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«Das war nicht ungefährlich», sagte Akron lächelnd, «beinahe hätten dich die Urgewässer verschlungen, denn du hattest die Urbausteine des Lebens, lebendiges Plankton in der Hand. Dieser Urstrom, der alle Lebensbereiche zu einem gemeinsamen Eintopf verbindet, produziert unaufhörlich neue Lebensformen und rollt sie wieder auf. Wie in einem magischen Spiegel können sich dann die kollektiven Urängste im Brennpunkt deines inneren Betrachtens monströs vergrößern, genauso wie die Liebe zu Gott, denn Gott kommt noch vor dem Plankton. Er ist der Urimpuls des Sichtbaren. Jetzt ist die Reihe an dir. Für mich ist nichts mehr wichtig, doch diese Erfahrung mußt du selbst machen. Wenn Gott Nichts ist, dann ist nichts das Ziel!»
Er zog mich von der Uferböschung weg: «Nach Erlösung zu streben, ist die einzige Freiheit in dieser Hölle. Die Freiheit, sich in die Erlösung davonzustehlen genauso wie die Suche, die, obwohl sie dem Glanz von Millionen Schätzen gegenübersteht, doch intakt bleibt, weil sie niemals beansprucht, das zu sein, was sie sucht, nämlich den Gral, sondern immer nur das, was sie motiviert, zu finden: sich selbst.»
Dann legte er seinen Arm um mich und sagte: «Der innere Sinn des Suchens ist die Erkenntnis, niemals finden zu können, weil jedes Finden die Suche nur erschwert. Denn jeder Mensch ist auf dem Heimweg und sollte niemals aufhören zu suchen, da es im Prinzip sowieso nichts zu finden gibt. Nur wer in seinem eigenen Leben den langen Wegen bewußt gefolgt ist, kann ermessen, daß es kein Ziel gibt, zu dem sie hinführen. Alles, selbst die Liebe, ist ein Spiel deiner Einbildung, und erst, wenn du das erkennst, kannst du den Menschen die Freiheit bringen, diese furchtbare, unerträgliche, aber letztlich einzige Freiheit.» Ich blickte zu ihm auf. Er lächelte, und seine Augen strahlten heiß und kalt: «Es ist der Wunsch nach Freiheit von sich selbst! Komm», sagte er, «wir müssen weiter. Die Saturn-Hölle wartet!»

Saturn in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle der Angst vor dem Unfaßbaren an der Schwelle zu den verborgenen Grüften der Dämonen der Nacht
Sünder
Betrüger, Lügner, Verdränger, Täuscher, Intriganten, Gralspriester, Sektierer, Fassadenträger, Hochstapler, Strohmänner, Steuerhinterzieher, Profilierungsneurotiker, Problemflüchter, Quartalssäufer, Sozialschmarotzer, öffentliche Versager
Disposition
Der Schattenbereich von Saturn in den Fischen und Saturn im 12. Haus sowie disharmonische Saturn/Neptun-Aspekte
Schuld
Flucht (vor Verantwortung), Sucht (aus depressiver Überempfindlichkeit), Erstarrung (im Grenzenlosen), Mangel an Stabilität und Festigkeit, Verhärtung, Realitätsangst, Problemverdrängung, Scheinwirklichkeit, Auflösung gesellschaftlicher Strukturen, unlösbare Diskrepanz zwischen Realität und Traum, Vernunft und Intuition bzw. Struktur und Seele, Ablehnung des Irrationalen aus Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren
Strafe
In dieser Hölle fühlst du dich in den Träumen der Ewigkeit gefangen, denn die Fische lassen das Interesse für das Ewige aufscheinen, während Saturn das Gefäß zur Aufnahme und Begrenzung dieses Ewigen darstellt. Doch dem saturnischen Bestreben, auf dem schwimmenden Boden der fischehaften Ebene eine konkrete Wirklichkeit zu errichten, ist kaum Erfolg beschieden, da sich letztere allem Sichtbaren entzieht, aus Angst, banal und faßbar zu werden, sobald sie Eigenart verkörpert oder konkrete Stellungnahme bezieht. Denn diese Hölle repräsentiert den unerlösten «Erlöser», der die Spiritualität, die er verfehlt, wenigstens als Bild in seinem persönlichen Erleben inszeniert. Da er seine eigene innere Leere damit verdrängt, schafft er ihr zumindest ein geeignetes Gefühlsreservat. Es ist dies das Träumen im Entschweben. Du entziehst deine Seele dem Alltag des Lebens, um allein und einsam in deinen Träumen die eigene Ewigkeit zu leben. Doch diese Flucht hat ihren Preis. Deine inneren Wünsche werden in die Sümpfe der Illusionen abgeschoben. Als Bilder der Sehnsucht müssen sie warten, bis ein Vorübergehender sie mit seinen Tränen erlöst.
