- -
- 100%
- +
«Was heißt das?» fragte ich entrüstet. «Heißt das, daß ich hier nicht bei klarem Bewußtsein bin?»
«Aus der Sicht deines Alltagsverstandes sicher nicht, aber das braucht dich nicht zu kümmern, denn in Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt: Das klare Bewußtsein verschwindet, wenn du in der Alltagswelt erwachst. Es sind deine inneren Sinne, über die wir miteinander kommunizieren können und durch die du meine Schwingungen in eine physische Form übertragen kannst. Auf der Ebene deines Vernunftdenkens bin ich unsichtbar.»
«Bist du der gute Geist in mir?» wollte ich von der Erscheinung wissen.
Akrons Auge glühte wie eine kleine Sonne, und das Licht schien den Himmel zu durchdringen, denn das Leuchten dehnte sich mächtig aus und schien meine Seele zu erfüllen, bis es sich wieder zu einem kleinen Lichtpunkt verdichtete und in seiner irisierenden Pupille verschwand: «Sagen wir, ich bin das Selbst des raumzeitlosen Nicht-Seins, das dich umkreist und durch das du jetzt hindurchgetreten bist …»
Die Zeit stand still: Nur noch der Wind, die Vögel und das Knarren der alten Zeder waren zu hören. Und natürlich das Rauschen des Blutes ganz tief in meinen Adern. «Langsam beginnst du, dir ein Bild von dir selbst zu machen», hörte ich eine innere Stimme, «und in einem gewissen Sinne bin ich daher der Bote dessen, was du die langsam aufkeimende und stetig wachsende Bewußtwerdung tief in deinem Unbewußten nennen könntest. Und dadurch, daß wir uns jetzt auf dieser unbewußten Stufe miteinander unterhalten können, kann ich dich mit den verschiedenen Aspekten deines Wesens auch außerhalb der dreidimensionalen Existenz in Berührung bringen. Tritt ein!»
Ich schloß die Augen. Plötzlich sah ich eine leuchtende Gestalt vor mir. Sie saß auf meinem Stuhl am Schreibtisch und sah mich teuflisch an: «Willkommen in der Hölle!»
«Wer bist du?» wollte ich sie fragen, aber eine innere Angst lähmte mich und kein Wort kam über meine Lippen.
Das leuchtende Objekt gerann, als würde es irgendwie fixiert, und dann verlor sich der Glanz, es wurde fest und fleischig und sagte: «Erkenne dich in mir!» Es war mein eigenes Gesicht, das mich ironisch angrinste: «Sieh mich an, und versuch dein aggressives Ego nicht zu lähmen, denn es sitzt in diesem Augenblick vor dir!»
«Was weißt du schon von mir?» schrie ich meinen Doppelgänger an. Er schien nicht zu wissen, daß es meine Gedanken waren, die er dachte.
«Hier brauchst du mich nicht länger zu verdrängen», entgegnete die Erscheinung kühl, «denn in der Widder-Hölle regiert die Auswirkung der Tat. Wer anderen Böses wünschte, sühnt jetzt im Bösen, wer sich am Streit ergötzte, lebt als Zerrissener, und wer anderen Übles antat, büßt selbst als Opfer.»
Ich war verwirrt. Dann hatte ich plötzlich Akrons Stimme wie eine meinen eigenen Träumen und Visionen entsprungene Erklärung im Ohr: «Wir haben dein geistiges Erkennen in die Widder-Realität verlängert, damit all deine verdrängten Aggressionen wieder in dein seelisches Erleben zurückfließen können.»
«Wer ist der Mann?» fragte ich ihn.
«Der Mann bist du!»
«Aber wieso steh ich dann hier?»
«Weil du noch nicht durch das Widder-Tor hindurchgegangen bist!»
