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Wir trafen uns einige Male, bevor Malick mich mit John Travolta vorlesen ließ. John war zu der Zeit aufgrund seiner TV-Serie Welcome Back, Kotter schon berühmt und hatte anscheinend gute Karten für die Hauptrolle im geplanten Film In der Glut des Südens. Bei den wenigen Malen, die wir gemeinsam lasen, bestand zwischen John und mir eine tolle Chemie. Wie zwei Becher mit entflammbarer Flüssigkeit sprudelten, quirlten und kommunizierten wir mühelos miteinander. Wenn John die Hauptrolle bei In der Glut des Südens spielte, wäre ich dann der Star an seiner Seite? Für mich schien alles gut auszusehen.
Und dann, aus irgendeinem Grund, konnte John den Film nicht machen. John war also raus, und Richard Gere war drin. Ich las mit Richard Gere. Um es mal so auszudrücken: Unsere Becher blubberten nicht im Einklang. Und nun war ich raus, und Brooke Adams war drin. Meine potenzielle Karriere als „sehr seriöse“ Darstellerin stand – zumindest was den damaligen Zeitpunkt anbelangte – vor dem Aus. Und später musste ich mehr als nur eine Nebenrolle in Blues Brothers verkörpern, damit die Leute aufhörten, in mir die Prinzessin Leia zu sehen.
In der Glut des Südens war ein wundervoller Film und hätte mich vielleicht ein wenig ent-Leia-t, doch das leichte, sehr, sehr leichte Kreuz, das ich tragen musste, würde immer die Anerkennung sein, die man Prinzessin Leia entgegenbrachte und eben nicht dem Mädchen, das in einem von Terry Malicks frühen Meisterwerken so gut spielte.
Ich sprach für andere Filme vor (Grease und Mitgiftjäger), wonach ich mich bei zwei Schauspielschulen in Großbritannien bewarb. Die Royal Academy of Dramatic Art wollte nichts von mir wissen, doch die Central School of Speech and Drama – zu deren bemerkenswerten Absolventen Laurence Olivier, Harold Pinter und die Redgrave-Schwestern gehörten – sagte Ja.
Endlich war die Chance gekommen, auf die ich selbstsüchtig gewartet hatte: die Chance, nicht mehr zu Hause wohnen zu müssen – oder im selben Land – bei meiner frisch geschiedenen und ach so gebrochenen Mutter. Als Bonus durfte ich mich auf eine handfeste Schauspielausbildung freuen, die ich bislang nicht genossen hatte, was aber auch daran lag, dass ich immer noch nicht wusste, ob ich überhaupt Schauspielerin werden wollte. Aber vielleicht konnte ich so einen Beruf ja auch ohne Highschool-Abschluss oder andere Leistungsnachweise ausüben? Einen Job, der mir genügend einbrächte, um in die Welt hinauszugehen und das zu beginnen, was ich spöttisch „mein eigenes Leben“ nannte.
Ich war 17, als ich die Central besuchte, und damit die jüngste Studentin. Zudem lebte ich zum ersten Mal allein und ganz auf mich gestellt. Endlich weg von meiner Mutter (von der ich gerne lebte, aber mit der ich ungern zusammenlebte), wohnte ich in einem Apartment zur Untermiete, wo ich niemanden enttäuschen konnte – und wenn sich jemand merkwürdigerweise enttäuscht zeigte, war es mir egal, da er nicht zur Verwandtschaft gehörte.

Kopfüber, bewusstlos und mit gelben Augen
George Lucas ließ die potenziellen Darsteller für Star Wars in einem Bürokomplex in Hollywood vorsprechen. Das Gebäude gehörte zu den von der spanischen Architektur geprägten cremefarbenen Häusern aus den Dreißigern mit dunkeloragenen Dächern und Fenstern mit schwarzen Stahlrahmen. Es war von Gehwegen umgeben und begrenzt von einer Reihe von Kiefern. Ich glaube jedenfalls, es waren Kiefern, die Art von Bäumen, die ihre Nadeln großzügig auf die Straße rieseln lassen und auf die ehemals grünen, aber jetzt ausgedorrten Rasenflächen.
