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Heute bekam ich gegen 11 Uhr den Besuch des bekannten Acampora, der mich in ein Gespräch über die Situation in Südtirol verwickelt hat. Unter den verschiedenen Fragen, die er aus einem vorgefertigten Fragenkatalog ausgewählt und mir gestellt hat, fragte er auch nach der zahlenmäßigen Konsistenz der Partisanengruppen in dieser Zone und wenn möglich auch nach deren Nachschubquellen für Waffen, Munition, Lebensmittel und anderem … Ich habe mich darauf beschränkt zu sagen, dass wir bis jetzt keine Kenntnis von Partisanengruppen in dieser Gegend haben.33
Ulderico Caputo antwortet eine Woche später und gibt klare Anweisungen:
Was die Besuche vonseiten der Vertreter von bekannten ausländischen Nachrichtendiensten betrifft, die du erhältst, ist es unnötig, dass ich dir wiederhole, dass man sie nicht einfach gewähren lassen soll. Du kannst nach deiner Überzeugung alle jene Informationen weitergeben, die du geben willst: Für den Rest ersuche sie, dass sie sich an das Zentralbüro wenden, mit dem ihre jeweiligen Chefs ja eh schon im Kontakt sind.34
Aus diesem Briefwechsel geht klar hervor, dass US-Nachrichtendienste schon sehr früh detailliert über die Bildung einer illegalen Widerstandbewegung in Südtirol informiert sind. Gleichzeitig wird auch klar, dass die UAR-Leitung durchaus gewillt ist, ihre Informationen an die Amerikaner weiterzugeben. Noch deutlicher wird das ein Jahr später. Mitte Februar 1961 taucht bei Giuseppe Testa in der Quästur Bozen ein Mann mit der Visitenkarte von Ulderico Caputo auf. Es ist Bruno A. Francazi, ein Agent des „Counter Intelligence Corps“ (CIC), also des amerikanischen Militärgeheimdienstes. Francazi hatte bereits im Zweiten Weltkrieg Geheimdienstoperationen in Italien gegen die Deutschen geleitet.35 Im Nachkriegsitalien bleibt der Major als „Special Agent“ des CIC in Italien. Bis Ende der 1960er-Jahre ist er in der SETAF-Kaserne „Passalacqua“ in Verona stationiert. Bruno Francazi informiert sich im Februar 1961 über die Situation in Südtirol. Der CIC-Agent gibt dem Bozner Quästor seine Büronummer wie auch seine private Telefonnummer. Außerdem übergibt er Testa die Personalien seines Verbindungsoffiziers Virgilio Volpe in Verona. Dieser werde sich in Bozen melden. „Dem Herrn Francazi habe ich meine Mitarbeit zugesichert“, meldet Testa alias „Schatten“ schriftlich seinem Vorgesetzten Caputo nach Rom.36 Wie eng diese Zusammenarbeit zwischen diesen hohen italienischen Polizeifunktionären und den amerikanischen Nachrichtendiensten in Sachen Südtirol ist, wird aus einem Brief deutlich, den Ulderico Caputo Ende Juni 1960 an Giuseppe Testa schreibt. Darin heißt es:
Ich habe Grund zur Annahme, dass sich die Südtiroler Situation im Herbst zuspitzen wird. Was plötzliche und unerwartete Wendungen betrifft, kann ich dir nur sagen, dass das Ganze in Absprache mit den Freunden in Verona und in Frankfurt am Main verfolgt wird, mit denen ich heute einen langen Gedankenaustausch hatte. Dabei hat man mir Ermittlungen im pangermanistischen Umfeld versprochen.37
Freunde aus Verona und Frankfurt? Es sind die „Southern European Task Force“ (SETAF) mit Hauptsitz in Vicenza und Verona, gegründet im Oktober 1955 von der US-Army, und in Frankfurt das Hauptquartier des „United States European Command“ (USEUCOM), 1952 gegründet und später nach Frankreich verlegt. In beiden Städten sind Dienststellen des CIC untergebracht.
