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„Die Besten“, bestätigte mich Akron und zeigte auf eine Gruppe von Männern, die mit einer Reihe von Zeichnungen und Plänen unweit auf einer Anhöhe standen und sich heftig gestikulierend unterhielten. „Hier findest du all die großen Dombaumeister und Architekten der vergangenen Jahrhunderte versammelt, die die Fertigstellung ihrer Schöpfungen nicht mehr miterleben durften. Oder Freimaurer und andere im Mittelalter Verfolgter, die die neuen Türme nach der Erfahrung des Scheiterns und ihres Falles von innen her errichteten, aus der Mitte der inneren Kraft, nicht mehr von außen und auch nicht wie ein von oben auf die Welt einwirkender Schöpfergott. Als solche sind sie hier nun damit beschäftigt, ein Bauwerk zu errichten, welches ihnen nicht nur ein Gefühl nützlicher Selbstbestätigung vermittelt, sondern von dessen riesigen Ausmaßen sich gleichzeitig auch die schöpferischen Möglichkeiten des Menschen ablesen lassen.“
Ich schaute mich um. Das Ganze glich einem unpersönlichen Ameisenhaufen, in dem jegliches individuelle Aufglimmen einem gemeinsamen, aber unerreichbaren Ziel geopfert wurde. Akron bemerkte meinen Blick und fügte an: „In mühevoller Selbstzucht tragen sie ihre Last ähnlich dem Skarabäus, der eine Kugel aus Mist und Kot als Symbol seiner sich ständig verändernden Vervollkommnung vor sich herschiebt – einer Kugel, aus dem gleichen Baustoff gedreht, aus dem sie einst selbst geformt wurden.“
Mit wachsendem Unbehagen und skeptischem Blick deutete ich auf einen der unzähligen Arbeiter, die sich mit einem schweren Korb voller Steine auf dem Buckel den Weg hinaufschleppten. „Mich erinnert das Spektakel eher an den armen Sisyphos, der seine Busse im Hades abzutragen hat, indem er tagtäglich einen Stein auf den Gipfel eines Berges rollen muss, der ihm aber kurz vor dem Ziel wieder entgleitet.“
„Das mag schon sein“, lächelte Akron, „aber du vergisst die Schwere seines Vergehens. Sisyphos hielt sich für schlau genug, den Tod überlisten zu können, mit dem Ziel, dass fortan niemand mehr zu sterben bräuchte. Jedoch vergessen jene im Glanze ihres eigenen Schöpfertums stehenden Sonnenhelden nur allzu schnell, dass ihr eigenes Dasein ebenfalls auf den Gesetzmäßigkeiten Saturns fußt. So wurde Sisyphos lediglich der Umstand zuteil, erkennen zu dürfen, was es heißt, sein von ihm angestrebtes Ziel nun für alle Ewigkeit am eigenen Leib erfahren zu dürfen. Allerdings etwas anders, als er sich das in seiner Verblendung erträumt hatte.“
„Aber wenn hier Leid und Elend am größten sind“, zog ich den Schluss, „ist dann dieser Ort, von dem du sagst, dass er mehr Fegefeuer als eigentliche Hölle darstellt, nicht ein viel größeres Inferno als alle davor liegenden Höllen?“
„Nein!“ kam Akrons Antwort sehr bestimmt: „Das ist die Finsternis vor der Morgendämmerung. Hier schneiden die Bande der Materie den Sündern ein letztes Mal ins Fleisch, bevor sie bereit sind, jegliches Blendwerk abzustreifen und das ewig währende Schauspiel von Lust und Tod hinter sich zu lassen.“ Er lief ein paar Schritte vor, bückte sich und hob einen alten abgetragenen Korb in die Höhe. Mit einem selbstzufriedenen Lächeln hielt er ihn mir entgegen: „Lass dich von den dir selbst auferlegten Martern nicht abschrecken, einen Platz unter den Büßenden einzunehmen. Blut, Schweiß und das Salz ihrer Tränen sind der angerührte Mörtel, die diesem Turmbau Sinn und Festigkeit verleihen.“
