Der Aufstieg der Ultra-Läufer

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„Wir mochten dieses System einfach nicht und waren der Meinung, dass es etwas respektlos wäre“, meinte David Coblentz, Vorstandspräsident beim Hardrock 100. „Sie kommen nicht einmal vorbei, um deinen Kurs zu begutachten. Du schickst ihnen nur eine GPX-Datei, die sie in einen Algorithmus hochladen und dann geben sie dir Punkte. Das ist eigentlich nur eine andere Art Geld zu machen.“
Coblentz erklärte weiter, dass die jährliche Gebühr trotzdem zu bezahlen ist, auch wenn sich der Kurs nicht geändert hat und die GPX-Datei dieselbe sei. „Und das ist wirklich nicht akzeptabel.“
Somit verfassten der Hardrock 100 und noch acht weitere US-Rennen einen offenen Brief, in dem sie ihre Absicht, die Gebühr nicht mehr zu bezahlen, kundtaten und ihre Gründe dafür anführten. In diesem Brief hieß es: „Es ist nicht unsere Absicht, den UTMB/ITRA dafür zu kritisieren, ihre Gewinne maximieren zu wollen, doch ihr ‚Pay-For-Points‘-System trägt rein gar nichts zum Wohl des Sports bei.“
Die ITRA antwortete in einem eigenen offenen Brief, in dem sie klarstellte, dass sie eine Non-Profit-Organisation sei, dass sie nur versuchen würde, dem Sport bei seiner Entwicklung zu helfen (durch medizinische Forschung, Sicherheitsberatung, Einführung globaler Standards), und dass sie eine vom UTMB unabhängige Einrichtung sei. Doch Hardrock weigerte sich weiterhin einzulenken. „Danach haben wir nichts mehr von ihnen gehört“, sagt Coblentz.
Trotz der Pattsituation war Jornet in jenem Jahr dann doch am Start des UTMB. Es scheint so, als konnte das größte Rennen in diesem Sport nicht ohne seinen größten Star existieren, und so wurden die Regeln eben ein wenig zurechtgebogen. In ihrem Brief schrieb die ITRA, dass – Gebühr hin oder her – der Verband beschlossen hätte, „das Rennen [Hardrock 100] ausnahmsweise doch im Nachhinein zur Liste der Qualifikationsrennen hinzuzufügen.“
Dieses ganze Hin und Her sagt doch sehr viel über den Zustand, in dem sich dieser schnell wachsende Sport befindet, aus. Hinter all den tollen Instagram-Einträgen und den großartigen Leistungen der Athleten hat sich eine Art Goldrausch manifestiert, mit Goldsuchern, die um Macht und Kontrolle kämpfen. Genauso wie die ITRA und die großen Rennen haben sich bereits auch multinationale Bekleidungshersteller und Outdoor-Sportausstatter eingefunden und stecken ihre Claims ab, indem sie die größten Veranstaltungen und Top-Athleten und Athletinnen unter Vertrag nehmen und clevere Werbekampagnen produzieren, virale Filmchen mit Männern und Frauen, die durch prächtige Landschaften laufen und irrwitzige Abhänge hinunterrasen. Der Ultra-Marathonsport ist noch immer ein weitgehend unerschlossener und unkontrollierter Markt und es gibt kein Anzeichen dafür, dass sich das Wachstum in absehbarer Zeit verlangsamen wird. Während die LäuferInnen also da draußen durch ein Tal der Schmerzen laufen, sehen andere einen offenen, unbewachten Eingang zu einer Goldmine und beeilen sich, einen Teil dieser Mine für sich zu beanspruchen.
Trotz allem will ich noch immer den UTMB laufen. Wenige Monate nach dem Interview mit Elisabet, mein Interesse am Ultra-Lauf ist noch immer hellwach, sehe ich mir den Start des Rennens im Internet an. Es ist ein Freitagnachmittag und ich sitze im Londoner Büro. Auf meinem Bildschirm ist der Hauptplatz von Chamonix zu sehen, auf dem sich gerade hunderte von nervös dreinblickenden, berggestählten Männern und Frauen versammeln, während mitreißende klassische Musik aus den Lautsprechern dröhnt und langsam im Tal verhallt. Dann laufen sie los, sprinten durch die Straßen und hinaus in die Berge.