Bespitzelung der Volkspartei
Ulderico Caputo war jahrelang an der Bozner Quästur tätig, er kennt die Situation in Südtirol damit bestens und aus eigener Hand. Der Leiter des UAR unterschätzt deshalb die Sprengkraft der politischen Entwicklung Anfang der 1960er-Jahre keineswegs. Sowohl in Rom als auch in der Quästur Bozen weiß man, dass sich im Untergrund etwas zusammenbraut. Ende September 1960 schreibt Caputo an den Bozner Quästor Giuseppe Testa in seiner Funktion als Agent „Schatten“:
Ich bin keineswegs pessimistisch, was die zukünftige Situation der öffentlichen Sicherheit in Südtirol betrifft, wie es aber bei uns üblich ist, müssen wir gut vorbereitet sein.38
Zu dieser Vorbereitung gehört auch, dass der Bozner Quästor im Frühsommer 1960 in Zusammenarbeit mit dem Kommandanten des Militärdistrikts Listen möglicher gefährlicher Personen erstellen lässt und sie nach Rom übermittelt. So lässt Testa die ehemaligen Südtiroler SS-Angehörigen genau katalogisieren und auflisten, weiters die Mitglieder der berüchtigten Division „Edelweiß“ der Gebirgsjägertruppe, die für die Massenerschießungen auf der griechischen Insel Kefalonia verantwortlich waren, die Mitglieder der Waffen-SS und die Pioniere der Wehrmacht. Dass diese Erfassung in Rom auf großes Interesse stößt, zeigt ein Schreiben Caputos an Testa:
Ich leite dir einen Brief weiter, mit dem der Chef der Staatspolizei dir und seinen Mitarbeitern die höchste Anerkennung dieses Ministeriums in Bezug auf die genannten Listen ausdrücken will. Ich kann dir nur versichern, dass man hier sehr zufrieden ist mit dem Rhythmus, den du der Quästur auferlegt hast, und dass deine Aktien dauernd steigen.39
Gleichzeitig tut der Leiter des UAR alles, um die Quästur Bozen auf die neue Herausforderung der sich zuspitzenden politischen Situation vorzubereiten:
Gestern Abend hat der Chef, in meiner Anwesenheit und auf mein Ersuchen hin, der Division FAP [der Personalabteilung der Staatspolizei – Anm. d. Autors] die Anweisung gegeben, die Möglichkeit einer Erhöhung der Belegschaft deiner Polizeitruppe zu prüfen. Ich hoffe auch, dass ich die Sache eines außerordentlichen Fonds, der dir monatlich für die Intensivierung der Spitzeltätigkeit zu Verfügung gestellt wird, positiv zu Ende bringen kann. Wie du siehst, verfolge ich – soweit es mir möglich ist – die Entwicklungen in deiner Provinz und es ist keineswegs meine Schuld, wenn es bürokratische Verzögerungen gibt.40
Giuseppe Testa bedankt sich wenige Tage später bei Caputo für dessen „Einsatz“, gleichzeitig berichtet der Bozner Quästor, dass der verdeckte Polizeibeamte und Leiter der „Squadra 26“ Ciro Patelli bei ihm war und einen Bericht über einen Mann aus Olang abgegeben habe, der im Verdacht steht, am Sprengstoff- und Waffenschmuggel des BAS beteiligt zu sein.41 „Ich habe einen Spitzel über die Grenze geschickt und hoffe, etwas über die Absichten der amtsbekannten Übeltäter zu erfahren“, vermeldet Ulderico Caputo Ende September 1960.42 In den Monaten danach schickt der UAR-Leiter immer wieder Berichte dieses Informanten nach Bozen und ersucht um die Einschätzung Giuseppe Testas. Gleichzeitig legt Caputo dem Bozner Quästor immer energischer die Notwendigkeit nahe, endlich „jemand aus der Basis als Informanten anzuwerben“. Gemeint ist damit jemand aus der Südtiroler Volkspartei (SVP). Am 25. September 1960 vermeldet Giuseppe Testa:
Erhebungen in diesem Sinne sind schon seit Längerem im Gange, trotz höchster Bemühungen war es bis jetzt aber leider nicht möglich, etwas in dieser Sache zu erreichen. […] Auf jeden Fall wird die Aktivität der amtsbekannten Partei aber genauestens verfolgt.43
Am 10. Oktober 1960 kommt es zu einem Wechsel an der Spitze der italienischen Polizei. Polizeichef Giovanni Carcaterra wird durch Angelo Vicari ersetzt. Ulderico Caputo schreibt neun Tage später nach Bozen:
Der neue Polizeichef erkennt die außergewöhnliche Wichtigkeit unseres Dienstes an und im Rahmen unserer Möglichkeiten möchte ich eine gute Figur machen. Ich hatte bereits die Möglichkeit, mich mit ihm zu unterhalten und ihm dabei auch deine Arbeit zu beschreiben. […] Ich nutze diese Gelegenheit, um dich daran zu erinnern, dass du aufmerksam die Möglichkeit prüfen sollst, jemanden aus der Basis anzuwerben, damit wir endlich aus dem vagen Wissen herauskommen und immer wieder einmal eine interessante Nachricht aus dem operativen Bereich der SVP und ihrer Verbündeten in Österreich erhalten können.44
Zwei Tage später antwortet „Schatten“ aus Bozen:
In Bezug auf dein Schreiben vom 19. dieses Monats kann ich dir mitteilen, dass was die Möglichkeiten einer Anwerbung eines „Elementes aus der Basis“ betrifft, wir seit Längerem an zwei Personen arbeiten, „die für diese Zwecke geeignet wären“.