«Das versteh ich nicht …»
«Wir stehen auf der anderen Seite deiner aggressiven Instinktnatur und begegnen ihr aus der Sicht ihrer verdrängten sozialen Komplexität. Der Mann am Schreibtisch hat im Moment zwar auch unsere Gedanken, oder anders gesagt, er denkt das, über das wir im Moment diskutieren, aber sein aggressiver Wille ist sich der Vielschichtigkeit seines Geistes nicht bewußt. Unsere Sichtweise hingegen, das Gesehene als einen Teil von sich selbst zu erkennen und sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb des Gesehenen zu betrachten, entspricht der Sichtweise der gegenüberliegenden Waage-Hölle, die ihn am Schreibtisch in seinem eigenen Erkennen erkennt, ohne aber auf die Geschichte direkt einwirken zu können. In ihm begegnest du deinem aggressiven Willen, wie er über sich selbst reflektiert und dich gleichzeitig in seinem Gesehenen erkennt. Er kann unsere Schwingungsenergie in diesem Augenblick spüren, wenn auch unbewußt, denn wir haben ihm jetzt den Kanal geöffnet. Indem alle Gedanken mit sich selbst verbunden sind und jeder Gedanke einen anderen auslöst, erschaffen die Wirkungen seiner Gedanken unsere Realität, genauso wie die Wirkungen unserer Realität seine Gedanken schaffen. Dadurch entsteht in unseren Gedanken ein Vakuum, ein Loch oder ein Korridor, an dessen Ende eine Tür ist, durch die man durch sich selbst hindurchgehen kann, an deren Ende ein Spiegel hängt, durch den man durch sich selbst hindurchsehen kann und an dessen Ende sich wiederum ein Fenster befindet, durch das man durch sich selbst hindurchspringen kann. Dadurch, daß du ihn gesehen hast, bist du durch dich selbst hindurchgesprungen, durch das gespiegelte Fenster, das du für deine Wahrnehmung hieltest, und bist zu den Pforten der nächsten Hölle gelangt. In deinen Augen ist es eine Tür. Willst du nicht anklopfen?»
«Gewiß!» Ich klopfte an, und einer, der wie mein Ebenbild aussah, öffnete mir mit den Worten die Tür: «Was willst du hier?» Plötzlich war ich mir sicher, daß diese Ausstülpung meiner Innenwelt etwas ganz Natürliches war, ein Spiegel gewissermaßen, in dem man seinem unbewußten Schatten bewußt begegnen konnte, und daß der andere, der da vor meinen Augen auftrat und mir die Tür öffnete, die Ausstülpung eines anderen Teils meiner Persönlichkeit war, die durch mein Bewußtsein hindurch die Brücke bildete, um mir die Antworten aus dem Unbewußten zukommen zu lassen.»
«Ich will zu dir!» Gleichzeitig erkannte ich, daß ich überräumlich sah und Innen und Außen gleichzeitig wahrnahm. Ich saß an meinem Schreibtisch über die Tastatur gebeugt und sah mich gleichzeitig unten an der Tür als jemand stehen, der mit einer seiner verschiedenen inneren Personen in einen Dialog verwickelt war.
«Was willst du von mir?» entgegnete der andere unbeirrt. Er stand neben der Tür und sah mich an, doch ich konnte seine Züge nicht erkennen.
«Sag ihm einfach», Akron kniff mich wieder in den Arm, «du seist ein Teil von dem, den er in die Unterwelt geschickt habe, damit er ihm seinen eigenen Schatten zurückbringe. Nun seist du zurückgekommen, um ihm das zu bringen, wonach er dich geschickt habe – sich selbst!»
«Aber wer ist er?»
«Der Mann, der deine Gedanken denkt!» Akron tippte sich mit dem Finger an die Stirn.
«Wie ist das möglich?» Obwohl ich es eigentlich schon wußte, zeigte ich mich doch ziemlich überrascht.
«Es ist der Verstand, der aus sich herausgefallen war, als er herauszufinden versuchte, wer er ist, denn er ist der Haken am Seil, den du ins Unbekannte geworfen hast, um dich an seinen Erlebnissen über den Abgrund an der Schwelle zum Unbekannten auf die andere Seite zu ziehen. Nimmst du seine Geschichte an?»