Als ich das Büro verlasse, bahne ich mir meinen Weg durch die belebten Straßen Londons zur Paddington Station, wo ich den Zug nach Devon, meinem Wohnort, besteige. Als ich gut erholt am Samstagmorgen erwache, denke ich daran, wie sie noch immer alle da draußen sind und laufen.
Später, es ist bereits Samstagabend, denke ich wieder an die Läufer, die noch immer um den Berg laufen. Ich logge mich ein und sehe, dass ein schweres Gewitter über dem Rennen niedergeht. Nach 24 Stunden laufen ist das ziemlich hart. Was wohl gerade in den Köpfen der Athleten und Athletinnen vorging?
Es ist nun Sonntagmorgen und ich befinde mich gerade auf einem gemütlichen 15-Kilometer-Lauf im Park. Wieder muss ich an die Läufer beim UTMB denken. Es erscheint komplett verrückt, dass sie noch immer unterwegs sind, noch immer laufen. Andererseits hat dieser Gedanke auch etwas ganz Faszinierendes an sich und ein seltsames Gefühl von Eifersucht steigt in mir hoch. Ich muss dieses Rennen einfach laufen. Es ist das pulsierende Epizentrum des Ultra-Trail-Laufens, der Schlüssel zu diesem Rätsel. Und wenn ich dabei sein will, muss ich mich eben an die Regeln halten und einige dieser Qualifikationsrennen auf der Liste absolvieren.

Während der nächsten Wochen verbringe ich Stunden damit, mir Videos von Rennen im Internet anzusehen. Teilnehmer, die nervös zusammengedrängt an der Startlinie stehen, oft noch in der Dunkelheit, um sich dann in irgendeine unwirtliche oder gar gefährliche Gegend aufzumachen. Die Musik schwillt an, als die Kamera den Läufern und Läuferinnen durch Schluchten hindurch oder über einsame tropische Strände sowie durch Schneestürme folgt. Man sieht Nahaufnahmen von Teilnehmern, die weinen, sich umarmen und beinahe stürzen, bevor das Video dann mit Szenen vom Zieleinlauf endet, die beim Zuseher Gänsehaut verursachen. Diesmal sind es Freudentränen, Kinder, die die mit Schlamm bedeckten Beine der Eltern umarmen, bevor die Kamera wieder zurück über den Himmel schwenkt und dabei eine epische Welt offenbart, bis das Rennlogo zum finalen Crescendo der Streicher am Bildschirm erscheint.
Nach einer Weile erscheinen die Zahlen, die zu Beginn heruntergerasselt werden, bedeutungslos: 100 km, 200 k, 3.000 Höhenmeter, 36 Stunden Cut-off-Zeit. Alles nur Zahlen. Die Videos sind der Beweis dafür, dass es geht. Melde dich einfach an und überlege dir den Rest später.
Es ist lustig, die Gesichter der Leute zu sehen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich mich für ein 100 km Rennen angemeldet habe.
„So weit ist das ja auch nicht“, meint meine Arbeitskollegin und Laufkumpanin Kate. „Mit dem Auto!“ Sie hat recht, was mache ich da eigentlich? Aber das Video, sieh dir das Video noch einmal an. Diese Leute sehen alle ganz normal aus. Da gibt es immer mindestens einen mutigen älteren Typen, der es schafft. Wenn der das kann …
Bevor ich es mich noch versehe, ist mein Jahr mit Reisen nach Kalifornien, Italien und Südafrika verplant. Aber der Beginn meiner Reise ist etwas bescheidener, nahe meinem Heim in Devon, im Südwesten Englands, mit einem „kurzen“ 55-km-Ultra, entlang Englands unglaublich schönem und 630 Meilen langem (1.014 km) South West Coast Path. Das liegt jetzt nicht so viel über der Marathondistanz und wird ein netter gemütlicher Beginn sein.
