Der Aufstieg der Ultra-Läufer

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Wo auch immer ich hinsehe, die Geschichte ist fast immer die gleiche. Das in den USA erscheinende Magazin Ultra Running führt eine Statistik für Nordamerika, die zeigt, dass die Anzahl der Rennen und Personen, die diese beenden, seit 1981 jedes Jahr ansteigt. Auch in Asien ist die Zahl an Ultra-Läufen explodiert. Nic Tinworth, Renndirektor in Hong Kong, erzählt mir, dass, während es vor zehn Jahren erst sechs Ultra-Läufe in Hong Kong gab, die Zahl inzwischen auf 60 angewachsen ist. „In der Vergangenheit“, so sagt er, „konnte man einfach am Renntag nach Hong Kong kommen und sich für das Rennen anmelden. Doch heutzutage sind die Startplätze für die populärsten Rennen innerhalb von Minuten ausverkauft.“
Viele der am meisten überbelegten Rennen der Welt, wie etwa der Ultra-Trail du Mont-Blanc in Frankreich und der Western States 100 in den USA, mussten Lotterien einführen, damit sie die Anzahl potenzieller Teilnehmer in den Griff bekamen. Diederich verwaltet die Anmeldungen aus dem UK für den Marathon des Sables. Trotz der heftigen Anmeldegebühr von £ 4.250 [ca. 4.750 Euro], so erzählt er, sind die Startplätze für das Rennen jedes Jahr in wenigen Minuten ausverkauft.
Wonach streben alle diese Läufer? Im Oman erlebte ich eine Art Wandlung, etwas, das lange nach dem Rennen noch ein Teil von mir blieb. Aber ich habe das Gefühl, dass es da noch mehr zu entdecken gibt. Über die letzten beiden Etappen im Oman ging nichts mehr und ich hätte beinahe aufgegeben. Was wäre aber, wenn ich stark bliebe, auch im Angesicht einer solchen Herausforderung.
Ich erinnere mich an ein Foto der spanischen Ultra-Läuferin Azara García, die eine Tätowierung auf ihrem Bein trägt, die sich folgendermaßen liest (auf Spanisch):
„Der Teufel flüsterte mir ins Ohr: ‚Du bist nicht stark genug dem Sturm zu widerstehen.‘ Ich flüsterte zurück: ‚Ich bin der Sturm.‘“
Ist das der Reiz am Ultra-Marathonlauf? Uns selbst so weit zu pushen, bis wir an einen Punkt kommen, an dem wir Angesicht zu Angesicht mit dem Teufel kämpfen, es aber schaffen, uns aufzurichten und ihn zu überwinden? Könnte ich dem Sturm entgegentreten – was auch immer da kommen möge – und ihn mithilfe meiner Willenskraft besiegen? Dieser Gedanke hat etwas Verlockendes. Weit weg von jenem Financial-Times-Journalisten, der sich darüber beschwert, dass sich sein Hotelbus verspätet.
Ich muss zugeben, all das schmeichelt meinem Ego sehr. Ich sehe mir gerade eine Dokumentation über die Evolution des Menschen und welche Rolle das Laufen darin gespielt hat an. Darin meint ein Professor für Anthropologie am Hunter College in New York: „Wir haben sogar Aufzeichnungen über Menschen, die 160 Kilometer in einem durchlaufen können.“ Sein Ton hört sich an, als wäre dies eigentlich unmöglich, als müssten das irgendwelche Supermenschen sein. Und ich ertappe mein Ego dabei, wie es arrogant über meine Schulter blickt und sagt: „Du könntest das auch.“
Wie es die US-Komikerin und Ultra-Läuferin Michelle Wolf in einem Interview mit dem Magazin Runner’s World schon sagte: „Es gibt dir irgendwie das Gefühl, richtig knallhart zu sein.“
Wenn ich mit anderen Ultra-Läufern spreche, habe ich jedoch den Eindruck, dass die Bewältigung einer solchen Aufgabe und es bis ins Ziel zu schaffen nicht die einzige Befriedigung ist, sondern auch dieses Gefühl selbstzerstörerischer Gleichgültigkeit, das sie verspüren, wenn sie in diesen Sturm eintreten und nahe am Abgrund entlangtaumeln. „Durch ein Tal von Schmerzen laufen“, wie es erfahrene Ultra-Läufer oft genüsslich beschreiben.
