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Dazu eine Gegenfrage: Wer sagt, dass Kinder von Vollzeitmüttern die besseren Menschen sind? Und was ist mit den Vätern? Warum ruft niemand nach der mangelhaften Vermittlung von Werten für die Kinder durch Väter, die nicht da sind, was bis jetzt meistens der Fall ist?
Abgesehen davon ist das eine sehr elitäre Diskussion, weil viele Frauen mit Kindern es sich nicht aussuchen können, zu Hause zu bleiben, und auf Betreuung für die Kinder angewiesen sind. Eine meiner Interviewpartnerinnen meint zum Thema des Mutterideals nur:
„Wir legen da in Österreich und in Deutschland ein gesellschaftliches Gluckentum an den Tag …“ (Thea R.)
Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken zeigt in ihrem Buch „Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos“ den Konflikt der deutschen Frau als Mutter und Berufstätige auf:
„Man fragt sich, wie es dann kommt, dass französische, dänische und italienische Kinder als Erwachsene so schrecklich normal und nicht allesamt als krippengeschädigte Bindungsunfähige herumlaufen.“1
In Frankreich zum Beispiel ist eine Frau immer noch eine Frau, auch wenn sie Kinder hat. Sie hat auch kein Problem damit, mehr Kinder als eine Österreicherin oder eine Deutsche zu haben und diese früh in außerhäusliche Obhut zu geben.2
Das Muttersein ist die große Zerreißprobe für die meisten Frauen im deutschsprachigen Raum, weshalb sie oft ihre berufliche Entwicklung und somit ihre persönliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit zurückstellen.
Wobei sich der Arbeitsbereich der Mutter nicht nur auf eigene Kinder erstreckt, sondern auch pflegebedürftige Angehörige miteinbezieht: Achtzig Prozent der pflegebedürftigen Angehörigen werden von Frauen betreut.3
FRAUEN ENTSPRECHEN NICHT – EGAL, WAS SIE TUN?
Dennoch: Noch nie konnten Frauen so frei und selbstbestimmt leben wie in der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts. Dabei sind sie allerdings Kritik von allen Seiten ausgesetzt: Aus dem konservativen Lager kommt Kritik an Frauen, die sich nicht in die dort offenbar einzig zugelassene Rolle der Mutter zwängen lassen wollen. Die Feministinnen auf der anderen Seite des Spektrums vermuten nicht ganz unbegründet einen Backlash der Gleichberechtigung, den Rückfall der Frauen in die ihnen traditionell zugewiesene Rolle im Haus hinterm Herd, sobald es wieder einmal Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt gibt oder es beim Kampf um die Erreichung von Machtpositionen eng wird.
Die Wahlmöglichkeit zwischen oder die Kombination von verschiedenen Rollen wird Frauen offenbar auch heute immer noch nicht zugestanden. Ist sie „nur“ Mutter, gilt sie als altmodisch. Und muss sich zudem in unserer Leistungsgesellschaft auch noch rechtfertigen, da ja hier alles über bezahlte Arbeit und Geld bemessen wird. Ist sie „nur“ berufstätig, gilt sie als egoistisch. Ist sie Mutter und berufstätig und will sie gar auch noch Karriere machen, fallen alle über sie her: Sie sei eine „Rabenmutter“ für ihre Kinder, sie könne sich nicht hundertprozentig dem Beruf widmen, vernachlässige ihre Partnerschaft … Wobei Väter, wenn es um Kinder und Vereinbarkeit geht, leider immer ausgeblendet werden. Die Familie wird vor allem in konservativen Kreisen und in der konservativen Politik der Frau allein „umgehängt“, da in erster Linie sie für die Kinder zuständig sei.
Im Folgenden möchte ich ein paar Denkanstöße zu einer in unserer Gesellschaft vorgegebenen Rolle anbieten, die als unumstößlich gilt, aber jene, denen diese Rolle zugewiesen wird – zumal, wenn sie sie in Vollzeit ausfüllen, was als Ideal gilt – in eine schwierige Situation bringt: die Frauen.
SOZIALE KONSTRUKTION: MUTTER
Wenn ich hier vom Idealbild Mutter spreche, dann meine ich damit ein Rollenklischee in unserer Gesellschaft, ein soziales Konstrukt, das in der Realität von Familien mit Kindern in dieser Form weder notwendig noch realisierbar ist und in Wahrheit auch nie existiert hat: die Vollzeitmutter.
