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Lösung
Dieser Zustand drückt sich in dieser Sphäre meist als etwas aus, das die Seele zugleich ängstigt und fasziniert. Du hast Angst, weil du die verdrängte Aggression im finstersten Winkel als etwas fühlst, vor dem du dich fürchtest, und spürst Faszination, weil der dunkle Trieb dich gleichzeitig durch deine Neugierde gefangen hält. Damit wäre der Lustverhinderer umzingelt. Du müßtest ihn nur noch überwinden, damit er sich nicht in den Tiefenschichten deiner sexuellen Vorstellungen verheddert und dich den Perversionen deiner verdrängten Aggressionen ausliefert, entspricht er doch einem Stück deiner innersten Wahrheit, die nur über die Rücknahme der Projektion zu dir zurückfinden kann.
Medea – die Stiefelherrin
Kind! Hab keine Angst! Du wirst deine Realität unverändert wiederfinden», hörte ich eine vertraute Stimme, die mein Herz zum Stottern brachte, «sobald du in deiner Alltagswelt wieder erwachst. Hast du mir die verdrängten Bilder aus deiner Kindheit zurückgebracht?»
Während ich am Schreibtisch eingeschlafen war, hörte ich ein klirrendes Geräusch. Scherben splitterten, und als ich in meinem Sessel auffuhr, sah ich links von mir einen illuminierten runden Gegenstand unter der Fensterbank flimmern. Ich ging zum Fenster und hob ihn auf: «Sieh da, ein Bote», stellte ich überrascht fest, denn er leuchtete in einem schwachen, fluoreszierenden Schein. Als ich mich weiter fragte, ob er wohl die Botschaft in sich barg, auf die ich angesprochen worden war, sah ich plötzlich Akrons Gesicht durch das Licht hindurchschimmern: «Erschrick nicht, ich bin’s nur, der dich gerufen hat», sagte er, indem er mich schelmisch anlächelte, «auch wenn der Ruf aus der Unterwelt offenbar zu stark für dein Raum-Zeit-Kontinuum war und dir die Fensterscheibe auf der Bewußtseinsebene zertrümmert hat. Denn der höhere Geist, der sich gegen das duale Bewußtsein richtet, richtet sich gegen die Strukturen des überlieferten Denkens selbst und gewinnt sich, indem er sich verliert, im Verlust seiner realistischen Bilder und Vorstellungen.»
Ich war mir nicht sicher, ob ich wachte oder träumte, deshalb drehte ich mich um, um festzustellen, woher die Stimme kam. Aber da war niemand. Nur ein schwaches Glimmen. Eine Sekunde lang schien ich über die Schwelle meines Empfindens hinausgelangt zu sein und mit meinem Spiegelbild auf den Gewässern meiner inneren Gesichter zu verschmelzen. Gleichzeitig spürte ich aber auch, wie ich die Kontrolle über meine inneren Bilder verlor, und einen Augenblick war’s mir, als wäre ich ein Stein, der durch den schwerelosen Raum segelte, bis er, von der Schwerkraft wieder angezogen, irgendwo auf der Bewußtseinsoberfläche aufklatschte und in der Tiefe des Unbewußten versank. Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, sahen meine Augen auf eine Urinlache zwischen meinen Beinen, und ich mußte heftig weinen.
«Kind!» hörte ich die vertraute Stimme wieder, die mein Herz fast zum Stehen brachte: «Wo ist die Hose, die du mir bringen solltest?» Bei der Forderung nach dem, was die Stimme mit dem Wort «Hose» umschrieb, zuckte ich heftig zusammen und bemerkte, daß ich in Gedanken den Stein in meinen Händen offenbar noch immer festhielt. Für mich war er kein besonderes Objekt, das Leuchten war weg und was blieb, war nur ein abgeschliffener Flußkiesel, wie man ihn oft an Flüssen und Seen findet, mit interessanten, aber nicht außergewöhnlichen Einschlüssen. Ich strich mit meinen Fingern über seine glatte Oberfläche und bemerkte, daß plötzlich Zimmer und Umgebung verschwunden waren. Nur Akron war da. Und ein weites, glitzerndes Gewässer, auf dessen Oberfläche sich der Mond spiegelte.
