Akrons Crowley Tarot Führer

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Crowleys Vertauschungen
Der Kaiser ist der erste Trumpf des Umstellungs- oder Bäumchen-wechsle-dich-Quartetts. Crowley tauschte die Karten Kaiser und Stern sowie Ausgleichung und Lust miteinander aus.7 Grund für diese Operation war die Botschaft im Liber Legis (I/57): All diese alten Buchstaben meines Buches sind richtig, jedoch Tzaddi ist nicht der Stern.
Wie sagte doch sein Geistführer oder multidimensionaler Persönlichkeitsteil alias Aiwass weiter, als er ihm das Buch diktierte: Auch dies ist verborgen; mein Prophet wird es den Weisen enthüllen, und Crowley erkannte: Diese Karte ist dem Buchstaben Tzaddi zugeordnet, und sie bezieht sich auf das Tierkreiszeichen Widder. In diesem Zeichen regiert der Mars und die Sonne ist erhöht. Somit ist dieses Zeichen eine Vereinigung der Energie in ihrer materiellsten Form, verbunden mit der Idee der Autorität.8

An dieser Stelle sei aber noch eine andere »Unschärfe« im Buch vermerkt. Crowley schreibt (1944): Zum Schluss sollte noch beachtet werden, dass das auf ihn herabsteigende weiße Licht seine Stellung im Lebensbaum andeutet. Seine Autorität ist von Chokmah abgeleitet – der schöpferischen Weisheit, dem Wort – und wird auf Tiphareth – dem organisch gestalteten Menschen – ausgeübt.9
Hier hat sich der Meister in seinen eigenen Erkenntnissen verstrickt, d. h. er spricht, als hätte er die von ihm selbst vorgenommene Umstellung gar nicht bemerkt. Er redet, als befände sich die Position des Kaisers immer noch an seinem ursprünglichen, inzwischen vom Stern eingenommenen Platz. Nach dem Austauschen der Karten am Lebensbaum liegt der Kaiser auf Pfad 28, der von Netzach nach Jesod führt. Dafür »residiert« der Stern jetzt auf des Kaisers Platz: auf Pfad 15, der Chokmah mit Tiphareth verbindet. Das bedeutet: Das aus der rechten oberen Ecke einfallende und diagonal zur Kartenmitte strahlende Licht hat nichts mehr mit Chokmahs schöpferischer Autorität und Weisheit, die vom Kaiser auf Tiphareth ausgeübt werden kann gemein, sondern leuchtet jetzt zu Ehren des Sterns.
Liber 77710 und weitere Korrespondenzen
Herrscher und Beginner, Kaiser und König aller sterblichen Dinge: Heil ihm, dem Herrn des Frühlings!
Titel11: Sonne des Morgens – Führer unter den Mächtigen
Bild11: Ein flammengekleideter Gott, der gleichwertige Symbole trägt
Zahl: 90, 104 (ausgeschrieben)

Buchstabe: Tzaddi = Z/Tz/Ts (Fischhaken). Der Angelhaken versinnbildlicht den Verstand, der in die weiblichen Mysterien eindringt und aus den Quellen des Ungreifbaren die rationalen Ideen und Konzepte schöpft.
Pfad: 28 von Netzach nach Jesod. Von der Anarchie zur Struktur: vom wuchernden Chaos (NTzCh) zur fundamentalen Kraft (ISVD).
