Akrons Crowley Tarot Führer

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beide, ihre Götter und ihre Menschen, sind Narren.
Liber 7776 und weitere Korrespondenzen
Wahrheit, Lachen, Lust: Der heilige Narr des Weins! Zerrissen der Schleier, lüsterner Wahnsinn ist sublime Erleuchtung.
Titel: Der Geist von Äon
Bild: Ein bärtiger Alter im Profil
Zahl: 1, 1000, 111 (ausgeschrieben)7

Buchstabe: Aleph/ALPh = A (Ochse, Pflug). Das ALPh bildet das Ochsenjoch ab bzw. eine Pflugschar mit phallischer Bedeutung.8
Pfad: Aleph, der 11. Pfad am Baum des Lebens. Er führt von Kether nach Chokmah. Kether ist die Einheit jenseits aller Widersprüche, und Chokmah ist die positive, männliche Kraft.
Götternamen: AIN, AIN SOPH, AIN SOPH AUR
Götter: Hoor-pa-Kraat ist der Narr des Tarots, Nuit ist die Göttin des Firmaments und der ägyptische Amon ist der Gott der Fruchtbarkeit
Gottheiten: Dionysos, Pan, LASh TAL, Harpokrates, Morpheus, griechischer Gott des Schlafes, oder der über den Wassern schwebende Geist Gottes
Mythen: Garten Eden = Adam vor dem Sündenfall bzw. das Urchaos vor dem Schöpfungsmythos; Parzival, der Reine Thor, der im Narrengewand auszog, um am Ende seiner langen Reise zum Gralskönig zu werden (vgl. Ritter der Kelche, S. 307)
Symbole: Äther, Regenbogen, Sintflut, Seelenwanderung, Uroboros, Wiedergeburt (Doppelhelix als Zeichen der Übertragung von Erbanlagen)
Kultstätten: Erdspalte der Phythia in Delphi; die Aachquelle im Hegau (wasserreichste und Hauch des Lebens für alle Dinge; weitere Götter: Juno, Göttin der Luft, Aeolus, Gott der Winde, Pan oder der rauschhafte Bacchus
Pflanze: Die Espe gleicht der Luft durch ihr Zittern
Krafttiere: Adler (oder auch der Mensch als Kerub der Luft), Ochse – die tatsächliche Bedeutung von Alef
Edelstein: Topas ist das reine, transparente Gelb der Luft
Wesen: Sylphen
Dämon (Qlipoth): Die Synthese aller Dämonen: Leviathan – der große rote Drache mit sieben Köpfen und zehn Hörnern (diese Zuordnung entspricht nicht dem Liber 777)
Magische Kräfte: Weissagung
Magische Waffen: Der Dolch oder der Fächer
Parfüm: Mutterharz (Galbanharz)
Droge: Pfefferminz
Geomantie: Luftige Dreiheit
Gematrische Korrespondenzen
1: Die mystische Zahl von Kether, der ersten Sephira am Lebensbaum
111: Ein Name Gottes (AChD HVA ALHIM), Ochse, Geschlecht, AVM, tiefe Dunkelheit, Hinterhalt, Unglück, Finsternis, täglich, Decke, Schleier, Tuch, Ungerechtigkeit, Brandopfer, wunderbar, ungewöhnlich sein, rätselhaft Karstquelle Deutschlands – das Wasser versinkt aus der Donau bei Immendingen und kommt nach 14 Kilometern Fahrt durch Labyrinthe unterirdischer Hohlräume im Aachtopf wieder zum Vorschein)
Ritual: Nichts-Tun (im Gegensatz zum kontrollierten Nicht-Tun – vgl. XI – Das Universum)
Sabbat: 29. Februar (für Kinder auch der 1. April)
Kraftsteine: Rheinkiesel, Wasseropal
Räucherwerk: Opium, Narkotikum (die betäubenden Dämpfe aus der Erdspalte des Orakels von Delphi, die die Priesterin Phythia auf ihrem Dreifuß in Trance versetzten)
Malerei: Grüner Cherub von Ernst Fuchs
Musik: Rheingold-Ouvertüre von Richard Wagner. Beim Es-Dur-Akkord ohne Modulation und akkordischen Wandel stellt sich das embryonale Gefühl ein, irgendwie aus der Zeit hinauszutreiben, das Bild des Urchaos, das sich aus dem Nichts bildet.