Wir befinden uns aber immer noch in der Phase der diplomatischen Annäherung, auch weil es sich um Personen handelt, die wegen ihrer Stellung in der Partei sehr weit in die „geheimen Dinge“ eingeweiht sind. Natürlich weiß keiner der beiden vom Annäherungsmanöver gegenüber dem anderen. Obwohl sie bisher gewisse Annäherungen noch nicht abgelehnt haben, sind die beiden noch sehr misstrauisch und zögerlich, was eine aktive, tatsächliche und dauernde Zusammenarbeit betrifft. Wie du natürlich leicht begreifen kannst, ist das Ganze eine Geduldsarbeit mit dem Ziel, das volle Vertrauen der beiden in Frage kommenden Subjekte zu erhalten. Eine Arbeit, die einige Schwierigkeiten mit sich bringt, die es zu überwinden gilt, und die mit einer daraus resultierenden Langsamkeit bei der vorsichtigen Abklärung behaftet ist.

Bezahlter Standpunkt
Das UZC finanziert eine Südtiroler Zeitung und mehrere Redakteure arbeiten auch für den SIFAR.
Am 29. August 1947 erscheint erstmals eine neue Zeitung in Südtirol. „Der Standpunkt“ ist eine Wochenzeitschrift, die sich zehn Jahre lang halten wird, bekannte Journalisten, Literaten und Denker vereint und eine Verbreitung im gesamten deutschsprachigen Sprachraum anstrebt. Gegründet wird die Zeitung von Hans Fuchs, Erbe der Besitzerfamilie der Bierbrauerei Forst bei Meran. Der Südtiroler Historiker Philipp Trafojer hat bereits vor über 20 Jahren die Geschichte dieses Medienprojekts detailliert nachgezeichnet.45 Seine Untersuchung trägt den Titel „Der Standpunkt. Politisch-historische Analyse über Funktion, Form und Wirkungsweise eines Propagandamediums“. Denn die Wochenzeitschrift wird in Wirklichkeit vom „Ufficio per le Zone di Confine“ (UZC) finanziert und gefördert. Es ist vor allem Silvio Innocenti, der dieses Projekt vorantreibt. Der ehemalige Präfekt von Taranto wird am 9. Jänner 1946 als neuer Präfekt nach Bozen geschickt. Innocenti erkennt von Anfang an die Bedeutung propagandistischer Maßnahmen in der Auseinandersetzung um Südtirol. Er beginnt bereits in seiner Rolle als Präfekt, durch die Gründung italienfreundlicher Parteien, Organisationen und Medien einen Gegenpol zur SVP und zum Athesia-Verlag zu schaffen. Als erster Leiter des UZC verstärkt er diese Anstrengungen noch deutlich. „Der Standpunkt“ wird in der Druckerei SETA gedruckt, der auch die Bozner Tageszeitung „Alto Adige“ gehört. Über diese Schiene läuft dann auch ein Teil der direkten Geldzuwendungen an die Zeitschrift.
