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„Von welcher Hölle redest du?“ versuchte ich zu ergründen. „Ich denke, dass wir uns unterhalten.“
„Du wirst dich bald erinnern“, tat sie mir mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck kund, „es ist eine Art Spiegelraum, zwischen den Welten, in dem ich auf dich warte.“
„Und wie kann ich dich finden?“
„Ich weiß es nicht“, gab sie immer noch kindlich lächelnd zurück.
„Das glaube ich dir nicht!“ entgegnete ich ihr. Wollte sie mich veräppeln? Ich wurde nervös.
„Wenigstens ist es besser, nicht darüber zu sprechen“, fügte sie augenzwinkernd hinzu und legte sich den Zeigefinger auf die Lippen. „Überleg es dir gut: Hast du mich in meiner wirklichen Gestalt gefunden, bist du erst einmal drin – dann gibt es kein Zurück!“
„Aber ich möchte mit dir sprechen – nicht nur von dir träumen.“
„Nun, dann musst du selbst zu einem Teil deiner Hölle werden, zu einem Loch in Raum und Zeit, das dich zu deinen eigenen Erinnerungen zurückführt.“ Ich sah einen riesigen Spiegel, der so platziert war, dass ich in ihm die Person erkannte, die hinter mir stand. Es war die schwarze Isis: „Du kannst mir auf der anderen Seite begegnen, wenn du einen Blick durch den Spiegel hindurchgeworfen hast!“ Mich durchfuhr ein elektrisierender Schlag, als ob ich von einem inneren Blitz der Erkenntnis getroffen wurde, ein Feuerbündel von explodierendem Licht, und ich fragte mich, ob ich wirklich sah – ob meine Augen offen oder geschlossen waren.
„Es gibt tausend Formen, in denen dir deine Gespenster erscheinen können“, versuchte Akron mir die Sache zu erklären, „denn jeder wählt die Geschichte seiner inneren Hölle selbst. Nur soviel: Verlass dich nicht auf dein Augenlicht – denn was du erblicken wirst, könnte dein Herz zu Stein erstarren lassen.“
„Ich versteh nicht ganz ...“ Seine Worte konnten meine Angst nur etwas mildern, aber nicht überwinden, und dann hatte ich das vertraute Gefühl, als ob mich etwas nach innen zog.
„Hier, nimm den – den wirst du da unten brauchen!“ Zu meiner großen Überraschung reichte er mir seinen persönlichen Ring, den ich immer an ihm bewundert hatte. Als ich gebannt hinsah, hatte ich das merkwürdige Gefühl, als ob sich eine dreidimensionale Projektion auf der polierten Oberfläche abzeichnete mit einem irisierenden Leuchten an den Kanten der Ränder, in denen ich plötzlich so etwas wie einen in ein Dreieck eingedrehten Kreis zu erkennen glaubte. Mein erstaunter Blick wurde von ihm mit einem väterlichen Lächeln erwidert. Dann teilte er mir mit, dass mich dieser Ring fortan begleiten werde. Er schütze seinen Träger auf der Reise durch die infernalischen Abgründe und stamme aus dem Besitz meiner Vorfahren.“
„Aus dem Besitz meiner Ahnen? Aber wieso kommt dieser Ring dann zu dir?“
„Nicht aus dem Fundus deiner Blutsreihe, du Narr, sondern aus den Reihen deiner geistigen Vorgänger, die sich nicht in der Realität bewegen.“
„Das musst du mir erklären!“
„Es gibt nicht nur die Systeme der kollektiven Realität, die die Menschen miteinander teilen und in denen sie sich gegenseitig fortpflanzen – es gibt auch unendlich andere Wirklichkeiten, in denen Teile deines Geistes oder deines multipersonalen Wesens unterwegs sind, die sich mit anderen Wesen verbinden, was zu Wirklichkeiten unter der Bewusstseinsschwelle führt, von denen das verengte materielle Bewusstsein keine Ahnung hat.“
„Ich versteh kein Wort.“
„Der Wirkungsradius deines Geistes reicht viel tiefer, als du dir das einzugestehen wagst. Deine Seele schwingt sich in Welten aus, die dein bewusstes Ich mit einem Schlag zerstören würden, wüsste es, was für Energien in ihm verborgen sind. Es würde sterben, wenn es diesen Wesen bewusst begegnen müsste. Dagegen hilft der Ring!“
„Du willst mir sagen, dass mich der Ring vor den Erfahrungen mit den Wesensteilen in mir schützt, von deren Vorhandensein ich keine Ahnung habe?“
„Genau! Dieser Ring wird dich vor den Anfeindungen aller Geister und Dämonen schützen, vorausgesetzt natürlich, du bist dir deiner eigenen Abwehrkräfte bewusst.“ Er hätte ihm und allen seinen Vorgängern schon wertvolle Dienste geleistet, doch nun sei der Zeitpunkt gekommen, ihn an mich weiterzugeben. Dankbar streifte ich den Ring über meinen Finger, wobei ich einen starken inneren Kraftstrom spürte.