Schrift: Sibyllinisches Orakel (Sammlung von 14 Büchern von Weissagungen in dunkler Vieldeutigkeit)
I – Der Magus

Tu was Du tust!
Der Vater des Willens, der Wille zur Tat; Hermes, der Trickser, der ägyptische Thoth
Astrologie: Sonne/Merkur in Widder. Sonne im Sinne von Kraft und Ausstrahlung, Merkur im Hinblick auf Wendigkeit und Geschicklichkeit.
I Ging: 1 Kiân – Das Schöpferische
Rune: Fehu (Vieh) ist die erste Rune und repräsentiert die individuelle Ausformung des Nichts (die Idee an der Schwelle zur materiellen Verwirklichung).
Licht: Antrieb, Impuls, Lebenskraft (Wille zur Tat: Ich will!)
Schatten: Aggressivität, Egoismus, Machtmissbrauch, Streit
Farben: Gelb, Lila, Grau und Indigo mit violetten Strahlen (Liber 777)
Planet: Merkur = Symbol für Willen, Wissen und Wort, durch die die Welt erschaffen wurde (Buch Thoth)
Kurzbeschreibung: In erster Linie ist der Magus der Träger des Hermesstabes: ein Symbol für die Kraft, die Welt nach seinem eigenen Willen zu gestalten (Thelema ist das griechische Wort für höherer Wille, also um das, was ich will, mit dem, was getan werden muss, in Übereinstimmung zu bringen). Daher gefällt er sich hier als Hermes oder Merkur in der Rolle eines kleinen Schöpfers, der den Urknall nochmals »nachschöpft« oder nachvollzieht und mit verklärt-verschmitztem Gesicht die Welt aus seinem Hut zu zaubern versucht, kurz: Der Magus verdichtet und manifestiert die Idee. Aus diesem Grund stellt die Karte auch das Wort oder den Logos dar, der die geistige Welt oder zumindest die aktuellen, sich laufend verändernden Ausbildungen des Zeitgeists schafft, der die Grenzen vorgibt, innerhalb derer sich das Individuum im gesellschaftlichen Fokus entwickeln kann.
Analyse
Crowley zeigt uns den Magus als eine goldene Gestalt mit einem Flügelpaar an den Füßen, der im Gegensatz zum »hängenden« Narren wie eine Primaballerina auf dem Berg der Dualitäten balanciert.1 Dieser tanzende Schelm schöpft sich mit einem Lächeln im Gesicht eine scheinbare Welt nach seiner eigenen Vorstellung, was auf einer anderen Ebene auch dem Griff nach dem Paradiesapfel entspricht: Wenn du den Apfel isst, wirst du wie Gott, versprach die Schlange. Und sie hat nicht zu viel versprochen. Jeder Mensch wurde zwar zu Gott, doch weil es plötzlich zu viele Götter gab, die sich gegenseitig bekriegten, wurden die evolutionären Systeme seither auf raffinierte Verteidigungsstrategien fokussiert, um die vielen »Magier« gegenseitig in Schach zu halten. Anders herum formuliert: Da sich jedes Ego als kleiner Gott herauskristallisiert, der sich sein eigenes Paradies geschaffen hat, haben wir zum Schluss Milliarden kleiner Götter in ihren paradiesischen Superstar-Vorstellungen, die von den gemeinsamen Zielen gerade durch die gleichen Ziele der anderen getrennt sind.