Götter11: Isis, Men Thu als ein kriegerischer
Gottheiten: Der zornige und strafende Jahwe (Jehova) des alten Testaments; die Vatergötter Wotan und Zeus oder der seine Kinder verschlingende Kronos (Schattenebene)
Mythen: Abrahams Opferung des Isaak; die Zehn Gebote; Kyffhäuser-Saga
Symbole: Burgen, Felsen, Festungen, Gefängnisse, Heere, Maschinen und Waffen; die durch Fronarbeit errichteten Tempel und Kathedralen, die in die Landschaft gefrästen und durch die Natur gestanzten Verbindungsstraßen (Gerade, Viereck, Würfel, Raum) oder auch die steinernen Gesetzestafeln als frühe Zeugen von Recht und Ordnung
Kultstätten: Kyffhäuserdenkmal; die großen Kaiserdome Gott, Mars, Regent von Aries, Minerva, Artemis
Pflanzen11: Tigerlilie, Geranie
Krafttiere11: Widder, Eule
Edelstein11: Rubin
Wesen11: Besessene, Erinyes oder Eumeniden = Töchter der Nacht (griechische Rache- und Schutzgöttinnen der sittlichen Ordnung)
Dämonen (Qlipoth)11: Ba’Airiron, die Herde (Drachen-Löwen-Monster, die das Zentrum bewachen)
Magische Kräfte11: Die Macht, Dinge zu weihen
Magische Waffen11: Hörner, Grabstichel (Werkzeug für das Gravieren auf Metalloberflächen bzw. in der Kunst des Kupferstichs)
Parfüm11: Pfeffer, Drachenblut
Droge11: Gehirnreizmittel
Geomantie11: Puer
Gematrische Korrespondenzen
90: still, stumm, Jachin, eine der beiden Säulen am Tor zum Eingang vom Tempel in Jerusalem, vollkommen, das Ganze, Wasser, Gewässer, Ozean, Könige, Herrscher, Fürst, herrschen, zum König machen, Manna, Korb, Macht
104: auf Treu und Glauben, zart, dünn, dürr, unnatürlich abgemagert, schwach, leise, feiner Stoff, Flortuch, Gewand, Staub, Straße, Streit, Scheide, Sodom, Wild
Rituale: Staatsempfänge und große (Militär-) Paraden
Sabbat: Nationalfeiertag
Kraftsteine: Schwarzer Onyx für Stabilität und Ordnung; Bergkristall für die strukturierende (»kristallisierende«) Kraft
Räucherwerk: Eisenbaum, Teebaum, Eukalyptus, Wacholder, Wermut
Malerei: Der Mann mit dem Goldhelm von Rembrandt
Musik: Die Ungeraden (Sinfonien) von Beethoven oder die Erste von Brahms; die Brandenburgischen Konzerte von Bach
Schrift: Buch Hiob. Die Leiden des Gerechten, der trotz großen Unglücks am Wort Gottes festhält.
V – Der Hierophant

Was du suchst, ist das, was sucht.
Baphomet – Tarot der Unterwelt
Der Stellvertreter Gottes mit allen geistigen Tugenden: Gralshüter, Tempelwächter, Weltenlehrer
Astrologie: Sonne in Schütze als Verkünder und Lehrer esoterischer Werte, oder Jupiter in Fische als Vision des Ewigen
I Ging: 45 Tsui – Die Sammlung
Rune: Mannaz (Das Selbst). Vereinigung von Mikrokosmos und Makrokosmos, Vermittlung zwischen Individuum und Gott. Nach Crowley zeigt der Hohepriester den Weg der Vereinigung des Individuums mit dem Universum.
Licht: Glauben, Vertrauen, Sinn- und Wahrheitssuche (Das Finden der verborgenen Wahrheit = Erlösung)
Schatten: Anmaßung, Scheinheiligkeit, Intoleranz (der Teufel hinter der Maske der Erleuchtung)
Farben: Rotorange, dunkles Indigo, dunkles, warmes Oliv, sattes Braun (Liber 777)
Tierkreis: Stier. (Buch Thoth) Crowley sieht in dieser Karte die Erde in ihrer ausgeglichensten Form, weshalb der Thron des Hohepriesters von einem Stier und zwei Elefanten umgeben ist, in denen sich die Schwere der Materie besonders gut reflektiert.
Kurzbeschreibung: Der Hierophant ist eine exorbitante Gestalt. Durch seinen »inneren Auftrag Gottes« kontrolliert er die Äonen und seine Aura reicht von der Macht der alten ägyptischen Priester bis zum Massenauflauf auf dem römischen Petersplatz. Er hält sich für das Gefäß der Summe aller religiöser Wahrheiten und sieht sich über alle Zweifel erhaben, auch wenn er ohne Inhalt weniger als die Tonschale ist, die seinen eigenen Anspruch zusammenhält. Er verkündet den Menschen die Bilder, anhand derer sie lernen, sich die Welt mit ihm als Befreier vorzustellen, der gekommen ist, um sie aus ihrem eigenen Sündenpfuhl zu erlösen. Er ist der Überbringer göttlicher Wahrheiten sowie Meister des Okkulten, der mehr als nur ein paar Zufälligkeiten mit seinem patriarchalischen Bruder gemeinsam hat. Der Unterschied zum Kaiser liegt vor allem darin, dass er die Menschen nicht von außen beherrscht, sondern sie sozusagen von innen her missioniert, durch ihre eigenen Affirmationen dirigiert, die er ihnen vorgegeben hat. In einem Satz: Der Meister des Sermons ist entweder der Offenbarer tiefster Wahrheiten und verborgenster Geheimnisse oder der Besitzer der gespaltetsten Zunge, die der Tarot an verschlungenen Irrlehren für uns bereithält.