Akron trat vor mich hin, umarmte mich und wünschte mir viel Glück. Dann sprang ich in den Korb. Mein Seelenführer trat an die alte Kurbel des Aufzugs und mit einem Ruck setzte sich mein brüchiges Gefährt knarrend und quietschend in Bewegung. Ein letztes Mal begegneten sich unsere Blicke, dann war seine Gestalt schon hinter dem Rand der schmalen Öffnung verschwunden, in deren dunkler Untiefe ich mit jeder weiteren Umdrehung der Winde verschwand. In mir überschlugen sich die Gedanken, und obwohl ich mich nicht mehr in der Hölle, sondern im Fegefeuer wusste, verspürte ich dennoch eine unangenehme Steigerung des Ganzen. Der Ablauf meiner Höllenfahrt war an keinen zeitlichen Ablauf gebunden, vielmehr hatte ich das Gefühl, gleichzeitig oben, unten und in der Bewegung des Fallens zu sein. Wie durch einen Schleier sah ich die feuchten Wände des engen Schachtes und die lehmige Erde am Boden der Gruft. Ich fühlte mich von zwei verschiedenen Welten umzingelt, wobei die eine sich mir näherte, wenn sich die andere von mir entfernte. Einem durch Erdrosseln zum Tod Verurteilten ähnlich zog sich die Fessel der Angst mit jedem weiteren Ruck in die Tiefe fester um meinen Hals zusammen und ließ mich erahnen, dass mich dort unten nur etwas erwarten konnte, zu dem seit Äonen weder ein Lichtstrahl noch ein klein wenig Liebe hinab gedrungen sein konnten. Irgendwie war es eine unterschwellige Sehnsucht nach dem Unbekannten. Das dumpfe Aufschlagen des Korbes beendete meine Fahrt zum Mittelpunkt meiner Seele. Dann wurde es Nacht.

Ich starrte in den unnatürlichen Glanz, der in lähmender Regungslosigkeit die ganze Atmosphäre durchdrang, ein fluoreszierendes Gemisch, das der Dämmerung die gasartige Ausstrahlung eines wabernden Gespensterreigens verlieh, und erblickte, von einem noch heftigeren Schauder erfasst, das umgekehrte Spiegelbild einer visionären Erscheinung, die wie ein Ahnengeist mit erloschenen Augen hinter mir stand, aber in dem Moment wieder verschwunden war, als ich mich wie eine Tarantel abrupt umdrehte. Vorsichtig prüfte ich den Untergrund auf seine Festigkeit hin. Ich betrachtete den Ring an meiner Hand, dessen fluoreszierendes Schimmern in einem Radius von knapp zwei Metern die Finsternis durchschnitt und mir so zumindest den unmittelbar nächsten Schritt beleuchten würde. Was hatte Akron damit gemeint, als er mich davor warnte, nicht meinen Augen zu trauen, deren Einsatz mit Versteinerung bestraft werden würde? Sogleich kam mir die Medusa der Antike in den Sinn, ein Wesen, dessen Anblick jeden Mann zu Stein hatte erstarren lassen. Einzig Perseus, einem mutigen Helden, war es gelungen, die schreckliche Gestalt mit einer List zu überwinden. Durch das Verwenden eines Spiegels hatte er ihr mit seinem Schwert das schlangenhaarige Haupt abschlagen können, das ihm später dazu verhalf, die schöne Andromeda vor dem Rachen eines Meerestitanen zu bewahren. Doch was nützte mir hier unten dieses Wissen? Ich besaß weder Schwert noch Spiegel, zudem hatte mich meine Reise wohl kaum in diesen Schacht hinuntergeführt, damit ich nachahmte, was ohnehin wohl nur eine mythische Allegorie darstellte.
