Falling Skye (Bd. 1)

- -
- 100%
- +
Vor allem, wenn Jasmine auf der Gästeliste steht, füge ich in Gedanken hinzu.
Elias gibt sich mit erhobenen Händen geschlagen. »Dann fange ich wohl besser an, Backen zu üben, damit ich auch etwas zum Picknick beisteuern kann.«
»Dabei würde ich wirklich gern zusehen, aber heute muss ich zu Hause essen. Dad hat versprochen, ausnahmsweise pünktlich Feierabend zu machen.«
Wir sind an der Hecke angekommen, die unser Grundstück und das von Elias’ Familie voneinander trennt.
»Vielleicht lässt Samuel dich ja später noch rüberkommen«, meint Elias. »Colin, Jas und ein paar von den anderen kommen vorbei. Nichts Großes, wir wollen nach den Prüfungen nur ein bisschen entspannen.«
Jas. Wie alle Jungen ist Elias blind, wenn es darum geht, Jasmines Fassade zu durchschauen.
»Mal sehen. Ich bin ziemlich kaputt.«
Meistens reiße ich mich bei solchen Treffen zusammen, lächle und unterhalte mich mit Kelly über den Unterschied zwischen Bronzer und Rouge, während ich Colins schneidende Kommentare und Jasmines falsche Freundlichkeit ignoriere. Aber nach dem seltsamen Training heute habe ich dafür einfach nicht mehr genügend Energie.
»Dann sehen wir uns morgen. Kelly und Zahra werden dich vermissen.«
Elias dreht sich um, und auf einmal wünsche ich mir, unseren Abschied noch ein paar Sekunden hinauszögern zu können.
»Grüß die anderen von mir, ja?«, sage ich und winke ihm zu, bevor ich schweren Herzens die Stufen zur Veranda unseres Hauses hinaufeile.

Dreieinhalb Stunden und ein steifes Abendessen später schlüpfe ich in meinen Schlafanzug und trete ans Fenster. Draußen ist es dunkel geworden, und der Lichtkegel, der sich von Elias’ Haustür bis zur Straße erstreckt, zieht meinen Blick an wie Lampen eine Motte. Ich beobachte die kleine Traube von Leuten auf dem Gehweg. Elias verabschiedet sich von einem nach dem anderen per Handschlag, bis Colin ihm als Letztes gegen den Arm boxt und zu Jasmine ins Auto steigt. Keiner der beiden wohnt weiter als ein paar Querstraßen entfernt, aber Jasmine hat vor ein paar Monaten ihren Führerschein gemacht und lässt seitdem keine Gelegenheit aus, um ihr weißes Cabrio zu präsentieren.
Bevor mich jemand entdeckt, trete ich vom Fenster zurück und lasse mich auf mein Bett fallen. Dads Schreibtischstuhl wird im Raum nebenan hin und her geschoben. Selbst für Dad ist es eigentlich zu spät, um noch zu arbeiten. Als ich ihm beim Essen von meiner Matheprüfung erzählt habe, hat er nur hier und da zerstreut genickt und wahrscheinlich nicht einmal gehört, dass ich eine halbe Stunde vor der Zeit fertig geworden bin. Er wird immer so, wenn mein Geburtstag herannaht, den wir seit vier Jahren nicht mehr gefeiert haben.
Ich drehe mich auf die Seite und entriegle den Sperrbildschirm meines Smartphones. »Bist du noch wach?«, tippe ich, lösche die Buchstaben aber gleich wieder. Natürlich ist er noch wach.
»Kannst du nicht schlafen?«
Eine kleine Welle Glück durchströmt mich, als Elias’ Nachricht aufleuchtet.
»Zu viele Gedanken«, antworte ich, obwohl ich eigentlich etwas anderes schreiben will. Dad fängt wieder an, meine Mum zu vermissen.
»Die Ergebnisse sind da«, reißt Elias’ nächste Nachricht mich aus der Vergangenheit.
