Akrons Crowley Tarot Führer

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Farben: Bernstein, Kastanienbraun, sattes helles Rotbraun, dunkles Grün-Braun (Liber 777)
Tierkreis: Krebs (Buch Thoth). Krebs ist das Haus des Mondes und symbolisiert den Rückzug in die innere Gefühlsnatur bei einer gleichzeitig nach außen gerichteten Triebstruktur.
Kurzbeschreibung: Der Wagen ist eine sehr interessante, magische Karte, der man ihre Ressourcen nicht auf Anhieb zutraut. Wir sehen die Frontansicht eines Ritters in bernsteinfarbener Rüstung, der einen (ruhenden) Wagen besetzt hält, der im Begriff steht, von vier Sphingen gezogen zu werden, wenn sie sich über die Zielrichtung klar geworden sind. Über dem Gefährt spannt sich ein Baldachin und der Wagenlenker hält einen Gegenstand in der Hand, der mit dem Loch in der Mitte an eine alte Vinyl-Scheibe erinnert. Im Gegensatz zu anderen Kartendecks ist der Lenker im Thoth Tarot sitzend dargestellt. Diese Symbolik ist der entscheidende Punkt, den diese Karte von anderen jugendlichen Helden unterscheidet: Nur der in meditativer Ruhe verharrende, nicht in nutzlose Streitereien verwickelte Kämpe ist in der Lage, das Große Werk zu verrichten, denn nur in der Selbsterkenntnis findet sich der heilige Gral. Im Sieg über sich selbst lenkt er nicht nur seinen persönlichen Wagen, sondern dirigiert das ganze Universum durch seinen überpersönlichen Willen. Die spirituelle Beherrschung der Kräfte führt ihn zu seiner magischen Absicht: Welterkenntnis wird umgesetzt in umsichtiges Handeln, bewusstes Tun manifestiert sich in Selbstbewusstheit.
Analyse
Normalerweise wird der Wagen als junger, kriegerischer Mann charakterisiert, behelmt und von Kopf bis Fuß bewaffnet, der aus Abenteuerlust, Durchsetzungswille und Wagemut in die Welt hinaus zieht. Vom Wunsch nach Freiheit beseelt, versucht er alles Einschränkende aus dem Weg zu räumen, denn jede Auseinandersetzung bietet ihm die Chance, Dinge durcheinander zu bringen und Gewohnheitsmuster zu zerstören, wodurch immer wieder neue Perspektiven der Entwicklung und der Erkenntnis auftauchen. In anderen Decks steht die Karte für die eigensinnige Autorität des Ichs, das in die Welt hinauszieht, um sich zu behaupten. Ein egoistischer Kern ist für einen jungen Menschen ein äußerst notwendiger Bestandteil der menschlichen Psyche, und wenn das Ich, wie es häufig geschieht, nicht stark genug ist, so ist es von äußerster Wichtigkeit, es aufzubauen. Erlösung durch tiefe Erkenntnis, wie sie Crowley im Wagen propagiert, wäre im traditionellen Sinn hier falsch, denn das junge Ich empfindet den Abstieg ins Unbewusste weniger als Selbstaufopferung oder spirituelle Aufgabe, sondern als Vernichtung.
