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Neugierig ging ich auf ihn zu. Als sich sein Kopf langsam in meine Richtung drehte, erschrak ich bis ins Mark, denn ich schaute in ein Gesicht, das durch die Gezeiten hinweg fast selbst zu Stein geworden war. Ich entdeckte Furchen und Narben, die nur die durchlittenen Qualen unzähliger Existenzen hineingemeißelt haben konnten. Als er die Furcht in meinem Blick gewahrte, verzogen sich seine Lippen zu einem leichten Lächeln, das mir erschien, als ob eine Maske aus Pappmaché in einer Presse auf eine freundliche Form zurechtgestutzt worden war. Das einzige Erbauliche, das mir in diesem harten Antlitz auffiel, waren die hellen kristallklaren Augen, die mir aus tiefen Höhlen entgegenleuchteten – und mit einem Schlag wusste ich, wer vor mir saß.

„Du bist Sisyphos, nicht wahr?“ sprach ich ihn direkt an.
Mein Gegenüber seufzte: „Ja, und ich spüre auch, dass du mich verachtest. Ich sehe, dass du meine Rolle nicht akzeptierst, dass du verstehen möchtest, welche Kraft mich zwingt, mein offensichtlich sinnloses Vorhaben bis in alle Ewigkeiten fortführen zu müssen.“
Ich bejahte, war aber nicht imstande, meinerseits etwas zu erwidern. Schon längst hatte ich es aufgegeben verstehen zu wollen, welche Erscheinungen mir auf meiner Reise immer wieder begegneten. Ich stand hier auf dem steilen Pfad, irgendwo zwischen Himmel und Hölle, und lauschte den Worten einer Gestalt, die über die Jahrtausende zu einem Archetypus des sinnlos leidenden Menschen geworden war.
„Nun, voller Mühsal schreite ich meiner immerwährenden Qual hinterher, um erneut den einen Stein zu wälzen, der tief und schwer in der Brust eines jeden Steinbocks sitzt“, fuhr er müde fort, „und zum Los der Sinnlosigkeit kommt auch noch der Umstand hinzu, sich dieser Sinnlosigkeit in jedem Augenblick bewusst sein zu müssen.“ Er machte eine kurze Pause. „Doch es ist nicht alles schlecht. Auch wenn der Abstieg meist in den alten Schmerz zurückführt, so kann er auch in Freude enden.“
„In Freude enden?“ echote ich höhnisch. „Alles, was ich sehe, ist ein gebrochener alter Mann, der sich sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit am Schicksalsrad abgeschliffen hat. Oder willst du mir weismachen“, wurde meine Stimme schriller, als mir lieb war, „dass all dies Leiden am Ende einen Sinn ergibt?“
Der Alte ließ sich durch meinen Protest nicht aus der Ruhe bringen: „Hier, unter Saturns schwarzer Sonne, tragen wir die Bürde unserer Fron, bis wir all die aus Schuld entstandene Schlacke alter Sünden abgetragen haben. Das Ziel des Menschen ist nicht, die Sinnlosigkeit des Lebens auszuhalten, sondern die Unfähigkeit zu ertragen, den Mechanismus dahinter je zu erfahren. Das ist die innere Botschaft dieses Leidens: Erst mit der Suche nach Schuld beginnt die Tragödie. Das ist der Moment, da der Fels oben an der Spitze wieder ins Tal hinunterrollt. Diese Erkenntnis, o Wanderer, mag dir am Ende deines Weges entgegenleuchten.“
Er wandte sich wieder ab und ich begriff, dass jede Stufe dieses Turmes einer Art Metamorphose entsprechen musste, die eine bereits abgearbeitete Ebene transzendierte, was wiederum dem Loslassen einer Sichtweise gleichkam, in der wir uns selbst gefangen haben. Beharrlich halten wir am Sicherheit versprechenden Rahmen einer gesellschaftlichen Ordnung fest, deren Werte wir erst dann in Frage zu stellen bereit sind, wenn sie unser Bild von Freiheit bedroht. Die Konsequenz liegt darin, beim Wegfall dieser Zwänge die Verantwortung für die eigenen Begrenzungen künftig selbst zu übernehmen. Dies wiederum ist aber einzig jenen vorbehalten, die bereits verinnerlicht haben, dass der Mechanismus der menschlichen Psyche immer nur jene Realität erschaffen kann, deren Wahrheitsgehalt der eigenen begrenzenden Perspektive entspricht. Wirkliche Sicherheit kann niemals in den ewigen Verwandlungen der sichtbaren Welt gefunden werden, sondern lediglich im Ablauf ihrer zyklischen Gesetzmäßigkeiten, in deren zeitlichen Veränderungen gerade die Unveränderlichkeit des Ewigen pulsierte.