Während ich nach Rennen suche, an denen ich teilnehmen könnte, ertappe ich mich dabei, wie ich mir die Streckenprofile ansehe, und ich spüre, wie mir ganz mulmig wird. Es kommt mir so vor, als ob jedes Ultra-Rennen einen kurzen Film mit viel Dramatik produziert. Und jeder dieser Filme zeigt jemanden, der komplett erledigt aussieht, am Rande des Zusammenbruchs. Die Läufer gleichen eher Überlebenden einer Beinahe-Apokalypse als Athleten und Athletinnen. Es sagt schon etwas aus, dass genau diese Bilder verwendet werden, um das Rennen zu bewerben. Die Teilnehmer wollen diese Verzweiflung erleben, sie wollen so nahe wie möglich an ihre eigene Selbstzerstörung kommen.
Viele Ultra-Läufer sagen mir, sie hätten ihre Inspiration, mit diesem Sport zu beginnen, gefunden, nachdem sie Dean Karnazes erstes Buch Ultramarathon Man: Aus dem Leben eines 24-Stunden-Läufers gelesen hatten. Darin beschreibt er in allen Details, wie er in einem 160-km-Rennen langsam kaputtgeht, wie Körper und Geist nach und nach aufhören zu funktionieren, bis eigentlich nichts mehr geht und er die Straße buchstäblich auf Händen und Füßen entlangkriecht. Ich erschaudere, während ich das Buch lese. Solche Schmerzen will ich nicht empfinden. Doch es gibt Läufer, die sagen, dass sie das Buch gelesen hätten und dabei dachten: „Genau das will ich auch.“
Etwas ängstlich, doch mit einem Ego, das mir zuflüstert, ich wäre robust genug, beginne ich nach einem Rennen zu suchen, bei dem ich die volle Ultra-Marathon-Erfahrung machen könnte. Ein Rennen, das mich direkt ins Herz dieses wachsenden Sports brächte, das mir alle Geheimnisse offenbaren würde und es mir erlaubt zu verstehen, was da eigentlich vor sich geht.
Das Ganze ist ein riesiges, unüberschaubares Thema, das ich hier begreifen will. Ein Sport, der sich gleichzeitig in mehrere Richtungen entwickelt. Ohne zentralen Verband oder Dachorganisation streiten und kämpfen Rennveranstalter, Interessensgruppen und selbsternannte Wächter des Ultra-Laufs um Kontrolle und einen Anteil am Geld, das darin involviert ist. Das weite Feld des Ultra-Marathonsports ist wie der Wilde Westen: unbändig und entschlossen, verteidigt von vielen der Alteingesessenen gegen die Eingriffe von Marken und Außenstehenden – Personen, von denen sie der Meinung sind, dass sie die Mentalität des Sports nicht wirklich verstehen. Es ist dieser unbeschwerte „Raus-in-die-Wildnis“-Minimalismus, die Chance, sich da draußen in der Natur zu verlieren, die härtesten und extremsten Gegenden unseres Planeten mit nicht mehr als einer Flasche Wasser und einer Regenjacke zu durchqueren, das den Reiz dieses Sports für viele ausmacht.
Einige der routinierten Ultra-Läufer empfinden den Zustrom von Neulingen bereits als zu viel und sie beginnen den großen Rennen den Rücken zuzukehren, auf der Suche nach noch isolierteren Herausforderungen. Ein Ableger für all diejenigen, die Massenstarts und „Goody bags“ mehr verabscheuen, als die eine oder andere Nacht unterkühlt an einer gefrorenen Felswand zu verbringen, ist ein weiteres wachsendes Phänomen namens FKT (Fastest Known Times/Schnellste bekannte Zeit). Dabei läuft man einfach los, meist allein, um eine bestimmte, vordefinierte Route schneller als irgendjemand anderer (von dem man die Zeit weiß) zuvor zu bewältigen. Das kann von einem bis ans andere Ende Neuseelands sein, oder ein bekannter Wanderpfad, wie der Appalachian Trail in den Vereinigten Staaten. Oder der Weg hinauf zum Gipfel des Mount Everest.