Das alles wirkte ein wenig heruntergekommen, doch in diesen Gebäuden geschahen viele positive Dinge. Lebensläufe erfuhren Wendungen, das Business blühte auf, und Männer trafen sich bei Besprechungen, hoffnungsvollen Meetings, bei denen man große Pläne schmiedete und Ideen vorstellte. Bei all den Treffen, die in diesem besonderen Bürogebäude abgehalten wurden, gab es jedoch kein einziges, das solch ungeheure weltweiten Auswirkungen haben sollte wie das Casting für Star Wars.
Man müsste eine Gedenktafel an der Außenseite anbringen mit dem Text: „An diesem Ort fand das Casting für die Star Wars-Filme statt. Schauspieler und Schauspielerinnen betraten das Gebäude und verließen es wieder, bis schließlich nur noch drei übrig blieben. Diese drei Darsteller spielten schließlich die Hauptrollen von Han, Luke und Leia.“
Ich habe die Geschichte vom Vorsprechen für die Rolle der Prinzessin Leia viele Male erzählt – bei Interviews, auf dem Rücken von Pferden und in der Kardiologie. Wenn Sie diese Erzählung bereits zuvor gehört haben, entschuldige ich mich, Ihre Geduld ein wenig zu beanspruchen. Ich weiß, wie behutsam die meisten mit der im Leben erworbenen Geduldsfähigkeit umgehen, und ich schätze die wertvolle Zeit, die Sie mir schenken.
George vermittelte den Eindruck, er sei wesentlich kleiner, als er wirklich war, da er so selten sprach. Ich machte die Bekanntschaft mit dieser Nichts-als-Stille-Manier bei den verschiedenen Vorsprech-Terminen, wobei beim ersten auch der Regisseur Brian De Palma dabei war. Brian suchte ein Mädchen für seinen Horror-Streifen Carrie, weshalb beide eine Schauspielerin im Alter von 18 bis 22 Jahren benötigten. Ich war im richtigen Alter, und so las ich für beide vor.
Damals hatte George schon bei den beiden Filmen THX 1138 mit Robert Duvall und American Graffiti mit Ron Howard und Cindy Williams Regie geführt. Beim ersten Treffen mit den beiden Regisseuren musste ich mich mit den Rollen der Prinzessin Leia für Star Wars und der Titelrolle für Carrie auseinandersetzen. Ich dachte, es wäre wohl ein wirklich witziger Casting-Coup, wenn ich Letztere ergattern könnte: Carrie in der Rolle der Carrie in Carrie. Allerdings fand ich es nicht sonderlich hilfreich, dass man einen ernsthaften Horrorfilm mit einem ziemlich albernen Plakat bewerben wollte.
Ich setzte mich also vor die beiden Regisseure, die jeweils hinter einem eigenen Tisch Platz genommen hatten. Mr. Lucas gab sich schweigsam, gar still. Als ich den Raum betrat, nickte er kurz, woraufhin Mr. De Palma die Gesprächsleitung übernahm. Er war ein dicker und zuerst einschüchternd wirkender Mann, nicht nur, weil er mehr redete bzw. unaufhörlich redete. Brian saß auf der linken Seite und George auf der rechten, beide trugen Bärte. Als könnte man sich hinsichtlich der Größe einen Regisseur auswählen. Allerdings hatte ich keine Wahl – sie entschieden.
Brian räusperte sich bedeutungsvoll und unüberhörbar und fragte: „So, wie ich sehe, hast du schon bei Shampoo mitgespielt?“
Das wusste ich, und ich nickte einfach, mein Gesicht in einem Weiße-Zähne-Lächeln erstarrt. Vielleicht fragten sie mich etwas, das mehr als ein Nicken erforderte?
„Hat dir die Arbeit mit Warren Spaß gemacht?“
„Ja, das hat sie!“ Das war einfach. Mir hatte die Zusammenarbeit mit ihm wirklich Spaß gemacht, doch Brians Gesichtsausdruck verriet mir, dass ihm die kurze Antwort nicht reichte. „Er war …“
Wie war er denn? Die wollten jetzt was wissen. „Er hat mir bei der Arbeit geholfen … sehr geholfen. Ich meine, er und der Drehbuchautor … die haben mit mir gearbeitet.“ Oh, mein Gott, das lief überhaupt nicht gut!