Lösung
All dein äußeres Streben dient im Prinzip nur dem Versuch, das Innere zu erhellen und es in seinen sphinxhaften Verschleierungen den Vorstellungsinhalten des analysierenden Erkennens einzuverleiben, denn Saturn in den Fischen ist ein Wegweiser auf dem Pfad der Erleuchtung, der nicht nur die geheimnisvollen Gewässer des Unergründlichen zeigt, sondern gleichzeitig über sich selbst hinaus auch auf die saturnischen Urbilder weist, die über die Träume in das Bewußtsein fließen. Die Angst vor dem Bösen ist die Angst vor sich selbst, und in dieser Angst, die du vor deinem eigenen Bewußtsein versteckst, verfängst du dich in deinen eigenen psychischen Abgründen, im Fäulnisgeruch deiner eigenen Seele. Das schafft neue Unsicherheit, aus der sich wiederum die Depressionen speisen. Vielleicht wirst du aber auch zur sich selbst erkennenden Seele, die über die mehrfachen Brechungen der Realität im Spiegel ihres Bewußtseins der Relativität ihrer selbst und der Relativität ihrer Sichtweisen begegnet. Das sind Erfahrungen im Leben, in denen du dir deiner Unfreiheit und Abhängigkeiten bewußt werden kannst.
Die versteinerten Tränen
Wir wateten in der seichten Mulde eines breiten Flußbetts landeinwärts, dessen Wasser schon längst vertrocknet waren, und zu beiden Seiten der flachen Uferböschung zogen sich Hunderte von erratischen Blöcken wie eine Garnison versteinerter Träumer dahin. Sie nickten einander unmerklich zu, und über ihren Köpfen brauste ein Föhnsturm mit lautem Rauschen dahin. Und über dem ganzen Flußgrund verteilte sich, von der spröden Hitze in den Schlamm gefressen, ein merkwürdiges, netzartiges Muster von Rissen, dessen Zentrum sich direkt unter mir befand. Da wurde mir erst klar, daß der Boden aus unzähligen kleinen Granitplättchen bestand, die ein kompliziertes Muster bildeten, dessen Linien sternförmig unter meinen Füßen zusammenliefen. Das Seltsame aber war, daß sich der Boden gewissermaßen zu meinen Schritten mitbewegte, denn mit jedem meiner Schritte ging eine wellenförmige Bewegung durch das ganze Flußbett, so daß sich der ganze Boden im Rhythmus meiner Bewegungen auf eine Weise verschob, daß ich immer im Zentrum der strahlenförmigen Linien verblieb.
«Was ist das für ein seltsamer Pfad?» fragte ich.
«Es ist die Straße der Selbsterkenntnis», sagte Akron ruhig, «die aus den Visionen der Träumer gepflastert ist, die die Straße säumen.»
«Höre ich recht?» wandte ich ein: «Diese Steine sind Träume?»
«Es sind versteinerte Träume, gewiß», antwortete er gedehnt.
«Steine können nicht träumen», wandte ich entschieden ein.