Jetzt schon? Ich setze mich auf. »Gucken wir morgen zusammen?«, tippe ich mit fliegenden Fingern und Elias’ Antwort trifft gleichzeitig mit meiner ein.
»Komm zum Frühstück rüber, dann sehen wir zusammen nach.«
Danke, dass du für mich da bist.
»Gute Nacht«, tippe ich stattdessen gerade noch rechtzeitig, bevor das Internet zur Sperrstunde abgeschaltet wird, und schließe mit dem unvermeidlichen Lächeln auf meinen Lippen die Augen.

Bei der Regressionsgeraden von Y auf X müssen wir die additive Konstante a und die Steigung b berechnen, bevor …«
Ich male mit meinem Fingernagel unsichtbare Muster auf den Tisch, während Mr. Fernandez eine Gerade durch das Streudiagramm auf dem Smartboard zeichnet. Die jährlichen Prüfungen sind vielleicht vorbei, aber das ist aus der Sicht unserer Lehrer noch lange kein Grund, uns bis zu den Sommerferien eine Verschnaufpause zu gönnen.
Mein Blick wandert zu Elias, der eine Reihe weiter vorne aufmerksam den Worten unseres Mathematiklehrers folgt. Seine Haut trägt einen von der Maisonne verursachten Rotschimmer und ich lasse meine Gedanken zu dem versprochenen Picknick im Central Park abschweifen. Vielleicht wird mein Geburtstag dieses Jahr ausnahmsweise ja doch mal ein schöner Tag.
»Miss Anderson?« Fiona stößt mich leicht in die Seite und ich schrecke auf. Mr. Fernandez steht vor unserem Tisch. »Ich habe Sie gerade gefragt –«
Hastig analysiere ich die Informationen auf dem Smartboard. »Das Minimum. Die Summe der quadrierten Residuen muss minimal sein, damit die Regressionsgerade eine optimale Vorhersage trifft.«
Mr. Fernandez nickt anerkennend, doch der Rest des Kurses scheint keines meiner Worte mitbekommen zu haben. Wie die anderen starrt Jasmine auf der anderen Seite des Ganges entgeistert auf ihr Handy. Fiona entfährt ein erstickter Laut, und ich bemerke überrascht, dass ihr Tränen über das Gesicht laufen.
Colin dreht sich zu uns um. »Bitte nicht schon wieder ausflippen«, stöhnt er. »Oh Mann, nie im Leben würde ich was mit einer Emotionalen anfangen. Das ganze Drama …«
»Halt die Klappe, Colin!«, entfährt es mir lauter als beabsichtigt. Ich ziehe mein eigenes Handy aus der Tasche und überfliege die Überschrift des Artikels, der in diesem Moment vermutlich auf jedem Bildschirm in den Gläsernen Nationen gelesen wird:
Reform des Bildungssektors beschlossen.
Es dauert einen Moment, bis sich die Seite von CrystalClear News vollständig aufbaut, und ich erwische meine Finger dabei, wie sie nervös auf die Tischplatte trommeln. Normalerweise erzählt mir Dad von anstehenden Abstimmungen des Parlaments, besonders wenn es um etwas so Wichtiges geht wie die Ordnung, die vor fünf Jahren unsere Verfassung abgelöst hat.
Zur Lösung des wachsenden Problems hoher Studienabbrecherzahlen und immer schlechteren Examensergebnissen an unseren Universitäten stellte der Rat heute seine Reformpläne vor.
»Wir werden die Ressourcen des Bildungssektors bestmöglich auf junge Leute konzentrieren, die das Ziel haben, unsere Gesellschaft voranzubringen. Fehlt schon im Elternhaus der Rückhalt dafür, haben junge Menschen es schwer, den Anforderungen einer Universität gewachsen zu sein und die nötige Arbeitsmoral zu entwickeln.«
Ich überfliege den Rest des Interviews mit Ratsmitglied Edward McCarty, der eine Reihe von Studien zitiert, dann bleibt mein Blick an zwei Sätzen am Ende des Artikels hängen:
Die vorgeschlagene Ordnungserweiterung wurde heute Vormittag einstimmig angenommen. Damit ist die Kristallisierung der Eltern mit sofortiger Wirkung eine Voraussetzung für den Besuch einer berufsqualifizierenden Schulform jeglicher Art.
