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Unendliche Dimensionen gähnten wie ein hungriger Schlund vor mir auf, und unter mir klaffte ein riesiger Abgrund. Meine Schritte wankten ins Leere, denn ich spürte meine Beine nicht mehr. Es war wie ein Gang in den Abgrund, in dem die Zeit stillstand.
«Wo sind wir?» fragte ich meinen Begleiter.
«Wir sind durch eine Lücke deines Bewußtseins hindurchgetreten und befinden uns an der Pforte zur Vorhölle, die das Licht der sich aus sich selbst heraus gebärenden Erkenntnis darstellt. Schau geradeaus», hörte ich Akron sagen.
In diesem Moment vermochte ich im schemenhaften Glanz der Sterne tatsächlich Gott und die Engel zu erkennen. Vor mir öffnete sich der Spalt, aus dem ferne Erinnerungen wie farbige Traumblasen aufstiegen, ein Panoptikum sehnsüchtigster Entrückung, das in eine andere Raum-Zeitlichkeit enteilte. Ich verwandelte mich in eine Eizelle, die in den Tempel des Lebens hineinschoß, und gleichzeitig entdeckte ich, daß das, was ich für mein Lebenswasser hielt, nur ein Bild meiner inneren Vorstellung war. Darin nahm ich meine eigene Wahrnehmung wahr, glaubte sie aber als Schöpferquelle zu erkennen. Ich erkannte in der als Schöpfung erkannten Wahrnehmung die göttliche Formel der Seele, die Gott in allem, was sie sieht, nach ihrem eigenen Bild wahrnimmt. Von der Realität des Alltags befreit, begann ich die Polaritäten zu überwinden und in die zeitlosen Räume einzudringen, in denen Wellen des Geistes alte Erinnerungen heranspülten. Direkt vor mir schäumten die Wellen der Ewigkeit, und sie klatschten mit ihren Armen gegen die uralten, bemoosten Mauerreste.
«Hier stehst du an der Schwelle, hinter der es keine Umkehr gibt, denn sie ist ein Symbol des Dranges, sich selbst in jedem Rahmen zu verlieren und sich jeder Verfestigung zu entziehen. Des Menschen Sehnsucht nach Gott ist das verdrängte Gegengewicht zu seiner materiell-polaren Perspektive, die, einmal aus den Angeln gehoben, sich immer mehr in sich verliert: als Kompensationslust seines Denkens, um sich im Grenzenlosen zu ertränken …»
Das waren Akrons Worte. Sie glitten schwerelos durch Zeit und Raum, und es dauerte Äonen, bis ich ihren Sinn verstand.
Es ist das unsichtbare Tor, von welchem Dante schrieb:
Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
die höchste Weisheit und die erste Liebe.
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
nur ewiges, und ich muß ewig dauern.
Laßt jede Hoffnung, wenn ihr eingetreten.