Er befahl mir, mich hinzusetzen, die Augen zu schließen und mich ausschließlich auf den Stein zu konzentrieren: «Versuche dir seine Gestalt zu visualisieren, ohne ihn anzusehen», flüsterte er mir ins Ohr, «denn er ist der Bote, der dich in eine andere Wahrnehmung trägt. Die nächste Hölle hat keinen sichtbaren Raum, den wir durchqueren können. Sie manifestiert sich auf einer Ebene, die man die Angst der Seele vor ihren eigenen Gefühlen nennen könnte, und man erreicht sie nur durch die schockartigen Erinnerungen verdrängter Erlebnisse.»
Leicht und völlig mühelos gelang es mir, das Bild des Steines, den ich in meinen Händen hielt, zu imaginieren. Dazu hörte ich Akron sagen: «Ein ins Wasser geworfener Stein verursacht Wellen – doch der Flug setzt den Augenblick des Werfens eines Werfenden voraus und beginnt beim Loslassen des Steins. Karmisch relevant sind beide Aspekte: die Vergangenheit der zukünftigen Absicht des Werfenden ebenso wie die Zukunft der Wellen, die der Stein auslöst. Sie überlagern sich im Moment des Aufschlagens des Steins auf der Wasseroberfläche. Du mußt jetzt einfach versuchen, in die Vergangenheit deiner beabsichtigten Handlung einzudringen. Damit kannst du dich genau an den Schnittpunkt tragen lassen, wo der Stein aufschlägt, denn genau an der Stelle, wo der Stein die Bewußtseinsschwelle berührt, ist der nächste Raum zentriert. Es ist die urinale Hölle aus deiner Kinderzeit, die sich hier mit deinen Gedanken überschneidet, denn sie wurde in deiner Erinnerung fixiert. Willst du’s erleben? Dann wirf den Stein!»
«Was macht der Kerl im Kinderbett?» hörte ich eine längst vergessene Stimme in mir kreischen, als ich den Stein in die Luft warf und dabei selbst einen Augenblick über den Wassern meines Unbewußten dahinsegelte: «Warum ist er zurückgekehrt?» Dann spürte ich, wie ich die Kontrolle über den Flug allmählich verlor und in die Tiefe sackte, weil meine Gedanken immer weniger Auftrieb hatten, bis ich irgendwo auf dem Wasser aufklatschte. Verwesungsdunst breitete sich im Zimmer aus, und in meinem Hirn öffnete sich eine Fiebertür. Ich kam zum Pissoir am Ende der Kindheit. In der unschuldig weißen Schüssel brodelte und schwoll die Brühe wie in einem Taufbecken an. In der Algenflora dieser Nacht lag ich nackt da. Mein embryonalisierter Leib dümpelte in einer Wolke aus Fäkalien. Gleichzeitig hörte ich Mutters Schritte, die sich langsam entfernten, nur um von der anderen Seite mit wütender Stimme desto eindrücklicher in meine Kindheitserinnerungen einzudringen: «Wißt ihr was, Leute, er hat sich ins Kinderzimmer gelegt und ins Bett gepißt. Ist das nicht unverschämt?»
«Hab keine Angst», sagte Akron und legte mir seine Hand auf den Arm, dabei spürte ich seine wohltuende Nähe, «dies ist der Ort verdrängter frühkindlicher Aggressionen, und er führt die Sünder in die Abgründe ihrer unbewältigten Gefühlsmuster zurück. In dem Augenblick, in dem der Stein die Bewußtseinsoberfläche durchschlägt, erwachen die unbewußten Ängste und verbinden sich mit dem Verstand, und du erlebst die Hölle all jener, die von den Flammenzungen ihrer ungelösten Kindheitstraumen ständig aufs schmerzlichste durchdrungen werden. Los, versuch dich zu entspannen, damit du deinen eigenen Aggressionen nicht schutzlos ausgeliefert bist!»