Analyse
Der Hierophant in der Erscheinung eines mesopotamischen Priester-Königs steht in einem komplementären Verhältnis zum Kaiser. Wenn jener die Projektion unseres inneren Elternbildes nach außen trägt, dann ist dieser ein Symbol der kontrollierenden Autorität des Patriarchats. Er stellt den religiösen Überbau dar, unter dessen schützendem Dach das in der Welt dominierende Prinzip des Kaisers überhaupt erst aufblühen kann.1 Sein Bestreben, die Dinge auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Zusammenhängen zu sehen, wird durch die geometrischen Formen unterstrichen. Es sind ineinander gefügte Fünfecke und Fünfsterne, in die der hohe Priester eingebettet ist, und in dessen Zentrum sich ein weiteres, kleineres Pentagramm befindet, das ein tanzendes, männliches Kind darstellt, was nach Crowley die Vereinigung des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos darstellt.1
Diese Fünfecke symbolisieren die Perspektive oder das Fenster, aus dem der Oberpriester in den Kosmos schaut und nach einer Antwort sucht: Denn irgendwo muss sie ja stecken, die ultimative Wahrheit, die Weltformel, die ihm erklärt, wie die Schöpfung entstanden ist, was sie am laufen hält und welchen tieferen Gesetzen sie folgt. Dabei bedient er sich völlig wertfrei bei allen Religionen und Philosophien, denen er habhaft werden kann. Doch erst, wenn er merkt, dass er selbst das ist, was er sein eigenes Ziel nennt, und das sich in seiner Ausdehnung immer weiter von seinem Zentrum entfernt, das gleichzeitig wachsen muss, um sich seiner Ausdehnung bewusst werden zu können, wird er das Geheimnis lösen. Das zeigt die mit neun riesigen Nägeln um seine spirituelle Aura geschlagene Schlange2, die den geistigen Blindfleck genauso wie die Erkenntnis verkörpert (Taube am Schlangenende), denn manchmal verbirgt sich vor einem Menschen die Wahrheit, solange er in der göttlichen Erkenntnis nicht die Formel Jod – Caph entdeckt.2 Sein ungeliebter Schatten drückt sich im maliziösen Lächeln sowie in der linken Hand des Priesters aus, der die Ungläubigen mit seinen zu Teufelshörnern gespreizten Fingern erschrickt. Zusammen mit Taube und Schlange können wir in dieser Geste die verdrängte Wahrheit sehen, die er gerne unterschlägt, solange sie nicht mit seinem Selbstbild korrespondiert. Das kann im schlimmsten Falle auch bedeuten, dass er aufgrund seiner Mission die Menschen in seinen Bann reißt, damit sie ihm helfen, seine Vorstellungen zu tragen. Er, der den Weg erkannt hat, gibt den Menschen das Drehbuch vor, nach dem sie den Film drehen, in dem sie die Vision von Gott nach seiner eigenen Regie dann nach seiner Fertigstellung gemeinsam anschauen und auch glauben (als fixes Weltbild zementieren). Der Schlüssel zum Geheimnis dieser Karte heißt: Die Sehnsuchts-Allmacht des Hohepriesters bebildert die Sterne! (Oder – boshafter formuliert – veräppelt die Seelen!)
