Akrons Crowley Tarot Führer

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Deutungen
Im Alltag fällt der Hierophant durch Großzügigkeit, Vertrauen, aber auch durch ein sehr selbstgerechtes Erscheinungsbild auf. Dabei gelingt es ihm meist leicht, alle Vorteile seiner Beredsamkeit in die Waagschale zu werfen; das gelingt ihm, weil er die Seelen seiner Umgebung durch seine joviale Art berührt. Er bestimmt, wo’s langgeht, und dazu bedient er sich aller Argumente, die irgendwie mit seiner Aufgabe korrespondieren, ganz egal, wie einäugig sie in vielerlei Hinsicht sind. Mit dieser Karte ist es klar: Wir lehnen jede gesellschaftliche Diskussion über Werte und Moral rigoros ab, denn in allen offenen Fragen gibt es stets nur einen verbindlichen Standpunkt (unseren!). Wir verkörpern stets unsere höchst persönliche Überzeugung, die wir im Meinungsbild unserer Umwelt zu verankern suchen (oder listigerweise hineinprojizieren), um sie dann später wieder herauszuziehen bzw. erfolgreich vertreten zu können. Unsere Hartnäckigkeit, selbst aus den profansten Angelegenheiten noch einen tieferen Sinn hervorzuschaufeln, macht Sinn, auch wenn es letztlich nur darum geht, der Welt ein auf Horizonterweiterung ausgerichtetes Bild zu entlocken, das mit unseren eigenen Plänen korrespondiert. Schließlich spiegelt sich der Hierophant in dem, was wir in der Suche nach Sinn anstreben. Nur die Frage, was sich hinter dem Sinn versteckt, der uns zwingt, die anderen immer wieder belehren zu müssen – die sollten wir uns lieber nicht stellen!
In der Liebe erscheint der fromme Bruder im Licht des Geistes als Inbegriff der Tageshelle, der nicht nur seine eigene Familie »orchestriert«, sondern auch allen kleinen und verletzten Seelen ständig den Großen Papa oder die Über-Mama vorspielt. Mit großem Elan stürzt er sich auf diese Aufgabe, in der Hoffnung, Erfahrungen zu machen, durch die er die Menschen noch besser verstehen kann. Er ist beseelt, über die Enge hinauszuwachsen, ohne seinen aufgeblasenen Idealen immer ins Auge zu blicken und sie als das zu erkennen, was sie sind: irreale Manifeste als Kontrapunkt zu seinem allerheiligsten Streben, ständig die Leute zu segnen und nur überhöhte Ziele anzupeilen. So ist Liebe, wenn er sie denn spürt, oft die Liebe zu seiner eigenen Verantwortung, die er auf seine Umgebung projiziert. Manchmal weist die Karte auch auf ein verborgenes seelisches Leck in uns hin, das uns in unserem Selbstwertgefühl von der Zuwendung anderer abhängig werden lässt. Die aus dieser Konfliktsituation heraus entstehende Abwehrreaktion verwehrt uns allerdings nicht selten den Spielraum, in dem wir unseren Emotionen Ausdruck geben können.
Der Hierophant in der kollektiven Erinnerung

– Tiefergehende Erkenntnisse –
Der Hierophant als Verkünder des Neuen Æons
Seit Äonen steht die Zahl Fünf für das 5. Element, die Quinta Essentia – jenes Element, das das Ganze zu mehr als der Summe seiner Einzelteile macht. Noch heute bezeichnen wir den Sinn und Zweck eines Ganzen als dessen Quintessenz. Was kann der Hierophant also anderes sein als ein Verkünder dessen, was als Sinn und Zweck des Ganzen zu betrachten ist, Ver–ein–igung und Eins-Werdung, und wie sollten wir in dieser Karte etwas anderes vermuten als die Aufforderung von Gottes Sprachrohr: Vertraue meiner Lehre und gehe hin, um das, was du haben wirst, zu verbinden mit dem, was dir noch fehlt!