Inferno 3,1 - 9

Sonne in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle der idealisierten Wirklichkeit an der Schwelle zur Realitätsflucht und Selbstbetäubung
Sünder
Illusionisten, Illuministen, (schwärmerische) Okkultisten, chamäleonartige Scheinanpasser, willensschwache Rollenspieler, Falschspieler, Trinker, haltlose Verführer, sexuelle Verdränger, mysteriöse Entzieher
Disposition
Der Schattenbereich von Sonne in den Fischen und Sonne im 12. Haus sowie disharmonische Sonne/Neptun-Aspekte
Schuld
Beeinflußbarkeit, Unentschlossenheit, Verwirrung, Versponnenheit, Unaufrichtigkeit, Unzuverlässigkeit, Rückgratlosigkeit, Selbstverleugnung, Selbstaufopferung, Selbsttäuschung, Handlungsschwäche, Wankelmut, Willenslähmung, Wahnvorstellung
Strafe
In dieser Hölle wirst du ständig von deinen eigenen Schatten belauert. Das Unvermögen, die eigenen Dämonen zu erkennen, entspricht deinem wirklichkeitsverleugnenden Verhalten, und die folgerichtige Strafe, daß die verdrängten Gespenster unerkannt von außen ständig über dich herfallen, läßt auch nicht lange auf sich warten. Statt deine eigenen Gespenster zu erkennen, sicherst du dich nach innen mit fremden Bildern der Erkenntnis ab, um die Blockierung des eigenen Ahnens einerseits durch die Angst zu lösen und andererseits die Konsequenz des eigenen Erkennens auf die Vorstellung übernommener Bilder zu verteilen. Daraus entsteht eine Ziellosigkeit der inneren Sehnsüchte. Du entziehst dich den Niederungen des irdischen Daseins und versuchst, die Verhinderung deiner materiellen Selbstverwirklichung hinter einem kosmischen Mäntelchen zu verstecken, was ein Widerspruch in sich ist, nämlich das Bild der Überwindung durch das Ego darzustellen. Es ist dies ein sich Hinwegheben in den Himmel fixierter Vorstellungen, die der Realität unerreichbar sind. Dort fühlst du dich vor Menschen sicher und bist gleichzeitig den Göttern näher.
Lösung
Die Angst vor der Realität des Alltags wird aber in dem Augenblick abgestreift, wo dein Vertrauen in die Spiritualität dieser höheren Erkenntnis Einzug hält. Das Wissen aus dieser transzendent vergeistigten Dimension ist sich der Relativität seines eigenen Denkens bewußt, weil es weiß, daß die Täuschung deiner Sinne dem Spiel entspricht, das sich dein Geist selbst ausgedacht hat und das er nur über die geistige Einsicht in korrekter Beachtung der Regeln überwinden kann. In den Träumen des Lebens kannst du dich als Teil eines Größeren erfahren, und dieses Größere ist der Traum des Lebens selbst. Von der seelischen Anlage her bist du besser in der Lage, die menschliche Leere zu ertragen, weil du dich selbst als Mysterium erfährst. Dir fällt es leichter, der Auflösung zu begegnen, da du deine Identität nicht rücksichtslos auslebst, sondern den unsichtbaren Schwingungen des Göttlichen nachstellst. Wenn es dir gelingt, deine Aufmerksamkeit von den äußeren Sichtweisen abzuziehen, kannst du alle Ursachen des Lebens in dir selbst finden, weil dir durch die kosmische Berührung deines Geistes Einsichten zufließen, die normalen Sterblichen nicht zugänglich sind.
Das Schlangenei
Als ich durch das unsichtbare Tor hindurchglitt, war mir, als ob ich durch ein Fenster meiner Seele blickte und mir selbst zuschaute, wie ich auf einer Welle mysteriösen Erkennens in eine Welt der Leere und der endlosen Einsamkeit eintauchte, denn in mir formte sich das Bild von Sündern, die sich zu den embryonalen Gestaden des Unbewußten träumten. Schritt für Schritt sah ich mich von blasenförmigen Gebilden umzingelt. «Was sind das für schemenhafte Wesen?» fragte ich Akron, meinen Begleiter.
«Es sind die Spiegelbilder der Nacht», gab dieser zur Antwort, «die Ungeborenen, die sich in den Schatten der Nacht manifestieren.»
«Sie fühlen sich so tot an, so ohne Leben», stellte ich fest.
«Das rührt daher, weil sie keinen Körper haben», sagte er.
«Wo haben sie denn ihre Gestalt, mein Seelenführer?»
«Sie halten sie vor sich selbst verborgen, weil sie sich als die geheimnisvollen Instrumente einer höheren Eingebung wähnen, was in Wahrheit aber nur der schiefen Wahrnehmung ihrer Wirklichkeit entspricht.»
«Wie läßt sich das verstehen», erwiderte ich.