«Solange es meine Gedanken sind», hielt ich mir die Türe offen.
«Du brauchst keine Angst zu haben», entgegnete er mir, «wo du auch immer hinkommst, er ist schon da! Es ist der sich selbst beobachtende Verstand, der dich in diese Hölle eindringen läßt.» Ich war mir nicht sicher, ob ich wachte oder träumte, deshalb sah ich mein Ebenbild scharf an.
«Schau ihn nicht an», fauchte mich Akron plötzlich an, «der Geist, der sich auf sich selbst richtet, um sich in den Griff zu kriegen, verliert sich notwendigerweise in einer Vorstellung von sich selbst. Diese Vorstellung ist der Geist selbst, und er gewinnt sich allein dadurch, daß er sich in ihr verliert. Dazu darf er sich aber nicht erkennen. Auch nicht in dir!»
«Und wenn er mir nicht glaubt?» erwiderte ich.
«Dann tauschen wir ihn aus!» lächelte er grimmig. Er schmetterte die Tür ins Schloß, und die Bilder versickerten in meinem Hirn. Ich fühlte ein schwereloses Fallen, und gleichzeitig nahm ich ein anderes unglaubliches Phänomen wahr. Mein Körper saß am Tisch, meine Hand kritzelte wie wild meine Gedanken auf ein Stück Papier, die mir durch den Kopf blitzten, und doch schien ich gleichzeitig an anderen Orten zu sein. Ich stürzte durch einen langen Korridor, an dessen Ende sich eine Tür befand, und vor mir öffnete sich der Raum. Mein Ebenbild stand vor mir und schaute mich an. Seine Augen leuchteten wie zwei blitzende Perlen am Himmel, und in der Tiefe seines Blicks glühte mein eigenes Gesicht. Langsam wurden meine Augen unscharf, und er verschwand. Ich sah direkt in die Krone des Schöpferbaumes. Nur der Wind, die Vögel und das Knarren der alter Zeder waren zu hören. Ganz langsam löste ich mich auf, und genauso langsam öffnete sich eine Glaskuppel, die aussah wie eine Hirnschale. Ich glitt in sie hinein und fühlte, wie sich in meinen Gedanken eine Vorstellung formte, die sich in der räumlichen Sphäre manifestierte. «Komm mit!» hörte ich hinter mir eine vertraute Stimme. Akron war von hinten auf mich zugekommen und legte mir seine Hand auf die Schulter: «Ich führe dich zur Tür!»
Ich öffnete die Augen. «Wo ist der Kerl?» fragte ich vorsichtig.
«Du weißt, wo er ist», entgegnete er sanft. «Er wartet auf dich – hinter der Tür!»
Dann gingen wir hinein.

Sonne in Widder
Hölle
Die Hölle der maskulinen Aggression und der ewigen Flucht nach vorn
Sünder
Triebhafte Aggressoren, unüberlegte Hitzköpfe, primitive Draufgänger, rücksichtslose Egoisten sowie Feiglinge, schwache Männer und aggressionsgehemmte Verdränger (Sex- und Muskelprotze)
Disposition
Der Schattenbereich von Sonne im Widder und Sonne im 1. Haus sowie disharmonische Sonne/Mars-Aspekte
Schuld
Permanentes Durchsetzungsstreben, Ellenbogenegoismus, Voreiligkeit, Willkür, Selbstüberschätzung, Aktivität als aggressiver Selbstzweck, übertriebene Ich-Bezogenheit (uneinsichtig, naiv, geltungssüchtig, angeberisch)
Strafe