Und nein, das Muttersein steckt nicht in den Genen der Frau, wie Christine Bauer-Jelinek klarstellt:
„Man sieht ja im Kulturvergleich, dass Frauen – und natürlich auch Männer – in anderen Ländern oder Epochen unterschiedliche Rollen und Aufgaben in der Gesellschaft erfüllen. Das jeweils angemessene Verhalten wird durch Sozialisation erlernt. Wäre alles angeboren, dann müsste dieses ja überall weitgehend gleich sein.“
Es gibt maßgebliche wirtschaftliche Gründe und es gibt gute Gründe aus der Bindungsforschung, warum wir die Erwartungshaltung an Frauen, die Mütter sind, herunterschrauben können – und sollen.
Im Kapitel „Die neuen Männer: Väter in Karenz“ zeige ich, dass diese vom ersten Tag an eine wichtige Rolle für das Kind spielen und spielen wollen, was den Müttern viel Druck nehmen kann (wenn diese das zulassen).
Manchen Männern fiel auf, wie stark das Ideal der Mutter ist und dass sie als Vater nicht wirklich anerkannt sind: Einer der Väter hatte sein Kind in einem katholischen Kindergarten. Er sagte mir: „Das ist sehr müttergeprägt. Da tue ich mir sehr schwer.“
DAS IDEAL DER HUNDERT-PROZENT-MUTTER: NUR IN DEN OBEREN SCHICHTEN UND ERST SEIT KURZEM
Nur im deutschsprachigen Raum haben wir ein Mutterideal, das vorgibt, dass nur die leibliche Mutter in der Lage und es ihre alleinige Aufgabe sei, die Kinder zu versorgen. Bis vor Kurzem war eine Frau in unserer Gesellschaft dann auch voll anerkannt.
Woran liegt es, dass das Ideal der Mutter im deutschsprachigen Raum so stark ist, so dass jede Frau, die Kinder hat oder kriegen will, ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie glaubt, diesem Ideal nicht zu entsprechen? Und dass Frauen, die keine Kinder kriegen können oder wollen, sich in der Gesellschaft nicht anerkannt fühlen?
Um eine Antwort zu und ein umfassenderes Bild von dem Thema zu bekommen, hilft ein Blick in die Geschichte und über die Grenzen des Landes hinaus.
Das Ideal der Vollzeitmutter gibt es erst seit etwa 200 Jahren. Dieses Frauenbild gab es nur in den oberen bürgerlichen Schichten. Die Mütter der unteren gesellschaftlichen Schichten, zum Beispiel Mägde, Hausangestellte, Köchinnen, mussten immer schon arbeiten. Die Frau eines Handwerkers hat immer (mit-)gearbeitet, auch wenn es viele Mägde und Knechte im Haus gab. Die Bäuerin musste ohnehin arbeiten, immer schon, am Feld, im Stall und ihren Haushalt hatte sie sowieso.
Statistische Zahlen vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigen, dass über vierzig Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung Frauen waren, vor allem in ungelernten (Hilfs-)Berufen und am Land. Das Familieneinkommen durch den Mann war meistens klein: Praktisch keine Frau konnte es sich leisten, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Und auch damals hat es alleinerziehende Mütter gegeben, denen ohnehin nichts anderes übriggeblieben ist, als einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Diese Kinder sind oft in der erweiterten Familie oder im Haushalt derer aufgewachsen, bei denen die Mutter als Magd, Köchin usw. gearbeitet hat. Kinderbetreuung? Außer in den Adelshäusern und später in vermögenden Industriellenfamilien gab es die schlicht nicht. Vor dem 19. Jahrhundert wuchsen Kinder oft auf sich allein gestellt auf. Für altersgerechte Betreuung musste sich erst das Fach der Pädagogik entwickeln. Und ab sieben Jahren mussten Kinder arbeiten. Nein, damals war es nicht besser als heute.
Dennoch wurde in Deutschland das Ideal der Mutter kultiviert, die das Familienleben hütet, als Gegenwelt zur brutalen, herzlosen (Berufs-)Welt der Männer, so die These Barbara Vinkens.
