die Platzierung egal, er war hier für die Erfahrung, zu plaudern und Fotos zu schießen. Oft hielt er nachmittags Hof in unserem Zelt, wenn wir uns ausruhten, und erzählte uns, wo er schon überall war – in über 200 Ländern, sagte er dann und begann sie aufzuzählen – meist bei Ultra-Rennen. Er erzählte Geschichten über Probleme mit Banditen in Mexiko, gefährliche Begegnungen mit Krokodilen in Botswana, Stürze in Gletscherspalten in Island. Er erzählte sie alle mit großer Begeisterung, viel Humor und ausladenden Gesten.
Monate später sandte mir Dino einen Clip aus einem Interview, das er dem italienischen Sky-Sports-Kanal über das Rennen im Oman gegeben hatte – der Gute wird immer von jemandem interviewt. In diesem Interview spricht er darüber, dass er sich das Zelt mit der Mutter eines Liverpool-Spielers aus Italien und einem Engländer aus Liverpool geteilt hatte. Damit war ich gemeint. Ich stamme zwar nicht aus Liverpool, aber ich verbrachte dort drei Jahre während meines Studiums und ich mochte das Team. Wie dem auch sei, er erzählte, wie wir die langen Nachmittage damit verbrachten, uns über Liverpools Fußballlegenden zu unterhalten, die großen Spiele und über die Hymne Liverpools – You’ll Never Walk Alone – welche von allen Fans am Spieltag gesungen wird.
Kurz darauf spricht er darüber, wie er sich während einer Etappe plötzlich ganz alleine und erschöpft unter der sengenden Sonne wiederfand. Er hatte begonnen zu gehen und summte dieses Lied leise vor sich her. Dabei verlor er sich in seiner eigenen Welt, so dass er gar nicht bemerkte, wie ich zu ihm aufschloss. Als ich hörte, was er da vor sich hin summte, begann ich miteinzustimmen. Da blickte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht durch seine spiegelnden Sonnenbrillen zu mir herüber und wir gingen zusammen weiter, während wir wie zwei glückselige Fußballfans You’ll Never Walk Alone aus voller Kehle sangen.
„Wissen Sie“, sagte er zu dem Reporter, „wenn du an verrückte Orte reist, triffst du verrückte Leute.“ Ich weiß nicht, wen genau er damit gemeint hatte, mich oder ihn oder vielleicht uns beide, aber mir gefiel dieser Satz. Ultra-Marathons und die Orte, an die es einen dadurch verschlug, waren wirklich verrückt und langsam fing ich an zu begreifen, dass dieser Sport einen ganz bestimmten Typ Mensch ansprach. Nicht ganz klar im Kopf, vielleicht, aber auch offen, freundlich und warmherzig. Zumindest ist es das, was Dino sagte.

Um etwa drei Uhr nachmittags gesellte ich mich zu den Top 20, der Crème de la Crème des Ultra-Laufs, um das Hauptfeld, mit Dino an der Spitze, zu verabschieden. Wir sahen ihnen dabei zu, als sie wie Ameisen über den Sand davonkrabbelten. Danach gingen wir wieder zurück in unsere Zelte, um uns auf unseren Start vorzubereiten.
Nachdem ich mich schon ein paar Tage durch meine Vorräte gefuttert hatte, war meine Tasche inzwischen um einiges leichter geworden und einfacher zu tragen. Ich werde nur so dahinfliegen, sagte ich zu mir. Vor allem auf dem härteren Boden.
Doch der härtere Untergrund kam nicht. Und je länger die Nacht andauerte, desto lockerer wurde die endlos scheinende Spur aus aufgewühltem Sand. Es kam mir vor, als versänke ich langsam im Boden und mir wurde klar, dass ich mich am Vortag übernommen hatte und meine Beine nun immer schwerer wurden. Einer der Rennärzte hatte mir meine überstrapazierte Leiste zwar getapt, doch nun begann sie richtig zu schmerzen. Auch die Achillessehne an beiden Füßen tat mit jedem Schritt mehr weh.
Von den 20 vordersten Läufern war ich bei weitem der Langsamste auf der Etappe. Wir starteten bei Sonnenuntergang – wie eine Jagdgesellschaft, die hinter den anderen her hetzt – doch bald war ich abgeschlagen und alleine. Ich verbrachte Stunden damit, im Scheinwerferlicht des Wagens zu laufen, der hinter dem allerletzten Läufer herfährt. Es war richtig ärgerlich, das Auto die ganze Zeit hinter mir zu hören, wie es die Stille der Wüste durchbrach, aber immerhin half es mir dabei, weiterzulaufen.