«Du bist schon ein seltsamer Heiliger», sagte Akron und schaute mich von der Seite mißbilligend an, «gerade noch hattest du einen imaginären Gipfel bestiegen, der nur in deinem Kopf existierte, und aus einer Handvoll Plankton ein Ungeheuer gezaubert, das dich verschlingen wollte, und nun willst du plötzlich mit tödlicher Sicherheit wissen, daß Steine niemals träumen können.»
«Nun gut», mußte ich einräumen, denn er hatte natürlich recht. «Doch wie träumen Steine», wollte ich wissen, «und wie unterscheiden sie sich von den anderen Träumern?» Meine Kehle war wie verdorrt.
«Der Plankton-Träumer sucht weder nach Begriffen, noch will er etwas begreifen, er will vielmehr ein Bild, das nicht nur die Teile, sondern das gesammelte Empfinden seines inneren Erlebens berührt, empfangen», versuchte er mir die Sache näherzubringen. «Die Steine träumen dagegen diskursiv, sie verbeißen sich in die Träume und suchen den Sinn des Lebens aus den unbewußten Bildern herauszupressen.»
«Und was hat das alles für mich zu bedeuten, Akron?» Es war sehr seltsam. Ich nahm diese Szene plötzlich als Erinnerung wahr. Irgendwie hatte ich das sonderbare Gefühl, daß dieses Erleben etwas war, das schon lange in mir stattgefunden hatte und an das ich mich plötzlich wieder erinnern konnte. Das war weder ein Traum noch irgendeiner von Akrons Zaubertricks.
Akron drehte sich mit einem Ruck um: «Ich sehe es dir an, daß du dich plötzlich erinnerst, und nun müssen wir blitzschnell in deine Erinnerungen eindringen, bevor die Bilder wieder in deinem Hirn versickern.»
«In die Erinnerungen eindringen?» Einen Augenblick lang sah ich eine riesige Silhouette aus Stein, einen gewaltigen Findling, der am Ende der Straße lag.
«Ja! Die Träume der Steine bereisen. Möglicherweise wird dir dann klar, daß es deine Erinnerungen sind. Und dann fällt dir auch wieder ein, wer die Steine sind.» Er blickte mich offen an: «Ich spüre, du bist dir nicht so sicher, doch ist unser Manöver zu wichtig, als daß ich jetzt mit dir darüber diskutieren möchte. Du mußt den Geist der Steine selbst fragen. Heb einen von diesen kleinen Steinen auf, und bitte ihn um Erlaubnis, seine Träume bereisen zu dürfen. Sag einfach, du suchst den Stein der Weisen, den du in seinen Träumen zu finden hoffst, oder frag ihn, was der Sinn des Lebens sei. Am besten du fragst ihn, auf was er in dieser Hölle hofft. Es ist doch nicht dein Herz?» sagte er schallend lachend: «Du magst’s erahnen: Er träumt den depressiven Lebensschmerz!»
Ich hob einen Stein vom Boden auf und sah mich ängstlich nach Akron um. «Soll ich ihn wirklich fragen?» wollte ich noch einmal wissen.
«Ja, los doch, frag!»
«Eine sehr heikle Situation», stellte ich fest, denn ich wußte nicht recht, wie ich aus meiner Position den kleinen Stein in meiner Hand ansprechen sollte. Schließlich murmelte ich leise: «Was ist der Sinn deiner Träume, Geist?»