Ich lehnte mich langsam nach hinten, das Wasser floß in dünnen Wellen über meine Bauchhaut und umspülte allmählich meinen Körper. Vor meinen Augen begannen die Bilder zu flimmern, während im selben Augenblick ein großes Loch vor mir aufging. Dann geschah etwas Unerwartetes. Das Loch dehnte sich in meiner Vorstellung plötzlich zu den weiblichen Umrissen einer saugenden Vulva aus, und aus den Wassern meiner Erinnerungen tauchte langsam die übermächtige Erscheinung einer höllischen Verführerin auf. Sie trug hochhackige, rote Stiefel und verzierte, breite Lederbänder um Oberschenkel und Arme. Dazu hatte sie einen roten Catsuit an, der in den Falten ihres üppigen Körpers die Geheimnisse eher freigab als verbarg. Ein breiter schwarzer Gürtel schmiegte sich eng um ihre Taille, und darunter schimmerte ihr Schlitz durch den dünnen Stoff. Zwischen den straffen Wülsten schienen die Reste ihrer Wollust verborgen, denn mit einer Mischung von Aggressivität und Hingabe funkelte sie mich an: «Kind!» hörte ich ihre vertraute Stimme, «hast du mir die verpißte Hose zurückgebracht?»
Bei ihren Worten zuckte ich zusammen und merkte, daß mir der silberne Mondschleim auf die Hände fiel. Er begann in meinen Handflächen zu glimmen und schimmerte in einem kalten, fluoreszierenden Glanz. «Sei vorsichtig», hörte ich Akrons Stimme durch meine Libido dringen, und gleichzeitig leuchtete sein Gesicht geheimnisvoll im flimmernden Lichtkranz auf, «die Vergangenheit deiner zukünftigen Absicht verlangt nach einem dominanten Mutterbild, und hier wird die kinderfressende Medea aus den tiefsten Schichten der kollektiven Seele nach außen projiziert, denn Mond im Widder löst bei Adams Söhnen jene geilen Horrorbilder aus, von der Mutter entweder lustvoll verschlungen oder zumindest in irgendeiner ähnlichen Form gepiesackt zu werden.»
Dann verschob sich meine Perspektive, und einen Augenblick später sah ich wieder die rote Teufelin im Mittelpunkt stehen. «Hinknien», hatte sie rauh befohlen und mich dabei unbeirrt mit ihren Katzenaugen angesehen: «Welche seelische Hypothek möchtest du abtragen, unter deren Last du stöhnst?» Schon spürte ich jene magische Kraft der Liebe, die die Liebenden lähmt, denn mein ganzer Körper verwandelte sich in einen orgiastischen Eingeweide-Dschungel, der von der Lust am Schmerz noch mehr erhitzt wurde, während mir ihre erläuternden Wort in den Ohren klingelten: «Ich wurde schon als kleines Mädchen vom Vater im Stich gelassen und von Männern verführt. Hilflos mußte ich ihr Gestöhne über mich ergehen lassen, denn ich war schwach und konnte mich nicht wehren. Seit jener Zeit war ihre Bestrafung für mich beschlossene Sache. Seither brauche ich ihre Demütigung. Seitdem verlangt es mich nach der einzigen Lust, die mich noch befriedigen kann. Die Lust, sie zu quälen. Dafür opfere ich der Hölle meine Seele!»
Ihre Augen glühten. Ohne ihren Blick von mir wegzunehmen zog sie eine neunschwänzige Katze unter dem Gürtel hervor: «Diese negative Fixierung wirkte sich in meinem weiteren Leben dann in dem Sinne aus, daß ich nur Männer akzeptierte, die ich aus meiner negativen Prägung als Strafe gegen den Vater demütigen konnte, was auf eine unbefriedigende Weise auch gelang. Als Strafe bin ich nun dazu verdammt, solange in dieser Hölle zu verharren, bis ein Mann aus freien Stücken zu mir findet, dessen Lust sich darin erschöpft, sich mir mit Haut und Haaren hinzugeben.»