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Ich habe fast sechs Monate, um für den South Devon Ultra in Form zu kommen, doch nach zwei Monaten kämpfe ich immer noch damit, mein Training zu steigern. Aus Zeitgründen war es mir bis jetzt nicht möglich gewesen, länger als zwei Stunden am Stück zu laufen. Ich muss es irgendwie schaffen, den frühen Morgen zu nutzen – ich sehe es bei immer mehr Ultra-Läufern, denen ich auf sozialen Medien folge, dass sie frühmorgens trainieren, um Vorbereitung, Arbeit und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Aber das ist leichter gesagt als getan. In Wirklichkeit ist es doch so, dass wenn der Wecker mitten im Winter um sechs Uhr läutet und man die eisige Kälte spürt, wenn man unter der warmen Bettdecke hervorkriecht, die Müdigkeit gleich wieder zurückkommt, den ganzen Körper durchströmt und einen wieder unter die Decke zieht … dann denkt man schnell einmal: „Ich gehe einfach etwas später. Das geht sich schon aus. Ich muss mich ja ausruhen, Schlaf ist auch wichtig. Schlafen ist etwas Schönes.“
Aber wenn der Tag dann einmal so richtig angefangen hat, ist die Zeit schnell dahin. Die Kinder müssen zur Schule gebracht werden, die Arbeit ruft auch, ich muss etwas essen, abwaschen und dann bin ich auch schon wieder müde. Gehe ich eben morgen Früh doppelt so lange laufen, sage ich mir. Dann stehe ich um fünf Uhr auf und mache einen langen Lauf. Da gehen sich locker drei Stunden aus, bevor die anderen wach sind.
Doch ich stehe nicht auf. Und so wiederholt sich das Ganze.
Natürlich gehe ich gelegentlich laufen. In einer guten Woche sogar um die 65 Kilometer. Aber das ist nicht genug, um mich nur annähernd wie ein Ultra-Läufer zu fühlen.
Und dann fordert mich mein in Edinburgh lebender Bruder zu einem 40-Kilometer-Trail-Rennen in Schottland heraus. Das wäre eigentlich eine gute Gelegenheit, meine Fitness zu testen, zu probieren, ein längeres Rennen in schwierigem Gelände zu laufen. Es wäre ein guter Anfang auf dem Weg zu meinem ersten Ultra. Obwohl, Freundschaftsrennen wird es keines werden. Das ist keine Herausforderung im Sinne von ‚Lass uns doch etwas zu zusammen unternehmen und sehen wie wir abschneiden‘. Das wird mehr eine Art Rennen-bis-auf-den-Tod.

Ich bin der älteste von drei Brüdern, die altersmäßig recht nahe beieinander liegen. Es war also nie wirklich einfach, immer zu versuchen, den anderen einen Schritt voraus zu bleiben. Ich erinnere mich noch gut an den Tag im Kinderbecken des lokalen Schwimmbads, als ich fünf Jahre alt war und mein mittlerer Bruder Jiva, damals drei, zu schwimmen begann. Und so lernte auch ich in einem Cocktail gemischter und verworrener Gefühle innerhalb von fünf Minuten zu schwimmen.
Der wohl demütigendste Moment in meinem Sportlerleben war der Tag, an dem der Schwimmverein meine beiden Brüder noch vor mir in die nächsthöhere Leistungsklasse beförderte. An diesem Tag hörte ich mit dem Schwimmen auf. Und ich begann mit dem Laufen.
Beim Laufen war ich besser. Zu meinem Glück begann sich unsere geschwisterliche Rivalität über die Jahre hinweg mehr ums Laufen zu drehen. Zusammen bestritten wir unzählige hart umkämpfte Rennen. Selbst Trainingsläufe arteten am Ende oft zu einem Wettkampf aus. Vor dem Start einigen wir uns jedes Mal, dass es kein Wettrennen ist. Doch irgendwann kommt dann der Punkt, wo du genau weißt, dass einer sich nicht an die Abmachung halten und loslegen wird. Damit meine ich nicht etwa das Tempo verschärfen, weil er sich gut fühlt und schneller laufen kann, sondern loslegen, um zu ‚gewinnen‘. Vor allem Jiva ist für sein ‚Loslegen‘ bekannt, manchmal sogar gleich am Anfang, um uns damit am falschen Fuß zu erwischen.
