Der Aufstieg der Ultra-Läufer

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So wachte er also eines schönen Morgens auf, zog sich seine Schuhe an, schnallte sich seinen Rucksack mit ein paar Energieriegeln und einer Flasche Wasser um und machte sich auf den Weg. „Ich fühlte mich frei, ohne Druck. Ich konnte es gemütlich angehen, wenn ich wollte, und etwas aufs Tempo drücken, wenn ich mich gut fühlte. Nicht lange und ich hatte die Marathondistanz erreicht, dann fast 50 Kilometer. Meine Füße waren bereits etwas wund, doch ich fühlte mich noch richtig gut, als ich Chelmsford erreichte, wo der Anblick des Zugs so reizvoll war, dass ich mich entschied, die letzten 15 Meilen (ca. 25 km) doch mit der Bahn zu fahren.“
Eine Entscheidung, die er sofort wieder bereute, wie er sagt, und so packte er die Woche darauf wieder seinen Rucksack und lief diesmal die gesamten 56 Meilen (90 km) von London nach Tiptree, wofür er sieben Stunden benötigte. „Das war ein so großartiges Gefühl, diese Strecke zu Fuß zurückzulegen, und es dauerte nicht lange, bevor ich mich zum ersten Ultra, dem Ring O’Fire, ein 135-Meilen-Rennen (ca. 217 km), rund um die Insel Anglesey, anmeldete.“ Er gewann das Rennen mit einem Vorsprung von mehr als drei Stunden.
Als er ein Jahr später bei einem trendigen, von Adidas gesponsertem Event in Südlondon auftauchte, war Tom noch immer größtenteils auf Straßenmarathons fixiert.
Vor dem Rennen, so sagt Tom, sah er eine Frau, die er von der Laufbahn her, wo er trainierte, wiedererkannte. „Wir unterhielten uns kurz und ich dachte mir, ich sollte heute Abend wohl zusehen, dass ich schnell laufe.“ Da er unbedingt Eindruck schinden wollte, stellte Tom sicher, dass er das Rennen gewann. „Danach ging ich zu ihr und sagte: ‚Gewonnen!‘ Doch sie zeigte sich nicht besonders beeindruckt.“
Beim nächsten Mal, als er auf Rachel traf, bei einem Eliminationsrennen namens Wings for Life, lief die Sache besser. Bei dieser Art von Rennen starten die Läufer mit einem 30-Minuten-Vorsprung auf ein Auto, das ihnen – beginnend mit 15 km/h und danach schrittweise schneller werdend – nachfährt. Wird ein Läufer von dem Fahrzeug überholt, so ist er aus dem Rennen und wird zurück ins Ziel gebracht, wo er oder sie das Rennen auf einer großen Leinwand mitverfolgen kann. Natürlich gewann Tom das Rennen. „Weil ich der Letzte war, sahen mir alle zu“, erklärt er. Er war der Held des Tages. Rachel saß da und sah ihm mit steigender Bewunderung zu. „Sie stellte irgendwas auf Facebook mit Cheering Tom Payn und verlinkte mich. Nach dem Rennen kam sie zu mir und umarmte mich herzlich. Also habe ich sie gefragt, ob sie mit mir ausgehen will.“
Seitdem inspirierten sich Rachel und Tom gegenseitig ihre regulären Jobs aufzugeben, einen gelben VW Käfer zu kaufen und nach Frankreich zu ziehen, um eine Vollzeitkarriere als Ultra-Läufer zu starten. Ach ja, und sie leben jetzt beide vegan. Und sind verlobt. Da ist also einiges passiert, während der letzten paar Jahre. Ich konnte das größtenteils via Social Media mitverfolgen, sehen, wie Toms Haar immer länger wurde, sein Grinsen breiter und die Hintergrundlandschaften auf seinen Fotos immer größer, bunter und epischer. Tom und Rachel haben sich auch eine Wohnung in Chamonix, der europäischen Hauptstadt des Ultra-Running und Basis des UTMB, zugelegt. Dort wohnen sie zur besten Laufzeit im Sommer und vermieten das Apartment in der Schisaison, während sie selbst nach Kenia oder Marokko ziehen, um zu laufen.