«Sie benutzen uns gewissermaßen als Spiegel, um sich in unseren Gedanken reflektieren zu können», versuchte er mir das Geschehen um mich herum näherzubringen, «da sie ihre Träume aber ebenso in unsere Vorstellungen wie wir unsere Vorstellungen in ihre Träume einbringen, führt das zu einem doppelten Umkehrschluß, daß nämlich ihre Träume durch unsere Lebensperspektive in dem Ausmaß schärfere Konturen gewinnen, wie sich unsere Lebensperspektive durch ihre Träume auflöst.»
«Jetzt versteh ich überhaupt nichts mehr!» Das war keine Übertreibung.
«Sie löschen den Verstandeszensor im Hirn der Opfer aus und ziehen die armen Sünder in ihre ewigen Träume hinüber. Doch warum willst du sie nicht selbst fragen?» Akrons Blick und sein schelmisches Lächeln verwirrten mich: «Du bist doch selbst ein Teil ihrer Wirklichkeit geworden. Siehst du das Wesen neben dir? Es hat dich soeben in seinen Traum einbezogen.»
Erschrocken drehte ich mich um. Ein mächtiges Lichtei schwebte auf mich zu. Ich konnte sein Äußeres nicht befühlen, aber es wirkte so seltsam glatt wie eine polierte Kugel, und es strahlte eine starke Bewußtheit aus. Dann stieß es mich an. Ich empfand es nicht als Berührung, eher wie ein leises Eindringen, und mir war, als sei ein Teil von mir, der in mir eingeschlafen war, durch diese Berührung wieder aufgeweckt worden.
«Wer bist du?» fragte ich. Ich hatte das Gefühl, als erwachte ich aus einem Traum, doch gleichzeitig hatte ich meine Bedenken, ob diese schimmernde Kugel nicht mehr war als nur ein Traum. Weder bewegte sie sich, noch veränderte sie ihre Gestalt. Und trotzdem übte sie eine so mächtige Anziehung aus, daß ich meine Aufmerksamkeit nicht von ihr lösen konnte. Eine sonderbare Kraft hielt mich wie festgewurzelt an der Stelle: «Ich bin der Horizont deines Traums», antwortete die Kugel, «der sich über deine Bilder wölbt und an deren Schnittpunkten Realität und Einbildung miteinander verwoben sind, und ich habe über uns einen spinnennetzfeinen Schleier ausgespannt, in dem alle Grobheiten des materiellen Imperativs festkleben und hängenbleiben und nur der Geist des Konjunktivs transparent genug ist, die Maschen des Netzes zu überwinden und in unsere Traumwelt vorzudringen. Diese Verfeinerung der Realität, die alles Grobstoffliche aussiebt und uns eine andere Wirklichkeit träumen läßt, ist unser Ziel: das Paradies.»
«Laß dich vom Dämon nicht aufs Glatteis führen», Akron schlug mir mit seinem Schlangenstab aufs Haupt, «sonst bist du auf ewig in seinem Traum gebannt! Sieh ihn nicht an, sondern versuche, durch ihn hindurchzuschauen, dann siehst du seine wirkliche Gestalt!»
Ich hatte ein seltsam milchiges Objekt vor Augen, eine Art gefleckten Nebels, der in ständig metamorphosierenden Farbtönen vor mir pulsierte. In der Mitte war ein mächtiges Loch, das mich einsaugte und sich als das Maul einer Schlange entpuppte, die mich verschluckte und Stück für Stück hinunterwürgte, und ich spürte, wie mich dabei ein starkes Lustgefühl ergriff. Meine Wirbelsäule geriet ins Schwingen, der Raum wurde zum Raumschiff, zur Pagode, zum Tempel, und ich fühlte, wie das göttliche Licht in mich einströmte. Es war eine faszinierende Vision, als sich die Träume wie eine Glaskuppel über die Säulengänge meiner inneren Gehirnkammern wölbten und ich aus der Tiefe eine erhabene Stimme vernahm: «Ich bin der Sternenhimmel für die Einstrahlung des Kosmos in den erahnenden menschlichen Geist oder das versunkene Atlantis als Symbol für das aus den Tiefen leuchtende Licht, denn ich bin die in dir wurzelnde letzte Frage nach dem inneren Selbst, die in dir erwacht ist, um dir zu zeigen, welche Erkenntnisse du aus deinen Träumen ziehen kannst. In mir lernst du das Göttliche in dir selbst erkennen, das sich aus dem Kokon untauglicher Lebensmuster herausgeschält hat, und in mir werden deine Sehnsüchte in die Kelter der sich vermischenden Weltbilder geworfen, in deren Verdichtungen die Prägungen deines Bewußtseins zugunsten höherer Entwicklungsstufen jetzt transformiert werden. Bist du soweit? Der Countdown läuft!»