Mr. De Palma wartete auf mehr, und da „mehr“ nicht kam, versuchte er, mir zu helfen: „Wie haben sie mit dir gearbeitet?“
Ah, das wollten sie also wissen. „Die ließen mich die Szene wieder und wieder spielen – mit Essen. In der Szene wurde gegessen. Ich musste Warren einen gebackenen Apfel anbieten und ihn dann fragen, ob er es mit meiner Mutter mache – mit ihr schlafe –, Sie wissen schon!“
George überwand sich fast zu einem Lächeln, Brian lächelte tatsächlich. „Ja, ich weiß, was ‚es machen‘ bedeutet.“
Ich wurde knallrot und dachte kurz daran, das Vorstellungsgespräch augenblicklich abzubrechen. Doch ich kämpfte weiter.
„Nein, nein, so lautete der Dialog: ‚Machst du es mit meiner Mutter?‘ Ich fragte ihn das, weil ich meine Mutter hasste. Nicht die im wirklichen Leben. Ich hasse die Mutter im Film, teils, weil sie mit Warren schläft – der ihr Friseur ist. Lee Grant spielte meine Mom, aber ich hatte keine große Szene mit ihr, was schade war, denn sie ist eine grandiose Schauspielerin. Und Warren ist auch ein großartiger Schauspieler, und er schrieb auch das Drehbuch mit Robert Towne, und darum haben die beiden auch mit mir gearbeitet. Mit Essen. Es klingt einfach natürlicher, wenn man beim Sprechen etwas isst. Nicht, dass Sie das in Ihren Filmen machen würden! Vielleicht in dem unheimlichen Film, aber ich habe keine Ahnung, wie es mit Essen im Weltall ist.“ Das Treffen schien nun besser zu laufen.
„Und was hast du seit Shampoo so angestellt?“, fragte George.
Ich verkniff mir den Kommentar, ich hätte zwischenzeitlich drei Symphonien komponiert und gelernt, wie man Dental-Chirurgie bei Affen durchführe, sondern erzählte stattdessen die Wahrheit.
„Ich bin nach Großbritannien gegangen, auf die Schauspielschule. Ich schrieb mich bei der Central School of Speech and Drama ein.“ Es sprudelte nur so aus mir heraus, und ich bekam kaum mehr Luft. „Also, ich bin nicht dahingegangen, ich gehe immer noch dahin. Ich habe gerade Weihnachtsferien und bin deswegen zu Hause.“
Mir stockte der Atem. Brian nickte, wobei er die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz hochzog, als sei er überrascht. Er fragte mich höflich nach meinen Erfahrungen an der Schauspielschule, und ich antwortete ebenso höflich, während George scheinbar unbeteiligt zuschaute. (Erst später erfuhr ich, dass Georges Gesichtsausdruck keine Gleichgültigkeit oder etwas ähnliches bedeutete. Er drückt Schüchternheit und Urteilsvermögen aus und neben vielen anderen Charaktereigenschaften auch Intelligenz und Bildung und – etwas, das man mit dem Wort „Darling“ umschreiben könnte. Nein, nicht exakt dieses Wort, da es sich zu sehr auf junge Menschen bezieht und nicht eindeutig genug ist. Mal abgesehen davon – und was am wichtigsten ist –, George würde es auch hassen.)
„Was würdest du machen, wenn du einen der Jobs bekommst, für die du jetzt vorsprichst?“, fuhr Brian fort.
„Ich meine, es würde natürlich von der Rolle abhängen, aber … ich schätze mal, ich würde die Schule schmeißen. Ich meine, ich weiß, dass ich es machen würde. Weil, ich meine …“
„Ich weiß, was du meist“, unterbrach mich Brian. Das Vorstellungsgespräch ging noch weiter, doch ich war nicht mehr länger bei der Sache – bereits voll und ganz überzeugt, es vermasselt zu haben, indem ich meine Illoyalität preisgegeben hatte. Meine Schule mitten in der Ausbildung verlassen – für den ersten Job, der sich anbot?