Doch darüber werde ich später mehr herausfinden. Jetzt suche ich einmal nach Rennen. Das reicht fürs Erste für mich. Ich habe viele Rennen über die Jahre bestritten. Nun möchte ich einfach längere Strecken laufen, das ist alles.
Ein Wort, das man oft hört, wenn über Ultra-Marathons und Ultra-Rennen gesprochen wird, ist „laufbar“. Einige Rennen werden als laufbarer betrachtet als andere. Das heißt nun nicht unbedingt, dass man die ganze Strecke durchlaufen kann – außer man ist einer der Superstars des Sports – aber theoretisch ist der Weg recht eben und die Anstiege und Abwärtspassagen gut machbar, so dass man zumindest den Großteil der Strecke laufen kann. Es gibt aber immer wieder Athleten, die sich darüber beschweren, wenn Rennen zu laufbar sind. Diese Sportler bevorzugen das genaue Gegenteil – im Ultra-Jargon auch als „technische“ Rennen bezeichnet – wenn das Gefälle zu steil und der Boden zu uneben sind, um frei dahinzulaufen. Rennen, bei denen man bei jedem Schritt aufpassen muss, wohin man tritt, und manchmal auch die Hände benutzen muss, um weiterzukommen.
Ich tendiere definitiv mehr zu laufbar als zu technisch. Natürlich, auf den richtig schwierigen Abschnitten darf man schon einmal gehen und über ein paar Felsen klettern ist auch O. K., aber wenn ich das tue, möchte ich trotzdem auch laufen.
Die Welt des Ultra-Sports ist vergleichbar mit einem Baum mit vielen Ästen. Einer der ältesten Äste ist, zumindest in unseren Breitengraden, das Berglaufen. Solche Rennen können über die unterschiedlichsten Distanzen gehen, von ein paar Kilometern bis zu einer nach oben hin offenen Ultra-Distanz, und führen in der Regel über Berge sowie meist unmarkierte Routen, was wiederum ein wenig Navigationskenntnisse voraussetzt. Der erste überlieferte Berglauf fand im Jahre 1040 n. Chr. in Großbritannien statt, als König Malcolm Canmore von Schottland einen Lauf in Braemar, Aberdeenshire, veranstaltete, um den schnellsten Boten zu ermitteln.
Trotz seiner langen Geschichte ist der Berglauf ein recht isolierter Zweig im Ultra-Laufen. Seine regionalen Wurzeln sowie der recht nüchterne, ernsthafte Charakter sind Teil des Anreizes und werden vehement verteidigt. Ich würde es wirklich gerne einmal ausprobieren, doch wenn ich Ultra-Marathons laufen will, dann denke ich an etwas mehr Internationales und Allumfassendes. Genau an das, was für den Boom des Sports verantwortlich ist.
Ein anderer Zweig im Ultra-Sport und einer, der einen starken Teilnehmeranstieg verzeichnet, sind mehrtägige Etappenrennen, wie der Marathon des Sables, die meist an exotischen, unwirtlichen Orten stattfinden: in der Wüste, im Dschungel, am Polarkreis. Die Teilnahme an solchen Rennen ist sehr kostspielig und benötigt eine Menge Vorausplanung.
In einigen Teilen der Ultra-Welt herrscht eine starke Abneigung gegenüber manchen dieser Mehrtagesrennen. Diese Ablehnung basiert teilweise auf den Kosten und dem damit einhergehenden Hype solcher Rennen wie dem MdS. „Ein Urlaub für Vorstandsmitglieder“, meinte einmal ein Ultra-Läufer zu mir. Da ich selbst schon da draußen in der Wüste war, wusste ich, wie hart und zermürbend es ist, andererseits verbrachten wir einen guten Teil des Tages in unseren Zelten, um uns zu erholen. Und trotz meiner ungenügenden Vorbereitung konnte ich die meiste Zeit im Vorderfeld einigermaßen mitlaufen. Urlaub würde ich es also nicht gerade nennen, doch es gibt sicherlich noch härtere, herausforderndere Rennen da draußen.