FRAUEN ALS ARBEITENDE ODER MUTTER, JE NACH KONJUNKTUR
Frauen wurden, je nach Konjunkturlage und gerade herrschender Weltanschauung, auf dem Arbeitsmarkt gebraucht, geholt oder wieder nach Hause geschickt. Dementsprechend wurde das Rollenbild der Mutter propagiert oder eben auch nicht. Ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte: Obwohl im Nationalsozialismus ein Kult um das Mutterideal herrschte, gab es sehr wohl Betreuungsstätten für Kinder – als die Frauen für die Kriegsindustrie gebraucht wurden. In den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten und die Wirtschaft anlief, wurde die Wichtigkeit und der Wert der Mutter bei den Kindern betont. Die Frauen wurden dann wörtlich als die „industrielle Reservearmee für den Arbeitsmarkt“ bezeichnet. Frauen, die arbeiteten, wurden eher bemitleidet, sie entsprachen nicht dem bürgerlichen Ideal der Mutter, die sich ausschließlich um die Kinder und den Haushalt kümmert. Dieses Frauenbild hat aber ohnehin nur für die bürgerlichen Schichten gegolten.
DAS ERBE DES AUSTROFASCHISMUS UND DES NATIONALSOZIALISMUS: DIE IDEALISIERUNG DER SICH AUFOPFERNDEN MUTTER
Der Austrofaschismus in Österreich und der Nationalsozialismus in Deutschland und in Österreich haben in Hinblick auf das Bild der Mutter ein schweres Erbe hinterlassen, das immer noch tief im kollektiven Unbewussten verankert ist. Die Vorstellung von Weiblichkeit war in beiden Ideologien sehr ähnlich. Die Rollen waren ganz klar verteilt: Hier das Ideal des Mannes, der arbeitet, der Frau übergeordnet und ihr Versorger und Beschützer ist. Dort das Ideal der Frau, die sich nur im privaten Bereich aufhält, dem Mann dient, vor allem aber auf die Rolle der Mutter reduziert ist. Im Austrofaschismus war die Rolle der Frau religiös begründet, christliche Werte standen im Vordergrund, das Ideal war die Mutter Maria. Der „gottgewollte“ Geschlechterunterschied wurde unter anderem damit untermauert, dass Frauen keine höhere Bildung mehr erhalten sollten und verheirateten Frauen ein Berufsverbot auferlegt wurde (das mit vielen Ausnahmen letztlich „nur“ Lehrerinnen und Beamtinnen traf). So wurden in Österreich schon ab 1934 Errungenschaften der Zwischenkriegszeit zur Modernisierung der Gesellschaft wieder rückgängig gemacht.
Das war die ideale Vorbereitung für den Nationalsozialismus, in dem die Frau nur mehr auf ihre biologische Funktion als Gebärerin reduziert war, die viele Kinder auf die Welt bringt – die letztendlich als „Kanonenfutter“ dienen sollten – sprich: sie wurden als Soldaten im Krieg gebraucht. Das „Mutterkreuz“, mit einem großen Hakenkreuz in der Mitte, galt als hohe Ehre ähnlich den Auszeichnungen für die Soldaten. Es wurde vom „Führer“ verliehen, und zwar am Muttertag, den zuvor schon die Austrofaschisten wieder eingeführt hatten, nachdem er in Österreich wie in Deutschland schon in Vergessenheit geraten war.4
Das Mutterkreuz versinnbildlichte die Idealisierung der Mutter und war eine Auszeichnung für jene, die mehr als vier Kinder hatten und auch sonst allen (Wahn-)Vorstellungen der Nationalsozialisten entsprachen: Sie mussten „arisch“ sein, eine tadellose Lebensführung vorweisen, die Kinder mussten gute Noten haben etc. Um dieses Mutterkreuz war ein regelrechter Kult entstanden, der auch nach 1945 nicht völlig verschwand: Es gibt Berichte, wonach auch Jahre nach dem Krieg in Familien das Mutterkreuz auf einer Art Altar im Keller drapiert war …
Auch wenn wir mit dem Austrofaschismus und mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben wollen: diese unbewussten Prägungen sind noch immer präsent und besonders hartnäckig. Zumal das Bild der Frau als Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg wiederauflebte, denn nun wurden die Frauen in der Wirtschaft nicht mehr gebraucht, weil die Männer aus dem Krieg zurückkamen.
Unsere Großmütter und Mütter sind in dieser Zeit aufgewachsen und von dieser Zeit des Mutterkults geprägt, ob sie wollten oder nicht. Sie sind Role Models, Rollenvorbilder für Generationen von Frauen, an die sie diese Rollenbilder und Verhaltensmuster unbewusst weitergegeben haben und die diese Tradition wiederum unbewusst fortsetzen. Das lässt sich wissenschaftlich erklären: Eine relativ junge Disziplin der Biologie, die Epigenetik, untersucht die Metaebene der DNA, unseres Erbmaterials. In diesem Bereich ahnt die Forschung erst, wie Genmechanismen wirken, durch die Krankheiten und soziales Verhalten über Generationen weitergegeben werden.