„Aber wozu all diese Schinderei?“ begehrte ich hartnäckig zu wissen, da mir die Aussicht, einen mit Steinen angefüllten Korb bis in die Wolken hinaufzuschleppen, wenig behagte. „Mich dünkt eher, dass die Büßer ihre eigene Lebensenergie in diese Konstruktion einmauern, anstatt damit tatsächlich ans Ziel ihrer Bestimmung zu gelangen.“
Akron nickte: „Da hast du recht. Der Turm ist ein sichtbarer Ausdruck der subjektiven Überzeugungen des ungeläuterten Steinbocks, dessen Wahrnehmungen noch nicht gänzlich in die Tiefe seiner Wesensnatur vordringen können, da dies die Erkenntnis voraussetzen würde, den eigenen ungeliebten Teil seines Wesens als notwendigen Bestandteil der Schöpfung anzunehmen. Das aber gerade ist ihm unmöglich und so erkennt er aus der Schwermut seines Geistes heraus immer nur die Destruktivität seines eigenen Unerkannten, das zu Kontrollieren er mit immer dickeren Mauern zu umpanzern bereit ist, was wiederum seinem Mechanismus der ewigen Schinderei und Selbstquälerei entspricht.“
Ohne zu Murren nahm ich den mir hingehaltenen Korb entgegen und prüfte ihn auf seine Belastbarkeit: „Wie viele Steine muss ich hineinlegen?“
Er richtete seinen Blick nach oben und besah sich die Höhe des Bauwerkes: „Einer wird wohl genügen“. Dann lachte er hell auf, als er meinen dümmlichen Gesichtsausdruck bemerkte: „Nicht jeder Stein ist das, was die christliche Mystik als den heiligen Gral umschreibt“, und machte mit der Hand eine ausladende Drehung, „das meiste ist unscheinbarer Schotter, der hier zu unseren Füßen liegt.“ Er hob einen kleinen Stein vom Boden auf und hielt ihn mir vors Gesicht: „Trotzdem hat jeder sein eigenes Geheimnis. Versuch mal sein Inneres zu ergründen – dann wirst du in ihm den Geist eines eingesperrten Sünders finden.“
Da geschah etwas Merkwürdiges. Der Stein gab mir auf eine mysteriöse Weise die Worte zu verstehen, die er mir sagen wollte, denn ich nahm auf einmal seine Gedanken in mir wahr: „Die ihre Freiheit und Leichtigkeit verdrängenden Seelen, die die materiellen Werte nicht loslassen können, sind hier eingeschlossen“, fühlte ich die Botschaft in mir aufsteigen, „träumende Steine statt leuchtende Sonnen, weil sie sich von der Freude abgespalten haben und lieber ihren starren Gedanken nachhängen.“
Akron bückte sich erneut und hob einen kinderkopfgroßen Brocken auf und reichte ihn mir: „Und doch kann ein jeder Stein hier zum Wächter der Göttin werden, oder zum Stein der Weisen, dem lapis exilis, wie ihn die Alchemisten zu nennen pflegen. Sieh hin – es ist das Gold der Seele!“

Wie die Codierung eines alttestamentarischen Informationsmusters stand der Wächterengel plötzlich vor mir da: der kinderkopfgroße Stein, darunter ein Skelett, ein Knochengeflecht, halb entblößt und halb in den düsteren Mantel der Verwesung eingehüllt, das mich aus tiefstem Nichts ansah. Nacktes Entsetzen durchschoss meinen Geist und lähmte meine Beine, doch bevor ich zusammenknickte, entzündete sich im Zentrum der Erscheinung eine goldene Flamme und verbrannte die Vision in einem Schlund aus flüssigem Licht. Akron packte mich an der Hand: „Das ist aber nicht alles. Schau – ich hab noch ein passendes Outfit für dich!“ Er zog grinsend einen weißen Stoff unter seinem Mantel hervor, den er vor mir aufschüttelte.
„Was ist das?“ Das schreckliche Gespenst war verschwunden.