Um die Auflösung all der schrecklichen Vorstellungen in meinem Hirn voranzutreiben, wagte ich einen verstohlenen Blick durch die dunklen Katakomben. Doch das entpuppte sich als Fehlanzeige, denn statt die Nachtgespenster im Herzen zu vertreiben, entdeckte ich zu meinen Füßen einen menschlichen Kopf. Als ich ihn vorsichtig mit dem Fuß anstieß, bemerkte ich, dass er aus Stein war. Nach zwei weiteren Schritten fand ich einen abgefallenen Arm und nicht unweit davon schließlich den Torso, der bereits in mehrere Teile zerbröckelt war. Ich war wie paralysiert. Ein stummer Schrei durchbebte meine Seele: Würde ich das Zischen hören, das ihre Gegenwart ebenso wie der frappante Druckabfall in der Atmosphäre ankündigte, wie es die alten Bücher verkündeten? Ich hielt meine Augen starr auf die Dunkelheit gerichtet und sah als erstes, wie der Ring einen schwachen scharlachroten Glanz auszustrahlen begann, der mich irgendwie an frisches Menschenblut erinnerte. Im selben Augenblick ließ mich das erschreckende Zischeln einer Schlange zusammenzucken, gleichzeitig schloss ich die Augen, um unter ihrem Anblick nicht zu versteinern wie mein bedauernswerter Vorgänger. Sämtliche Nackenhaare stellten sich mir auf, als ich die Geräusche eines schuppigen Körpers vernahm, der sich über den Boden schleifend in meine Richtung schob.
Völlig blind und orientierungslos hielt ich die Faust mit Akrons Ring vor mich hin, wie um mir ein magisches Schutzfeld zu verschaffen, das sie nicht durchdringen konnte, worauf das Reptil in unmittelbarer Nähe tatsächlich verharrte. Es war plötzlich mucksmäuschenstill. Eine Weile geschah überhaupt nichts. Trotzdem glaubte ich den Druck ihrer eiskalten Augen förmlich spüren zu können, mit denen sie mich fixierte, bereit, sich wie ein Raubtier jeden Moment auf mich zu stürzen.
„Was versteckt sich hinter dieser Gestalt?“ hörte ich meine innere Stimme. „Ist es die kollektive Angst vor den Müttern, die sich hinter ihrer Maske verbirgt? Ist es der Dämon, der uns vor dem Erkennen fernhält, damit unsere Ängste nie enden können: ein Bild der Erkenntnis, das uns durch die Angst vor der Versteinerung vorenthalten wird? Was liegt auf der anderen Seite der Versteinerung? Vielleicht die Erlösung? Oder zumindest die Erkenntnis, dass wir uns vor dem Entsetzen nur im Herzen des Entsetzens verstecken können?“
Es war ein fürchterlicher Moment des Schreckens, angefüllt mit schrecklichen Erinnerungen, die in mir hochstiegen, als ich mich bemühte, die Ursachen zu erkennen, die diesem Ereignis zugrunde lagen. Von Zeit zu Zeit drangen die schrillen, spitzen Schreie ungeborener Kinder wie die Fetzen einer verwehten Tonleiter an mein Ohr: „Komm heim zur Mutter“, flüsterte der Wind. Und das Echo schallte zwischen meinen Ohren.
Lange Zeit vernahm ich nichts. Die Götter hüllten sich in stumme Meditation. Endlich durchbrach ihre zischelnde Stimme das Schweigen: „Du siehst, die Mütter antworten nicht. Sie schweigen. Ich aber stehe dir Rede, wenn du es willst. Frage mich!“ Der Atem der von den Alpträumen umklammerten Wirklichkeit kroch mir ins Gesicht. Ich war mir nicht sicher, ob ich träumte, denn direkt vor mir züngelte ihr schlangenhafter Kopf.