Schmerzerfüllt schaute sie mich an, und als ich erwachte, erkannte ich, daß es das Gesicht des Vollmonds war, mit dem ich sprach, und der sich auf der Oberfläche des Unbewußten spiegelte, das ich in meinen Träumen überflog. Gleichzeitig spürte ich den Kuß der Lederzunge, die sich um meine Lenden wand, als sollte meinem Körper die Lust an der Unterwerfung eingeprägt werden. Unter der peinigenden Glutspur der Schlange kroch ich in die klammernde Umarmung begehrender Hingabe zurück. Dabei dirigierte sie meine Seele mit den hämmernden Worten zu den glitzernden Tempel wonnevoller Liebeserfüllung: «Nimmst du das Opfer an?»
«Jaaa! Jaaah!» schrie ich stöhnend und küßte ihre Stiefel. Ich spürte die Lust, die meinen Körper peitschte, Lust, unter der die Haut aufschrie, wenn ihre Welle meine Hüften umspannte und sich tief in die Seele fraß, denn nur auf diese Weise konnte ich mich spüren. Ich wand mich genußvoll unter ihren kraftvollen, gleichmäßigen Schlägen und spürte, wie meine Geilheit wuchs. Während sie meinen Rücken peitschte, bis mir das Wasser in die Augen schoß, kamen mir die Bilder meiner Kindheit wieder in den Sinn, wo ich von Mutter jedesmal verhauen wurde, wenn ich ins Bett pißte. Jede Strieme ließ mich erneut den Schmerz fühlen, den ich verspürt hatte, wenn sie mich strafte. Sie ließ mich niederknien und jeden der empfangenen Hiebe laut mitzählen. Ich wand mich, rieb mich an ihr und schnappte selbst immer keuchender nach Atem, denn nur in der totalen Aufgabe spürte ich ihre Lust in mir. «Warum willst du leiden? Warum suchst du Strafe?» züngelte sie: «Warum wünschst du immer mehr von jener Situation, die gleichzeitig auch deine Frustration aufbaut? Sprich’s aus!»
«Weil ich das Weibliche in mir bekämpft, vergewaltigt oder auf andere Weise unterdrückt habe», schoß die Lösung plötzlich wie ein mächtiger Urinstrahl aus mir heraus, schlagartig fühlte ich meinen Körper wieder, und im selben Augenblick zischte die Stimme meiner Mutter wie eine Klapperschlange aus den dunklen Kammern meiner Kindheit: «Du hast schon wieder ins Bett gepinkelt», baute sie sich drohend vor mir auf, «gleich kommt die Strafe. Zieh dich aus!»
Entsetzliche Qualen. Panik stieg in mir auf. Mit saugendem Blick stand sie vor mir. Ich faßte sie am Handgelenk und schüttelte sie. Sie wuchs und erfüllte das Gemach, und plötzlich stand ich unter Schock. Ich spürte, wie ich die Kontrolle über den Flug verlor und in die Tiefe sackte, bis ich irgendwo auf dem Wasser aufklatschte. Dann spürte ich einen elektrischen Schlag, aber ich hätte nicht sagen können, daß diese Stromstöße der Ableitung meiner angestauten Gefühle entsprachen, denn ich hatte noch nie im Leben die Strahlen energetisierten Wassers gespürt. «Wasch dich!» hallte das Echo ihrer Stimme in meinen Ohren nach: «Deine Pisse stinkt!»
Tu, was sie befiehlt, sonst ist es aus», hörte ich Akrons Stimme wie aus weiter Ferne sagen, «und versuch dich an das Erlebnis zu erinnern. Sonst bleibst du in den Gewässern deiner kindlichen Gefühle kleben …» Ich spürte den Schlag, heftige Wärmestöße durchströmten meinen Körper, und in der Erinnerung rannte ich zu den vergessenen Quellen meiner Kindheit zurück. Dort sah ich einen schmutzigen Jungen in einer vollgepinkelten Unterhose stehen, der mit dem großen Zeh das Gesicht des Mondes berührte, das sich auf der Wasseroberfläche reflektierte. Einen Moment hatte ich das Gefühl, als ob er schmerzhaft zusammenzuckte, als er mit der aufgeladenen Libido des Wassers in Berührung kam. Dann sprang er in die mondweiße Flut.