»Wir können nicht darauf vertrauen, dass Unkristallisierte ihren Kindern – den zukünftigen Berufsanfängern und Studienanwärtern – die richtigen Werte vermitteln. Werte, die wir brauchen, um die Gläsernen Nationen zu stärken und zu entwickeln«, so Chloe Cremonte nach der Abstimmung. Hören Sie den Kristall heute Abend persönlich bei CCN Talk über die Vorteile dieser neuen Regelung für die Gläsernen Nationen sprechen.
Fiona nimmt mit zitternder Stimme einen Anruf entgegen und stürzt aus dem Klassenzimmer, woraufhin Colin die Augen verdreht.
»Die muss doch gar nicht mehr zur Testung«, murmelt er, während Mr. Fernandez verzweifelt versucht, sich Gehör zu verschaffen. »Die kommt doch sowieso als Emotionale aus dem Zentrum zurück. Und E’s brauchen wirklich keinen Studienplatz.«
»Ach ja?«, werfe ich ihm entgegen. »Fiona will auf die Hochschule für Erziehung. Da werden Emotionale händeringend gesucht.«
Zum Glück hat Fiona Colins Kommentar nicht mehr gehört. So sensibel, wie sie ist, würde sie sich seine dämlichen Bemerkungen viel zu sehr zu Herzen nehmen. Eine Welle der Wut auf Colin durchströmt mich. Es sind Kommentare wie seine, die dazu beitragen, dass es noch immer Unkristallisierte gibt. Zweifler, die den Traits nicht vertrauen und die Erschaffung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft fürchten. Ich werfe Colin einen zornigen Blick zu. Er hält sich für so wahnsinnig klug und witzig, dabei hat er einfach den Sinn der Kristallisierung nicht verstanden! Rationale und Emotionale ergänzen sich und sollten einander achten. Die Welt braucht kühle Köpfe genauso wie sanftes Einfühlungsvermögen, um zu funktionieren – nur eben beides an seinem Platz.
»Jetzt mach nicht so ein Gesicht, Prinzessin«, raunt Colin mir zu. »Dein Vater ist nicht nur kristallisiert, sondern sogar im Parlament. Du bist bei der neuen Ordnungserweiterung doch eh aus dem Scheider.«
Ich versuche, seine Stimme zu ignorieren, und packe mein Tablet in meinen Rucksack. Zusammen mit dem Rest des Mathekurses trete ich auf den Gang. Mr. Fernandez hat eingesehen, dass sich heute niemand mehr auf Statistik konzentrieren wird, und uns früher als üblich in die Mittagspause entlassen.
Mit sofortiger Wirkung ist die Kristallisierung der Eltern Voraussetzung für den Besuch einer berufsqualifizierenden Schulform jeglicher Art.
Mein Vater ist vor fünf Jahren einer der Ersten gewesen, der bei der Administration einen Antrag stellte und wenig später seinen Trait zugewiesen bekam. Colin hat recht, an meinen Chancen auf einen Studienplatz ändert die Erweiterung nichts – aber das ist es auch nicht, was mich beunruhigt. Ich sehe zu Elias hinüber, der neben mir den Gang hinabschlendert, und suche nach Anzeichen von Sorge in seinem Gesicht. Als hätte er meine Gedanken erraten, wirft er mir ein beruhigendes Lächeln zu.