„Wo bin ich hier?“ schrie es ganz tief aus mir heraus, wobei kein Laut über meine Lippen drang. Das Echo meiner Stimme tanzte wie ein irisierendes Regenbogenmuster in der Luft.
„Zu mir gelangen nur jene, die die Abnabelung ihres Mutterbildes bisher versäumt haben und nun bei mir zu finden hoffen, was sie schon im richtigen Leben nicht entwickeln wollten“, drang es wie ein metallisch dröhnender, durch ein heiseres Röcheln gedämpfter Widerhall an mein Ohr.
„Und das wäre?“ stieß ich stumm hervor.
„Die vollständige Verödung ihrer Emotionen, damit sie sich auch weiterhin der Konfrontation mit ihrer eigenen Nicht-Liebe und Unzulänglichkeit entziehen können.“
„Versteh ich dich recht? Du tötest ihre Emotionen, indem du ihre Körper zu Stein werden lässt?“ Außer mir vor Entsetzen sprang ich auf. Aber es war nur ein schrilles Bild in meinem Kopf.
„Sicherlich, denn der, dessen Herz zu Stein erstarrt ist, braucht fortan weder Schmerz noch Trauer zu fürchten. Niemals wieder wird ihn etwas emotional verletzen können. Es ist ganz leicht, du brauchst nur für einen kurzen Moment die Augen zu öffnen und alle deine Ängste sind für immer verschwunden.“ Den Blick starr auf einen Punkt zwischen meinen Augen gerichtet, lag in ihren Zügen ein Ausdruck von lodernder Ruhe.
„Und meine versteinerten Gebeine zieren fortan den Grund dieses Turmes, nicht wahr?“ folgerte ich lautlos.
„Du bist ein kluges Bürschchen“, zischelte sie anerkennend, „doch was weißt du schon von durchlittenem Leid und sich beständig selbst verzehrendem Seelenschmerz? Du steigst doch lediglich zu mir herab, um deine Erkenntnisse in Buchstaben oder Chiffren bannen zu können. Von deiner vermessenen Idee besessen, meine Botschaft jenen Menschen zugänglich machen zu können, die mit der Erfahrung leben müssen, von der eigenen Mutter niemals angenommen worden zu sein. Verkopfte Totgeburten, die sich in ewiger Schuld und Verdammnis selbst zerfleischen und ihre verbitterten Gemüter lieber weiterhin mit dem Schund irgendwelcher hohlgeistigen Lehren voll stopfen, anstatt den wirklichen Ursachen ihres Dilemmas auf den Grund zu gehen.“
„Du sprichst von ihrer Zurückweisung durch das Leben?“ schoss meine Frage wie aus einer Energieblase von leuchtendem Licht. Ich spürte den Druckabfall in der Atmosphäre.
„Ganz recht! Denn einzig ihre Angst, nicht ins Leben hinauszuwollen, bestimmt die zukünftigen Erlebnisse, in denen sich reflektiert, was sie selbst einst bis zur Gänze auslebten – nämlich die Befriedigung der eigenen Gefühle ohne Rücksicht auf andere! Dieses instinktive Erahnen, gekoppelt mit der vergangenen Schuld, lässt sie nun erfahren, was sie selbst stets fürchteten – die irrationale Seite ihrer Gefühle, die sie nun durch Abtöten ihres Herzens auszusteuern und zu kontrollieren suchen. Und ich helfe ihnen dabei, diesen letzten Schritt zu vollziehen.“
„Dein letzter Schritt ist nichts anderes als das Scheitern der Liebe“ rief eine Stimme erbost aus mir heraus. Ich hatte Mühe, meine Augen geschlossen zu halten.