„Warum ausgerechnet Marokko?“, frage ich ihn.
„Wir sind eben sehr spontan“, antwortet er. „Wir folgen einfach unserem Herzen. Wir wollten irgendwohin, wo es im Februar und März warm ist, und überlegten, was da in Frage käme? Als wir dann dort ankamen, war es bitterkalt.“
Trotz des überraschend kalten Wetters entpuppte sich das Folge-deinem-Herzen-System als Volltreffer. Einige Monate bevor er an meiner Türe steht, wurde Tom dazu auserkoren, bei den Trail-Weltmeisterschaften für Großbritannien an den Start zu gehen. Ein britisches Trikot überzustreifen war schon immer sein Kindheitstraum und gerade als er nicht mehr daran zu glauben wagte, wurde der Traum wahr. Seine Mutter und Rachel reisten extra aus Portugal an, um ihm beim Rennen zu unterstützen.
„Das war der glücklichste Tag meines Lebens“, sagt er mit leicht zittriger Stimme. „Im Ziel habe ich dann sogar geweint.“

Wir verlassen mein Haus um sechs Uhr am nächsten Morgen und fahren entlang der engen Landstraßen zum Rennstart. Eigentlich sollte ich navigieren, doch ich sage den Weg immer wieder falsch an, da ich mehr damit beschäftigt bin, die richtige Musik vor dem Rennen zu finden, um in Stimmung zu kommen.
Der offizielle Parkplatz ist eine große Wohnsiedlung am Rande eines Dorfes, nur wenige Kilometer von der Küste entfernt. Als sich die zu dieser Zeit normalerweise menschenleeren Straßen mit Autos füllen, sich die Wagentüren nach und nach öffnen und Männer und Frauen in engen Laufhosen und Laufjacken aussteigen, kommt es einem so vor, als fände hier eine Invasion im Morgengrauen statt, während die Dorfbewohner noch schlafen. Jeder unwissende Anrainer, der einen Blick durch das Fenster riskiert, kann sich nur darüber wundern, was hier abgeht. Am Ende der Straße stellen sich die Läufer bereits an und warten auf die Busse, die uns an den Start bringen sollen.
Einige versuchen ein bisschen Konversation zu betreiben. „Hast du den Regen gestern mitbekommen?“ Doch niemandem ist so wirklich nach plaudern zumute. Es zeichnet sich schon langsam ab, was da vor uns liegt, und es ist schwer, nicht daran zu denken. Tom kaut auf einem Fruchtriegel herum. Vor sechs Tagen war er noch beim Marrakesch Marathon gelaufen, wo er für die Topathletinnen 30 km lang den Tempomacher gab, bevor er dann nach 2 Std 35 Min ins Ziel „joggte“. Er fühle sich müde, meint er, und hätte sich auch keine Renntaktik überlegt.
„Manchmal gebe ich auf den ersten paar Kilometern so richtig Gas und lasse es danach lockerer angehen“, sagt er.
„Um gleich einmal allen das Fürchten zu lehren?“
Er lacht. „Ja, so in etwa.“
Rundum sieht man andere Läufer, die ihn genau mustern. Er sieht einfach schnell aus, auch wenn man nur kurz hinsieht. Er ist dünn, drahtig, aber da ist noch mehr. Er sieht fast so aus, als käme er von einem anderen Stern. Diese graue Eintönigkeit, die sich schon einmal über den Arbeitsalltag legt, die unsere Haut blass und unsere Augen müde macht, scheint er nicht zu kennen. Mit seinen feuerroten Haaren und einer allgemein fröhlichen Ausstrahlung, sieht er aus wie ein Superheld in einem Comic.
Im Anmeldezelt steht ein Mann mit einem Clipboard und fragt Tom nach seinem Nachnamen. „Payn“, antwortet er. Er hat sogar den Namen für einen Superhelden – obwohl der fast schon wieder etwas bedrohlich klingt.
„Guter Name für einen Ultra-Läufer“, sagt der Mann mit dem Clipboard.
