Akrons Crowley Tarot Führer

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Gottheiten: Die Himmelskönigin als All-Geberin, Matriarchin, Creatrix, Initiatrix mit ihren vielen Namen; die Göttinnen des abnehmenden Mondes: Ceridwen, Cybele, Daeira, Eleusis, Hebe, Isis, Kore, Kurukulla, Levvanah, Luna, Melaina, Maya, Phoebe, Selene; im Doppelpack als Isis/Nephtys, Eva/Lilith, Inanna/Ereschkigal oder Demeter/Persephone
Mythen: Evas Biss in den Apfel; Persephones Granatapfel, den ihr Hades anbot, oder Schneewittchens vergifteter Apfel, der die Betroffenen hinter die »äußere Wirklichkeit« führte
Symbole: Mondlicht oder die Reflexion des Lichts, tiefe Wasser, verwunschene Seelen an verwunschenen Plätzen, schöne Prinzessinnen, böse Hexen, gute Zauberfeen
Kultstätten: Der überspülte Isistempel auf der Nilinsel Philä bei Assuan; Venedigs Friedhofsinsel San Michele all’isola (Assoziationen zu Böcklins Toteninsel)
Ritual: Traummeditation (schauende Versunkenheit unter Ausschaltung allen Wollens)
Sabbat: Imbolc, 2. Februar – christlich: Mariä Lichtmess
Kraftsteine: Jade, durchscheinender Chalzedon, fluoreszierender Serpentin
Räucherwerk: Amber, Narde (seltene und unergründliche, die Seele inspirierende Düfte)
Malerei: Toteninsel von Arnold Böcklin
Musik: Der Schwan von Tuonela von Jean Sibelius (Tuonela ist das finnische Totenreich. Schweigende Fluten umhüllen die Insel und über die Wasser gleitet ein singender Schwan. Wem sein Lied erklingt, den erfasst Todessehnsucht); oder Brünnhilde, die Siegmund den Tod verkündet (Walküre, 2. Akt, von Richard Wagner)
Schrift: Der sumerische Epos: Inannas Abstieg in die Unterwelt
III – Die Kaiserin

Das Geheimnis des Todes ruht im Mutterschoß.
Baphomet – Tarot der Unterwelt
Die Große Muttergöttin mit all ihren Namen: Astarte, Demeter oder Gaia in der Helle des Tages – Medea in der Tiefe der Nacht
Astrologie: Venus in Stier im Sinne von Fruchtbarkeit und Wachstum; oder Erde als der wahre Herrscher von Stier
I Ging: 48 Dsing – Der Quell (Der Mutterbrunnen)
Rune: Berkana (Birke) ist ein Symbol für Wachstum und beschreibt die Große Mutter. Licht: Liebe, Fruchtbarkeit, Berührung, emotionale Stärke, Mutterschaft
Schatten: Besitzanspruch, Einengung, Stagnation; Gier, Habsucht, Neid (die verschlingende Mutter = Tod)
Farben: Smaragdgrün, Himmelblau, erstes Frühlingsgrün, Rosa oder Kirsche mit blassgrünen Strahlen (Liber 777)
Planet: Venus. Die grundlegende Formel des Universums ist Liebe. (Buch Thoth)
Kurzbeschreibung: Auf der materiellen Ebene repräsentiert die Kaiserin das Salz der Erde, während sie auf der spirituellen die unvergängliche »Prägeform« Gottes darstellt, die alle Formen des Seins in sich enthält und von der jedes Leben ein in seiner individuellen Ausprägung einmaliger »Abdruck« ist. Das summiert sich zu einer alchemistischen Brühe aus innerem Wissen und äußerem Empfinden und ist ein Äquivalent für die personifizierte Urquelle des Heiligen Grals. Es ist die lebendige, nährende Seite des noch in den archaischen Strukturen des kollektiven Unbewussten aufgehenden Selbst, das immer noch ein Teil von Gott darstellt. Dabei weiß sie ihre Ziele mit durchaus irdischen Mitteln zu vertreten, weshalb sie Crowley auch die mit vielen Fähigkeiten und Talenten ausgestattete, listenreiche und verlockende Tochter des Zeus1 nennt. Sie verkörpert die lebendige, nährende Seite der Lust und besitzt jene weibliche Kraft, die im Austausch mit der Umwelt gleichermaßen Vertrauen auslöst und Macht anstrebt. Denn unter der Maske sanfter Hingabe verbirgt sich eine starke, leidenschaftliche Weiblichkeit, die ihre Umgebung mit sanfter Hand beherrscht.