Doch bei Crowley liegt der Schwerpunkt dieser Karte auf dem Gral: Dies ist das Geheimnis des Heiligen Grales, der das heilige Gefäß unserer Dame ist, des Scharlachweibes, Babalons, der Mutter der Greuel, der Braut des Chaos, die auf unserem Herrn, dem Tier, reitet.1 Der meditierende, in sich versunkene Wagenlenker in seiner mächtigen Goldrüstung steht für einen Gralskrieger oder Samurai, der sich durch seinen medialen Geist und seine fernöstliche Kampftechnik ausdrückt. Über ihm der Baldachin in der nachthimmelblauen Farbe von Binah. Der Krebs auf dem Helm verbindet den Wagen über den Mond (Herrscher von Krebs) mit der Hohepriesterin, denn auf der Rüstung des Wagenlenkers befinden sich die zehn Sterne von Assiah, das Erbe des Himmlischen Taus von seiner Mutter.2 Aber auch mit dem Hierophanten, denn als Symbol der Großen Mutter Binah repräsentiert der Meditierende den zu Geburah führenden achtzehnten Pfad, durch den das Wasser der Gnade auf die Libido des Menschen herabströmt, genauso wie es auf der anderen Seite des Lebensbaums der Hierophant mit dem Feuer seiner Imaginationen tut, das er von Chokmah hinab nach Chesed leitet.1 Zusammen bilden sie den Rahmen der Persönlichkeit, den C. G. Jung das Selbst nannte, denn Feuer und Wasser stehen für das Ziel der Alchemisten, deren spiritueller Sinn die Entwicklung der Reife des menschlichen Geistes darstellt. Auf der psychologischen Ebene sind sie auch ein Symbol für die Verschiebung oder den seelischen Wandel des heranwachsenden Menschen, wenn er sich von der Mutter löst und sich stattdessen auf das Innewerden der eigenen Bewusstheit und Persönlichkeit ausrichtet, die so viel tiefer in den Kosmos als das oberflächliche Ego reichen. Die konzentrischen Kreise im Hintergrund sind ein Symbol für die Relativität der Zeit, denn, obwohl Wagen, Lenker und Zugtiere in meditativer Stille sind und die ganze Szene völlig zum Stillstand gekommen erscheint, drückt die Karte auch im ruhenden Zustand noch immer ein gewaltiges Kraftpotential aus und eine Stimmung von Aktivität, Aufbruch und Bewegung. Zeit erscheint nur deshalb als Zeit, weil wir sie immer mit einem Ereignis verbinden und dabei die Veränderung dieses Ereignisses betrachten, also den (Zeit-)Punkt, durch den sich das Ereignis bewegt. Der Gral wird vom Wagenlenker mit der Öffnung nach vorne gehalten, also so, dass wir in den Kelch unserer Herrin Babalon hineinsehen können. Es handelt sich um einen prächtig geschliffenen Amethysten. Der Inhalt des Kelches wird aber auch das Blut der Meister des Tempels in der See von Binah genannt.2
So ist der Lenker des Wagens in der Lage, den Kelch zu halten, die Kraft, die in ihm wirkt, gewissermaßen zu meistern. Damit ist ihm ein magisches Werkzeug der Macht in die Hand gegeben. Gleichzeitig ist diese Verbindung ein Symbol für den Menschen, der seine Mitte im Einklang mit dem höheren Selbst gefunden hat. Aus der Sicht des Ganzen könnte man auch mutmaßen, der Wagen drücke über die Eroberung und Durchsetzung hinaus schon die zukünftige Stimme um Vergebung aus, eine Art »erinnerte Zukunft«, die sich auf das ausrichtet, was der junge Mensch am Anfang seines Weges alles anrichten muss, um später im Alter daraus seine Erfahrungen und Weisheiten ziehen zu können. Man könnte auch sagen: Er hat zu einer Unschuld der Reife zurückgefunden, oder: Es ist der zukünftige Vater, der für seine jugendliche Unreife die Verantwortung übernimmt. Diese Reinwaschung des aufbrechenden Helden durch den Gral bedeutet schon die Vorwegnahme der (zukünftigen) Erlösung, und deshalb müsste man den Wagen vielleicht treffender als VII – Die Einweihung oder das (vorweggenommene) Karma des Kelch-Ritters charakterisieren.3