Merkur in Widder
Hölle
Die Hölle der Zunge in der Arena der Argumente oder die Stätte der Verzettlung und der geistigen Aggression
Sünder
Pseudo-intellektuelle Begriffsverdreher, Kopf-Aggressoren, neunmalkluge Besserwisser, Zyniker, sarkastische und widersprüchliche Denker (bereit, jede denkbare These zu unterstützen, weil jeder Standpunkt so gut wie irgendein anderer ist und der beste natürlich immer der, der dem Befürworter am meisten nützt!)
Disposition
Der Schattenbereich von Merkur im Widder und Merkur im 1. Haus sowie disharmonische Merkur/Mars-Aspekte
Schuld
Verletzende Ausdrucksweise, überspitzte Kritik, geistige Provokation (Konfliktsituationen herbeireden!), Rechthaberei, Streitlust, Durchsetzungswahn und Widerspruchsgeist (unterdrückt: Furcht vor geistiger Konfrontation), Zersplitterungstendenzen (Ständig-auf-dem-Sprung, Nichts-geht-schnell-genug), aggressives Denken und intellektueller Egoismus (nur die eigene Meinung zählt), unersättlicher, zwanghafter Wissensdrang, Unempfindlichkeit für Bedauern oder Gewissensbisse, Geschicklichkeit im Formulieren von Ausreden, schizoide Handlungsabläufe (verschiedene Aktivitäten gleichzeitig)
Strafe
Im Leben bist du ein überzeugender Lügner und gerissener Hirnakrobat auf allen Ebenen, der mit immer neuen Absichten und Ansichten brilliert und seine Ideen zu gigantischen Visionen visualisiert, ohne aber je eine auszuführen. Es sind nicht hundert, es sind tausend Ideen, die dein Hirn gleichzeitig umzingeln, und das macht dich zum intellektuellen Durchlauferhitzer, der meistens nur heiße Luft produziert. Deshalb wirst du in dieser Hölle von Gedanken beherrscht, die abgeschnitten von der Umwelt in (d)einer isolierten Denkwelt schweben. Als verrannt-besessene «Reflexionen mit sich selbst», die alles beobachten, was sie inszenieren, ohne aber selbst eingreifen zu können oder sich zu spüren, schweben sie in durchsichtigen (Seifen-)Blasen durch die Bilder von allerlei Aggressionen, die aber allesamt nicht wirklich das Leben berühren, sondern nur mit sich selbst kokettieren. Sie müssen solange warten, bis ein barmherziger Wanderer ihre Hüllen zerquetscht, damit sich der Geist des Wissens wieder befreien kann.
Lösung
Dieser Ort führt dir den in deinen Absichten und Taten verborgenen Widerspruch vor Augen, der gleichermaßen Anfang und Ende (besser: Frage und Antwort) ist. Deshalb steht er auch wie kein anderer sonst für die Möglichkeit, die gegensätzlichen Gedanken, Überzeugungen und Gefühle im eigenen Inneren zu meistern. Denn das aus allen Handlungsfäden sich unablässig knüpfende Strickmuster ist die Grundlage, auf der sich das Ego bewegt, und dadurch verändert sich das kosmische Ganze laufend durch die Initiative seiner Teile. Es ist dein persönliches Ziel, das den Weg bereitet, und das Vehikel, mit dem du es erreichst, ist die Erkenntnis deines eigenen Wirkens oder das Erkennen deines wahren inneren Wesenskern. Aber was ist das Ziel? Was ist es, das es zu erkennen gilt? Nichts anderes als der Weg selbst!
Die Stacheln im Hirn
Die Welt begann sich vor meinem inneren Auge zu drehen, und plötzlich war mir, als ob sich die Realität vor meinem Blick auflöste. Ich fühlte mich durch mein eigenes Sehen hindurchgezogen, aber irgendwie erkannte ich die Relativität der Bilder, die mich umringten und mich über ihre Auflösung zu neuen Perspektiven führten. Mir schien, als ob sich die Sichtweise zu einem glühenden Film auf meinem Auge transformierte, wodurch sich Wirklichkeit manifestierte, ein gesampeltes Knäuel aus leuchtenden Fasern, das sich aus einer spiralförmigen Galaxie auf mich herabsenkte. Alles zog sich zusammen, die Wände veränderten ihre Form und zerfielen in Falten, der Boden begann sich unter meinen Füßen zu drehen, und plötzlich ging ein trichterartiges mysteriöses Loch vor mir auf, das alles in sich hineinsaugte. Dann verließen mich die Kräfte. Ich stürzte durch meine Weltvorstellung hindurch und fühlte, wie ich immer winziger wurde. Alles zog sich zusammen, und nach ein paar Herzschlägen war ich nur noch so groß wie eine Erbse. Doch bevor ich durch die Bodenritze fiel, fing mich Akron auf und hielt mich lächelnd vors Gesicht. «Was ist passiert?» japste ich.
