Falling Skye (Bd. 1)

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Ich lächle automatisch zurück und auch Elias’ Gesicht leuchtet.
»Das ist es also, was Dads Abteilung in letzter Zeit so beschäftigt hat«, sprudelt es auf den Treppen zum U-Bahn-Schacht aus mir heraus. »Kanada!«
»Meinst du, er hatte etwas mit dem Beitritt zu tun?«, fragt Elias, neugierig wie immer, wenn es um das Parlamentarieramt meines Vaters geht.
»Möglich ist es.«
Wir gelangen zu den Terminals, ohne anstehen zu müssen, und Elias scannt sein Smartphone. Er verschwindet hinter der Absperrung, während ich mit fahrigen Fingern in meiner Jackentasche herumkrame. In meiner leeren Jackentasche.
»Elias?«
Doch über dem Stimmengewirr im U-Bahn-Schacht hört er mich nicht. Verzweiflung steigt in mir auf, während die Schlange der Wartenden hinter mir immer länger wird. Ich durchsuche meine Tasche, aber mein Handy ist nirgendwo zu finden. Das kann doch nicht wahr sein, nicht schon wieder!
»Ist das hier vielleicht deins?« Ein Mädchen an dem Terminal neben mir hält mir fragend ein schwarzes Smartphone hin. Sie ist älter als ich und sicher keine Studentin, aber ich glaube auch nicht, dass sie in einem der Büros in den Türmen der Administration arbeitet. Ihre dunklen Haare haben sich aus dem unordentlichen Knoten gelöst und auch sonst wirkt ihre Erscheinung zwischen den akkurat geknöpften Hemden und faltenfreien Mänteln um uns herum eigentümlich deplatziert. Ich nicke erleichtert und will mich gerade bedanken, da verschwindet das Lächeln des Mädchens. Ich bemerke, wie ihr Körper sich anspannt. Misstrauisch fahre ich herum und entdecke einen glatzköpfigen Mann, der sich durch die Menge der Fahrgäste auf uns zubewegt. Einen Moment lang scheint es, als hätte er es auf mich abgesehen, doch dann streckt er den Arm nach dem Mädchen aus, das mir hastig mein Smartphone zusteckt und mir bedeutet, durch die Absperrung zu verschwinden.
»Wer sind Sie?«, wende ich mich jedoch empört an den Glatzkopf, der den Arm des Mädchens festhält, als wäre es eine Verbrecherin.
Er mustert mich und hält mir dann, als wäre das eine völlig überflüssige Frage, seine Identifikation entgegen, die ihn als Ordnungswahrer ausweist. Hat er geglaubt, ich sei bestohlen worden? Aber selbst dann ergibt sein Einschreiten wenig Sinn, denn Ordnungswahrer sind keine Polizisten. Und normalerweise sind sie freundlich. »Routinemäßige Ausweiskontrolle«, sagt er und überfliegt die Identifikation auf meinem Smartphone, ohne meine Retterin loszulassen.
Der Ärmel ihres groben Wollmantels ist hochgerutscht, und mein Blick flackert zu dem weißen E auf ihrem rechten Handgelenk, das ich im ersten Moment für eine schlecht verheilte Narbe gehalten habe. Die Nadelstiche sind nicht annähernd so fein, wie ich es von den Traitmarks aus der Werbung gewöhnt bin. Und da ist es wieder, dieses lähmende Gefühl, das mich durchströmt hat, kurz bevor ich gestern auf den Boden des Stadions geknallt bin. Das Gefühl, etwas nicht aufhalten zu können, obwohl ich es kommen sehe.
Ich weiß, dass ich von hier verschwinden sollte, aber meine Füße bleiben stehen.
»Kannst du dich ausweisen?«, wendet sich der Ordnungswahrer an die Emotionale und betont dabei jede Silbe, als spräche er mit einem Kleinkind.
Mittlerweile hat sich ein Knäuel von Menschen vor den Terminals gebildet und unwilliges Gemurmel wird laut. Die junge Frau, die ihre Haltung wiedergewonnen hat, fährt mit ihrer freien Hand in die Tasche ihres Mantels, dann reicht sie dem Mann ein zerknittertes Stück Papier.