Analyse
Die Kaiserin ist der erste Trumpf, der uns die irdische Ebene in ihrer ganzen Fülle und die Kraft der weiblichen Fruchtbarkeit vor Augen führt. Als wichtigstes Naturprinzip und Quelle allen Lebens repräsentiert sie das innere Zentrum, das Gespür aus dem Bauch heraus, dieses starke, aus sich heraus strömende Gefühl von Lebenskraft und Mutterschaft, denn am Anfang kann nur stehen, was in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren und zu vermehren. Es ist Mutter Natur selbst, die sich hier offenbart, um uns die Kraft des Lebens und dessen ewige Selbsterneuerung vor Augen zu führen, und es ist die Geburt und das Gebären schlechthin, was ihr Wesen ausmacht: das Streben, das die irdische Welt zum Fortbestehen unserer Spezies immer wieder aufs Neue mit prallem Leben füllt. Oder der Weg, der zwei zukünftige Elternteile zusammenführt.
Schlüsseln wir die Symbole der Reihe nach auf: Das achtspitzige Malteser- oder Johanniterkreuz auf ihrem Haupt2 steht für die irdische Regentschaft und die Bedeutung der Vereinigung zwischen spiritueller und sexueller Natur. Auf Kopf- oder Bewusstseinshöhe sitzen zwei der heiligen Vögel, der Sperling als ein der Aphrodite zugeordnetes Symbol der Lust und die Taube als christliches Relikt unbefleckter Empfängnis.3 Der Lotus oder Stab der Isis in der Rechten auf Herzhöhe zeigt, dass sie alle fruchtbaren Energien im Zentrum ihres Herzchakras zur Entfaltung bringt, und deutet gleichzeitig die Regentschaft über den Phallus des Kaisers an.1 Die geöffnete linke Hand und der Blick nach links auf die heilige Taube (aus Sicht des Betrachters rechts) unterstreichen Empfänglichkeit und Mutterschaft. Ihr rot-grünes Kleid bringt ihre immensen Kräfte gut zum Vorschein, weil die Natur in diesen Farben vorteilhaft zur Geltung kommt. Die emsigen Bienen auf dem Kleid sowie die Fische und Lilienblüten auf dem (Asphodelien-)Grund, Symbol für Unschuld und Jungfräulichkeit, auch wenn ihr üppiger Stempel an den Phallus eines Esels erinnert, sind ein weiteres Indiz für ihre sammelnde und bewahrende Art. Um den Bauch (Solarplexus) trägt sie den Gürtel des Zodiaks. Mit einem Satz: In ihr drückt sich das emotionale Verlangen nach Ganzheit aus, weil nur die weibliche Kreativität in Verbindung mit Gefühlen für eine Erfahrung von Vollständigkeit sorgt.
Aus magischer Sicht wird die Familie von der Mutter repräsentiert, denn es ist die Frau, die die bewahrende, beschützende Rolle übernimmt und die Durchsetzungskraft des Männlichen ausschickt und wieder an sich heranzieht. Man könnte sie auch als Urschöpferin oder Aspekt der Mutter Natur auffassen, wobei die Betonung auf der hellen Seite in ihrer weiblichen Weisheit und im Schatten auf einer blinden Mütterlichkeit liegt. Die pure Lust am Erschaffen immer neuer Formen kann zu einer Maßlosigkeit führen, die die Gleichgültigkeit der Schöpferin gegenüber dem einzelnen Individuum zum Ausdruck bringt. Bereits erschaffenes Leben wird von der Flut neuen Lebens erdrückt, wenn ein regulierender Gegenpol fehlt. Die zerstörende, schwarze Mutter, wie sie in vielen Mythologien in Erscheinung tritt, mag hier ihren Ursprung haben. Crowley sieht im Rumpf der Regentin das alchemistische Symbol Salz (nach)skizziert, was in der seltsamen Verbiegung des Unterleibs zum Ausdruck kommt, der vom Oberkörper abgeschnitten ist und auf dem Bild von Frieda Harris perspektivisch verzerrt und verdreht aussieht.2 Die schwebenden Halbmonde auf beiden Seiten zeigen an, dass sie sich manchmal in die kindlichen Gefilde von Wut oder ohnmächtigen Trotzphasen zurückziehen kann, besonders, wenn ihre schöpferische Macht nicht auf fruchtbaren Boden fällt. Denn wenn die Kaiserin den Willen verkörpert, sich selbst zu verwirklichen, dann entspricht der Mond dem Rückzug zu den Ufern des Unbewussten. Daher ist es verständlich, dass das von der verschlingenden Mutter symbolisierte Machtstreben oft auch einen intensiven Kampf gegen die Mondverkörperung ihres (verdrängten) Alter Ego führt. Doch für ihre Entwicklung ist es eminent wichtig, die materielle Vertiefung zu den intuitiven Träumen ihrer Schwester zu finden, was nicht leicht fällt, denn die Pfade von Hohepriesterin und Kaiserin bilden ein Kreuz4. Ihr Schild ist der weiße Doppeladler des Alchemisten (lunares, weibliches Bewusstsein), der mit dem roten Sonnenadler des Kaisers (Logos, Sperma) in Verbindung steht, und in der linken unteren Ecke der Karte sehen wir als Motiv für Mutterliebe einen Pelikan5, der sich die Brustfedern ausreißt und die junge Brut mit seinem eigenen Blut aufzieht.