»Mum und Dad sind wahrscheinlich in diesem Moment schon auf dem Weg in die Innenstadt, um ihre Anträge zu stellen«, sagt er und knufft mich in die Seite. »Du und ich an der Cremonte-Uni, das ist der Plan. Und daran kann auch keine Ordnungserweiterung etwas ändern.«
Zögernd lächle ich zurück. Ein Platz an der Cremonte-Universität auf Long Island, die ausnahmslos rationale Studierende aufnimmt und ihren Absolventen eine glänzende Zukunft garantiert, ist der Traum jedes Serenity-Schülers, der auf ein R hofft. Ich taste nach dem Kristall-Anhänger an der Kette unter meiner Schuluniform, den Dad mir letztes Jahr geschenkt hat. Es ist unser Traum, Elias’ und meiner. Und ihm stünde nichts im Wege, wenn seine Eltern nicht so unglaublich störrisch wären, was die Kristallisierung angeht! Deirdre und Tom müssen jetzt einfach erkennen, welcher Weg der richtige ist, beruhige ich mich. Immerhin setzen sie die Zukunft ihres Sohnes aufs Spiel, wenn sie nicht endlich einlenken.
Colin überholt uns und wirft mir im Vorbeigehen einen langen Blick zu.
»Sieh mal einer an. Sie hat ein schlechtes Gewissen!« Seine Worte vom gestrigen Training hallen durch meinen Kopf, während ich zusehe, wie er sich vor uns in die Schlange der Cafeteria einreiht. »Nur Anfänger entschuldigen sich für Leistung. Oh warte, das stimmt nicht – Anfänger und Emotionale.«
»Skye?« Elias wedelt mir mit der Hand vor der Nase herum. »Wir sind nicht die Einzigen, die Hunger haben.«
Hastig greife ich nach einem abgepackten Sandwich und einer Flasche Orangensaft, obwohl mir der Appetit vergangen ist.
Elias nimmt mir mein Tablett ab und trägt es zu unserem gewohnten Tisch am Fenster.
»Du und ich an der Cremonte-Uni«, hat er gesagt. Der Uni, die nur Menschen aufnimmt, die ihre Gefühle jederzeit unter Kontrolle haben. Auf die ein Land sich verlassen kann – Menschen wie Elias und mich.
Bist du dir da wirklich sicher?, flüstert eine gemeine Stimme in meinem Kopf, während ich mich setze. Was, wenn Colin und Jasmine recht haben? Was, wenn du doch eine Emotionale bist? Ich schüttle den Gedanken ab. Unmöglich. Meine Finger krampfen sich um mein Handgelenk und ich spüre meinen Herzschlag durch die Adern pulsieren. Ich habe Gefühle, das stimmt. Aber das macht mich noch lange nicht zu einer Emotionalen! Ich kann meine Gefühle zurückstellen, sie je nach Notwendigkeit unterdrücken. Habe ich das nicht bewiesen, als Mum uns verließ?
Elias schiebt mir die Hälfte von seinem Schokoriegel zu, und ein Stromschlag durchfährt mich, als unsere Hände sich berühren. Ich bin keine Emotionale. Ich darf es nicht sein, denn wenn die Testung in zwei Jahren mit einem E auf meinem Handgelenk endet, dann werden wir zwangsläufig in verschiedenen Welten landen. Als Emotionale müsste ich vor jedem Verlassen der Nationen einen Antrag stellen, zu meinem eigenen Schutz, während Elias in jedes Land der Erde reisen, forschen und die spannendsten Dinge lernen würde. Wir könnten niemals richtig zusammen sein. Selbst wenn wir es wollten.
Wenn ER es wollte, korrigiere ich mich in Gedanken.
Elias neigt seinen Kopf zur Seite, und mein Blick bleibt an dem herzförmigen Muttermal hängen, das unter dem Kragen seines Uniformhemdes sichtbar wird. Hätte ich doch nur die Gewissheit, dass ich meinen besten Freund mit der Wahrheit über meine Gefühle nicht verlieren würde …
»Colins Kommentar vorhin war bestimmt nicht so gemeint«, sagt Elias und tunkt eine Pommes in Ketchup.
Erstaunt sehe ich ihn an und begreife, dass er glaubt, es wäre der blöde Spruch über meinen Vater, der mich beschäftigt.