Meine beiden Brüder, Jiva und Govinda, der jüngste, sind beide gute Läufer. Als Schüler lief Jiva auf County-Ebene und Govinda verzeichnet eine Marathonbestzeit von 3 Std 12 Min. Doch ich war ihnen immer etwas überlegen. Naja, fast immer. Die Gelegenheiten, bei denen sie mich besiegten, fanden Eingang in unsere Familienannalen. Da war zum Beispiel dieser eine Tag im Jahre 1997. Erst überholte mich Jiva. Dann zog Govinda an uns beiden vorbei. Gut, es war nur ein sonntäglicher Freundschaftslauf, doch es war das erste Mal überhaupt, dass ich von beiden besiegt wurde. Zwanzig Jahre später wird diese Geschichte immer noch regelmäßig bei Familientreffen aufgewärmt.
Wenn mir Govinda also wieder einen Fehdehandschuh hinwirft – ein Rennen namens Great Wilderness Challenge in den schottischen Highlands – weiß ich, dass das kein Spaziergang wird. Erst vor kurzem hatte er aus Spaß damit begonnen, an den Wochenenden durch die Berge zu laufen, also wusste ich, dass er sich gute Chancen ausrechnete. Alle meine vergangenen Rennsiege hatte ich auf dem harten, ebenen Asphalt der Straße gewonnen. Dieses Rennen – Trailrunning in den Hügeln – ist noch immer nicht das Meine. Doch irgendwo muss ich ja einmal anfangen, wenn ich ein Ultra-Läufer werden will, und ein Rennen gegen meine Brüder ist der perfekte Anstoß, mich endlich dazu aufzurappeln.
Und auf einmal bin ich auch schon im nahe gelegenen Dartmoor Nationalpark trainieren. Meine ersten Versuche sind nicht gerade von Erfolg gekrönt. Nach zirka 10 Meilen (ca.16 km) beginne ich schon zu kämpfen und schaffe kaum mehr als Schritttempo. Meine Uhr sagt mir, dass ich mit einer Laufgeschwindigkeit unterwegs war, die ich normalerweise als langsames Joggen bezeichnen würde, doch da draußen im Moor fühlt sich alles viel anstrengender an. Es sind nicht nur die Hügel, sondern das ganze unebene, matschige Terrain, dass einen bei jedem Schritt aus dem Rhythmus bringt. So beginnt die Frustration langsam in mir hochzusteigen. Ab und an trete ich auf einen Stein oder eines meiner Beine stößt an das andere und ich stürze beinahe. Ich beginne zu fluchen. „Wessen dämliche Idee war das?“ Sobald ich endlich ein Stück Straße finde, fühle ich mich wieder wie zu Hause. Zurück dort, wo ich mich wohlfühle. Zurück beim Laufen.
Ich mag zwar Probleme haben, doch Jiva geht es noch viel schlechter. Er lebt in London und seine Arbeit, sowie sein Umzug, nehmen den Großteil seiner Zeit in Anspruch. Je mehr wir über das Rennen lesen, desto unmöglicher scheint es, sich da einfach irgendwie durchzumogeln. Einmal beendete Jiva den Edinburgh Marathon, ohne wirklich dafür trainiert zu haben. Auf der Strandpromenade in Edinburgh gegen diese sprichwörtliche Wand zu laufen, mag eine Sache sein, aber draußen in den Highlands ins Straucheln zu geraten, ist eine ganz andere. Das Rennen schreibt den Läufern vor, wasserdichte Kleidung, eine Karte und einen Kompass für Notfälle bei sich zu tragen. Das ist kein Vergnügungslauf.
Letztendlich sieht Jiva ein, dass er ungenügend vorbereitet ist und verzichtet auf einen Start. Somit verwandelt sich das Rennen in ein direktes Duell, Mann gegen Mann, zwischen mir und Govinda dem Bergläufer.

In der Nacht vor dem Rennen fahren wir von Edinburgh hinauf in die Highlands, wo wir bei Sturm und peitschendem Regen in Poolewe ankommen, während die Berge auf beiden Seiten still in Finsternis gehüllt sind. Je näher wir kommen, desto stärker heult der Wind. Wortlos blicken wir beide nervös aus dem Fenster.