Gleichzeitig vernahm ich Akrons Stimme. Sie flüsterte mir zu, daß ich sofort handeln müsse, wenn mir mein Leben noch einen Pfifferling wert wäre. Der Dämon dieser Hölle sei der Geist der Delirien und Drogenräusche, der den Gespenstern als Zwischenwelt diene, der ätherische Schleier der kollektiven Sehnsüchte, der meine inneren Bilder erwecke oder die Illusion aus dem Reich der Tiefe, die mich anziehe und mich niemals mehr loslassen würde, wenn ich ihr verfiele. Ich solle direkt auf das Phantom zugehen und es aus dem hüllenden Lichtkreis ziehen. Dann erst könne ich sein wahres Gesicht sehen.
Plötzlich erkannte ich, daß ich wie der doppelgesichtige Januskopf zwei Ebenen gleichzeitig wahrnahm. Links neben mir stand mein Seelenführer im tiefen Morast. Und direkt vor mir sah ich die schwebende Blase in einem kränkelnden grünen Licht. Sie zitterte, wich zurück, als ob sie ahnte, was ich vorhatte. Ich konzentrierte mich einen Augenblick, dann faßte ich mit meinen Händen dorthin, wo sich nach meinem Ermessen ungefähr der Hals befinden mußte, und packte zu. Das aber, was ich zwischen den Fingern hielt, als ich zugegriffen hatte, war kein Phantom, sondern eine zappelnde, grünschillernde Schlange.
«Erwürg sie nicht, sonst bist du verloren – küsse die Schlange auf den Mund», hörte ich Akron abermals sagen. Als ich meine Lippen an ihr Gesicht brachte, explodierte direkt vor meinen Augen ein Blitz, dann öffneten sich die pharaonischen Totenkammern in meinem Gehirn: vegetative, insektoide Gebilde, um die tieferen Schichten meiner Reptilien-Anfänge gewunden, die sich als larvale Kreaturen in den Spiegelräumen meines Egos suhlten und vom Höllenwurm träumten, der sich durch seine eigenen Gesichter hindurchfressen mußte. Durch meinen Kuß schien die Schlange erlöst, denn ihre zuckenden Energien schlüpften elegant in den schützenden Schleier der Nacht zurück. Und wieder ertönte mir Akrons Stimme im Ohr, ich solle das Phantom jetzt aus dem hüllenden Schatten ziehen, dann könne ich sein wahres Gesicht sehen.
Plötzlich leuchtete das Gesicht der Wahrheit vor mir auf: Ein tiefer Donnerschlag erschütterte die Luft, die Erde erzitterte, ich stürzte zu Boden und hielt mich an Akrons Beinen fest. Es war der Schock, der mich durchdrang, denn was ich aus dem Schatten herauszog, war mein eigener Kopf, der lächelte und mich dabei mit meinem eigenen Blick ansah.
Ich habe dich gewarnt», polterte auf einmal Akron und schlug mir mit seinem Caduceus auf den Kopf: «Versuch, deine Vorliebe für Horrorinszenarien zu zügeln, sonst kommst du aus dieser Hölle nicht mehr lebend heraus. Mach die Augen auf! Was hast du gesehen?»