Einer der Köpfe des „Standpunkt“ ist von Beginn an Alfred Boensch. Boensch war vom Deutsch-Akademischen Austauschdienst noch vor dem Krieg als Lektor für deutsche Sprache nach Italien geschickt worden. 1940 ist er als Professor für Deutsch an der Universität Cagliari tätig. Während des Krieges dient er in der deutschen Mittelmeermarine als Übersetzer. Bei Kriegsende befindet er sich am Levico-See im Trentino – dem letzten Hauptquartier der deutschen Marine. Boensch versteckt sich in der darauffolgenden Zeit am Trentiner Landgut Fontanasanta der Neumarkter Familie von Lutterotti.46
Alfred Boensch steigt in der Hierarchie der „Standpunkt“-Redaktion schnell auf. Als verantwortlicher Redakteur ist er am Ende der Chefpropagandist des Blattes. Als die Wochenzeitung 1957 eingestellt wird, übernimmt die Tageszeitung „Dolomiten“ den deutschen Journalisten. Alfred Boensch schreibt Dutzende Bücher über Südtirol, Festschriften für den Alpenverein Bozen und Meran und ist als Übersetzer tätig. Der Mann wird als Journalist bis zu seinem Tod in Südtirol überaus geschätzt.

Meraner Wochenzeitung „Der Standpunkt“: Alfredo Bitti und „Krasnoff “ als Informanten.
Maria von Lutterotti erzählt dem Historiker Philipp Trafojer, dass Boensch sich schon in Fontanasanta immer sehr bedeckt hielt. So trat er ausschließlich unter dem Namen Bitti auf. Auf diesen Namen war auch ein Personalausweis ausgestellt. Auch seine Artikel im „Standpunkt“ zeichnet Alfred Boensch anfänglich als Alfred Bitti. Allgemein ging man davon aus, dass seine nationalsozialistische Vergangenheit der Grund für diese Tarnung sei.47 Dass man damit durchaus richtig liegt, zeigt sich in den Akten des italienischen Nachrichtendienstes SIFAR. Dort heißt es:
Weil er Angst vor einer Inhaftierung durch die Alliierten hat und deshalb nicht mehr nach Deutschland zurückkehren will, nahm er die falschen Personaldaten von Alfredo Bitti an.48
Diesen Aliasnamen entlehnt Alfred Boensch von seiner Frau Maria Domenica Bitti, die er 1947 heiratet. Als Alfredo Bitti arbeitet der deutsche Journalist ab 1948 auch als Zuträger für das SIFAR-Büro Verona. „Eine sehr gebildete Person, die auf sehr breite Bekanntschaften in Rom und in anderen Orten Italiens zählen kann“, beschreibt der SIFAR seinen Zuträger. Boensch ist nicht der einzige SIFAR-Informant in den Reihen der „Standpunkt“-Redaktion. Jahrelang schreibt auch ein Autor unter dem Pseudonym „Krasnoff“ für die Meraner Wochenzeitung. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Walter W. Krause, ein deutscher Journalist, der 1948 in Triest als Übersetzer für die US-Army arbeitet. 1953 geht er dann in den Fernen Osten, zuerst nach Teheran und dann nach Afghanistan und Pakistan. Walter W. Krause, der auch für die deutschen Magazine „Der Spiegel“ und „Stern“ arbeitet, schreibt mehrere Bücher über Afghanistan und den Iran. Und auch Krause arbeitet als Informant und Zuträger für das SIFAR-Büro Verona.49
Ich kann dir aber versichern, dass nichts unversucht gelassen wird, um wenigstens eine der genannten Personen anzuwerben.50
Dabei ist das UAR beileibe nicht die einzige Behörde, die die SVP in diesen Jahren überwacht.
SVP-Sitz auf Landeskosten
Das „Ufficio per le Zone di Confine“ (UZC) wird 1946 von Regierungschef Alcide Degasperi gegründet. Das direkt beim Ministerrat angesiedelte Büro für Grenzzonen kümmert sich vorwiegend um zwei Gebiete: die Regionen Julisch Venetien und Trentino-Südtirol. Erster Leiter des UZC wird Silvio Innocenti, der 1946 Präfekt in Bozen war und somit die Südtiroler Situation bestens kennt. Das UZC ist nicht nur das technische Amt, das maßgeblich an der Ausarbeitung des Ersten Autonomiestatutes für die Region Trentino-Südtirol beteiligt ist, sondern das UZC – später in „Ufficio Regioni“ umbenannt – entwickelt sich bis zu seiner Auflösung im Jahr 1967 zu einer Art Schaltzentrale einer verdeckten Politik in den Regionen mit ethnischen Minderheiten. Vor allem in den 1950er-Jahren pumpt die Regierung über das UZC sehr viel Geld nach Istrien und Südtirol. Verdeckt werden Vereine, Institutionen und Programme gefördert, um die „Italianità“ dieser Gebiete zu stärken. In Südtirol werden nicht nur Dutzende italienische Pfarreien finanziert, es fließen auch Gelder für die Restaurierung des Siegesdenkmals (1948) oder in die Presseförderung – etwa an die italienische Tageszeitung „Alto Adige“ oder die deutschsprachige Wochenzeitung „Der Standpunkt“.51
Ein Blick in das UZC-Archiv, das erst in den vergangenen Jahren durch die Südtiroler Historiker Andrea Di Michele und Giorgio Mezzalira vorbildlich erschlossen wurde, erlaubt auch Rückschlüsse auf den wirklichen Kenntnisstand der italienischen Sicherheitsbehörden in diesen Jahren. Denn im UZC laufen in diesen Jahren alle vertraulichen und geheimen Informationen zu und um Südtirol zusammen.