Doch zur Karte zurück. Am unteren Rand sehen wir den blauen Strahl der Erkenntnis, der den spitzen Kegel, auf dem der Magus wippt, erst senkrecht durchläuft, dann durch seinen Körper strömt und ihm als ein von den Uräusschlangen, den königlichen Schlangen Ägyptens, umwundenes Zepter aus dem Scheitel(-Chakra) dringt. Dieser stilisierte Caduceus oder Merkurstab, in dem Crowley den ägyptischen Einfluss (Tahuti oder Thoth) mit dem griechischen (Hermes) verbindet, ähnelt den im ägyptischen Symbolismus gebräuchlichen Hadit-Schwingen, eine geflügelte Scheibe, die uns noch mehrfach beschäftigen wird. Zusätzlich hat er das ägyptische Auge des Horus mit der Friedenstaube als Symbol christlicher Erleuchtung kombiniert. Damit bekommen wir einen ersten Vorgeschmack auf die Verbindung Taube-Schlange, die ein wichtiges Element in der Crowley’schen Überlieferung darstellt.1 Diese multikulturelle Verschmelzung assoziiert die unterschwellige Sehnsucht nach dem Göttlichen, denn trotz aller egoistischen Querelen und Winkelzüge strebt das Ich nach Verschmelzung und Entwicklung, was sich nicht zuletzt in den Fußfesseln zeigt, deren Musterungen mit denen der Schlangen auf seinem Kopf identisch sind.2 Auch die mächtigen (Jugendstil-)Flügel an den Fußgelenken, die die nur mühsam gehaltene Balance unterstreichen, sind interessant. Sie zeigen, dass der Magus zwar alle »beflügelnden« Erkenntnisse zu haben glaubt, diese aber selbst nur an den überlieferten kollektiven Prägungen kleben (was die instabile Gestalt fixiert und im Gleichgewicht festhält) und selbst keine eigene Wahrheit beinhalten. Obgleich er ahnt, dass er am Ende genauso klug wie vorher ist: Der jugendliche Held muss lernen, diesen Apparat, wenn nicht zu beherrschen so doch wenigstens zu bedienen, wenn er in der Welt etwas bewirken will. Die zu einem geometrischen Netzwerk angeordneten goldenen Fäden im Hintergrund, die sich in der Karte der Hohepriesterin zum Schleier der Isis verdichten, zeigen das Konstrukt der kollektiven Vorstellung und der menschlichen Kultur, die der Homo sapiens in Tausenden von Jahren entwickelt hat.
Mit dem Stab erzeugt Er.
Mit dem Kelch erhält Er.
Mit dem Dolch zerstört Er.
Mit der Scheibe erlöst Er.2

Um ihn herum fliegen oder tanzen die magischen Werkzeuge herum, die da sind: Stab, Kelch, Dolch, Scheibe sowie das geflügelte Ei als Symbol für das fünfte Element, wie Crowley bemerkt. Sie sind Zeugnisse für das Inventar, mit denen er seine Leere mit Sinn füllen kann. Der Pfeil über der Hand steht für Ausweitung und Erkenntnisdrang, Schreibgriffel und Schriftrolle für die Gabe, Wissen festhalten und vergleichen zu können. Das Zepter mit Phönixkopf (Was-Zepter) neben seiner Hand illustriert das Wunder der sich immer wieder erneuernden Kraft, die den ganzen Kosmos beseelt, und das Triebwesen im Untergrund, das schäumend vor Zorn und blind vor Wut von unten rechts ins Bild drängt, verkörpert die oft auf der Merkurebene verloren gegangene Instinktnatur. Der erwachte Schatten sieht, dass das Werk des Magiers nicht vollkommen ist, solange er die Triebnatur auszuschließen versucht, deshalb wird er den Magus im Verlauf seiner Reise, bis er reif und weise geworden ist, noch das eine oder andere Mal schmerzhaft damit konfrontieren.3

Urteil der Götter
Jeder Mensch ist eine Manifestation des Universums und trägt die Summe aller Möglichkeiten genauso in sich, wie er selbst aus der Summe aller dieser Möglichkeiten geschaffen ist: Ergo ist der Magus das sich aus sich selbst heraus schöpfende Potential, das sich grenzenlos ausdehnen kann, da es gleichermaßen Schöpfer wie Geschöpftes, d. h. sein eigenes Universum oder Universum für sich selbst ist.
Einspruch des Advocatus Diaboli
Wenn der Narr der noch formlosen Leere entspricht, verkörpert der Magus das Feuer des Antriebs und den Spiegel des Selbstbildes. Steht die Hohepriesterin für die spirituelle Weisheit und die Sehnsucht nach den Seelengründen, symbolisiert der Magus den Willen, der beginnt, sich ein Bild von sich selbst zu machen. Im Grunde ist er der zwischen die vorangegangene und die nachfolgende Karte eingepferchte Geist, der sich gezwungen sieht, ein eigenes Wissensinventar zu erstellen, um den beiden nebulösen Wächtern zu entkommen. Vergeblich! Zwar verbindet ihn Crowley mit den vier (apokalyptischen) Reitern unserer abendländischen Kultur: dem Willen, der Weisheit, dem Wort und dem Logos, aus deren Zauberhüten wenn nicht die Welt, so doch zumindest unsere Vorstellung von der Welt erschaffen wurde, was sich zu dem ausgewachsen hat, was wir heute haben. Und doch: Im Grunde beruht der Wille des Magus auf den Verdrängungen der Visionen des Narren, und die Hohepriesterin ist die Quelle, die die Erkenntnisse des Magus durch ihre Ahnungen ergänzt.