»Bitte, ich muss mich beeilen, ich bin auf dem Weg zu meinem Bruder. Er liegt im Krankenhaus.«
»Immer mit der Ruhe.« Der Ordnungswahrer dreht den Ausweis prüfend in seinen Fingern hin und her und ich betrachte das Gesicht der Emotionalen. Der Pony und ihre feste Stimme täuschen darüber hinweg, dass sie kaum älter als neunzehn Jahre sein kann.
»Du bist Yana Faray?«
»Ja.« Sie deutet auf das zerfledderte Dokument in seiner Hand, verkneift sich aber einen Kommentar.
Der Mann gibt ihr wortlos den Ausweis zurück, dann wendet er sich an mich. »Hat sie versucht, Ihnen etwas zu klauen?«
Ich schüttle hastig den Kopf. »Nein. Nein, Sir«, füge ich hinzu und schließe meine Finger fest um mein Smartphone.
Nach einem prüfenden Blick nickt der Ordnungswahrer mir zu und dreht sich wieder zu der Emotionalen. »Pass auf, dass du dich im Krankenhaus unter Kontrolle hast. Dein Bruder kann Hysterie jetzt am wenigsten gebrauchen.« Er wirft noch einen letzten Blick auf Yanas narbenhaftes E, bevor er zurücktritt und wieder bis zur Unkenntlichkeit mit der Wand in seinem Rücken verschmilzt.
Yana Faray steckt hastig einen gelben Transportchip in den Schlitz, der früher einmal für Münzen benutzt wurde, und schiebt sich durch die Absperrung neben mir, noch ehe sie sich ganz geöffnet hat.
»Geht das da vorne mal weiter?«, schimpft eine Stimme hinter mir und ich scanne mit einem entschuldigenden Blick meine Identifikation, bevor ich nach Elias’ Arm greife, der hinter den Terminals beunruhigt auf mich gewartet hat.
»Lass uns nach Hause fahren.«
Ich folge ihm zu unserem Gleis, ohne mich noch einmal umzudrehen. Ein flaues Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Seit der Gründung der Gläsernen Nationen vor fünf Jahren habe ich mich in New York noch nie unsicher gefühlt. Ich frage mich, ob Yana Faray das Gleiche behaupten kann.

Es klopft an der Tür und ich springe auf. Endlich!
»Sorry. Ich konnte nicht direkt herkommen, die Ordnungswahrer haben mich angehalten, und ich musste erst meinen Bruder im Krankenhaus besuchen, um keinen Verdacht zu erregen. Ich hasse sie, sie alle mit ihrer herablassenden Art!«
Ich ziehe Yana in das kleine Hotelzimmer, bevor sie weiter den ganzen Flur unterhalten kann. Mit einem raschen Blick vergewissere ich mich, dass uns niemand beobachtet hat, obwohl ich mir diese Mühe in einer Absteige wie dem Maddie wahrscheinlich sparen könnte. Hier hört jeder nur das, was er hören soll.
Yana lässt sich erschöpft auf die Pritsche fallen und befreit ihr Haar aus dem strengen Dutt, den sie sich gemacht hat, um in New York City nicht noch mehr aufzufallen, als sie es sowieso schon tut. »Ich meine es ernst. Diese Art von Aufträgen bringt mich eines Tages noch um!«
Stumm nehme ich ihr das Smartphone ab, das wir für solche Einsätze benutzen. Ich betrachte die erfolgreich kopierte ID, bevor ich meine Partnerin mustere. Die dunklen Schatten unter ihren Augen erzählen eine andere Geschichte als ihr lockeres Lächeln. Wut steigt in mir auf. Es war ein Anfängerfehler, den Ordnungswahrer in der U-Bahn zu übersehen, aber daran trägt Yana keine Schuld. »Beth hätte dich so kurz nach dem Vorfall in Arizona nicht wieder einsetzen dürfen, erst recht nicht für einen so gefährlichen Auftrag wie diesen hier«, sage ich.