Wie gut man dabei über Interna aus der Südtiroler Volkspartei informiert ist, wird am Bericht mit dem Titel „Besondere Situation in Südtirol – Kommentar der SVP zur Ernennung des neuen US-Botschafters in Italien“ vom 8. Dezember 1956 klar.52 Zum Jahreswechsel 1956/57 wird nämlich bereits bekannt, dass der US-Botschafter in Rom ausgetauscht wird. Auf die Botschafterin Claire Boothe Luce folgt James David Zellerbach. Obwohl Zellerbach seinen Posten als US-Botschafter in Rom erst Anfang Februar 1957 antritt, ist seine Ernennung bereits Thema auf einer Parteileitungssitzung der SVP. Im Bericht vom Dezember 1956 heißt es dazu:
Eine sehr glaubwürdige Quelle teilt mit, dass im Laufe einer kürzlich in Bozen abgehaltenen Sitzung, die der Parteiführung vorbehalten war, die SVP-Vertreter neben lokalen Fragen auch die Auswirkungen erörtert haben, die die Ernennung des neuen Botschafters der USA auf die Südtirolfrage haben könnte.
Man hat dabei mit Wohlwollen kommentiert, dass die Wahl des neuen Botschafters auf Zellerbach gefallen ist, weil:
•er ist deutscher Abstammung, deshalb geht man davon aus, dass er gefühlsmäßig den Problemen der deutschen Volksgruppe in Südtirol positiv gegenübersteht;
•er im Mai 1949 als Mitglied der E. C. A.-Mission [Economic Cooperation Administration, ein Teil des sogenannten Marshall-Planes – Anm. d. Autors] Südtirol besucht hat und dabei persönlich einige der aktuellen SVP-Vertreter kennengelernt hat.
Zusatz: Man sagt, dass damals der Regionalratsabgeordnete Dr. Alfons Benedikter über gemeinsame amerikanische Freunde deutscher Herkunft freundschaftliche Kontakte mit Herrn Zellerbach aufgenommen habe, um die Genehmigung eines wirtschaftlichen Wiederaufbauplanes für die Provinz Bozen anzuregen, der diesem auch gleich vorgestellt wurde. Es geht aber nirgends hervor, dass nach diesem Plan die Südtiroler Wirtschaft durch einen direkten amerikanischen Eingriff gestärkt worden ist.
Bisher gibt es keine Nachrichten über konkrete Initiativen vonseiten der SVP-Vertreter, die direkte Bekanntschaft mit Herrn Zellerbach auszunutzen.53
Wie genau das Innenleben der SVP beobachtet wird und man auch auf Informanten aus Österreich zurückgreift, zeigt ein Bericht über eine vertrauliche Versammlung des „Bergisel-Bundes“ (BIB) am 8. Juni 1959 in Salzburg. An der Sitzung nehmen rund 20 Personen teil, unter diesen auch der Landessekretär der SVP Hans Stanek. Ihm gilt die besondere Aufmerksamkeit des Informanten. Im Bericht – der wie die meisten dieser Informationen auch dem italienischen Außenminister Giuseppe Pella zur Kenntnis zugeht – werden die Aussagen wiedergegeben, die der SVP-Landessekretär während der Besprechung macht. Unter anderem stellt Stanek in Salzburg auch die schwierige finanzielle Situation seiner Partei dar.