Irgendwann begann ich die ersten Läufer der langsameren Gruppe einzuholen, doch zu diesem Zeitpunkt bewegte ich mich bereits kaum schneller voran als sie. Wir unterhielten uns, als ich für eine Weile neben ihnen herging. Danach nahm ich wieder alle meine Kraft zusammen und lief ein Stück weiter.
Je später es wurde, desto mehr ging ich, als ich lief. Ich musste mir immer wieder von neuem überlegen, wie lange ich da draußen sein würde. Erst fünf Stunden. Dann sechs. Dann sieben. Würde ich es überhaupt bis ins Ziel schaffen? Ich blieb einige Male stehen, schaltete meine Kopflampe ab und betrachtete den funkelnden Sternenhimmel über mir. Hier war ich nun, ein winziges Wesen, ganz allein am Rande eines Planeten, der sich durch das All bewegte. Es schien lächerlich, mir über meine Position im Rennen Gedanken zu machen. Wen interessierte es denn schon, wie langsam ich lief? Niemanden, stellte ich erleichtert fest. Nicht einmal mich selbst. Ich könnte weiterhin nur gehen und den prachtvollen Anblick des sich immer weiter ausdehnenden Universums genießen.
Aber wenn ich mich nicht etwas zusammenreißen würde, wäre ich die ganze Nacht hier draußen. Also versuchte ich wieder weiter zu traben. Ich konnte das Wasser hören, wie es in meiner Trinkflasche hin und her schwappte, und verfiel schließlich in eine Art Trance, in der ich meine Schritte und meine Atmung dem Geräusch des Wassers anpasste, ähnlich dem Rhythmus eines Trommelschlags. Alles, was ich sah, war der Lichtkegel vor mir, ein Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels. Ich lief weiter ins Licht, weiter und weiter, platsch, platsch, platsch.
Irgendwann hatte ich es dann doch geschafft. Ein Marathon in sieben Stunden und 34 Minuten. Einige Monate zuvor war ich einen Straßenmarathon in unter drei Stunden gelaufen. Das war ein ordentlicher Rückschlag. Mein Rennen, als Wettkämpfer, als Top 20 Mann, war vorbei. Ich war in ein dunkles Loch gefallen, doch ich hatte überlebt. Ich war im Ziel. Und das war alles was zählte zu dem Zeitpunkt. Bis zum nächsten Morgen. Inzwischen war es ein Uhr nachts. Der Start der nächsten Etappe, die letzte des Rennens, war nur mehr acht Stunden entfernt. Ich brauchte jetzt meinen Schlaf.
Ich humpelte durch das stille Lager. In dieser Nacht war ich die letzte Person zurück in Zelt 2. Mein einziger Wunsch war es, nur mehr in meinen Schlafsack hineinzukriechen, doch ich konnte mich kaum bücken und meine Schuhe ausziehen. So stand ich also da und starrte hinein in das dunkle Zelt voll mit schlafenden Körpern und kam mir vor wie ein laufender Zombie. Obwohl sie schon in ihre Schlafsäcke eingehüllt im Bett lagen, bemerkten mich Rob und Dino und standen auf, um mir zu helfen. Rob mixte ein Getränk zusammen, das mich wieder auf die Beine bringen sollte, während Dino mir meine Schuhbänder aufschnürte. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Auch sie hatten sich durch die Nacht gequält. Es brauchte auch keine Worte, wir hatten alle das Gleiche durchgemacht. Die Qualen der vergangenen Etappe waren an unseren Gesichtern abzulesen.
Rob hatte mir ein T-Shirt geliehen – das Meinige war noch komplett durchgeschwitzt – und ich wollte es mir gerade etwas bequemer machen, als wir einen markdurchdringenden Schrei hörten. Leute begannen zu schreien, größtenteils auf Italienisch, und Taschenlampen blitzten im ganzen Lager auf. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. So lag ich also da in meinem Schlafsack, noch immer mitgenommen von meinem Lauf, und betete, dass alles in Ordnung wäre.
Nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass sich ein Unglücksrabe, der sich zehn Stunden durch den Sand ins Ziel gequält hatte, auf einen Skorpion gesetzt hatte, nachdem er endlich in seinem Zelt angekommen war. Ich weiß nicht, ob ich mit so etwas fertig geworden wäre.