Nachdem wir uns auf unserem Weg hierher so oft verfahren hatten, haben wir keine Zeit mehr, um uns aufzuwärmen, und bevor wir es uns noch versehen, werden wir bereits and den Start gerufen. Ich folge Tom nach vorne und stehe neben ihm in der ersten Reihe, in der Mitte unter dem Startbogen. Ich genieße es kurzfristig, ein wenig von seinem Ruhm zu profitieren, und sehe die nervösen Blicke, die uns die anderen zuwerfen. Ich klopfe ihm noch einmal freundschaftlich auf die Schulter.
„Gehen wir es an!“
Der Countdown ist bereits im Gange. Drei, zwei, eins … jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Reise nach Chamonix und zum UTMB hat begonnen.

Tom sprintet über das Feld, als hätte er den Herd zu Hause angelassen. Keiner geht nach. Alle sehen nur dabei zu, wie er durch die Hecke am anderen Ende des Feldes hindurchsticht und das ist auch das Letzte, was man von ihm in diesem Rennen sieht.
Ich lasse mir Zeit, achte darauf, es nicht zu schnell anzugehen, und jogge den ersten Anstieg langsam hinauf.
Auf der anderen Seite kommen wir an einer Klippe heraus, unter uns das Meer, weit und wild, die Wellen brechen sich an den Felsen. Das Wetter ist recht ruhig, doch der Boden ist nass und glitschig. Die ganze Woche wurde die Küstenregion von Wind und Regen heimgesucht und die Wege sind komplett durchtränkt. Ein paar Tage zuvor hatte der Wetterbericht noch heftigen Regen und heftige Stürme vorausgesagt. Glücklicherweise ist der Sturm inzwischen abgeflaut, doch seine verheerenden Auswirkungen sind beim Laufen spürbar.
Meine Trailrunning-Schuhe sind leider nur für trockenen, festen Boden geeignet, nicht für Schlamm. Ich verwende sie, da die meisten meiner Trainingsläufe auch über Straßen führen und die strapazierfähigeren Schuhe fühlen sich auf hartem Untergrund genauso unangenehm an wie Stollenschuhe. Deswegen war ich der Meinung, dass diese Schuhe ein guter Kompromiss wären, doch ich rutsche nur hin und her. Somit setze ich mir als Priorität, das Rennen zu beenden, ohne mir dabei die Knie an den spitzen Felsen entlang des Weges aufzuschlagen.
Das relativ niedrige Tempo auf den ersten 10 Meilen (16 km) bedeutet auch, dass ich – wenn ich nicht gerade auf den Boden blicken muss, um Stürze zu vermeiden – die Landschaft genießen kann, die schroffen Klippen und sandigen Buchten, das aufgewühlte Meer, dessen salziger Geruch in meine Nase dringt, die Gischt der Wellen, die wie ein Sprühregen über den Pfad hinwegfegt.
Der erste richtige Hänger kommt bei etwa 10 Meilen (16 km). Ich hole einen Proteinball aus meiner Tasche und beiße ein paarmal ab. Eines der gängigsten Dinge, die ich während meiner ersten Recherchen über den Ultra-Sport höre, ist, dass es im Grunde „ein Esswettbewerb mit etwas laufen dazwischen ist“. Während eines Ultra-Marathons verliert man Energie und die muss durch Essen ersetzt werden. Bei kürzeren Ultras geht es schon einmal, dass man mit ein paar Päckchen Energiegel auskommt, aber von zu viel Gel kann einem nach einiger Zeit ziemlich übel werden. Es ist also besser, richtige Nahrung zu sich zu nehmen. Das ist natürlich nicht so einfach, wie es sich anhört. Nicht nur, dass laufen und gleichzeitig essen eine Herausforderung ist, so kann dies auch zu Magenbeschwerden führen. Man muss es also trainieren und herausfinden, welche Nahrung am besten für einen selbst funktioniert. Wie ich später bei einigen meiner längeren Rennen herausfinden werde, kann es schwierig werden, nach 10, 20 oder gar 30 Stunden laufen etwas zu kauen oder genügend Speichel zu produzieren, um das Essen überhaupt schlucken zu können.