Behutsam öffnete er die Lippen und sagte: «Du bist durch deine Weltvorstellung hindurchgefallen, und ich habe dich hier aufgefangen, bevor du dich in den Falten des Universums verlieren konntest. Siehst du den Riß?»
Ich wollte ihm sagen, daß ich keinen Riß sah, aber da tippte er mich mit dem Zeigefinger an der Schulter sanft an und wirbelte mich herum: «Hier brauchst du dein Unverständnis nicht mehr durch ein subjektives Denken zu kompensieren, damit du deine Emotionen durch dieses hindurchfiltern und damit für dein eigenes, unmittelbares Erkennen entschärfen kannst, denn du wurdest auf das Energiepotential deiner inneren Vorstellungskraft reduziert.» Dann fügte er schelmisch hinzu, ich sei das folgerichtige Ergebnis einer langen Kausalitätskette, die sich in meinem lächerlichen Ego manifestiere, das Bücher schriebe und von sich glaube, neue Denkinhalte zu kreieren, und darüber nicht nur nachdenke, sondern auch über sein eigenes Nachdenken reflektiere und sich letzten Endes genau an jener Stelle positioniere, in der es glaube, sich erkennen zu können. Ich solle mir aber nicht ans Bein pinkeln, denn bevor ich wie eine Erbse durch die Bodenritze falle und auf Nimmerwiedersehen im Unergründlichen versacke, würde er mich sicher und liebevoll auffangen.
Dann hielt er mich plötzlich fest und sah mir väterlich in die Augen: «Denn hier bist du nicht nur der Energie deiner menschlichen Vorstellung begegnet, sondern du hast soeben ihre Grenzen physisch überschritten. Deshalb bist du auf das Bild deiner inneren Vorstellung geschrumpft.»
Anschließend ließ er mich auf seiner Handfläche mehrmals um die eigene Achse drehen, und bei der vierten oder fünften Umdrehung glaubte ich eine weitere Öffnung vor mir zu entdecken. Ich erkannte so etwas wie einen Riß in der dreidimensionalen Realität, der vor mir aufschimmerte, und dahinter eine regenbogenfarbene Iridule durchglimmen.
«Du stehst hier am Durchbruch zu neuen Dimensionen», sprach er, «der das alte Weltbild vom Leben abfaulen läßt. Die dreidimensionale Realität entspricht dem Unvermögen, Verstand und Vernunft loszulassen und danach zu fragen, was jenseits der Ratio liegt.» Gleichzeitig nahm ich links und rechts von mir eine Unzahl von Bewegungen wahr. Kleine leuchtende Kugeln schwebten wie schimmernde Raumschiffe in mein Blickfeld. Akrons Gesicht schien von unzähligen Lichtpunkten übersät: «Du brauchst dir aber keine Sorgen zu machen», sagte er, «es sind auch wiederum nur Gedanken, wenn auch gefangene. Sie haben sich in ihrem eigenen Schöpfergeist eingesperrt.»
«Eingesperrt?» Eine seltsame Grimmigkeit lag in den seltsamen Blasen. Sie rührte von einer fühlbaren Aggression her, die ich hinter ihren Durchmessern verspürte. «Was sind das nur für unangenehme Gebilde?»
«Das sind implodierte Gedanken», über mir schwebte Akrons vertrautes, lächelndes Gesicht, «man nennt sie auch die Stacheln im Hirn.»
«Weshalb Stacheln im Hirn?» fragte ich, obwohl mir der Name gefiel. Er paßte jedenfalls zu meinem negativen Gespür.