Ein weiterer Ableger dieses Sports inkludiert eine ganze Palette von Rennen, die so hart und extrem sind, dass jedes davon eine eigene Kategorie darstellen könnte. Diese Rennen umfassen Rennen wie das Spine Race, das etwa 430 Kilometer entlang des Pennine Way im Norden Englands verläuft. Non-stop. Im Jänner. Oder der Badwater 135-Meilen-Lauf (ca. 217 km), dessen Start – mit Renntemperaturen bis zu 54 °C – an einem der heißesten Orte der Erde, dem Death Valley in Kalifornien, liegt. Dann wäre da noch der Barkley Marathon, ein 160-Kilometer-Extremlauf entlang einer unmarkierten Strecke, die durch abgelegene Bergregionen in Tennessee führt – so schwer, dass es in den ersten 25 Jahren nur 10 Teilnehmern gelang, das Rennen überhaupt zu beenden. Oder wie wäre es mit dem längsten Ultra-Lauf der Welt: dem Self Transcendence 3.100-Meilen-Lauf, ein Rundlauf um einen Block des Stadtteils Queens in New York über exakt 4.988 Kilometer.
Ich suche zwar nach etwas, das mich an meine Grenzen bringt, aber ich bin nicht verrückt. Und ich möchte immer noch laufen können. Man kann 4.900 km nicht nur laufen. Bei Rennen wie dem Barkley Marathon stehen Geist, Wille und Überlebenstechniken im Vordergrund, weniger das Laufen. Natürlich will ich davon auch etwas, doch ich möchte trotzdem noch einigermaßen ein Rennen laufen.
Noch eine Kategorie in der Welt der Ultra-Läufe, bei der man wirklich laufen kann, sind die meist ebenen Rundkurse über genau abgemessene Distanzen von 100 km, oder Rennen, die über eine bestimmte Zeit gehen, zum Beispiel 24 Stunden. Es gibt Weltmeisterschaften und Weltrekorde für diese Rennen, die dem Marathonlauf wahrscheinlich am ähnlichsten sind.
Solche Rennen interessieren mich, doch genauso wie Berglaufen sind sie nicht der Grund für den phänomenalen Aufstieg des Ultra-Laufs. Die Starterzahlen dieser Veranstaltungen haben sich gegenüber ihrer Glanzzeit in den 1870er Jahren oder seit den 1950ern und 1980ern kaum geändert.
Ein interessantes Detail am Rande ist, dass sich diese Ultra-Rundläufe, die heute unter den am wenigsten glamourösen und am wenigsten bekannten Ultra-Laufdisziplinen sind, einst zu den größten Sportevents der Welt zählten.
Es mag uns heute eher seltsam vorkommen, doch im 19. Jahrhundert war Laufen ein unglaublich populärer Sport, der riesige Mengen an Zusehern anzog, die die Wettkämpfer bei Sechstagerennen auf den engen Hallenlaufbahnen in London oder dem Madison Square Garden in New York anfeuerten. Die Sieger konnten hochdotierte Preise im Wert von bis zu mehreren hunderttausend Euro mit nach Hause nehmen, während sich die Reichen und Schönen der damaligen Zeit unter den Pöbel mischten, der kam, um sich zu betrinken, zu wetten und Spaß zu haben.
Die Popularität des Sports war teilweise auch dem Amerikaner Edward Payson Weston geschuldet. Alles begann im Jahre 1861, als Weston aufgrund einer verlorenen Wette 725 Kilometer zu Fuß von Bosten bis nach Washington innerhalb von 10 Tagen zurücklegte, damit er dem Amtsantritt von Präsident Abraham Lincoln beiwohnen konnte.
Als die Kunde dieser Ausdauerleistung bekannt wurde, weckte das die Neugier der Menschen, die entlang der Strecke lebten, und sie strömten in Massen herbei und säumten die Straßen, nur um zu sehen, wie Weston durch ihren Ort marschierte.