Von der Zerstörung aller Widerstände getrieben, bist du vom Gedanken besessen, alles Beeinträchtigende zu zerschmettern, denn du benötigst äußere Hindernisse, um sie mit der ganzen Lust deiner heldischen Impulsivität überwinden zu können. Deshalb bist du in dieser Hölle unaufhörlich mit dir selbst im Krieg. Vom Wunsch nach Überwindung irdischer Bindungen beseelt, bist du bestrebt, alles Behindernde zu vernichten, ohne zu bemerken, daß du gerade das, was du zu verhindern suchst, in seinen Wirkungen noch mehr bestärkst. Deshalb fühlst du dich wie von einer Horde innerer Dämonen getrieben, ständig um des Reagierens willen über dich und andere herzufallen, und bleibst trotz aller Aggressionen im Inneren ein Kind, ohne Geduld, langfristige Ziele gegen äußere Widerstände erfolgreich durchzuboxen. Wirst du in deiner Aggression gehindert, führt dies zu großer Frustration und Zorn, denn deine Absicht charakterisiert sich durch das Erstürmen deiner Ziele mittels der Tollkühnheit einer gebündelten und in den Brennpunkt der Aggression gebrachten Handlungsabsicht. Entziehst du dich den Konflikten aber umgekehrt durch Flucht, dann wirst du durch den Fleischwolf der Angstgefühle deiner verhinderten Aggressionen gedreht, was zeigt, daß du die ungelösten Probleme ungefiltert in dich hineinzuziehen versuchst, um dem Konflikt auf der inneren Ebene zu begegnen. Die Auseinandersetzung findet dann innerhalb deines eigenen Körpers statt, indem du die eingedrungenen Dämonen besiegen und wieder ausscheiden mußt.
Lösung
Deshalb steht diese Hölle auch für Wut und Übermut, die als verdrängte Angst wiederum ein Teil der Aggressionen sind. Dieser Teil ist es, der immer wieder nachwächst, weil es ja der unerlöste Teil in dir selbst ist, den du nicht besiegen, sondern nur akzeptieren und dadurch zurücknehmen kannst. Zwar symbolisiert er einerseits den Widerstand der Umwelt, den es zu vernichten gilt, andererseits ist er aber auch der Spiegel deiner inneren verdrängten Kraft, die dir so von außen ständig Angst einjagt, solange du nicht erkennst, daß die Voraussetzungen dazu in dir selbst liegen. Denn die Voraussetzung zur Verarbeitung eines solchen Konfliktes ist oftmals die Erkenntnis, daß die Schwierigkeiten in den verfehlten Zielansprüchen selbst liegen.
Der Fleischwolf
Los, auf die Knie!» Neben der Tür stand ein Mann mit einem Widderkopf und schlug mit seinem Gummiknüppel wütend auf mich ein. Ich sank zu Boden; fiel in das Schreckensgewölbe der Seele. Ein Panoptikum von Angst und Aggressionen brach auf: Alte Erinnerungen wurden wie von einem Blitz jäh aus der Dunkelheit gerissen, setzten ihre Ladung in der Realität meines Erlebens ab und versanken wieder im Seelendunkel.
«Wo kommst du her?» Ich drehte den Kopf. Der Mann stand hinter mir. Seine Lippen waren dünn und hart, seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut.
«Durch das Tor», sagte ich.
«Und was willst du hier?»
«Den Feuerwächter sehen!» entgegnete ich unerschrocken.
«Weißt du nicht», sagte er und riß sich die Widdermaske vom Gesicht, «wer ich bin?» Es war der Odem meines alten Widersachers, der mich umfing: «Ich bin der unerlöste Schatten deines aggressiven Selbst und werde dich vernichten, wenn du mir nicht zu Willen bist.» Das mußte die lächerliche Welt männlicher Ur-Aggressionen sein, schoß es mir durch den Kopf, in der der unbekümmerte Gott des Zwistes sich ohne Rücksicht auf Gefühle durchsetzt. Seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut: «Los, auf die Knie, oder ich schlag dir den Schädel ein!»
«Ich bin nur aus Versehen hier …», stotterte ich unangenehm berührt.