VERGLEICH MIT ANDEREN LÄNDERN
Die Geschichte Österreichs und Deutschlands zeigt, wie stark und wie nachhaltig Kulturen über Generationen hinweg bis hinein in die Lebensmodelle der Menschen durch Ideologien, politische Umwälzungen und Kriege geprägt sind. Mutterideale gibt es aber auch in anderen Ländern. In Italien zum Beispiel „la mamma“.
Die skandinavischen Länder wiederum, vor allem Schweden, werden gerne genannt, wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben und bei der Kindererziehung geht. Hier wurde bereits in den Sechzigerjahren die Väterkarenz eingeführt. Das ist erstaunlich früh und modern, weil es zu mehr Gleichberechtigung von Männern und Frauen führte. Der Grund für die Entwicklung liegt sicher darin, dass es hier keine ideologische Gehirnwäsche wie im deutschsprachigen Raum des Austrofaschismus und Nationalsozialismus gab, wo die Rollenbilder von Männern und Frauen so deutlich vorgegeben waren.
Dennoch: In keinem der Länder ging die Entwicklung hin zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern von allein, es gab meistens Impulse durch die Politik, die Veränderungen herbeiführten.
LASST UNS DAS ROLLENSPIEL UM DIE MUTTER BEENDEN!
Einer meiner Interviewpartner, ein aktiver Vater, der in Väterkarenz ging, beobachtete an sich selbst, dass Mütter, die ihr Kind ab einem Jahr in eine Kinderbetreuung geben, anders bewertet werden:
„Als Mann tut es mir weniger weh, aber für die Frauen gibt es da sehr wohl ein Stigma. Wenn man die Kinder mit einem Jahr betreuen lässt, hat das einen üblen Beigeschmack. Das kriege ich mit von anderen Frauen und lustigerweise von anderen Männern, die dann sagen, da nimmt man dem Kind was.“ (Sebastian C.)
Einer der Väter in Wien wunderte sich, dass die Kinderbetreuung nicht von mehr Familien genutzt wird:
„Wenn ich unseren Sohn abhole, sind von 250 noch 25 Kinder da. Und da stelle ich mir die Frage: Da gibt es das Angebot, die Kinder zu betreuen, aber trotzdem machen das die Leute nicht. Ich vermute, in den meisten Fällen arbeiten die Frauen in Teilzeit. Die haben wohl ein schlechtes Gewissen.“ (Kurt F.)
Die Rollen dürfen Frauen und Männer nun endlich neu miteinander verhandeln, aber so, dass es für alle Beteiligten mehr Vorteile als Nachteile bringt, persönlich wie wirtschaftlich.
Um den Gegenbeweis zu erbringen, dass es auch ohne vorgegebene Rollen geht, eine Familie mit Kindern zu haben, interviewte ich queere Paare. Die typische Aufteilung der Rollen, was der „Mann“ macht und was die „Frau“ macht, ist hier aufgelöst. Diese Menschen können sich die Rolle aussuchen und sie genießen das in der Familie. Ein homosexueller Mann, der mit Mann und Kind in Wien lebt, sagte mir:
„Ich sehe Vorteile. Das ist ein riesen Vorteil: Man kann beides sein in einer Beziehung, Frau und Mann. Das ist ja keine Diskriminierung.“ (Kurt F.)
Eine Frau, die mit ihrer Frau und zwei Kindern zusammenlebt:
„Es gibt eine Rollenteilung, je nachdem, was wir gerne machen. Gesellschaftlich vorgegebene Rollen fallen weg, zum Glück. Können tut jede alles oder eben nicht.“ (Astrid W.)
Aufschlussreich dagegen ist die Meinung dieser Frau, was die Beziehung nach außen betrifft: Sie sagt, sie fühle sich doppelt benachteiligt: als Mutter, was die Erwartungshaltungen an sie beträfe, und als Frau im beruflichen Umfeld.
