Akrons Crowley Tarot Führer

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Dem Wunsch des Verlages, die beiden umstrittenen Trümpfe, wenn schon nicht als zusätzliche Karten, so doch zumindest als perforierte Seiten auf dickerem Kartenmaterial in dieses Buch aufnehmen zu wollen, damit der interessierte Leser die Wahl hat, den bevorzugten Magier aus dem Buch heraustrennen zu können, erteilte William Breeze alias Hymenaeus Beta einen abschlägigen Bescheid:
I have no objection to the inclusion of the two variants so long as they are clearly identified in Akron‘s text as having been rejected by AC and Harris, and they are reproduced at a different size from the various printed decks, don‘t have the backs of the cards printed on the other side, and are on the regular book paper (not card stock). I don‘t see why they should be perforated, unless the idea is to let people take them out of the book to use them as cards, which I could never approve. The perforation just seems an unnecessary expense otherwise.
Best Bill11
Weitere Unklarheiten

Crowleys alchemistische Irritation
Crowley schreibt: Merkur stellt das Handeln in all seinen Formen und Phasen dar. Er ist die fluidische Grundlage aller Übertragungen der Tätigkeit; und in der dynamischen Theorie des Universums ist er selbst dessen Substanz. Er stellt somit die ununterbrochene Schöpfung dar.12 Somit wäre der Magus der erste alchemistische Trumpf, da er für das alchemistische Element und Prinzip des Merkurs steht. Nur sagt Crowley auch: Der Kaiser ist eine der wichtigeren alchemistischen Karten; mit Atu II und III bildet er die Dreiheit: r Schwefel,NMercurius oder Quecksilber und y Salz.13
Somit hat er das merkursche Quecksilber sowohl dem Magus wie der Hohepriesterin zugeteilt. Was also nun? Versuchen wir, aus Crowleys Unschärfe eine Tugend zu machen und denN sowohl aus männlicher wie aus weiblicher Sicht zu beschreiben. Man könnte sagen, wenn der Ndes Magus das Handeln in all seinen Formen darstellt, dann steht derNder Hohepriesterin für das Handeln vor dem Handeln, sozusagen als Idee des Handelns oder als zukünftige, zu beabsichtigende Tat.

Der solare Merkur(ius)
Wenn der Magus die ans Licht sprudelnde Quelle an Wissen und Erkenntnis darstellt, die sich in allem, was sie denkt und fühlt, nur immer auf sich selbst bezieht, dann verkörpert die Hohepriesterin die unterirdische, unbewusste Wasserzufuhr tief auf dem Grund der Seele. Das heißt: Der Magus kann die Hohepriesterin nur indirekt wahrnehmen, wenn er akzeptiert, dass es in der Tiefe noch jemanden anderen geben muss, zu dem er sich in Beziehung setzen kann. Wie soll es ihm aber gelingen, seinem geheimnisvollen Gegenpol, aus dem er schöpft, einen Namen zu geben, da sich die Kraft der Hohepriesterin ja nicht in die Bildhaftigkeit seiner Formzwänge integrieren lässt? So sehr sich sein Bewusstsein auch müht, allem, was er entdeckt, seinen Stempel aufzudrücken und es zu einer Errungenschaft des eigenen Weges zu erklären, indem er es benennt und damit zum aktiv erschaffenden Pol einer Dualität zu machen versucht, versagt er stets, wenn es gilt, die unbewusste Kraft zu benennen und mit der Schöpferkraft zu fließen. Er versucht sie ständig zu kontrollieren, obwohl sie es ist, die ihn dirigiert und vorwärts treibt. Deshalb erscheint ihm der lunare Merkur14 oft im Traum, damit er das solare Bewusstsein ohne Störungen des Ego befruchten kann. Somit ist die Hohepriesterin wohl am treffendsten beschrieben als die abstrakte, nicht zu personifizierende Idee des Gegenpols, das Prinzip eines Gegengewichts zu den solaren Kreationen des Magus, um den Plan von dieser unserer, aus Polaritäten geschaffenen Welt zu vervollständigen.