„Ein Büßerkleid – damit die Kirche hier unten im Dorf bleibt“, kam die rasche Antwort. „Sonst machen die anderen Sünder einen Aufstand.“
„Du willst, dass ich mir dieses Nachthemd überstreife und dann mit diesem Korb auf dem Rücken da hinauf marschiere?“ Ein offensichtlich belustigtes Nicken war die Antwort. „Und du, kommst du auch mit rauf?“ wollte ich noch wissen.
Akron wies auf einen der zahlreichen Lastenkörbe, die am Fuße des Bauwerkes bereit standen: „Klar – doch ich nehme den Aufzug. Schließlich bist du hier der Sünder!“


Sünder
Starre, die spielerische, kindliche und hingabebedürftige Seite verdrängende Seelen, die die materiellen Werte nicht loslassen können – die sich am Sicherheit versprechenden Rahmen einer gesellschaftlichen Ordnung festhalten, ohne deren Werte in Frage zu stellen
Disposition
Der Schattenbereich von Sonne im Steinbock und Sonne im 10. Haus sowie disharmonische Sonne/Saturn-Aspekte
Schuld
Stress, Überforderung, Erschöpfung aus übertriebenem Streben nach Verantwortung aus mangelndem Selbstvertrauen und einem tiefen inneren Misstrauen gegen sich selbst, Abwehr des Lebens aus unbewusster Angst vor Ablehnung und emotionalem Versagen, Leistung und Erfolg auf Kosten persönlicher Gefühle (innere Leere wird durch ein typisches Über-Ich-Verhalten und seelische Schwäche mit einem fast biblischen Gerechtigkeits- und Strafbedürfnis kompensiert), zwanghaftes Erreichen wollen unerreichbarer Ziele = Sisyphos-Syndrom
Strafe
Sisyphos’ Unvermögen besteht darin, einen Felsblock vergeblich einen Berg hinaufrollen zu können. Immer kurz vor dem Ziel entgleitet ihm der Stein, und er muss wieder von vorne anfangen. Im Gegensatz zum Mythos liegt der Sinn dieser Hölle aber nicht darin, voller Mühsal und in immerwährender Qual die Last zu tragen, die tief und schwer im Inneren sitzt, sondern es handelt sich vor allem darum, die Grundlagen aufzuarbeiten, warum das so ist, und zwar so lange, bis sich jeder egoistische, kompensierende Funke bis zur Unkenntlichkeit am Schicksalsrad abgeschliffen hat – bis wir all die aus Schuld entstandene Schlacke alter Sünden abgetragen haben.
Lösung
Dieser Ort spiegelt also weder ewige Vergeblichkeit noch Untergang, sondern es geht hier einfach darum, die Voraussetzung der inneren Stagnation und Versteinerung – also das, warum die Pläne am Ende meistens scheitern – im eigenen Tun und Handeln zu erfahren. Erkennt der Mensch, dass die Schuld dieser Hölle nicht vordergründig in einem „Bild von Schuld“, sondern in seinem unbewussten Verlangen nach Strafe aufgrund verfehlter Leistungsziele steckt, die weniger in seiner persönlichen Eigenart, sondern mehr in den ihm aufoktroyierten Zielen der Umwelt liegen, die er aber unbewusst für seine eigene Verhinderung benutzt, kann er sich befreien und seinen „persönlichen“ Seelenbrocken loslassen. Der den Berg wieder hinunterrollende Stein zeigt den Weg der Freiheit, den der Sünder aber nicht im Außen, sondern in seinem Inneren bewältigen muss. Die Bürde ist der Fokus, das ist die Crux, denn sie zeigt die innere Botschaft dieser Hölle: Erst mit der Suche nach Schuld beginnt die Tragödie. Erkennt er das, dann braucht er keine Lösung, denn die Erlösung liegt jetzt in ihm selbst.
Der Turm der Fron
Die Hölle lustloser Pflichterfüllung
Widerwillig streifte ich mir das Laken über und griff nach dem mir von Akron hingehaltenen Korb, in den er seinen Stein bereits hineingelegt hatte.