«Dann hast du keine Ahnung, wer ich bin», sagte er, und ich spürte plötzlich, wie der Atem der Zwietracht seiner Brust entwich. «Ich bin das unerlöste Opfer deines aggressiven Selbst und wünsche mir geköpft, kastriert, zermalmt, zerteilt, zerschmettert, verflüssigt oder sonstwie erlöst zu werden, um mich in der totalen Hingabe an die äußere Gewalt spüren zu können und nicht immer nur die anderen in ihren eigenen Spiegelbildern zerstören zu müssen …»
«Verlang nicht so etwas von mir», stammelte ich verwirrt. «Ich bin nur ein isolierter Gedanke in deinem Hirn, der sich, aus deiner Zukunft betrachtet, in seiner eigenen Vergangenheit verfangen hat. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich dir deinen Wunsch sicher gern erfüllen, doch bis dahin betrachte mich bitte nur als erstes Anklopfen deiner inneren Sehnsucht nach einer möglichen Manifestation.»
«Tue’s jetzt», brüllte er und hielt mir den Knüppel hin, «oder ich schlag dir dein verflixtes Hirn zu Brei!»
«Ich kann es nicht», stöhnte ich erschöpft. Da wurde mir mit einem Male klar, was Akron meinte, als er sagte, daß sich die Seelen in der Widder-Hölle der Aggressionen ihrer Gedanken nicht bewußt wären. Sie fielen mir spontan zu, ohne daß ich mir darüber Gedanken zu machen brauchte. Ich sank zu Boden. Dann merkte ich, wie er mich an den Haaren nach hinten zog, mir die Arme auf den Rücken drehte und wie wild auf mich einschlug. Ich fühlte mich von brutalen Armen durch die Menge geschoben, die Leiter zu einem hölzernen Podest hinaufgestoßen und unter eine Guillotine gezerrt. Die Glut der Flammen ergoß sich dunkelrot über den blutroten Korridor meiner Seele, und eine erstickende Ausdünstung trug noch dazu bei, die Ausbrüche meiner Seele zu vermehren. Ich hörte das schneidende Geräusch des Fallbeils, spürte einen stechenden Schmerz … Doch es war keine Guillotine, denn ich fühlte mich an den Beinen wie ein Schlachtvieh zu einem in den Boden eingelassenen Trichter geschleift und anschließend in den Mörser gestoßen, in dem rotierende Messer die hineingeworfenen Leiber zerstückelten und die zuckenden Glieder scheibchenweise wieder aus sich herausspuckten. Es war wie ein Konglomerat von Schmerz und Lust und von solch bohrender Tiefe, daß mir das Blut in den Adern stockte und ich nicht mehr wußte, ob ich meine Augen offen oder geschlossen hielt. Während ich so durch die Mangel gedreht wurde, wurde mir auf einmal bewußt, daß ich nicht mehr in meinem Körper war, der sich durch den Raum bewegte, sondern daß ich in den verschiedenen kleinen Scheibchen war, die aus dem Fleischwolf fielen. Sie entsprachen den multidimensionalen Perspektiven des Ich, von dem aus ich mich verlierend durch Selbstbetrachtung wieder zurückgewinnen konnte, denn durch die verschiedenen Teile der Aufsplitterung konnte ich mich in allen anderen Teilen betrachten und wurde mir so meiner tausend Gesichter bewußt. Dann begannen sich die verschiedenen Teilchen untereinander unabhängig vom Ganzen zu immer neuen Mustern zu vernetzen, sich dabei in Denkvorstellungen ergießend, die ständig neue Perspektiven aus sich hervorzauberten. Gleichzeitig empfand ich ein Gefühl von Wachstum, und plötzlich baute sich aus den multidimensionalen Sichtweisen vor meinem inneren Auge das Bild eines mächtigen Widdergottes auf, der eine Widdermaske mit Widderhörnern trug, auf dem toten Leib eines Opferwidders tanzte und mir mit wütendem Blick den Vorwurf ins Gesicht schmetterte: «Wolltest du mich nicht erlösen?»
«Nein, nicht dich …»
«Wen denn dann?»