Deutungen
Im beruflichen Alltag ist das eine sehr kräftige und aktive Karte. Der Magus redet nicht lange herum, sondern langt auch schon einmal hin und handelt, wenn es geboten ist. Sein Spiel heißt Leben und durchsetzen und ist ein echtes Konditionstraining für seinen Willen, denn es verschafft ihm den Nervenkitzel des Lebenskampfes und gleichzeitig wird seine Durchsetzungskraft gestärkt. Dabei strebt er stets nach einem Zustand aggressiver Kräfteentladung, denn am stärksten fühlt er sich, wenn er den Stier bei den Hörnern packen kann. Dadurch werden alle Herausforderungen gemeistert und allfällige Widerstände unterdrückt, denn durch seine mit einer ungestümen und direkten Hau-drauf-Methode kombinierte geistige Wendigkeit erkennt er sofort, an welcher Stelle er noch überzeugende Argumente nachschieben muss. Im täglichen Leben zeigt diese Karte nicht nur ein blindes Vertrauen in die Richtigkeit unseres Willens, sondern oft auch das unschuldige Staunen über die Folgen der Kraft unserer eigenen Handlungen. In finanziellen Dingen ist uns das Hemd oft näher als die Hose, denn wenn wir den anderen über den Tisch ziehen, kann man nicht sagen, dass wir in allen Einzelheiten Herr über die Auswirkungen unserer Taten sind. Wenn jeder andere noch darauf wartet, dass eine neue Situation auf ihn zukommt, machen wir im Bereich unserer Frage bereits den nächsten Schritt. Doch der Schatten ist nicht weit: Wir packen zwar die Dinge meist ohne Umschweife an, aber wenn wir irgendwo feststecken und nicht mehr weiterkommen, dann verlieren wir schnell unser Interesse und wenden uns anderen Geschäften zu.
In der Liebe kommt der Magus meist schneller zur Sache, als dies im alten Knigge nachgeschlagen werden kann, denn wenn ein Magier seinen direkten, auf schnelle Eroberung ausgerichteten Charme versprüht, galoppieren die »Pferde aus dem Stall«. Mit der Triebkraft der Begeisterung vermag er jeden zu entzünden und mit sich in den Liebesolymp zu nehmen, der seine Vorstellung berührt, also das Bild, wie er sich vorstellt, dass der andere zu sein hat. Dabei wird der Partner nicht nur an die Kette seiner charismatischen Anziehung gelegt, sondern auch als Ventil für explosive Experimente benutzt. Schließlich fühlt sich das Feuer des Magus einzig seiner impulsiven Leidenschaft verpflichtet und wird dabei höchstens noch von seinem überschäumenden Optimismus übertroffen. Schwäche oder Mitleid entlocken ihm nur ein Lächeln, denn er lebt nach dem Motto: Selbst ist Mann oder Frau!

Der Magus in der Magick
– Tiefergehende Erkenntnisse –
Der 3. Aethyr
Crowley beschreibt auch den »schwarzen Magier«, den er 1909 zusammen mit Victor Neuburg in der Sahara beschwor bzw. mittels eines goldenen Topases »bereiste«. John Symonds, sein Biograf, notiert: Crowley war sein eigener Seher. Wenn es irgendwelche Engel zu betrachten gab, wollte er sie selbst sehen, und nicht via Neuburg. Als Kristallkugel benutzte er seinen goldenen Topas. Meistens hielt er ihn in seiner Hand. Nachdem er sich einen Ort gesucht hatte, wo jede Störung ausgeschlossen schien, nahm er den Stein zur Hand, rezitierte den Schlüssel und ließ den Topas eine ähnliche Rolle spielen wie den Spiegel in »Alice im Wunderland«, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die gerufenen Geister anwesend waren. Er konnte in dem Topas nicht nur Engel sehen, sondern auch in den Stein eindringen, was Crowley wiederum so kommentiert: Ich hatte gelernt, mich nicht mehr mit den Reisen per Astralkörper herumzuärgern. Ich erkannte, dass der Raum nicht ein Ding an sich war, sondern lediglich eine brauchbare Kategorie von vielen, mit deren Hilfe wir Objekte voneinander unterscheiden. Wenn ich also sage, dass ich mich in einem Aethyr befand, meine ich damit einfach den seiner Natur angemessenen und angepassten Zustand.15