Doch im Moment ist essen kein Problem. Während ich so vor mich hin trabe, ist meine größte Sorge, dass irgendeines meiner kleineren Wehwehchen plötzlich aufflammt. Es gibt kaum einmal einen Trainingslauf oder ein Rennen, bei dem nicht irgendwo etwas ein wenig zwickt, und so habe ich Angst davor – wie im Oman – wieder neben der Strecke zu sitzen, während mir jemand im Vorbeilaufen zuruft: „Komm, mach weiter. Du schaffst das.“
Aber meine Beine fühlen sich noch gut an und ich beginne die ersten Läufer zu überholen. Vielleicht war ich bis jetzt doch zu langsam unterwegs. Ich rechne mir aus, dass ich ungefähr an achter Stelle liegen muss und setze mir aus irgendeinem Grund das Ziel, dieses Rennen in den Top 10 zu beenden. Ein Ziel, das mir spontan in den Kopf kommt, und jetzt, wo es einmal da ist, wie in Stein gemeißelt ist. Rennziel: Top 10.
Und so beginne ich das Rennen richtig anzugehen. Als ich anhalte, um mich kurz hinter einem Busch zu erleichtern, und mich dabei zwei Läufer überholen, mache ich mich sofort wieder hinter ihnen her und überhole sie. Während andere Läufer bei einer Wasserversorgungsstelle anhalten, um ihre Flaschen aufzufüllen oder sich ein paar Kekse greifen, bleibe ich in Bewegung, um weiterhin Boden gut zu machen.
Nach etwa 14 Meilen (22 km) führt der Kurs ins Landesinnere, hinweg über matschige Felder, uralte ungenutzte Feldwege und ein paar normale, asphaltierte Straßen. Gelegentlich laufe ich neben jemandem her und wir beginnen zu plaudern. Es ist eigenartig, während eines Rennens noch genug Energie zu haben, um reden zu können. Die Müdigkeit ist in den Beinen, im Körper, aufgrund der Hügel, des tiefen Bodens und der Zeit, die man sich auf den Beinen befindet. Doch diese Atemlosigkeit, das Nach-Luft-Schnappen, wie man es von kürzeren Rennen her kennt, ist nicht da.
Und so unterhalten wir uns eben, bis einer einen Abhang schneller hinunterläuft oder eine Trinkpause einlegt, und dann bin ich wieder allein, umgeben nur von Gras, Bäumen und Kühen. An einem Punkt passiere ich eine Jagdgesellschaft. Die Reiter in ihren roten Jacken sehen verächtlich auf mich herab, als ich mich vorbeikämpfe, während die Hunde aufgeregt umherlaufen. Ich kann nur hoffen, dass sie mich nicht für ein verwundetes Tier halten.
Ich erreiche die 38-Kilometer-Marke in knapp über vier Stunden und beschließe, nicht länger zu versuchen einen Platz unter den Top 10 zu erreichen, sondern das Rennen unter sechs Stunden zu beenden. Ich fange an zu leiden, meine Schritte werden immer kürzer, so, als ob sich ein unsichtbares Band immer weiter um sie zusammenzieht. Ich will mich nicht mehr um Läufer sorgen, die an mir vorbeilaufen, sie werden es sowieso tun. Aber ich brauche etwas, auf das ich mich fokussieren kann.
Einige Wochen zuvor bemerkte ich, dass der Streckenrekord der Frauen bei 6 Std 6 Min lag und jemand, der meinen Kommentar auf Twitter über das Rennen gelesen hatte, schrieb mir, dass ich doch versuchen sollte, diesen Rekord einzustellen. Also streiche ich das Ziel unter die Top 10 zu laufen und ersetze es mit dem neuen Ziel, das Rennen in unter sechs Stunden zu beenden. Eine schöne runde Zahl. Dazu muss ich nur die letzten 10 Meilen in zwei Stunden absolvieren. Das müsste eigentlich möglich sein. Sollen die anderen doch ruhig an mir vorbeilaufen, wenn sie wollen.