«Weil in ihnen ein tückisches Ich regiert, das abgeschnitten von einem emotionalen Hintergrund in einer aggressiven, isolierten Denkwelt operiert, in der hinter all ihren Zielen nur die unzubefriedigende Lust an der ewigen Durchsetzung steht. Einst fühlten sie sich in Situationen wohl, in denen schnelle Entscheidungen verlangt wurden, ohne sich an zementierte Standpunkte zu klammern, sie konzentrierten sich auf das augenblickliche Handeln und suchten sich ihr Weltbild aus den unterschiedlichsten Sichtweisen zusammen», sagte er mit plötzlicher Eindringlichkeit, wobei sein Lächeln merklich schrumpfte: «Doch eines Tages verspürten sie den Wunsch, über sich selbst hinauszuwachsen, denn sie hatten das Denken als Grundlage allen Wesens entdeckt und glaubten nun selbst in die Schöpfung eingreifen zu müssen. Sie lehnten sich über ihr Weltbild hinaus und behaupteten, alles bestünde nur aus Gedanken und die ganze Welt sei ihre Schöpfung. Sie schufen sich ihren eigenen Gott und nannten ihn Erkenntnis. Doch dieser selbsterkürte Gott, der sich auch Wissensanspruch nannte, mußte ständig mit neuen Einsichten gefüttert werden. Die Gedanken hielten das Universum ein paar Jahrhunderte mit immer wieder neuen Entwicklungsvarianten zusammen. Irgendwann aber fehlte ihnen die Energie, um den aus sich selbst hervorgebrachten Gott weiter zu nähren, der immer neue Perspektiven und Sichtweisen einforderte. Sie erlahmten, der Gegendruck fiel weg, und dann wurden sie in einem riesigen Knall von ihrem eigenen Dämon aufgesaugt und mit ihnen das ganze Universum in ihrem Kopf. Sie implodierten in ihrem eigenen Denken und sind seit jenem Tag in ihrem eigenen Erkennen eingesperrt, aus dem es kein Entrinnen gibt.»
«Warum können sie nicht entrinnen?»
«Weil sie ja nicht wissen, daß sie eingesperrt sind.»
«Wieso wissen sie das nicht?» fragte ich und runzelte argwöhnisch die Stirn.
«Woher sollten sie die Einsicht nehmen?» erwiderte Akron achselzuckend. «Der Grund, warum sie nicht herauskönnen, ist doch gerade der, weil sie nicht wissen, wo sie sind.»
«Versteh ich das richtig: Sie sind nur aus dem Grund gefangen, weil sie nicht merken, daß sie gefangen sind …?!»
«Genau», erwiderte Akron, «es gibt für sie kein Entrinnen, solange sie die Aggressivität ihres Denkens nicht erkennen. Deshalb stürzen sie sich auch wie die Harpyien auf jeden Neuankömmling, der ihnen Nahrung bietet, und saugen ihm die prallen Bilder seiner Vorstellungen aus.»
«Aber ich dachte, sie sind in diesen Blasen eingesperrt?»
«Das sind sie auch.»
«Aber wie können sie dann heraus?»
«Wieso raus? Sie müssen doch nicht raus», entgegnete Akron und grinste sanft: «Wir sind doch drin!»
Plötzlich schienen die Blasen wie weggefegt und die Lichtpunkte hatten sich in blutsaugende Monster verwandelt, riesige Mückenschwärme, die drohend über meinem Haupte schwirrten. Ich konnte die unterschiedlichsten Sichtweisen und Perspektiven gleichzeitig erkennen: die höllischen Biester, die im Begriff waren, mich anzugreifen, der Monitor vor mir auf dem Tisch, in den ich meine Gedanken hineinhämmerte sowie die Worte, die mir als betrachtendem Prüfer seiner Erinnerungen entgegenflimmerten: «Jetzt gibt’s kein Entrinnen mehr», zirpten sie. «Zuerst verschlingen wir dich und dann lösen wir dich in den Horrorinszenarien deiner paranoiden Ängste auf, zumindest solange du nicht merkst, wer wir sind: ein steckengebliebenes, traumatisiertes Bild in deinem Hirn.»