Kurz darauf war das Gespräch beendet. Quasi beim Hinausgehen gab ich beiden Männern die Hand und ging den Weg, der mich zum Galgen der Vergessenheit führen würde.
Ich kam wieder in das vorgelagerte Büro und wusste ganz sicher, dass ich wieder zurück zur Schule müsste. „Miss Fisher“, hörte ich da einen Casting-Assistenten rufen. Ich erstarrte wie schockgefroren oder wäre erstarrt, hätten wir uns nicht im sonnigen Los Angeles befunden. „Hier sind Ihre Seiten. Den Flur zwei Türen runter. Sie lesen noch auf Video vor.“ Ich spürte meinen pochenden Herzschlag, wo auch immer man seinen Puls fühlen kann.
Bei der Szene aus Carrie spielte die Mutter mit (später beeindruckend von Piper Laurie dargestellt). Es war eine düstere Szene, in der die Leute bedrohlich wirkten. Doch die Szene in Star Wars – da gab es überhaupt keine Mutter! In der merkwürdigen Sprache, die man da benutzte, erkannte ich Autorität, Vertrauen und Respekt. Konnte ich das verkörpern? Hoffentlich würde George das so sehen. Ich vermochte es vorzutäuschen. Vorzutäuschen, ich sei eine Prinzessin, deren Leben sich vom Chaos bis zur nächsten Krise bewegt und die keine Zeit hat, sich ihr Kleid anzuschauen, das glücklicherweise nicht zerrissen war.
Heute kann ich mich besser an das Gefühl beim Lesen der beiden Szenen erinnern. Ich schätze mal, ich schlug mich laut und lange durch den Text. Mochten sie mich? Dachten sie, ich sei zu dick? Glaubten sie, ich ähnle einer Schüssel Haferflocken mit Verzierungen? Vier kleine dunkle Punkte in einem großen, flachen und bleichen Gesicht („Ich Bleichgesicht – du Tonto“). Fanden sie, ich sei hübsch genug? War ich überhaupt so liebenswert, dass ich mich selbst entspannen konnte? Glauben Sie bloß nicht! Der Grund?
a) In meinem Umfeld war Entspannen ein Fremdwort.
b) Im ganzen Showbusiness gibt es keine Entspannung.
George aber muss wohl geglaubt haben, ich sei gut genug, um mich ein zweites Mal zu sehen. Sie schickten mir das Star Wars-Skript zur Vorbereitung für das nächste Vorlesen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich den braunen Briefumschlag ganz behutsam öffnete, Ecke für Ecke, und dann den unbekannten Inhalt herauszog. Das Skript sah auch nicht anders aus als andere Drehbücher – an beiden Seiten mit einem Papp-ähnlichen Falz verstärkt, der das gewöhnliche Papier schützte. Ich schaute auf das Buchstaben-Wirrwarr, das einem Ameisenhaufen glich, und wollte den Text sofort laut vorlesen, warum auch immer.
Auftritt: Miguel Ferrer! Wie ich wusste Miguel nicht, ob er wirklich Schauspieler werden sollte. Wir zeigten uns beide jedoch so fasziniert, dass wir unseren Weg weiter erforschen wollten. Wie ich stammte auch er aus einer Showbusiness-Familie. Sein Vater war der Schauspieler José Ferrer und seine Mutter die Sängerin/Darstellerin Rosemary Clooney. Guter Freund, der er war, rief ich ihn an und bat, das Drehbuch mit mir zu lesen. Er kam zum neuen, wesentlich kleineren Haus meiner Mutter – seit einer zweiten zerbrochenen Ehe waren ihre finanziellen Möglichkeiten dramatisch eingeschränkt –, und wir gingen in mein Zimmer im ersten Stock.