Der Hierophant ist der Lehrer, der uns lehrt, in endlosen Monologen mit uns selbst zu sprechen, ohne dass wir es merken. Es geht darum, beständig zu wiederholen, was er uns aufdrückt, damit wir das, was er uns sagt, auch verinnerlichen können. Indem er uns seine Botschaft wie eine kollektive Wahrheit, eine gemeinsame Übereinstimmung oder wie ein geistiges, uns an der Hand ins Paradies führende Treppengeländer nachbeten lässt, gelingt es ihm, dass wir das, was wir aus uns heraus wollen, mit seinem Inhalt verbinden, unseren eigenen Willen also mit seiner Botschaft verschmelzen und damit genau das tun, was er als geistigen Weg in uns weckt. Diese seelischen Geländer sind auf solch illustre Namen wie Jesus, Mohammed, Buddha, Großer Adler, Goldener Drache, Coca Cola, Microsoft, McDonald’s oder auch Gerechter Krieg getauft, je nach den Prägungen, auf die wir hören, weil sie uns in unserem Prozess der Selbstfindung aufoktroyiert worden sind. In dem Augenblick, in dem es darum geht, einen höheren Sinn zu entdecken, fühlt sich das Ego gezwungen, diesen Sinn zu interpretieren. Das Ergebnis ist nicht nur das Abbild eines Gottes oder einer Currywurst, sondern auch eine mitgelieferte Landkarte, die uns zeigt, wo das gewünschte Ziel zu finden ist. Diese Predigten sind gefährlich, weil sie uns höhere Absichten vermitteln, die nur unter der Kontrolle der entsprechenden Oberhirten zu finden sind. Das ist es, was uns Crowley sagen möchte, wenn er behauptet, dass es besser wäre, wenn Horus schweigt. Deshalb zeigt uns XX – Der Æon den Gott des Schweigens, der als Horus das Kind in Form eines Pentagramms auf der Brust des Hierophanten erscheint und uns auffordert, nicht von der höchsten Form spirituellen Wissens und der Einweihung zu sprechen, um das Geheimnis nicht zu entweihen. Denn: Welche Erkenntnisse sollten wir aus Illusionen ziehen, die wir nicht als Illusionen erkennen?

Die Frau mit dem Schwert (Die Rückseite der Scharlachhure)
Vor dem Hohepriester erhebt sich in winziger Gestalt die mit dem Schwert gegürtete Frau, die Hüterin des Neuen Æons, die hier – obwohl noch gar nicht voll entwickelt – im Vorgriff auf ihre künftige Position in VIII – Ausgleichung sein (zukünftiges) Ende andeutet: das Ende des Osiris-Zeitalters. Es ist die zukünftige Priesterin, die den Hierophanten ersetzt und an seiner Stelle das Neue Zeitalter einläutet. Dabei hält sie das Schwert des Willens10 mit der Spitze zur Erde als Zeichen kontrollierender Stärke mit der rechten Faust umklammert, so als wolle sie uns sagen: Liebe ist das Gesetz – Liebe unter Willen.
Doch aufgepasst: Die Frau mit dem Schwert ist im Grunde keine selbstständige Gestalt, sondern eine Hybride, die Crowley in seinem Kopf nach seiner Vorstellung als weiblicher Erlösertyp »zusammengebaut« hat – eine Frau auch, deren Klarheit mehr der männlichen Logik entlehnt als auf dem inneren Empfinden einer Frau aufgebaut ist. Das heißt, sie wird durch die Augen Crowleys als ein Aspekt der männlichen Erfahrung des Ewigweiblichen gesehen, also so, wie sich Crowley sein subjektives Bild der Göttin vorstellt. Denn keiner, der mit weiblichen Archetypen arbeitet, wird im Ernst glauben, dass die archetypische Gottheit auf sexistische Aufforderungen wie … und ihre Augen sollen vor Verlangen brennen, wenn sie nackt und frohlockend in meinem geheimen Tempel steht reagiert, auch wenn sie das Buch des Gesetzes (I/62) befiehlt. Deshalb hat dieses Bild notgedrungen mehr mit seinem Schöpfer als mit seinem Geschöpften gemein. Jedes Symbol der Stärke, wie es sich Crowley vorstellt, domestiziert die Frau, ohne dass er es merkt. Das zeigt, er kann nicht verstehen, dass jeder Frauentyp, der sich in seine persönliche Vorstellung integriert, nichts mit dem zu tun hat, was man eine Göttin nennen mag, und umgekehrt das, was er zum Bild einer Göttin erkürt, nur eine Schimäre ist, die mit seinem komplizierten Frauen-Suchbild (Anima) korrespondiert.
Im Grunde entspricht sie der anderen Seite der Scharlachfrau, dem Bild seiner inneren Hure, die sich mit dem Tier verlustiert. In ihrer besten Form entzieht sie sich als Frau mit Schwert seinen sexuellen Neurosen. Andererseits trägt sie als mächtiger »Erzengel« dazu bei, die Grundlagen für ein Neues Zeitalter zu errichten. Sie ist die Trägerin seiner inneren Schöpferkraft, Muse und Inspiration, die sich ihre Anerkennung aus dem Umstand verdient, dass sie sich ihm nicht unterwirft.