Schritt um Schritt wich der karge Boden unter meinen bereits aufgeplatzten Füßen dahin. Obwohl ich begriff, dass der Pfad dieses Bauwerks vom Knochenstaub längst verblichener Suchender gepflastert war, die ihn schon zu Abertausenden vor mir gegangen waren, rief gerade diese Erkenntnis eine solche Leichtigkeit in mir hervor, dass ich mir einen Ruck gab, um auch den letzten Rest meines Weges fortzusetzen. Zu meinem großen Erstaunen schien sich das Gewicht meiner Last, das sich bisher jedes Mal verdoppelt hatte, halbiert zu haben. Da der Turm nach oben hin zusehends schmäler wurde, verringerte sich dementsprechend die Länge, leider aber auch die Breite des Weges zu meinen Füßen. Dieser schien genau den benötigten Umständen zu entsprechen, denn für mich und die wenigen Sünder, denen ich hier noch begegnete, war immer noch genügend Platz vorhanden. Gleichzeitig aber wurde die Luft etwas dünner, was dafür aber mein inneres Sehen wieder erweiterte.
Doch so zuversichtlich meine erneute Etappe auch begonnen hatte, so sehr überfiel mich bald auch die Angst vor dieser erweiterten Perspektive, die mich wegzuschwemmen drohte. Die Zertrümmerung meines bisherigen Weltbildes wurde durch das Eintreten in eine neue Daseinsdimension der allumfassenden Matrix abgelöst, die mich zunächst in ein völliges Chaos stürzen ließ. In Sekundenbruchteilen spulte sich vor mir die gesamte Schöpfung ab, in der sich das immerwährende kosmische Schauspiel von Geburt und Tod vollzog. Ich sah unzählige Körper von zappelnden Säuglingen, die sich blutend aus ihrem mütterlichen Uterus herauswanden, um darauf in Gedankenschnelle wieder zu gebeugten Greisen zu werden, die sogleich wieder zu Staub zerfielen. Aus diesem Staub, einer schleimigen Ursuppe gleich, begann der gleiche Vorgang sich sofort aufs Neue zu wiederholen, bis sich diese Suppe schließlich in gleißendem Licht auflöste. Ich wohnte der Geburt von Planeten, Sonnen und ganzen Universen bei, die sich auf eine gewaltige Größe ausdehnten, um nach Äonen wieder in sich zusammenzufallen. Das ständige Ein- und Ausatmen meiner Lunge, der Wechsel von Tag und Nacht, die ständig sich wiederholenden Jahreszeiten – alles pflanzte sich fort, bis dieser rhythmische Pulsschlag in den Urtiefen meiner innersten Zellkerne vibrierte. Ich sah in die Urgründe aller physischen Krankheiten und Übel, während mein sich am Leben festklammerndes Ego seine Angst vor dem Ende in die Ewigkeit hinausschrie. Und im Moment dieser ungeheuren Offenbarung, als ich schon schwankte und ins Leere zu taumeln drohte, durchbrach ich die Wolkendecke und erblickte über mir das letzte Plateau des turmähnlichen Bauwerkes. Und auf der flachen Spitze gewahrte ich blinzelnd die Silhouette meines Seelenführers, die vom dunklen Licht einer leuchtenden Korona überstrahlt wurde. Es war wie ein leuchtender Wirbel in einem regenbogenfarbigen Licht, ausgehend von der schwarzen Sonne, die am Firmament im Zenit des Turmes pulsierte.