Warum brauche ich überhaupt ein Ziel? Warum nicht einfach laufen? Reicht es nicht, ins Ziel zu kommen. Ich weiß nicht genau, aber nur ins Ziel kommen, naja, das kann ich auch, wenn ich gehe. Aber irgendetwas tief in mir weiß, ich wäre von mir selbst enttäuscht, wenn ich nur gemütlich ins Ziel schlenderte. Ich muss mich pushen, deswegen bin ich hier. Ich muss mich dazu zwingen, zu kämpfen, mich mit den anderen messen. Sonst wäre das alles nur ein langer Spaziergang, ein Tag im Freien. Und das fühlt sich nicht richtig an. Das ist ein Rennen und ich muss es auch so angehen.
Die nächsten Kilometer geht es komplett flach dahin, entlang eines exponierten Stücks Strand. Das Dorf am Ende will irgendwie nicht näherkommen und ich quäle mich weiter. Meine Beine schmerzen, meine Körperhaltung ist gebeugt, ich schlurfe vor mich hin. Mein Anblick muss erbärmlich sein. Von jetzt an ist es auch eine mentale Herausforderung, nicht mehr nur eine physische. Ich muss die negativen Gedanken vertreiben, wie ein Küchenjunge, der das Ungeziefer mit dem Besen aus der Küche jagt.
„Vielleicht bin ich doch nicht dafür geschaffen.“ … „Ich bin eben kein harter Kerl, warum also vorgeben einer zu sein?“ … „Denk doch mal, wie toll es wäre, jetzt einfach aufzuhören.“
Komm! Komm! Hopp! Hopp! Die Tatsache, dass mein Körper noch zusammenhält, gibt mir Kraft. Nichts ist gebrochen oder gerissen. Und da ist auch der Umstand, dass ich nach viereinhalb Stunden noch immer laufe und nicht gehe.
Nach dem langen Stück Strand geht es noch einmal zurück zu den Klippen, bergauf und bergab. Die Anstiege fordern nun wirklich ihren Tribut und zwingen mich größtenteils zwischen laufen und gehen abzuwechseln.
Um dann noch einen draufzusetzen, führt die Strecke nach 27 Meilen (43 km) am Ziel vorbei und geht dann noch einmal auf eine sieben Meilen (12 km) lange Schleife. Eine Welle an Emotionen überkommt mich, als ich durch das kleine Küstendorf namens Beesands laufe, wo ich am Ziel vorbeikomme. Ich halte Ausschau nach Marietta, die sagte, dass sie vorbeikommen würde, um sich das Ende des Rennens anzusehen. Plötzlich will ich eine Umarmung, jemanden, der mir sagt, dass ich es schaffen kann. Doch ich kann sie nirgendwo erblicken. Mir kommen beinahe die Tränen, als ich unser geparktes Auto sehe, doch kein Anzeichen von Marietta. Und um es noch schlimmer zu machen, gibt es auch niemanden anderen, der mir etwas als Aufmunterung zuruft. Die Zuschauer versammeln sich am Zieleinlauf, parken ihre Wägen, kaufen ihre Fish & Chips, legen ihre Hunde an die Leine. Doch mich bemerkt anscheinend niemand. Mir ist zum Weinen.
„Dafür ist es noch zu früh“, sage ich mir und reiße mich noch einmal zusammen. Als wir die letzte Schleife angehen, überholt mich einer der anderen Teilnehmer, dann noch einer. Ich will nicht, dass mich jetzt noch eine Horde anderer Läufer überholt, nicht nach alldem, was ich durchgemacht habe. Also beiße ich die Zähne zusammen und laufe weiter. Einige verzweifelnd langsame Kilometer bergauf über Hügelkuppen gefährden mein Ziel von sechs Stunden. So quäle ich mich weiter. Gott, nimmt das denn kein Ende? Irgendwie überholt mich nun niemand mehr. Wo sind die alle hin? Ich habe Angst davor, dass jemand in der Ferne hinter mir auftaucht. Wie ein entflohener Verbrecher, der hofft, dass seine Verfolger weit weg sind. Doch jedes Mal, wenn ich einen Blick zurückwerfe, ist der Weg leer.
Meine Füße sind aufgeweicht, mein Wasservorrat aufgebraucht, meine Beine sind keine Beine mehr, sondern zwei Eisenstangen, die mit meiner Hüfte verbunden und festgerostet sind. Meine Arme bedienen die Hebel dieser Maschine, aber trotzdem bewegen sich meine Beine kaum.
