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«Genug, um in der Welt überleben zu können», stammelte ich sichtlich aufgeregt.
«Das ist nicht genug, denn du bist hier nicht in der Zeit, die sich durch den Raum bewegt, sondern du bist der Raum, der durch sich selbst stürzt, weil er sich vor sich selbst verschließt. Ich bin der Schlüssel, der dich öffnet und der dir Zugang zur Wahrnehmung ungeahnter Perspektiven verschafft. Denn du bist die Tür, die dir als Eingang dient, die aber nicht nur an einem einzigen Punkt im Universum existiert, sondern die in verschiedene Bewußtseinsebenen hineingekrümmt ist … Gemeinsam können wir alle Ebenen durchwachsen. Schau hin!»
Und aus der Sonne brach ein glänzender Lichtstrom hervor und fiel über mein Pult auf Baphomets «The Light of Hell», eine alte apokryphe Schrift, die in meinem Bücherregal neben anderen kostbaren, gebundenen Manuskripten stand, die ich aber noch nie eines persönlichen Augenscheines gewürdigt hatte. Als ich gebannt hinsah, hatte ich das merkwürdige Gefühl, daß sich plötzlich ein kleines Auge auf dem mächtigen Rücken des magischen Wälzers abzeichnete und mir einladend zublinzelte. Blitzschnell erhob ich mich, mehr von der Aussicht beflügelt, etwas verpassen zu können, das bis jetzt nur in meiner Phantasie bestand, als vom Wunsch angetrieben, mich in neue Abenteuer zu stürzen. Ich zog das Buch aus dem Regal und schlug es auf, und da verfing sich mein Blick auch sofort in der flammenden Widmung, die über dem inneren Buchdeckel prangte: «Das Licht der Erkenntnis leuchtet aus dem Vorhof der Hölle.» Dann schlug ich die erste Seite auf, auf der in tiefschwarzen Lettern geschrieben stand: «Es stehen viele Geschichten in den geheimnisvollen Zauberbüchern, den schwarzen, unergründlichen Apokryphen der Hölle. Sie berichten von Dingen und Geschehnissen, die sich in der Tiefe der Erde ereignen, in der Finsternis der Nacht, aber nirgends, o Wanderer, findet sich die Geschichte der Seelen, die den Seufzern der Leere lauschen, dem Räuspern des Nichts, und die in der Einsamkeit schaudern und vergeblich einen Ausweg aus dem Schreckensgewölbe ihrer Träume suchen. Sie sühnen in den Verstrickungen ihrer Bilder, den Gefängnissen der Sehnsüchte und sind sich dabei ihrer Strafe bewußt, obwohl sie versuchen, sie aus ihrem Gedächtnis zu tilgen: Aber sie müssen durch die Hölle hindurch, auch wenn sie nicht wissen, was am anderen Ende ist. Aber, so wahr ich hier stehe, mein Freund, es ist Licht!»
Ich ließ das Buch sinken. Durch das einfallende Licht der Sonne wurde mein Blick von einer seltsamen Einrichtung auf der Rückseite des Regals angezogen, und plötzlich wurde ich eines Porträts gewahr, das in einer Nische eingelassen war, und zwar so, daß man nur einen Einblick bekam, wenn man einen der schwarzen Riesenbände aus dem Regal herausnahm. Es mußte sich um ein Ahnenporträt handeln, auch wenn es mir seltsam vorkam, daß es so versteckt hinter den geheimnisvollen Büchern und nicht wie die anderen Bilder im Familienalbum eingeklebt war. Der Glanz der Abendsonne brachte das Bild dabei wunderbar zum Ausdruck. Es stellte einen Mann unter einer mächtigen Kapuze dar, dessen Gesicht verdeckt im Schatten lag, nur die roten Augen funkelten hervor. Das Gesicht war mir sehr vertraut, und irgendwie schienen mir auch seine Augen zu antworten, denn einen Moment hatte ich das seltsame Gefühl, als blinzelten sie mich an: «Erst wenn dein Verstand an den Grundlagen des rationalen Weltbilds zerschellt», vernahm ich meine innere Stimme, «werden all deine unterdrückten Persönlichkeitsanteile aus den Umklammerungen des unterdrückenden Denkens wieder frei und du kannst alles sein, was du wirklich bist. Weshalb nicht auch ‹ich selbst›?»