Endlich! Es war geschafft! Mit letzter Kraft erklomm ich die restlichen Meter und ließ mir den Korb der Mühsal erschöpft von den Schultern gleiten. Akron stand wie ein Gott auf der zwei Welten miteinander verbindenden Bewusstseinsbrücke und lächelte mir entgegen.
„Gratuliere! Ich wusste, dass du es schaffen würdest …“
„Wieso? Bestand überhaupt die Gefahr eines Versagens?“ fragte ich noch völlig außer Atem, während ich stöhnend meine schmerzhaften Glieder streckte.
„Nun – viele kehren auf dieser letzten Station wieder um, da die vermeintliche Größe der zu erfassenden Erkenntnis sie gänzlich niederdrückt. Es ist halt ein alchemistischer Prozess.“ Er deutete auf meinen Korb: „Schau mal hinein, was sich während deines Aufstiegs verändert hat.“

Langsam folgte mein glasiger Blick seinem Zeigefinger, um den von mir unter Qualen nach oben transportierten Stein erneut in Augenschein zu nehmen, und siehe da, statt des staubigen, kinderkopfgroßen Felsbrockens lag eine Handvoll lupenreiner Kristalle und Diamanten darin. Irgendwie schien es mir, als wären es die Augen des Engels, Erinnerungen aus einer anderen Welt, die mich anstrahlten.
„Wie ist das möglich?“ stotterte ich. Akron lächelte abermals und machte eine ausholende Armbewegung über das kleine Plateau, das vom unwirklichen Licht der schwarzen Sonne durchflutet wurde.
„Wer bis hier oben hin gelangt ist, dessen untrügliche Sicht ist so rein und klar geworden wie die Reinheit einer kühlen Bergquelle. Es fehlt nur noch die Seele.“
„Seele?“ Erst da fiel mir auf, dass die ganze Spitze des Turmes aus kristallenem Eis gebildet war, in dem ein scharlachroter Funke wie die Sehnsucht eines kleinen Herzens glühte.
„Zerbrich dir nicht den Kopf “, sagte er, als könnte er meine Gedanken lesen. „Wer versucht, das herauszufinden, reduziert die Seele auf etwas Triviales. Sie ist ein Geheimnis – die Lösung ist der Weg.“ Dann rümpfte er die Nase und wies auf mein Büßergewand: „Du kannst diesen verschwitzten Lappen getrost wieder ausziehen.“
Ich folgte seiner Anweisung und streifte mir den durchweichten Fetzen über den Kopf. Ich überlegte, wie viele Büßer diesen Pfad wohl schon vergeblich bestiegen haben mochten, der sich jedem Suchenden in einer anderen Länge präsentierte. Nicht jeder konnte das durchlittene Leid mit der Einsicht verbinden, dass man sich seine eigenen Ziele stets immer noch ein Stück weiter vor die Nase setzte, um in dieser Hölle am letzten Hindernis doch noch scheitern zu können. Denn sobald es galt, ein durchlittenes Muster loszulassen, um zu neuen Ufern ins Unbekannte vorzustoßen, stellt man sich lieber ein weiteres Stockwerk auf das schon bestehende Weltgerüst drauf, dessen Fundament, ganz gleich wie instabil und verrottet es auch sein mochte, zumindest eine gewisse Scheinsicherheit versprach. So wuchs der ganz persönliche Turm eines jeden Einzelnen solange weiter empor, bis sich sein Ausmaß irgendwann nicht mehr überblicken ließ und sein undurchdringliches Gemäuer nur noch durch ein Unglück oder einen schweren Schicksalsschlag zum Einsturz gebracht werden konnte. Unweigerlich kam mir die Tarot-Karte Turm in den Sinn, die diesen Vorgang auf eindrückliche Weise beschrieb.