Es regnet noch immer, als wir am nächsten Morgen zum Start kommen, wo uns keine guten Nachrichten erwarten. Das Wetter ist so schlecht, dass die Veranstalter die Route ändern mussten, um die besonders gefährlichen Sektionen zu vermeiden. Dabei stellt sich auch heraus, dass einer der Organisatoren am Vortag beim Besichtigen der Strecke von einem überfluteten Fluss erfasst und weggespült wurde und sich nun im Spital befindet. Einige Wochen später sollten wir erfahren, dass er verstorben war. Mit den Bergen spielt man sich nicht und ich bin der erste, der nichts dagegen hat, als wir erfahren, dass anstatt eines 40-Kilometer-Laufs durch einen der unwegsamsten Abschnitte der Highlands das Rennen auf einen 30-Kilometer-hin- und-zurück-Abschnitt gekürzt worden war, und zwar entlang einer Strecke, welche von enttäuschten Veteranen des Rennens als die langweiligste Sektion des Kurses bezeichnet wird.
Keiner der Anwesenden ist von der Änderung begeistert und so spiele ich mit und sehe enttäuscht drein, obwohl ich innerlich höchsterfreut bin. Dreißig mehr oder weniger flache Kilometer kommen mir viel mehr entgegen. Nicht nur, dass ich weniger gehen müsste, die Berge waren Govindas Stärke. Er blickt enttäuscht zu mir herüber – er weiß, was ich denke.
Die Great Wilderness Challenge ist ein kleines, lokales Rennen und so stellen wir uns zusammen mit etwa 70 anderen Teilnehmern auf. Am Start fühle ich mich frisch und als ich mich so umblicke, beginne ich mir sogar leise Chancen auf den Gesamtsieg auszurechnen. Das Feld sieht nicht gerade besonders einschüchternd aus.
Govinda versucht noch einmal etwas Ruhe zu finden und atmet ein paar Mal tief durch. „Er macht sich viel zu viel Stress“, denke ich mir, während mein Selbstvertrauen steigt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich das Ganze bereits in der Tasche habe.
Der Anfang des Rennens führt entlang eines engen Pfades, wo es, wie uns gesagt wird, schwierig ist, zu überholen. Also preschen wir drauf los. Die ersten anderthalb Kilometer ist alles ein wenig chaotisch, zu schnell, doch Govinda liegt vor mir und so entscheide ich mich, an ihm dran zu bleiben. Ich kann ihn nicht einfach davonziehen lassen. Der Weg ist matschig und felsig, windet sich und geht bergauf und bergab. Es ist unmöglich, einen Rhythmus zu finden.
Nach zirka 3 Kilometern macht Govinda einen Fehler und biegt auf den falschen Weg ab. Ich packe die Gelegenheit beim Schopf und überhole ihn. Doch bald ist er mir wieder auf den Fersen. Ich brauche gar nicht nach hinten blicken, ich höre ihn durch die Pfützen platschen. Allein seine Anwesenheit, so knapp hinter mir, treibt mich weiter an. Ich fühle mich richtig gut, also drücke ich aufs Tempo, als ich die Hügel durch den Wald hinauflaufe. Langsam werden seine platschenden Schritte immer leiser und leiser. Und jedes Mal, wenn ich einen kurzen Blick nach hinten riskiere – zu viel Motivation möchte ich ihm auch nicht geben – ist er ein Stück weiter zurück.
Nach ungefähr fünf Meilen (ca. 8 km) fliege ich nur so dahin. Hinweg über das schwierige, unvorhersehbare Terrain. Wie sich herausstellt, ist „langweilig“ ein relativer Begriff. Die Szenerie ist wild und wunderschön. Doch es ist schwierig, sie genauer zu betrachten. Die meiste Zeit muss ich meine Augen auf den Boden vor mir richten, da der Pfad schonungslos morastig und uneben ist. Ein falscher Schritt könnte hier schlimme Folgen haben.