Immer, wenn ich mich mit meinen inneren Gedanken zu beschäftigen begann, fand ich mich in den tiefsten Depressionen wieder. Ich verstand dann oft nicht mehr, wie es überhaupt möglich war, nicht deprimiert zu sein. Auch diesmal saß ich mit gequälter Miene am Tisch und versuchte, meine Situation selbst in den Blick zu nehmen und meine Gedanken aufzuschreiben, die mir durch den Kopf wirbelten, und damit die Geschichte eines Menschen in seiner Lebensmitte aufzuarbeiten, der seinen Lebenssinn verloren hatte. Doch diesmal eröffnete sich mir eine Vielzahl verschiedener Sichtweisen, meine Situation zu betrachten, und diese relativierten meine Unzufriedenheit mit mir selbst, aus der meine Depression sich speiste, weil ich plötzlich die Möglichkeit erkannte, wenn schon nicht frei handeln, so doch wenigstens innerhalb der schmalen Bandbreite meiner kreativen Phantasie frei entscheiden zu können, und plötzlich war mir die Sache klar: Ich mußte den Verstand aus mir hinausschmeißen, denn die Tendenz zur Hinterfragung meines Denkens und meiner Gefühle gehörte zur Struktur meiner selbst, die sich zu vernichten drohte. Denn wenn ich schon vor mir selbst nicht davonlaufen konnte, dann mußte ich wenigstens das, was mich an meiner Selbstannahme hinderte, aus mir auslagern, damit ich mich nicht weiter von ihm bedrohen lassen mußte. Meiner selbst zwar immer noch unsicher glaubte ich jetzt wenigstens zu wissen, was ich zu tun hatte: Ich packte den Verstand an seinem Schopf und schleuderte ihn gezielt aus mir heraus.
Ein peitschender Strom sich überschlagender Bilder zuckte durch mein Hirn, der sich bis zu den Innenräumen meiner Seele verlängerte, dann spürte ich zwischen den Ohren einen Knall, und gleichzeitig sah ich meinen Verstand mit bleichem Gesicht im Sonnenlicht stehen, der nun den Himmel für seine Lebensdepressionen und sein Scheitern verantwortlich machte, bevor er sich in einem plötzlichen Akt der Verzweiflung aus dem Fenster stürzte. Die Sonne explodierte, und mein Blick fiel auf das Fensterglas, das aus Hunderten von Scherben mein Bild zurückwarf. Ein neues Besinnen war zu meinem Empfinden gekommen und trieb mich über die Schwelle hinaus, als ich den Boden auf mich zurasen sah. Doch zu meinem Erstaunen erwartete mich da unten nicht das Ende mit seinem entsetzlichen Aufprall, sondern eine leuchtende Gestalt mit weit ausgebreiteten Armen. Sie fing mich auf und flüsterte mir ins Ohr, sie habe schon lange mit mir Kontakt aufnehmen wollen, aber meine intellektuellen Abwehrmechanismen hätten bisher eine mögliche Verbindung verhindert. Zwar hätte ich stets geahnt, daß es noch eine andere Seite gäbe, aber sobald ich versuchte hätte, die andere Seite zu erfassen, habe mich mein Verstand zurückgehalten, und dieser sei ein deprimierter Tyrann, der an den Polaritäten seines Denkens klebe und mich zwinge, jede Gewißheit an eine Welt jenseits des Verstandes aufzugeben. Deshalb habe er ihn aus dem Fenster gestoßen, denn der Weg meines Denkens wäre sonst dorthin gegangen, wo ich die Wirklichkeit verdrängte, statt die Voraussetzungen meines Denkens zu überwinden; die Polarität des Denkens sei die Voraussetzung für alle meine Probleme. Der Sturz aus dem Fenster sei gewissermaßen die Brücke ins Erkennen, denn erst dann, wenn der Verstand gezwungen sei, seine Position aufzugeben, würde so etwas wie Einsicht in andere Dimensionen bei mir frei.