„Ich kann noch immer keinen Sinn darin entdecken, diese Strapazen zu durchleiden“, startete ich einen letzten schwachen Versuch, die bevorstehende Tortur vielleicht doch noch abwenden zu können.
Akrons Antwort machte diese Hoffnung jedoch schnell zunichte: „Alle Widrigkeiten, Ängste und Erschwernisse des Lebens, denen unter dem Licht von Saturns schwarzer Sonne zu begegnen sind, tragen in ihrem innersten Kern jenen erhellenden Erkenntnisfunken, den wir sonst nur als Schöpferprinzip im strahlenden Glanz der Sonne zu verehren gewohnt sind. Und doch bedeutet die Erkenntnis dieses Fegefeuers nicht notwendigerweise Erlösung, sondern es geht einfach darum, die Voraussetzung unserer Stagnation und Versteinerung im eigenen Tun und Handeln zu erkennen.“
Da ich einsah, dass Widerstand hier wenig Sinn machte, setzte ich mir den Korb murrend auf den Rücken und ließ mir von Akron helfen, das zusätzliche Trageband über die Stirn zu legen. Dann ging es los.
Bevor ich meinen Fuß jedoch auf den Pfad setzte, nahm mich mein Seelenführer noch einmal auf die Seite: „Vergiss nicht, dass du deinen Korb erst abnehmen darfst, wenn du oben angekommen bist. Stellst du ihn vorher ab oder unterbrichst du deinen Aufstieg aus einem anderen Grund, wirst du deinen Weg wieder von hier unten beginnen müssen.“
„Eine schöne Motivation, die du mir da mit auf die beschwerliche Reise gibst“, erwiderte ich missmutig.
„Nicht wahr“, grinste er, „und wenn dir unterwegs doch einmal die Puste ausgehen sollte, denk einfach immer an den Esel, der solange weiterläuft, wie die Karotte vor seiner Nase baumelt.“
„Mir wäre lieber, du würdest mir erzählen, was mich dort oben erwartet, damit ich der Karotte einen Sinn zuordnen kann.“
„Oh, mach dir darum keine Sorgen“, lächelte Akron. „Du hast diesen Turmbau hier illuminiert, da wird dein Vorhaben sicherlich nicht an solch einer unbedeutenden Kleinigkeit scheitern.“
„Dein Wort in Gottes Ohr“, warf ich ihm als letztes zu, bevor ich damit begann, mich brav in die lange Gruppe von Arbeitern einzureihen, die mit ihrem Lastenkorb von hier aus starteten.
Das Ersteigen des ersten Abschnitts bereitete mir wenig Mühe. Zu meinem eigenen Erstaunen spürte ich in mir einen starken Ehrgeiz, meinem Lehrer zu beweisen, dass ich durchaus in der Lage war, diesen Turm in einer absehbaren Zeitspanne zu erklimmen. Da mir das Tempo der Arbeitsschlange viel zu langsam ging, scherte ich schon bald seitlich aus, um an den anderen vorbeizuziehen. Die bedachten meine Absicht mit unverständigem Kopfschütteln, was mich jedoch nicht weiter kümmerte. Erst als mein Pulsschlag zu galoppieren begann, verlangsamte ich meine Schritte und musste erkennen, dass ich die Umrundung des ersten Streckenabschnitts gerade bis zur Hälfte hinter mich gebracht hatte.
Mein Vordermann, der seine Bürde offensichtlich nicht zum ersten Mal hinauf trug, riet mir, jegliches Denken fahren zu lassen, um durch Schmerz und Erschöpfung jenen kostbaren Moment visionärer Innenschau zu erlangen, den es hier zu gewinnen galt. Von dieser Aussicht beflügelt biss ich die Zähne zusammen und keuchte weiter. Vor Anstrengung begann das Blut in meinen Schläfen zu hämmern und der staubige Pfad zu meinen Füßen begann sich plötzlich zu einer pulsierenden Lebensschlange auszuformen, auf deren Rücken ich meinem Ziel entgegenritt. Schon tauchten in meinen Augenwinkeln die tanzenden Schimären nackter Leiber auf, die sich eng umschlungen und liebesbrünstig in den Zuckungen der ewigen Kundalinischlange suhlten. All meine durchlebten Leidenschaften vergangener Abenteuer mit dem anderen Geschlecht schoben sich vor mein inneres Sehen, das mich gleichzeitig auch die Vergänglichkeit all dieser Begegnungen erkennen ließ. So wundervoll sie alle auch gewesen sein mochten, so waren sie doch nur ein matter Abglanz dessen gewesen, was ich im tiefsten Innern meiner Seele wieder zu erreichen begehrte.
