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Die Hölle aus esoterischer Sicht
Die Suche nach Sinn ist der Weg in die Hölle, und das Finden des Un-Sinns die Rückkehr ins Paradies. Das Erkennen der Sinnlosigkeit der Sinnfrage wäre dann das «Fegefeuer», und die Erkenntnis, daß es keinen Sinn zu finden gibt und daß die Suche das sinnlose Ziel in sich selbst ist, entweder der «Himmel», wenn wir die Sinnlosigkeit der Sinnsuche erkennen (den Dämon der Sinnfrage), oder die «Hölle», wenn wir den Anlaß unserer Suche verdrängen. Wir ersehnen uns, was wir nicht haben, aber wir wollen es nur, weil es uns fehlt. Hätten wir es, würden wir gar nicht merken, daß wir es wollen, und suchten nach anderem, von dem wir glaubten, daß es uns fehlte. Wir suchen das Suchen, um das Finden zu verdrängen, denn würden wir finden, dann wären wir am Ziel. Doch ähnlich dem Alkoholiker, der zum Arzt geht und vorgibt, mit dem Trinken aufhören zu wollen, aber aus der Therapie aussteigt, sobald ihn der Arzt zum Alkoholentzug in die Klinik schicken will, sehen wir, daß beim Suchenden der Frust gerade dann ausbricht, wenn er zu finden beginnt. Und da wird uns klar: Es geht weder ums Finden noch um die Wahrheit. Sondern ums Suchen. Und solange wir die Hintergründe nicht sehen, warum wir suchen, was wir suchen, sind wir nicht viel klüger als der sprichwörtliche Narr, der den verlorenen Schlüssel unter einer Laterne sucht, weil es ihm dort, wo er ihn tatsächlich verloren hat, zu dunkel ist. Wir suchen im Reich der Ideale, wo man etwas sieht, weil alles hell und klar ist – doch wie sollten wir da finden, was in der Dunkelheit verborgen ist?
Solange wir uns scheuen, im Dickicht der Gefühle und in den Tiefen unserer seelischen Niederungen zu suchen, dort, wo wir ihn verloren haben, solange finden wir den Schlüssel kaum. Möglicherweise finden wir unter der Laterne dafür das Paradies, das uns suggeriert, solange wir immer nur im Licht suchten, solange bräuchten wir auch den Schlüssel nicht. Tatsache ist: Nur aus der Position des Suchens kann ich das Finden manipulieren, nur dort kann ich es mit all meinen Sehnsüchten vollstopfen, die mir meine Masken einreden, und damit schon am Anfang die Wahrheit verdrängen, die für die Masken den Tod bedeuteten: daß nämlich diese Form der Suche schon wieder eine Lüge ist, hinter der sich keine Wahrheiten, sondern nur die Gaukelbilder dämonischer Sehnsüchte verbergen, die mich niemals mehr aus den Netzen ihrer Verstrickungen entlassen. Das aber ist gerade die Hölle, die uns bedroht, weil sie uns den Abstieg zu unseren eigenen Ängsten verwehrt. Denn die erlittenen Wunden und Verletzungen heilen nur durch das Erkennen der seelischen Zusammenhänge, und erst die geistige Einsicht katapultiert unseren Geist ins Licht. Denn, wie sagte ein alter Suchender, nachdem er Gott zeit seines Lebens vergeblich im Himmel suchte und ihn endlich am Ende seiner Tage an der Eingangspforte zur Hölle fand: «Ein ganzes Leben lang war ich auf der Suche nach Gott, und als ich ihn am Ende meiner Tage fand und ihm in die Augen blickte, entdeckte ich, daß er es war, der mich suchte.» (Bajezid Bastami)
DANTES WERK AUS MEINER PERSÖNLICHEN SICHT
Dantes Vorlage als apokryphes Modell