Motiviert von dieser Reaktion begann er während der folgenden Jahre immer herausforderndere Strecken zurückzulegen. Dazu schien er auch ein richtiger Showman zu sein – manchmal blies er sogar auf einem Horn, während er ging, oder marschierte rückwärts, um seine Zuseher zu unterhalten. In den 1870er Jahren war Westons Ruhm als Langstreckengeher so weit angewachsen, dass er an einem Punkt angelangt war, an dem er entschied, Geld damit zu verdienen, indem er seine Darbietung nach innen verlegte, wo er Eintritt von den Leuten verlangen konnte. Damit legte er den Grundstein für einen Begeisterungssturm für Sechstagerennen – die längste Zeit, die man gehen oder laufen konnte, ohne dabei gegen das Gebot des heiligen Sabbats zu verstoßen. Über die folgenden Jahre hielt er eine Reihe spannender und sehr beliebter Head-to-Head-Rennen mit Daniel O’Leary, einem Amerikaner irischer Abstammung, ab.
Die Zeit der Sechstagerennen erreichte 1878 ihren Höhepunkt, als sich der britische Adelige Sir John Astley dazu entschloss, fünf internationale Rennen zu sponsern, bei denen es ein äußerst lukratives Preisgeld und einen Meisterschaftsgürtel in Gold und Silber mit der Inschrift Long Distance Champion of the World, also Langstreckenweltmeister, zu gewinnen gab.
Aufzeichnungen früherer Inkarnationen des Pedestriantismus, wie der Sport damals bezeichnet wurde, reichen bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück. Während diese Rennen, die oft über Distanzen von 1.600 Kilometer reichten, ebenso große Mengen an Zusehern hatten, waren sie jedoch ein Wettgehen, bei denen es Regeln ähnlich dem heutigen Wettkampfgehen gab, etwa wie der Fuß aufzusetzen sei. Ganz im Gegensatz zu den Sechstagerennen der 1870er, die ähnlich dem modernen Ultra-Lauf waren und als „Go-as-you-please“-Rennen (Mach-was-du-willst-) bekannt wurden, in denen die Wettkämpfer gehen, laufen oder rasten konnten, wann sie wollten.
Die Rennen um den Astley-Belt-Meistergürtel von Sir John Astley wuchsen zu den größten Sportveranstaltungen der damaligen Zeit heran, inklusive Marschkapellen, euphorischer Berichterstattung und beträchtlichen Wetteinsätzen. Das erste der fünf Rennen fand 1878 in der Agricultural Hall in Islington, London, statt, bei dem sich 17 Engländer mit dem aus Irland stammenden O’Leary aus Amerika – Westons altem Rivalen – maßen. O’Leary gewann das Rennen bei dem er eine Gesamtdistanz von 520 Meilen (836 km) zurücklegte.
Das zweite Astley Belt Rennen wurde noch im gleichen Jahr vor einer Kulisse von mehr als 30.000 Zusehern in New Yorks Madison Square Garden ausgetragen. O’Leary, der Weltmeister, gewann auch dieses Rennen und durfte sich über ein Preisgeld von $ 10.000 (heute etwa 250.000 Dollar oder knapp 220.000 Euro) freuen, sowie über einen Anteil an den Eintrittsgeldern und den Nebenwetten.
Das dritte Rennen im März 1879, wieder im Madison Square Garden, war mit einem Preisgeld von mehr als $ 20.000 dotiert. Das öffentliche Interesse an dem Wettbewerb war nun schon so groß, dass die neuesten Informationen darüber im Stundentakt in Bars, Friseursalons, Lebensmittelläden und Hotels der Stadt ausgehängt wurden und die New Yorker Zeitungen täglich darüber berichteten.
Erst im vierten Rennen konnte der große Pionier des Sports, Edward Weston, endlich den inoffiziellen Weltmeistertitel erringen. Nachdem das Rennen wieder nach Islington, London, zurückgekehrt war, gewann der Amerikaner mit einer neuen Weltbestleistung von 885 Kilometern (550 Meilen) über sechs Tage.
Doch mit Beginn der 1880er Jahre verlor der Sport leider zusehends an Popularität und andere rivalisierende Sportarten erlebten ihren großen Aufstieg. Matthew Algeo, Autor des Buches Pedestrianism: When Watching People Walk Was America’s Favourite Spectator Sport, ist der Meinung, dass vor allem der Aufstieg des Fahrradfahrens eine Schlüsselrolle im Untergang der Sechstagerennen spielte.