Als Dr. Stanek auf die finanzielle Situation seiner Partei zu sprechen kam, hat er diese als durchaus kritisch bezeichnet, obwohl man 30.000 Mitglieder habe. Die politische Kampagne, die die Partei gestartet hat, auch auf internationaler Ebene, erfordert große finanzielle Anstrengungen; deshalb müssten auch in Österreich Hilfsgelder dafür gesammelt werden. Die Geldmittel, die aus Deutschland kommen, dürfen nur für kulturelle und nicht für politische Zwecke verwendet werden.54
Die Gelder, die aus dem deutschsprachigen Ausland nach Südtirol fließen, und die Finanzen der SVP sind ein immer wiederkehrendes Thema in den vertraulichen Berichten. So auch, als es um den neuen Parteisitz geht, der auf Kosten des Landes errichtet werden soll. Ende der 1950er-Jahre steht nämlich eines der größten Hotels von Bozen zum Verkauf. Das Hotel Bristol, mitten im Zentrum von Bozen, in der Nähe zum Palais Widmann, dem damaligen Sitz der Quästur (Dienststelle der Staatspolizei) und heutigem Sitz der Landesregierung gelegen, erregt nicht nur die Aufmerksamkeit der Baulöwen. Das Hotel wird 1961 abgerissen. In mehreren geheimen Berichten geht es bereits zwei Jahre zuvor um die geplante Immobilienoperation. Am 29. September 1959 schickt der Generalkommandant der Carabinieri Luigi Lombardi zwei vertrauliche Informantenberichte an den Staatssekretär im Ministerratspräsidium Carlo Russo. In einem dieser Berichte heißt es:

Quästur Bozen (im Palais Widmann): Verdeckter Kanal ins UAR.
Die Südtiroler Landesregierung hat soeben die Verhandlungen zum Kauf des Hotels „Bristol“ in Bozen um die Summe von 100 Millionen Lire abgeschlossen. Das Hotel soll dem deutschen Kulturverein „Kulturheim“ als Sitz zugewiesen werden, dessen Präsident der SVP-Abgeordnete Karl Mitterdorfer ist. Der endgültige Kaufvertrag wird in den nächsten Tagen unterzeichnet werden.
Da die Leitung der SVP aus dem derzeitigen Sitz in der „Villa Brigl“ ausziehen muss, wird es als sicher angenommen, dass das Haus von ihr besetzt wird – auch aufgrund der Abmachungen, die bereits mit dem Verein „Kulturheim“ getroffen wurden. Die neue Ansiedelung der SVP würde damit auf Kosten des Landes gehen, mit vorhersehbaren negativen Reaktionen der öffentlichen Meinung.55
Für das Innenleben der SVP interessiert sich auch der Bozner Quästor, der periodisch Berichte an das Innenministerium nach Rom schickt. Der Polizeichef leitet diese Berichte mit dem Titel „Notizie dell’Alto Adige“ auch an den italienischen Außenminister und das UZC weiter. Die Berichte basieren auf Meldungen der Informanten der Bozner Quästur und drehen sich vor allem im Jubiläumsjahr 1959 um eine Art Radikalisierung der Volkspartei:

Schreiben von Quästor Giuseppe Testa alias „Schatten“: „Natürlich weiß keiner der beiden vom Annäherungsmanöver an den anderen.“
Die Situation in Südtirol wird immer verzwickter […] Die Propaganda wird vor allem unter den Jungen immer stärker und führt bei diesen zu einem aufgepeitschten Geisteszustand. Das merken jetzt auch die Spitzen der SVP. Manche von ihnen fürchten die Folgen ihrer Handlungen, auch weil sie um ihre Stellung und ihr Ansehen zittern und Angst haben, von diesen Jungen überrannt zu werden.
Sicherlich auf Nadeln sitzt deshalb Dr. Silvius Magnago, weil seine Technik – die man am besten mit dem Spruch aus dem Volksmund „Es allen recht machen zu wollen“ [Original: colpo alla botte e quello al cerchio] zusammenfassen kann – seit einiger Zeit von diesen aufbrausenden Jungen durchschaut wurde, die jetzt drohen, ihn als SVP-Obmann zu stürzen und auch als Landeshauptmann, was für ihn noch mehr zählt.56
Dass der Informant mit dieser Einschätzung eindeutig daneben liegt und Silvius Magnago noch drei Jahrzehnte lang Landeshauptmann bleiben wird, kann man zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.
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