«Den unerlösten Schatten deines aggressiven Selbst!» gab ich zurück. Er wirkte auf mich sehr anziehend. Sein Tanz war erfüllt von trotzigem Widerstand und brachte die Schönheit der männlichen Aggression zur Entfaltung, ohne die sich im Bereich der Schöpfung kaum etwas bewegen würde. Über ihm sah ich den Trichter, der von unten aussah wie ein Ventilator, der meine zuckenden Glieder scheibchenweise ausspuckte, und mir wurde klar, daß ich nicht nur ich und er, sondern daß ich alles war, was ich erlebte, als ich aus den Fluten der Seele plötzlich den winzigen Schädel eines Kindes auftauchen sah. Aber als ich richtig hinschaute, erkannte ich, daß es der tanzende Widder-Gott war, angetan mit einem Gurt aus Menschenköpfen, der mir seinen mit Blut gefüllten Kelch entgegenhielt, in dem das abgeschlagene Köpfchen des Kindes schwamm. Mit seinen traurigen Augen sah es rührend aus, während es mit dünner Stimme zu mir sprach: «Geh zurück durchs Tor, solange du kannst, denn es sind immer dieselben aus Kain gezeugten Bedürfnisse nach Krieg und Streit, und sie nur anzuschauen wäre schon ein alter Anfang eines immer wieder neu entstehenden Verderbens: das einer perversen und sich selbst zerstörenden Welt …»
Bleib da!» hörte ich plötzlich Akrons Stimme hinter mir, als ich schon durch die Tür zurückgehen wollte, durch die ich eben hereingekommen war, um dieser Hölle zu entkommen: «Du würdest nur erschrecken, wenn du sähest, wer da draußen vor der Türe auf dich wartet!» Und er fügte in etwas milderem Tonfall hinzu, als er sah, daß ich am Rande einer Ohnmacht stand: «Du fühlst dich im Moment noch etwas schwach, weil deine persönliche Energie am Ansturm dieser aggressiven Urenergie zusammengebrochen ist. So etwas genügt, um jeden zu lähmen. Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ja bei dir.»
«Und wer war das Kind im Unbewußten, das mich vor den Aggressionen dieser Hölle warnte?» fragte ich, als mich ein nervöses Flimmern in der Magengrube überfiel: «War es eine innere Person von mir?»
«Der gehörnte Widder zeigte den dramaturgischen Höhepunkt in dieser kritischen Situation», entgegnete Akron und fummelte in seiner Manteltasche, «er ist die Verkörperung deiner destruktiven Energie, und beinahe hätte er dich verschlungen, denn du warst im Begriff, dich hineinziehen zu lassen. Das Kind selbst ist ein Fragment deiner Seele, eine überwundene Materialisation deiner inneren Angst, und deshalb hat deine Seele im Augenblick der höchsten Not dein Persönlichkeitsbild einen Moment lang auf das Kind projiziert, das du dir selbst geschaffen hast, und aus dieser Position dein anderes Ich am Rande des Trichters gewarnt. Diese Warnung hat dein höheres Selbst auch sofort akzeptiert, denn mit einer blitzschnellen Verdichtung von Raum und Zeit hast du dich in einem einzigen Satz bis an den Eingang der Hölle zurückkatapultiert.»
«Und was wäre passiert, wenn ich die Türe geöffnet hätte?» Ich ließ nicht los.
«Du hättest sie nicht öffnen können», sagte er ganz langsam und zog schalkhaft einen Plastikschnuller aus seiner Tasche hervor, «denn du bist die Tür! Ich bin der Schlüssel, der dich öffnet, und das Schlüsselloch ist die Pforte, durch die der Leser in verborgene Welten hineingelangen kann.» Darauf lachte er schallend und sagte: «Ich bin der Teil deines Wesens, der deine Fragen denkt, die Antworten bündelt und dir hilft, beides in ein Buch einzubringen. Es geht hier darum, die Seelen der Leser deiner inneren Sehnsucht hinterherzuschicken, denn sie warten draußen vor der Tür. Sei also vorsichtig, was du denkst!»
«Wer ist der Leser?» Aus dem Gefühl wachsender Verantwortung spürte ich in mir eine tiefe Beklemmung aufsteigen.