„Liebe?“ höhnte es mir verächtlich entgegen. „Ich bin nur die letzte Konsequenz dessen, zu was sich Menschen im Leben selbst entschlossen haben. Mein Blick verspricht nichts anderes wie die Erfüllung ihrer Sehnsucht, deren Anhaftung sich in meinem Todeskuss soweit erfüllt, dass keinerlei Regung und Bewegung mehr stattzufinden braucht. Meine Liebe ist ein Geschenk bis ans Ende der Zeit, wo alle Materie dereinst zu Staub zerfallen wird. Ich stehe für die Liebe, die nichts mehr zu wollen braucht, weil sie alles, was es zu erreichen gibt, schon in sich trägt. Ich bin die schwarze Mutter, die die Liebe aus ihren Kindern heraussaugt …“
„Mir ist dieser traurige Umstand durchaus bekannt“, schoss ein besänftigender Informationswirbel durch die Luft, „doch möglicherweise übersiehst du in deinem Hass, dass du selbst ein Teil dieses Dilemmas bist, dessen Vorhandensein für dich mittlerweile Mittel zum Selbstzweck geworden scheint. Denn so sehr wie du die zu dir kommenden Männer für ihre Unfähigkeit zur Hingabe verachtest, lehnst du auch deine eigenen Gefühle ab, die du als Schwäche abtust, sich seinem Gegenüber ausliefen zu wollen. Lieber reißt du ihnen das Herz heraus und verwandelst sie zu leblosen Objekten, damit sie dir nicht mehr gefährlich werden können, genießt aber dennoch die Anziehungskraft, mit der sie in ihrer Unerlöstheit zu dir hingetrieben werden.“
„Doch nur, weil sie bei mir etwas zu finden hoffen, das sie selbst zu geben niemals bereit sind“, fauchte sie mir entgegen.
„Weil sie sich fürchten, von dir verschlungen zu werden“, strömte es voller Inbrunst aus meiner Brust.
„Nein, weil sie sich vor meiner Liebe fürchten, in deren Erfüllung der Tod ihres Egos lauert.“ Sie öffnete ihren Rachen. Aus ihrem Mund tropfte frisches Menschenblut und in ihren Augen spiegelten sich die Schrecken der Verdammten, lebendig begraben in ihrer höllischen Gruft. „Führt Akron nicht selbst meinen heiligen Stab als erlösenden Schlüssel mit sich?“
„Deinen? Du meinst diesen Caduceusstab, den Stab des Hermes Trismegistos?“
„Ganz recht, den Stab des Hermes, jenes Hermaphroditen, der wusste, dass die unsterbliche Kraft der sich stets häutenden Schlange die beste Medizin für den Menschen ist, wenn man die tiefe, ergänzende Heilkraft des Drachenbluts erkennt, das mir Akron bei unserem ersten Aufeinandertreffen gestohlen hat“, zischte sie und in der unfassbaren Tiefe ihrer Worte lag große Zauberkraft: „Er merkte schnell, dass er mit diesem Gift nicht nur heilen, sondern auch Tote zum Leben auferwecken konnte. Leider entfernte der durch seinen Materialismus sich immer mehr in den Mittelpunkt stellende Mensch die Schlange des Todes vom Baum des Lebens, um nur noch die eine, heilende Schwester anzubeten. Fortan führt er in seinem Äskulapstab lediglich die eine Schlange, während er sich meines erlösenden Segens in Form von drohendem Unheil und Krankheit zu entledigen hofft. Nur deshalb fürchtet mich die Medizin, weil sie verdrängt hat, dass ich alle Wesen des Universums aus meinem Leib gebäre, den ich gleichzeitig mäste, wenn ich das Blut der Verstorbenen auflecke. Ich bin die ewige Nacht, die Grosse Todin, Schoß und Grab der Welt in einem, die unverfälschte letzte Wahrheit der Natur, der alle dienen und sich beugen müssen!“ Tief erschüttert von ihren Worten überkam mich ein Frösteln.