Tief in meine Betrachtungen versunken hatte ich die erste Etappe meines Ziels hinter mich gebracht. Ich stoppte einen kurzen Moment, um mir einen weiteren Blick nach oben zu gönnen, doch war das Ende des Turmes zwischen den tief hängenden Wolken noch immer nicht zu sehen. So machte ich mich an die zweite Hürde. Doch während die erste Umrundung noch relativ leicht vonstatten gegangen war, verspürte ich nun einen deutlichen Kräfteverlust. Das Gewicht auf meinen Schultern schien sich verdoppelt zu haben, und ich begann schon nach wenigen Schritten jämmerlich zu keuchen. Der Schweiß brach mir aus allen Poren, rann mir die Glieder hinab und wurde von meinem Büßergewand aufgesogen, das schon bald wie eine zweite Haut an mir klebte. Gequält richtete ich den Blick auf den vor mir ausschreitenden Sünder, der sein Tempo ebenfalls verlangsamt hatte. Angestrengt sann ich darüber nach, wie viele unzählige Liter Schweiß während diesem mühsamen Streben sich bereits auf diesem staubigen Pfad verteilt haben mussten. Hätte ich solch eine Überlegung sonst gerne noch jemandem mitgeteilt, schien sie mir unter den gegebenen Umständen nicht mal einer Erwähnung wert. Zu kostbar dünkte mich jeder Atemstoß, den ich nicht mit unnützen Worten zu verschwenden gedachte. Das vierte und letzte magische Grundprinzip, das Schweigen, kam mir in den Sinn, das mir nirgendwo angebrachter erschien als hier. Diesmal sah ich vor meinem inneren Auge eine hochschwangere Frau, die als Urprinzip allen Seins die gesamte Welt aus sich hervorbrachte. Gefühlsregungen in all ihren schillernden Facetten ergriffen von mir Besitz und ließen mich abwechselnd auflachen oder vor Traurigkeit laut aufschluchzen. Die erwachenden sexuellen Kräfte schienen eine gewaltige Verunsicherung in mir zu verursachen, denn mir kam ein lange zurückliegendes Erlebnis aus meiner Pubertät wieder in den Sinn, über das ich bereits in der Krebs-Hölle meditierte, als ich beim Onanieren vom Vater überrascht worden war. Ich sah die hämischen Gesichter des Pfarrers, meines Onkels, und meines Vaters vor mir auftauchen und schickte ihnen die Botschaft, dass ich ihnen ihr Unvermögen, der Freude der Schöpfung um ihrer selbst willen damals nicht anders begegnen zu können, bereits verziehen hatte.
Als ich wieder aufblickte, hatte ich die zweite Umrundung geschafft und überlegte, ob es nicht besser wäre, kurz anzuhalten, um etwas Luft und neue Kraft zu schöpfen. Doch Akrons warnende Worte und die Aussicht, damit das Eintreten einer erneuten Vision unnötig hinauszuzögern, hielten mich davon ab. So schleppte ich mich mühsam weiter. Allerdings sollte ich meinen Entschluss sogleich bereuen, denn es kam mir vor, als hätte sich die auf meinen Schultern ruhende Last abermals verdoppelt. Alle Mühsale und Qualen dieser Welt schienen den Entschluss gefasst zu haben, sich mir auf einmal aufbürden zu wollen. Die Riemen des Korbes schnitten mir wie glühendes Eisen ins Fleisch und drohten mir jegliche Blutzufuhr abzuklemmen. Meine wunden Füße bereiteten mir schon jetzt erhebliche Pein, ein schmerzendes Rückgrad tat das übrige, und ich begann mich ernsthaft zu fragen, ob es vor mir wohl schon irgendjemandem gelungen war, diesen Turm tatsächlich ohne Rast an einem Stücke zu bezwingen? Offensichtlich meinem Seelenführer, dessen letzte Worte mir noch in den Ohren lagen, bevor er sich mit dem Lastenaufzug bequem hatte in die Höhe hieven lassen.