»Entspann dich.« Yana steht vom Bett auf und kniet sich vor die Minibar. »Der Ordnungswahrer hat mich garantiert schon längst vergessen. Für ihn bin ich nichts weiter als der lebende Beweis dafür, dass Emotionale nicht alle Tassen im Schrank haben.« Sie nimmt sich eine Flasche Bier aus dem winzigen Kühlschrank und öffnet sie gekonnt mit einem Schlüssel. Ihre Fassade ist taff, aber ich habe schon zu oft Angst in den Augen von Menschen gesehen, um sie nicht zu erkennen, wenn sie mir ins Gesicht starrt. Da kann Yana so viele Sprüche klopfen, wie sie will, immerhin habe ich dieses Spiel quasi erfunden.
»Und du bist sicher, dass das Mädchen nichts bemerkt hat?«
»Wenigstens das ist nach Plan gelaufen«, erwidert Yana. »Du solltest allerdings wissen, dass ich nicht die Einzige war, die in ihren Daten rumgeschnüffelt hat. Anscheinend wurden ein paar Fotos kopiert, alle von ihr mit einem dunkelhaarigen Jungen. Ganz süß, wenn du mich fragst.«
Ich verbinde das Smartphone mit meinem Laptop, ohne auf ihren Kommentar einzugehen.
»Man merkt es ihnen an, wenn sie noch nie Grund dazu hatten, anderen Leuten zu misstrauen«, redet Yana weiter. »Du wirst es diesmal leicht haben. Na ja, nicht dass du dich ansonsten schwertun würdest.« Sie grinst.
Ich betrachte das Foto des blassen Mädchens mit den beinahe unnatürlich blauen Augen. Es sind exakt diese Augen, in denen ich zum allerersten Mal in meinem Leben gesehen habe, was Angst bedeutet.
»Sie ist es doch, oder?«, fragt Yana verunsichert.
Ich reiße meinen Blick los und versuche, die Erinnerung an Skyes schneeweiße Wangen und den Knall der Pistole aus meinen Gedanken zu verdrängen.
»Ja, sie ist es.«
»Und für die lässt Beth dich also ins offene Messer laufen?«, sinniert Yana vor sich hin. »Ehrlich, sie wird in letzter Zeit immer seltsamer. Wenn sie das Mädchen unbedingt haben will, warum bringen wir sie nicht direkt zu ihr?«
»Wenn dir nicht mehr erzählt wurde, weißt du alles, was du wissen sollst«, antworte ich schroff.
Du hast es versprochen! Und du bist es mir schuldig. Den letzten Satz hat Beth nie gesagt, aber seine Botschaft klingt aus jedem Wort heraus, das sie zu mir spricht. Als würde ich das nicht selbst wissen.
Nur noch dieser eine letzte Auftrag, sage ich zu mir selbst und starre hasserfüllt auf das Kristallsymbol neben Skyes Identifikation. Dann bin ich endlich frei, mein Leben für die eine Sache zu riskieren, für die es sich zu sterben lohnt.
»Bist du nervös?« Yanas Hand liegt auf meiner Schulter, aber ich bemerke es kaum.
»Nein.« Ich klappe den Computer zu, nachdem ich alle Informationen überflogen habe, und strecke mich. »Du berichtest den anderen, wie weit wir gekommen sind. Sag Beth, sie soll auf keinen Fall versuchen, mich zu erreichen. Und besteh zur Hölle noch mal darauf, dass sie dir eine Pause gönnt!«
»Was passiert als Nächstes?«
»Bis morgen früh nichts.«
Zumindest für Yana. Ich hingegen muss bis morgen für den diskreten Ausfall eines Testleiters gesorgt haben, aber das kann ich ihr genauso wenig auf die Nase binden wie den Grund dafür, dass Skye Anderson eine Rationale werden muss, koste es, was es wolle. Im Zweifelsfall auch mich.