Weiterführende Bemerkungen


1 Frieda Harris zeichnete ursprünglich drei verschiedene »Magier« für das Deck, bevor sich Crowley für die vorliegende Version entschied. Deshalb existieren neben dem eigentlichen Magus noch ein weißer oder Flügelschrauben-Magier, so genannt wegen seiner Körperhaltung, und ein schwarzer oder Schatten-Magus, eine Bezeichnung, die auf den großen Schatten der dunklen Gestalt hinter ihm herrührt. Alle drei Karten sind sowohl mit ägyptischen wie mit griechischen Symbolen bestückt. In den neuen Decks sind diese Unikate nicht mehr erhalten.
Von den dreien ist der Flügelmutter- oder Swastika-Magier, wie ihn Eingeweihte nennen, der einzige, der sich in Bewegung zeigt. Seine Körperhaltung ähnelt einer Schraube mit flügelförmigen Ansätzen, mit der er sich in die hinter ihm liegende Midgardschlange, ein im Weltmeer lebendes, riesenhaftes dämonisches Wesen, das in der germanischen Mythologie die zwischen Totenreich und Himmel liegende Welt umschlingt, hineindreht (oder – umgekehrt – die Schlange als Symbol des Schattens auf die Realitätsebene hinauszieht). Sein Haupt wird ebenfalls von zwei Uräusschlangen geschmückt und ebenso thront über ihm die geflügelte Sonnenscheibe von Hadit. Unter ihm erhebt sich Hanuman, der hinduistische Toth3, der sich vor die Weltenschlange schiebt, und rund um die Karte sind die Symbole der Kleinen Arkana drapiert, Stäbe, Kelche, Schwerter und Scheiben.

Der Schatten- oder Schwarzmagier hat acht Arme und Hände, mit denen er allerlei Symbole und Ritualwerkzeuge festhält. Hinter ihm erscheint ein riesiger Schatten, der die Form eines Gorillas angenommen hat. Es ist seine eigene, personifizierte Dunkelheit, die sich abgespalten und hinter ihm ins Grenzenlose ausgedehnt hat, denn als Manifestation des Universums trägt er die Summe der Schatten genauso in sich, wie er selbst aus der Summe seines Lichtes geschaffen ist. Über seinem Kopf schwebt, wie bei allen älteren Decks, die Lemniskate, das Zeichen der Unendlichkeit, und aus seinen Schultergelenken, an denen je vier dünne Ärmchen befestigt sind, entströmen Magnetfelder, Symbole der geistigen Kraft, die die Grenzen regiert, innerhalb derer sich ein menschliches Individuum entwickeln darf. In neueren Decks sind diese Karten, wie schon gesagt, leider nicht mehr enthalten. Auch wenn man einräumen mag, dass der offizielle Magier sich wahrscheinlich am besten ins Set einfügt, so sei doch auch festgehalten, dass die beiden anderen Karten in ihrer ergänzenden Aussagekraft, ihrem Symbolgehalt und künstlerischen Ausdruck nicht zu unterschätzen sind.
2 Das bedeutet auch: Er hat noch einen weiten Weg vor sich, bevor er in der Karte XXI – Das Universum auf dem Kopf der Schlange reiten kann.

3 Es ist wichtig zu wissen, dass die Libido im ersten Lebensdrittel ungehindert in unseren bewussten egoistischen Willen einfließen sollte. Ziel des Helden ist es, seine eigenen Wünsche um jeden Preis in den Mittelpunkt seiner persönlichen Ausrichtung zu stellen. Der Mensch auf der Ebene des Magus ist deswegen nicht schlecht, sondern es geht einfach darum, den Weg zu sich selbst über die Verwirklichung der eigenen Wünsche und die ausschließliche Ausrichtung auf die persönlichen Ziele zu finden. Im Laufe des Weges (= Lebens) verändert sich die Energie und das Ganze stellt sich später normalerweise größtenteils umgekehrt dar. Auf der Ebene des Eremiten geht es beispielsweise um die Situation, die Selbstbezogenheit des Ich bin! und die naive Anmaßung der Jugend zugunsten der reiferen Erfordernisse des Selbst zu zähmen, da jeder Sieg des Ichs um die Beibehaltung der Herrschaft innerhalb der Persönlichkeit für die Entwicklung der Psyche eine Niederlage wäre.