Dieser Gedanke gab mir unversehens Auftrieb. Ich richtete mich kurz auf, verlagerte meine Last ein wenig und verfiel in einen harmonischen Rhythmus, indem ich völlig abschaltete und meine Beine sich wie von selbst bewegen ließ. Schritt um Schritt schleppte ich mich weiter nach oben, während mir der Schweiß immer öfter in die Augen rann. Ich begann den Schmerz zu ignorieren und als ein notwendiges Übel zu erachten, dessen Durchleiden mich dorthin führte, wo Verstand und Ratio sich zu verabschieden begannen. Mein Körper schüttete Endorphine am Fließband aus und reduzierte meine physische Wahrnehmung auf ein Minimum. Dafür tauchte eine alte Szene aus der Stier-Hölle auf, in der ich meinen Vater im Knabenalter erblickte, der sich gerade anschickte, einen großen Stapel Holz vor dem Hause seiner Eltern aufzuschichten. Großvater kam mit einem Lederriemen aus der Tür und drohte ihm, dass es nicht nur kein Abendessen, sondern auch noch eine tüchtige Tracht Prügel gäbe, wenn dieser Stapel nicht binnen zweier Stunden aufgeschichtet wäre. Wer essen wolle, müsse zuerst arbeiten. Vater verdoppelte seine Bemühungen, während ich seine Gefühle wie eine dunkle Aura um ihn herum wahrnehmen konnte, die sich in ihrer kindlichen Entfaltung blockiert wieder nach innen zurückzog, während sein aus Ohnmacht und Wut gespeister Überlebenswille ihm signalisierte, dass man im Leben zunächst zu beweisen hatte, dass man der Liebe in Form emotionaler Zuwendung und Anerkennung auch wirklich wert war – ein wesentlicher Grundsatz seiner Erziehung, den er mir später ebenso vehement eintrichterte.
Als ich die Augen öffnete, hatte ich die dritte Ebene des Turmes tatsächlich erreicht, und obwohl die Aussicht auf eine erste Rast mehr denn je lockte, gab mir mein gefundener Rhythmus doch genügend Vertrauen in die eigene Kraft, auch die kommenden Stufen auf diese Weise zu bewältigen. Zwar schien sich auch diesmal wieder ein zusätzliches Gewicht auf meinen gepeinigten Rücken zu legen, doch da ich diesmal darauf vorbereitet war, erschien mir der Korb zu meinem eigenen Erstaunen nicht wesentlich schwerer. Wieder tauchte mein Blick nach innen und im nächsten Augenblick empfand ich mich als zehnjährigen Knaben, der sich im Klassenzimmer seiner ehemaligen Schule wieder fand. Mein alter Mathelehrer stand vor mir und forderte mich mit sardonischem Lächeln auf, mich vorne an die Tafel zu begeben. Wohl wissend, dass ich keine seiner Fragen beantworten konnte, da ich meine Hausaufgaben wie meistens nicht gemacht hatte, gedachte er mich vor versammelter Klasse abzufragen. Mit sichtlichem Genuss weidete er sich an meinem Unbehagen und freute sich über die lachenden Spottrufe meiner Mitschüler, vor denen er mich als Deppen und Versager vorführen konnte. Auf diese Weise ließ er mich seine Macht spüren, in der ich all die Autorität ablehnte und bekämpfte, mit der mich Zuhause schon mein Vater in meiner entfaltenden Kreativität behinderte, was mich später dazu bewog, grundsätzlich alles abzulehnen, was mich unter Druck setzte und sich nicht auf irgendeine Weise mit einem Lustgewinn verbinden ließ. All die Ohnmacht dieser peinlichen und zutiefst demütigenden Situation kehrte zurück und ich erkannte, in welchen negativen Mustern wir uns gegenseitig unterwerfen und gefangen halten. Fehlendes Selbstvertrauen wird durch Rebellion gegen autoritäre Instanzen und ihre Vertreter kompensatorisch ausgelebt, weil man die Verantwortung für sein eigenes Leben nicht übernehmen will.