Crowley schreibt: Ich sehe die Gestalt des Magus aus dem Tarot; in seiner Rechten die Fackel mit emporlodernden Flammen; in seiner Linken ein mit Gift gefüllter Becher, ein Wasserfall in die Hölle. Und dieser Magus vertreibt, durch die Macht seiner vier Waffen, Schleier auf Schleier; tausende leuchtender Farben, den Aethyr zerreißend; es ist wie der Anblick von schartigen Sägen, oder wie abgebrochene Zähne im Antlitz eines jungen Mädchens, oder wie ein Riss, oder Wahnsinn (…) So blicke ich in den Stein und erschaute den sechsfältigen Stern; der gesamte Aethyr war wie aus lohfarbenen Wolken, wie die Flamme eines Ofens. Und dort ist eine mächtige Schar von Engeln, blau und golden, die ihn bedrängen, und sie rufen: Heilig, Heilig, Heilig bist Du, der Du unerschüttert von den Erdbeben und dem Donner bist! Das Ende aller Dinge ist auf uns herab gekommen; der Tag des Sei-Mit-Uns ist nahe! Denn er hat das Universum erschaffen, und er hat es besiegt, auf dass er seine Freude daran haben möge. Und nun, im Zentrum des Aethyrs, erblicke ich jenen Gott. Er besitzt tausend Arme, und in jeder Hand ist eine Waffe von schrecklicher Macht. Sein Antlitz ist schrecklicher als der Sturm, und aus seinen Augen brechen Blitze von unerträglichem Glanz hervor (…) Unter seinen Füßen ist das Königreich und auf seinem Haupt die Krone. Er ist Geist und Materie; er ist Friede und Macht; in ihm ist Chaos und Nacht und Pan, und durch Babalon, seine Konkubine, die ihn vom Blut der Heiligen trunken machte, das sie in ihrem goldenen Becher auffing, hat er die Jungfrau gezeugt, die er nun entjungfert. Und so steht es geschrieben: Malkuth soll erhoben und auf den Thron von Binah gesetzt werden. Und dies ist der Stein der Weisen, der als ein Siegel auf den Grabstein des Tetragrammaton gesetzt ist, und das Elixier des Lebens, destilliert aus dem Blut der Heiligen, und das rote Pulver, gemahlen aus den Knochen Choronzons.
Und kommentiert es gleich: Dies ist Mayan, der große Magier, der über Beth (Pfad 12) die Dyade erschaffen und so die Konzeption des Gegensatzes und von da des Bösen ermöglicht hat. Er muss von Chokmah, dem schöpferischen Merkur, unterschieden werden, der als Logos die Essenz Kethers übermittelt, damit Kether für ihn selbst durch Binah verständlich wird. Der niedere Merkur dagegen behauptet die Dyade als eine Realität und verleugnet Kether und das Ain gleichermaßen.16
Liber 77717 und weitere Korrespondenzen
Das Wort der Weisheit spinnt der Lügen Netze, vermählt unverminderbare Unendlichkeiten.
Titel: Der Magus der Macht
Bild: Ein blonder Jüngling mit geflügeltem Helm und geflügelten Schuhen entfaltet seine Kunst
Zahl: 2, 412 (ausgeschrieben)

Buchstabe: Beth = B/BITh (Haus, Sprache). Hier verdichtet sich das Unsagbare zur Aussage
Pfad: 12 von Kether nach Binah. Seine Stellung im Lebensbaum wird durch Binah als noch nicht formuliertes Verstehen angezeigt.