WAS KINDER WIRKLICH BRAUCHEN
Kinder zu bekommen ist ein Segen. Kinder sind der Ausdruck von Liebe und eine Notwendigkeit für das menschliche Dasein. Sie sind, wie ein österreichischer Spitzenpolitiker es ausdrückte, die „unverhandelbare Gegenwelt“ im durchgetakteten, scheinbar immer schneller werdenden, teil-digitalisierten Leben der Menschen, die für sie sorgen. Der Kinderwunsch bleibt vielen Frauen, Männern und Familien versagt, aus unterschiedlichen Gründen.
Kinder brauchen unendlich viel, vor allem bedingungslose Liebe und Geborgenheit und sichere Bindung an mindestens einen Menschen, um einmal stabile, resilienzfähige und glückliche Erwachsene zu werden. Wenn Kinder da sind, sollten sie im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen, das ist auch eine große Verantwortung für deren Eltern, nicht nur für die Mutter.
Dass die Kinder in der Geborgenheit und Sicherheit einer Familie aufwachsen sollen, um ihre körperliche und seelische Gesundheit zu gewährleisten, ist klar und bleibt hier unhinterfragt. Viele Studien belegen diese Feststellung. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Wir dürfen aber darüber diskutieren, ob dafür nur die Mütter verantwortlich sein müssen. Es geht hier um nichts weniger als die Dekonstruktion eines Rollenbildes, jenes der Mutter. Wenn wir ihre Rolle nicht hinterfragen, hat ein sehr großer Teil unserer Gesellschaft nach wie vor persönliche Nachteile zu erwarten: die Frauen.
Laut Laura Wiesböck ist Österreich „Spitzenreiter bei kollektiver Ablehnung und Skeptizismus bei Erwerbstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern“.5
WIRTSCHAFTLICHE ASPEKTE ZUM MUTTERSEIN: MÜTTER UND BERUFSTÄTIGKEIT
Zunächst einmal eine Klarstellung: Frauen sind im Grunde immer tätig, weil sie auf der ganzen Welt immer noch den größten Teil der unverzichtbaren und wertvollen unbezahlten Haus- und Familienarbeit verrichten (siehe Tabelle im Kapitel „Der Wille zur Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“). Die Realität ist außerdem, dass die meisten Mütter in Österreich und in Deutschland einer Erwerbstätigkeit nachgehen (siehe Kapitel „Frauen und Geld“). Frauen wollen arbeiten, Frauen müssen arbeiten, Frauen haben immer schon gearbeitet, auch mit Kindern. Sehr viele Frauen in Deutschland und in Österreich arbeiten in Teilzeit. Kann es sein, dass sie dadurch versuchen, nicht am Ideal der Mutter zu kratzen, das in unserer Gesellschaft noch immer stark vorhanden und verankert ist?
Wenn Menschen, die Kinder haben, wirtschaftlich unabhängig sein wollen, dann sollten sie das auch mit den anderen Bereichen in ihrem Leben vereinbaren können. Die meisten von uns können und wollen es sich schlicht nicht leisten, das nicht zu tun. Natürlich, ohne sich dabei völlig zu verausgaben. Dass das für einige Jahre nicht leicht ist, ist klar.
Wie empfinden das die Frauen, die Kinder haben und berufstätig sind, selbst? Eine Vorständin hat mir bei mehreren Fragen zu ihren Rollen als Frau, Mutter und Führungspersönlichkeit immer die gleiche Lösung angeboten: Sie hat Kommentare und Bewertungen aus ihrem Umfeld einfach ignoriert.
„Der Druck ist schon groß. Aber ich habe mich da nie einwickeln lassen. Ich war taub auf dem Ohr. Ich habe mich damit gar nicht befasst. Ich habe gesagt: Das ist mein Weg! Jede Mutter, die nur im Mutterschutz zu Hause ist, wie ich das gemacht habe, natürlich wird da im Umfeld gesprochen. Aber es wird genauso gesprochen, wenn eine Frau sieben Jahre zu Hause ist. Ich bin immun gegen dieses Thema. Auch heute noch. Mein Familienmodell entspricht dem, was für meine Familie, meinen Mann und meine Kinder das Richtige war.“ (Teresa I.)
Dazu braucht es manchmal sicher eine dicke Haut. Aber ich glaube, da, wo wir im Moment stehen, an dem Punkt, wo die sozial konstruierten Rollenbilder von Frauen und Männern zunehmend hinterfragt werden, besteht jetzt die einzige und beste Möglichkeit, den Zweifeln und den Unsicherheiten zu begegnen, indem ihnen kein Raum gegeben wird, so wie es die Vorständin gemacht hat.