Wie jeder andere junge Mann aus Hollywood mit Schauspielabsichten hatte auch Miguel schon vorgesprochen. Somit wussten wir beide, was uns erwartete. Wir setzten uns aufs Bett und begannen zu lesen. Schon auf der ersten Seite – STAR WARS: A SPACE FANTASY – sprangen uns die Charaktere und Bilder förmlich entgegen. Sie drangen nicht nur in unsere Vorstellungskraft ein, sondern setzten sich auf die Stühle und die uns umgebenden Möbel. Ich übertreibe (aber nur ein kleines bisschen), doch sie hätten tatsächlich auf die Möbel springen und das Blut eines „Englishman“ trinken können, denn es war ein Epos, das jeden schnöden Science-Fee-Fi-Fo-Fum überragte.
Die Bilder des Weltalls öffneten sich vor uns, Planeten und Sterne zogen vorbei. Die Figur, in die ich schlüpfte, Leia, war von dem bösen Darth Vader entführt und an den Füßen aufgehängt worden, als der Schmuggler-Pilot Han Solo (den Miguel gerade las) und sein gigantischer, Affen-ähnlicher Co-Pilot Chewbacca mich retteten. Man hatte mich (im Drehbuch) mit dem Kopf nach unten aufgehängt. Ich war bewusstlos und hatte gelbe Augen. Ich werde das Bild niemals vergessen. Wer auch immer die Rolle der Prinzessin Leia bekäme, durfte das spielen. Vielleicht sogar ich? Möglicherweise – mit etwas Glück – würde ich von Han Solo und Chewbacca (Chewie!) aus den tiefgelegenen Gewölben befreit werden, wo man mich folterte. Chewie würde mich über seine Schultern wuchten und durch bis an die Oberschenkel reichendes Wasser tragen, während wir uns vor der (interplanetarischen) Bedrohung in Sicherheit brächten.
Leider wurden diese Bilder niemals realisiert, was an einer Kombination aus Kostengründen und der Tatsache lag, dass Peter Mayhew – den man für die Rolle des Chewie auserwählte – trotz seiner extremen Größe von über 2,10 Meter nicht in der Lage war, mich zu tragen. Er hatte gesundheitliche Probleme, die verhinderten, dass er sich schnell erheben und dann stabil aufrecht stehen konnte. Für ihn war es einfach unmöglich, irgendein Gewicht aufzuheben und zu stemmen. Und mein Gewicht, und daran können sich alle im Lucasland erinnern, war und zählt immer noch zu der Kategorie „irgendein“.
Ich kann jedoch mit Sicherheit behaupten, dass man jedes Mädchen in der Rolle der lebhaften Prinzessin Leia in diese Kategorie hätten stecken können, denn nachdem Peter im Team war, gehörten die Themen Gewichtheben und Frauen-Beförderung durch überflutete Höhlen der Vergangenheit an. Aber ich erinnere mich auch daran, dass der Kulissenaufbau sehr teuer gewesen wäre. Und da man einen Low-Budget-Film drehte, strich man die Sequenz auch aus diesem Grund – womit nur noch Leias bewusstloser Zustand und die gelben Augen blieben. Jeder von uns weiß, dass der Zustand der Bewusstlosigkeit preisgünstig zu haben war und immer noch ist, womit das keinen Kostenpunkt beim Budget darstellte. Bedenkt man jedoch Peters physische Beschränkungen beim Tragen von quirligen Prinzessinnen und die kostenintensiven und mit Wasser gefüllten Höhlen – es ist egal, wie wunderschön man Bewusstlosigkeit porträtieren kann –, war das alles nicht umsetzbar.
Die Macht drang in mich ein (auf eine non-invasive Art) – durch das Skript, das ich mit Miguel an dem Tag studierte – und blieb seitdem bei mir. Schließlich musste ich mit einem neuen Schauspieler lesen, einem Schauspieler, dem ich noch niemals zuvor begegnet war und der auch mich nicht kannte. Ich schätze, seit dem Tag des Vorsprechens hat er es bereut – falls er mit seinen starken Händen Reue händeln kann –, und wenn jemand Reue händelt, so wie er auch Petting händelt, dann war es Harrison Ford. Wir lasen in einem Raum im selben Gebäude, in dem ich George und Brian De Palma getroffen hatte. Ich war vor und während des Vorsprechens so nervös, dass ich mich nicht mehr an Harrison erinnern kann. Bedenkt man, wie nervös mich Harrison später noch machen sollte, wirkte das schon beängstigend.