Kehren wir zu Dante zurück. Kaum einer hat wie er das gesamte Weltbild seiner Zeit in sich aufgenommen und es zu einem monumentalen Gebäude unvergänglicher Lettern vor der Geschichte aufgetürmt, keiner hat wie er das geschichtliche Geschehen seiner Zeit aktiv und passiv miterlebt, in seiner ganzen Tiefe durchlitten und es in ein glühendes Versmaß gestellt, das jahrhundertelang die Vorstellungen der Menschen bis an die Schwelle der Neuzeit prägte. An seiner Dichtung mißt sich die sprachliche Gestaltungskraft von Himmel und Hölle. Verglichen mit seinem Werk kann mein Bemühen natürlich nur der schwache Abglanz eines kreativen Zusammenmischens alten Weins in neuen Schläuchen sein. Um diesem Bemühen aber trotzdem einen kollektiven Sinn zu sichern, mußte ich mich dort, wo Dante in vierzehntausend Versen die ganze Schöpfung durchmaß, nach einem System umsehen, das mir Dantes komplettes Weltbild durch eine innere Struktur ersetzte, die es mir erlaubte, die verschiedenen Episoden wie die Perlen auf einer Gebetsschnur nebeneinander aufreihen zu können. Dafür erkor ich mir das astrologische Modell. Der Preis ist klar. Statt der großen Menschheitsbühne, der menschlichen Entwicklungsgalerie, auf der Dante sein monströses, sinnvolles und sinngebendes Opus vom Leben des «Homo sapiens» vollzieht, kann ich nur ein abstraktes Modell anbieten, das über die systemartigen Verknüpfungen in Zusammenhang mit meinen astrologischen Kenntnissen und Erfahrungen im besten Fall auf den Ansatz seelischer Vertiefungen in einem psychologischen Umfeld hinweist.
Trotzdem gab es keine bessere Lösung, weil ein Buch in Dantes epochalen Dimensionen einfach nicht anders möglich war. Deshalb war für mich das Ausweichen auf ein strukturierendes Modell ein letztlich doch befriedigender, weil unausweichlicher Kompromiß, und die Hinwendung an die Astrologie innerhalb ähnlicher Modelle für mich aufgrund meines Erfahrungspotentials interessant. Außerdem schien mir dieses System besonders geeignet zu sein, da es mir erlaubt, jede der Höllen mit einem astrologischen Inventar auszukleiden und mit den astrologischen Konfigurationen meiner LeserInnen in Verbindung zu bringen, die sich in der einen oder anderen Geschichte wiederfinden können.
Manche mögen es auch als eine Anmaßung empfinden, das vorliegende Buch Dante als eine esoterische Paraphrase zu unterstellen und es mit seinem Werk in Beziehung zu bringen. Ich kann sie verstehen. Wenn ich es nach reiflichem Überlegen trotzdem wage, meine Schilderungen im weitesten Sinne an Dantes «Inferno» anzulehnen, dann weniger in kulturpolitischer als mehr in persönlicher Weise. So wie der Dichter sich dem Höchsten in voller Selbsthingabe näherte, um sich im nächsten Augenblick mit den Widersprüchen christlicher Dogmen auseinanderzusetzen, oder wie er seiner großen Liebe Beatrice in der Jenseitswelt genauso wie im Leben verfiel, wobei er sie aber statt als erlösenden Engel bei ihrer Begegnung als unnahbare Madonna mit den moralischen Schuldzuweisungen theologischer Lehren im Mund charakterisierte, erkennen wir in ihm auch eine gebrochene, rückwärtsorientierte Gestalt. Diese kehrt nicht als Handelnde, sondern als Gehandelt-Werdende an den Schauplatz ihrer Erinnerungen zurück, um aus der psychotherapeutischen Sicht des Schauens die eigene Seelenlandschaft aufzuräumen. An diese nicht unwidersprüchliche, aber menschlich-ringende und letztlich sich selbst überwindende Seite von Dantes Wirken wollte ich mein persönliches «Inferno» herantragen: an das rückwärtsgerichtete Hinabsteigen in den dunklen Schacht, diesen abgespaltenen Teil der Seele, dessen schlummernde Erinnerungen erwachen und in visionären Träumen ins Bewußtsein eindringen, um es um diesen unerkannten Teil erweitern zu können.