Was haben wir noch? Die Rose an der Position von Malkuth ist ein alchemistischer Hinweis der Venus (= Kreuz und Rose), genauso wie die Tür oder der gewölbte Durchgang im Hintergrund der Karte. Die Herrscherin sitzt unter einem Torbogen (hebräischer Buchstabe: Daleth = Tür), links und rechts von den Säulen mit Sperling und Taube flankiert, den Crowley als Tor des Himmels bezeichnet, oder besser, als Tor zur Welt, durch das sie sich den Menschen als Große Mutter und ewige Gebärerin darstellt. Die Farben des Trumpfes sind wässrigpastellfarben, während die Formgebung der Thronsäulen eher flammenartig ausfällt. Wasser ist oberflächlich betrachtet Gegensatz und Ergänzung zum Feuer, eine Entwicklung, die sich in der nächsten Karte fortsetzt. Es geht letztlich auch darum, sich mit dem Kaiser zu verbinden, indem man nicht nur aus der eigenen Stärke heraus agiert, sondern sich aus der inneren Verantwortung heraus auf einer höheren Ebene auch mit seinem Gegensatz verschmilzt.
Weiterführende Bemerkungen

1 Das Gegenstück dazu ist im Reichsapfel, den der Kaiser in der Linken hält, zu finden.6 Das heißt: Auch der männliche Repräsentant gebietet über die Vereinigung zwischen Mann und Frau, denn der Apfel ist ein weibliches Synonym zur Rose und das kleine Malteserkreuz auf dem Apfel ein männlicher Platzhalter für den phallischen Stab. Die Wirkung der Kreuz/Rose-Verbindung, die sich durch das ideologische Weltbild der Rosenkreuzer, Theosophen und Okkultisten zieht, ist verblüffend: Die Venus als Zeichen der Liebe und Anziehungskraft bedeckt alle Sephiroth am Lebensbaum (der Kreis berührt die Sephiroth 1, 2, 4, 6, 5, 3; das Kreuz wird durch 6, 9, 10, 7 und 8 gebildet). Crowley schreibt: Das alchemistische Symbol der Venus ist das einzige der planetarischen Symbole, das alle Sephiroth im Lebensbaum zusammenfasst. Die darin inbegriffene Lehre ist, dass die grundlegende Formel des Universums Liebe ist.7

2 Die Kaiserin ist die dritte Karte, die nach dem Magus und der Hohepriesterin eine tiefer gehende alchemistische Bedeutung aufzeigt8, denn sie stellt mit dem Körper das Symbol des Salzes (Element Erde) dar. Crowley schreibt: Die Kaiserin verbindet die höchsten spirituellen mit den niedersten materiellen Qualitäten. Aus diesem Grunde ist sie geeignet, eine der drei alchemistischen Energieformen – das Salz – darzustellen. Salz ist das inaktive Prinzip der Natur; Salz ist die Materie, die durch Schwefel mit Energie erfüllt werden muss, um das wirbelnde Gleichgewicht des Universums aufrechtzuerhalten. Die Arme und der Torso der Figur deuten folgerichtig die Gestalt des alchemistischen Symbols von Salz an.9
Andere Verbindungen
– Tiefenpsychologische Zusammenhänge –

Der Narr und die Mutterimago