Nähern wir uns nun den Details. Der Priesterstab mit den drei Ringen steht für die obere Triade am Lebensbaum (Kether, Chokmah, Binah); auf der irdischen Ebene drückt er aber auch die drei Zeitalter von Isis, Osiris und Horus und damit die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus.3 Des Hierophanten Thron ist von Elefanten umgeben und er sitzt auf einem Stier. Dieser Stier, der auf kultische Verehrung in antiken Religionen zurückgeht, stellt das Goldene Kalb dar, ein Kult, der im Alten Testament als Götzenbild bekämpft wurde.4 Um den Hierophanten herum gruppieren sich die vier Cherubim in den vier Ecken der Karte, die als geflügelte Wesen die Bundeslade bewachen. In der Bibel haben sie vier Gesichter: Mensch, Löwe, Stier und Adler, die in der christlichen Mythologie die vier Evangelisten vertreten. Sie sind auch die Vertreter für die vier Urstoffe Feuer, Wasser, Luft und Erde und werden mit den vier festen Zeichen des Tierkreises verbunden (Wassermann, Löwe, Stier und Skorpion). In der ägyptischen Sagenwelt verkörpern sie die Sphinx und in der kabbalistischen Tradition das JHVH-Tetragrammaton. Was sehen wir noch? Die fünf weißen, herzförmigen Rosenblätter seines Scheitelchakras stehen für geistige, durchscheinende Transzendenz, einen tiefen und unerschütterlichen Glauben an die allwissende Vorsehung und damit an alles, was er in seinem männlichen Weltbild als intuitiver Bannstrahl des Weiblichen empfängt. Die Schlange »in seinem Kopf« hat sich um seine Anima (im gematrischen Sinn ein Mädchen namens Rose) entrollt und Crowley suggeriert: Und auch lasst die Narren die Liebe nicht verwechseln; denn da gibt es Liebe und Liebe. Da ist die Taube, dort ist die Schlange. Wählet gut!5 Auch wenn er in dem, was er für die Göttin hält, nicht die Göttin, sondern nur sein Frauen-Suchbild erkennt, so gehört das, was er durch den Geist der Rosenblätter einatmet (Rose = Vagina), mit zum Feinsten, was er durch das Bild seiner Göttin aufnehmen kann.
Kommen wir zum Besten. Als diametrale Einsicht oder als ein unbewusster Teil aus einer anderen Raum-Wirklichkeit, als Ausschnitt der Sexualität im Licht verdrängten Erkennens oder im Geiste emotionaler Unberührbarkeit scheint die in einen dunkelblauen Mantel gehüllte und mit einem Schwert bestückte Hohepriesterin vor ihm auf, deren Haupt durch die Spitze des mittleren Pentagramms in einen erhellenden Lichtkegel getaucht wird.3 Sie ist die neuäonische Form des Hierophanten und kündigt bereits die gewaltige Veränderung an, die sich später in VIII – Ausgleichung manifestiert: die Priesterin, die nicht nur über, sondern auch mitten unter den Menschen steht. Mit der Sonne im Bauchgeflecht und dem Mond in der Hand empfindet sie männlich-aktiv-positiv und handelt weiblich-empathisch-negativ. Die Mondsichel zeigt, dass sie offen für persönliche Gefühle ist, ein Kind ihrer eigenen Sehnsucht, das in das Paradies zurückstrebt, aus dem sie einst verstoßen worden ist, und das sie auf Erden zu repräsentieren glaubt. Aus christlicher Perspektive verkörpert sie gar eine Maria Magdalena, die der hohe Priester dem Meister Jesus in die Arme legen möchte. Zumindest versucht er sie über die menschlichen Gefühle hinauszuheben, dass sie in der persönlichen Liebe den Hauch des Göttlichen spürt. Doch im Æon des Horus stellen sich die ganzen Energieflüsse um, denn Atu V ist eine Ankündigung des Unterganges des Patriarchats. Künftig wird alle Macht der Frau gegeben sein, die in Liebe unter Willen die Aufgaben des Hierophanten verrichtet (Atu VIII). Das alte Machtsystem wird sich in »Liebe ohne Willen« auflösen, und an seine Stelle wird ein natürliches Machtgefüge treten, das die Geschlechter verbindet und universell gültig ist. Etwas schlangenzüngiger formuliert wäre der Pontifex dann nur noch eine Art Reisebüro, in dem wir die Tickets buchen können, die uns in den Himmel zurückführen und bei regelmäßigem Training und der richtigen geistigen Haltung auch die göttliche Absolution garantieren.