Göttername: AZBVGH
Götter: Thoth und sein Begleiter Cynocephalus, merkurische Götter, oft in Paviangestalt dargestellt, oder Ophiel, der Geist des Quecksilbers (später Stein der Weisen); im hinduistischen Vishnu oder der Affengott Hanuman, Sohn des Windgottes Vayu, nach anderen Überlieferungen auch der Sohn von Shiva
Pflanzen: Eisen-, Bingel-, Marienkraut, Palme, Limonellenbaum, Linde
Krafttiere: Schwalbe, Ibis, Affe, Zwillingsschlangen
Edelsteine: Opal, Achat
Wesen: Hexen, Zauberer, geisterhafte Stimmen
Dämonen (Qlipoth): Samael, der falsche Ankläger (hundeköpfige Dämonen mit einer die Logik der Menschen verwirrenden Energie)
Magische Kräfte: Wunderheilungen, mentale Beeinflussung, magisches Wissen
Magische Waffe: Caduceus
Parfüm: Mastix, weißes Sandelholz, Muskat, Storax, alle flüchtigen Gerüche
Droge: Gehirnreizmittel
Geomantie: Oktagramm
Gematrische Korrespondenzen
2: A.A. (Abkürzung für ARIQ ANPIN, der Alte der Tage, alttestamentarische Götterbezeichnung und Titel Kethers), Haus, Wohnung
12: Raum, Haus, Palast, Besitz, Familie, königliches Geschlecht, das Innere, Tempel, Jesus Gott (Jeheshuah Alhim), Wunsch, Lust
Gottheiten: Hermes Trismegistos, Thoth (Ägyptischer Merkur)
Mythen: Urknall = Ursprung der Schöpfung = Menschwerdung; Adam nach dem Sündenfall oder Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte
Symbole: Blitz, Feuer, Sturm, Phallus
Kultstätten: Hermupolis Magna (geheimnisvolle altägyptische Ruinenstätte bei Al Aschmunain); Amenophis-Tempel in Luxor (Tempel des Menschen)
Ritual: Initiation
Sabbat: Frühlingsbeginn
Kraftstein: Goldglänzender Pyrit (Schwefeleisenerz)
Räucherwerk: Lorbeer, Ginseng, Muskatblüte
Malerei: Die Schöpfung von William Blake
Musik: Und Gott sprach: Es werde Licht! (Einleitung Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde aus Die Schöpfung von Joseph Haydn)
Schrift: Corpus Hermeticum (die alchemistische Bibel von Hermes Trismegistos)
II – Die Hohepriesterin

Das Mysterium des Weiblichen mit seinen vielen Namen ist das verborgene Geheimnis, das sich jeder menschlichen Erkenntnis entzieht.
Alma Mater, Matris Spirituale, Göttin und Priesterin der Nacht
Astrologie: Skorpion-Mond im 12. Haus. Der Mond als Ausdruck unseres lunaren Bewusstseins, Skorpion als Zeichen der Macht des Unbewussten und Haus 12 als Mysterium des Unfassbaren.
I Ging: 2 Kun – Das Empfangende
Rune: Uruz (Urquell oder die Quelle von Urd, an der die Nornen die Schicksalsfäden spinnen) ist die zweite Rune und bedeutet die hinter der Form verborgene Idee.
Licht: Intuitive Erkenntnis, spirituelle Reife, Weisheit der Mütter; das innere Auge oder der Weg, der zu den Geistern der Wasser und den Quellen der Träume hinunterführt
Schatten: Realitätsflucht, Lebensangst, Fata Morganen (Schneewittchens vergifteter Apfel)
Farben: Blau, Silber, kaltes Blassblau, Silber mit himmelblauen Strahlen (Liber 777)
Planet: Mond (Buch Thoth). Der sich auf der Wasseroberfläche spiegelnde Mond symbolisiert die Idee, die sich in der Form reflektiert.