Ich überlege kurz, ob ich mir ein paar Minuten Schlaf gönne und vielleicht eine Dusche, obwohl das im Badezimmer des Maddie wirklich ein Akt der Verrücktheit wäre. Doch ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass keins von beidem drin ist.
Yanas Lippen nähern sich meinem Ohr. »Das heißt, ich kann heute Nacht hierbleiben?«
Ich stehe auf und stecke den Laptop in meine Tasche. »Was auch immer du willst.« Ich werfe ihr den Zimmerschlüssel zu. »Aber bleib im Hotel, das hier ist nicht gerade eine sichere Gegend.«
»Das erklärt, warum du hier bist.«
Ich ignoriere sie standhaft, während ich mir die Schuhe zubinde. Yanas Gesichtsausdruck wirkt verletzt, und es tut mir leid, dass ich der Grund dafür bin. Sie kennt meinen Ruf, nicht gerade wählerisch zu sein, aber ich habe mir geschworen, damit aufzuhören. Es ist die Leere nicht wert, die unweigerlich folgen würde. Und außerdem ist Yana für mich wie eine Schwester.
An der Tür drehe ich mich ein letztes Mal um. »Pass auf dich auf.« Es ist die einzige Freundlichkeit, zu der ich fähig bin.

Zu Hause angekommen, stecke ich mein Smartphone in die Ladestation an der Wand im Flur. Der Bildschirm des Synchrons blinkt kurz bestätigend auf. Er wird meinem Vater später verraten, dass ich nicht den Bus genommen habe, und ich bereite mich innerlich auf eine Predigt vor. Dad hält die U-Bahn für gefährlich, so wie er alles für gefährlich hält, was nicht die Serenity oder Upperlake ist.
In der Küche steht das braune eatdaily-Paket noch auf der Anrichte. Ich öffne es und bin gerade dabei, Brot und Müslipackungen in die Schränke zu sortieren, als die vertraute Stimme meines Vaters durch das offene Küchenfenster hereinweht. Er klingt beunruhigt, aber bevor ich erfahren kann, worum es geht, beendet er sein Telefonat mit einer knappen Verabschiedung und schließt die Haustür auf. Ich höre das harte Geräusch seiner Anzugschuhe auf den Fliesen im Flur, wo er seinen Mantel aufhängt und sein Smartphone neben meins in die Ladestation steckt. Wie immer wirft Dad zuerst einen Blick auf den Synchron, der unsere Smartphones miteinander verbindet. Einzig und allein meine Chatverläufe und Fotos bleiben geheim, und ich überprüfe regelmäßig, ob mein Vater diese Einstellung auch nicht geändert hat.
»Pasta oder Curry?«, frage ich und halte beide Behälter hoch, in der Hoffnung, so von meinem nachmittäglichen Ausflug in die Innenstadt abzulenken.
Ich betrachte meinen Vater mit seinen ordentlich zurückgekämmten, grau melierten Haaren. Manchmal nervt mich sein Kontrollwahn, aber ich kann ihn verstehen. Er will sichergehen, dass er nicht auch noch mich verliert.
»Dad?«
Er löst seinen Blick vom Synchron. Für einen Moment sehe ich Sorge in seinen Augen aufblitzen und etwas, das ich gestern schon in Coach Verses Blick bemerkt habe. Aber wovor sollte Dad Angst haben? Mein Vater strafft sich und hält mir mit unlesbarer Miene den Bildschirm meines eigenen Smartphones entgegen.
»Ich fürchte, das ist dein Bescheid.«

Dass mein Handy zu Boden gefallen ist, bemerke ich erst, als Dad sich danach bückt. Anstatt es zurück in meine zitternde Hand zu legen, führt er mich zu unserem Sofa und wartet geduldig, bis ich mich hingesetzt habe. Er trägt noch immer sein Jackett und sieht darin auf einmal eigentümlich schmal aus.
»Was bedeutet das?« Die Stimme aus meinem Mund klingt nicht wie meine eigene, und ich wende den Blick ab, damit Dad nicht sieht, dass mir Tränen in die Augen steigen.