Dantes Wurzeln
Wir können Dante Alighieri aber nicht verstehen, ohne uns nicht auch seinen Vorbildern zuzuwenden, den Grundlagen, auf denen er sein Werk aufbaut. Vor ihm ist in ähnlichem Sinne Vergils «Aeneis» entstanden, ein Werk, das sich an Homers «Ilias» anlehnt und seinen Schöpfer ebenfalls in die Unterwelt führt. Doch wo der antike Dichter als Person bescheiden im Hintergrund verbleibt und im Epos selbst nicht erscheint, manifestiert sich Dante selbst als der eigentliche Held seiner Geschichte, und damit bekommt die Kulturwelt ihren ersten menschlichen Sänger, der die ungeheuer gehäuften Handlungen der Menschen und ihre verstrickenden Beziehungen untereinander in sich hineinnimmt, in einem gewaltigen Epos zusammenrafft und wieder aus sich herauswirft. Diese selbstbezogene Dramatisierung ist Dantes spontane Fortsetzung griechischer Dichtung: die antike Vorlage aus persönlicher Sicht. Denn Dante ist «Wanderer» und «Weg». Er ist sein eigener Hauptdarsteller, und unter seiner Regie löst er sich aus der dramaturgischen Vorlage und gewinnt durch seine visionäre Präsenz die poetische Kraft, die selbst monströsestes Leiden virtuos und differenziert in Sprache packt. Die ganze menschliche Schöpfungsflamme steigt aus ihm empor, und im unerschöpflichen Ringen zwischen bewußtem Formulieren und unbewußtem Dahingetragenwerden entsteht hier allmählich ein Bewußtsein von Erkenntnis und göttlicher Besinnung, das sich durch die Höllen der Einsicht zu immer tieferem Erkennen vortastet. Es ist dies das Vermögen, in den menschlichen Abgründen die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu sehen und sich damit über die kollektiven Muster und Verhaltensweisen hinwegzuheben. Es ist, als habe der unbewußte Dante hier Regie geführt, wenn er von seiner riesigen Gedankenfülle nicht erschlagen, sondern unter der kundigen Obhut seines Seelenbegleiters Vergil zur inneren Offenbarung und schließlich zu seinem eigentlichen Höheren Selbst getragen wird.
Dantes anderes Selbst
«Seelenbegleiter? Höheres Selbst?! Was für abgehobene Sichtweisen …», mögen sich die LeserInnen denken. Doch erinnern wir uns: Es ist dieses Ringen um das Höchste aus der Perspektive des kleinen, eigensinnigen Ich, dieses Vermischen von Persönlichem und Universalem, Emotionalem und Klerikalem, das Dantes Sicht diese epochale Bedeutung zuteil werden ließ, das den Künstler und Gelehrten neben seinem monumentalen Werk auch emotional und dadurch menschlich erscheinen läßt. Doch wie sollte Dantes kleines Ich die Unvergänglichkeit seines Werkes mit Atem füllen? Wie sollte das Numinose nicht das begrenzte Vorstellungsvermögen des Dichters sprengen? Dazu bedurfte es eines Größeren, denn Visionen dieses Ausmaßes stellen sich nicht ganz ohne unbewußten Beistand ein. Dante brauchte noch ein höheres Wesen, ein Medium, einen Brückenpfeiler zwischen den Welten, denn nicht nur die Reise scheint ein tiefer Abstieg in seelische Abgründe, sondern die Hölle selbst erscheint als eine im Vorgriff aufgerissene Seele. Wir können davon ausgehen, daß Dante genau spürte, daß die visionäre Verdichtung seiner Imaginationen auch aus Teilen seines Unbewußten strömte und er sich in seinen Gesichtern verstrickt hätte, wenn er sie in der Seele nicht hätte ausbrüten können. Deshalb bemühte er sich um einen mentalen Beschützer: Vergil, den er geistig ins Bild brachte und den er als seine eigene Schöpfung in visionärer Leibhaftigkeit durch die Jenseitswelt imaginierte. Die Wahl von Vergil lag – wie gesehen – auf der Hand: Vergil war wie Dante Dichter und begegnete in seinem Werk den Geistern der Abgeschiedenen in einer seelischen Rückschau. Außerdem ist er erdennah: Ähnlich wie Dante mit seiner Fiktion eines Gottesreiches auf Erden strebte er nach der aktiven Gestaltung des materiellen Bereichs durch die politische und visionäre Schöpfung des Römerreichs.