Die Ärzte waren glücklicherweise gleich zur Stelle, um ihn zu behandeln, und nach etwas Aufregung und Leuten, die im Mondlicht hin und herliefen, und irgendwo ein Lastwagen startete, war er versorgt und verbrachte die restliche Nacht im Erste-Hilfe-Zelt. Zu meinem Erstaunen stand er bereits ein paar Stunden später bei Sonnenaufgang mit dem Rest von uns wieder an der Startlinie.
Ich befand mich am Ende des Starterfelds, die Sonne schien bereits hell vom Himmel. Wie heißt es bei Shakespeare: „Noch einmal stürmt, noch einmal, liebe Freunde!“ Doch ich war leer. Ein holländischer Läufer sagte mir am Ende des zweiten Tages, nachdem er aufgegeben hatte zu laufen und sich nur mehr gehend fortbewegte, dass „das Feuer erloschen war“. Sein Wunsch ein richtiges Rennen zu bestreiten, so schnell wie möglich das Ziel zu erreichen, war einfach gestorben. Ohne triftigen Grund weiter da draußen zu sein, ein Feuer in sich zu tragen, das einem hilft, sich weiter zu pushen, war es nur zu einfach, den Willen weiterzumachen zu verlieren. Nun wusste auch ich, was er damit gemeint hatte. Mein Feuer war ebenfalls erloschen. Nach weniger als 20 Schritten auf der letzten Etappe entschied ich, dass ich nicht mehr laufen konnte. Ich bewegte mich bereits nur mehr gehend fort. Mein Energiepegel war auf null. Meine Beine waren kaputt, meine zusammengeflickte Leiste schmerzte bei jedem Schritt. Und es lagen noch etwa 22,5 Kilometer lockerer Sand vor mir bis ins Ziel.
Es war der längste Gewaltmarsch meines Lebens. Jeder Schritt, auch wenn ich langsam ging, war eine Qual. Die Sonne stand hoch und brannte wie ein Hochofen herab. Immer wieder hielt ich an und setzte mich hin. Weswegen sollte ich mich denn beeilen, für mich war der Wettbewerb sowieso schon gelaufen. Doch das Ziel winkte mir zu. Das Meer. Unser Ziel lag am Meer. Ich stellte mir vor, wie ich fröhlich in den Fluten herumplantschte.
Irgendwo entlang dieser trostlosen Straße fanden mich dann auch Gudrun und Hansmartin. Und retteten mich.
Zurück im Lager, nachdem ich mich im Meer abgekühlt hatte, war die Atmosphäre eine andere. Die Leute waren glücklich, entspannt. Die Angespanntheit der vergangenen Tage, die sonst nach den Etappen herrschte, war wie weggeblasen. Das Rennen war gelaufen. Als wir da lagen, in unseren Schlafsäcken, und hinaus auf das Meer blickten, begannen wir wieder an Zuhause zu denken, an unsere Jobs, unser Leben in der Stadt, in Häusern. An das Leben jenseits der sengenden, unwirtlichen und alles verschlingenden Wüste. Täuschte ich mich oder schlich sich da gerade ein wenig Traurigkeit in die Freude und Erleichterung, das Rennen endlich beendet zu haben, mit ein?
Es stellte sich heraus, dass dieses Rennen hart war für einen ersten Ultra. Viele der Läufer waren bereits auch den Marathon des Sables gelaufen. Und viele von ihnen meinten, dass das Rennen hier mit seinem endlosen, lockeren Sand sogar härter gewesen wäre.
„Dagegen ist der Marathon des Sables geradezu ein Wellness Camp“, meinte Gudrun, die nun bereits beide Rennen bestritten hatte.
„Gegen Ende war das wie in den Alpen“, sagte Elisabet, die schwedische Läuferin. „Nur dass die Berge hier aus Sand bestehen.“ Wie sich herausstellte, hatte sie jede Etappe dieses Rennens für sich entscheiden können und durfte nun auch den Oman Desert Marathon in ihre stetig wachsende Siegesliste eintragen. Nachdem ich so viel zu kämpfen hatte bei diesem Rennen, erschien mir die Idee, bei solchen Rennen um den Sieg mitzulaufen, als eine komplett andere Welt. Es war eine elitäre Gruppe von vielleicht fünf Männern und Frauen, die sich jeden Tag auf den Weg machten, mit dem Gedanken, das Rennen gewinnen zu können, und bereit waren, alles dafür zu geben, sich Gedanken über ihre Konkurrenz zu machen und taktische Schachzüge zu planen. Der Rest von uns versuchte eigentlich nur, den Willen, das Rennen zu beenden, am Leben zu erhalten.