Die drei Ringe (Das Zeitalter des Sterbenden Gottes)
Crowley schreibt: Es ist unmöglich, diese Karte zur gegenwärtigen Zeit vollkommen zu erklären; denn nur der Lauf der Ereignisse wird uns zeigen können, wie dieser neue Strom der Einweihung sich entwickelt. Ein paar Zeilen später gibt er uns das Zeitfenster bekannt, in dem wir den »Lauf der Ereignisse« überprüfen können, um definitiv festzustellen, wie dieser »neue Strom der Einweihung« sich letztlich auf unsere Zukunft auswirken wird: Die Symbolik des Stabes ist von besonderer Natur; die drei ineinander verwobenen Ringe am oberen Ende des Stabes können als stellvertretend für die drei Zeitalter von Isis, Osiris und Horus betrachtet werden, mitsamt ihren ineinander greifenden magischen Formeln. Der obere Ring ist mit dem Scharlachrot des Horus versehen; die beiden unteren Ringe mit dem Grün der Isis und dem Hellgelb des Osiris. Sie sind alle auf einem Grund von dunklem Indigo aufgetragen, der Farbe des Saturn, dem Herrn der Zeit. Denn die Rhythmik des Hierophanten bewegt sich nur in Zeiträumen von 2000 Jahren.11
Was will er damit sagen? Machen wir den Versuch einer Dechiffrierung: »Jedes zukünftige Erlebnis wird an den Erfahrungen der Vergangenheit gemessen und der Gefühlswert des Zukünftigen damit aus dem Verflossenen assoziiert. Somit ist die zukünftige Erfahrung lediglich das Resultat der Messung neuer Eindrücke an den vergangenen Beobachtungen auf anderen Ebenen, deren Auswirkungen wie die Ringe eines ins Wasser geworfenen Steines sich immer wieder auf die ursprüngliche Prägung beziehen. Zukunft rollt auf der Erinnerung vergangener Erfahrungen, und im Grunde ist Zeit weniger eine sich ausdehnende Geschichte, sondern mehr ein sich immer um die gleichen Brennpunkte herumkreiselnder Energiewirbel, der sich nur durch den körperlichen Verfall wie eine Reihe fortlaufender, sich aufeinander beziehender Entwicklungsschritte anfühlt. Der Stab mit den drei Ringen illustriert diesen Mechanismus, wenn sich die vielen Wege mit zunehmender Dauer immer mehr verdichten und die immer wieder gleichen Bilder durch verschiedene Sichtweisen und Rückblenden zu einer fixen Realität verbinden, die dem Tarotkundigen zeigen, wie simple Bilder durch bloße Vernetzung zu ganzen Vorstellungs- und Empfindungskomplexen im menschlichen Hirn ›realisiert‹ werden.«
Liber 77712 und weitere Korrespondenzen
Oh großer Hierophant, verbreite durch die Kraft des Lichtes an alle Weisheit – jedem nach seines Wunschs Gewicht!
Titel: Der Magus des Ewigen
Bild: Zwischen den Säulen sitzt ein Alter
Zahl: 6, 12 (ausgeschrieben)

Buchstabe: Vau = V/VV (Nagel). Der Nagel hält die Dinge zusammen, und der Hierophant verbindet in der Gesellschaft religiöse Tradition mit sozialer Kultur.
Pfad: 16 von Chokmah nach Chesed. Diese Verbindung unterstreicht die Verdichtung von Energie: Chokmah steht für die Manifestation des Geistes in der Idee und die Gnade Cheseds verdichtet das Feuer zu einer Form von Erkenntnis.