Der magische Pakt mit dem Seelenführer
Damit hatte Dante, wahrscheinlich ohne es zu wissen, den entscheidenden magischen Griff getan. Durch die Einbeziehung Vergils als seelischen Begleiter hatte er sich unbemerkt den Geist der Antike zum Verbündeten gemacht, als deren Vollender er sich sah, genauso wie ich mir durch die Einbeziehung von Akron den Geist des Unbewußten zu verpflichten suchte. Genauso, wie nur Dantes überbewußtem inneren Dialog zwischen Schüler und Lehrer ein so tiefes Eindringen in die seelischen Abgründe gelingen konnte, vermag nur ein widersprüchlicher, in sich gespaltener, seine eigenen Spaltungen reflektierender und die Reflexionen gleichzeitig wieder verarbeitender Geist wie Akron mich durch die Sümpfe unverarbeiteter Seelenschlacken und Geröllhalden unbewußter Gedankenmuster hindurchzuschleusen. Nur ein Geist, der seinem Scheitern ins Auge blicken kann und erst dadurch zu seiner wahren inneren Größe findet, indem er sich in seinen Banalitäten, in seiner Unwichtigkeit und der Relativität seines Erkennens überhaupt erkennt, hat wohl die Kühnheit, mich an ein Werk heranzuführen, das die Hölle nicht einfach nur beschreiben möchte, sondern gewissermaßen dantesk in den Geist der Unterwelt eindringen will. Deshalb fühle ich mich dem «Magier» Dante noch mehr als dem kulturhistorischen Gipfel seines Werks verpflichtet, auch wenn ich die Hölle im Gegensatz zu Dante nicht in der äußeren Welt erblicke, sondern als seelischen Raum empfinde, den ich durch meine inneren Bilder bereisen kann. Ich habe mir deshalb auch als Führer keine historische Figur, sondern ein Energiefeld in meinem Kopf erkürt, mit dem ich korrespondieren kann und das mich durch meine inneren Abgründe führt. Warum?
Das Denken ist dual, und die Dualität trennt, weil das ihre Natur ist. Wenn ich also irrational denke, dann erscheint mein Verstandeszensor und pfeift mich zurück. Die Wahrheit jedoch ist mehrdimensional und hat viele Gesichter. Denken und Sprache umschreiben zwar einzelne Teile, doch Wahrheit umfaßt alle Teile eines Ganzen und ist daher der Ratio nicht einsichtig. Deshalb bedarf ich zur Erfahrung des Unbewußten einer imaginierten Gestalt, die meine Seele begleitet und mir die irrationalen Erlebnisse filtert und reflektiert, und mein inneres Bild von Akron entspricht genau dieser Vorgabe. Er ist eine seelische Vertiefung, ein unfaßbarer Abgrund, der Unvorstellbares auf der Ebene des Verstehens in Bildern ausdrücken kann, ohne der Verstandeszensur verpflichtet zu sein. Wenn es mir emotional gelingt, mich ihm anzuvertrauen, also ein persönliches Vertrauen zu einer Kraft zu entwickeln, die jenseits meiner Verstandeskontrolle liegt, dann kann ich durch sie wie mit einer Tiefseeglocke in die seelischen Abgründe jenseits von Raum und Zeit eintauchen und mich im gelassenen Vertrauen auf meine künftige Auferstehung angstfrei dort unten bewegen. Denn ich weiß: Weder ich noch mein Seelenführer sind das Ganze: Er stützt mich, und ich manifestiere ihn. Die Realität, die ich im Bewußtsein zurücklasse, verschwindet, und die Zeit bleibt in dieser Subjektivität der Seele stehen – bis ich wieder in den Körper und den Intellekt zurückkehre und das erlebte Unfaßbare auf dieser Seite des Erlebens aus mir herausschaufeln kann.