Kurzbeschreibung: Die Karte stellt die Hohepriesterin als die spirituellste Form des Femininen dar. Ihre Verbindung am Lebensbaum (Kether-Tiphareth) schenkt uns eine direkte Verbindung zwischen dem Göttlichen in seinem höchsten Aspekt und dem Leben in seiner vollkommensten Manifestation. Sie ist der Kelch, in den der Magus sein Leben gießt, denn als Priesterin der Nacht verkörpert sie das sphärisch Kreisende, das sich um das Linear-Eindimensionale legt, als empfangender Schoß, in den das Feuer der Intuition seinen Samen ergießt. Spirituell verkörpert sie die tiefe Erkenntnis und die innere Vision, die den Menschen den Kontakt mit seinen göttlichen inneren Wurzeln fühlen lässt, und zusammen mit dem Magus bildet sie die Schaltstelle zwischen der Idee (Interpretation des Geistes) und deren Einbindung in die Form (Begrifflichkeit des Fleisches). Ihre offenen Arme umfassen die Seele, ihr Schoß birgt das Geheimnis des Leibes und ihre Strahlenkrone ist ein Symbol der höchsten Einweihung. Sie ist die Brücke zwischen dem Kosmos und seinen himmlischen Bewohnern, und unter ihrem geheimnisvollen Schleier findet die Erweckung des höheren Menschen durch seinen heiligen Schutzengel (Holy Guardian) statt.
Analyse
Während sich der Magus nach Gestaltung und Ausformung des Willens sehnt, geht das Streben der Hohepriesterin in die Tiefe. Sie drückt die unbewussten Wünsche der Seele aus, deren Assoziationsgeflechte strickmusterförmig im Unbewussten aufgespannt sind, was der feine Maschendraht aus Lichtstrahlen anzeigt. Die opalisierende Gestalt, die dahinter erscheint, befindet sich sozusagen an der Schwelle zum Nichts, in das der Mensch seine Vorstellung projiziert, und verkörpert die geheimnisvollen Träume und die vergessenen Geschichten, die aus der Tiefe von Zeit und Raum wieder ins Bewusstsein der Vorbeiziehenden steigen.1 Aber sogar dann, wenn wir ihre Empfindungen in uns spüren, können wir sie nur schlecht nachvollziehen, denn sie drückt sie in einem verquasten Assoziationsschleier aus, der mehr an die Rätsel der Sphinx, das Orakel zu Delphi oder die drei Hexen in Macbeth erinnert. Das liegt darin, dass wir uns durch unser nach außen gerichtetes Bewusstsein in vielen Teilen von der instinktiven Weisheit der Natur abgeschnitten haben und deshalb kein Ohr mehr für diese inneren Botschaften der rechten Gehirnhälfte aufbringen. Aber in gewissen Fällen, wenn rationale Werkzeuge versagen oder aus Kurzsichtigkeit oder Verblendung unheilvolle Schritte eingeleitet werden wollen, kann es geschehen, dass sich der Geist der Göttin plötzlich in uns erhebt. Wenn sich der Mensch seiner Unzulänglichkeiten schöpferisch bewusst werden kann und seine Seele gegen jeglichen Versuch rebelliert, sich durch binäre Kalkulationen manipulieren zu lassen, schlägt die Stunde der Hohepriesterin. Dann kann es geschehen, dass wir einem dunklen Hinweis aus den Tiefen des Unbewussten folgen, ohne uns über die Beweggründe klar zu sein. Diese Botschaft ist mit Notwendigkeit dunkel und unergründlich, denn es ist klar, dass, wenn wir diese Karte ziehen, unsere mentale Kontrolle im Bereich der von uns gestellten Frage nicht mehr greift.1
Die geheimnisvolle Erscheinung mit dem sphärischen Schleier atmet aber auch das silberne Licht des Mondes ein und aus. Interessanterweise unterstellt ihr Crowley das alchemistische Element und Prinzip des Merkurs: Er ist die fluidische Grundlage aller Übertragungen der Tätigkeit, so schreibt er, und in der dynamischen Theorie des Universums ist er selbst dessen Substanz.2 Damit bezieht sich Crowley wohl mehr auf den unbewussten Seelenführer, den Psychopompos: Merkur ist der von Kether zu Binah – dem Verstehen – führende Pfad; und daher ist er der Botschafter der Götter, er repräsentiert