Die Unklarheiten mit den drei Magiern
Für besonders große Verwirrung sorgten die drei Magier, die zu dem nunmehr aus 80 Karten bestehenden Crowley-Tarot gehörten, das 1986 als druck- und fototechnisch erheblich verbesserte Neuauflage erschien. Das Rätselraten über mögliche Bedeutungen und über die geheimnisvolle Herkunft der zwei »neuen« Magier führte zu recht fantasievollen Erklärungen: Von den drei Magiern, die dem Stern von Bethlehem folgten bis zu dem schwarzen Magier, dem weißen und dem dritten, der die Polarität in sich vereinigt. Möglich ist aber auch eine profane: Als Werner Ganser, damaliger Besitzer des Urania-Verlags und Initiant für die Neuauflage, im Warburg Institute in London die Originalzeichnungen betrachtete, stellte er fest, dass dort 80 Karten ausgestellt sind. Lady Frieda Harris hatte seinerzeit drei Entwürfe für die Karte des Magiers gemalt, von denen Crowley jedoch nur einen akzeptierte. Da aber auch die beiden anderen von eindringlicher Symbolkraft waren, schlug Werner Ganser vor, die zwei Karten dem Tarotdeck als Sammlerstücke beizufügen und es dem Käufer zu überlassen, sich seinen Magier auszuwählen.4
Der ehemals »kalifornische« O.T.O., der von dem inzwischen verstorbenen Grady McMurtry (Caliph Hymenaeus Alpha) wieder belebt wurde und heute von seinem Nachfolger William Breeze (Hymenaeus Beta, Frater Superior) in New York geleitet wird, erhob Einspruch und untersagte der Kartenfirma das weitere Drucken der beiden »falschen« Magier. Nach jahrelangem Hin und Her akzeptierte die AGM schließlich den O.T.O. als Crowleys rechtmäßigen geistigen Erben, nicht zuletzt, um einen aufwändigen Rechtsstreit mit unsicherem Ausgang in den USA zu vermeiden. Seitdem erhält die Caliphats-Linie nicht nur Tantiemen an den Harris-Karten, sondern hat auch das Monopol hinsichtlich der Farbgestaltung, Kartentitel oder, wie in diesem Fall, innerhalb der Publikation der drei Magier. Das ist auch der Grund, warum es seit der neuen Druckausgabe von 2004 nur noch einen Magus gibt.
Die AGMüller schrieb einem Kunden, der sich nach den fehlenden Magiern erkundigte, folgende Begründung:
Aleister Crowley Thoth Tarot®
Vielen Dank für den Kauf des von uns publizierten »Aleister Crowley Thoth Tarots«. Wenn Sie das heutige Deck mit einer früheren Edition vergleichen, werden Sie feststellen, dass zwei Magier durch zwei andere Extrakarten ersetzt wurden. Die beiden zusätzlichen Magier wurden auf Betreiben des Ordo Templi Orientis (O.T.O.), der Erben Crowleys, entfernt. Der O.T.O. begründet dies wie folgt:
Der Grund, warum mehrere Ausführungen der Magus Karte existieren ist der, dass es bei den beiden überzähligen Karten um zusätzliche Entwürfe handelt, die vom Designer, Aleister Crowley, aber verworfen wurden. Diese waren für eine Einfügung in das Deck niemals vorgesehen, und so kehrten wir zum einfachen Magus zurück, um der Intention des Autors Rechnung zu tragen. Wir schätzen die künstlerische Ausführung der anderen genauso, doch diese Entscheidung haben wir nicht zu treffen. Wir konnten feststellen, dass eine erstaunliche Anzahl von Tarot-Einsteigern Versuche unternommen hat, mit drei Versionen einer Karte zugleich Divination zu betreiben.