Dann geschah etwas Sonderbares. Der Stein löste in mir auf eine mysteriöse Weise ein inneres Gefühl für die Worte aus, die er mir sagen wollte, ohne sie aber selbst zu formulieren, denn ich nahm plötzlich ein paar Gedanken in mir wahr, die ich kaum zu denken wagte, ohne mich nicht selbst als verrückt bezeichnen zu müssen: daß nämlich nicht ich, sondern er der Frager sei, der auf mich am Weg die ganze Zeit gewartet habe, weil er jetzt von mir wissen wolle, warum ich meine himmlischen Sehnsüchte und Träume nicht einfach zulassen könne und ich jedes innere Entzücken ständig mit strukturierenden Höllen zupflastern müsse. Denn die Welt, die ich hier sähe, existiere nur aufgrund der Vorstellung, die ich mir von ihr mache. Es sei auch nicht der bittere Lebensschmerz, den ich suche, wie mir mein Seelenführer weismachen wolle; ich suche nach Wärme für mein kaltes Herz. Akrons Aussage entspräche nur meinem intellektuellen Empfinden, die Bilder meines inneren Erlebens mit dem Inventar meines äußeren Wissens in Übereinstimmung zu bringen. Jeder Sünder enthalte in seiner Seele nämlich ein reflexives Abbild im Spiegel seiner Bewußtseinsmuster, und er, den ich im Spiegel meiner Vorstellung erkenne, sei nur das Gespiegelte meiner Denkstruktur. Mein Geist sei in die Datennetze dieser ganzen Hölle eingebunden und deshalb auf sublime Weise auch mit ihm verbunden, obwohl ich mir dessen nicht bewußt wäre. Auf seine Weise spinne er die Träume im Bewußtsein dieser Hölle fort, deshalb seien für mich alle inneren Freuden statt leuchtender Sonnen bloß träumende Steine, die nur auf der Rückseite des Mondes existieren können, weil ich sie von mir abgespalten und aus mir selbst entfernt habe. Deshalb fände ich die wahre Antwort in dieser Hölle immer auf der Rückseite dessen, was ich für meine Wirklichkeit hielte.
«Dann dreh ihn um», ermunterte mich Akron, «wenn er dies wünscht: Vielleicht zeigt sich dort der gesuchte Sinn?»
Ich drehte den Stein in meiner Hand und betrachtete die Worte, die auf seiner Rückseite eingeritzt waren. «Dies ist der Unsinn der Frage nach Sinn …», las ich.
Akron kugelte sich vor Lachen: «Die Frage nach dem Sinn ist das Ablenkungsmanöver des materiellen Denkens, und der Sinn besteht gerade darin, den Hintergrund solcher Fragen zu erkennen, den Widerspruch einer jeden Frage nach Sinn, denn dieser ist ihr doch gerade durch sich selbst verlorengegangen.»
«Das versteh ich nicht», sagte ich kopfschüttelnd.
«Er wollte dir durch die Blume sagen», erwiderte Akron grinsend, «daß es töricht ist, nach Wissen zu streben, wenn man dem schon vorhandenen Wissen so wenig Beachtung schenkt wie du. Probleme sind nie einfach nur Manifestationen in der Außenwelt, sondern aus dem Unbewußten heraus agieren Menschen so, daß sie sie sich selbst schaffen. Somit liegen die Ursachen vieler Probleme schon in der Grundhaltung unserer Art, Umwelt wahrzunehmen. Da unsere Probleme also darüber mitbestimmen, wie wir die Welt betrachten, können wir die Lösung unserer Probleme erst dann erfahren, wenn wir uns der Art und Weise bewußt sind, wie wir die Welt anschauen. Dann nämlich, wenn wir erkennen: Jede Art der Welterkenntnis ist ein Akt der Selbstbetrachtung!»
Mir kam eine seltsame Idee. Als ich den Stein anschaute, hatte ich den Eindruck, daß er ein Teil eines komplexen Musters war, das auf ein Ziel hinführte, das mehr als die Summe seiner Teile war. Die Straße erschien mir wie ein universeller Code, der alle Erfahrungen der Vergangenheit speicherte und zugleich das gesamte Potential einer zukünftigen Evolution enthielt; und ich selbst war der Brennpunkt, in welchem sich das kausale Denken als Teil der Erfahrung einer sich selbst entwickelnden holistischen Struktur erkannte.
«Bin ich das Ziel?» wollte ich plötzlich wissen, denn der Stein ließ mich innerlich spüren, daß mein Hiersein eine nicht unbeträchtliche Voraussetzung seines Leidens wäre.