genauestens den Lingam, das Wort der Schöpfung, dessen Sprache das Schweigen ist.2 Letztlich können wir das Heiligtum der Göttin nur kraft unserer Träume und Visionen betreten, denn ihr Mysterium kann nicht durch die Führung des Verstandes, sondern nur im mutigen Eintauchen in die unergründlichsten inneren Seelenebenen erreicht werden. Das zeigt uns der Bogen auf ihrem Schoß, die Waffe der Diana. Er ist nicht gespannt. Das bedeutet, das Ziel, das wir ansteuern, wird durch Kontemplation und zielgerichtete Versenkung erreicht, nicht durch äußere Aktivität und Hektik. Auch der obere Teil des Lichtschleiers, den sie zwischen ihren Händen geöffnet hält, ist ein Symbol für die Erlebniswelt der Seele, die dem Reisenden offen steht. Wenn das Maschennetz mehr die oberflächlichen Ziele der Seele repräsentiert, dann zeigt die halbkreisförmige Öffnung das Tor, durch das man in die eigene Illusion eintreten und sich damit mit dem Fluidum oder dem Geist hinter dem Bild der Hohepriesterin identifizieren kann.3 Denn das Licht, welches das mit einem nach oben geöffneten Lichtstrahlenkranz gekrönte Haupt der Göttin umhüllt, ist nicht nur eine Manifestation des ewigen Geistes, sondern auch ein schützender Filter, in dem sich nur die eigenen Erwartungen reflektieren. Auch das Unendlichkeitszeichen (Lemniskate = liegende Acht), das sie wie eine Brille vor ihren Augen trägt, ist mehr ein Spiegel für den Blick des Betrachters, denn wenn der Mensch der Göttin wirklich in die Augen sehen könnte, dann müsste er erblinden. Aus der Sicht des Beobachters steht die Lemniskate für die Beschreibung der Welt, die sich je nach Verschiebung des Fokus verändert, durch dessen Linse er die Karte betrachtet. Deshalb ist alles, was er in ihr sieht, nicht die Priesterin, sondern die Projektion seiner eigenen Vorstellung, der Göttin hinter dem Schleier begegnen zu wollen. Damit assoziiert sie sich mit jener illusionsschaffenden Energie, Maya genannt, die über die innere Gestaltungskraft verfügt, um sich in allen Bildvorstellungen zu inkarnieren, und schenkt ihm das intuitive Empfinden, dass alles, was er wahrnehmen kann, letztlich nur ein unbedeutender Bruchteil jener Träume ist, die für Kaiser oder Hohepriester unentwirrbar bleiben müssen, damit sie sich in ihrem Zwang nach Kontrolle nicht frustrieren.
Die um den unteren Bildrand gruppierten Symbole (Früchte, Blumen, Samenschoten) liegen vor dem Schleier der Isis und sind daher als in Erscheinung tretende Dinge schon manifestiert. Sie zeigen das innere Wachsen und Reifen der Seele, in der alle kollektiven Erlebnisse gespeichert sind, die »zukünftige« Vergangenheit oder die kommende Erahnung, die sich beispielsweise auch in Trümpfen wie Glück, Stern, Mond oder Æon niederschlagen. Dabei ist die Hohe Priesterin das kollektive Assoziationsmuster in der Tiefe der Seele, das mysteriöse Sehnen, unbewusste Erinnerungen ins Licht unseres Bewusstseins zu heben. Das Kamel, das am unteren Bildrand schreitet, ist eine Erinnerung an den hebräischen Buchstaben Gimel (Kamel), ein Verbindungsglied zwischen der geistigen Welt (Kether) und der Welt der realen Formen (Tiphareth). Dieser Pfad liegt in der Mitte des Lebensbaumes und wird von den Eingeweihten der Durchgang in die Stadt der Pyramiden genannt:
Im Wind des Geistes entsteht die Turbulenz namens Ich.
Sie zerbirst; hinab regnen die unfruchtbaren Gedanken.
Alles Leben ist erstickt.
Diese Wüstenei ist der Abyssos, darin das Universum ist.
Die Sterne sind nur Disteln in dieser Einöde.
Und doch ist diese Wüstenei nur ein verfluchter Ort
in einer Welt der Glückseligkeit.
Ab und an durchqueren Reisende die Wüste; sie kommen vom
Großen Meer und zum Großen Meer wandern sie auch.
Beim Gehen vergießen sie Wasser; eines Tages werden