„Sechstage Radrennen nahmen recht schnell den Platz der Gehbewerbe über sechs Tage ein, da sie viel spannender waren“, sagt er mir. „Die Renngeschwindigkeit stieg über Nacht von 6,5 km/h auf über 30 km/h. Und Unfälle waren natürlich auch viel spektakulärer.“
Trotz schwindender Zuschauerzahlen hörten einige der eingeschworenen Geher nicht damit auf, die Grenzen des physisch Möglichen weiter zu pushen. Der letzte große Kraftakt in der viktorianischen Ära waren die knapp über 1.000 km, die George Littlewood aus Sheffield in einem Sechstagerennen in New York bewältigte. Littlewoods Weltrekord blieb für fabelhafte 96 Jahre bestehen, bis er von der griechischen Ultra-Marathon-Legende Yiannis Kouros 1984 gebrochen wurde. Sieben Jahre später stellte Kouros den derzeitigen Sechs-TageRekord von 1.068 km auf.
Trotz ihres kurzen Moments im Scheinwerferlicht finden Ultra-Läufe, bei denen Runden auf Flachkursen absolviert werden, heutzutage eher wenig Beachtung. Stattdessen ist die bekannteste Disziplin dieses Sports, die mit dem meisten Drumherum und den größten Stars, der Ultra-Trail-Lauf. Hier findet man die ganz Großen dieses Sports, wie Kilian Jornet und Jim Walmsley, die sich Rennen über bis zu 100 Meilen (160 km) liefern. Im Gegensatz zum Rennen im Oman sind diese Rennen ein einmaliger Kraftakt. Wenn der Startschuss einmal gefallen ist, gewinnt derjenige, der als erster die Ziellinie überquert. Keine Nachmittage in Berberzelten und Plaudereien mit Dino. Nur weiter, weiter, weiter, bis man im Ziel ist.
Das größte Rennen von allen, quasi die Olympischen Spiele des Trail-Laufs, ist der Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB). Jedes Jahr findet sich in Chamonix in den französischen Alpen die Crème de la Crème des Ultra-Trail zum großen Finale ein, dem Rennen aller Rennen. Gewinnst du hier, gehörst du auf ewig zu den Legenden dieses Sports.
Die Strecke verläuft über einen beliebten, etwa 172 km langen Wanderweg rund um den Fuß des höchsten Gipfels Westeuropas – zum Teil auch durch Italien und die Schweiz. Je mehr ich darüber höre, je mehr Videos ich mir vom Massenstart mit mehr als 2.000 Athleten ansehe, die aufwühlende Hymne, die atemberaubenden Bilder des Sonnenaufgangs, Gipfel, die durch die Wolken brechen, desto fester wird mein Entschluss, einen weiteren Ultra-Marathon zu laufen, nämlich genau diesen hier.
So gehe ich also online, um mich anzumelden. Und hier beginnt der eigentliche Spaß.
Der UTMB ist so beliebt, dass man sich nicht einfach so anmelden kann. Nein, zuerst muss man sich dafür qualifizieren, indem man drei andere Ultras, die als Qualifikationsrennen gelten, läuft. Und selbst wenn man diese bewältigt hat, garantiert das nur die Teilnahme an der Rennlotterie – bei der man in etwa eine Chance von eins zu drei hat, einen Startplatz im Rennen zu ergattern.
Der UTMB gibt eine Liste mit Rennen aus, die als Qualifikationsrennen anerkannt sind. Die Überlegung dahinter ist die, dass man sicherstellen will, dass nur ernsthaft vorbereitete Läufer an den Start gehen. Doch dieses recht vernünftig erscheinende Ziel scheint irgendwann im Laufe der Zeit verloren gegangen zu sein, und was übrig blieb, ist ein höchst umstrittenes System.
Das Problem, das viele Läufer und Veranstalter mit diesem System haben, ist, dass Rennveranstalter, die ihr Rennen auf der UTMB-Liste für Qualifikationsrennen sehen wollen, nicht etwa spezielle Sicherheitstests bestehen müssen oder einen Beweis dafür liefern müssen, dass ihre Strecke genauso fordernd und anstrengend ist, wie sie es sagen, oder dass es sicher wäre oder dass die Rennleitung gewissenhafte und vertrauenswürdige Arbeit leistet. Nein, man muss den UTMB-Veranstaltern nur einen bestimmten Geldbetrag dafür bezahlen.