Bescheid zur Testung für Skye Anderson. Anreise zum Athene-Zentrum erfolgt per Zug. Finden Sie sich am Samstag an der Central Station ein. Das muss ein Fehler sein. Es ist die einzig logische Erklärung, die mir einfällt – schließlich bin ich noch nicht einmal volljährig! Wahrscheinlich wurde ich bloß mit jemandem aus der Abschlussklasse verwechselt.
»Wir sollten besprechen, was jetzt zu tun ist«, sagt mein Vater mit ernster Stimme und mein Herz sinkt.
Die Administration macht keine Fehler. Mein Vater weiß das und tief in mir drin weiß ich es ebenfalls.
»Aber Cara wurde doch auch erst nach ihrem Achtzehnten getestet«, bringe ich stockend heraus. Wie neidisch ich auf das ältere Mädchen aus der Nachbarschaft war, als sie vor einem Jahr zur Testung aufbrach! Jetzt fühle ich mich einfach nur überfahren. »Man wird mit achtzehn getestet, nach dem Abschluss. So sind die Regeln. So steht es doch in der Ordnung!«
»Ab diesem Jahr nicht mehr«, erwidert mein Vater mit steinerner Miene. »Dein gesamter Jahrgang ist einberufen worden.«
Jetzt weiß ich, warum Dad sein Telefonat so abrupt beendet hat, als er zur Tür hereinkam, und warum seine Stimme so ungläubig klang. Vermutlich hat er dem Kollegen, der ihn vorwarnen wollte, nicht geglaubt, bevor er den Bescheid seiner Tochter mit eigenen Augen gesehen hat. Für einen Moment meine ich, so etwas wie Mitleid in seinem Blick zu erkennen.
»Das Verfahren ist gerade einmal vier Jahre alt, da können rasche Änderungen schon mal vorkommen.« Dad legt seine kühle Hand auf meine Schulter. »Hör zu, Skye. Ich weiß nicht, was den Rat zu dieser Entscheidung bewogen hat, aber wir müssen jetzt das Beste daraus machen. Verstehst du das?«
Nein. Ich verstehe das nicht, denn so sollte mein Leben nicht verlaufen. Ich sollte mich noch zwei Jahre lang über Jasmine ärgern und Sprintwettbewerbe laufen. Ich sollte Elias endlich sagen, was ich für ihn empfinde. Ich sollte ein Abendkleid für unseren Abschlussball kaufen und mit Elias eine passende Krawatte aussuchen. Ich bin noch nicht bereit, eine erwachsene Traitträgerin zu werden!
»Wir können nichts dagegen tun.« Mit seinen hängenden Schultern und den Falten im Gesicht sieht mein Vater auf einmal erschreckend alt aus.

Als ich an diesem Abend meine Patchworkdecke über mich ziehe, bringe ich es einfach nicht über mich, die Augen zu schließen. Starr auf der Seite liegend, betrachte ich den leuchtenden Miniglobus in der Steckdose neben meinem Schreibtisch, den Dad vor vier Jahren installiert hat. Er fängt an zu leuchten, sobald draußen die Dämmerung aufzieht. Die meisten Kinder werden ihr Nachtlicht mit zwölf Jahren los, anstatt eins zu bekommen, aber sein schwacher Schein war das Einzige, was half, meine Albträume zu verdrängen. Dad glaubt, Mums Verschwinden sei der Auslöser für den Horror meiner Nächte gewesen. Ich habe es in seinem Gesicht gesehen, wenn er mich schweißgebadet und zitternd in meinem Bett gefunden hat und wissen wollte, was ich geträumt habe. Doch auf diese Frage konnte ich ihm nie eine Antwort geben.
Ich presse mein Kissen an mich und nehme mein Smartphone vom Nachttisch, aber das Internet hat sich schon ausgeschaltet. Unten wird ein Stuhl zurechtgerückt, dann der Fernseher ausgeschaltet.
Übermorgen.