Götter: Asar, Ameshet und Apis (Asar als der Erlöser, Ameshet als Kerub der Erde und Apis als Bulle), Osiris, Athene, Shiva als heiliger Stier, Venus als Herrin von Taurus
Pflanzen: Malve (auch Riesengewächse wie beispielsweise Affenbrotbäume)
Krafttiere: Stier, Kerub der Erde, alle Lasttiere
Edelstein: Topas
Wesen: Gorgonen, Minotauren
Dämonen (Qlipoth): Adimiron, blutig (Echsen-Löwen-Hybriden aus Blut und Wasser)
Magische Kräfte: Das Geheimnis physikalischer Stärke
Magische Waffe: Thron (die Mühe der Vorbereitung)
Parfüm: Storax
Droge: Zucker
Geomantie: Amissio
Gematrische Korrespondenzen
6: Geschwätz, Schwätzer, Lügner, Teil, für sich abgesondert, Zweig, Ast, Stange, Glied, Leinen, Wahrsager, Prophet, Bär(in), Lüge, Sumpf, Dach eines Hauses (Tempels, Turmes)
12: Untergang, Verlorenes, Unterwelt, begehren, wünschen, lüstern, unbesonnenes Gelübde, plaudern, schwatzen, töricht reden, sich mehren, viel werden, Fisch, ER
Gottheit: Die christliche Trinität als oberste geistige Autorität
Mythen: Abendmahlschale, in der Christi Blut am Kreuz aufgefangen wurde, oder Parzival, der sich opfernde Erlöser, der den keltischen Gralskönig Amfortas in der Gralssage befreit; Berufung und Taufe der Jünger (Ursprung des patriarchalisch-dogmatischen Systems)
Symbole: Beichte, Kommunion, Sündenerlass, festliche Orgelmusik, Prozession, Monstranz, Messias, Petrus, Papst
Kultstätten: Peterskirche und Petersplatz in Rom; das Fußbodenmosaik im Kathedraleninneren von Chartres
Rituale: Taufe, Weihe oder Aufnahme in einen magischen oder spirituellen Kreis; in der christlichen Tradition Gebet, Gottesdienst und Sündenerlass
Sabbat: Buß- und Bettag
Kraftstein: Amethyst
Räucherwerk: Weihrauch
Malerei: Abendmahl von Leonardo da Vinci; Moses und der brennende Dornbusch von Ernst Fuchs
Musik: 9te von Bruckner (das Adagio hat Bruckner dem »lieben Gott« gewidmet)
Schrift: Pentateuch (Fünf Bücher Mose)
VI – Die Liebenden

Die Liebenden verkörpern nicht nur das Selbstbild in der Beziehung, sondern auch das Suchbild, das also, was man im anderen in Vertretung für sich selbst anstrebt.
Adam und Eva (Eros), Kain und Abel (Die Brüder1), Eva und die Schlange
Astrologie: Venus/Mars – auf einer höheren Ebene auch Sonne/Mond
I Ging: 31 Hiân – Die Werbung
Runen:Kaunaz/Kan(Feuer)und Wunjo(Licht). Kan, die sechste Rune, drückt die Potenz oder die aktive Seite der Liebenden aus, das Einbinden der Gegensätze in der Vereinigung, während Wunjo den ruhenden Mittelpunkt zwischen gegensätzlichen Bewegungen anzeigt, Harmonie und Freude, und damit das Ende disharmonischer Unausgewogenheit.
Licht: Anziehung, Bekenntnis und freie Entscheidung, Zusammenschluss und Vereinigung der Gegensätze (die Selbstverwirklichung im anderen)
Schatten: Unerreichbare Liebesideale, sexuelle Frustration, Entscheidungsschwäche, Selbstaufgabe
Farben: Orange, Blassmauve, neues gelbes Leder, rötliches Grau mit Mauvestich (Liber 777)
Tierkreis: Zwillinge, die mit dem gegenüberliegenden Schützen – XIV – Kunst – korrespondieren (Buch Thoth). Hier bezieht sich Crowley auf die paarweise angeordnete Darstellung der Kartensymbole, die dadurch einen doppelten oder zwillingshaften Charakter bekommen (hinter jeder Idee verbirgt sich ein Gegensatz).
Kurzbeschreibung: Die Liebenden gehören mit dem Teufel und dem Jüngsten Gericht zu den drei Trümpfen im Thoth Tarot, die von der überlieferten Darstellung am meisten abweichen. Der Grund dazu liegt in dem der Karte unterlegten alchemistischen Konzept. Ein schwarzer König wird mit einer weißen Königin von einem mächtigen Zauberer vermählt. Ihr zukünftiges Kind (Befruchtung in XI – Lust) wird durch das Orphische Ei symbolisiert. Beim Akt der Trauung werden sie von zwei Kindern assistiert. Das Hauptaugenmerk liegt in der Darstellung von Dualität und Unterschiedlichkeit, die stets Ausgangspunkt für Vereinigung sind. Sie sind aber genauso Ausdruck der Entscheidungsschwäche und der Widersprüche mit sich selbst. Dabei sind sie in ihrer Symbolträchtigkeit äußerst facettenreich. Sinn und Leitmotiv liegen darin, aus allen inneren Konflikten ein gutes Ergebnis zu erzielen und die Zwei in eine Einheit zu verwandeln. Die Liebenden sind dabei der erste Teil der Erkenntnis: = Solve oder die Analyse. Die Synthese oder Teil 2 (… et coagula) folgt in Atu XIV. Dort werden wir sehen, wie sich die ganzen Hintergründe vermischen und umkehren. Deshalb sollten sie immer in Verbindung mit ihrem »Zwilling« analysiert werden.