Wohin führt uns der Wagenlenker? Das Visier seines Helms ist heruntergeklappt, denn kein Mensch darf sein Gesicht sehen und weiterleben. Das zentrale und bedeutsamste Merkmal dieser Karte befindet sich in ihrem Zentrum – der Heilige Gral.3 Damit bringt Crowley seinen Helden mit dem Mythos der Gralsritter in Verbindung, die die Menschen, von denen sie gerufen werden, sofort verlassen müssen, wenn sie ihnen die verbotene Frage nach ihrer Herkunft stellen. Andererseits muss Parzival unerlöst in der Welt herumziehen, weil er es versäumt hat, die richtige Frage zur rechten Zeit zu formulieren. Ähnlich wie der Held der Artussage muss unser Wagenlenker vor seiner Siegesfahrt nun warten und erst meditieren, um die richtige Frage zu stellen bzw. die richtige Antwort zu finden, kurz: um das richtige Ziel zu »beabsichtigen«.4 Es geht aber nicht darum, Fragen zu stellen oder Antworten zu finden, sondern die richtige Haltung auf dem Wagen einzunehmen, damit sich die Sphingen in Bewegung setzen und die stehenden, roten (Schicksals-)Räder in Schwung bringen. Zwei der vier Wesen haben sich vom Leben abgewandt und blockieren den Weg. Das bedeutet, dass es in der Erinnerung des Helden noch etwas zu lösen gibt, das seine Weiterentwicklung behindert. Die beiden anderen Gestalten verkörpern die helle, dem Leben zugewandte Seite (sie blicken dem Betrachter direkt in die Augen), und der Umstand, dass die Köpfe und Körper aller vier untereinander vertauscht sind, bedeutet, dass sie doch untrennbar zusammengehören, denn es ist die notwendige Versöhnung dieser beiden Teile, die den Weg des Helden ausmacht.5 Der Krebs als Symbol intuitiver Weiblichkeit schließlich krönt das Haupt und ist ein schönes Gleichnis für die spirituelle Erkenntnis, dass Menschen ihre tiefsten Einsichten immer dann haben und Entscheidungen treffen, wenn sie am wenigsten daran denken. Deshalb steht der Wagen auch für den unbewussten Willen, den nächsten Schritt des Weges zu wagen, ohne sich über die Folgen im Kopf bewusst zu sein.
Weiterführende Bemerkungen

1 Der Wagen repräsentiert den von 3 Binah (Große Mutter) zu 5 Geburah (Umwälzung) führenden Pfad. Auf diese Weise korrespondiert der Wagen mit dem Hierophanten, der auf der gegenüberliegenden Seite des Lebensbaums das Feuer von 2 Chokmah (Energie) nach 4 Chesed (Verdichtung) leitet. Chokmah ist die bewusste, unterscheidende und männliche Kraft. Sie entspricht der Rippe Adams, aus der Gott Eva oder Binah schuf. Chesed symbolisiert die in den Raum austreibende Form, während Geburah für die Umwälzung steht. Wenn wir wissen, dass die waagrechte Achse zwischen Chokmah und Binah den männlichen Geist mit der Himmelsgöttin vereint, dann können wir sehen, dass der Hierophant die universale Kraft des Geistes zu verdichten sucht (von 2 nach 4), während der Wagen das Leben durch Bewegung und Umwälzung zu verändern strebt (von 3 nach 5).
Fassen wir zusammen: Der junge Held ist auf dem Lebensbaum die Spiegelung des alten Priesters, da sich diese beiden Karten exakt gegenüberliegen. Der Hierophant lässt seine schöpferische Vision von Chokmah nach Chesed strömen, während der Wagen die feurige Libido von Binah nach Geburah bringt. Gemeinsam mit Tiphareth und Kether bilden diese vier Punkte Crowleys heiliges Hexagramm. Er notiert: Stoße von der Höhe herab, O Gott, und verbinde Dich mit dem Menschen. Stoße von der Höhe herab, O Mensch, und verbinde Dich mit dem Tier. Das Rote Dreieck ist die herabsteigende Zunge der Gnade; das Blaue Dreieck ist der aufsteigende Zug des Gebets.4

2 Crowley schreibt: Das zentrale und bedeutsamste Merkmal dieser Karte befindet sich in ihrem Zentrum – der Heilige Gral. Er ist aus reinem Amethyst, der Farbe des Jupiters; doch seine Gestalt weist auf den Vollmond und den Großen See von Binah hin. In seiner Mitte ist strahlendes Blut und weist auf das geistige Leben hin; das Licht in der Dunkelheit. Ferner sind diese Strahlen in drehender Bewegung und betonen das Jupiter-Element im Symbol.5
Das Zentrum der Kreise, der rote Punkt in der Mitte der Karte, ist gleichzeitig Zentrum des ganzen Bildes sowie Zentrum des Grals, und was an eine Scheibe erinnert, die der Wagenlenker in Händen hält, ist der mit der Innenseite dem Beobachter zugewandte Kelch, in dessen Tiefe sich die alchemistische Substanz wie ein Flammenrad dreht.