»Doch, das war er«, erwidere ich kühl. Allein die Andeutung, dass ich Vorteile haben könnte, weil mein Vater im Parlament sitzt, ist ungeheuerlich.
»Du weißt doch, wie er ist. Colin kann es nicht leiden, ausgestochen zu werden. Und du bist nicht nur schneller als er, sondern auch noch klüger. Ich meine, deine Prüfungsergebnisse …« Elias zieht grinsend einen unsichtbaren Hut, doch seine nett gemeinten Worte fühlen sich bitter an, als wäre mein Erfolg auf einmal etwas Schlechtes.
»Selbst Colin sollte mittlerweile gemerkt haben, dass die Vereinigten Staaten von Amerika der Vergangenheit angehören«, sage ich. Er sollte wissen, dass mit der Gründung der Gläsernen Nationen nicht nur Sexismus und Rassismus von der Tagesordnung verschwunden sind, sondern auch Korruption und Vetternwirtschaft. Wir trennen nicht mehr zwischen Schwarz und Weiß oder Frauen und Männern und allein durch persönliche Beziehungen kommt erst recht niemand mehr nach oben. »Nur die Traits bestimmen, wozu wir fähig sind«, fahre ich wütend fort, »und nicht einmal Idioten wie dein bester –«
»Du hast recht«, unterbricht mich Elias. »Und wenn wir erst einmal auf die Cremonte gehen, wird Colin wissen, dass er sich mit dir nicht anlegen sollte.« Als ich nicht reagiere, greift Elias über den Tisch und nimmt meine eiskalte Hand. »Aber es ist nicht bloß Colin, oder?«
Er folgt meinem Blick zu dem Bildschirm über der Essensausgabe, auf dem sich die CCN-Seite mit dem Tagesmenü abwechselt. Das Bild einer Hand, die einen Doktorhut in die Luft wirbelt, strahlt auf die Schlange von Schülern herab. Auf dem Handgelenk des Studenten ist ein fein gestochenes R zu sehen.
»Wir beide wissen doch schon längst, wer wir sind«, sagt Elias leise. »Und kein Konsilium der Welt könnte anders entscheiden.« Ich betrachte die feinen Linien der Adern, die unter der Haut meines Handgelenks verlaufen wie blaue Flüsse.
»Glaubst du, es tut weh?«, frage ich. »Das Traitmark.«
»Bestimmt nicht.« Elias steht auf. »Und immerhin fahren wir zusammen ins Athene-Zentrum, wenn also am Ende bei der Zeremonie jemand deine Hand halten soll …«
Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu und die bedrückte Stimmung zwischen uns verschwindet wie Wolken an einem Sommerhimmel.
»Sehen wir uns nach dem Training?«, frage ich.
Elias nickt. »Versuch, heute auf den Beinen zu bleiben.«
Ich strecke ihm die Zunge raus, während ich mir meine Tasche über die Schulter schwinge und die Cafeteria mit dem Rest meines Sandwiches in der Hand verlasse.
Elias hat recht. Obwohl wir unsere Traits erst mit achtzehn zugewiesen bekommen, benehmen wir beide uns schon ganz von allein wie Rationale. Wir wählen Naturwissenschaften und Leistungssportarten anstelle von Kunst und Sozialwissenschaften. Wir sind zielstrebig, weil wir wissen, dass wir das Potenzial haben, die Gläsernen Nationen mitzugestalten. Beweist das nicht, wer wir wirklich sind? Ich streiche noch einmal über mein Handgelenk und stelle mir das feine R vor, das man mir in zwei Jahren mit weißer Tinte dort stechen wird. Dann wird uns nichts mehr im Weg stehen.

Sie kommt in ihrer Sporthose aus der Kabine und wirft sich hastig eine Jacke über. Das Training der Laufmannschaft ist also schon vorbei, früher als gewöhnlich. Skyes sonst so blasses Gesicht ist gerötet, und sie kaut auf ihrer Unterlippe, als würde sie irgendetwas beschäftigen. Ich seufze innerlich. Mein Auftrag ist auch ohne Teenager-Probleme schon kompliziert genug!