Schon fühlte ich mich von einem Mantel roter Flammen eingehüllt, und einen Augenblick lang dachte ich an Feuer, aber mein inneres Auge zeigte mir, daß es die Hölle in mir selbst war, die ausbrach. Die Sonne glühte, und ich erkannte ihre strahlende, leuchtende Gestalt, aber ebenso deutlich erblickte ich darin auch mein Gesicht: mitten im Zimmer, in dem ich mich befand, und das Fenster war mein Augenlicht! Das also war der Blick, der sich ins eigene Auge sah, und in meinem eigenen Auge sah ich die Sonne aufgehen und mitten darin den Namen «Akron» leuchten, dann materialisierte sich vor mir eine Schwingungsenergie, die ich plötzlich sehen konnte; sie bildete eine leuchtende Gestalt mit roten Augen, die mich einhüllte und zu mir sprach: «Hör auf, mich anzustarren, denn was du siehst, sind die Flammen deines eigenen Erkennens, und sie können dich verbrennen, weil sie sich aus deiner Sehnsucht nähren, aus deiner Sehnsucht nach einer anderen Welt. Es sind die Kräfte, die noch zu stark für dich sind, auch wenn es deine eigenen sind. Du kannst mein Fluidum aber erkennen, wenn du dich abwendest und die Flammen aus den Augenwinkeln ansiehst!»
Als ich den Blick abwandte und das flammende Gebilde vor mir aus den Augenwinkeln ansah, erkannte ich seine festen Umrisse, obwohl ich ahnte, daß das, was ich sah, nicht die mir bekannte Realität sein konnte. Die Vision dieses Bildes konnte nichts Wirkliches sein, nichts, was dem materiellen Anspruch des Alltags standhalten konnte, aber ich ahnte auch, wie großartig das Wesen dieser Illusion sein mußte, die alles andere als Täuschung oder Irrtum war, sondern die Wirklichkeit einer irrealen inneren Sehnsucht, deren Verwirklichung uns die eigene Schöpfernatur lockend vor Augen zauberte, denn als ich meinen Blick direkt auf das Wesen richtete, lächelte es sanft unter seiner Kapuze und sprach: «Alle Sehnsucht ist Sehnsucht nach Liebe und Tod, denn das wahre Ziel von Eros und Thanatos ist die Überwindung des Ich, und der Weg führt über sich hinausstrebend zur Ewigkeit. Siehe, ich bin Akron, dein anderes Selbst, und führe dich ins Paradies, doch das Paradies ist eine Welt, die in viele Dimensionen hineingestellt ist, und die erste Schicht, die wir durchqueren, ist die Unterwelt. Genauso, wie das Universum in viele verschiedene Perspektiven aufgeteilt ist, ist auch die Persönlichkeit ein Konglomerat von verschiedenen Selbst, die zahllose Ebenen durchwächst, und dort, wo sie sich mit anderen Dimensionen schneidet, entsteht eine Tür, durch die du in andere Welten hineintreten kannst. Es ist zwar gar keine Tür, sondern ein Spiegel, oder genauer, ein gespiegeltes Fenster, in dem man durch sein gespiegeltes Bild hindurchsehen kann, aber das kann der Verstand nicht verstehen. Denn der Verstand ist ein despotischer alter Furz im grauen Gewand, der sich immerzu selbst wiederholt, weil er nie etwas anderes zu tun beabsichtigt als beständig die Regeln aufzustellen, nach denen er die Welt begreift. Nun ist er aber gerade durch sich selbst hindurchgefallen, durch das Fenster, das er für seine Wahrnehmung hielt, und ist vor die Pforte der Erkenntnis geknallt. Dieser Schock hat ihn verändert, denn er ist aus den Grenzen seiner Wahrnehmung gestürzt, und das hat ihn verwundbar gemacht. Horch! Jetzt steht er vor der Tür und klopft. Vielleicht bringt er dir den Schlüssel, der dich vervollständigt: Willst du ihn nicht hereinlassen?»