«Der Leser ist das Ziel, auf das du dich beim Schreiben dieses Buches ausrichtest. Dieses künftige Buch ist ein Vakuum, ein Loch oder ein Korridor, an dessen Ende eine Tür ist, durch die der Leser hindurchgezogen wird. Wenn du durch diese Tür zurückgehen möchtest, dann begegnest du dem Leser, der sich in deinen Gedanken sucht. Du würdest ihn um die Geschichte bringen, weil du ihm in seiner möglichen Zukunft sozusagen davonliefest in eine Vergangenheit, in der wir uns fragen, ob es sich lohnt, ihn in die Geschichte überhaupt mitnehmen zu wollen.»
Das alles war völlig unverständlich für mich. Akron erwiderte aber, daß ich eine tiefere Erklärung sowieso nicht verstehen könne, weil es mir an Verstandesenergien fehle. Ich müsse mich eben damit trösten, mein Unverstehen zu akzeptieren: «Los, knie dich hin und öffne den Mund!» Er hielt den Gummisauger in der Hand.
«Jetzt versteh ich überhaupt nichts mehr», maulte ich. Gehorsam kniete ich mich hin und öffnete den Mund. Mit einem durchdringenden Blick schaute er durchs Schlüsselloch und steckte mir den Schnuller in den Schlund: «Dann liegst du richtig. Wenn du das akzeptieren kannst, können wir weitergehen», sagte er.

Mond in Widder
Hölle
Die Hölle der infantilen Triebnatur
Sünder
Scheinanpasser mit unterschwelligen Aggressionen, die zu Vorwürfen, Schuldzuweisungen und starken emotionalen Ausbrüchen neigen; unkontrollierte Affekt- und Triebtäter sowie sich ständig von außen angegriffen fühlende Personen, die die Verantwortung für ihre Triebnatur nicht übernehmen wollen und ihr Aggressionspotential dadurch stellvertretend gegen sich ausleben
Disposition
Der Schattenbereich von Mond im Widder und Mond im 1. Haus sowie disharmonische Mond/Mars-Aspekte
Schuld
Unterdrückte Aggressionen und große Spannungen zwischen Gefühlsebene und Triebnatur (verletzte Gefühle führen zu vulkanartigen Ausbrüchen der Leidenschaft); Unsicherheit, nervöse Unruhe, überagierende Aktivität aus Bedrohungserwartung und übertriebene Aggressionen gepaart mit Angst; Integrationsschwierigkeiten der aggressiven (sexuellen) Perspektive, Gefühlskälte und -abwehr aus verletztem Stolz: unbewußte Ängste, die tief im Innern sitzen und sich anschicken, im Alltag aufzutauchen
Strafe
Im Bereich dieser Hölle bleiben die aktiven, zur Entwicklung und Durchsetzung benötigten Aggressionskräfte oft in den Kanälen unbewußter Ängste hängen, was sich in einer Neigung zu Verfolgungswahn ausdrückt: Du fühlst dich sofort bedroht, ohne zu merken, daß es meist deine eigene verdrängte Wut ist, die von der Umwelt nur reflektiert wird und die sich manchmal als unkontrollierte Affekt- und Triebhandlung manifestiert. Immer tiefer verstrickst du dich in deinen aggressiven Wahnbildern. Eine häufige Variante dieser höllischen Prägung ist das seelische Empfinden, dem inneren Animus bzw. der Anima geopfert zu werden oder vom Muttermund als Symbol des Höllenloches wieder verschlungen zu werden: Die Angst will raus! Fötale oder embryonale Erinnerungen tauchen auf, Abläufe auf der Ebene des Zellbewußtseins werden reaktiviert. Die Beschäftigung mit den eigenen Dämonen wird hier zum Ventil für unterdrückte Aggressionen, denn ihnen zu unterliegen verspricht gleichzeitig Lustgewinn. Das führt (im Ausleben der Verhinderung) dann zu einer sich selbst aus der Frustration befreienden Tat, die ihren angestauten inneren Gefühlen schließlich mit Selbstzerstörungsinszenarien gewaltsam Luft verschafft.