Akron – der andere Seelenspiegel
«Wer aber ist Akron?» wird sich mancher wohl am Ende dieses Vorworts fragen. Um die Wahrheit zu sagen: Ich weiß es nicht. Oder genauer gesagt: Ich bin mir nicht sicher. Ich habe mir über diese Frage aber auch schon Gedanken gemacht. Deshalb habe ich hier zwei mögliche Antworten vorbereitet, die aus ihren polaren Sichtweisen in einem übergeordneten Sinn wahrscheinlich das gleiche ausdrücken. Zuerst die esoterische:
Vor mehr als fünfzehn Jahren hatte ich nicht nur das Glück, meinem inneren Seelenführer und Geisteslehrer Akron zu begegnen, sondern ich hatte auch die Chance, in den Prozeß der Übermittlung seiner inneren Botschaften einbezogen zu werden und mich auf der inneren und äußeren Ebene gleichzeitig zu reflektieren. D.h., mir blieben nicht nur die Teile meines Bewußtseins offen, auf der mir seine inneren Botschaften zuflossen, sondern mir erschloß sich auch die Perspektive, aus der ich den Mechanismus dieser Übermittlungen beobachten konnte, und so konnte ich erkennen, wie diese Übermittlungen dank ihrer raffinierten symbolischen Verschlüsselungen meine «kritische Vernunft» umschifften. Dadurch, daß ich mir das Denken zum Verbündeten gewann, das sich mir in der Verkörperung von Akron bis zu den Grundlagen seiner eigenen Relativität offenbarte, konnte ich den Strukturen des Denkens außerhalb meiner eigenen Denkmuster begegnen und damit die «Botschaften aus dem Universum» relativieren, ohne ihnen aber ihr inneres Geheimnis zu stehlen.
Und nun die pragmatische Antwort:
Das, was ich hier im Buch als meinen Geistesführer bezeichne, ist ein Energieimpuls in meinem Hirn. Es ist die Zusammenfassung der Muster, wie sich das kollektive Wissen in meinem persönlichen Erleben reflektiert. Dieser Teil kann genauso eine höhere Wesenheit sein wie ein abgespaltener Teil in mir, vielleicht mein eigener geistiger Machtanspruch, der mir in dieser ausgelagerten Form viel besser behagt, weil ich mich mit ihm in dieser personifizierten Gestalt nicht restlos zu identifizieren brauche. Im Grunde interessieren mich aber alle Fragen nach Akron auch nur insofern, als daß der innere Dialog funktioniert und daraus etwas Kreatives entsteht.
Sollte mich also heute jemand fragen, ob ich ein «Kanal» für höhere Intelligenzen sei, dann würde ich das aus meiner Sichtweise wahrscheinlich eher verneinen, denn die transpersönliche Erscheinung von Akron scheint mir doch mehr der Odem zu sein, um den von meinem eigenen Selbstbild unterdrückten geistigen Teilen Leben einzuhauchen. Andererseits möchte ich auch nichts ausschließen, da meine persönlichen Ansichten meiner «kritischen Vernunft» genauso unterliegen wie meine überpersönlichen Botschaften meiner «unterdrückten kreativen Irrationalität», und manchmal scheint mir, daß das eine das andere bedinge und erst im gelassenen Zusammenspiel dieser beiden verschiedenen Bewußtseinsebenen sich etwas manifestieren könne, das sich mit den Worten Akrons als «erkennendes Erkennen in meinem Kopf» dann so ausdrückt: «Ich bin der Träumer und der Traum, das Bewußte und das Unbewußte. Ich bin der Zauberer, dessen Zauber die Sphäre des Bewußtseins schafft: Ich bin in allem – alles ist in mir!»