Wir hoffen, wir konnten Ihnen die Situation näher erläutern, und wünschen Ihnen, dass Sie die Arbeit mit Ihrem Crowley Tarot genießen werden. Freundlichst, AGMüller
Auch Lon Milo DuQuette, führendes O.T.O.-Mitglied und bekannter Buchautor, bläst ins gleiche Horn: Es ist nicht im Entferntesten vorstellbar, dass Crowley 24 Trümpfe oder ein Deck mit 80 Karten schaffen wollte. Bei jeder dahingehenden Theorie oder Behauptung würde er sich im Grabe umdrehen, außerdem zeigt so etwas krasseste Unkenntnis Crowleys und des Buches Thoth. Crowley ließ nur eine Magier-Karte zur Aufnahme ins Thoth Tarot zu. Es ist diejenige, deren Abbildung im Buch Thoth wiedergegeben ist und zugleich der einzige Magus, der in neueren Decks vertrieben wird. (…) Also Schluss mit dem Gerede von den Drei Weisen!5
Es gibt aber auch ganz andere Meinungen: Diese nachfolgende, interessante esoterische Betrachtung verdanken wir Harald Schulze-Theiler aus Münster, der sich in seinem Buch »Judas und sein Sohn Ger« in tiefgründigster Weise mit esoterischer Symbolik befasst und dabei eindrucksvoll auf das Vorhandensein von zwei unsichtbaren Tarotkarten schließt. Zwar bezieht sich Harald Schulze-Theiler strikt auf den seiner Meinung nach einzig richtigen Tarot: die Oswald Wirth Karten in der Version von Elisabeth Haich. Er kommt nun in Analogie zu den »Drei tollen Tagen«, in denen wir uns seinem Weltkalender zufolge befinden, zu dem Schluss, dass es sich bei den fehlenden Karten um zwei weitere Narren handeln muss. Dennoch lässt sich seine Grundüberlegung sehr wohl auf die drei Magier in dem heutigen Crowley-Tarot übertragen. Die Quintessenz seiner Überlegungen ist stark vereinfachend verkürzt folgende: Die allen alten Zahlensystemen innewohnende Methodik läuft auf ein 24er System hinaus, von dem jedoch oft genug 10 % unsichtbar sind. So spiegelt zum Beispiel die astronomisch exakt berechnete Dauer eines Weltzeitalters (Fische-, Wassermannzeitalter etc.) von 2160 Jahren nur 90 % der »Wirklichkeit«. Es sind »tatsächlich« 2400 Jahre, von denen eben 10 % = 240 unsichtbar sind (2400 - 240 = 2160). Ebenso gab es eigentlich immer schon 24 Karten der Großen Arkana, von denen jedoch 10 % (das sind abgerundet 2 Karten) unsichtbar waren. So betrachtet wäre das Auftauchen dieser zwei verborgenen Karten ein Phänomen, das sehr gut in eine Zeit passt, in der vieles von dem, was jahrhundertelang strengster Geheimhaltung unterlag, in das Licht der Öffentlichkeit tritt.6
Wir sind bei der Gestaltung des Akron-Tarots7 selbst von ähnlichen Überlegungen ausgegangen und haben die Anzahl der Trümpfe durch die beiden neuen Karten Die schwarze Göttin und Das dunkle Kind ebenfalls von 22 auf 24 erweitert, wenn auch aus anderen Gesichtspunkten. Aber was wissen wir schon über die Beweggründe eines Mannes, bei dem tiefste Gedanken und Ironie und Spott sich so ansatzlos die Türklinke in die Hand gaben. Beispielsweise hat einiges, was Crowley über den Magus schreibt, wenig mit der offiziellen Karte gemein: Die andere Form des Thoth stellt ihn vorrangig als Weisheit und das Wort dar. In seiner rechten Hand trägt er den Stilus (Schreibgriffel) und in seiner Linken den Papyrus.8 Von den drei Magiern kommt für diesen Sachverhalt allein der »Herr mit dem Gorilla im Rücken« in Frage, denn er ist der einzige, der diese Utensilien mit sich führt. Und auch die von Crowley mit Christus in Verbindung gebrachte Fisch-Symbolik wird durch den Griffel allegorisch dargestellt, denn wir sehen, wie der Stilus mit seinem Ende wie eine Harpune im Maul des Fisches steckt. Crowley schreibt: Eine Hälfte des Fischsymbols ist sowohl Christus wie Merkur gemeinsam; Fische sind dem Merkur heilig.9 Auch die expressiven Schilderungen in Der Herr der Illusionen verweisen eher auf den Schatten-Magier, denn keine der beiden anderen Karten kommt für diese Aussagen in Frage: Es ist die Gestalt des Magus aus dem Tarot; in seiner Rechten die Fackel mit emporlodernden Flammen; in seiner Linken ein mit Gift gefüllter Becher, ein Wasserfall in die Hölle.10