Ich bemerkte kaum, dass ich bereits die vierte Stufe des Turmes erklommen hatte, denn die nächste Vision reaktivierte in mir einen Traum, den ich einst als junger Mann gehabt hatte. In dieser Szene war ich ebenfalls auf einem schmalen Bergpfad in die Höhe gewandert, allerdings an der Seite eines alten Bekannten, mit dem ich seinerzeit befreundet war. Es galt für uns beide einen gewaltigen Gletscher zu umrunden, von dem wir wussten, dass der enge Weg uns irgendwann zum Gipfel führen würde. Mein Freund, ein magisch verbrämter Selbstverhinderer, eilte mir mit schnellen Schritten voraus und hielt mich stets an, es ihm nachzutun. Dies tat ich auch, bis ich irgendwann den Kopf hob, um zu bemerken, dass die terrassenartigen Windungen des Bergpfades so dicht übereinander lagen, dass man ohne große Mühen die nächsthöhere Schleife erklimmen konnte, ohne dabei den langen Umweg um den Berg herum nehmen zu müssen. Ich rief ihm meine Entdeckung nach, doch er winkte nur beleidigt ab und bezeichnete mich als Drückeberger, der den Herausforderungen des Lebens lieber ausweichen wolle, anstatt sich ihnen zu stellen, um sie in Demut anzunehmen. Obwohl mir seine Worte tief ins Gewissen schnitten und an meiner Mannesehre rüttelten, konnte ich dennoch wenig Sinn darin erkennen und kletterte kurzerhand auf die nächste Ebene, um dort auf ihn zu warten. Als er nach langer Zeit endlich auftauchte, schien er nicht nur deutlich gealtert, müde und erschöpft, sondern obendrein noch verbittert und mit dem Vorwurf behaftet, dass ich ihn auf seinem beschwerlichen Weg verraten und im Stich gelassen hätte. So ging er enttäuscht an mir vorbei, um sich im Kampf gegen sich selbst auch weiterhin einsam an die nächste mühevolle Umrundung des Gletschers zu machen, dessen Gipfel mehr denn je in weite Ferne gerückt war.
Dieses letzte Traumbild hatte mich unversehens auf die fünfte Stufe geführt und staunend bemerkte ich, dass sich dieser Pfad bereits in den Wolken befand. Ich hielt kurz an und verlagerte den schweren Korb stöhnend auf meinen wundgescheuerten Schultern. Während meiner kaum merklichen Rast beobachtete ich einige der anderen Sünder, deren Reihen sich hier oben schon deutlich gelichtet hatten. In allen Gesichtern hatten die Falten der Mühseligkeit tiefe Spuren hinterlassen, doch unterschieden sich diese deutlich von denen der unteren Stufen, die noch nicht einmal erkannt hatten, dass ihr Leben von unerlösten emotionalen Mustern gesteuert und fremdbestimmt wurde, gegen die sie sich durch harte Arbeit und Weltflucht vergeblich glaubten abgrenzen zu können. Hier oben waren jene Menschen anzutreffen, deren Geist bereits im Begriff war, die Übersicht über ihre Gedanken und Gefühle zu erringen, die im Außen letztlich immer eine Manifestation unserer subjektiven Realität darstellen. Während ich den Schmerz in meinen Oberschenkeln damit etwas zu lindern hoffte, indem ich sie abwechselnd ausschüttelte, bemerkte ich einen alten gebeugten Mann, der sich etwas abseits von mir auf den Boden setzte, um ebenfalls zu rasten. Was mich irritierte, war die Tatsache, dass er offensichtlich nicht wie ich und all die anderen hinauf wollte, sondern, im Gegenteil, von oben zu kommen schien.