Analyse
Die Liebenden – besser noch: Die Sehnsucht der Liebenden – sind ein Ausdruck des gegenseitigen Verlangens zwischen den Menschen: der paradiesische Vorhof der körperlichen Anziehung oder die Flammen der Sehnsucht nach der Vereinigung zwischen Mann und Frau. Sie drücken die Anziehung der Gegensätze aus, das Sehnen, das Verlangen zwischen den Geschlechtern, um die verlorene Einheit wiederherzustellen – also genau das, was der Pfarrer den Kindern mit anderen Worten verkündet: den Zustand vor der Vertreibung aus dem Paradies.
Auf einer anderen Ebene verkörpert die Karte auch die Folgen nach dem Sündenfall: die Darstellung von Dualität und Unterscheidung, die stets Ausgangspunkt für Vereinigung ist. Diese Dualität, die sich in der Anziehung der Gegensätze äußert, wird durch die Liebe der Liebenden erlöst.1 In paradiesischer Verschmelzung wird aus den beiden Teilen eins, und indem sie ihre Identität um ihre Ebenbilder erweitern, verbinden sie sich in Leben und Tod und wachsen in die Ewigkeit hinein. Gerade diese Unerfahrenheit erklärt die Reinheit ihrer Absichten und die Unschuld um die Wunde, die im Leben brennt (das Christentum nennt es Erbsünde). Das gilt es im Verlauf der Reise zu erfahren: den Schmerz des Getrenntseins von dem, was jedem von ihnen zur Vollständigkeit fehlt, denn es geht um das durch den Griff nach dem Apfel verlorene Paradies, das durch die Verschmelzung auf körperlicher Ebene zumindest für Sekundenbruchteile wieder erlebt werden kann. Es ist der Lockruf der Götter, das Streben nach der menschlichen Form, das vom Funken der Fortpflanzung getragen wird. Dadurch weiten sich die Liebenden ins Überpersönliche, ja Kosmische aus, denn ihre Verschmelzung im Schoß des Todes ist deckungsgleich mit dem Augenblick der Zeugung, der das Leben unter der Voraussetzung des Sterbens ständig wieder erweckt. Deshalb zieht die Essenz der Karte auch mehr in die Richtung Erlösung oder psychische Verwandlung und verströmt den Geist der Chymischen Hochzeit des Christian Rosencreutz.2
An den oberen Rändern des Bildes finden wir zwei nackte Frauengestalten, die die ursprüngliche und die gedrosselte Libido andeuten: Die wilde Lilith und die gezähmte Eva. Eva verkörpert die weibliche Hingabe und Sehnsucht nach Vereinigung bei gleichzeitiger christlicher Unterwerfung, Lilith den diesem Zustand entgegengesetzten Faktor der Frustration aus emotionalen Verletzungen und des seelischen Schmerzes bei gleichzeitiger sexueller Freiheit. Das verdoppelnde Zwillingsmotiv wird auch im Brautpaar, den Kindern und den Tieren illustriert. Die beiden Kinder stehen für den Narren und den Magus, das Brautpaar für Kaiser und Kaiserin und der Priester und das Ei schließlich für den Hierophanten und die Hohepriesterin. Auf dieser Karte treten die Figuren zum ersten Mal in Paaren auf, während die vorhergehenden Trümpfe (0 – V) auf einzelne Personen ausgerichtet waren. Man könnte jetzt glauben, dass die Bedeutung der Liebenden darin läge, die Vereinigung der (zuvor geschiedenen) Gegensätze zu symbolisieren. Aber weit gefehlt – so weit sind wir noch lange nicht. Grundsätzlich bedürfen Gegensätze schon einer Erklärung, denn sie sind ja nicht so ohne weiteres in den Raum gestellt; sie mussten sich durch jahrtausendelange Differenzierung erst mühsam entwickeln. Die griechische Überlieferung spricht von einer hermaphroditischen Kugel, die O und P paradiesisch in sich vereinigte, bis sie von den neidischen Schöpfern in zwei Hälften geteilt wurde, die seither, ohne sich je wieder miteinander verbinden zu können, ständig auf der Suche nacheinander sind.