«Gewiß!» erwiderte ich rasch und rannte an die Tür. Ich öffnete sie, und da stand er vor mir. Da war er also wieder, mein Verstand, den ich noch eben aus mir hinausgestoßen hatte, der aber schnell wieder zu mir zurückgefunden hatte und mir nun hier auf der Schwelle gegenübertrat. Wie interessant! «Bist du nicht abgestürzt?» fragte ich ihn.
«Ganz recht», erwiderte er sanft, «ich bin aus meiner Alltagsvernunft herausgefallen und diene jetzt jener wirklichen Welt, denn ich bin das Licht deines eigenen Erkennens, das dir die Botschaften deiner Schattenwelt überbringt.»
«Und was willst du von mir?» entgegnete ich unbeirrt.
«Dies läßt sich nicht so einfach erklären», sagte er, «denn ich bin ein Teil von dem, das du aus dir entfernt und in die Unterwelt geschickt hast, damit es deinen verdrängten Schatten für dich sucht. Nun bin ich wieder zurückgekommen, um dir das zu bringen, wonach du mich geschickt hast – in deinem künftigen Erkennen …»
«Geh zum Teufel!» erwiderte ich ungerührt.
«Gewiß, mein Herr – zu dir!» höhnte er zurück, «denn du benutzt dich selbst in mir, um das zu finden, was du suchst. Gleichzeitig versuchst du, die Erkenntnis dessen zu verhindern, wonach du mich ausgeschickt hast. Unter materiellen Gesichtspunkten gesehen bin ich nur ein Gedanke, aber mich durchströmen die Erfahrungen von zehn Millionen Jahren menschlicher Entwicklung, denn in mir sind die Muster, anhand derer du gelernt hast, die Welt zu erschaffen, sowie die Muster der Veränderung, die das verändern, was du aus diesen Mustern geschaffen hast. Vielleicht erscheine ich dir unpersönlich? Doch weil es meine Energien sind, mit denen du die Muster deiner Vorstellung tränkst, bin ich da nicht dein Freund?»
Ich spürte eine unsichtbare zentrifugale, mich langsam aus dem Gleichgewicht bringende Kraft, die mich aufwirbelte und durcheinanderschüttelte. Auf einmal wurde ich mir bewußt, daß ich nicht mehr in der Zeit stand, die sich durch den Raum bewegte, sondern irgendwie auf der Schwelle, wo sich Raum und Zeit verbanden: «Und wie bin ich hierhergekommen?»
«Du bist durch dich hindurchgekommen!»
«Was bedeutet ‹durch mich hindurchgekommen›?»
«Das heißt, daß du durch die Tür gekommen bist!»
«Wenn ich aber durch die Tür gekommen bin, wie kann ich dann durch mich selbst gekommen sein?»
«Weil du die Türe selbst bist!»
«Dann zeig mir diese Tür!» schrie ich erbost.
Er schmetterte die Tür ins Schloß, und die Bilder versickerten in meinem Hirn. Ganz langsam lösten sie sich auf, und genauso langsam öffnete sich eine Glaskuppel, die aussah wie eine Hirnschale. Ich schwebte auf meinen Körper zu, glitt durch meinen Kopf in ihn hinein und fühlte, wie sich in meinem Gehirn eine Vorstellung formte, die sich in der räumlichen Sphäre manifestierte. Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Jemand war durchs Zimmer auf mich zugekommen: «Komm mit!» sagte er. Ich öffnete die Augen.
«Ich führe dich zur Tür!» Da stand er vor mir, sein Blick traf mich direkt ins Auge, und plötzlich war mir klar, als ich mich durch die Augen von ihm sah, wie großartig das Wesen dieser Illusion sein mußte, die alles andere als Täuschung oder Irrtum war, sondern die Wirklichkeit einer irrealen Sehnsucht, die mich mit ihm verband. Ja, es war mir klar, daß er ein anderer Teil von mir war und daß ich nicht aus ihm herauskommen konnte, ohne mich nicht selbst zu verlieren. Und trotzdem war er mir vertraut, denn zwischen uns war eine Verbindung wie zwischen Zeit und Ewigkeit, und unsere Blicke bildeten die Brücke: «Hör auf, mich anzustarren!» hörte ich ihn sagen, aber meine Gedanken kreisten immer stärker um seine seltsam leuchtenden Augen, denn jetzt wußte ich, sie hatten mich erkannt.