Ich fange an mich zu entspannen. Irgendwie ist es schade, dass Govinda nicht mehr dagegenhalten kann. Natürlich bin ich auch froh darüber, aber so ist es fast zu einfach. Wir haben beinahe die Hälfte der Strecke erreicht. Das geht ja wie im Flug.
Jetzt den steilen Abschnitt hinunter zum Wendepunkt, ein paar Läufer holen mich ein. Da ich vor allem den Boden im Auge habe, sehe ich nicht, wer die anderen sind, aber ich kann spüren, wie sie an mir vorbei wollen. Anstatt sie weiter aufzuhalten, weiche ich ins Gras aus, um sie vorbeizulassen. Einer, zwei, drei gehen an mir vorbei.
„Mach schon, Dhar“, sagt der Letzte von ihnen.
„Huh?“ Es ist Govinda.
Sie wenden und kommen mir wieder entgegen und er läuft an mir vorbei, ohne mich anzublicken. Vorbei an der Wende beginne ich den Weg, den ich gekommen war, wieder hinaufzuklettern. Meine Beine fühlen sich plötzlich schwer an. Ich habe nicht mehr die Kraft zu versuchen an ihm dranzubleiben. So sehe ich nur, wie er davonzieht, kraftvoll, wie jemand, der jetzt loslegt. Für mich war es das. Ich bin leer.
Mutig kämpfe ich mich weiter. Ich habe die leise Hoffnung, dass er blau läuft und sich zu mir gesellen könnte, doch ich weiß, wie unwahrscheinlich das ist. Außerdem – so denke ich in meinen großzügigeren Momenten – wäre es schade, wenn das passierte. Ich verlege mich nun darauf, nur mehr mein eigenes Rennen zu laufen, doch es sind noch neun lange Meilen (ca. 15 km) zurück bis ins Ziel.
Als ich dann endlich ankomme, ist Govinda schon umgezogen und jubelt mir zu, als ich über die Ziellinie laufe. Danach erzählt er mir, dass er immer wieder gedacht hätte, ich würde ihn wieder einholen und so trieb er sich weiter und weiter an. Am Ende lag er dann mehr als 15 Minuten vor mir. Eine vernichtende Niederlage.
Später, am Weg nach Hause, ruft er seine Frau an. „Wie war es?“, höre ich sie fragen. „Ich habe gewonnen“, sagt er. Nein, das eigentliche Rennen hat er nicht gewonnen. Doch er hat das Rennen, auf das es ankam, gewonnen. Er hat seinen großen Bruder besiegt.
Also, Gratulation an Govinda, doch für mich ist es kein guter Start. Ich sehe jetzt ein, dass ich viel öfters auf dieser Art Terrain laufen muss, lernen muss, nasse, matschige Hügel hinauf- und hinunterzulaufen. Mit einem Ranzen auf dem Rücken. Auch wenn das Rennen nur über 19 Meilen (30 km) ging, so war es komplett anders als ein Straßenmarathon.
Glücklicherweise lebe ich im Süden der Grafschaft Devon, wo ich das Moor und gut 100 Meilen (160 km) Küstenpfade zum Trainieren habe. Ich muss nur raus und dorthin. Die frühen Morgenstunden endlich nutzen.
Ein paar Wochen später, als mein Ultra schon vor der Türe steht, fühle ich mich bereits fitter, spritziger, doch ich bin trotzdem nie mehr als eine Marathonstrecke am Stück gelaufen. Sogar im Oman war keine Etappe länger als die 42,195 Kilometer. Somit ist dies irgendwie mein erster Ultra-Marathon, den ich in gutem Glauben laufe. Wird mein Körper dieser Belastung überhaupt standhalten? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

Am Tag vor dem Rennen klopft es an der Tür. Als ich sie öffne, steht dort ein gutaussehender Mann: 1,78 m groß, buschiger rost-oranger Bart, langes Haar mit Zöpfen, die in seine Stirn hängen, und einem breiten Lächeln.
Es ist Tom Payn, ein guter Freund von mir.1 Er ist aus Essex angereist, um das Rennen mit mir1 zu laufen. Auch er möchte am UTMB teilnehmen und befindet sich daher auf Punktejagd. Wir können uns zusammentun.