Mein Blick fiel auf die Silhouette meines Seelenführers. Er stand irgendwie entrückt da – unbeweglich, verklärt. Der Ring an seinem Finger schien ein Lichtsignal in den Kosmos auszustrahlen und seine Augen glühten wie zwei Laserstrahlen, die mit einer höheren Welt in Kontakt waren. Ich wollte ihn nicht stören, und so begann ich gedanklich noch einmal die verschiedenen Stationen meiner Turmbesteigung zu reflektieren. Obwohl ich mehr als froh darüber war, dieses hohe Bauwerk endlich bezwungen zu haben, schien in meiner Aufrechnung noch ein Stockwerk zu fehlen: „Verzeih meine Frage, Akron, aber sprach der Wächter nicht von einem siebenstufigen Weg, den es hier zu erklimmen gilt?“

Wächter: Mit etwas Übung wirst du entdecken, dass du mehr bist als nur der Verstand, der das alles von außen beobachtet. Dann kannst du durch die Glut deines Bewusstseins hindurchwachsen und brauchst dich nicht mehr länger nur von der einen oder anderen Seite deines mehrschichtigen Wesens aus zu betrachten. Dort kannst du dich mit deinem Geistwesen verschmelzen, das gleichzeitig innerhalb und außerhalb von dir ist. Weißt du noch, wo die Erkenntnis auf dich gewartet hat?
Träumer: Ja! Der alte Magus sprach von einer Schwelle, die von den Träumern von zwei verschiedenen Seiten her passiert werden musste.
Wächter: So kommen wir deiner Erinnerung schon ziemlich nahe. Von der einen Seite näherst du dich dem Wächter, der dich erwartet. Nun überleg dir mal, wie sich das Ganze aus Sicht des andern, sozusagen von der anderen Seite her, darstellt?
Träumer: Hmmm … vielleicht wartet da einer darauf, dass ein anderer kommt, dem er die Pforte öffnen kann.
Wächter: Exakt! Auf der Suche nach Erkenntnis hast du dir selbst das Bild des Wächters geschaffen, den du nicht suchen musst, sondern der dich findet, wenn die Zeit der Antworten gekommen ist.
Träumer: Wen? Mich?
„Oh ja“, lächelte er mich wissend an, „du hast dich nicht verzählt, es fehlt noch die letzte Stufe ins Licht. Dieses letzte Stück zur Erlösung muss von jedem Kandidaten in seiner Seele selbst errichtet werden.“
Ich schaute mich auf dem Plateau suchend um, erblickte aber nichts, was sich in geeigneter Weise als möglicher Baustoff anbot.
Akron grinste: „Doch nicht auf der materiellen Ebene …“ Ich spürte mich in eine goldene Flamme eingehüllt, die sich wie ein elektrostatisches Phänomen in seiner Hand entlud. Dann zog er an einem dicken Tau, worauf der weit ausladende Baum eines Hebekranes herüberschwang. Am Ende des Seiles hing ein aus Schilfrohr gefertigter Lastenkorb, der baumelnd über einer kleinen kreisrunden Öffnung zum Stehen kam, die ich bisher noch gar nicht bemerkt hatte. Mit bangem Blick starrte ich in diesen gähnenden Schlund, dessen Grund sich irgendwo in der Dunkelheit verlor. Mit stummer Gebärde wies mein Seelenführer mich an, in den Korb hineinzuklettern.