Und dann, über einem der vielen schlammigen Pfade sehe ich ein wunderschönes Schild. Darauf steht: „Noch 1 Meile.“ Ich blicke mich um. Noch immer ist niemand hinter mir. Ich sehe mich bereits über die Ziellinie fallen und im Gras liegen.
Und weiter geht es. Nur mehr bergab. Als ich über das letzte Feld laufe, dort wo ich Stunden zuvor gestartet war, finde ich mich plötzlich unter Läufern, die den Marathon und den Halbmarathon beenden, die beide zur selben Zeit abgehalten wurden. Ich will freie Bahn bis zum Ziel und so sprinte ich bergab in Richtung einer Lücke. Macht Platz für den Ultra-Läufer! Ich schaffe es, ich fliege über die Ziellinie und falle ins weiche Gras. Marietta ist auch da. „Großartig, großartig.“ Sie macht Fotos und lächelt. Es ist vorbei. „Tom bekommt gleich seinen Preis verliehen“, sagt sie.
Ich blicke über meine Schulter auf den Mann mit dem feuerroten Haar und der hellen gelben Weste.
„Und unser Gewinner“, dröhnt eine Stimme über den Lautsprecher, „mit einem gewaltigen Vorsprung von 23 Minuten auf den Zweitplatzierten ist Tom Payn.“
Ein höflicher Applaus geht durch die Menge. Ich setze mich auf. Wir haben es geschafft. Wir haben es verdammt nochmal geschafft.

Und damit bin ich offiziell ein Ultra-Läufer. Schlussendlich habe ich sogar beide meiner selbsterkorenen Ziele erreicht: Ich belegte den 10. Platz in 5 Std 51 Min. Ein toller Beginn. Trotz all der Schmerzen ist mein Körper noch ganz. Wir humpeln hinunter an die Küste und holen uns ein paar Pommes, bevor wir ins Auto hineinkriechen und nach Hause fahren. Als wir den Parkplatz verlassen, sehe ich einen Läufer, der gerade an uns vorbeikommt. Ich erinnere mich, wie ich hier vorbeilief, ohne Jubel, noch 7 Meilen vor mir.
„Komm, schon“, rufe ich ihm vom Auto aus zu. „Du schaffst das.“
Der Mann blickt auf. An meinem müden Gesicht und der Medaille um meinen Hals sowie der Tüte Pommes Frites, erkennt er wohl, dass ich bereits fertig und am Nachhauseweg bin. Er lächelt.
„Bastard“, ruft er.
1Siehe: Im Land des Laufens und The Way of the Runner.
4
Wenige Wochen nach meinem Küstenultra treffe ich mich mit Elisabet Barnes, dieses Mal für einen Trainingslauf. Ich muss lernen, wie ein Ultra-Läufer einen „langen“ Lauf absolviert. Der Plan ist, einen Abschnitt des bevorstehenden Ultra-Marathons, dem Country to Capital – ein 45-Meilen- (72 km) Lauf von den Chiltern Hills nach Little Venice im Stadtzentrum Londons – zu sondieren.
Als wir damals im Oman landeten, stach Elisabet unter all den aufgeregten, herumwuselnden Läufern sofort als eine Person mit einer Mission hervor. Sie war eindeutig hier, um zu gewinnen. Anstatt sich alles wie ein Tourist anzusehen, alles aufzusaugen, nervös über ihr mangelndes Training Witze zu machen, so wie der Rest von uns es tat, machte sie bei allem, was sie tat, einen professionellen Eindruck, stellte den Rennorganisatoren Fragen und nickte aufmerksam, wenn sie antworteten.
Im Rennen, während der Rest von uns am Ende jeder Etappe ungläubig die Köpfe schüttelte und im Ziel am Boden lag, liefen die wahren Athleten mit eiserner Miene über die Ziellinie und begannen sofort damit, isotonische Getränke und Essen zuzubereiten, voll auf Erholung fokussiert und bereit für den nächsten Tag.