Die Fische-Vorhölle
Als Akron mich ansah, wußte ich, wo ich war. Niemals vergesse ich seinen ersten Blick, als er neben mir stand und beiläufig sagte: «Ich bin der Geist, der die Polaritäten überwunden hat, indem er Gott ins Auge blickte und darin die Wahrheit fand. Und du bist der Sünder, der nach einem langen Irrweg wieder zurückgekehrt ist, um vom Ganzen, von dem er sich abgespalten hat, wieder aufgenommen zu werden, damit er das einstmals aus sich selbst Entfernte wieder in sich zurücknehmen kann als das, was es ist, nämlich als einen Teil von sich selbst. Bist du bereit?»
Als ich freudig bejahte, warf er mir die nächste Frage an den Kopf: «Dann sage mir, wer du bist?!»
«Wieso? Ist das hier wichtig?» wollte ich wissen.
«Ich führe dich zu den unergründlichen Tiefen der Seele, deren Ziel es ist, die gefestigte Ordnung aufzuweichen und die Materie in ihre Urbestandteile aufzulösen», psalmodierte er mit glänzenden Augen, «deshalb muß jeder Sünder an dieser Schwelle darüber nachdenken, wer er ist, damit er weiß, was er verliert. Denn hier verlierst du alles, was du bist, und gewinnst alles, was du verlierst. Deshalb möchte ich dich nochmals auffordern, mir hier laut und deutlich zu sagen, wer du bist!»
«Ich bin ich!» brüllte ich. Langsam wurde ich nervös.
«Und woher weißt du, daß du existierst?»
«Es ist eine intuitive Erkenntnis.»
«Das ist kein Beweis: Was für konkrete Beweise hast du dafür, daß du existierst?»
«Nun, ich denke, mein sensorisches Empfinden übermittelt es mir.»
«Gut», er lächelte zufrieden. «Nun denk über die nächste Frage nach: Was ist der Sinn deiner Existenz?»
«Zu sein!» stieß ich mißmutig heraus.
«Du lügst! Wenn das der Sinn deiner Existenz wäre, was wäre dann der Sinn dieser Reise? Ich frage dich also: Bist du bereit zu akzeptieren, daß es keinen fixen Ich-Kern gibt, daß das Selbstbild, das du dir aufgebaut hast, eine Illusion ist, die sich nur dadurch nicht auflöst, weil sich dein Bewußtsein um sich selbst drehend in einer fließenden Bewegung dauernd neu manifestiert?»
«Warum willst du das hören?» fragte ich stöhnend.
«Der Limbus stellt die große Sehnsucht dar», erwiderte er und holte tief Luft, «in der sich unsere kleine Sehnsucht spiegelt, deren Schatten das persönliche Ego ist. Hier begegnest du nicht nur dem Anfang, der werden will, sondern auch dem Ende, das vergehen muß, damit es wieder werden kann, um aufs neue zu vergehen, denn diese Hölle versinnbildlicht die Drehscheibe im göttlichen Schöpfungsplan, weil sie dem schöpferischen Willen entspricht, der keine Absicht hat und ohne die Strukturen des göttlichen Schöpfungsplanes einfach die Potenz des sich selbst aus sich heraus gebärenden Urnichts darstellt. Nur wer um die Unverrückbarkeit dieser absoluten Wahrheit weiß, ist für die Höllischste aller Reisen bereit!»