3 Crowley erläutert das so: Der Ritter der Kelche ist in eine schwarze Rüstung gekleidet, die mit schimmernden Flügeln versehen ist. In seiner rechten Hand hält er einen Kelch, aus dem ein Krebs hervortritt, das kardinale Zeichen des Wassers, ein Symbol der Angriffslust.6 Beide Karten haben also nicht nur den Gral gemein, sondern auch den Krebs, Symbol für das weibliche Wissen, der beim Wagen in der geistigen Absicht (goldener Helm = Scheitelchakra) liegt und beim Ritter als emotionales Ziel, das er in der eigenen Hand vor sich herträgt, existiert. Unterschwellig besitzt der Gral aber auch eine (verdrängte) sexuelle Note. Die Mythen um Parzival und den Heiligen Gral hängen tiefenpsychologisch mit der Überwindung sexueller Verstrickungen aus unaufgearbeiteten Mutterbindungen zusammen (Amfortas Wunde durch Klingsors Schwert symbolisiert die sexuelle Verführung durch Kundry). Bei Wolfram von Eschenbach können wir das Umschiffen dieser Klippe entweder durch Verzicht und Entsagung oder dann wenigstens durch Annahme der Schuld und Hinnahme des Schicksals nachlesen: Die aber des Grales Waffen tragen, die müssen Frauenlieb entsagen7. Auf seine alles entscheidende Frage: Wem dient der Gral? erhält Parzival die Antwort: Der Gral dient Gott! So ist er ein Symbol der ewigen Kraft, die uns durchfließt, die Suche nach dem (höheren) Selbst. Wer sich also auch dem dunklen Aspekt des Ewigweiblichen zu nähern sucht, um den dahinter liegenden Gral zu erreichen, muss rein und unschuldig in der Seele sein. Kundry, die Parzival auf der Schwelle zwischen Schuld und Erlösung erscheint, ist die Ahnin, die die Geheimnisse seelischer Innenräume berührt und die Tiefenbilder alter (Kastrations-)Ängste in der kollektiven Seele auslöst, die aus dem Brunnen der Mütter steigen, in den schon Faust hinabgestiegen ist, um den Ungeheuern zu begegnen: den Schattenanteilen des verdrängten Weiblichen, das gleichzeitig die Basis allen Lebens ist.