„Wovor fürchtest du dich?“ fuhr sie mit etwas milderer Stimme fort. „Mein Auftauchen ist die wieder gefundene Rechnung an den Sonnenhelden, dessen Zerstörungswillen der Natur gegenüber schon wieder Teil seines Heilungsprozesses ist. Bist auch du nicht lieber bereit, tausend Hexen zu verbrennen, als die Möglichkeit der Flucht vor der eigenen Dunkelheit im Spiegel des Weiblichen aufzugeben? Du läufst ständig vor dem Gefühl emotionaler Einbindung davon, um die Kontrolle über die Opfer aus Angst vor deren Rache nicht abgeben zu müssen.“
Ich nickte ergeben: „Inzwischen habe ich erkannt, dass sich keiner dem Weg der absoluten Hingabe entziehen kann, wenn er die geistigen Ufer hinter seinen emotionalen Masken erreichen will.“
„Wohl gesprochen, Sonnenheld!“ zischelte die Gorgone, „und da du gewillt scheinst, hinter diese Masken zu blicken, ersuche ich dich abermals, mir ins Angesicht zu schauen. Denn nur in meinem schwarzen Antlitz begegnest du deinem eigenen verdrängten Selbst.“
Meine von der Kälte ohnehin schon geschwächten Glieder begannen zu zittern, als ich mich endlich entschloss, diesem unausweichlich süßen und todessehnsüchtigen Drängen nachzugeben. Mit klammen Fingern drehte ich Akrons Ring an meinem Finger, um seine Präsenz zu spüren – um mich mit seiner Energie verbinden zu können. Der Kreis begann sich im Dreieck zu drehen und schimmerte wie ein virtuelles Auge. Auf komplexe Weise verknäult und verknotet, stülpte sich das Zeichen langsam vor meinem Gesichtsfeld um, so dass sich das Innere nach außen wand, und auf einmal hatte ich den Eindruck, dass das Auge ein inneres Loch war, das mich ansaugte. Ich atmete noch einmal tief durch und öffnete die Augen.
In diesem Augenblick verwandelte sich mein Gegenüber in ein wunderschönes weibliches Wesen, dessen unverhüllte Körperformen mich sogleich unwiderstehlich in ihren Bann zogen. Es war die Schwarze Isis, von der man sagt, dass sie als Dämon in der Psyche derjenigen Männer auftaucht, die ihre dunkle Projektion in der Außenwelt nicht kennen, oder Lilith, die mysteriöse Göttin, von der die Sage berichtet, dass sie böse Menschen mit ihrem Schlangenkuss einsaugt. Nie zuvor war ein Mann mit solch einer stark vibrierenden Schwingungsenergie konfrontiert worden, sodass mein Körper auf die einzige ihm bekannte Weise reagierte. Meine sexuelle Erregung setzte mein ganzes Wesen in Flammen und mein Drang, mich mit diesem göttlichen Wesen auf der Stelle vereinigen zu müssen, wurde übermächtig. Ich wusste nicht, ob ich vor Entsetzen laut aufschreien oder vor geblendeter Schönheit aufstöhnen sollte, denn was sich meinen Augen bot, lässt sich nur schwer in Worte kleiden. Sie entpuppte sich als das in der Finsternis leuchtende Feuer aus der Verdrängung der weiblichen Kraft, und ihre Namen waren so viele, dass alle Seiten dieses Buches nicht ausreichen würden, ihre Erscheinung zu beschreiben.
Mit einem Schlag wurde mir klar, warum der einfache Betrachter, gewohnt, alle Erscheinungen in sein duales Weltbild hineinzupressen, bei diesem Anblick unweigerlich wahnsinnig wurde, was mit der sofortigen Versteinerung seines Herzens einherging. Es war dieses Gesicht, dieser nackte und paralysierte Ausdruck, der Chronik der menschlichen Überlieferung entsprungen, ein furchtbarer Archetyp, unter dem die Alten die menschlichen Ängste abgespeichert hatten. Gleichzeitig war es ein bestrickendes Bild der Phantasie, aus den lüsternen Dunkelkammern der Auslieferung und Hingabe entsprungen, der Finsternis im Unfassbaren sich ewig ausliefernd, die abgespaltene, schmerzvolle seelische Anlage des Mannes für das dominante Weibliche, das ihre Beute langsam und subtil auffrisst. Wie die sechsarmige Todesgöttin Kali schwang sie in ihrer Rechten ein bedrohliches Sichelmesser, mit dem sie den Lebensfaden ihrer Opfer im Nu durchtrennen konnte, während sie mir in der Linken den Haarschopf eines abgeschnitten Kopfes entgegenhielt. Zugleich bot sie sich mir zur Paarung an, indem sie sich mir näherte und mit ihren weiteren vier Händen einladend die sinnlichen Brüste ihres wunderschönen Frauenleibes massierte. Völlig willenlos, wie an unsichtbaren Fäden gezogen, ging ich auf sie zu. Ihr feuchtes Geschlecht schien meinen gesamten Geist zu absorbieren, und während ich in einen rauschartigen Taumel sexueller Obsessionen fiel, gewahrte ich halb ohnmächtig mit ungläubigem Blick, wie die Hautoberfläche der Göttin eine marmorartige Struktur annahm.