St. Gallen im Februar 2000
Charles F. Frey
(erste Fassung im Mai 1997)

Der Aufbruch des Helden
Ich saß an meinem Schreibtisch und grübelte darüber nach, wie es in meinem Leben weitergehen sollte. Ich war traurig, deprimiert, zerstört. Nichts wollte mir gelingen, ich war überall blockiert. Meine Gedanken gingen ins Leere, ich ging ohne mich zu bewegen, denn es war das Schicksalsrad, das sich für mich drehte, eine Fahrt in den Abgrund, in dem die Zeit stillstand. Eigentlich wollte ich ein Buch über das Ringen um die Sinnfrage schreiben, die den Menschen oft in seiner Lebensmitte befällt, doch plötzlich fühlte ich mich selbst in die Abgründe hineingerissen, die ich nur beschreiben wollte, und auf einmal kam mir mein Leben grau und sinnlos vor. Mit dem virtuosen Blick der Selbstzerfleischung hatte ich den dunklen Fleck in mir entdeckt, der mein Selbstverständnis von der Welt und alles, wofür ich kämpfte, allein schon dadurch bedrohte, daß es ihn gab, und deshalb mußte es wohl auch einen Weg geben, ihn aus meinem Leben wieder zu entfernen. «Der Fleck muß verschwinden!» dachte ich laut.
«Doch die Exekution des Fleckes willst du nicht selbst übernehmen, damit dein Weltbild auch weiterhin in Ordnung bleibt, du möchtest vielmehr, daß ich diese Aufgabe für dich übernehme», hörte ich eine näselnde Stimme in mir, die ich für mein abgespaltenes psychologisches Verständnis hielt, «und weil du dich nicht ändern willst, versuchst du, das Leben für dein Scheitern verantwortlich zu machen, statt dir vor Augen zu führen, wo das Übel sitzt und wie schwer es ist, Bestehendes dort zu verändern, wo du selbst Sachverwalter des Bestehenden bist, nämlich in deinem eigenen Kopf.»
«Ich weiß manchmal auch nicht, wie ich das alles in mir zusammenreime», erwiderte ich dem Geist dieser Stimme, die in mir sprach und die ich als inneren Dialog wahrnahm, als sie die Beweggründe meiner Denkmuster kritisierte: «Immer versuchst du dich deinen inneren Ängsten zu entziehen, um dich den Voraussetzungen deiner eigenen Handlungen zu verschließen. Auch jetzt versuchst du über deine Krise intellektuell zu debattieren, aber nicht, um deine Lage zu verändern, sondern nur, um deiner Situation einen vernünftigen Grund zu unterlegen. Wie solltest du da je zur Einsicht gelangen, es sei denn …», sagte sie, einen Augenblick lang innehaltend, um mir die Gelegenheit zu geben, ihr beizustimmen und mich nach einem möglichen Ausweg zu erkunden, was ich auch sofort mit der Frage tat: «… es sei denn was?»
«Es sei denn, du ließest dich bedingungslos in dein unbewußtes schwarzes inneres Loch hineinfallen, in das Zentrum des Flecks», erwiderte die Stimme und machte wieder eine kleine Pause, um diese abschließende Botschaft gewissermaßen in mich einsinken zu lassen: «In deinen Ängsten drückt sich eigentlich nur die Tatsache aus, daß du das moralische Weltbild, die Werte gesellschaftlicher Prägungen, noch immer soweit verinnerlicht hältst, daß du die Erkenntnisse deiner Sinnlosigkeit nicht als Befreiung von diesen anerzogenen Wertvorstellungen, sondern als unzulässige Abweichung von ihnen und damit als Schuld erfährst. Deshalb ist deine Depression auch nicht da draußen, sondern in dir selbst. Sie beruht auf einem Modell, das dir seit Kindesbeinen eingefüttert wurde. Und eine willentliche Veränderung dieser Perspektive bedeutet nicht darüber zu lamentieren, warum das Leben für dich keinen Sinn mehr hat, sondern zu merken, daß im Gegenteil alle dir eingetrichterten Modelle außerhalb ihrer gesellschaftlichen Zielrichtung sinnlos sind. Der Wille zur Genesung kann also nicht bedeuten, den Lebenssinn zurückzuholen, sondern ihn für immer zu verlassen.»