Zuletzt ist die wichtigste Frage folgende: Fühlen sich alle Beteiligten, die Eltern und die Kinder, wohl in ihrem Leben? Dazu sagte mir die Vorständin.
„Zum Glück sind wir in einem Land, wo das jeder selbst entscheiden kann. Mir ist nur wichtig, dass junge Männer und junge Frauen das Ohr verschließen, wenn ihnen irgendjemand einredet, das sei nicht opportun.“ (Teresa I.)
WIE VIEL MUTTER UND WIE VIEL VATER BRAUCHEN UNSERE KINDER?
Weil ich meine, dass hier eine entscheidende Frage auf sachlicher Ebene geklärt werden muss, die Mütter und Väter verunsichern oder beruhigen kann, habe ich die international bekannte Bindungsforscherin Prof. DDr.in Lieselotte Ahnert zurate gezogen mit ihrem Buch, das genau darauf hinweist, was wir hier wissen wollen: „Wieviel Mutter braucht ein Kind?“6 Ahnert forscht seit den Achtzigerjahren zu Kleinkindern in familiärer und außerfamiliärer Betreuung auf der ganzen Welt, von Naturvölkern bis hin zu den modernen Betreuungseinrichtungen.
Nach Ahnert ist der wichtigste Aspekt, der Dreh- und Angelpunkt für das Wohl des Kindes „die sichere Bindung“ zur Mutter. Wobei sie die Bindung ausschließlich zur Mutter insofern relativiert, als sie schreibt:
„Mit Ausnahme des Stillens gibt es kaum Hinweise, dass Frauen darauf vorbereitet sind, der befähigtere Elternteil zu werden.“7
Das heißt aus Sicht der Forschung, die Väter können von Beginn an mindestens genauso gut die Kinder betreuen und eine Bindung zu ihnen aufbauen wie die Mütter. Und das können auch andere Personen inner- oder außerhalb der Familie, solange die sichere Bindung gewährleistet ist. Denn das ist nach Meinung der Forschung das wichtigste Kriterium für ein gesundes Aufwachsen der Kinder. Eine erfahrene Kinderpädagogin bestätigte mir diese wissenschaftliche Ansicht: Ihrer Meinung nach können Männer sehr schnell die Rolle des Vaters einnehmen und das Kind würde das auch schnell annehmen, wenn er sich intensiv um das Kind kümmere.
WENN DIE MUTTER GUT GENUG IST, IST SIE GUT
Zur außerfamiliären Betreuung, ihrem Forschungsschwerpunkt, bietet Ahnert eine sehr differenzierte Ansicht: Sie zitiert einen Kollegen mit dem Begriff der „hinreichend guten Mutter“. Ich würde das so formulieren: der Mutter, die gut genug ist für das Kind. Nachdem die Menschen über die längste Zeit ihrer Entwicklung als Jäger*innen und Sammler*innen lebten, zeigen die Naturvölker, wie unsere Spezies erfolgreich wurde. Und da haben nicht ausschließlich die Mütter ihre Kinder betreut, sondern oft buchstäblich das ganze Dorf.
WIE SEHEN DAS DIE KINDER?
Es ist interessant, sich die Rolle der Mutter einmal aus dem Blickwinkel der Kinder anzusehen und sich zu fragen, was besser ist: ein Mensch, der immer für die Kinder da ist und sich für sie aufopfert; oder ein Mensch, der auch sein eigenes Leben lebt, seine eigenen Erfahrungswelten hat, seine Arbeit und sein eigenes Geld. Und den Kindern somit eine Rolle vorlebt, die neben Liebe und Fürsorglichkeit auch Unabhängigkeit, Gestaltungsmöglichkeiten und Zufriedenheit außerhalb der Familie bietet.
Eine Interviewpartnerin, die schon neben ihren kleinen Kindern studiert hatte und sich dann ins obere Management eines internationalen Konzerns hinaufarbeitete, erzählte mir von der Rede ihrer Tochter auf der Maturafeier:
„Gestern hat sie maturiert und in ihrer Rede hat sie gesagt, sie ist so dankbar, dass sie in ihrem Leben viele, viele Bezugspersonen gehabt hat und dass sie Eltern gehabt hat, die vielleicht nicht immer quantitativ da waren, aber auf jeden Fall qualitativ. Und ihr größter Wunsch ist, dass sie einmal so wird wie ihre Mama! Und da habe ich mir gedacht, so falsch kann es nicht gewesen sein.“ (Thea R.)