Elisabet war zufällig in einem Zelt zusammen mit meist jungen Omani. Sie hatte sich einfach in der Ecke eines der Zelte niedergelassen und es war ihr ziemlich egal, wer noch in diesem Zelt sein würde. Der Rest von uns sah sich nach Zelten mit Freunden und Bekannten um oder mit Teilnehmern, die man bereits in den ersten Stunden kennengelernt hatte. Und wir verbrachten dann die restlichen sechs Renntage mit diesen Zeltpartnern. Ich hatte mich an den einzigen anderen Engländer im Rennen gehängt und gesellte mich zu ihm ins Zelt. Eine gute Wahl, wie sich herausstellte. Die Nachmittage verbrachten wir damit, herumzusitzen und uns Geschichten zu erzählen. In ihrem Zelt saß Elisabet allein da, bereitete ihr Essen vor, schlief und starrte hinaus in die Wüste, während sich die Männer in ihrem Zelt miteinander unterhielten.
Sie war jetzt nicht vollkommen asozial und freute sich immer mit dir zu reden, wenn du sie besuchen gingst, doch sie ging nur selten selbst hinaus ins Camp, um sich unter die anderen Teilnehmer zu mischen. Es schien, als schätzte sie ihre Privatsphäre. Und sie sparte natürlich auch Energie.
Vor dem Rennen fand ich heraus, dass wir in jenem Jahr beide den London Marathon in der gleichen Zeit gelaufen waren – 2 Std 50 Min. Also meinte ich, dass sie die Richtige wäre, um mit ihr zu laufen. Mein Plan war auch zu lernen, mich selbst zurückzuhalten, nicht zu schnell zu laufen. Mehrere Studien haben bereits versucht zu untersuchen, warum Frauen sich bei Rennen ihr Tempo besser einteilen können als Männer. Die meisten dieser Untersuchungen können über das Wie und Warum nur spekulieren und vermuten, dass Männer ihre Fähigkeiten einfach überschätzen und zu schnell beginnen, während Frauen ihre Fähigkeiten eher herunterspielen. Eine Studie an Personen, die den Houston Marathon beendet haben, bestätigt diese Theorie, indem sie die offiziellen Daten mit den von den Läufern selbst vorausgesagten Endzeiten verglich. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass „schlechte Tempoeinteilung teilweise auf männliche Selbstüberschätzung zurückgeführt werden kann.“
Etwas, womit ich mich regelmäßig schuldig mache. Sobald ein Rennen startet, denke ich, ich wäre Superman, dass ich das schon packe – versucht mich nur aufzuhalten. Mein Absturz bei der Great Wildernis Challenge war nur eines der letzten Beispiele in einer langen Reihe.
Im Oman begann ich jeden Tag damit, neben Elisabet herzulaufen, um mein Tempo zu reduzieren. Das funktionierte einige Minuten lang recht gut, doch dann fing ich an zurückzufallen, der Sand saugte meine Beine nach unten, machte jeden Versuch zu laufen zunichte, während Elisabet erbarmungslos davonzog, wie ein kleiner Traktor mit ihren schnellen, flachen Schritten durch den Sand pflügte. Jeden Tag schlug sie mich mit riesigen Abständen, manchmal Stunden. Unsere ähnliche Stärke beim Marathonlauf hatte in der Wüste keine Bedeutung.
Es sind viele Monate vergangen, als wir einander für unseren Trainingslauf bei der Marylebone Station in London treffen. In ihrem hellen, orangen Top und dem Stirnband ist Elisabet in der Masse von schwarzen Anzügen und grauen Sakkos leicht auszumachen. Einige Jahre zuvor brach sie den Streckenrekord, doch nun ist es für sie nur mehr ein anstrengenderes Workout, mit dem sie sich auf größere Herausforderungen vorbereitet. Obwohl sie eine Spezialistin für Wüstenrennen ist und zugibt, Hügel und Matsch nicht ausstehen zu können, arbeitet Elisabet auch auf den UTMB hin. An diesem Rennen kommt man eben nur schwer vorbei, wenn man ein richtiger Ultra-Läufer werden will. Es wartet da einfach so, als wäre es das große Finale am Ende der Saison, das Rennen der Champions. Um sich besser darauf vorzubereiten, hatte sie bereits ein kleines 100-Meilen-Etappenrennen in Nepal später im Jahr eingeplant, das Everest Trail Race.