Schwere Schritte erklingen auf der Treppe, gehen vom Arbeitszimmer ins Bad und vom Bad ins Schlafzimmer. Ungeduldig werfe ich mich unter meiner zu warmen Decke hin und her, aber an Schlaf ist nicht zu denken, und so schlüpfe ich schließlich aus meinem Bett und trete ans Fenster. Die Straße unter mir ist ausgestorben und die Häuser sind dunkel. Nur direkt nebenan, in dem Fenster, nach dem ich gesucht habe, brennt noch Licht.
Bescheid zur Testung für Skye Anderson. Anreise zum Athene-Zentrum erfolgt per Zug. Finden Sie sich am Samstag an der Central Station ein.
Dann kamen Hinweise über Gepäckbegrenzungen und eine Erklärung, dass die Serenity-Highschool automatisch alle verfügbaren Daten übersendet.
Auf einmal weiß ich nicht mehr, wie ich Dads gut gemeinte Ratschläge, die fast schlimmer waren als sein hilfloses Schweigen, und meine eigenen erstickenden Gedanken so lange ertragen konnte. Ich horche ein letztes Mal ins Haus hinein, aber mittlerweile ist alles still. Leise schlüpfe ich in meine weichen Sandaletten und greife nach einer Strickjacke, bevor ich mein Fenster so weit wie möglich öffne und die frische Nachtluft ins Zimmer strömen lasse. Ich setze mich auf die Fensterbank und schwinge meine Beine über den Sims. Nicht einmal der Gedanke an die Dunkelheit da draußen hält mich zurück.
Meine Füße finden Halt auf der glatten Oberfläche des Vordachs. Es ist einfacher als beim letzten Mal, an das ich mich erinnern kann, aber immerhin muss ich seitdem auch um mindestens zehn Zentimeter gewachsen sein. Ich rutsche bis zum äußersten Ende des kleinen Vordachs, dann springe ich herunter und lande mit beiden Füßen auf dem harten Rasen unseres Vorgartens.
Das leise Tappen meiner Schritte ist das einzige Geräusch, als ich über den Bürgersteig laufe. Kurz darauf presse ich mich gegen die hölzerne Wand des Nachbarhauses. Vielleicht ist es leichtsinnig, was ich hier tue, aber ich kann nicht anders. Nicht, nachdem drei furchtbar nüchterne Sätze mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt haben.
»Elias?« Es ist nur ein Flüstern, doch sein Fenster steht auf Kipp. »Elias!«
Als sein Gesicht über mir auftaucht, bekomme ich zum ersten Mal, seitdem ich meinen Bescheid gelesen habe, wieder richtig Luft. Er wirft einen hastigen Blick über die leere Straße.
»Gib mir eine Viertelstunde. Wir treffen uns am Baumstamm.«
Das Fenster schließt sich mit einem Klack. Elias hasst Regelverletzungen beinahe so sehr wie ich die Dunkelheit, aber das hier kann nicht bis morgen warten. Ich laufe die Straße entlang, in der ich groß geworden bin, und weiche den Lichtkegeln der Laternen dabei aus, so gut es geht. Einmal bleibe ich stehen, weil ich mir einbilde, das Geräusch von Schritten in der nächtlichen Stille zu hören, doch dann schüttle ich den Kopf über mich selbst. Die Administration würde keinen Ordnungswahrer darauf verschwenden, um in Upperlake die Einhaltung der Sperrstunde zu kontrollieren. Die haben genug damit zu tun, die Clubs und Bars in der Innenstadt zu schließen, deren Betreiber ein paar der lästigeren Ordnungserweiterungen gern mal umgehen.
Am Ende der Straße grenzt der Bürgersteig an eine hohe Hecke, hinter der sich das Niemandsland rund um den See verbirgt. Die Bewohner der hübsch gestrichenen Häuser gegenüber wollen nicht an den tödlichen Unfall erinnert werden, nach dem das Paradies meiner Kindheit vor einigen Jahren für Fußgänger und Badegäste verschlossen wurde. Hinter der letzten Laterne biege ich ein paar störrische Zweige auseinander und schlüpfe durch die Öffnung.