Crowley fährt fort: Wenn diese Karte (Ritter der Kelche) schlecht aspektiert oder gestellt ist, verwandelt sich sein Charakter ins Sinnliche, Wollüstige, Eitle, Träge und Unwahrhaftige. Er neigt zu einer schlechten Handhabung all seiner Angelegenheiten; und sein Leben wird eine ununterbrochene Aufzeichnung von Fehlschlägen und Unglücksfällen sein. Oft endet er in Schizophrenie und melancholischem Wahnsinn.8 Denken wir an Ödipus, eine andere Verkörperung der Verbindung dieser beiden die Vermählung zwischen den Gegensätzen Feuer und Wasser fördernden Karten. Erst gerät er in Streit mit dem Lenker eines Wagens, der ihm nicht schnell genug ausweichen kann, und tötet ihn, ohne zu wissen, dass es sein Vater ist. Später begegnet er vor den Toren Thebens der Sphinx, einem geflügelten Ungeheuer, halb Jungfrau und halb Löwe, die jedem Reisenden ein Rätsel aufgibt und ihn auf der Stelle zerreißt, wenn er es nicht zu lösen vermag. Ödipus vermag den dunklen Sinn zu entschlüsseln, und die Sphinx stürzt sich von ihrem Felsen in die Tiefe. Zum Dank für die Befreiung der Stadt bekommt er die verwitwete Königin zur Frau und damit seine eigene Mutter, die ihm vier Kinder gebärt. Erst als Ödipus die Wahrheit entdeckt und sich die Augen aussticht, wird er zum (inneren) Seher und wandert erlöst über die Schwelle ins unbekannte Land hinaus, das den normalen Blicken verschlossen bleibt. Das symbolisiert der Gral, den der Wagenlenker in Händen hält.
4 Bevor er losfährt, bekommt er in der königlichen Waffenkammer den goldenen Helm mit dem eingebauten Funksender verpasst, der ihm die Bitte der Göttin Sei du Hadit, mein geheimes Zentrum, mein Herz und meine Zunge!9 beständig ins Ohr trägt. Der mächtige Krebs auf dem Helm ist genauso wie die zehn Sterne von Assiah das Erbe und der Segen seiner Mutter. Denn trotz Amethyst und schwerem Panzer fühlt er sich unter Menschen etwas unsicher und allein. Deshalb ist er froh, wenn er seine Augen schließen und mit seiner Stimme in Kontakt bleiben kann. Sein »medialer« Kampf ist ja nicht der, den anderen zu besiegen oder gar zu erschlagen, sondern ihm auf die Frage Wem dient Gott? die richtige Antwort zu geben: Unserer Lady Babalon oder, im keltischen Sinn, der Mutter Natur! Deshalb führt ihn sein Weg über die bedingungslosen Erkenntnisse zum notwendigen Sieg (Binah – Geburah).
5 Die vier Sphingen stellen die vier Cherubim dar, die aber nicht als individuelle Einzelerscheinungen, sondern als Konglomerate zerstückelter und willkürlich wieder zusammengewürfelter Einzelteile in Erscheinung treten. Jedes Zugtier setzt sich also aus je einem Teil der vier Cherubim zusammen – und das geht so: Alle Wesen werden in je vier Teile zergliedert (Kopf, Oberkörper, Gliedmaßen, Flügel) und alle Teile untereinander in allen möglichen Kombinationen wieder zusammengefügt. Das ergibt in der Summe 16 mögliche Varianten, was den 4 x 4 Unterelementen entspricht. Dies zeigt die ständige Fluktuation des Lebens (der Gral ist auch ein Symbol der Rotation) und korrespondiert mit der Zuordnung von Elementen und Hofkarten.10

Andere Verbindungen
– Psychologische Zusammenhänge –
Wenn also, wie in der letzten Karte angekündigt, nichts schief gegangen ist, besteigen wir jetzt den magischen Wagen Agape und Thelema, Liebe und Willen, denn die spirituelle Reise führt uns allmählich zu den Schwellen der Anfänge der Ausprägung unserer eigenen Persönlichkeitsteile. Vielleicht ist es an dieser Stelle wichtig zu sagen, dass die dem Ich schmeichelnden Karten wie Magus oder Wagen in den meisten Decks ein bisschen zu positiv abgehandelt werden, als dass wir sie ganz ohne Missbehagen betrachten können. Interessanterweise ist das bei Crowley, der normalerweise gerne heldenhafte Ich will-Affirmationen in seine magischen Botschaften mit einstreut, anders. Bei ihm ist der Wagen kein Trumpf, der aus der Position der inneren Schwäche (Pubertät) alles angreift, was seinen Weg kreuzt, sondern eine Karte, die den Hauptdarsteller tief in sich versunken über die eigenen Beweggründe meditieren lässt – eine für einen Siegeswagen sehr reife, spirituelle Haltung. Das zeigt, dass der Realist und der Visionär in Crowley tiefer in ihm verwurzelt waren als der Prahlhans und Egomane. Das heißt aber nicht, dass er nicht auch ab und an über die Stränge schlägt – denn dafür handelt es sich beim Wagen ja trotz aller östlichen Kampftechniken um einen durchsetzungswilligen Krieger. Einen Krieger, der aber für seine eigenen Ziele auch eine gewisse Verantwortung übernimmt, und nach ein paar kräftigen Schnabelhieben nach allen Seiten hin schon bald nach einem harmonisierenden Zustand zukünftiger Ausgleichung verlangt, um nicht in einem Zustand kreativen Chaos, libidinöser Unreife und schöpferischer Unruhe stecken zu bleiben.