„Das ist nicht dein Ernst“, maulte ich wütend, „ich dachte, wir hätten diesen Unterweltscheiß jetzt endlich hinter uns. Nun verlangst du von mir, dass ich noch einmal in diesen Seelenmorast da unten eintauche?“
„Erinnere dich an den Stein des Sisyphus, der von der Spitze immer wieder ins Tal hinunterrollen muss, bis der Betreffende die Lösung des Rätsels kennt.“ Akrons Augen machten mir schnell deutlich, wie ernst ihm die Sache war: „Willst du deiner Erlösung begegnen, musst du gleichzeitig in die Höhe bauen und in die Tiefe graben. So wie jeder Baum, der mit seiner Krone in den Himmel ragt, nach unten noch einmal so lange Wurzeln hat, genau so hat auch der Turmbau einen Keller. Dort unten wirst du den Mörtel deines letzten noch zu errichtenden Stockwerks vorfinden. Das ist das Gesetz der Polarität. Solange du nicht erkennst, dass das eine die Voraussetzungen dafür schafft, dass sich das andere entwickeln kann, hast du statt eines geschlossenen Ganzen immer zwei Seiten, die du isoliert voneinander betrachtest. Denn obgleich das Ziel am Ende in den geistigen Höhen thront, führt dich dein Weg gleichzeitig wieder hinab, in die Kellergewölbe dieses Turmes, direkt in Saturns finstere Höhle. Bevor die Seele rein und geläutert ist, muss sie zunächst durch einen tiefen Stein. Darum folge deinem inneren Cherub, er wird dein Licht auf dem Weg in die Finsternis sein ...“


Sünder
Neider, Pessimisten, verbitterte Menschen mit negativen Gefühlen und depressiven Stimmungen, die „schwarzen“ Mütter, die das Leben aus ihren Kindern heraussaugen (umgekehrt: die unabgenabelten Kinder, die sich im Mutterschoß festhaken), die gemästete Schlange, die das Blut ihrer Opfer aufleckt, die verschlingende Urmutter
Disposition
Der Schattenbereich von Mond im Steinbock und Mond im 10. Haus sowie disharmonische Mond/Saturn-Aspekte
Schuld
Die Palette ist groß: Neid, Verbitterung, Verhärtung, versteinerte Herzen, zuviel Gewicht auf Recht und Ordnung, unterdrückte Weiblichkeit und Verödung der Emotionen aus übertriebenen Pflichten, Zurückweisung von Gefühlen zur Vermeidung von Schmerz, Problematik in der Beziehung zur eigenen Mutter, Übergriffe und kompensierende Verantwortung aus der schmerzlichen Abgespaltenheit der inneren Gefühlsnatur
Strafe
Diese Hölle konfrontiert dich mit deinem (unverhältnismäßigen) Streben nach Unabhängigkeit von den Bedingungen der Natur, das sich der Hingabe an die fließenden Abläufe der Schöpfung entgegenstellt. Die Seele versteckt sich hinter einem schützenden Panzer, um sich vor den Angriffen zu schützen, die überall im Außen lauern. Sie verbirgt sich hinter der eigenen Angst, um nötige Ablösungsprozesse zu verhindern, und durch das nicht Loslassenkönnen bleibt sie in unerträglichen Blockaden und selbstzerstörerischen Situationen gefangen. Im Bestreben, die Objekte der Begierde an sich zu binden, um deren Gefühle zu kontrollieren und emotionale Unschärfen zu verhindern, wird die Anima geopfert und Sehnsucht mit geißelnder Selbstzucht ausgetrieben – das ist die Strategie, mit der man gegen das Leben „antritt“. Das führt in die Irre, denn im Bestreben, die Grenzen nach außen hin zu festigen und gegen äußere Angriffe zu zementieren, ist es uns meistens nicht bewusst, dass die wirklichen Bedrohungen von innen kommen.
Lösung
Dieser Ort konfrontiert dich mit den unendlichen Tiefen deiner angesammelten Gülle – mit den Auswüchsen der seelischen Bilderwelt. Er gewährt dir einen Blick hinter den Spiegel, in dem du deine bewusste Welt den Sicherheitsbedürfnissen deiner inneren Ängste angepasst hast, ins Reich des Unbewussten, wo dir die Schreckensbilder deiner Seele als die Brut der Nacht am anschaulichsten entgegenblicken. Jenen Ungeheuern zu begegnen und sie zu überwinden, ist die Herausforderung dieser Hölle. Denn alle Drachen, Spinnen, Schlangen, Ungeheuer und Dämonen sind vergangene Erlebnismuster, die aus den Tiefen unserer Erinnerung steigen.