Als ich die Augen öffnete, sah ich die scheußliche Schlange direkt neben mir. Sie war groß und häßlich und ringelte sich um Akrons Bein. Ich versuchte sofort sein Bein loszulassen, doch es gelang mir nicht, denn ich konnte meine Arme nicht bewegen. Erst da bemerkte ich, daß sie zu einem Teil der Schlange geworden waren, denn als ich an mir herunterblickte, sah ich, daß ich mich in eine Schlange verwandelt hatte. Dieses Bild verschwand in dem Augenblick, als Akron der Schlange mit seinem Stock den Kopf einschlug.

Mond in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle der emotionalen Sehnsucht an der Schwelle zur Selbsttäuschung und Flucht in die Phantasie
Sünder
Mediale Schwärmer, emotionale Säuglinge, haltlose Träumer, vorzeitig Erleuchtete, sich aufopfernde Helfer, naive Streber oder kindliche Sucher nach dem Einklang mit dem göttlichen Selbst
Disposition
Der Schattenbereich von Mond in den Fischen und Mond im 12. Haus sowie disharmonische Mond/Neptun-Aspekte
Schuld
Verdrängung, Verlogenheit, Verwahrlosung, Unreife, Illusionen, Rückzug, Sucht, Flucht in die Einsamkeit, emotionale Räusche aufgrund unbewußter Erlösungssehnsüchte
Strafe
Weil du nicht bereit bist, persönliche Gefühle zu entwickeln, möchtest du in Übereinstimmung mit dem Göttlichen bleiben und hoffst, ein Medium des Geistigen zu werden, wenn du die Signale des Kosmischen empfängst und reflektierst. In Affinität zu deinem inneren Bestreben taucht das Bild der Seele auf, die vertrieben von den Gestaden des Lebens in den Gewässern des Unbewußten sühnt. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die ständige Flucht vor den Gefühlen, das ständige Bestreben, ihnen auszuweichen und alles Persönliche aufzulösen, und damit das infantile Ziel, von den Engeln auf den Weg geführt zu werden, um den Garten Eden in wonnevoller Verantwortungslosigkeit zu finden. Der Wunsch nach Übereinstimmung mit dem Kosmos ist also nichts anderes als die verdrängte Handlungsschwäche, Entscheidungen zu treffen, und führt zum Verlangen, von außen auf eine Weise manipuliert zu werden, die mit der Unfähigkeit der Präsentation deiner inneren Gefühlsnatur übereinstimmt. Da die inneren Kanäle den spirituellen Einsichten vor allem geöffnet sind, um die körperlichen Gefühle zu betäuben, wird die Vitalität gelähmt, die Sexualität verdrängt und in die Hölle abgeschoben, wo sie statt mit Engeln, von der betäubten Psyche abgeschnitten, mit Dämonen psalmodieren. Es ist die Hölle, die sich aus deinem infantilen Streben nach embryonaler Wonne nährt.
Lösung
Mond in den Fischen drückt oft auf negative Art das aus, was der Mensch mit Pseudospiritualität, Selbstbetrug und Weltflucht umschreibt. Diese Hölle symbolisiert den Drang nach Auflösung des Egos zugunsten dessen, was man die mystische Vision nennen könnte, wenn sie nicht einfach der Realitätsverdrängung entspräche, hinter dem sich die schwache Identifizierung mit deinen Gefühlen versteckt. Negative Umweltreize werden durch dein inneres Bestreben ersetzt, der Realität zu entschweben und in den Mutterschoß zurückzukehren, um einerseits geschützt und behütet zu sein und andererseits der eigenen körperlosen Spiritualität frönen zu können. Deshalb solltest du dir unter dem Einfluß dieses Gestirns bewußt werden, daß die ausschließliche Auseinandersetzung mit deiner inneren Welt dich nicht zurück ins Paradies, sondern ganz im Gegenteil zur Verdrängung des Alltags und zur Schwächung deiner Lebensbehauptung und Realitätsbewältigung und damit zu immer neuen Verstrickungen im täglichen Geschehen führt. Werde dir also über die irrlichternde Gefühlsalchemie deines inneren Zaubergartens klar!