Der Weg des individuellen Willens
Beginnen wir von vorn: Der Wagen ist die dritte Karte, die sich auf den Willen bezieht, und im klassischen Tarot gibt es wohl keine bessere Darstellung als diesen Trumpf, um die Unbeugsamkeit der persönlichen Absicht zu demonstrieren. Der Magus benutzt den Willen zur Flucht aus dem Paradies, der Kaiser zur Errichtung seiner Herrschaft und der Wagen steht für den jungen Mann, der in die Welt hinauszieht, um dem Vater seine Tapferkeit zu beweisen. Er macht sich auf, um als Prinz der junge König zu werden, der an der Seite einer noch zu entdeckenden Königin das alte Königspaar stürzen und erlösen will.11 Das könnte eine Erklärung dafür liefern, warum der Lenker seine Taten nicht durchdenkt und mit jugendlichem Größenwahn Hindernisse oft unterschätzt. Denn wenn er in Wirklichkeit den Zwist, das Scheitern, die Zerstörung sucht, um einerseits an seiner Erfahrung wachsen und sich andererseits am Vater rächen zu können, indem er durch sein Scheitern auch dessen Macht schwächt – wie soll er da nicht scheitern wollen, wenn er dadurch das erreicht, was ihm in seiner Entwicklung nützt? So sieht es zumindest, was wir gerne verdrängen, die Evolution – die natürlichen Entwicklungsschritte in der menschlichen Natur. Das bedeutet aber auch: Der Wagenlenker verkörpert die Rebellion gegen patriarchalische Gewalt, den aktiven Animus, der den alten Herrscher stürzt und mit der Mutter schläft, die pubertäre Phase der Suche und der Selbstfindung. Der Sohn will, ja muss vom Vater bestraft werden, damit er sich in einem Akt der Rache für die Bestrafung durch den Vater über diesen erheben und sich dadurch von ihm ablösen kann. Er muss den Vater ins Unrecht setzen, damit er ihn dann gerechtfertigt umbringen kann. Man könnte es etwas überspitzt auch andersherum sagen: Ein guter Vater wünscht sich, von seinem Sohn besiegt zu werden, damit dieser seinen Platz einnehmen und er seine von den Vorvätern geerbte Macht an ihn weitergeben kann.
(Advocatus Diaboli)

Der Weg des höheren Selbst
Wenn der Magus die ans Licht sprudelnde Quelle symbolisiert, aus der der Mensch seine Ziele schöpft, dann sind die Liebenden die mit den Quadern der Sehnsucht gepflasterte Fata Morgana oder Rue d‘illusion, auf der sich die roten Wagenräder der Libido drehen. Selbst wenn uns der jugendliche Draufgänger als eine etwas über ihr wirkliches Format hinaus aufgeblähte Gestalt erscheint, so sind die Liebenden die Duft- oder Leuchtspur, die im Gralskelch vor der Droschke aufgespannt worden sind. Das bedeutet mitunter auch: Dass da einer ist, der – solange er noch keiner anderen Frau begegnet ist, die die Projektion seines Archetypus in sich trägt – den alten Vater stürzen muss, weil er mit seiner Mutter schlafen will. So zumindest würde es der Anwalt des Teufels formulieren.