In der folgenden Woche rief mich mein Agent Wilt Melnick an, der früher für meine Mutter tätig gewesen war.
„Carrie?“, fragte er.
Na ja, ich kannte meinen Namen. Und ließ ihn das auch wissen. „Yeah“, antwortete ich mit einer Stimme, die meiner ähnelte. Ähnelte, doch leer klang, was aber im Moment nichts bedeutete, da mein Magen Achterbahn fuhr.
„Sie haben angerufen“, klärte er mich auf.
Großartig, denn nur das wollte ich wirklich wissen. Ob sie angerufen haben, dass sie angerufen haben, nicht, was sie gesagt haben – das war doch egal. Oder?
„Sie wollen dich“, fuhr er fort.
Stille.
„Wirklich? Sie wollen mich?“
Er lachte. Ich lachte, ließ den Hörer fallen und rannte in den Vorgarten und dann auf die Straße. Es regnete. Es regnet nie in L.A. Aber es regnete in L.A., und ich war Prinzessin Leia. Ich war niemals Prinzessin Leia gewesen, und nun würde ich es für alle Ewigkeiten sein. Ich würde niemals mehr nicht Prinzessin Leia sein. Damals hatte ich keine Vorstellung davon, was für eine grundlegende Wahrheit dahintersteckte und wie lange „alle Ewigkeiten“ sein sollte.
Sie würden mir nichts bezahlen und mich in der Economy-Class fliegen lassen – eine Tatsache, die meine Mutter monatelang albtraumhaft verfolgte –, aber ich war Leia, und nur darum ging es mir. Ich bin Leia – ich kann auf einem Baum leben, das aber nimmt mir niemand mehr weg.
Damals hätte ich mir nie träumen lassen, dass mal ein Tag käme, an dem ich das hoffen würde.

Die „Buns of Navarone“
Der Film wurde in Großbritannien abgekurbelt, womit sich mir die Möglichkeit bot, mich aus der Schule zu verdrücken, ohne den Tatort endgültig zu verlassen. Mein Freund Riggs überließ mir seine Wohnung in Kensington, direkt hinter Barkers Department Store, wo ich während der dreimonatigen Dreharbeiten wohnte.
Als ich am ersten Tag beim Filmset ankam, versuchte ich, möglichst sympathisch und unaufdringlich zu erscheinen. Ich betrat das Studio in Borehamwood – ungefähr 45 Minuten außerhalb von London –, wo sie mir die Garderobe anprobierten und Haar- sowie Make-up-Tests durchführten. (Das Team bestand überwiegend aus Männern. So war es damals, und so ist es eigentlich auch heute noch. Es ist eine Männerwelt, und das Showbusiness ist gleichsam die gut schmeckende Mahlzeit für Männer, gespickt mit Frauen, durch die der Schmaus wie mit einem edlen Gewürz verfeinert wird.)
Die ausgewählte Frisur sollte das Bild jedes – wirklich jedes – humanoiden Kinobesuchers von mir für den Rest meines Lebens prägen. (Und möglicherweise auch noch danach. Man kann sich schwerlich einen Nachruf im Zusammenhang mit dem Film im Fernsehen vorstellen, bei dem nicht das Foto des süßen kleinen rundgesichtigen Mädchens zu sehen ist mit den dämlichen Zöpfen zu beiden Seiten seines unerfahrenen Kopfes …) Okay, mein Leben hatte begonnen. Hier überquerte ich die Schwelle in einer langen weißen und jungfräulich anmutenden Robe mit der Frisur einer niederländischen Matrone aus dem 17. Jahrhundert.
Man hatte mir die Rolle in Star Wars unter der entmutigenden Auflage beschert, um die fünf Kilo abzunehmen. Für mich bedeutete der Triumph also nicht: „Super, klasse! Ich habe einen Job!“, sondern eher: „Ich habe einen Job und mir den Knöchel verstaucht.“ Die minus zehn Prozent glichen einem Agentenhonorar, nur leider in Fett-Währung.