Wenn man vom Teufel spricht, denke ich, als der Junge mit den breiten Schultern am Tor auftaucht. Die beiden verbringen jede freie Minute zusammen, obwohl sie sich anstrengen, ihre offensichtliche Zuneigung zueinander zu verbergen. Darin sind sie ungefähr so gut wie Romeo und Julia, doch ihre vorsichtige Zurückhaltung wundert mich nicht. Ihre Familien mögen zwar nicht gerade verfeindete Clans sein, aber als Tochter eines Parlamentariers weiß Skye, was von einer Rationalen erwartet wird. Und dass sie glaubt, zum kalten Trait zu gehören, ist sonnenklar. Ich entfalte das Blatt Papier, das Beth mir gegeben hat, und streiche es glatt.
»Glaubst du diesem Coach?«
Auf meine skeptische Frage hin hatte Beth genickt. Sie war dünner geworden, noch dünner als beim letzten Mal, als sie mich zurück in ihr modriges Gefängnis rief.
»Sie werden sie holen. Es ist zu früh dafür, aber wir müssen Verse vertrauen. Er arbeitet nicht erst seit gestern als Informant für den Ring.« Sie sah mich scharf an. »Ich verlasse mich auf dich.«
Ich stecke die verhängnisvolle Nachricht zurück in meine Hosentasche und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf meinen Auftrag. Skyes Schultern hängen unmerklich herab, als sie neben dem Jungen durch das Schultor geht und über die Straße läuft. Während ich den beiden in einigem Abstand folge, wünschte ich auf einmal, sie warnen zu können. Skye hat es nicht verdient, derart ins kalte Wasser gestoßen zu werden. Sie hat nichts von dem verdient, was geschehen wird, denke ich bitter. Keiner von uns beiden hat das. Doch ich tue, was Beth von mir verlangt, und lasse mich zurückfallen. Heute Abend wird Skye es sowieso erfahren, meine Warnung würde ihr bloß die letzten sorgenfreien Stunden stehlen. Zumindest rede ich mir das ein, um den kümmerlichen Rest, der von meinem Gewissen übrig geblieben ist, zu beruhigen.
Anstatt in die grüne Buslinie nach Upperlake zu steigen, gehen Skye und der Junge an der Haltestelle vorbei, die Straße hinab in Richtung Innenstadt. Auch das noch! Hastig klappe ich mein altes Motorola-Handy auf. Die Dinger werden kaum noch verkauft, aber ich sammle sie auf Flohmärkten und in kleinen, verstaubten Eckläden, die irgendwo im letzten Jahrzehnt hängen geblieben sind. Im Gegensatz zu Smartphones ist es beinahe unmöglich, sie zu orten. Ich drücke auf die Kurzwahltaste, passe nicht richtig auf und stoße prompt mit einem Mädchen zusammen. Sie trägt eine ordentlich gebügelte Uniform, ohne Zweifel eine Studentin. Trotz des Kaffeeflecks auf ihrem Shirt, den ich verursacht haben muss, wirft sie mir ein Lächeln zu, das ich nicht erwidere.
»Ich bin’s«, sage ich gepresst, als am anderen Ende abgenommen wird, und wechsle die Straßenseite. »Planänderung. Ich brauche jemanden am Times Square, und zwar jetzt. Ja ja, ich meine das Spiegelkarree.« Ich klappe das Handy zu und schiebe es fluchend zurück in die Brusttasche meiner Lederjacke. So langsam läuft mir die Zeit davon.