«Wie?» entschlüpfte mir die Frage, denn irgendwie ahnte ich schon, daß diese Verhinderungen nur dazu da waren, erkannt zu werden, denn das innere Erkennen aller Zusammenhänge schien mir die einzige Möglichkeit, die Bedingungen der Leiden kennenzulernen und damit die Voraussetzungen zu ihrer Beseitigung zu schaffen. Die Frage war nur: Wie? Wie sollte das geschehen?
«Zum Beispiel, indem du aus dem Fenster springst!» orgelte es in meinem Inneren.
Meine innere Stimme wollte mich wohl veralbern: «Hast du keinen originelleren Ratschlag für mich?» fragte ich.
«Der Sturz ist die Auflösung des Ich, von dem aus es sich verlierend durch Selbstbetrachtung wieder zurückgewinnen kann. Erst wenn dein Verstand an den Grundlagen des rationalen Weltbilds zerschellt», erwiderte die Stimme, «werden alle deine unterdrückten Persönlichkeitsanteile aus den Umklammerungen des unterdrückenden Denkens wieder frei und du kannst alles sein, was du sein möchtest. Vieles ist in dir, du brauchst es nur zu wollen. Geh jetzt zum Fenster!»
«Ich bin nicht so verrückt, wie du mich darstellst», gab ich zu bedenken, während ich mich erhob und zögernd zum Fenster ging. Der ganze Himmel war von rotem Abendglanz durchglüht. Es hatte am Vormittag und am Nachmittag die meiste Zeit geregnet, erst gegen Abend teilten sich die Wolken, und die Sonne schien ins Zimmer. «Wahrscheinlich habe ich nur einen Sinnfindungs-Komplex. Im Grunde bin ich ein schüchterner kleiner Junge, der nie richtig erwachsen geworden ist», erklärte ich, «und darum beständig naseweis über seine eigenen Bilder hinauswachsen möchte, die er pausenlos produziert und sie im gleichen Atemzug wieder in Frage stellt, um sich vor seinen eigenen Zweifeln zu schützen …»
Plötzlich züngelte vor meinen Augen ein Blitz, und was dann geschah, erlebte ich wie einen «Trip». Hätte mir jemand eine LSD-Droge verabreicht, so hätte die Erfahrung nicht phantastischer sein können. Ich starrte durch das Fenster in die Sonne, und von einer Sekunde zur anderen entzündete sich mit ungeheurer Kraft ein Feuerwerk von Visionen in meinem Kopf. Es war, als ob die mir bekannte Realität plötzlich dünn wie Seidenpapier geworden wäre, denn inmitten der Flammen sah ich ein seltsames Gesicht aufleuchten, als hätten sich sämtliche Poren seiner Haut in Licht verwandelt. Es strahlte eine weiße Licht-Aura aus und zog mich an. Ich spürte, wie meine Wirbelsäule in rasende Schwingungen geriet. Irgendwie fühlte ich mich plötzlich in zwei Teile gespalten, denn ich spürte, wie ich an meinem Arbeitsplatz saß und die Ideen in die Tasten hämmerte, die mir durch den Kopf blitzten, und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, als ob ich es selbst war, der die Geschichte erlebte und aus dem Fenster fiel. Ich erkannte deutlich die luziden Wände meiner Geschichte als Spiegelrahmen einer mir unsichtbaren Welt, in der ich einem Engel begegnete, irgendwo zwischen Himmel und Erde. Sanft faßte er mich an der Hand und sprach: «Was weißt du von der Wirklichkeit, die dich umgibt?» Eine himmlische Gestalt in einem dunkelblauen Mantel stand vor mir und blickte mich unter ihrer Kapuze freundlich an. Die funkelnden Augen leuchteten in ihrem rötlichen Glanz aus der Tiefe der Finsternis hervor und ließen mich am ganzen Körper erzittern.