Tom ist ein richtig guter Läufer und ich weiß bereits, dass er das morgige Rennen wahrscheinlich gewinnen wird. In der Tat erzählt er mir, dass er noch nie ein Ultra-Rennen im Vereinigten Königreich verloren hätte.
Ich traf Tom das erste Mal in Kenia, zu einer Zeit, als er der viertschnellste Marathonläufer im UK war. Es war das Jahr 2011 und er hatte gerade seinen Schreibtischjob bei einer Wasserfilterfirma in Portsmouth gekündigt, um seinen Traum, sich für die Olympischen Spiele in London zu qualifizieren, zu verwirklichen. Dazu verbrachte er sechs Monate in einem kenianischen Trainingslager in der Kleinstadt Iten, wo er sich ein winzig kleines Zimmer mit einem Mitbewohner teilen musste. Zum Duschen gab es nur kaltes Wasser, ein Loch im Boden diente als Toilette und das tägliche Mittagessen bestand aus Reis und Bohnen. Damals sah er nicht so gut aus, wie er es heute tut, doch er hatte ein freundliches Gesicht und eine frohe, warmherzige Natur, jemand, der in allem immer das Positive sehen wollte. Das war auch gut so, denn als er nach sechs Monaten im Rift Valley zurückkehrte, blieb er zehn Minuten über seiner persönlichen Bestzeit und verpasste somit die Olympiaqualifikation.
„Den langsamsten Marathon meiner Karriere bin ich doch tatsächlich nach meinem Aufenthalt in Kenia gelaufen“, meint er. Klarerweise schwer enttäuscht, fühlte er sich damals irgendwie verloren. „Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte“, erzählt er weiter.
Doch er hatte nun einmal eine neue Seite in seinem Leben aufgeschlagen und auf keinen Fall würde er das alles wieder aufgeben und in einen regulären Bürojob zurückkehren. Mit Hilfe seiner kenianischen Kontakte gelang es ihm, einen Job bei einer Sportmanagement-Agentur zu ergattern, wo er kenianische Topläufer zu Rennen auf der ganzen Welt begleitete, sich um sie kümmerte, mit ihnen trainierte und den Tempomacher für sie bei den großen Rennen gab. Er lebte sogar in einer Wohnung in London, die als Unterkunft für Athleten aus Kenia diente, wenn sie für Rennen nach Europa kommen. Trotzdem funktionierte es auf der Straße nicht so, wie er wollte, und als er mich in Devon besucht, liegt seine Marathonbestzeit noch immer bei den 2 Std 17 Min, die er noch als Bürohengst in Portsmouth gelaufen war.
Doch jetzt steht ein Mann vor mir, der vor Vitalität nur so strotzt. Seit den Tagen nach Kenia ist einiges passiert. Vor allem begann er mit Ultra-Marathons, wo er auch Rachel kennenlernte, seine Verlobte. Beides hatte riesigen Einfluss auf sein Leben.
„Im Endeffekt führte mein damaliges Leben, wo laufen und trainieren schon ein Zwang waren anstatt einem Vergnügen, zum frühzeitigen, aber auch kurzzeitigen Ruhestand“, erzählt er mir, als ich uns in meiner kleinen Landhausküche Spaghetti Surprise zubereite. „Als ich wieder zu laufen anfing und mich in den Ultra-Sport stürzte, schwor ich mir, nur mehr aus Liebe zum Laufen zu laufen, und diese Liebe besteht seit damals.“
Der Umstieg zum Ultra-Running war eigentlich fast unbeabsichtigt. „Nicht lange nachdem ich meinen Rückzug vom Laufsport angetreten hatte“, so erzählt er weiter, „kam ich auf die Idee, den Weg von meiner Wohnung in London bis zum Haus meiner Eltern in Tiptree, Essex, zu laufen. Ich hatte keine Ahnung, wie weit das war, ich wusste nur, dass es länger ist als ein Marathon. Seit ich als neunjähriger Junge meinem lokalen Leichtathletikverein beigetreten war, war dies das erste Mal, dass ich mich nicht an einem Trainingsplan oder Renntraining orientierte und so erkannte ich, dass ich so weit und so schnell – oder auch langsam – laufen konnte, wie ich wollte.“