Elias hat keine Fragen gestellt, als ich ihn gebeten habe, statt der zwanzig Minuten langen Safari im Schulbus heute die U-Bahn zu nehmen. Nach zwei Stunden Ausdauertraining, bei dem mich alle außer Coach Verse und Fiona wie Luft behandelt haben, will ich Jasmines Gefolge wenigstens auf dem Heimweg entgehen. Ich flechte meine nassen Haare rasch zu einem Zopf und seufze. Welche Geschichte Jasmine den anderen wohl erzählt hat, um sie gegen mich aufzubringen? Was es auch ist, es hat sie überzeugt. Eigentlich sollte mich das nicht wundern, denn Jasmine war schon immer eine Meisterin im Gerüchteverbreiten. Elias und ich passieren die vier hohen Türme der Administration, wo alle Arten von Anträgen bearbeitet und die Einsätze der Ordnungswahrer koordiniert werden. Schweigend mischen wir uns unter die Menschen, die auf dem Weg nach Hause die gefegten Bürgersteige entlangeilen. Eine Frau in Jeans drängt sich an uns vorbei, und ich weiche auf die Straße aus, auf der sich gefühlt gestern noch hupende Taxis gestaut haben und die heute nur noch von den wenigen Autos befahren wird, die in diesem Monat eine Nutzungserlaubnis bekommen haben.
Hinter dem Bürokomplex taucht das Spiegelkarree auf, trotz seines neuen Namens noch immer das unangefochtene Herz der Stadt. Auf den fassadenhohen Monitoren, die sich so nahtlos über die Häuserwände ziehen, als hätte man sie wie Wasser darübergegossen, wetteifern Aktienkurse, Wetterberichte und die neuesten Bekanntgebungen des Parlaments um die Aufmerksamkeit der Passanten. Wir werden langsamer, als immer mehr Leute um uns herum stehen bleiben.
Auf dem größten Bildschirm, der sich über drei Häuserfronten erstreckt, flimmert die Videoaufnahme einer schlanken jungen Frau, die vor der Flagge der Gläsernen Nationen lächelnd die Hand eines gut aussehenden Mannes schüttelt.
Chloe Cremonte und Norman Adams besiegeln Kanadas Eintritt in den Staatenbund der Gläsernen Nationen.
Die Bildunterschrift zieht geräuschlos vorbei, doch die Stimmen um uns herum verkünden die Worte lauter als jeder Nachrichtensprecher. Applaus brandet auf.
»… sind wir stolz darauf, was wir in diesen wenigen Jahren erreicht haben.« Chloe Cremontes Ansprache wird nun live übertragen.
Elias hat schützend seinen Arm um mich gelegt, während die Menge uns immer weiter an den Rand des Spiegelkarrees drängt. Über die Köpfe der Menschen hinweg sehe ich Bilder von goldgelben Weizenfeldern, sauberen Vorstädten und lächelnden Kindern im Grünen.
»In den Gläsernen Nationen lernen wir, in perfekter Symbiose zu leben. Unsere Traits helfen, die Stärken und Schwächen jedes Bürgers zu klären und das volle Potenzial einer Gemeinschaft auszunutzen, in der niemand mehr Einzelkämpfer sein muss.« In Chloe Cremontes Stimme schwingt trotz ihres jungen Alters von gerade einmal 28 Jahren eine Autorität mit, die in jedem Zuhörer den Wunsch weckt, sie nicht zu enttäuschen. »87 Prozent unserer Bevölkerung sind bereits kristallisiert, eine Rate, die mit der seit vier Jahren verbindlichen Testung unserer Jugendlichen steigt. Schon jetzt ernten wir die Früchte unserer Bemühungen: sinkende Kriminalitätsraten, weniger Arbeitslosigkeit und ein stärkeres Miteinander. Es ist ein großes Kompliment, nun auch unseren Nachbarn Kanada zu den Gläsernen Nationen zählen zu dürfen!« Der Kristall, wie Chloe Cremonte genannt wird, macht eine kurze Pause, um Norman Adams ein zweites Mal die Hand zu schütteln. »Die Arbeit der Kristallisierung ist noch lange nicht zu Ende, und wir freuen uns auf die Veränderungen, die die Zukunft bringen wird!« Die Kamera zoomt auf ihr Gesicht, das von ihrem kinnlangen Haar umrahmt wird. »Für Klarheit und Weitsicht«, schließt der Kristall in feierlichem Ton und nickt uns strahlend zu.