Blättern wir zurück: Nachdem der Narr seine Über-Mutter vergewaltigt hat und sich damit von der spirituellen Mutter (Mutter Gottes) löste10, kann er in der Kaiserin jetzt der Großen Göttin begegnen. Damit ist die Gefahr aber nicht gebannt – ganz im Gegenteil. Die Hohepriesterin zu »vögeln« ist ein normaler virtueller Akt im Kopf, der in den meisten Pubertierenden während ihrer ersten Masturbationsphasen heranwächst. Doch die Mutterimago, die die Kaiserin ausstrahlt, ist etwas ganz anderes. Dahinter erscheint, wenn der Trieb erwacht, die Erinnerung an eine sinnliche Gestalt aus Fleisch und Blut und gleichzeitig – damit verbunden – ein Schuldgefühl, das den Jüngling umfasst, nämlich das Gefühl, die leibliche Mutter mit dem inneren Bild der Hohepriesterin betrogen zu haben. Deshalb ist es auch nicht eine äußere Kaiserin, die ihm begegnet, sondern es ist seine eigene unterdrückte innere Weiblichkeit, die in ihm erwacht und die ihn zwingt, sich für die begangene Vergewaltigung im Kopf an eine sinnliche Frau zu verlieren, die nichts anderes mit ihm vorhat, als ihn mit Haut und Haaren in sich »einzuführen« (also zu verschlingen wie die Hexe im Märchen Hänsel und Gretel). Der Psychologe spricht von der pubertären Lust, in den Mutterleib zurückkehren zu wollen.
Die Kaiserin symbolisiert also die schreckliche Gefahr, die von der Mutterimago ausgeht. Diese Gefahr besteht darin, dass die Persönlichkeit durch die unbewusste Faszination gelähmt werden kann, die dieses Bild auslöst. Der Schatz, den die Mutter in der Tiefe bewacht, steht für das Wachstum der Lebenskräfte, und die können vom Narren nur entwickelt werden, wenn er ihr die ihm zustehende Libido unter ihren Rockschößen hervorstielt. Doch der Preis ist hoch: Ist die Mutterimago für ihn zu stark, dann kann er von ihrer unbewussten Kraft überwältigt und wie eine Spinne im Netz der Urschlange gefangen werden. Bei Goethe ist Fausts Reise hinab zu den Müttern die gefährlichste seiner Höllen, doch genauso wie der Narr mit einer Liebenden kehrt Faust mit seiner Helena zurück. Durch diesen erfolgreichen Akt ist die Beziehung zu seiner inneren Weiblichkeit verwandelt.
Was zeigt uns dieses Beispiel im Falle Crowley? Wenn wir seinen Spruch akzeptieren, dass der Narr sozusagen alle Karten in sich beinhaltet, die sich als verschiedene Stationen auf seinem Lebensweg hintereinander entfalten, müssen wir auch umgekehrt hinnehmen, dass beispielsweise Kaiserin oder Hohepriesterin oder auch die Karte Lust, die ebenfalls eine Materialisation kompensierter negativer Gefühle darstellt, Teile des Gesamtwesens des Narren alias Aleister Crowley sind. Die vergewaltigte Scharlachhure aus der Mischung Hohepriesterin – Kaiserin– Lust ist sozusagen die aggressive Antwort auf das prüde mütterliche Sektenbild.11 Während er seine Projektion bewusst nicht durchschaut, dirigiert er sie unbewusst sehr gut: Es handelt sich um die schöpferische Kreation seiner zerstörerischen Neigungen, die von seinem eigenen Dämon so zurechtgeformt und zurechtgestutzt worden sind, dass sie ihn nicht mehr bedrohen können. Der Preis bedingt natürlich das Opfer der inneren Mutter, die nicht erlöst werden kann. Das eine hängt direkt mit dem anderen zusammen, denn seine Scarlet Woman hätte sich nicht entwickeln können, wenn er das Trauma mit seiner Mutter aufgearbeitet hätte.12 Deshalb verkörpern die Scharlachfrauen Crowleys dunkle Kraft, und die Tatsache, dass er in jeder Frauenbeziehung die innere Göttin sucht, die er äußerlich völlig zu beherrschen und in seinen Bann zu ziehen trachtet, zeigt, dass er in seinen Frauen eigentlich seine eigenen destruktiven Energien, die nach innen gerichtet waren, bearbeitete.