„Es geht nicht länger darum, die entsprechende Erfahrung zu garantieren, sondern mehr um die Einnahmen und den Versuch, Trail-Läufe in Europa zu monopolisieren und zu kontrollieren“, sagt Lindley Chambers, Vorsitzender des britischen Trail-Running-Verbandes (TRA), der definitiv kein Freund dieses Systems ist.
Ein Renndirektor, der sich geweigert hatte, Geld dafür zu bezahlen, dass seine Veranstaltung UTMB-Punkte bekommt – und der hier nicht genannt werden möchte – erklärt, wie es zu dieser Situation kam. „Als die UTMB-Betreiber das erste Mal ein Punktesystem einführten, war fast jeder Ultra-Veranstalter im UK an Bord“, sagt er. „Viele dieser tollen Rennen, die sich auch gut alleine vermarkten konnten, waren plötzlich zu ‚Qualifikationsrennen‘ geworden und warben nun auch nur mehr damit, Qualifikationsrennen zu sein, anstatt ihre eigenen Stärken und Vorzüge anzupreisen.“
Dann, als diese Rennen einmal von UTMB-Punkten abhängig waren, um Läufer anzulocken, führten die UTMB-Betreiber eine Gebühr ein. „Diese Gebühr war gerade einmal gering genug, dass sie von den anderen Rennveranstaltern bezahlt wurde, um ihre Teilnehmerzahlen zu halten, aber hoch genug, dass man, wenn man alle Rennen weltweit addiert, auf eine recht hübsche Summe Geld kommt.“
Wenn Rennen dafür zahlen, Punkte zu erhalten, dann zahlen sie de facto für eine Mitgliedschaft im Internationalen Trail Running Verband (ITRA), der von sich behauptet, eine unabhängige, nichtkommerzielle Einrichtung zu sein, die für das Wohl des Sports arbeitet. Die ITRA vergibt dann die UTMB-Punkte.
In der wilden Welt der Online-Ultra-Sportforen bringen nur wenige Dinge das Blut von Renndirektoren so zum Kochen, wie das UTMB-Punktesystem. Ein kürzlich verfasstes, typisches Posting las sich folgendermaßen: „Ich würde mir lieber die Augen mit einem Löffel auskratzen, als dem UTMB Geld für Punkte für meine Rennen zu zahlen.“
Doch nicht alle sind der gleichen Meinung. Viele Rennveranstalter sagen, sie zahlen die Gebühr gerne, um Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die Punkte sammeln wollen, zufrieden zu stellen und außerdem würde sich die Gebühr aufgrund der höheren Teilnehmerzahlen sowieso von alleine zahlen.
Nic Tinworth erzählt, er begann Punkte für seine Rennen in Hong Kong anzubieten, da die Leute einfach immer wieder danach fragten. „Es schien so, als ob die Läufer ihre Rennen speziell nach der Anzahl der Punkte auswählten.“
Ein Problem für Läufer, die am UTMB teilnehmen wollen, sind Rennen, die in vergangenen Jahren auf der Liste standen, dann jedoch gestrichen werden, da die jährliche Gebühr nicht bezahlt wurde. Das führt dazu, dass Athleten, die erwarten Punkte zu machen, nach dem Rennen plötzlich damit konfrontiert sind, dass sie nicht qualifiziert sind.
Dieses Szenario trat ein, als der Hardrock 100, einer der bekanntesten Ultra-Läufe in den Vereinigten Staaten, sich dazu entschied, nicht länger Geld dafür zu bezahlen, ein UTMB-Qualifikationsrennen zu sein. Das war vor allem deswegen relevant, da der Superstar dieses Sports und dreifacher Sieger des UTMB, Kilian Jornet, auf die Punkte des Hardrock 100 zählte, um am UTMB teilzunehmen. In den Regeln des UTMB steht klar und deutlich, dass jeder Athlet und jede Athletin Punkte haben muss, auch die absoluten Spitzenathleten. Als die die Betreiber des UTMB nun aber sahen, dass die Veranstalter des Hardrock die Gebühr nicht entrichtet hatten, sandte die ITRA den Organisatoren des Hardrock 100 eine E-Mail, in der der Verband den Betreibern höflich nahelegte, die Gebühr zu bezahlen, damit Jornet in Frankreich starten könne.