Weiterführende Bemerkungen

1 Im Pentagramm auf der Brust des Hierophanten kündigt sich das neue Zeitalter (XX – Der Æon) in Form des Horuskindes an, das im Mittelpunkt verschiedener ineinander gelegter Fünfecke und Fünfsterne, Symbole der Quintessenz und der Sinnfindung, steht. Es ist ein Symbol der psychischen Verwandlung im Inneren des mächtigen Mannes. In dieser kindlichen Rolle erfüllt der Geist jetzt seine psychische Aufgabe als Vermittler zwischen Gegenwart und Zukunft, durch das (zukünftige) Aussöhnen von Konflikten und das Vereinen von Gegensätzen. Das Kind ist schon deswegen ein schönes Symbol, weil es dem Menschen suggeriert, dass sich das Leben verwandeln lässt, ohne deshalb zu sterben oder seine körperliche Gestalt verlieren zu müssen, ganz nach dem Motto: Das Gute überträgt sich auf das Kind und kommt in der Zukunft zum tragen – kurz:Das Kind soll es einmal besser haben! Ein Irrtum, wie wir wissen, wenn auch ein bisweilen notwendiger Hoffnungsträger.

2 Crowley schreibt: Auch in den Strahlen des Auges (XVI – Der Turm) befindet sich eine Taube, die einen Olivenzweig trägt. Die Schlange ist in Form der Löwen-Schlange Xnoubis oder Abraxas dargestellt. Durch diese werden die zwei Formen des Verlangens repräsentiert, was Schopenhauer als den »Willen zum Leben« und den »Willen zum Sterben« bezeichnet hätte. Dies ist möglicherweise der Grund, warum beständig verkündet wurde, dass der Verzicht auf die Liebe in allen gewöhnlichen Bedeutungen des Wortes der erste Schritt in Richtung Einweihung ist. Dies stellt eine unnotwendig strenge Einstellung dar, denn der »Wille zu Leben« und der »Wille zu Sterben« sind miteinander nicht unvereinbar. Das wird in dem Moment ersichtlich, wenn Leben und Tod als Phasen einer einzigen Energiemanifestation verstanden werden.6
Damit nähern wir uns dem Geheimnis der Jod-Caph-Regel. Die Taube wurde seit Urzeiten der Liebesgöttin und damit der Karte XI – Lust zugeordnet, denn die Huren wurden schon im alten Babylon Täubchen genannt. Sie wurde direkt mit der Sinnlichkeit assoziiert, aber nicht eine Sinnlichkeit zum Zwecke der Zeugung, sondern reine Lust um der Lust willen. Da Lust und Liebe im menschlichen Inventar auf einer ähnlichen Frequenz liegen, hat sich das lüsterne Symbol in der Lust verdrängenden Kultur des Christentums allmählich zu einem Archetyp des Friedens transformiert. Ihr Gegenpart ist die Löwenschlange. Xnoubis oder Abraxas entspricht einem gnostisch-manichäischen Symbol, das den dunklen und den lichten Aspekt im Gottesbild vereint. Vor allem die Manichäer glaubten, dass die Schöpfung aus einer Vermischung Gottes mit dem Teufel entstanden wäre (Gott gab die Seele, der Teufel den Leib) und die Erlösung nur stattfinden könnte, wenn sich der Mensch dieser Anteile in sich bewusst werden würde. Während die Taube auch oft die Vagina symbolisiert, repräsentiert die Löwenschlange das Sperma. Turm und Hohepriester sind »Feinde«, denn der Turm bedroht den Hierophanten. Während letzterer (korrespondierend mit dem Buchstaben Vau) das erigierte, aktive Glied symbolisiert, steht der Turm für den »Sturz« des Phallus nach dem Orgasmus. Die Gestik des Hierophanten deutet auf sexualmagische Masturbationstechniken hin, die offene linke Hand erinnert an die Formel Jod-Caph hin (Jod = Sperma, Caph = offene Hand).

3 Für Crowley stellt die mit einem Schwert bewaffnete und dunkelblau gewandete Gestalt die Hüterin des Neuen Æons dar. Er prophezeit: Lasst die Frau mit einem Schwert gegürtet vor mich treten.7 Die mit dem Schwert gegürtete Frau ist aber nicht – wie viele glauben – die Frau, die ihren Intellekt entwickelt (= Königin der Schwerter), sondern die Priesterin, die ihren Vorgänger besiegt und ihre spirituelle Herrschaft mit einem lähmenden Schwertstoß in das Tabernakel seines Sterbenden Gottes beginnt.8 Nun muss er ihr vor dem Altar der Göttin ministrieren, denn ohne ihren Geist kann er den Kern des Mysteriums nicht begreifen (ist es doch die Natur des alles kontrollieren wollenden Erkenntnisvorgangs selbst, die eine vollständige Erkenntnis des Erkannten ausschließt, solange die Welt als Bild der eigenen Vorstellung erfahren wird). Die Bewaffnung mit dem Schwert kann auch bedeuten, dass sie sich einen Mann zur magischen Arbeit nimmt, um der Göttin zum Gefallen ihr eigenes Verzücken zu opfern. Es ist dies im Grunde eine Umkehrung der Prinzipien aktiv und passiv in der magischen Operation.