Schneewittchen und die Ungeborenen
Ich sah zu Akron auf. Er hielt seinen Stock drohend in der Luft und fragte lächelnd, ob ich schon genug hätte oder lieber noch einen weiteren Schlag verpaßt haben wolle: «Eine Tracht Prügel scheint das einzige Mittel, dich von einem Absturz ins Unbewußte abzuhalten. Wir müssen schleunigst hier verschwinden, denn die giftigen Dämpfe dieser Hölle lösen dein geistiges Empfinden noch vollends auf.»
Er packte mich energisch an der Hand und wollte mich schon fortzerren. Ich riß mich jedoch los, denn ich wollte von ihm zuerst noch wissen, was hier geschehen war. Ich sagte ihm, daß ich keinen Fuß von der Stelle rühre, bis er mir nicht erklärt habe, was mir da widerfahren war.
Was immer ich persönlich zu erleiden glaube, erwiderte er sanft, sei unbedeutend im Vergleich zur immensen Gefahr, in der ich noch immer schwebe, denn die Atmosphäre dieser Hölle habe meinen Geist ergriffen und ich sei im Begriff, mich aufzulösen.
«Was lösen Sinn und Inhalt deiner klugen Worte in mir aus», entgegnete ich ihm schlau, «wenn sie mir die Frage nach dem inneren Sinn meiner Sehnsucht nicht beantworten können. Ich will wissen, wer ich bin, damit ich erfahren kann, worin der Sinn dessen liegt, was mir soeben widerfuhr. Sonst bleib ich lieber da.»
«Du mußt deine Abwehrhaltung überwinden», antwortete der Führer, «denn die Fische-Ebenen sind schrecklich gefährlich. Das Gefühl, aus Raum und Zeit hinauszutreiben, nimmt überhand, doch der Pfad, der zu den Geistern der Tiefe in die versunkenen Kathedralen hinabführt, ist nur ein Traum, ein trügerisches Hirngespinst wie eine Luftblase, in die du dich einhüllen kannst, um in die Sehnsucht einzutauchen: in die diffuse Versponnenheit einer irrationalen Vision.»
«Aber was gibt schon Sinn in einem Traum?» wagte ich zu fragen.
«Das bleiche Mondlicht», fuhr er nach einer Weile fort und zeigte auf den nebligen Schein, ohne auf meinen Einwand näher einzugehen, «dessen schimmerndes Flimmern auf die sensiblen inneren Geheimnisse der unergründlichen Mütter hinweist.»
«Das ist doch alles Mist», entgegnete ich grob und schaute auf die weite Oberfläche, deren Wasser in einem tiefen smaragdgrünen Glanz erstrahlte.
«Das ist es nicht», versuchte mir Akron die Situation zu erklären, «an den Wassern des Lebens fühlst du die Sehnsucht nach den Quellen, denn der Mond in den Fischen repräsentiert die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Es ist der zeitlose Urfunke des ewigen Stirb und Werde, der dich anlockt, und er zieht dich in den Mutterleib zurück.»
«Das glaub ich nicht», maulte ich frech zurück, «du willst mich hier nur weglotsen, aber ich bewege mich keinen Schritt, bevor du mir nicht sagst, wer ich bin und worin der Sinn dessen liegt, was mir hier widerfährt.»