Der versteinernde Blick
Die Hölle des gefangenen Seelenschmerzes
„... will heißen“, schloss ich aus Akrons letztem Satz, „dass du nicht mit mir kommen willst. Ich dachte immer, du wärst mein innerer Cherub und Seelenführer?“
Akron lachte. „Sind wir wieder einmal soweit, dass du NIEMAND herauszufordern suchst? Bemüh dich lieber nicht! An diesem Punkt der Entwicklung muss der Reisende ein letztes Mal in die Unterwelt seines Tiefenbewusstseins zurück, um die schicksalhaften Begegnungen und Erinnerungen seines durchlebten Daseins endgültig aufzulösen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Begebenheiten im wirklichen Leben oder nur in seiner Fantasie stattfinden. Hier oben ist alles nur noch reine Emphase; der Psychomagier allein versteht die Dinge als das zu begreifen, was sie in ihrem innersten Wesenskern wirklich sind: nichts anderes als die Ausgeburten dynamischer Energien, die in zyklischer Aktivität um das Zentrum jeder einzelnen Seele pulsieren.“
Ich dachte nach. „Aber ist es denn überhaupt sinnvoll, sich diesen Sehnsüchten willentlich zu entziehen und sie, wie es unzählige Mönche und Nonnen immer wieder vergeblich versuchten, mit geißelnder Selbstzucht auszutreiben?“
„Das kommt auf die Haltung des Menschen an. Hat sich die Seele für ihre Weiterentwicklung, für einen Weg der Entbehrungen und Entsagungen entschieden, führt sie dieser Pfad ans Ziel. Je intensiver die Anhaftung an die Vergänglichkeit materiellen Glücks, desto schneller der Fall aus ihrer Täuschung, aus der dann zwangsläufig Erkenntnis gewonnen werden kann.“ Nach diesen Worten sah er mich müde an.
„Was ist?“ drang ich in ihn ein. „Du blickst mich gerade so erschöpft an, als ob du an meiner Stelle diesen steilen Pfad zur Spitze heraufgekommen wärst …“
„Vergiss nicht“, sagte er leise, „dass keinem dieser Weg erspart geblieben ist. Meine Erschöpfung entspringt der zukünftigen Erinnerung, welch langer Weg tiefster Einsamkeit auf dich wartet, um dich am Ende mit geschärftem Blick auf der Insel der Seligkeit wieder zu finden.“
Eine Mischung aus Betroffenheit und tiefstem Mitgefühl für meinen Seelenführer ergriff von mir Besitz. Mir kam unser gemeinsames Abenteuer in der Krebs-Hölle in den Sinn, als mir Akron erzählte, wie er seine geliebte Anima für den Weg des Wissens verlassen und geopfert hatte.
„Noch etwas! Die Alpträume der Vergangenheit werden im Steinbock konserviert. Damals, im Zeichen des Saturns, begegnete dir die Schwarze Isis schon einmal im Gewand der Schlange, doch was dort noch naiv und unschuldig aus deinem Unbewussten strömte, dem gilt es diesmal in deiner ganzen Mannhaftigkeit zu begegnen.“ Seine Hand wies auf die dunkle Öffnung unter mir. „Magst du einen Blick in deine Zukunft werfen? Interessiert es dich, in welcher Gestalt sie dich erwarten wird?“
„Wer?“ Im gleichen Moment öffnete sich eine geistige Barriere in meinem Kopf und ein undefinierbares Energiefeld materialisierte sich vor meinen Augen zu einer sichtbaren Gestalt: „Erkennst du mich?“ Nein, es war kein verführerisches sündiges Weib, das vor mir stand, sondern ein kleines Mädchen mit großen, saphirblauen Augen. Es sprach: „Mach dir keine Gedanken. Alles, was du siehst, ist eine Illusion, aus einer mysteriösen Vergangenheit heraufgeschaufelt und auf die Gehirnleinwand projiziert wie ein Film.“
Als ich mich umschaute, sah ich viele blinde Schattenwesen, die sich hilflos am Boden in der düsteren Atmosphäre bewegten. Sie schienen wie in starken inneren Bildern gefangen.