Plötzlich tat sich der Boden vor mir auf und bildete eine steile Teppe, die tief hinab ins Dunkle führte. Die ganze Sehnsucht meiner inneren Hölle schoß hervor, und unendliche Dimensionen taten sich wie ein riesiger Schlund vor mir auf, denn offenbar hatte ich die Grenze erreicht, an der diese Fähigkeit hervortreten konnte. Ich hatte sozusagen den Punkt erreicht, an dem ich in mich selbst hineintreten konnte. Mein ganzes Hirnpotential war auf Empfang ausgerichtet, und ich sog begierig auf, was mir das Unbewußte zuspielte. Irgendwie war ich mir sicher, daß diese Ausstülpung meiner Innenwelt etwas ganz Natürliches war, ein Spiegel gewissermaßen, in dem man seinem unbewußten Schatten bewußt begegnen konnte, und Akron die Ausstülpung eines anderen Teils meiner Persönlichkeit, der durch mein Bewußtsein hindurch die Brücke bildete, die mich mit den irrealen Mysterien meines Unbewußten verband. Er war sozusagen ein Attribut meiner Hingabe an das Höhere in mir selbst, und mir schien, daß alle kreativen Fähigkeiten die Möglichkeit besassen, mich mit den höherdimensionierten Realitäten in Verbindung zu bringen. Ich sollte wegschauen, ihn nicht anstarren, hatte Akron mit blitzenden Augen noch gesagt, bevor er über die Brücke verschwand, als er nämlich sah, daß ich ihm folgen würde, denn jetzt wußte er, daß ich ihn erkannt hatte.
«Schau nicht hin, während du die Stelle überquerst», hatte er mich gewarnt, als er den Spalt zur Unterwelt am anderen Ende der Brücke öffnete und sich das Nichts drohend vor mir auftürmte, «sonst wird es dein letzter Blick auf den inneren Sternenhimmel gewesen sein, im letzten Moment vor dem Einschlafen, wenn du den Hüter der Schwelle passierst, denn es handelt sich hier um die Sehnsucht deiner Seele nach einem Einblick in ihr eigenes Uhrwerk, der vom rational-logischen Gesichtspunkt aus als unmöglich erscheinen muß. Keiner hält die zersetzenden Dimensionen der Fische mit seinem rational-kausalen Denken aus. Er würde wahnsinnig.»
Meine Augen waren offen; alle meine Sinne waren wach. Ich strengte mich an, nach vorne zu sehen. Aber da gab es nichts. Oder, falls es doch etwas gab, konnte ich es nicht erfassen. Meine Sinne gehorchten nicht mehr jener Arbeitsteilung, die ich als sinnvoll zu betrachten gelernt hatte. Alles stürzte gleichzeitig auf mich ein, oder besser gesagt, das Nichts stürzte auf mich ein, wie ich es niemals vorher oder nachher erlebt hatte. Ich hatte das Gefühl, als würde mein Körper entzweigerissen. Eine Kraft aus meinem Inneren drängte hinaus. Ich zerbarst, und das nicht nur bildlich gesprochen. Das Ego zerfiel, und vor meinen inneren Augen stiegen pulsierende Wirbel auf, in denen ich meine äußeren Blicke erkannte, aus denen unendliche Spiralfäden schwebten. Es war das letzte, woran ich mich erinnern konnte. Einen Wimpernschlag lang sah ich mein Gesicht im Dunkeln glühen. Mein Bewußtsein erlosch, als ich die strahlende Wand durchdrang und die Druckwelle mich aus dem Körper katapultierte. Schlagartig gingen die Lichter aus, und das gedämpfte Wimmern der Erde ballte sich zu einem schmerzhaften Schrei zusammen und brach dann ab. Der Raum löste sich auf, und in höchster Not spürte ich plötzlich den rettenden Griff, die vertraute Hand, die mich fortriß, bevor ich mich auflöste.
Akron stand neben mir und hielt mich an der Hand: «Gerade bist du durch den Spalt geschlüpft, durch den wir in die Wirklichkeit hineingehen, in die Vorstellung des Unbekannten, die wiederum ein Bestandteil unserer Weltvorstellung ist.»
«Und wohin führst du mich?» Ich glaubte genau zu wissen, was er sagen wollte, obwohl ich mir nicht sicher war, ob er überhaupt etwas gesagt hatte, denn mir schien, als ob sich seine Worte direkt in meinem Kopf bildeten.