Akron sah mich fragend an. Er schien überrascht von dem, was ich sagte, und kratzte sich bedächtig am Kinn: «Diese Frage geht eigentlich über das hinaus, was du wissen kannst, denn diese Straße ist eine Ebene, die du oben in deinem Bewußtsein noch gar nicht wahrgenommen hast, und deshalb kann das Ziel, auf das sie hinführt, niemals das Ich sein, so wie du es von deinem Bewußtsein her kennst. Andererseits kann sie natürlich niemals von dem wegführen, was du bist. Sie führt dich in die unendlichen Tiefen deiner Innenwelt und damit in die höllischen Untergründe der Seele. Dort gewährt sie dir einen Blick hinter den Spiegel, ins Reich des Unbewußten, aus dem dir deine Sehnsüchte und Abgründe entgegenblicken, denn der Fische-Nebel heftet sich an die inneren Gefühle deiner Träume und projiziert sie wie Bilder in die Realität der Sehnsüchte, die für dich zur Wirklichkeit werden können. Der Saturnpfad ist hingegen der Führer, um das Labyrinth der Schatten zu erkunden, die Struktur der Projektionen zu erklären und sie den Sinnen zugänglich zu machen. Die Angst vor dem Bösen ist die Angst vor dir selbst, und in dieser Angst, die du vor dir selbst verbirgst, verfängst du dich im Fäulnisgeruch deiner eigenen Seele. Deshalb stellt sich hier die Frage, wer du bist, und zwar außerhalb der Person, die du zu sein glaubst, denn unterhalb des Ich, das du kennst, hast du eine unergründliche Seele, von der dieses Ich ein Teil ist, und gleichzeitig ist dieser Teil vom Ganzen getrennt durch einen Wächter, der prüft, ob dieser Teil der Erfahrung von deinem Bewußtsein aufgenommen werden kann oder nicht.»
«Wächter», echote ich verblüfft, «da existiert ein Wächter?» Ich war entzückt: «Kann ich ihn sehen?»
«Du wirst ihm begegnen», sagte Akron ruhig.
«Wie sieht er aus?»
«Mir ist er schon in vielen Masken begegnet, und deshalb ist es schwer zu sagen, in welcher du ihn sehen wirst, aber ich denke als geträumten Stein. Oder als körperlose Stimme. Er wird dich prüfen, und wenn er dich für reif genug hält, diese Sphäre zu betreten, dann geleitet er dich über die Schwelle, die zwischen Vorhölle und Hölle liegt, denn du weißt unendlich mehr über die Abgründe der Seele, als du rational vermuten kannst. Sei aber vorsichtig, er ist niemandes Freund; er ist der Wächter einer anderen Welt.»
«Welcher Welt? Der Welt der Toten?»
«Der Nacht der Seele! Das tiefe Unbewußte ist die Quelle, aus der die Bilder strömen, und er ist der Prüfer, der über die Weiterreise der Seele bestimmt.»
Dann stand er plötzlich da. Vor dem flammenden Tor zur Wahrheit stand er plötzlich da: eine Silhouette aus Stein. Meine Blicke umkreisten den gewaltigen grauen Findling, der am Ende der Straße unerschütterlich aufgerichtet war. Und in diesen Felsen eingefressen sah ich ein Skelett, ein Knochengeflecht, halb entblößt und halb in den düsteren Mantel der Verwesung eingehüllt, das mich aus tiefstem Nichts ansah.
«Bist du der Wächter?» fragte ich.
Er schwieg.
«Er ist die Summe deiner Erfahrungen auf allen Realitätsebenen, der Geist des Ewigen oder der Rahmen, in dessen Reflexionen sich der Kosmos erkennt», erwiderte Akron ernst, «frage nicht, sondern versuche den Durchbruch mit deinem inneren Willen zu erzwingen!»