„Was sind das für seltsame Erscheinungen?“ Ich wollte mehr darüber wissen.
„Das sind Persönlichkeitsteile, seelische Fragmente, die die Menschen von sich abgespaltet haben, damit sie unbelastet von ihren negativen Erinnerungen oben im Tageslicht ihren Zielen nachgehen können. Schau, hinten links, da vergnügt sich eine besondere Gestalt“, machte sie sich über meinen Eifer lustig. „Erkennst du sie?“
„Ist das auch ein anderer Bestandteil meines Selbst?“ Ich war verblüfft. Verdammt, das war ich selbst, der sich da im sexuellen Fight mit einem Furcht erregenden Succubus, einem weiblichen Buhlteufel, befand.
„Ganz recht“, erwiderte sie knapp, „das bist du selbst, und zwar auf einer erinnerten Wahrscheinlichkeitsebene, in der dir das Paradies versprochen wurde, wenn du dich mit der Sündenschlange wieder versöhnst …“
„Das versteh ich nicht!“
„Das bedeutet: Die körperlichen Sinne zeigen dir die anerzogene Realität, wie du sie aus deinem Alltag her kennst, doch die wahrscheinlichen Sinne deiner geistigen Realität zeigen dir ein weites Spektrum an Wahrscheinlichkeitsebenen, die alle, obwohl sie noch gar nicht sind, möglich werden können, wenn du dich entscheidest, sie wahrzunehmen.“
„Aber wenn er ich ist, wer bin dann ich, der ihn sieht?“ schrie es aus mir heraus.
„Du bist du – er ist nur die Projektion deiner zukünftigen Erinnerung, in der du dich an das verlorene Paradies erinnerst, das du dir durch den Kampf mit der Schlange zurückerobern willst.“
„Dann bin ich der, der mit dir spricht!“ wiederholte ich seufzend. Jetzt war ich gänzlich verwirrt.
„Du bist der, der mit mir spricht, aber du kannst jederzeit auch der werden, der sich mit der Schlange verlustiert, dann nämlich, wenn du dich entschließt, seine Rolle anzunehmen. Die Schlange ist ein Schattenwesen deiner inneren Hölle, das versucht, sich an deine emotionale Natur zu heften. Wenn es ihr gelingt, dich einzubinden, bist du mit ihr zusammen in der Enge deiner eigenen Ängste gefangen.“
„Dann haben Schattenwesen solche Macht?“ entfuhr es mir.
„Du darfst nicht vergessen, diese Schattenwesen sind ein Teil von dir“, erwiderte sie mir, „und sie sind deshalb so stark, weil sie sich an die Sehnsucht deiner unerlösten Erinnerungen klammern.“ Da fiel mir plötzlich ein, dass ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hatte, wer das kleine Mädchen mit den saphirblauen Augen war, das da wie aus dem Nichts vor mir stand. Und eine dunkle innere Stimme sagte mir, woher ich denn wissen wollte, dass es nicht selbst ein solches Wesen war.
„Eine andere Frage“, sprach ich sie deshalb unvermittelt an, denn ich wollte das sofort geklärt haben, „was führt dich zu mir? Was bezweckst du, wenn du mir die Situation zu analysieren hilfst?“

„Ich bin dein inneres Kind, das in der Hölle deiner unverarbeiteten Erinnerungen gefangen ist.“