Und so ging es in eine Abspeck-Klinik, eine „Fett-Farm“, wie man bei uns sagt. Nach Texas. Gab es in Los Angeles keine Fett-Farmen? Die einzigen Antworten, die mir dazu einfallen, lauten:
(1) Nein, denn in Los Angeles waren alle bereits dünn bzw.
(2) Nein, denn das hier war 1976, Jahre bevor sich das ganze Bohei um Work-outs, Körper-Obsessionen und Abnehm-Kliniken manifestierte. Mir stand lediglich ein Trainer namens Richard Simmons zur Verfügung – ein extravagantes Geschöpf Gottes mit wuscheligen Haaren, der ein wenig einem schwulen Bozo, der Clown ähnelte. Das zu erwähnen ist eigentlich überflüssig, denn ich habe, Gott sei Dank, nie herausgefunden, ob es so war, da ich, Gott sei Dank, keine direkten Erfahrungen mit Bozo, dem Clown machte.
Meine Mutter hatte das Green Door in Texas empfohlen, doch wahrscheinlich nannte sich der Laden Golden Door oder etwas in der Art, denn bei der Nennung von Green Door fiel allen nur der Pornostreifen Behind The Green Door ein, bekannt wegen seines weiblichen Stars Marilyn Chambers, deren Name wie der Wind um alle Ecken blies, nicht zu vergessen über die Matratzen des horizontalen Gewerbes. (Ich hatte den Streifen mit 15 gesehen, einem Alter, in dem ich den Begriff „Blow Job“ noch nicht kannte.)
Auf der texanischen Fett-Farm begegnete ich Ann Landers (alias Eppie Lederer), einer berühmten Ratgeber-Kolumnistin, und Lady Bird Johnson, die mich beide unter ihre (übergewichtigen) Fittiche nahmen, was kein sonderlich gemütlicher Ort war. Als ich Lady Bird den Titel von Star Wars verriet, verstand sie nur Car Wash, und Ann/Eppie überschwemmte mich mit einer Flut von ungebetenen Ratschlägen zu einem „Weniger-muss-reichen“-Dinner mit einem verkokelt wirkenden Rebhuhn, das zuerst geröstet und dann wahrscheinlich einer Feuerprobe unterzogen worden war. Dennoch war es immer noch viel zu viel, woraufhin ich die Farm eine Woche später schweren Herzens und mit einem noch rundlicheren Gesicht verließ.
Zum Filmbeginn versuchte ich mich unter dem Radar zu bewegen, damit die dort herrschende Macht nicht sah, dass ich die eingeforderten fünf Kilo nicht abgenommen hatte. Ich wog zwar nur rund 55 Kilo, doch ich trug davon ungefähr die Hälfte in meinem Gesicht. Ich glaube, dass sie mir die Haarknoten als eine Art Buchstütze verpasst hatten, damit mein Gesicht dort blieb, wo es auch hingehörte, nämlich zwischen den Ohren, und nicht darüber hinauswuchs.
So sollte ich sein, die Wangen in Form gebracht – mein Gesicht so rund, wie ich klein war, aber nicht runder.
Die Dreharbeiten dauerten gewöhnlich von Montag bis Freitag und endeten meist um 18:30 Uhr. Das vom Schicksal am meisten gestrafte Grüppchen des Teams – und dazu gehörte ich zweifellos – wurde schon um fünf Uhr morgens zum Set beordert. Ich stand also vor der Morgendämmerung auf, wurde vor meiner Kensingtoner Wohnung von dem fröhlichen und lebenslustigen Fahrer Colin abgeholt, der mich mehr als zügig durch das größtenteils noch schlafende London beförderte, hin zu einer rosigen Morgendämmerung, die sich hinter den Außenbezirken der Stadt am Himmel abzeichnete. 45 Minuten später standen wir vor dem weniger romantischen Zaun der Borehamwood Elstree Studios.
Und warum bat man mich, zu dieser gottlosen Stunde zu erscheinen? Welchem monströsen Umstand hatte ich das zu verdanken, neben vielen anderen – die es eher brauchten, da mit Mähnen ausgestattet, dick und wallend, die bis zu ihren wartenden Hüften hinunterreichten?