Der Wagen heißt, sein Ich-Sein anzunehmen und es gegen das So-Sein der anderen abzugrenzen und zu verteidigen, damit es über die Auseinandersetzungen mit der Umwelt seine eigene Entwicklung vollzieht. Dass sich dieser Schritt meist über Zwist und Streit abspielt, mag nur dem bedauerlich erscheinen, der die Verhaltensmuster der menschlichen Art verdrängt (ironischerweise könnte man behaupten, dass der Wagen gezwungen ist, sich durchzusetzen, da die Idee des Sieges ja das einzige ist, was ihm vom Paradies geblieben ist). Deshalb wird der Wagen ständig in äußere Auseinandersetzungen verstrickt, die einem größeren Ziel entsprechen, und damit unwissentlich zu einem Teil jener schicksalhaften Schöpfungskraft, die den Ursache-Wirkungs-Kreislauf am Laufen hält. Jede Auseinandersetzung bietet eine neue Chance, Dinge durcheinander zu bringen und Gewohnheitsmuster zu zerstören (damit sich der Wagen durch den Zwist und die folgende Harmonisierung der durcheinander gewirbelten Kräfte immer wieder ein Stück weiterbewegt), was laufend neue Perspektiven von Entwicklung und Erkenntnis zum Vorschein bringt. Hinter dieser Wirkung können wir den Einfluss der Karte X – Glück oder Schicksalsrad erkennen, die die Veränderung der Welt über die individuelle Perspektive menschlicher Ziele antreibt. In diesem Sinne sollte man die großen Räder auf dem Bild auch als Schicksalsräder bezeichnen, da Crowley die Triebkarte des pubertierenden Ego als Radnabe (= VII – Das um sich selbst kreisende Ich) aus einer etwas hintergründigeren, tieferen Sichtweise interpretiert.
Deutungen
Auf der Alltagsbühne, also in der Kampfbahn von Impuls und Energie, verkörpert der Wagen eine ungeheure Antriebs- und Willenskraft. Doch es läuft nicht immer so glatt nach unseren Wünschen. Oft verstehen wir die Ziele selbst nicht, die wir anstreben, da wir nicht über die Zusammenhänge verfügen, über die unser höheres inneres Selbst verfügt. Die Verbindung zwischen Willen und Bestimmung funktioniert nicht immer so, wie wir uns das vorstellen, dann nämlich, wenn wir als Wagenlenker mit unseren Instinktkräften, den Zugtieren, nicht im geistigen Einklang sind. Leider neigen wir auch dazu, ab und an kopflos und voreilig zu handeln, ohne uns über die Auswirkungen unserer Taten im Klaren zu sein. Andererseits ahnen wir den Weg und verstehen es auch, die rechten Mittel zur rechten Zeit am rechten Ort einzusetzen, was oft zu einem – zeitlich begrenzten – Feuerwerk führt. Manchmal führen wir auch Krieg um des Krieges willen, was unseren Selbstwert im Moment ein bisschen steigert und den Energiepegel etwas anhebt, aber nie lange anhält, da die fauchend entzündete Flamme eines schnellen Feuerstosses schnell wieder zusammenbricht. Trotzdem wirkt sich diese Karte in der Regel am Ende positiv aus, denn es geht darum, die richtige innere Haltung zu finden, die sich in einen siegreichen Kampf überträgt. Es ist nicht das krampfhafte Wollen, das uns ehrt, sondern das Gefühl, ganz genau herausfinden zu wollen, was uns wirklich weiterbringt, der Glauben an die eigene Kraft und Fähigkeit, die uns zu unseren Zielen hinträgt. Es geht also darum, bei allen gesellschaftlichen Aktivitäten und Neuanfängen zu prüfen, inwieweit sie mit unseren Zielen identisch sind.