«Gut, wie du willst», hörte ich ihn plötzlich in einem harten Tonfall sagen, «nur ein schmerzhafter Schlag auf den Kopf kann offenbar deine inneren Hirnblockaden lösen.» Ich schaute zu ihm auf. «Dieser Schlag steht für den Drang nach Auflösung des Egos zugunsten dessen, was man die mystische Vision nennen könnte, wenn diese nicht einfach dem Realitätsmangel entspräche, hinter dem sich die Lähmung des Egos versteckt», fuhr er fort, wobei sein Stock noch immer wie ein Damoklesschwert über meinem Kopf schwebte, «einerseits wird dieser Schlag nach innen übertragen und als göttliche Vision erfahren, die dich in deine eigenen Verdrängungen verstrickt, gleichzeitig wird er aber auch nach außen projiziert und als äußeres Ereignis erfahren, auf das du deine inneren Zielsetzungen übertragen hast. Der Wunsch nach Übereinstimmung mit der inneren Sehnsucht ist also nichts anderes als deine innere Handlungsschwäche, Entscheidungen zu treffen, und führt zum Verlangen, von außen auf eine Weise dirigiert zu werden, die mit deiner inneren Erwartung übereinstimmt.»
Ich starrte auf das Wasser, das vor meinen Augen zu schäumen begann und in dessen Wellen meine innere Sehnsucht nach seinen Worten eingeschlossen war. Gleichzeitig spürte ich Akrons Stock auf mich zukommen. Doch bevor er auf meinem Kopf aufprallte, schmolz er zusammen und verwandelte sich in eine Wasserblase, die auf mich zuschwebte und mich sanft anstieß. Ich empfand es nicht als Schlag, eher wie eine sanfte Berührung, als sie vor mir explodierte und ihren Inhalt über mich entleerte. Meine Blicke versanken in einem grünlichen Dunst, die Erinnerungen in der Tiefe meines Unbewußten lichteten den Anker und ich segelte mit phallischem Geschütz in die Gebärmutter hinein. Dann vernahm ich ein leises Flüstern, das sanft an mein inneres Empfinden pochte: «Wir sind die Seelen, die im Mutterschoß träumen. Willkommen in der Gebärmutter-Abteilung!» Und gleichzeitig verspürte ich Akrons Stimme schmerzhaft in meinen Gehörgängen: «Du befindest dich in der Kinderabteilung der Seelen, die in den fäkalen Gewässern des Embryonalen blind dahintreiben, weil sie sich weigern, erwachsen zu werden und ihre Gefühle anzunehmen. Wach auf!»
Meine Träume schoben sich dabei über die Realität hinaus und öffneten sich nach allen Seiten. Sie breiteten sich allmählich in alle Richtungen aus, verbanden sich miteinander und nahmen die wirbelnden Bewegungen eines sich aus sich selbst herauswerfenden Gedankenstrudels an. Dieser Strudel nahm die Gestalt einer sich ausdehnenden Blase an, die von oben wie ein unsichtbarer Stockschlag gegen meinen Schädel klatschte. Der äußere Rand dieses Wirbels, da, wo die äußere Realität in meine Träume eindrang, wurde dabei von meiner sich selbst beobachtenden Vernunft dirigiert, über der die Stimme Akrons thronte, darunter der vaginale Schlund eines mächtigen Trichters, der tief ins Unbewußte führte. Aus der Röhre schwebte mir eine nackte Frau entgegen und machte mir bewußt, über welche Kanäle die Bilder aus den Tiefen der Erinnerung in mein Bewußtsein stiegen. Schon explodierte ihr Bauch, das Fruchtwasser lief aus und aus ihrem Uterus strömte eine eklige grüne Masse, die mich am ganzen Leib einschloß. Ich spürte, wie sich eine Glaswand vor mein Gesichtsfeld schob, mein Blick versank nach innen, und auf der Leinwand meiner luziden Bilder sah ich plötzlich eine durchsichtige Tür durch das Grün des Wassers schimmern. Ich schnappte nach Luft. Und hinter der Tür sah ich meine Mutter winken. Neben ihr stand Akron; er rief mir etwas zu. Er schrie, ich sei in das Loch meines Geburtstraumas gefallen und könne ersticken, wenn ich mich nicht nach seinen Anweisungen richte. Wenn ich mich retten wolle, müsse ich versuchen, die Tür zu öffnen.