Ich trat näher und erkannte, daß der Stein mein eigenes Grabmal war. Auf dem Grabsockel war eine Schrift, ich las meinen eigenen Namen und darunter die Worte: «Sei willkommen am Tor, das dich zur Wahrheit führt …»
Der Wächter blickte auf mich herab, und ich war verwundert über die Schönheit der Jahrtausende, die auf mich niedersahen, als er mir mit den Worten über die Schwelle half: «Jede Türe ist versperrt, weil der Mensch selbst die Türe ist, die die Lebendigen von den Toten trennt. Doch du kannst die Türe öffnen. Sprich einfach die Worte: ‹Sehnsucht, öffne mir das Tor!›»
Über seinem Kopf brauste der Sturmwind mit lautem Rauschen dahin; die Wolken zogen sich zusammen, Blitze zuckten übers Firmament und ich war entzückt über die triumphale Erhabenheit dieses Augenblicks, der am Ende meines Lebens am Horizont aufdämmerte. Und mein innerer Wille befahl mir, mich in den steinernen Koloß hineinzubegeben, um seine erstarrte Seele zu wärmen und seinen harten Panzer zu lösen. Da zerfloß die ganze Welt in einer Sphäre glitzernden Lichts, und in den Tiefen meiner Seele sah ich die bleichen Mütter lauern, bei deren Anblick die Toten schauderten. Also träumte ich mich in seine Seele hinein. Plötzlich schoß eine schäumende Lava aus dem Stein, ein heftiger Windstoß durchpeitschte den Äther, die Erde erbebte in ihren Fundamenten und über mir sah ich einen mächtigen Wasserstrom, der sich über die Felskante auf mich hinunterstürzte.
«Sehnsucht, öffne mir das Tor!» schrie ich ins Getöse, bevor mir das Inferno den Schrei von den Lippen riß. Da öffnete sich mit einem Schlag der Weg ins Licht, vor mir bildete sich ein tiefer Riß, der die Felswand durchschnitt, und während ich noch staunend hinblickte, erweiterte sich der Spalt mit jäher Gewalt, blendendes Licht umhüllte mich, und ich spürte, wie ich ein Teil des Lichtes wurde und zusammen mit ihm aus der Dunkelheit schoß, wie ein strahlendes Bewußtsein auf mich zufließend. Ich brauchte nur meinen Blick auf die Felswand zu richten und schon wurde ich in einen tosenden Wirbel hineingerissen. Es war, als hätte der Felsen mich verschluckt, aber nur um mich sofort wieder auszuspucken, und dann verwandelte ich mich in jene übermächtige Gestalt, die auf meine Frage «Bist du der Wächter?» endlich die letzte aller Antworten fand: «Jetzt, da du erkannt hast, daß du selbst der Wächter bist, der das Mysterium schützt, und daß das Geheimnis wiederum nur ein Trick des Verstandes ist, um den wirklichen Sinn hinter einem scheinbaren Ziel verborgen zu halten, öffnet sich das Tor! Denn hinter den Polaritäten leuchtet der Gral, und wer das erkannt hat, für den steigt der Weg in lichte Höhen an, und die Dämmerung der Seele verwandelt sich in Morgenröte.»
Als ich wieder zu mir kam, war alles still. Die Zeit stand still, kein Hauch bewegte den Staub der Straße; die ganze Szenerie war verschwunden. Ich drehte mich um. Aber auch hinter mir sah ich nur das ausgetrocknete Flußbett, das sich in sanften Windungen zum Meer hinunterdrehte, und ganz weit unten hörte ich das Rauschen der Brandung in der Bucht. Dann spürte ich Akrons Daumen auf meinem Gesicht. Sanft massierte er mir die verhärteten Tränen, und ich fühlte deutlich, wie mir das Wasser in die Augen stieg. Sanft lächelte er und sprach: «Der Wächter dieser anderen Welt ist eine Träne, die dich in den Räumen der Seele willkommen heißt, sobald du deine Erstarrungen loslassen kannst!»