«Ich führe dich zu dir selbst hin, zu deinen inneren Ebenen, die außerhalb von Raum und Zeit liegen oder zumindest außerhalb der beschränkten Sichtweisen, die wir mit Raum und Zeit umschreiben», erwiderte er und schaute mir in die Augen, «sie stellen die große Sehnsucht dar, in der sich unsere kleine Sehnsucht spiegelt und deren Schatten die Hölle ist.»
«In die Unterwelt?» wollte ich wissen.
«Himmel oder Hölle, das bleibt sich gleich», sagte er lächelnd und hob die Arme in die Luft, «ich fliege mit dir zu den Pforten der Wahrnehmung, zu den Gipfeln göttlicher Erkenntnis, um deren Spitzen die Visionen der Engel schweben und wo die Realität zur bloßen Fiktion zerschmilzt.»
«Was ist Realität?» wandte ich ein.
«Die Realität ist nur das Bild, wie sich die Welt unserer Vorstellung durch die Kapazität der Sinnesorgane darstellt», erwiderte er und tippte sich mit der Linken an die Stirn, «jede Realität kreiert in deinem Gehirn Welten von anderen Realitäten und ruft dabei das täuschend echte Gefühl hervor, als seiest du in ihr, denn dein Geist ist in die Datennetze des ganzen Universums eingebunden und auf sublime Weise mit jeder Realität verbunden. Weißt du überhaupt, wer du bist jenseits der Form, mit der du dich identifizierst?»
Auf einmal verschob sich meine Perspektive. Ich sah nicht mehr ihn, sondern mich, denn ohne mich zu bewegen sah ich mich plötzlich vor mir stehen, und ich fragte mich, war ich der Träumer, der träumte, oder ein anderer, der träumte, der Träumer zu sein. Einen Augenblick lang sah ich mein Gesicht im Dunkeln glühen. Als wollte es Himmel und Hölle verschlingen, schwebte es heran und blickte mich mit leuchtenden Augen geheimnisvoll an. Daraus brach ein wellenförmiges Flimmern hervor, wälzte sich über mich und drang durch jede Öffnung in mich ein. Lichtkaskaden brachen in eruptiven Schüben hervor, und ein glänzender Lichtstrom fegte über mich hinweg. Es war ein hypnotisierendes Leuchten, das von diesem glühenden Objekt ausging, und als ich es genauer musterte, begann es seinen Glanz zu verlieren, und mir schien, als wäre es das Auge eines alten Mannes, der mich im eigenen Blick ansah, ein gespiegeltes Bild in einem Spiegel und zugleich Spiegel selbst, und der zu mir sprach: «Diese Schwelle verkörpert sowohl das Nichts am Übergang zum Werden wie auch die grenzenlose Leere des Alls, die am Ende jeder Entwicklung das Sein wieder in sich aufnimmt. Sie zeigt ein Sehnen nach Verschmelzung mit der Seele an und die Auflösung aller Einschränkungen. Ihr tiefes Streben, durchwoben von den Mustern des Ewigen, mit denen du dich in frommer Übereinstimmung wähnst, führt dich zu den Pforten mystischer Wahrnehmung, zu den Gipfeln göttlicher Erkenntnis, wo die Visionen ihre Perspektiven träumen. Ihre Entsprechungen sind die ätherischen Schleier der Seelenbilder, die die inneren Bilder lebendig werden lassen, die Zaubergärten der Delirien und Drogenräusche, die den Gespenstern als Zwischenwelt dienen, oder die Ahnungen und Botschaften aus dem Reich der Tiefe, die zu den Quellen der Träume und den Schwellen des Unbewußten hinabführen. Sie sind das versunkene Atlantis für das aus den Tiefen leuchtende Licht, der über dem Wasser schwebende Geist Gottes als himmlische Wahrheit oder der Sternenhimmel für die Einstrahlung des Kosmos in den erahnenden menschlichen Geist. Bist du bereit?»