Auf der Karte wird dieser Umstand dadurch illustriert, dass die Vertreter der Liebenden in heller und dunkler Hautfarbe dargestellt sind. In der Mitte sehen wir den schwarzen König, der sich mit der weißen Königin vereint. Beide sind in herrschaftliche Gewänder gehüllt. Die Kleider des Bräutigams korrespondieren mit dem Kaiser (Schlangenmuster), die der Braut mit der Kaiserin (Bienenmuster), ein verbindendes Symbol, das darauf hinweist, dass das Suchbild des die Seele »ergänzenden« Menschen im Spiegelbild des Partners verankert werden will. Sie reichen sich die Hände und sind bereit und willens, sich zu vereinen.2 Andererseits ist es so, dass die Körper der beiden Liebenden mitsamt den Armen zur Ausrichtung der Köpfe etwas verdreht erscheinen. Die Leiber stehen sich gegenüber, aber die Köpfe sind zur Seite gegen eine riesige, mit einer Kutte und einer Kapuze gewandete Gestalt gedreht, so als wollten sie uns sagen, dass sie weniger den Partner, sondern mehr das Bild des anderen im Visier haben, das ihnen das mächtige Unbewusste suggeriert. Denn nur dieses weiß, dass die normale Liebe nicht wirklich befriedigen kann. Der weise Begleiter steht in ganz realem Sinne auch als Vermittler zwischen Bewusstem und Unbewusstem, für das Motiv der Verwandlung und Erlösung jenseits von Gut und Böse. Nur die mystische Vereinigung, die heilige Hochzeit, trägt die Voraussetzung in sich, die Menschen über sich hinaus- und damit ins Liebesparadies zu führen.3
Das bedeutet, in der Karte drückt sich die Anziehung der Gegensätze aus oder das Verlangen nach einem ergänzenden Partner, der uns die verlorene Einheit wiederbringen und uns zur Ganzheit zurückführen soll. Das bedeutet aber auch, dass wir – wenn wir erkennen, dass die innere Unvollständigkeit immer dazu neigt, sich mit den übertragenen Bildern aufzufüllen – zu tiefen, uns selbst überwältigenden Erfahrungen gelangen können. Die Wechselständigkeit oder Über-Kreuz-Verbindung der beiden Protagonisten (schwarzer König mit Goldkrone, Silberstab und weißem Knaben, weiße Königin mit Silberkrone, goldener Schale und schwarzem Buben) ist ein Zeichen für das Aussöhnen von Konflikten und die Vereinigung von Gegensätzen, da das Königspaar die bewussten Kräfte, die Kinder jedoch die unbewussten Energien ausdrücken.4 Interessant ist auch: Die unbewussten Kräfte in den Kindern (versinnbildlicht durch Keule und Rosen) reichen sich im Gegensatz zu den Erwachsenen nicht die Hände, sondern sie verbinden sich über die bewusste Vereinigung des Königpaars, und erst durch die vierfache Vereinigung in der Hochzeit (Mann und Frau, Mann und Anima, Frau und Animus, Anima und Animus) geschieht die alchemistische Verwandlung, die durch das Orphische Ei mit der Schlange angezeigt wird. Dieses Ei repräsentiert die Essenz aller Lebensformen, die Grundlage der heiligen Hochzeit und dient wiederum als Zeichen für den Zugang zur Ganzheit durch Vereinigung der Gegensätze. Vielleicht versteht Crowley darunter nicht die ursprüngliche Einheit der unbewussten Natur, sondern die differenzierte Einheit, die auf den römischen Dichter Ovid zurückgeht, zu der die beiden Hälften, die zuerst getrennt wurden, als der Mensch sich durch sein Bewusstsein von den Tieren zu unterscheiden begann, nach langer und schwieriger Suche nach dem jeweils anderen Teil in der menschlichen Psyche gelangen. Darin verbinden sich die Polaritäten der Geschlechter zu einer einzigen Gestalt, und das entspricht auf der geistigen Ebene dem Transzendieren der Gegensätze der Erscheinungswelt. Das heißt: Jeder der beiden gegengeschlechtlichen Aspekte des Paars, die der Partner als Animus oder Anima reflektiert, entbrennt in einer Liebesflamme zum anderen, die genauso heftig ist wie das Bedürfnis, selbst mit diesem Aspekt (in sich) in Verbindung zu treten.3