Andere Verbindungen
– Psychologische Zusammenhänge –
Der Hierophant steht in einem gegenseitig sich ergänzenden Verhältnis zum Kaiser. Dieser versinnbildlicht eine kollektive Vater-Projektion als Symbol des autoritären Patriarchats, und jener stellt die (väterlichen) Himmelsgötter dar, die in den Domen und Kathedralen mittels eigens entwickelter Rituale zum Zweck der Heimkehr und der Versöhnung angerufen werden können. Im Gegensatz zum eher unbewusst wirkenden Bild der Hohepriesterin – der empfänglichen Seite der Psyche, die das verschleierte Geheimnis der Seele oder die höchste Form spirituellen Wissens und der Einweihung in sich aufnimmt – kennzeichnet der kirchliche Regent mit seiner Buß- und Erlösungsszenerie eine hierarchisch gegliederte Glaubens-Architektur. Der Oberpriester, in den Eleusinischen Mysterien Hierophant genannt, war zwar ursprünglich jener auserwählte Träger der wahren Tradition, der die heiligen Mysterien ins Licht des Bewusstseins hob. Im Laufe der menschlichen Entwicklung wurden die weiblichen Instinkte aber in den Hintergrund gedrängt. Der Vollzug der heiligen Riten der Muttergöttin sowie die sexuellen Prädikate weiblicher Spiritualität wurden immer konsequenter unterdrückt und durch das blutlose Idealbild einer keuschen Muttergöttin ersetzt. Damit war der Weg frei für den moralischen Zeigefinger Gottes, der in der Geschichte der Menschheit neben Ordnung, Hoffnung und himmlischer Vorfreude auch sehr viel Leid aufgehäuft und Elend heraufbeschworen hat.

Deshalb sei hier die mephistophelische Frage erlaubt:
Ist er etwa der Erfüllungsgehilfe des Teufels und somit der Teufel selbst, der in der Absicht des Geistes, alles wieder in die Erkenntnis des Ganzen zurückzuholen, die Menschen für das Verdrängen seiner wahren Person verspottet? Oft nimmt er hinter seiner Maske auch heute noch groteske Züge an, wenn er in der Funktion eines Kirchenfürsten in Kriegsfällen die Waffen segnet. Diese Doppelbödigkeit ist nicht nur eine historische, sondern eine strukturelle Eigenart der organisierten Massen, denn streitende Parteien fühlen sich grundsätzlich besser, wenn sie glauben, Gott auf ihrer Seite zu haben.
Crowley notiert: Obwohl das Gesicht des Hohepriesters gütig und lächelnd erscheint, und das Kind einen freudigen Eindruck von ausgelassener Unschuld vermittelt, kann man nur schwerlich bestreiten, dass im Gesichtsausdruck des Eingeweihten etwas mysteriöses, ja sogar finsteres, vorhanden ist. Und setzt gleich noch einen oben drauf: Er scheint sich an einem heimlichen Scherz zu ergötzen, auf Kosten eines anderen. In dieser Karte ist ein deutlicher, sadistischer Aspekt vorhanden.9 In der Tat – wenn wir genau hinblicken, lässt sich eine maliziöse Hintergründigkeit auch kaum verstecken: Das sardonische Lächeln im Gesicht strahlt ein so starkes Gefühl von Sicherheit und Wissen aus, dass man geneigt ist, ihm nicht nur den Sendboten religiöser Inhalte, sondern auch die Rolle des Messias zu glauben. Das ergäbe einen Sinn, denn solange der Hierophant nicht merkt, dass der Teufel in ihm selbst sitzt, kann er in seinem Namen Erlösung predigen und dabei glauben, dass er es im Auftrag Gottes tue. Er vermag nicht zu sehen, dass der Teufel, den er in sich selbst verdrängt, ihm von außen umso häufiger begegnet.