Zu Hause in England angekommen, musste ich immer wieder an den Reiz des Ultra-Marathons denken. Es war diese Abenteuerromantik, die mich anfangs so in ihren Bann gezogen hatte, die Wüste zu Fuß zu durchqueren. Aber es gibt viel einfachere Wege, die Pracht und Schönheit dieser Welt zu erleben. Auf dem Rücken von Kamelen zum Beispiel, oder Wanderungen. Das wäre doch genauso abenteuerlich, nur eben ohne die extremen Strapazen, dem andauernden Fluchen und stetigem Kampf. Und doch scheint es, als ob sich alle – inklusive mir – trotz all der Schmerzen, speziell während der Nachtetappe, nach dem Rennen glücklich und zufrieden fühlten. Ein stiller Frieden lag am Tag nach der letzten Etappe über dem Lager. Hatten wir plötzlich alle Schmerzen und Qualen vergessen? Oder war dieses Leiden Teil unseres Glücklichseins?
Eines Nachmittags während des Rennens sprach einer der holländischen Läufer über etwas, das der berühmte Ultra-Läufer und Autor Dean Karnazes einmal gesagt hatte, nämlich, dass die Menschen Komfort oft mit glücklich sein verwechselten. „Glücklich sein muss man sich verdienen“, sagte der Holländer mit Nachdruck. Ich saß da und hörte zu, während mein Blick durch das Lager schweifte und ich dachte an all die Anstrengungen, die nötig waren, dieses Rennen zu organisieren: das Camp jede Nacht an einem anderen Ort wieder aufzubauen, das kleine Vermögen, das jeder Läufer bereit war auszugeben, um hier mitzulaufen, bis hierher ans Ende der Welt zu fliegen, jeden Tag stundenlang durch die glühende Hitze über Sand zu laufen. Alles nur, damit wir das Gefühl haben, dass wir uns unser Glücklichsein verdient hätten?
Einmal kamen Gudrun mitten während des Rennens Zweifel an dem, was sie hier tat, und sie stellte eine rhetorische Frage: „Warum machen wir das hier eigentlich? Wir haben doch so ein schönes Zuhause.“
Hansmartin, ihr Ehemann, stand neben ihr und meinte nur: „Genau deswegen, weil wir eben ein schönes Zuhause haben.“
Wenn Glücklichsein nicht in den Annehmlichkeiten lag, war es dann im Unangenehmen zu finden? War es uns, denen es gut geht im Leben, ein Bedürfnis, Leid zu erfahren? Weil wir dadurch erst lernen, unser Heim und unseren Komfort zu schätzen? Oder machte uns dieses Leiden irgendwie zu stärkeren, erfüllteren Menschen?
All diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich an den Moment zurückdachte, an dem wir das erste Mal in Muscat angekommen waren und uns gesagt wurde, dass wir für acht Stunden am Flughafen warten müssten. Nachdem das Rennen beendet war, erkannte ich, dass ich, wäre ich noch einmal in dieser Situation, nun eher meinen Schlafsack auspacken würde und versuchen würde, ein Nickerchen zu machen. Denn plötzlich fühlten sich ein paar extra Stunden am Flughafen gar nicht mehr so anstrengend an. Nach dem Rennen über eine Woche durch die Wüste hatte sich etwas verändert.
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Und so bin ich auf einmal angefixt. Naja, nicht ganz. Aber ich bin fasziniert. Ein paar Wochen nachdem ich aus dem Oman zurückgekehrt war, treffe ich Elisabet wieder. Ich hatte den Auftrag bekommen, sie für einen Artikel im Guardian zu interviewen, und so verabreden wir uns in der Redaktion der Zeitung im Zentrum Londons, wo wir auf Ledersofas sitzen, Espresso trinken und den Leuten dabei zusehen, wie sie sich für ihre Mittagssandwiches anstellen. Ich frage sie, wie sie zum Ultra-Sport kam.