Kehren wir zum Narren zurück. Der Segen der schrecklichen Begegnung mit der Mutter besteht darin, dass er gestärkt und geläutert aus dem Zusammenbruch hervorgehen kann, wenn sich der Staub in der Seele wieder gesetzt hat. Auf den Lebensbaum bezogen bedeutet das: Die tote Mutter verliert keine Zeit und kehrt als neugeborene Tochter wieder zurück auf den Thron.13 Aus psychologischer Sicht kann man auch sagen: Die unbewusste Mutter, die mit ihrem schrecklichen Gesicht den Weg des Narren kreuzt, nimmt nun den freundlichen Ausdruck der guten Mutter an. Er kann sie jetzt mit gutem Gewissen verlassen, ohne sich schuldig zu fühlen oder von ihr weiter abhängig zu sein. Der Ruf seiner Instinkte durchströmt ihn ohne Einbindung seiner desaströsen, unterentwickelten Neigungen, sondern in zunehmender Unterstützung seiner erwachenden Männlichkeit.

Die Kaiserin als Shuttle zwischen Idee und Wirklichkeit
Mit der Karte Kaiserin verlassen wir die Ebene der reinen Ideen und manifestieren uns im Bereich, den man als die Materialisierung unserer Vorstellung bezeichnen kann. Die Addition der Zahlenwerte I und II zeigt, dass sie die Polarität von Magier und Hohepriesterin in sich vereint, denn die III ist das Produkt der Vereinigung der beiden vorangegangenen Karten. Die materielle Ebene wird traditionell unterhalb der Welt der Ideen angesiedelt, was die Sichtweise des aus dem Himmel geworfenen Menschen spiegelt, der zu Gott aufschaut, der ihm das verlorene Paradies wieder zu finden verspricht. Zumindest, wenn er das tut, was ihm (später) der Hierophant aufträgt!
Deshalb wohnt jeder Idee der vitale Antrieb der Kaiserin inne, sich im Leben zu verwirklichen. Es ist das weibliche Verlangen, die Sehnsucht nach der Urquelle durch das Gebären eigener Kinder zu stillen. Man könnte auch sagen: Atu III ist der Stempel, der die Schwingungen von I und II der Realität (IV und V) aufprägt, ein gespiegeltes Bild der Seele in einer Realität, die selbst Spiegel ist. Dieser unauslöschliche Wunsch nach dem Höheren ist der Funke des Magus, der allem Leben innewohnt: die Erkenntnis, dass es etwas Größeres geben muss als die eigene Existenz. Auf der vertikalen Achse zwischen der Idee und der Materie wird die Kaiserin, obwohl sie einen Teil von ihm selbst in sich trägt, damit zur Erfüllungsgehilfin von Magus und Hohepriesterin (auf der materiellen Ebene gleichzeitig auch zur Gegenspielerin des Kaisers).
Fazit:
Die ersten beiden Karten sind diejenigen, die die Ideen aus dem Nichts entstehen lassen, und die Kaiserin als Vollstreckerin ist die Dritte im Bunde, die aus deren Ideen feste Formen hervorbringt.
Deutungen
Im individuellen Bereich zeigt sich uns die Regentin von einer festen und soliden Seite, die die Dinge anpackt und nichts anbrennen lässt. Sie erfasst die Chancen intuitiv, unterstützt die lebendige, nährende Seite der Weiblichkeit und weist in ihrem Umfeld auf Beständigkeit und große Zuwendung hin. Dabei ist sie eine lustvolle, genießerische Person mit viel Wärme, außerordentlicher Erdverbundenheit und der Fähigkeit, Ideen zu realisieren und Neues hervorzubringen. Gleichzeitig versetzt sie uns in die beneidenswerte Lage, unsere Ideale mit der äußeren Realität unter einen Hut zu bringen und jene gestalterische Mitte zu finden, die unsere schöpferischen Wünsche nach Entfaltung unterstützt. Auf jeden Fall können wir die Früchte unseres Wirkens ernten, und was wir neu beginnen, verheißt erfolgreiches Gelingen. Deshalb brauchen wir uns auch nicht sonderlich anzustrengen, um die Aufmerksamkeit unserer Umgebung zu gewinnen. Huldvoll verteilen wir unsere Gunst an die Bewunderer, die unseren (Familien-)Hofstaat bilden, regeln für sie den Haushalt und überwachen das Budget. Der Advocatus Diaboli bringt die Schattenseite auf den Punkt: Wir sind die »Mutter«, die die Scholle bestellt, aber auch unseren erwachsenen Kindern selbst dann noch die Leviten liest, wenn sie schon längst aus dem Haus gegangen sind.