Das Wasser stieg in meinen Augenlichtern, diesen Altären schäumender Traumgesichte, und plötzlich stand ich selbst in der tosenden Flut: «In diesem Moment wirst du dich als der Empfänger einer gottähnlichen Kraft erfahren, da du meine Inspiration erhältst. Je empfänglicher du für die höheren Schwingungen bist, desto mehr kannst du in die unbekannten Geheimnisse dieser Hölle eintauchen», hörte ich den Wächter sagen, «denn um geträumt zu werden, brauche ich eine gewisse Tiefe des Träumenden. Erst in der spirituellen Tiefe des Träumens erreiche ich die nötige Verdichtung, um dich zu den verborgenen Geysiren des wärmenden Erkennens zu führen, deren Wiederentdeckung die Versteinerung der Herzen sprengt …»
Ein Blitzstrahl zuckte durch die Sphäre, ein heftiger Windstoß brauste durch den Äther, und die Erde erzitterte in ihren Fundamenten. Ich drehte mich um, um zu sehen, woher dieser Einbruch kam. Da war eine tiefe Kluft, die die Felswand durchschnitt, und genau an dieser Stelle, wo sich das Auge des unheimlichen Wächters verbarg, sah ich eine mächtige Quelle aus dem Gestein herausschießen, die sich schäumend über die Felswand hinunterstürzte.
Und dort, wo sich die riesige Felswand in die Höhe türmte, stand Akron vor mir in der brausenden Gischt. Das Wasser strömte über sein ganzes Gesicht. Er schrie: «Ja! Löse sie! Weine deine Tränen!»

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt
Ich versuchte, seinen Geist zu beschwören, und begann, aus dem schwarzen Höllenbuch vorzulesen. Doch das leuchtende Objekt verglühte auf dem Schirm, der beißende Glanz verschwand vor meinen Augen und reduzierte sich auf ein milchiges Ei, das auf dem Bildschirm vor mir auf- und abhüpfte. «Akron», sagte ich, während ich auf den Monitor sah, «Akron, bist du’s?»
Der Geist oder das, was ich für den Geist hielt, konnte nicht sprechen. Er seufzte nur, und dann begann der Bildschirm zu flimmern. Ich fühlte, wie sich in meinem Gehirn eine Vorstellung formte, die mit mir auf der Denkebene kommunizieren wollte. Aber ich konnte diese Vorstellung nicht finden.
«Hörst du mich, Akron?» flüsterte ich und klopfte an die Wand des Gehäuses: «Kann ich etwas für dich tun?»
Ein Muster formte sich auf dem Schirm, phosphoreszierend, aber undeutlich: Akrons auf Faustgröße digitalisiertes Gesicht. «Es gibt da etwas, das meinen Geist gefangenhält …», vernahm ich eine schwache Stimme, und ein inneres Glühen umfing Akrons flimmerndes Bild.
«Ist es dieses Buch? Dieses Buch im Regal?» hörte ich mich brüllen, denn einen Sekundenbruchteil tauchte mein Bücherregal am Bildschirm auf.
«Ja, ja, richtig … Es ist dieses Buch …» vernahm ich eine sanft erinnernde Stimme aus dem Computer-Inneren.
«Soll ich versuchen, dich da rauszuholen», sagte ich und klopfte an die Wand, «noch ist es Zeit …»
«Nein … um Himmelswillen», ertönte eine gedämpfte Stimme, «was glaubst du, was du da anrichten würdest, denn ich befinde mich in den unbewußten Schächten deines Hirns. Da ich gerade damit beschäftigt bin, die verdrängten Dateien in den verstaubten Regalen deines Unbewußten auf den Monitor deines Kurzzeit-Gedächtnisses zu schaufeln, habe ich mir erlaubt, dich zu kontaktieren. Aber im Moment ist unsere Verbindung nicht optimal … Du kannst mich nicht richtig visualisieren, stimmt’s?»
«Darf ich fragen, wer du bist?» Zwar konnte ich sein Bild nicht richtig empfangen, doch ich spürte deutlich, es war nicht Akron.