»Bist du sicher, dass wir das schaffen?«
»Gib mir deine Hand.«
Ich lächle, als sich der Nachmittag zurück in meine Gedanken drängt, an dem wir diesen Geheimgang entdeckt haben. Damals passten wir noch mühelos durch die Lücke, für die ich nun die Luft anhalten muss.
Hinter der Hecke umfängt mich eine undurchdringliche Dunkelheit. Die tiefe Schwärze der Nacht lässt mein Herz panisch schlagen, und ich wünschte, ich könnte die Taschenlampe meines Handys aufleuchten lassen. Aber es wäre leichtsinnig gewesen, das Smartphone mitzubringen. Seine Ortungsfunktion erfasst jeden meiner Schritte, und das Letzte, was ich jetzt brauche, ist Ärger wegen eines Ausflugs in eine gesperrte Zone. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit, und ich erkenne das wilde Gebüsch, das die alten Wege überwuchert. Der Wald, der den See umgibt, ist mit den Jahren dichter geworden und ich muss meine Strickjacke immer wieder von einer widerhakenden Ranke lösen.
Nach ein paar Schritten stehe ich vor einem mächtigen Baumstamm. Er liegt quer über dem Weg, der mal zum Steilufer geführt hat. Ich streiche über das morsche Holz und atme den moorigen Geruch ein, den der See verströmt. Mit geübten Bewegungen klettere ich auf den Stamm. Während ich den klaren Himmel durch die Baumwipfel über mir betrachte, spüre ich, wie die Enge in meiner Brust verschwindet, je weiter mein Blick über die vertraute Umgebung wandert. Es gibt nichts, wovor ich mich fürchten müsste. Zumindest nicht hier.
Ich höre dem Rauschen des Flusses zu, der ganz in der Nähe in den See fließt und dem Gewässer seine tückische Strömung verleiht. Vielleicht ist es ja sogar gut, nicht mehr zwei ganze Sommer lang warten zu müssen, bis sich das Geheimnis der Testung endlich lüftet. Es ist wie mit einem Pflaster: Man kann es langsam und qualvoll abziehen oder es so schnell abreißen, dass man den Schmerz kaum spürt.
Ein knackender Zweig lässt mich vor Schreck beinahe vom Baumstamm fallen. Für einen Moment ist alles still, doch dann höre ich etwas näher kommen. Oder jemanden?
»Elias?«
Keine Antwort. Es hätte mich auch gewundert, denn die hastigen Bewegungen klingen nach Kopflosigkeit, nicht nach der Vorsicht, mit der Elias sich früher hier bewegt hat – schon mit elf Jahren darauf bedacht, nicht in einer gesperrten Zone erwischt zu werden. Ich lasse mich leise auf der anderen Seite des Baumstamms hinabgleiten und schleiche geduckt in das Dickicht der Bäume. Wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem ich gerade noch gesessen habe, läuft jemand vorbei, ohne sich umzuschauen. Verwirrt starre ich dem Schatten hinterher. Wer sich auskennt, umrundet den See rechts herum, in der Sicherheit des Waldes, und gelangt nach einem Marsch von zehn Minuten zu den sanften Buchten, in denen man bedenkenlos schwimmen kann. Ich kneife die Augen zusammen. Die Schneise, die mein Vorgänger durch den Wildwuchs geschlagen hat, führt nach links. Damit steuert der Unbekannte geradewegs auf das Steilufer zu!
»Hallo?«
Unsicher lausche ich in die Dunkelheit. Die Bäume verdecken die meterhohen Klippen. Ein falscher Schritt genügt … Ich sollte zurück zum Baumstamm gehen und auf Elias warten. Wer weiß, ob jemand, der nachts durch eine gesperrte Zone sprintet, nicht gefährlich ist. Ich habe mich schon umgedreht, als ein dumpfer Aufprall ertönt. Es folgt ein erstickter Schrei, der meine Sinne gesammelt Alarm schlagen lässt. Wer auch immer sich da draußen herumtreibt, er ist in Gefahr!