In der Tiefe der Gefühle entspricht die Karte dem mütterlichen Trumpf, der innerhalb eines gesunden »Bauchgefühls« Lebenslust und sinnliche Kraft ausströmt. In der Liebe steht sie für jene weibliche Energie, die sich nicht nur nach körperlicher Erfüllung sehnt, sondern auch positive Veränderungen und Neuerungen anregt und die Seelen der Geliebten durchs Feuer schickt, um alle Schlacken zu verbrennen, die ihre Entwicklung behindern. Es ist der schmerzhafte Zugriff und eine manchmal entfesselte Leidenschaft, die sich mit Eifer nimmt, was nur selten Leiden schafft. Dabei handelt es sich um die Sehnsucht der Seele nach Rückbindung und Umarmung mit den unerschöpflichen Kräften der Göttin. Die Karte zeigt auch die vielleicht einmalige Chance an, den Bereich des Lebensnotwendigen mit der Erfahrung tiefster Erfüllung in harmonischem Einklang zu verbinden und so den Weg zu unserer wahren inneren Befriedigung zu finden. Nur sehr selten bricht die alte Schlange in ihr durch, die sich im dämonischen Reiz des Abgründigen windet und versucht, alles in die Folterräume ihrer Vorstellungen einzubinden, was sich ihr zu entziehen sucht. Allerdings müssen wir in den emotionalen Geröllhalden unserer Umgebung oft erst eine Nische im Schutt auspolstern, um darin weich und bequem liegen zu können, denn unsere Liebsten präsentieren sich im Fluidum des Triebes nicht selten wie völlig paralysiert in unserem Bann.

Die Kaiserin im Lebensbaum
– Tiefergehende Erkenntnisse –
Daleth ist der hebräische Buchstabe für das römische D und die Zahl 4. Am Lebensbaum ist er Pfad 14, der Chokmah (Impuls/Logos/Spermium) mit Binah (Resonanz/Weisheit/Eizelle) verbindet. Er gleicht die Exponenten der beiden äußeren Säulen am Lebensbaum aus, denn hier stehen sich Vater (Jod in JHVH, Feuer, Schwefel, Zeugung) und Mutter (erstes He in JHVH, Wasser, Salz, Empfang) gegenüber und zeugen ihre beiden Kinder, Sohn (Vau in JHVH) und Tochter (zweites He in JHVH).14 Es ist die Achse der Befruchtung – die schöpferisch ewige Wiedergeburt.

Genau in der Mitte wird diese Verbindung von Pfad 13 (Gimel) gekreuzt, der von Tiphareth nach Kether aufsteigt. Im Gegensatz zur Hohepriesterin, die eine senkrechte Verbindung zwischen Gott und Mensch quer durch den Abyssos (Kether – Tiphareth) darstellt, beherrscht die Kaiserin die horizontale Achse zwischen Mann und Frau, Vater und Mutter, Schwefel und Salz (Chokmah – Binah). Deshalb verhält sie sich im Vergleich zu ihrer spirituelleren Schwester, die den göttlichen Geist wie seinerseits Jesus oder Prometheus zu den Menschen hinunterbringen will, auch eher realitätsbezogen und praktisch, was sie aber nicht zum erdverbundenen »Bauerntrampel« werden lässt, denn Daleth liegt auf der Achse Chokmah – Binah oberhalb der Grenze zum Menschlichen. Crowley schreibt: Daleth ist der Pfad, der den Vater mit der Mutter vereinigt, einer der drei Pfade, die oberhalb des Abyssos sind (…) Mit anderen Worten, es gibt eine Fortdauer des Lebens, eine Vererbung des Blutes, die alle Formen der Natur miteinander verbindet. Es gibt keinen Bruch zwischen Licht und Dunkelheit. Natura non facit saltum. Wenn diese Betrachtungen in ihrer Ganzheit verstanden würden, so könnte es möglich werden, die Quantentheorie mit den elektromagnetischen Gleichungen in Einklang zu bringen.15