Wir wurden eins, und ihr irres Lachen jagte mir wie ein Bilder-Orgasmus unvergleichlichen Ausmaßes durch die Gehirnsynapsen. Darin erkannte ich das Gesicht der verschlingenden Urmutter, der alle Helden auf ihrem Weg durch die Nacht irgendwann begegnen müssen und deren Anblick sie unweigerlich zu Stein erstarren lässt, wenn sie noch nicht bereit sind, die Wahrheit zu ertragen. Lieber ruht unser Auge auf ihrer betörenden und sinnlichen Erscheinung in Form eines verlockenden Weibes, das wir in unserer verblendeten Selbstsucht zu besitzen und zu schwängern suchen, um auf diese angenehme Weise der Göttin ihren Tribut zu zollen, den wir ohnehin irgendwann zu entrichten haben. Denn auch das war sie – das schönste und begehrlichste Wesen unter den Sternen, deren Umarmungen alle Süße dieser Welt versprachen. Und nur jener, der ihr ewiges Spiel als notwendiges Blendwerk der Natur unzählige Male durchlebt und durchlitten hatte, war fähig, ihrem versteinernden Blick zu widerstehen. Auch mir schnürte das Grauen die Kehle zu, und schon spürte ich die allmähliche, aber unumkehrbare Verwandlung, der mein physischer Körper unterworfen war. Ich blickte an mir herunter und versuchte einen Schritt zu machen, was jedoch unmöglich war. Meine Füße waren bis zu den Knien bereits zu Stein erstarrt und ließen keinerlei Bewegung mehr zu.
In höchster Not drehte ich die Akrons Zauberring, und plötzlich verstand ich den Zusammenhang. Nicht ihre viel geschmähte Hässlichkeit ließ die Büßer zu Stein erstarren, nein, es war die reflektierende Kraft ihrer Augen, die dem Betrachter die eisige Kälte seines eigenen Herzens zurückwarf. Hier unten mussten all jene Büßer zu Stein werden, die ihr Herz aus Angst vor der Akzeptanz ihrer äußeren Erscheinung verschlossen hatten und nicht gewillt waren, hinter ihre abscheuliche Fratze zu blicken, unter der sich die Schönheit einer traurigen und geschundenen Seele verbarg, deren Ganzheit einst abgespalten und verdammt worden war.
Als die Gorgone spürte, dass sich der Versteinerungsprozess bei mir verzögerte, schob sie ihr Gesicht so nah an mich heran, dass unsere Nasenspitzen sich fast berührten: „Die Ausrichtung deines Ego ist so stark auf deine materielle Welt fixiert, dass du deine innere Stimme schon lange nicht mehr hörst“, zischte sie mir entgegen, und in der Leidenschaft ihrer Botschaft lag auf eine seltsame Weise Erlösung: „Weißt du, wer ich bin? Ich gebe dir eine allerletzte Chance, dieser Hölle zu entkommen: Erkennst du mich, dann sollst du frei sein – erkennst du mich aber nicht, dann wirst du mir fortan als steinerne Statue in den Katakomben der Finsternis Gesellschaft leisten!“
Meine Antwort darauf erfolgte prompt. Noch bevor die Versteinerung mein Herz gänzlich erreicht hatte, küsste ich sie auf den Mund.