Sie erzählt mir, dass sie früher eine begeisterte Marathonläuferin war, die ihr Training rund um ihren gut bezahlten Job im Londoner Finanzdistrikt plante. „Ich wurde immer besser“, sagt sie. „Doch dann kam der Punkt, an dem ich überlegte, was ich als nächstes tun sollte. Ich könnte versuchen, die Marathonstrecke schneller zurückzulegen – das ist nicht einfach und sicher eine interessante Herausforderung – oder ich könnte einfach längere Distanzen laufen. Ich beschloss, dass es interessanter wäre, mir die längeren Distanzen genauer anzusehen.“
Ihre Entscheidung, sich dem Ultra-Lauf zu verschreiben, wurde aufgrund einiger unerwarteter Schicksalsschläge beschleunigt. Innerhalb kürzester Zeit starb ihr Vater, wurden bei ihrer Mutter Alzheimer und bei ihrem Ehemann Krebs diagnostiziert. „Alle diese Dinge“, meint sie, „lassen dich erkennen, dass das Leben sehr kurz ist und du aktiv werden musst und nicht einfach rumsitzen kannst und warten.“
Also gab sie ihren Job in der City auf und machte sich auf ins Abenteuer. Um ihr neues Leben finanzieren zu können, eröffnete sie ein Geschäft für Laufzubehör, doch nach ihren Siegen beim MdS und dem Oman-Rennen erschienen immer wieder Zeitungsartikel über sie und so begannen sich auch langsam Sponsoren zu finden, die sie unterstützen. Das macht es natürlich einfacher, zu den Rennen zu reisen und mehr Herausforderungen anzunehmen. Was also als riskante Entscheidung begann, scheint sich nun auszuzahlen.
Ihre Worte beginnen etwas in mir zu bewegen. Ich erinnere mich, wie es sich anfühlte, als ich mich das erste Mal dazu entschieden hatte, einen Marathon zu laufen. Die Idee hing damals schon seit einigen Jahren wie eine Wolke am Horizont, sah mir bei jedem Rennen über kurze Distanzen über die Schulter und wunderte sich, wann ich denn nun endlich einen Marathon laufen würde. Und irgendwann war dann die Zeit gekommen. Das Leben geht weiter. Und so lief ich meinen ersten Marathon.
Seit damals sehe ich immer wieder diesen Weg, der einen Berg hinaufführt, am Horizont auftauchen. Ein langer, sich windender Weg. Ich bin jetzt 42. Ich habe bereits einige solide Marathons hinter mir. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Herauszufinden, was die Leute da draußen auf diesem Weg finden, das sie dazu treibt, diese unbezwingbar erscheinenden Distanzen zu laufen.
Der Gedanke ist so faszinierend, dass ich kurz darauf meinen Redakteur anrufe. „Ich glaube, ich habe mein nächstes Thema gefunden“, sage ich zu ihm. Ich habe bereits Bücher über meine Reisen nach Kenia und Japan geschrieben, in denen ich versuche, diesen beiden einzigartigen Laufkulturen auf die Spur zu kommen. Diesmal will ich jedoch etwas über ein interkulturelles, globales Phänomen herausfinden, von dem ich erst jetzt begreife, wie groß es eigentlich ist. Was ist diese Welt des Ultra-Sports? Wer sind die Menschen, die diesen Sport ausüben? Worum geht es dabei überhaupt? Der beste Weg, das alles herauszufinden, so beschließe ich, ist mich einfach für ein weiteres Rennen anzumelden und zu laufen.

Über die letzten zehn Jahre ist der Ultra-Marathonlauf rapide gewachsen und gilt als eine der am schnellsten wachsenden Sportarten weltweit.
Die Webseite runultra.co.uk führt eine Liste der größten Ultra-Marathons der Welt. Der Betreiber der Seite, Steve Diederich, erzählt mir, dass er, als er diese Internetseite vor zwölf Jahren einrichtete, 160 Rennen weltweit fand. Heute führt er über 1.800 Rennen auf seiner Seite an, ein Anstieg von mehr als 1.000 %. Die deutsche Ultra-Marathon-Webseite DUV listet die Ergebnisse vieler kleinerer Rennen in ihrer akribischen Datenbank auf, unter anderem auch bis zurück zum 89-km-Rennen von London nach Brighton im Jahre 1837. Über die letzten zehn Jahre hinweg erzählt diese Webseite eine ähnliche Geschichte mit einem 1.000%igem Anstieg an Ultra-Läufen weltweit.
Andy Nuttall, Redakteur des Magazins ULTRA, beschäftigte sich eingehender mit den DUV-Statistiken und fand heraus, dass der Aufstieg des Sports in Großbritannien sogar noch viel stärker ausfiel: waren es im Jahr 2000 nur 595 Personen, die einen Ultra-Marathon im UK beendeten, so stieg diese Zahl bis zum Jahr 2017 auf 18.611.



